retrotrend

bclip

4195100603506


etroradar

1

2

Wie kann man nur

so gut aussehen?

1

Rillen-

Recycling

2 3

Super 8 Kult

Dabei soll ja eigentlich das, was

diese Kameras aufnehmen, gut

aussehen. Aber zum Fotografieren

sind die Knipskisten von Leica

eigentlich zu schade. Von vorne

sieht die Leica M8.2 immer noch

aus wie eine Sucherkamera für den

Kleinbildfilm. Dreht man sie um,

merkt man gleich, dass sie ziemlich

digital daherkommt. Ein LCD-Display

verrät sie. Fürs den harten Fotoalltag

scheint sie nicht nur zu schön,

sondern auch zu teur: 5.000 Euro.

Und zwar ohne Objektiv.

Was man aus Vinyl noch machen

kann, wenn man es nicht mehr

hören will, zeigen die Urban Outfitters.

Diese US-Kette, die nach

Großbritannien jetzt auch Deutschland

heimsucht, präsentiert leere

Bücher zum Selbstbekritzeln. Und

damit einem was Kreatives einfällt,

haben die Urbans schon mal ne

Platte als Covereinband spendiert.

Das ist Indivdual-Recycling, jedes

Book ist anders. Und auch die

Farbe des Leineneinbands richtet

sich nach dem Platten-Aufkleber.

So viel Kreativität hat ihren Preis:

34 Euro für lauter unbeschriebene

Blätter.

Das Schmalfilmformat der 1970er

Jahre ist wieder auf dem Vormarsch.

Nicht nur 007-Star Daniel Craig oder

Drogen-Model Kate Moss wurden mit

eigenen Kameras gesichtet, auch das

neueste Cover der Hamburger Röhre

Annett Louisan schmückt eine alte

Beaulieu-Kamera. Nur dreieinhalb

Minuten laufen die Filmkassetten

in den schrillen Filmgeräten, dann

sind 25 Euro (inklusive Entwicklung)

verballert. Aber der stumme Spaß

lohnt sich, denn es kommen herrlich

körnige, leicht tanzende Szenen dabei

heraus. Und wer würde nicht gern

mit so einer eleganten Phaser-Waffe

wie dieser Agfa Microflex drehen? Bei

eBay schon für 20 Euro!


3

5

4

6

Drama

um Audiorama

4

In den 1970ern waren sie heiß begehrt:

Die stehenden oder hängenden Rundboxen

von Grundig – mit bis zu zwölf

Lautsprechern drin. 50 Watt brachten

sie auf die akustische Waage – und

sahen vielleicht ein wenig besser aus

als sie klangen. Doch nach 30 Jahren

begannen Dramen um die Audiramen.

Gab es doch nur noch wenige unlädierte

Stücke. Olle Gummieinfassungen

zersetzen sich zudem. Fans können

inzwischen aufnahmen! Grundig baut

mit Blick auf den Kultstatus der dicken

Brummer neue Audiorama-Systeme in

weiß und schwarz. Die neuen Dinger

wurden äußerlich ein wenig gequetscht,

aber mehr Sound hineingepackt: ein

Hochtöner und zwei Tieftöner bringen

stolze 120 Watt Nennleistung pro Box.

Uhralt

5

Immer mehr Varianten spinnt die

Uhrenmarke NOMOS aus Glashütte im

Erzgebirge um ihr erfolgreiches Standardmodell

Tangente. Mal mit Glasboden,

mal als Automatik, mal zum

Aufziehen, mal eckig, mal rund, mal

rosé-gold. Die modern ausschauenden

Ticktacks sind in Wahrheit uhralt. Das

Grundmodell stammt aus den 1930er

Jahren – und zwar von der Konkurrenz.

Die Firma Lange & Söhne, auch aus

Glashütte, hatte diese Uhr damals auf

den Markt gebracht. Nach der Wende

erwarb NOMOS die Rechte am Design.

NOMOS-Firmenchef Roland Schwertner

setzt sich gegenüber dem Mitbewerber

Lange, der Edeluhren zu Ultrapreisen

anbietet, gern mit dem Satz ab: „Wir

machen die schönen Uhren!“

„Gute Nacht,

John-Boy!“

6

Hätten Sie sie wiedererkannt? Fall Sie sie

überhaupt kennen, die Jungs und Mädels

aus Waltons Mountain. Die Kultserie

lief in den 1970ern im ZDF mit großem

Erfolg. Eine ganze Generation kann die

Schlusssätze aus jeder Waltons-Folge im

Schlaf herunterbeten. Wenn die amerikanische

Großfamilie in ihrem Holzhaus das

Licht verlöschte und sich alle noch mal

schnell „Gute Nacht“ sagten, die Mary-

Allen, der John-Boy, die Elizabeth. Kürzlich

trafen sich die noch lebenden Stars

mit der noch immer großen Fan-Gemeinde

in den USA: Mutter Olivia Walton alias

Michael Learned, Ben und seine Schwester

Eren und eben jene Mary-Ellen? Vor

allem aber den Gemischtwarenhändler

Ike Godsey… An manchen Erinnerungen

sollte man besser nicht rühren. retrotrend 1 5


text: michael gubisch

fotos: London transport museum, Daniel

Berehulak (getty images), michael gubisch

„Das ist Der richtige LonDoner

Bus!“ rufen fahrgäste,

wenn sie Den routemaster

erkLimmen, in Dem BaLwin-

Da Bassra schaffnerin ist.

„Die Leute LieBen ihn.“ auf

Der Linie 15, Da fährt er

noch – zwischen tower unD

trafaLgar square. ansonsten

ist nicht mehr vieL zu

sehen von Dieser fahrenDen

LonDoner LegenDe. aBer Das

wirD sich BaLD wieDer än-

Dern, sagt Bürgermeister

Boris Johnson.

Routemaster: Was für ein Name für einen Linienbus! Und die Londoner

kennen ihn auch darunter, im Gegensatz zu anderen Bustypen, die no

names blieben. Mit der offenen Einstiegsplattform hinten, dem Motor

vorn hinter dem Kühlergrill, dem separaten Fahrerhaus und der knallroten

Farbe sticht er aus jedem Verkehrsstau hervor. Ein alter Bekannter.

Londoner Busse sind seit den zwanziger Jahren rot. Chanel bietet den

Ton mittlerweile sogar als Nagellack an. Auch die offene Plattform hinten gibt es

schon so lange. Unter den wachsamen Augen des Schaffners ging man die Wendeltreppe

hinauf und genoss die Aussicht vom Salon auf dem Oberdeck.

„Der Routemaster ist ein Symbol für London. Wahrscheinlich ist er der beste Bus,

der je gebaut wurde“, so Oliver Green, Chefkurator des „London Transport Museum“

in Covent Garden. Nach seiner Einführung 1958, fuhr der RM im alltäglichen

Liniendienst fast ein halbes Jahrhundert lang bis Ende 2003 und überdauerte dabei

Generationen von Linienbussen, die seit Mitte der sechziger Jahre eingesetzt wurden

– eigentlich, um ihn zu ersetzen. Ein Beweis der soliden und wartungsfreundlichen

Konstruktion. Ursprünglich war der Bus für eine Lebensdauer von nur 17 Jahren

konzipiert worden.

Seine Busse entwarf „London Transport“ traditionell selbst und ließ sie durch Tochterfirmen

bauen: AEC („Associated Equipment Company“) in Southall, Westlondon,

fertigte die Motoren, Achsen und Antriebe, die Karosserieschwester „Park Royal Vehicles“

den Aufbau.

Den Grund, warum in London eigens für den Hauptstadtverkehr gebaute Fahrzeuge

unterwegs waren, sieht Oliver Green im hohen Passagieraufkommen. Mit rund 8,6

Millionen Einwohnern lebten 1939 über eine Million mehr Menschen in der Stadt

als heute. Seit den zwanziger Jahren erlebte das Nahverkehrssystem eine Blütezeit,

in der nicht nur die Passagierzahlen stiegen und London Transport zum Vorbild für


story retro


etrostory

Städte in aller Welt wurde, sondern auch moderne Technik und

Kunst in die Stationen, Tunnel, Züge, Busse und Schilder Einzug

hielten.

An der Spitze stand Frank Pick, Managing Director von

„London Transport“ und Mitbegründer der „Design and

Industries Association“. Pick ging es nicht nur darum, den

Londonern ein exzellentes U-Bahn- und Busliniennetz zur Verfügung

zu stellen, sondern sie auch mit gutem Design und schönen

Dingen zu umgeben. Aus diesem Geist entsprang der Routemaster.

1948, als der Regent Three (RT), der Vorläufer des RM, das

Rückrad der Dieselbusflotte bildete, erlebte London Transport

seinen Höhepunkt. Fast 100.000 Mitarbeiter taten ihren täglichen

Dienst im Unternehmen, die Serienproduktion des bereits

vor dem Krieg entwickelten RT lief auf Hochtouren – mehr als

7.000 Exemplare wurden bis 1954 gebaut. Die weltweit größte

Busflotte entstand und die Entwicklungsingenieure machten sich

bereits Gedanken über die nächste Generation des roten Doppeldeckers.

> Der ideale Bus

Verantwortlich für das neue Flaggschiff wurde der langjährige

Chefkonstrukteur von „London Transport“, Molteno „Bill“

Durrant. Um dem idealen Bus auf die Spur zu kommen, machte

er zuerst eine Umfrage unter den Einsatzleitern in den Depots

und bat sie, sich von allen herkömmlichen Vorstellungen und

Beschränkungen freizumachen und ihre Bedürfnisse von Grund

auf neu zu überdenken. Durrant und sein Team waren offen für

Neues: Eingang vorn, hinten, in der Mitte oder gar in Kombination,

ebenso Motor vorn, hinten oder unter dem Fußboden? Sogar

die Frage, ob doppelstöckig oder nicht – alles wurde zur Disposition

gestellt. Heraus kam ein nüchternes Ergebnis: die Mehrheit

wollte einen zweistöckigen Bus mit offener Eingangsplattform

hinten und Frontmotor. Alles wie bisher.

Einstöckige Modelle hatten in New York zu Überfüllung während

der Hauptverkehrszeiten geführt. Vom Mangel an Sitzplätzen

genervt, benutzten dann dort weniger Passagiere

den Bus in den Stunden außerhalb der rush hour. Einem Fronteingang

standen die einflussreichen Gewerkschaften skeptisch gegenüber,

weil man glaubte, dass Fahrgäste an Haltestellen mit

unterschiedlichen Bustypen durcheinander kämen, insbesondere

ältere und sehbehinderte Menschen.

Wenn schon nicht konzeptionell, so wollte Durrant mit dem zukünftigen

Modell jedoch technisch einen großen Schritt nach

vorn machen. Um Gewicht zu sparen, sollte der neue Bus eine

selbsttragende Karosserie haben. Bisher saßen Motor, Getrie-

18 | retrotrend |


e und Achsen an einem eigenständigen Fahrgestell, das als

tragender Unterbau für das gesamte Fahrzeug diente. Nun

sollte die Karosserie selbst alle Kräfte aufnehmen und Basis

für die Antriebs- und Fahrwerksteile werden. Doch damit nicht

genug: Um noch leichter zu sein, sollte das Ganze auch noch

aus Aluminium gebaut werden. Während des Kriegs hatte man

die Werkstätten von „London Transport“ und „Park Royal Vehicles“

auf die Produktion von Halifax Bombern für die „Royal Air

Force“ umgestellt und dabei viel Erfahrung mit dem modernen

Leichtbauwerkstoff gesammelt. Wie im Flugzeugbau, konstruierten

die Ingenieure den Routemaster aus standardisierten,

problemlos auswechselbaren Einzelteilen.

> alter Bus ganz neu

Langlebigkeit, kurze Liegezeiten und größtmöglicher Komfort

waren die Ziele für den neuen Bus. Durrant wusste, es galt sich

gegen eine neuen Mitbewerber zu behaupten: dem Auto. Eine

Fahrt in „London’s Bus of the Future“ sollte ebenso behaglich

sein wie im Privatwagen.

Deshalb betteten die Ingenieure den Routemaster auf moderne

Stoßdämpfer mit Spiralfedern, statt der bis dato üblichen

harten Blattfedern und installierten auch das erste Mal

in einem Linienbus eine Heizung.

Für die Fahrer gab es in den Serienmodellen

Servolenkung, automatisierten

Gangwechsel ohne ein

Kupplungspedal treten zu müssen

und eine moderne hydraulische

Bremsanlage vom amerikanischen

«Londoner Busse sind

seit den zwanziger

Jahren rot. Chanel

bietet den Ton

mittlerweile sogar

als Nagellack an»

Flugzeughersteller Lockheed – mit Bremskraftverstärker. Auch

der lange Handbremshebel verschwand neben der Schiebetür

und gelangte an die linke Seite des Fahrerhauses. Diese neuen

Standards brachten in den Depots dem Roadmaster den Titel

„the driver’s bus“ ein.

Verantwortlich fürs die äußere und innere Optik wurde

der Industriedesigner Douglas Scott. Der gelernte Silberschmied

hatte früher im Londoner Büro von Raymond

Loewy gearbeitet und bereits 1948 den einstöckigen „AEC Regal

Four“ für „London Transport“ (LT) entworfen. Sein Lohn kam, wie

er sagte, aus LTs Kleingeldkasse. Er verfeinerte die Rundungen

des Vorgängermodells, änderte die Fensteraufteilung und konzentrierte

sich auf ein neues Gesicht für Londons Straßen – zufrieden

wurde er damit allerdings nie.

Als der Prototyp RM1 am 24. September 1954 der Öffentlichkeit

präsentiert wurde, hatte er ein glattes, ausgewogenes, fast

| retrotrend | 19

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine