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kristinalott

NO2 / 2018

LIVINGLIFE

&

B A D E N - B A D E N

MAGAZIN DER IMMOBILIEN R EGIONAL AG · PRODUKTION: K O PPELSTÄTTER MEDIA GMBH

ARCHITEKTUR · MENSCHEN · KUNST


Lounge Chair & Ottoman Design: Charles & Ray Eames, 1956

www.vitra.com/loungechair

Möbel · Leuchten · Accessoires · Design · Ausstellung auf 4 Etagen · Showroom im Kurgarten · Kaiserallee 1

Merkurstr. 1, 76530 Baden-Baden, Telefon +49 (0) 72 21 / 28 12 00, info@candela-baden-baden.de, www.candela-baden-baden.de


EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN,

LIEBE LESER,

Sie halten die neue Ausgabe des Baden-Badener Magazins „Living & Life“ in den

Händen. Ich muss offen sagen, wir sind alle von den vielen positiven Reaktionen der

ersten Ausgabe überrascht. Baden-Baden lebt von seinem Gesamtambiente, eingebunden

in das grüne Tal der Oos. Es sind die einzigartige Architektur, die Kunst, die

Baukultur und die kreativen Menschen, die diesen Fleck Erde so liebens- und lebenswert

machen. Wir versuchen, gemeinsam mit einem erfahrenen Journalistenteam,

diesem Zauber auf den Grund zu gehen. Internationale Architektur in Baden-Baden

spielt ebenso eine Rolle, wie die Bewerbung Baden-Badens zum UNESCO-Weltkulturerbe

oder die Kunst im Museum Frieder Burda und das Festspielhaus. Aber auch

die erfolgreichen Lichtdesigner Markus Wörgau und Wolfgang Langner sowie der

einzigartige Lampenanzünder vor dem Kurhaus kommen zu Wort.

Wald und Holz spielen eine große Rolle in diesem Heft, wir werfen einen Blick auf die

unglaubliche Faszination des Schwarzwaldes und auch des Baden-Badener Stadtwaldes

– mit der größten kommunalen Waldfläche in Süddeutschland. Wir haben den Landesforstpräsidenten

Max Reger zum Gespräch getroffen und einem der erfolgreichsten

Naturfotografen, Klaus Echle („Der mit dem Fuchs tanzt“), über die Schulter geschaut.

Living & Life“ ist ein rein journalistisch geprägtes Magazin. Unsere Reporter sprachen

mit dem weltberühmten britischen Maler, Grafiker und Bühnenbildner David Hockney

und mit der japanischen Künstlerin Masayo Odahashi. Wir beleuchten außerdem die

einzigartige Kindermusikwelt Toccarion im Festspielhaus Baden-Baden. Und es gibt

noch ein Kuriosum: Der britische Komiker „Mr. Bean“ war in Baden-Baden. Er ist ein

ausgesprochener Liebhaber moderner Architektur und liebt das Wechselspiel zwischen

Natur und Wohnen. Der frühere Mannschaftsarzt der Fußball-Nationalmannschaft,

Professor Heinrich Liesen, lebt in Baden-Baden und berichtet über seine Sichtweise auf

diese Stadt. Ein Highlight ist auch die Begegnung mit dem aus Baden-Baden Steinbach

stammenden Innenarchitekten Gunter Fleitz: Seine Entwürfe und Ideen prägen Gebäude

in aller Welt, in allen Erdteilen – und auch mitten in Baden-Baden.

Viel Freude bei der Lektüre!

Ihr

MARTIN ERNST

Immobilien Regional AG

Vorstand

LIVING & LIFE 3


RUBR IK

58

12

INHALT

6

SCHEIBEN-

SCHLÖSSCHEN

Ein Juwel im Herzen

Baden-Badens

26

BR AHMSHAUS

Das Glück vergangener

Stunden

12

18

FÜRSTENBAHNHOF

Kindermusikwelt Toccarion

WELTKULTURERBE

Zukunft Baden-Badens

30

32

T IPPS

SEHNSUCHTSORTE

Gespräch mit dem Architekten

Gunter Fleitz

24

A M ERIKANISCHER

T R AUM

Museum Frieder Burda:

America! America!

38

42

L ICHT IST LEBEN

Candela-Leuchten

LAMPENANZÜNDER

Es ist, als ob er einen neuen

Stern erschafft

6 78

4 LIVING & LIFE


RUBR IK

46

32

46

HARALD WOH L FAH RT

Star-Koch unter Klassikstars

64

DER MIT DEM

F UCHS TANZT

Naturfotograf Klaus Echle

IMPRESSUM

HERAUSGEBER

Martin Ernst, Vorstand

Immobilien Regional AG

48

52

58

GESPRÄCH

mit dem Sportmediziner

Professor Heinrich Liesen

ER NST & ER NST

Interview mit Martin Ernst und

Theresa-Luisa Ernst

BEGEGN UNG

David Hockney

72

78

80

82

ÖKOLOGISCH E

V IELFALT

Gespräch mit Baden-

Württembergs Forstpräsidenten

Max Reger

M ASAYO ODA H ASH I

Es gibt immer ein Morgen

„ M R . BEAN“ I N

BADEN-BA DEN

IM GESPRÄCH

Zahnmediziner

Dr. Sven-Marcus Beschnidt

und Zwei-Sterne-Koch

Paul Stradner

R EDA KTIO N U ND

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Koppelstätter Media GmbH

Friedrichstraße 2, 76530 Baden-Baden

hok@koppelstaetter-media.de

www.koppelstaetter-media.de

Horst Koppelstätter (V.i.S.d.P.),

Ariane Lindemann, Stefan Tolksdorf

Gestaltung: Sabine Ostholt

Koordination: Judith Kirschner-Forcher,

Hanna Faust und Kristina Lott

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Blick vom Florentinerberg auf die

Stiftskirche Baden-Baden

Foto: Monika Zeindler-Efler

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Judith Kirschner-Forcher

kirschner-forcher@koppelstaetter-media.de

Telefon: 07221-9737215

F O T O S

Koppelstätter Media GmbH, Immobilien Regional

AG, Privat, Monika Zeindler-Efler, Michael Bode,

TASCHEN GmbH / Mark Seelen, Museum

Frieder Burda Baden-Baden, Galerie B, Deutsche

UNESCO-Kommission / Sarah Larissa Heuser,

Oetker Collection, Shutterstock, Zooey Braun,

Sander & Bastian, Bundesministerium der

Finanzen / Thomas Koehler, Ippolito Fleitz Group,

iStockphoto, Ronny Schönebaum, Baden-Baden

Kur & Tourismus GmbH, picture alliance /

Photoshot, Matthias Vriens-McGrath, Klaus Echle

86

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Nora Waggershauser

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www.kraft-premium.de

© 2017

Alle Rechte für Idee, Gestaltung,

Texte, Fotos bei Koppelstätter Media GmbH.

Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit

Genehmigung der Redaktion.

64

LIVING & LIFE

5


RUBR IK

SCHEIBENSCHLÖSSCHEN

EIN JUW E L IM HER Z E N BA D E N-BA D E N S

6

LIVING & LIFE


PALAIS HAB ER

VON HORST KOPPELSTÄTTER

er Blick aus dem Fenster fällt auf ein heute eher

D unscheinbares Areal. Doch hier bewohnte einst

die badische Großherzogin Stephanie ihr wunderschönes

Gartenpalais inmitten eines großen englischen Parks. Das

war in den Jahren nach 1811, als die (vermutliche) Mutter

des sagenumwobenen Kaspar Hauser regelmäßig in ihrer

herrlichen Sommerresidenz wohnte. Stephanie liebte Baden-Baden.

Heute steht an dieser Stelle die Baden-Badener

Realschule. Die Stephanienstraße ist immer noch nach der

kaiserlichen Prinzessin Stéphanie Louise Adrienne de Beauharnais

– auch Stéphanie Napoléon – benannt, die ja

Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte war.

Wir befinden uns genau gegenüber in der Stephanienstraße

7, im so genannten Scheibenschlösschen. Es handelt sich

um eines der ganz wenigen in Süddeutschland noch vollkommen

erhaltenen Stadtpalais nach französischem Vorbild.

Ein Juwel mitten in Baden-Baden in einer Umgebung,

die von einzigartigen biedermeierlichen Häusern geprägt

ist. Dieser Teil Baden-Badens gilt unter Experten als ausgesprochen

wichtig auf dem Weg der Stadt, Weltkulturerbe

der UNESCO zu werden.

Wir sind mit dem Eigentümer des Schlösschens, Alexander

Antonow, verabredet, der mit seiner charmanten Frau die

Gäste in der Beletage empfängt. Wann haben Sie dieses

Haus eigentlich gekauft? Antonow: „Nein, nein, ich habe

es nicht gekauft. Ich habe das Gebäude von meinen Eltern

im Jahr 1993 geerbt. Meine Familie lebt seit Generationen

in Frankfurt. Wir sind bis hin zu meinem Großvater

Bauingenieure und Baumeister. Das ist unsere Passion. Ich

liebe historische Gebäude und plane gerne Großprojekte

mit moderner Technik“, schmunzelt Antonow, dessen leiblicher

Vater ein Russe war.

Und dann kommt er ins Schwärmen: „Wo gibt es noch so

ein komplett erhaltenes Gebäude in Süddeutschland? Das

Anwesen ist ein vollständiges Ensemble mit Wohnbau,

Hofdurchfahrt mit Pförtnerwohnung, Innenhof und Remise

mit Bedienstetenwohnung darüber sowie hochgelegenem

Garten mit Zugang zum ersten Obergeschoss.“

LIVING & LIFE 7


RUBR IK

Es ist ein Palais wie aus einer anderen Zeit. Antonow und

seine Frau begannen in den 90er Jahren, das historische

Ensemble mit viel Geschick und Sachverstand umfassend

zu sanieren. Stück für Stück, Zentimeter um Zentimeter

wurde alles nach Originalvorbild erneuert. „Es hat ein

Vermögen gekostet“, entfährt es Antonow kurz und dann

fügt er hinzu: „ ... , aber es hat sich gelohnt.“ Heute sind alle

Wohnungen vermietet, lediglich ein Stockwerk bewohnt

Alexander Antonow mit seiner Familie selbst.

Welch hohen Rang das Gebäude hat, beschreibt auch Clemens

Kieser vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg

in einem Gutachten über das Scheibenschlösschen, auch

„Palais Haber“ genannt: „Das Anwesen zeichnet sich neben

seiner hohen baulichen Qualität durch seinen außergewöhnlich vollständigen

und guten Erhaltungszustand aus. Dies gilt insbesondere

für die hochwertige und denkmalgerecht restaurierte Innenausstattung.

Fast alle Holzteile besitzen noch ihre Originalsubstanz und

mussten nur selten materialgerecht nachgebildet werden. Dies gilt

für die Fenster der Wohnungen und des Treppenhauses, die Türen

und die Torfahrt, die Stuckdecken und die Fußbodenbeläge. So zeigt

die Tordurchfahrt noch den ursprünglichen Belag mit großen Sandsteinplatten

und das repräsentative Außentor mit reich dekorierten

Gittern aus Gusseisen.

Bemerkenswert ist, dass der Funktionszusammenhang des herrschaftlichen

Stadtpalais noch sehr gut ablesbar ist: In der Torfahrt

befindet sich noch das Fenster zur Pförtnerloge, dahinter die

Pförtnerwohnung. In der Durchfahrt konnten die aus der Kutsche

steigenden Besucher trockenen Fußes das Treppenhaus durch einen

Gang mit Kreuzgewölbe erreichen. Die Kutschen und Pferde fuhren

zum Wenden beziehungsweise Ausspannen in den Hof. Am heute

zu Wohnraum umgenutzten Seitengebäude befanden sich Remise

und Stallungen, die an den Gewänden des Untergeschosses noch

ablesbar sind. Darüber befand sich die Kutscherwohnung. Neben

der Haupttreppe im Wohnhaus kann in der heutigen Waschküche

8

LIVING & LIFE


RUBR IK

BELETAGE

noch der Verlauf einer Nebentreppe nachvollzogen werden, die den

Dienstboten vorbehalten war.

Die heute aufgeteilten herrschaftlichen Wohngeschosse zeigen im

ersten Obergeschoss unter anderem originale Bodenfliesen, Parkette,

Lamperien, aufwändige plastische Stuckgestaltungen und mehrere

stattliche historische Kachelöfen. Auch im zweiten, ebenfalls aufgeteilten

Obergeschoss findet sich eine ähnliche Ausstattungsfülle mit

zwei weiteren bauzeitlichen Öfen. Besonders bemerkenswert ist hier

der historische Ziererker mit farbigen Glasfenstern. Weiterhin zeigen

sich in den herrschaftlichen Wohnungen neben den Fensterläden

noch die historischen Fensterbeschläge und -verschlüsse.“

Eine Expertise des Landesdenkmalamtes, die nicht besser

ausfallen könnte und die für sich spricht. Eigentlich müsste

also alles eitel Sonnenschein sein, perfekter und schöner

kann man sich ein Leben in Baden-Baden kaum vorstellen.

Doch der ausgewiesene Architekturexperte Antonow sieht

manch dunkle Wolke am Himmel aufziehen: Es ist nicht

der Blick auf die Realschule gegenüber, der ihn stört, die

Schule ist längt Bestandteil des Stadtbildes, doch der Blick

aus dem Fenster auf der anderen Seite fällt auf den tristen

Beton des Parkplatzes der lokalen Zeitung Badisches Tagblatt.

Hier stand einst die Jüdische Synagoge Baden-Badens,

die von den Nazis zerstört wurde. Antonow mutmaßt,

dass nach dem Neubau des Zeitungsverlages im Industriegebiet

dieses innerstädtische Filetstück früher oder später

verkauft und einmal mit teuren Wohnblocks bebaut wird.

Noch schlimmer trifft ihn die aktuelle Planung des direkt

angrenzenden Vincenti-Areals. Das dortige Altenheim ist

in die Cité gezogen und nun sollen hier Luxuswohnungen

mit einer nach Antonows Dafürhalten „hässlichen“ Architektur

entstehen. Antonow: „Das wird diesem wunderschönen

historischen Areal überhaupt nicht gerecht. Hier wird

viel zerstört.“ Hören wollte seine Einwände bislang kaum

einer.

LIVING & LIFE 9


RUBR IK

PALAIS HABER

GESCHICHTE DES SCHEIBENSCHLÖSSCHENS

Der Werkmeister Ludwig Britsch erwarb 1853 das Grundstück

und errichtete hier bis 1855 nach eigenen Planungen

ein herrschaftliches Gebäude mit Seitenflügel, Hof und

Garten. Das Gebäude verkaufte Britsch dann bereits 1855

für 40.000 Gulden an den bedeutenden Karlsruher Bankier

Moritz Salomon von Haber (1798-1874), der es für seinen

Sohn Heinrich erwarb. Heinrich von Haber (geboren 1824)

diente als österreichischer Offizier in der nahen Bundesfestung

Rastatt und behielt das Gebäude bis zu seiner Übersiedlung

nach Paris im Jahre 1880. Sein Vater, Moritz Salomon

von Haber, hatte als Karlsruher Großfinanzier und

Berater des großherzoglichen Paares in den frühen 1840er

Jahren im Mittelpunkt der von Ehrenhändeln und öffentlichem

Aufruhr begleiteten „Haber-Affäre“ gestanden.

Seit 1880 war das Haus im Besitz des Arztes Dr. Emil

Knecht, der 1899 Stallungen und Remise zur Wohnnutzung

umbauen ließ. Nach dem 1920 erfolgten Erwerb führten die

renommierten Architekten Scherzinger und Härke als neue

Eigentümer 1926 neben kleineren Grundrissveränderungen

einen Ausbau des Dachgeschosses durch. Auch wurde 1935

nach eigenem Entwurf eine Haustüre eingesetzt, zumal der

Zugang vorher nur über die Torfahrt möglich gewesen war.

Bei dem Anwesen handelt es sich um ein besonders gutes

und gut erhaltenes Beispiel des privatwirtschaftlichen, gehobenen

Wohnungsbaus in der Blütezeit der europäischen

Kurstadt Baden-Baden.

Der zu Wohlstand gekommene Werkmeister Ludwig Britsch

(gestorben 1856) schuf hier auf einem topographisch ungünstigen

Eckgrundstück in Hanglage mit großem Geschick

ein repräsentatives Stadtpalais. Beispielhaft führte Britsch

vor, welches die ästhetischen und lebensweltlichen Bedürfnisse

der europaweit in das Modebad zuziehenden aristokratischen

und großbürgerlichen Oberschicht waren.

Ludwig Britsch, der den Titel „Werkmeister” führte, entwickelte

sich in den 1830er und 1840er Jahren zum erfolgreichsten

lokalen Baumeister in Baden-Baden. Formal von

der Karlsruher Bauschule – unter dem allmächtigen Heinrich

Hübsch – beeinflusst, führte er in der Kurstadt eine

Reihe von Um- und Neubauten durch, die in den Stadtgeschichtlichen

Sammlungen Baden-Baden dokumentiert sind,

darunter sogar einige Hotelbauten. Von der Hand des Ludwig

Britsch stammen weiterhin sein eigenes Wohnhaus in

der Stephanienstraße 14 (1835), das Fürstenbergische Palais

(Stephanienstraße 15, 1833/34), das Haus Stephanienstr. 16

(1832-35) und die Villa von Bose (Stephanienstr. 13, 1853).

10

LIVING & LIFE


P ALAIS

H A B ER

Weiterhin schuf Britsch das Wohnhaus des Gemeinderats

Ehinger in der Lichtentalerstraße 26 (1840, abgebrannt

1935). In ihrer Dissertation zum Villenbau in Baden-

Baden hebt Leni Niemann die Vorliebe des Entwerfers für

bauplastische Zierelemente hervor, die auch an der Fassade

des hier behandelten Hauses sichtbar sind. Weiterhin

bemerkte die Autorin die bemerkenswerte zeichnerische

Qualität der Planvorlagen sowie die Fähigkeit von Ludwig

Britsch, vorgegebene Grundrisstypen für seine anspruchsvollen

Wohnbauten repräsentativ zu interpretieren.

Die Karriere des Ludwig Britsch, er war zunächst Maurermeister,

dann erfolgreicher Architekt und Bauunternehmer,

ist auffallend. Er erwarb Baugrundstücke, schuf vornehme

Wohnbauten auf eigene Rechnung, die er dann gewinnbringend

veräußerte. Sein Erfolg steht damit beispielhaft für die

sozialen Umbrüche des 19. Jahrhunderts, die solche wirtschaftlichen

und sozialen Aufstiege vom Handwerker zum

nicht akademisch gebildeten Baumeister ermöglichten. Seinen

Erfolg verdankte Ludwig Britsch dabei auch dem beispielhaften

Aufstieg der Stadt Baden-Baden zum mondänen

Modebad und den damit einhergehenden Renditen.

Die dreigeschossige Straßenfassade des Hauses Stephanienstraße

7 zeigt eine gut gelungene Umsetzung eines

Stadtpalais des Historismus, das in seinem Stilempfinden

als romantisierende Neorenaissance mit biedermeierlichem

Einschlag charakterisiert werden kann. Das Untergeschoss

der Fassade bildet eine schwere Rustizierung, darüber wird

ein freieres, handwerklich ausgezeichnet umgesetztes Spiel

mit architektonischen Zierformen entwickelt. Die Geländeunterschiede

des Terrains sind durch ein rustiziertes Kellergeschoss

mit Toreinfahrt, die ursprünglich den einzigen

Zugang bildete (zusätzliche Tür 1920), ausgeglichen. Die

Fassaden sind im Gegensatz zu den schlichteren Rückfassaden

reich geschmückt: Rundbogenfenster werden zu den

beiden Mittelrisaliten zusammengefasst und von Säulen in

der Mitte getragen. Hier finden sich, von einem Sohlbankgesims

geteilt, unter einem umlaufenen Kranzgesims Pilaster,

Verdachungen, Brüstungsornamente, Voluten, Bänder,

Rosetten, Balkone auf Konsolen mit verzierten Brüstungen

und ein romantischer Eckerker. Insgesamt gelang dem Architekten

Britsch eine opulente, aber würdevolle, künstlerisch

stimmige Inszenierung eines repräsentativen, städtebaulich

wirksamen Eckgebäudes.

AUSZUG AUS „BEGRÜNDUNG DER DENKMALEIGENSCHAFT“ VON

DR. CLEMENS KIESER, LANDESDENKMALAMT BADEN-WÜRTTEMBERG

LIVING & LIFE 11


RUBR B LAU IK IN DER K UNST

2013 wurde das Toccarion im Alten Fürstenbahnhof eröffnet. Der Bau im italienischen Renaissancestil wurde dafür aufwendig restauriert.

ALTER

FÜRSTENBAHNHOF

IST HEUTE SPIELPLATZ

FÜR MUSIK

12

LIVING & LIFE


TOCCARION

VON A RIANE L INDEMANN

m Westflügel des alten Bahnhofs in Baden-Baden gingen

früher Staatsoberhäupter und weltweit bekannte

I

Künstler ein und aus: Großherzog Friedrich I. von Baden

empfing in dem repräsentativen Gebäude hochrangige

Gäste, die mit dem Zug in die Kurstadt reisten. Vom

Gleis aus ging es überdacht in die edlen Räumlichkeiten

des so genannten Fürstenbahnhofes – eine architektonische

Besonderheit, die man sonst nur in Residenzstädten und

wenigen Kurorten antraf. Der Hofzug des Kaisers hielt

damals exakt so am Baden-Badener Bahnsteig, dass sich

die Flügeltüren zum „Fürstenzimmer“ öffnen konnten, aus

denen der Großherzog seinen VIP-Gästen entgegentrat.

Seit der Stilllegung des Baden-Badener Bahnhofs 1977

wurden die Räumlichkeiten unter anderem mehrere Jahre

als „Automatenspiel“ des Casinos Baden-Baden genutzt,

erstrahlten aber nie wieder in ihrem alten Glanz. Der alte

Bahnhof, der seit 1998 als Vestibül in das Festspielhaus an

Stelle der Gleise einbezogen ist, hat viele prominente Gäste

gesehen, die bis 1918 mit schnaubenden Dampfloks vor

dem Prachtbau quietschend zum Stehen kamen.

Der Bahnhof wurde zwar stillgelegt, das Quietschen aber

ist nicht verhallt. Im Gegenteil. Wer heute vor dem eklektizistischen

Gebäude im italienischen Renaissancestil steht,

kann es ganz laut hören. Es kommt aus dem Inneren des

prächtigen Westflügels: Hier probieren sich Kinder an der

Posaune – das klingt manchmal schräg, macht aber großen

Spaß. Sie pusten in die Tuba, toben und tanzen, springen

auf einem begehbaren Piano, zaubern auf verschiedenen

Instrumenten tolle Klänge und Rhythmen hervor – dirigieren

sogar selbst Mozart und Bach.

DIE EINZIGARTIGE KIND E RMUSIK W E L T

IM RESTAURIERTEN A L TEN BAHNHOF

B E IM F E STSPIELHAUS WURD E VON D E R

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LIVING & LIFE 13


RUBR IK

14

LIVING & LIFE


TOCCARION

TOCCATA · TOCCARE

TOC CARION

Der ehemalige Fürstenbahnhof ist mittlerweile täglich

von Musik erfüllt: Die einzigartige Kindermusikwelt

„Toccarion“ der Sigmund-Kiener-Stiftung im Festspielhaus

Baden-Baden führt junge Menschen zwischen fünf

und zwölf Jahren spielerisch an die faszinierende Welt

der Musik heran.

Auf einer Fläche von 600 Quadratmetern können die Kids

hier nach Lust und Laune aktiv werden, ausprobieren,

selbst komponieren, Töne erzeugen, eine Klarinette auseinander

nehmen oder eine echte Geige streicheln. Spaß an

der Musik, am Erzeugen von Klangwelten, am Lauschen

und Staunen stehen dabei im Vordergrund. Der Name

Toccarion ist eine neue Wortkreation, in der zwei Begriffe

aus der Musik anklingen: „toccata“ (ein frei gespieltes Musikstück)

und „toccare“ (italienisch für berühren, betasten,

anfühlen).

„Es ist ein „Glücksfall“, dass der Originalzustand des Gebäudes

dank des Engagements der Sigmund-Kiener-Stiftung

an vielen Stellen wieder hergestellt werden konnte“, so

der für Baden-Baden zuständige Gebietstreferent des Landesdenkmalamtes,

Dr. Martin Wenz. „Unter den erhaltenen

Bahnhofsbauten der zweiten Generation (um 1890) ist

dies bestimmt der wichtigste in Baden-Württemberg“, so

Wenz zum seit 2013 vollständig restaurierten Gebäude.

Als es an die Planungen für das Toccarion ging, entschied

Stifter Sigmund Kiener, keine Kosten und Mühen zu

scheuen, diese Räume der Öffentlichkeit und vor allem

kommenden Generationen von Musikliebhabern zurückzugeben.

In enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt

für Denkmalpflege führten mehrere Restauratoren die aufwendigen

Maßnahmen in den Prunkräumen und an den

Fassaden des früheren Fürstenbahnhofs durch.

Der Fürstenbau hatte den Krieg gut überstanden, entkam

in den Siebziger Jahren nur knapp der Abrissbirne

und gilt heute als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung

gem. § 12 des Denkmalschutzgesetzes Baden-Württemberg.

Der Bau wies starke Verschmutzungen auf, der

Sandstein der Fassade war durch den Dampflok-Ruß zum

Teil stark beschädigt. Da der Großherzog und viele seiner

Gäste starke Zigarrenraucher waren, musste im Hauptempfangsraum

ein dicker Nikotinfilm mit aufwendiger

Ablösetechnik beseitigt werden. Die schmuckvollen Tapeten

wurden aufgearbeitet und angepasst. Deckenmalereien

und Wände konnten ausgebessert werden, die mit einer

zeittypischen Bierlasur überzogenen Holztäfelungen wurden

behutsam instandgesetzt – auch die Fenster, die alle

noch aus der Bauzeit stammen. „Dabei sollte eine gewisse

Patina ganz bewusst erhalten werden“, so Konservator

Wenz.

LIVING & LIFE 15


RUBR B LAU IK IN DER K UNST

„Es ist unglaublich wichtig, etwas für Kinder zu tun”, findet auch Udo Lindenberg, hier mit Stefan Kiener (rechts),

der die Kindermusikwelt gemeinsam mit seiner Frau Nicole leitet.

Heute führt ein Team aus 14 Musiklotsen täglich Gruppen

von Kindergärten, Schulklassen und Musikvereinen oder

Einzelbesucher durch den liebevoll restaurierten Bau. Das

Konzept ist einzigartig. Der Stifter Sigmund Kiener hat

die Kinderwelt ins Leben gerufen und mit 4,5 Millionen

finanziert. Ein erheblicher Teil des Geldes wurde für die

Restaurierung der historischen Räume eingesetzt. Zur

Eröffnung im Mai 2013 kam Sopranistin Anna Netrebko

und war nicht nur als gefeierter Star der Opernwelt begeistert,

sondern auch als Mutter sofort angetan von den

Möglichkeiten, die Kinder hier haben. Viele große Musiker

unterstützen das Projekt und zeigen den jungen Menschen,

was ihnen persönlich am meisten Freude bereitet,

sind hautnah dabei und machen selbst mit. Die deutsche

Band Glasperlenspiel hat das Toccarion ebenso besucht

wie der russische Geiger Maxim Vengerov oder Stars des

SWR-New-Pop-Festivals.

An den Wochenenden werden neben Führungen für verschiedene

Altersstufen auch Familienführungen für Erwachsene

und Kinder gemeinsam angeboten. Das Interesse

ist groß: Seit Bestehen hat das Toccarion mehr als

42.000 Besucher zu verzeichnen.

Virtuelle Spiele und physikalische Experimente zur Akustik

sind im „Dschungel der Klänge” zu entdecken. Das

„Abenteuer Musik” führt durch mehrere Räume. Selbst

ihren Bewegungsdrang können Kinder hier austoben.

„Lass' es krachen!“ heißt beispielsweise ein Workshop, bei

dem die jungen Menschen ordentlich auf Schlaginstrumente

trommeln, stampfen oder in einer Bodypercussion

ihren angestauten Frust loswerden. Wer will, kann munter

auf einem riesigen Walking-Piano hüpfen und es so zum

Leben erwecken. Über Kopfhörer, Mikro und Zerrspiegel

werden Stimme und Körper verfremdet, was immer wieder

Lachsalven hervorruft. Die jungen Musiker dürfen sogar

ein virtuelles Orchester dirigieren. Kein Wunder, dass

die Benotung der Besucher spitzenmäßig ausfällt: Zwischen

1,0 und 1,4 lag die Bewertung der bisherigen Nutzer.

Wer einmal da war, geht begeistert und beschwingt nach

Hause, mit Musik in den Ohren, einem Lied auf den Lippen

und Tönen im Herzen.

TOCCARION

im Festspielhaus Baden-Baden

Eintritt: Kinder drei Euro, Gruppen 60 Euro,

Erwachsene fünf Euro

Barrierefrei

Kindergeburtstage möglich

Toccarion ist nur innerhalb einer

Führung, eines Workshops oder einer

Veranstaltung zu besuchen.

WWW.TOCCARION.DE

16

LIVING & LIFE


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RUBR IK

WELTKULTURERBE

BADEN-BADEN?

18 LIVING & LIFE


WELTK ULTURERB E

VON S TEF AN T OLK SDORF

FOTOS: M ONIK A ZEINDLER-EFLER

ls 1978 die UNESCO ihre

A Weltkulturerbe-Liste eröffnete,

stand ein deutsches Bauwerk ganz

oben: der Dom zu Aachen. Ein Jahr

vor der Cheops-Pyramide war er als

Kulturdenkmal von „universeller

Bedeutung“ eingestuft worden. Inzwischen

stehen 1.073 Bau- und Naturdenkmäler

in 167 Ländern auf der

berühmten Welterbe-Liste, davon 42

in Deutschland, sechs befinden sich

allein in Baden-Württemberg. Sie

alle erfüllen nach Einschätzung des

Welterbe-Komitees die Kriterien

„Einzigartigkeit, Authentizität und

Integrität (Unversehrtheit)“. Entgegen

der landläufigen Meinung erhalten

im Falle der Anerkennung nur

die bedürftigsten Staaten finanzielle

Zuwendungen aus den UNESCO-

Fonds. Jeder einzelne Mitgliedsstaat

verpflichtet sich indes zum besonderen

Schutz und zur zeitgemäßen Präsentation

seines zum Weltkulturerbe

erklärten Kulturguts.

Seit einem knappen Jahrzehnt stellt

sich auch in Baden-Baden die Frage,

ob nicht die Stadt an der Oos berechtigten

Anspruch auf das begehrte

Prädikat hat. Steht doch die Bedeutung

der Stadt als international in

Kunst und Literatur gefeierter Kurort,

als einstige „Sommerhauptstadt

Europas“, außer Frage.

W I E IST D E R S T AND D E R BEWERB U NG?

LIVING & LIFE

19


RUBR B ADEN-B IK ADEN

Baden-Baden zeigt noch immer das

kulturhistorisch interessante und

baulich geschlossene Gesamtbild einer

der begehrtesten Bäderstädte des

19. Jahrhunderts. Die Idee einer Bewerbung

ging insbesondere auf das

Symposion „Kulturerbe als Grundlage

von Morgen“ zurück, das der

Freundeskreis Lichtentaler Allee e. V.

am 18. Oktober 2006 im Palais Biron

veranstaltete. Da das für die Denkmalpflege

zuständige Ministerium

für Wirtschaft und Finanzen von

einer Einzelbewerbung abriet, formierten

sich als Ergebnis einer internationalen

Fachtagung im Jahr 2010

zunächst 16, später elf europäische

Kurstädte unter dem Namen „Great

Spas of Europe“ zu einem seriellen,

transnationalen Auftragsprojekt. Es

handelt sich um die Kurorte Baden-

Baden, Bad Ems, Bad Kissingen, Spa,

Vichy, Bath, Montecatini in der Toscana,

Baden bei Wien sowie die tschechischen

Traditionsbäder Karlsbad,

Marienbad und Franzensbad. Der

tschechische Staat wird Ende Januar

2018 diesen Gemeinschaftsantrag bei

der UNESCO in Paris einreichen.

WELCHE NÄHEREN KRI-

TERIEN BEFÖRDERN NUN

DIE CHANCEN DER KUR-

STADT AN DER OOS?

„Der Reigen prominenter Kurgäste

in Baden-Baden wird dabei keinen

Ausschlag geben“, weiß Volkmar Eidloth

vom Landesamt für Denkmalpflege,

der für das UNESCO-Welterbe

in Baden-Württemberg zuständig

ist: „Was zählt, ist das unversehrte

Ensemble einer kulturhistorisch einflussreichen

Kurstadt.“ Der Antrag

konzentriert sich allein auf den innerstädtischen

Bereich. Das Festspielhaus

und die Ruine Hohenbaden bleiben

außen vor.

Bei den sechs Welterbestätten in

Baden-Württemberg handelt es

sich um das Zisterzienserkloster

Maulbronn (1993), die Klosterinsel

Reichenau (2000), den obergermanisch-raetischen

Limes (2005), die

prähistorischen Pfahlbauten um die

Alpen (2011), die beiden Le Corbusier-Häuser

in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung

(2016) und seit 2017

die Höhlen und Eiszeitfundorte im

Schwäbischen Jura.

Mit dem „Weltkulturerbe“ ist die

Stadt an der Oos übrigens schon länger

verbunden. Im ehemaligen Südwestfunkstudio

wurde vom damaligen

Kulturchef Gustav Adolf Bär die Idee

zu einer Fernsehserie geboren, die seit

1995 erfolgreich über die Sender geht

– zunächst auf 3sat, dann von zahlreichen

deutschen Rundfunkanstalten,

20 LIVING & LIFE


WELTK ULTURERB E

schließlich international: „Schätze

der Welt – Erbe der Menschheit“. Für

die Produktion der beliebten Dokumentarfilme

ist heute ausschließlich

der SWR zuständig. Ein Bonus mit

Langzeitwirkung! Wie aber kam es

überhaupt zur Idee des Weltkulturerbe-Schutzes?

Der Begriff „Kulturerbe

– patrimoine culturel“ – wurde im

späten 18. Jahrhundert von dem lothringischen

Bischof Henri Grégoire geprägt,

der sich während der Französischen

Revolution erfolgreich für die

Abschaffung der Sklaverei einsetzte.

In der Konvention zum Schutz von

Kulturgut bei bewaffneten Konflikten

von 1954 (Haager Konvention)

wird erstmals im deutschsprachigen

Kontext von schützenswertem „kulturellen

Erbe“ gesprochen. Konkreter

Anlass für die Forderung der

UNESCO, eine Liste schätzenswerter

Bauten und Naturdenkmale von

singulärer Bedeutung zu erstellen,

war die Zerstörung altägyptischer

und nubischer Kulturdenkmäler

beim Bau des Assuan-Staudamms in

den frühen 60er Jahren.

LIVING & LIFE

21


RUBR IK

Der Aufruf der UNESCO hatte damals

unter anderem die Rettung der

herausragenden Tempel von Abu Simbel

und Philae zur Folge. Zwölf Jahre

später einigten sich 190 UN-Mitgliedsstaaten

auf die bis heute verbindliche

Welterbekonvention, 1978 eröffnete

die Liste. Seither befindet das 21-köpfige

„World Heritage Commitee“ über

die Vorschläge der Mitgliedsstaaten.

Für die Anerkennung als Weltkulturerbe

sind von der UNESCO vor allem

sechs Kriterien von Bedeutung:

1

Die Güter stellen ein Meisterwerk

der menschlichen Schöpferkraft

dar.

2

Die Güter zeigen, für einen

Zeitraum oder in einem Kulturgebiet

der Erde, einen bedeutenden

Schnittpunkt menschlicher Werte

in Bezug auf die Entwicklung von

Architektur oder Technologie, der

Großplastik, des Städtebaus oder der

Landschaftsgestaltung auf.

3

Die Güter stellen ein einzigartiges

oder zumindest außergewöhnliches

Zeugnis von einer kulturellen

Tradition oder einer bestehenden

oder untergegangenen Kultur dar.

4

Die Güter stellen ein hervorragendes

Beispiel eines Typus

von Gebäuden, architektonischen

oder technologischen Ensembles oder

Landschaften dar, die einen oder

mehrere bedeutsame Abschnitte der

Geschichte der Menschheit versinnbildlichen.

5

Die Güter stellen ein hervorragendes

Beispiel einer überlieferten

menschlichen Siedlungsform,

Boden- oder Meeresnutzung dar, das

für eine oder mehrere bestimmte Kulturen

typisch ist. Oder sie zeigen die

Wechselwirkung zwischen Mensch

und Umwelt, insbesondere, wenn diese

unter dem Druck unaufhaltsamen

Wandels vom Untergang bedroht

wird.

6

Die Güter sind in unmittelbarer

oder erkennbarer Weise mit Ereignissen

oder überlieferten Lebensformen,

mit Ideen oder Glaubensbekenntnissen

oder mit künstlerischen

oder literarischen Werken von außergewöhnlicher

universeller Bedeutung

verknüpft.

Die „Great Spas of Europe“ werden

sich lediglich zu den Kriterien 2,3,4

und 6 bewerben. Diese Kriterien werden

entsprechend dem Antragsgegenstand

ausgewählt.

Dass die Stadt Baden-Baden zahlreiche

der genannten Kriterien erfüllt,

ist augenscheinlich. Dem künftigen

Welterbe-Status dürfte also an sich

nichts mehr im Wege stehen.

Ob er den Tourismus in Stadt und

Umgebung zusätzlich ankurbelt, ist

abzuwarten. Hierzulande nimmt

man´s gelassen. Wie auch immer man

sich in Paris entscheidet: Baden-Baden

bleibt unverwechselbar!

22 LIVING & LIFE


STIMMEN

ZUKUNFT

W E LTK U LTURERB E

F RANK M A RRENB A CH

Vorstandschef der „Oetker Collection“ und

Chef von Brenners Park-Hotel

„Die Bewerbung als Weltkulturerbe

Baden-Badens ist eine wichtige Zukunftsinitiative.

Es geht darum, im

Bewusstsein des universalen Wertes

der Stadt, den vor uns liegenden Weg

nachhaltig und werteschaffend zu gestalten.

Das ist eine Aufgabe, die Stadt

und Bürger in den unterschiedlichen

Rollen gemeinsam vorantreiben können.

Wie herausragend Modernität

und Historie in Einklang gebracht

werden können, zeigt beispielsweise

das Museum Frieder Burda.“

W OLFGANG N IED ERMEYER

Vorsitzender des Vereins Stadtbild Baden-

Baden e.V.

„Einen Welterbe-Status kann man

nicht erzwingen. Man ist es mit der

vorhandenen Substanz oder man ist

es nicht. „Outstanding universal value”,

also „Bedeutung für die gesamte

Menschheit”. Wichtig am Welterbegedanken

finde ich die Selbstverpflichtung.

Als Architekt denke ich an

die Kollegenschelte des Wiener Architekturlehrers

Georg Franck: „Man

haut der Umgebung eins in die Fresse

und demonstriert, dass man sich auf

ein Spiel mit der Tradition erst gar

nicht einlassen will.“ Liebe Bauherren

und Architekten, legt Euch als Selbstverpflichtung

eine qualitätvolle und

behutsame Auseinandersetzung mit

dem überkommenen Welterbestadtbild

Baden-Badens auf!“

LIVING & LIFE

23


M USEUM FRIEDER BURDA

AMERIKANISCHER TRAUM

M U SEUM F R IED E R BURD A ZEIGT: „A M ERICA! A M E R I C A ! “

ythen, Projektionen, Sehnsüchte:

In Zeiten von „Fake M

News“ und „Alternative Facts“ wird

deutlich, wie sehr der amerikanische

Traum mit emotional aufgeladenen

Bildern und Symbolen verwoben ist.

Zugleich ist sich wohl kaum eine andere

Nation der Wirkungskraft von

Bildern so bewusst. Die Images des

„American Way of Life“, die in den

Medien und der Unterhaltungsindustrie

produziert werden, können bestehende

Machtverhältnisse und Vorstellungen

von Wirklichkeit zementieren,

aber auch radikal in Frage stellen.

Mit rund 70 Meisterwerken der US-

Gegenwartskunst, wie Andy Warhols

„Race Riot“ (1964), Jeff Koons lebensgroßer

Skulptur „Bear and Policeman“

(1988) oder Jenny Holzers Leuchtschriftinstallation

„Truisms“ (1994)

zeigt „America! America! How real is

real?“, wie Künstler seit den 60er-Jahren

bis heute die amerikanische Realität

kommentieren. Mit Werken aus der

Sammlung Frieder Burda und zahlreichen

hochkarätigen Leihgaben lädt

die Schau zu einer Exkursion durch

die visuelle Kultur Amerikas ein.

AMERICA! AMERICA!

How real is real?

9. Dezember 2017 – 27. Mai 2018

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr

an allen Feiertagen geöffnet

WWW.MUSEUM-FRIEDER-BURDA.DE

Schon die Stars der Pop-Art, wie

Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder

James Rosenquist, transformieren die

Oberflächen der Konsumkultur in

eine Kunst, die von ungeheurer Verführung

und kühler Distanz spricht.

Indem sie die Methoden der kommerziellen

Bildproduktion übernehmen,

verabschieden sie sich von den traditionellen

Vorstellungen von Authentizität.

Das Gefühl von Entfremdung

verkörpern auch die Werke der großen

US-Maler der 80er-Jahre.

Die psychologisch aufgeladenen Leinwände

von Eric Fischl, die hermetischen

Szenen von Alex Katz, die

riesigen Grafitzeichnungen von Robert

Longo sezieren die Träume und

Ängste einer verunsicherten weißen

Mittelschicht. Zur selben Zeit erobern

Künstler wie Jeff Wall oder Cindy

Sherman die Szene, die unsere medial

geprägte Wahrnehmung kritisch

reflektieren. Sie werden zu Vorbildern

für nachfolgende Generationen. Mit

den Strategien der Konzeptkunst,

Performance und Fotografie schaffen

sie Bildwelten, in denen die Grenzen

zwischen Wirklichkeit und Inszenierung

zerfließen: How real is real?

Kurator Helmut Friedel über die Ausstellung:

„Die amerikanische Kunst

trat in den 1960er Jahren mit einer

geradezu jugendlichen Frische auf,

die vieles vom überkommenen europäischen

Erbe hinter sich ließ. Mit der

Pop-Art wandten sich Andy Warhol,

Roy Lichtenstein, James Rosenquist,

aber auch Richard Artschwager und

der aus Schweden nach New York

übersiedelte Claes Oldenburg einer

ganz neuen Darstellungsform zu, bei

der das Banale, Alltägliche, bislang

Bildfremde hervorgehoben wurde.

How real is real? – dieser Frage nach

dem Abbild der Wirklichkeit in der

amerikanischen Kunst von der Pop-

Art bis heute stellt sich unsere Ausstellung.

Eine Frage, die zu stellen aktuell

umso dringlicher sein könnte, als sich

die amerikanische Realpolitik zumindest

verbal von festen Fakten zu entfernen

scheint.“

Henning Schaper, seit

Mai 2017 Direktor des

Museum Frieder Burda

in Baden-Baden:

„Wir freuen uns, dass

wir mit dieser Ausstellung

einen Gedankenaustausch

zu den aktuellen Themen „Umgang

mit der Wahrheit“ und „Respekt vor

der Wahrheit“ im individuellen, aber

auch im globalen Kontext motivieren

können.“

William N. Copley, Imaginary Flag for U.S.A., 1972 (c) VG Bild-Kunst, 2017

24 LIVING & LIFE


Alex Katz, Scott and John, 1966 (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017


RUBR IK

DAS GLÜCK

VERGANGENER STUNDEN

VON S TEF AN T OLK SDORF

ann man einem Komponisten in seiner Wohnung

K nahe kommen? Die entscheidende Begegnung erfolgt

fraglos über das Werk: Beethoven und Mozart sind in

ihren Kompositionen allemal präsenter als in ihren Geburtshäusern

in Salzburg und Bonn oder in ihren häufig gewechselten

Wiener Wohnungen. Auch wer nicht an den genius

loci glaubt, löst aber dennoch gern die Eintrittskarte, umso

mehr, wenn das Haus über „Ambiente“ verfügt.

Von den Wohnstätten des großen Komponisten Johannes

Brahms (1833-1897) hat nur eine die Zeit überstanden: das

„hübsche Haus auf dem Hügel“ in Baden-Baden Lichtental.

Kein Wohnhaus, nur ein behagliches Sommerdomizil,

atmosphärisch dicht und unbedingt sehenswert. Von 1865

bis 1874 quartierte sich der in Wien wohnhafte Hamburger

immer wieder in den zwei oberen Giebelzimmern der Advokaten-Witwe

Clara Becker ein: „Manche glückliche Stunde

habe ich da verlebt und manche hübsche Noten geschrieben,

traurig und lustig. Was auf das Glück der Stunden keinen

Einfluss hat“, schreibt Brahms in einem Brief an seinen

Freund, den Karlsruher Hofkapellmeister Otto Dessoff: Das

„Glück der Stunden“ verdankte sich nicht nur der gesuchten

Ruhe und naturnahen Lage des Hauses, glücklich machte

den Komponisten wohl vor allem die räumliche Nähe zu der

von ihm hoch verehrten (und lange geliebten) Clara Schumann.

26 LIVING & LIFE


BRAH MSH AUS

Die Witwe seines großen Freundes und Förderers Robert

Schumann hatte von Madame Becker 1862 ein schmuckes

Häuschen an der Lichtentaler Allee erworben (heute

Hauptstraße 8), in dem sie auf drei Flügeln musizierte und

sich zahlreiche, teils illustre, Gäste die Klinke in die Hand

gaben: ihre Busenfreundin Pauline Viardot-García und deren

Dauerverehrer Iwan Turgenjew, Johann Strauss (Sohn),

der Geiger Joseph Joachim, der Chef der Kapelle des Karlsruher

Hoftheaters und nachmalige Wagner-Freund Hermann

Levi und viele andere. Brahms war Clara Schumann

in einer innigen, aber zeitweise komplizierten Freundschaft

verbunden. Ihre Karriere als Pianistin zog sie seinem Heiratsantrag

vor. Allein ihr verdankt Johannes Brahms, der

zeitweise auch in einigen Hotels der Kurstadt logierte, seine

Liebe zu Baden-Baden – und seine bescheidene Sommerwohnung:

„Ich kam, sah und nahm gleich das erste beste

Logis. Und wirklich ist es so sehr das beste, dass du deine

Freude haben wirst. Auf einer Anhöhe liegt´s und ich übersehe

alle Berge und Wege von Lichtenthal nach Baden ...“

Auch Claras Haus steht noch. Heute ist es eine Klinik, im

Vergleich mit früheren Abbildungen aber kaum mehr wiederzuerkennen.

Anders das Brahms-Domizil. Zwar liegt es

heute oberhalb einer belebten Hauptstraße – für die Maximilianstraße

wurde 1910 ein Teil des Felsenhügels gesprengt –,

mit seinem steilen Dach und der Schindelfassade bewahrt

es aber noch immer das pittoreske Erscheinungsbild des 19.

Jahrhunderts. Die Fundamente sollen noch aus dem 18.

Jahrhundert stammen, als die Zisterzienserinnen des nahen

Klosters Lichtenthal das damalige Dörfchen Beuern besaßen.

1854 erwarb es die Witwe eines Erfurther Advokaten,

Clara Becker, zwei weitere Besitzerwechsel folgten. Dass dieses

schon seit längerem als Brahms-Haus bekannte Anwesen

am Hang nicht wie geplant dem Abrissbagger zum Opfer

fiel, ist der Verdienst der eigens zu diesem Zweck gegründeten

Brahmsgesellschaft Baden-Baden e. V., die den stark renovierungsbedürftigen

Fachwerkbau 1967 käuflich erwarb

– für 80.000 DM! Zahlreiche Spender (darunter die Firma

Reemtsma) und der Erlös aus Benefizkonzerten ermöglichten

die Instandsetzung. Im vergangenen Jahr nun feierte die

Gesellschaft ihr 40-jähriges Bestehen. Unter Mithilfe des

damaligen Bürgermeisters Fritz Wurz und der unvergessenen

Baden-Badener Archivarin Margot Fuß machte man

sich sogleich daran, in den drei oberen Giebelzimmern ein

kleines, aber feines Museum einzurichten, 1968 wurde es eröffnet.

Exponate für die Dauerausstellung „Brahms – Leben

und Werke in Bildern und Dokumenten“ stellte das Brahmsarchiv

der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg zur

Verfügung. Unzählige Gäste und über 600 Stipendiaten hat

das Haus am Hügel seither beherbergt.

LIVING & LIFE

27


BRAH MSH AUS

Es kamen die Dirigenten Wilhelm Kempf, Karl Richter und

Daniel Barenboim, die Sängerin Elisabeth Schwarzkopf, die

Cellistin Jaqueline du Pré, der Starbariton Dietrich Fischer-

Dieskau und viele andere. „Nagelt die Tür zu, ich muss

Brahms tanken“, soll Kurt Masur bei seinem Besuch gesagt

haben. So weiß Imo Quero-Lehmann, die langjährige Kuratorin

und Seele des Hauses, zu berichten. Das Interesse, auch

der Interpreten, scheint jedoch rapide abzunehmen. Bis zu 20

Besucher täglich führt die Bewohnerin des Hauses im Sommer

mit gleichbleibendem Enthusiasmus durch die liebevoll

gestalteten Räume am Ende der

steilen Treppe, von der Wilhelm

Kempf meinte, man müsse sie

eigentlich auf Knien hinaufsteigen.

Im Winter wird es dann

sehr ruhig im Haus, die Stimmung

aber nimmt zu. Strahlt

doch die Mansarde das aus,

was ihr berühmtester Bewohner

immer sehr zu schätzen wusste:

„Behaglichkeit“.

Einige seiner berühmtesten Kompositionen hat Brahms hier

vollendet, darunter eine erste in Karlsruhe uraufgeführte

Symphonie und die zweite, genannt „Die Lichtenthaler“, die

er erstmals im Kurhaus zu Gehör brachte, und auch das nach

dem Tod der Mutter komponierte „Deutsche Requiem“. Anderes

komponierte Brahms komplett in Baden-Baden, wie die

Liebesliederwalzer Opus 52 und das beliebte Horntrio Opus

40, das er von einem Spaziergang auf den Schafberg mitgebracht

haben soll. Überdies war er ein eifriger Besucher des

Baden-Badener Konzertlebens, im Kurpark lauschte er gern

den Walzern des um zwei Jahre älteren Wiener Kollegen Johann

Strauss (Sohn). Aus den Fenstern von Brahms' Mansarde

blickt man auf den Turm der nahen Bonifatius-Kirche, in

der Clara Schumanns Tochter Julie den italienischen Grafen

Vittorio Radicati di Marmorito heiratete. Brahms, der die

hübsche Braut wohl gern selbst „heimgeführt“ hätte, fungierte

als Trauzeuge. In seiner bewegenden Altrhapsodie, die er den

Jungvermählten schenkte, soll er seiner Trauer Ausdruck verliehen

haben. Eine von unzähligen Episoden aus dem Fundus

von Imo Quero-Lehmann, die in der ehemaligen Küche der

Dachwohnung echte Brahms-Preziosen zeigt: Die Totenmaske

des Komponisten und einen Abguss von Claras Hand neben

originalen Lied-Partituren.

Dazu ein Ring mit einer Locke

von Robert Schumanns Freund

und Förderer Felix Mendelssohn

Bartholdy – ein Geschenk der

Familie. Ein Prachtstück des

Museums ist zweifellos die komplette

Litho-Mappe des Leipziger

Künstlers Max Klinger,

der Brahms Liebesliederwalzer

(reichlich pathetisch) illustrierte.

Zwar hat Johannes Brahms keines

der Möbel gekannt, nur der

Ofen und das wiederhergestellte

Wandmuster – eine hartnäckige

Brahms-Verehrerin hatte ein

Stück Tapete mitgehen lassen –

sind „original“. Doch fühlt man

sich wohl in seinem zeitgemäß

möblierten „blauen Salon“ –

und Brahms sofort nahe: Bilder

und Fotografien schmücken die

Wände und Schrankvitrine,

und es fällt nicht schwer, sich den

nur 1,60 Meter großen Mann, der seine wachsende Korpulenz

schließlich mit einem – von Clara missbilligten – Rauschebart

kaschierte, auf der Chaiselongue oder am Pianino

sitzend, vorzustellen, die obligate Zigarre schmauchend, den

Kopf voller Noten. Nur der Bart kam später.

" I C H KAM, SAH UND NAHM GLEICH

DAS ERSTE BESTE L O GIS. U N D

WIRKLICH IST ES SO SEHR DAS BESTE,

DASS DU DEINE FREUDE HABEN WIRST.

AU F EINER A N HÖHE LIEGT´S UND ICH

ÜBERSEHE ALLE B E RGE UND W EG E VO N

L I CHTENTHAL NACH B A DEN ..."

Johannes Brahms in einem Brief an

Hermann Levi, Lichtenthal, 7. Mai 1865

Ein Gesellschaftsmensch war Johannes

Brahms sicher nicht. „Es

tut mir leid, wenn ich versäumt

habe, einen ihrer Gäste zu beleidigen“

– mit diesen Worten soll

er sich nach dem Besuch eines

Salons von der Dame des Hauses

verabschiedet haben. Ein Hang

zum Eigenbrötlertum, übergroße

Empfindlichkeit und eine Liebe

zum schwarzen Humor sind

dem introvertierten Komponisten

gewiss nicht abzusprechen,

im Umgang mit Freunden erwies er sich aber immer wieder

als warmherziger Gemütsmensch, stets bereit, jungen Musikern

und Komponisten fördernd zur Seite zu stehen.

Im Andenken an diese Hilfsbereitschaft beschloss die Brahmsgesellschaft,

neben der kleinen Kustodenwohnung im Untergeschoss

auch ein voll möbliertes Studio für Musiker und

Brahmsforscher einzurichten. Den eigenen Stipendiaten wird

die mit einer umfangreichen Brahms-Bibliothek, einer Notenund

Tonträgersammlung sowie mit einem Flügel ausgestattete

Wohnung für einen Arbeitsaufenthalt von drei Monaten

zur Verfügung gestellt. Und wie finanziert sich das Haus? Aus

Spenden, Eintrittsgeldern und den Überschüssen aus den

Baden-Badener Brahms-Tagen, einer viertägigen Konzertreihe,

welche die Brahms-Gesellschaft alle zwei Jahre im Festspielhaus,

im Kurhaus und im Brenners Park-Hotel abhält.

Hier kommt man dem genialen Komponisten noch einmal

ungleich näher: „In meinen Tönen spreche ich!”

28 LIVING & LIFE


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TIPPS

RAUCHMELDER

KÖNNEN LEBEN

RETTEN …

WIE VIEL WÄRME

BRAUCHT DER MENSCH?

Die optimale Temperatur eines Wohnraums liegt

laut Bundesumweltamt bei 20 Grad Celsius. Im

Schlafzimmer darf es mit rund 16 Grad auch etwas

kühler sein. Wer seine Wohnung überhitzt, zahlt

kräftig drauf. Dabei spart man mit jedem Grad weniger

rund sechs Prozent Energie und viel Geld. Je

nach Heizungsart, Quadratmetern und Gebäudetyp

reicht die Ersparnis für einen kleinen Wochenendtrip.

Unser Tipp: Wer sich erst ab 24 Grad in

seinen vier Wänden richtig wohlfühlt, ein warmer

Pullover oder Kuscheldecke schaffen Abhilfe. Die

nächste Heizkostenabrechnung kommt bestimmt.

… allerdings nur, wenn sie richtig angebracht

sind. Experten empfehlen, die

Rauchmelder in jedem Raum in der

Raummitte, mindestens aber auf jeder

Etage, mit einem Mindestabstand von

50 Zentimetern zu Wänden und Möbeln

zu befestigen. Sie sind in der Regel auf

Räume von 60

Quadratmetern

ausgelegt. Besonders

ratsam ist

die Anbringung

in zentralen Räumen

wie Fluren.

Für Küchen und

Badezimmer gibt

es Spezialmelder,

die normalen Wasserdampf von Rauch

unterscheiden können. Seit Januar 2017

sind Rauchmelder in allen Wohnungen

Pflicht.

WWW.RAUCHMELDER-LEBENSRETTER.DE

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STAATLICHE FÖRDERUNG

FÜR DENKMALPFLEGE

Wer eine denkmalgeschützte Immobilie sanieren will, muss eine

Reihe rechtlicher Vorgaben beachten. Diese reichen von der

denkmalrechtlichen Genehmigung über Vorgaben zur Wärmedämmung

bis hin zur energieeffizienten Klima-Sanierung. Für

die Klima-Sanierung beispielsweise können Hauseigentümer

Finanzierungs- und Fördergelder der staatlichen KfW-Bank in

Anspruch nehmen. Die Förderbank vergibt zinsgünstige Kredite

für Komplettsanierungen und für Einzelmaßnahmen wie eine

Dach- oder Fassadendämmung. Vorausgesetzt, die Energieeffizienz

wird deutlich verbessert – je besser die Energieeffizienz,

desto mehr Förderung ist also drin.

30 LIVING & LIFE


TIPPS

Parkplatz Hausflur

Schuhe, Sprudelkasten oder Kinderroller – der Vermieter legt fest, was

im Hausflur alles stehen darf. Wichtigstes Kriterium ist das Freihalten

von Rettungswegen, damit im Notfall Blumenkübel oder ähnliches nicht

den Weg versperren. Kinderwagen, Rollstuhl und Gehhilfen dürfen laut

Bundesgerichtshof dann an geeigneter Stelle abgestellt werden, wenn

sie den Fluchtweg nicht behindern (Az.: V ZR 46/06). Garderoben und

Schuhschränke sind in der Regel nicht erlaubt (Az.: 15 Wx 198/08).

Ebenso dürfen Fahrräder nicht in den Hausflur, wie das Amtsgericht

Hannover entschieden hat (Az.: 71 II 547/05). Auch gilt: Mitbewohner

sollten generell nicht beeinträchtigt werden, wie zum Beispiel durch

kurzfristig vor der Haustür abgestellte Mülltüten.

LEGIONELLEN-PRÜFUNG STEHT AN

FÜR VOGELHÄUS-

CHEN AUF DEM

BALKON GIBT ES

REGELN

Im Winter freuen sich Spatzen,

Meisen und Amseln über eine

Futterstelle. Wer in einer Mietwohnung

wohnt und die Piepmätze

unterstützen möchte, sollte ein

paar Regeln beachten. Vogelhäuschen

dürfen ohne Zustimmung des

Vermieters nicht an der Fassade

verankert werden – außer an einer

bestehenden Verankerung für

eine Wäscheleine. Sie sollten so

aufgestellt sein, dass kein Vogelkot

auf andere Balkone fällt. Sollte es

dennoch zu größeren Verschmutzungen

kommen, kann der Vermieter

das Aufstellen der Futterstelle

verbieten. Tauben und Möwen

füttern ist grundsätzlich verboten.

Legionellen können in geringen Konzentrationen über das

Grundwasser in Trinkwasseranlagen gelangen und schwere

gesundheitliche

Folgen haben.

Gebäudeeigentümer

sind daher

verpflichtet,

alle drei Jahre

in Häusern, in

denen die Zentralheizung

auch

das Trinkwasser

erwärmt, eine Legionellen-Prüfung

durchzuführen.

Von der Prüfpflicht befreit sind Ein- und Zweifamilienhäuser.

Mieter können vorbeugen, indem sie regelmäßig drei

Minuten heißes Wasser laufen lassen und den Raum verlassen,

um das Einatmen des Wasserdampfes zu verhindern.

WWW.UMWELTBUNDESAMT.DE

LIVING & LIFE 31


GUNTER FLEITZ

SEHNSUCHTSORTE

G E SPRÄCH MIT D E M AUS BAD E N-BAD E N STAMMEND E N A R CHITEK T E N

G U NTER F L EITZ ÜB E R D I E F A SZINATION UND KRAFTQUELLE BAD E N-BAD E N S ,

Ü B E R A R CHITEK T UR IN UNTERSCHIED L ICHEN KULTUREN UND Ü B E R W O HL-

FÜHLRÄUME FÜR M I TARB E ITER IN U N TERNEHMEN / P L ANUNG UND G E STAL-

TUNG D E R BÜRORÄUME D E R I M MOB I LIEN R E GIONAL AG IN BAD E N-BAD E N

VON HORST KOPPELSTÄTTER

Showroom, Drubba Moments, Titisee-Neustadt

Was sind Sehnsuchtsorte für Sie?

Fleitz: Das ist sehr subjektiv und hängt von persönlichen

Vorlieben ab. Erinnerungen an Orte

werden oft auch von Erlebnissen und anderen

Menschen geprägt. Wir versuchen das natürlich

in unserem beruflichen Alltag einfließen zu

lassen. Wir haben gerade in Frankfurt in einem

sehr modernen Hochhaus eine Unternehmensberatung

gestaltet und da gibt es Kreativ-Räume,

die wir der Hochhausarchitektur entgegensetzen.

Die drei Kreativ-Räume dort bieten ganz zugespitzt

solche Sehnsuchtsräume.. Der erste ist der

„Dschungelraum“, dann die „Wunderkammer“

und passend zu Hessen eine „Appelwoistube“.

Also Räume, die ganz bewusst mit der effizienzgetriebenen

Bürostruktur brechen. Es ist auch

mit einem Augenzwinkern gemacht. Was wollen

wir erreichen? Vielleicht eine andere Atmosphäre

schaffen und ein bisschen Stress lösen bei den

Mitarbeitern. Das erzeugt eine entspannte Atmosphäre

und so etwas wie Gemütlichkeit als Inspirationsquelle.

32 LIVING & LIFE


G U N T E R

FLEITZ

studierte Architektur

in Stuttgart, Zürich

und Bordeaux. Er

war zunächst für

Steidle+Partner

in München tätig,

bevor er für das

Büro Prof. Stübler

die Projektleitung für

die Sanierung des

Bundesgerichtshofs

in Leipzig übernahm.

Gemeinsam

mit Peter Ippolito

gründete er 2002 die

Ippolito Fleitz Group,

die die beiden

seitdem gemeinsam

leiten. International

bekannt wurde das

multidisziplinäre

Designstudio mit

Innenarchitektur-,

Kommunikationsund

Produktdesignprojekten.

Viele der

Arbeiten wurden mit

namhaften Preisen

ausgezeichnet,

darunter mehrere

iF Gold, red dot

und ADC Awards.

2015 wurden Peter

Ippolito und Gunter

Fleitz als die ersten

deutschen Gestalter

aus dem Bereich der

Innenarchitektur in

die „Interior Design

Hall of Fame“ aufgenommen.

Gunter

Fleitz ist Mitglied

des BDA Baden-

Württemberg.

LIVING & LIFE 33


RUBR IK

Palace of International Forums »Uzbekistan«

Was ist für Sie Gemütlichkeit, was bedeutet Wohlfühlen?

Fleitz: Wohlfühlen ist heute für zeitgemäße Arbeitswelten

ganz wichtig geworden. Da gehört beispielsweise auch eine

gute Raumakustik dazu. Der schönste Raum kann unbehaglich

sein, wenn die Sprachverständlichkeit schlecht ist.

Das Thema Wohlfühlen prägt die Konzepte für moderne

Büros. Das hängt letztlich aber von den Menschen ab, die

dort arbeiten, und muss individuell aufgebaut sein. Das Arbeitsumfeld

ist heute stark inspiriert aus dem Bereich des

Wohnens, die Menschen sollen gerne an ihrem Arbeitsplatz

und in einem inspirierenden Umfeld sein. Die Unternehmen

investieren immer mehr in den Arbeitsplatz eines

jeden Mitarbeiters. Das sind wichtige weiche Faktoren der

Zukunft. Die Bezahlung allein reicht künftig nicht mehr

aus. Nur so lassen sich die besten Talente gewinnen.

Wie schaffen Sie es auf Ihre Kunden optimal einzugehen?

Fleitz: Zuhören ist der Schlüssel. Wir müssen sehr eng

an den Kunden herankommen, um ihn zu verstehen. Wir

stellen immer noch mal Fragen und überraschen die Auftraggeber

damit oftmals, dass wir vorhandene Strukturen

infrage stellen. So lernen wir unsere Auftraggeber immer

besser kennen und verstehen, was sie wirklich wollen. Briefings

werden heute immer kürzer. Wir gehen den anderen

Weg und versuchen am Anfang, längere Gespräche zu

führen und bauen eine große Nähe auf. Was uns auszeichnet,

sind starke Konzeptionen, Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit.

Daraus entsteht am Ende Vertrauen. Wir

müssen das natürlich auch gut vermitteln können.

Können Sie drei Gründe nennen, was ein gut gestaltetes Büro auszeichnet?

Fleitz: Erstens: Konzentriertes Arbeiten zulassen mit

Funktionalität und Akustik im Open-Space und zusätzlich

ein breites Angebot an Rückzugsräumen schaffen.

Zweitens müssen wir es schaffen, den Zusammenhalt zu

fördern innerhalb des Unternehmens, also gute Kommunikation

anbieten. Das kann durch vielfältige Angebote

informeller Kommunikation erfolgen, wie beispielsweise

Stehbesprecher, Lounges und Treffpunkte mit Getränkeangeboten

um den Teamgeist zu fördern und über Fachbereiche

hinaus die Menschen in einem Unternehmen

34

LIVING & LIFE


GUNTER RUBR FLEITZ IK

IDENTITY

ARCHITECTS

Die Ippolito Fleitz Group ist ein

multidisziplinäres Studio für Gestaltung

mit Sitz in Stuttgart, Shanghai

und Berlin. Anspruch des Büros

ist es, die komplexe Identität der

Kunden in eine angemessene

Gestaltung zu übersetzen. Dabei

verstehen sich die Gestalter und

Kreativen als „Identity Architects“.

Identität ist für sie ein fließender

Prozess, den sie in Architektur,

Produktdesign und Kommunikation

begleiten. Die Basis des

Gestaltungsprozesses bildet eine

starke konzeptuelle Idee, die sich

in Raum wie Kommunikation

übertragen lässt. Derzeit besteht

das Team aus 80 Architekten,

Innenarchitekten, Produkt- und

Kommunikationsdesignern aus 16

Nationen.

Das Gerber,

Stadtkaufhaus,

Stuttgart

zusammenzubringen und somit die Unternehmenskultur

zu fördern.

Woher beziehen Sie Ihre Inspirationen?

Fleitz: Wir reisen viel. Wir haben unsere Handschrift,

haben aber keine sich wiederholende Designsprache und

gehen immer wieder aufs Neue auf unsere Kunden ein.

Viele Inspirationen kommen aus dem Kunstbereich, wir

schauen uns sehr viele Ausstellungen an. Und wir arbeiten

natürlich auch international und da fließt vieles ein. Es ist

extrem inspirierend, sich von anderen Kulturen anstecken

zu lassen. Wir versuchen, immer wieder neues Design,

neue Materialien und Materialkonzepte zu entwickeln

oder auch zu entdecken.

Wie passen Sie sich anderen Kulturen international an, etwa in China

oder Russland?

Fleitz: Wir haben ein sehr internationales Team mit 80

Mitarbeitern aus 16 Nationen. Es ist uns wichtig, die andere

Kultur zu verstehen und darin einzutauchen. Wir haben

beispielsweise in Usbekistan ein neues Regierungsgebäude

gebaut. Es war eine Herausforderung, dieses Land zu

verstehen, aber es ist uns gelungen – gemeinsam mit den

Menschen, die dort leben. Das ist ein kulturell reiches Land

an der Seidenstraße, mit einer unglaublichen ornamentalen

Kultur. Das haben wir aufgenommen, aber dann versucht,

selbst zu interpretieren. Es wurden moderne Räume

geschaffen, die auch mit der Historie verbunden sind. Das

waren 45.000 Quadratmeter, die wir in Rekordgeschwindigkeit

geplant und gebaut haben. Das lässt sich auf alle

Länder übertragen, auch auf Russland und China. Wir haben

auch immer einheimische Mitarbeiter im Team.

Können Sie uns etwas zur Planung des Büros der Immobilien Regional

AG in Baden-Baden sagen? Wie war da Ihre Herangehensweise?

Fleitz: Zunächst haben wir uns intensiv mit dem Gebäude

auseinandergesetzt, haben uns der Firma genähert. Die

Frage lautete: Was wollen wir verändern? Geplant war ein

Büro auf zwei Ebenen. Aber auch eine angemessene Empfangssituation

war wichtig, da die Zielgruppe sehr unterschiedlich

ist. Es kann jemand vorbeikommen, der bei der

Wohnungsverwaltung einen Schlüssel abholt, aber auch

LIVING & LIFE 35


RUBR IK

Büro Immobilien Regional AG in Baden-Baden

GEMÜTLICH K E IT ALS I N S P I RATIONSQUELLE

Denkerzelle

ein ausländischer Kunde, der eine große repräsentative

Villa kaufen will. Dennoch soll es nicht zu elitär sein, aber

eine Hochwertigkeit ausstrahlen. Die Showroom-Situation

im Erdgeschoss gibt einen Blick in die Zukunft und die

nächste Generation. Deshalb waren da die Töchter und

Mitarbeiter von Firmeninhaber Martin Ernst eingebunden.

Zum Konzept gehört ebenso der Treffpunkt für die

Mitarbeiter, wo alle locker zusammenkommen können –

ein Platz, der sehr gut angenommen wird. Die große Aufgeschlossenheit

des Auftraggebers hat uns sehr geholfen.

Es ist eine Chance für das Unternehmen, dieses in eine

nächste Qualitätsstufe zu entwickeln. Uns war es wichtig,

dass die Räume eine Wohnkompetenz ausstrahlen, die

sich auf die Kunden überträgt und die Besucher inspiriert.

Wir haben mit Holz und behaglichen Teppichen gearbeitet.

Es gibt viele farbenfrohe Akzente und eine große Lebendigkeit.

Letztlich geht es auch um Lebensfreude und

eine Inspirationsquelle für alle, die hier arbeiten und sich

hier aufhalten. Das darf man natürlich nicht übertreiben,

denn es handelt sich ja um ein sehr seriöses Unternehmen,

das für Tradition und Vertrauen steht. Zu bunt sollte es

also auch nicht sein. Das hat uns sehr viel Spaß gemacht

in der Umsetzung.

Sie sind in Baden-Baden Steinbach geboren und aufgewachsen, heute

sind Sie in der ganzen Welt unterwegs. Was ist das Besondere an

dieser Stadt an der Oos?

Fleitz: Baden-Baden ist für mich Heimat. Da leben meine

Eltern. Ich bin immer noch sehr gerne dort. Es ist die

außergewöhnliche Lage, die Landschaft, diese Ausstrahlung,

die Emotionen weckt. Und die mediterrane südliche

Stimmung. Baden-Baden ist historisch sehr gut erhalten

– vom Friedrichsbad bis zum Museum Frieder Burda

oder der Kunsthalle und dem Festspielhaus. Welche Stadt

in dieser Größe hat schon ein solches kulturelles Angebot?

Baden-Baden hat einen großen Erlebnisraum, etwa in der

Lichtentaler Allee oder bei der Stourdza-Kapelle. Das sauge

ich auf. Letztlich sind es aber die Menschen. Es gibt wenige

Ecken in Deutschland, wo die Menschen so viel Wärme und

Herzlichkeit ausstrahlen. Baden-Baden hat im Übrigen eine

enorme Internationalität und Eleganz, man spürt die Nähe

zu Frankreich und der Schweiz. Ich kann dort Kraft tanken.

Mit dem Weg ins Studium zunächst in Stuttgart, dann

in Zürich und Bordeaux, habe ich Baden-Baden verlassen.

Aber ich komme immer gerne zurück. Ich habe die Stadt

besonders schätzen gelernt, als ich einige Jahre weg war. Sie

strahlt Lebensfreude aus und hat eine besondere Energie.

36

LIVING & LIFE


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RUBR IK

C ANDELA

W O LFGANG L A NGNER UND M A R K U S W Ö R G A U

38

LIVING & LIFE


CANDELA

LICHT IST DIE

VORAUSSETZUNG

FÜR UNSER LEBEN

G E SPRÄCH MIT D E N L I CHTD E SIGNERN UND G R ÜND E RN VON „C A N D E L A “ I N

BAD E N-BAD E N, M A R K U S W Ö RGAU UND W O LFGANG L A NGNER, ÜB E R BEHAGLICHK E I T ,

A R CHITEK T UR, FEHLEND E S V I TAMIN D UND D I E GUTE ALTE G L ÜHB I RNE

VON HORST KOPPELSTÄTTER

Licht macht uns die Welt sichtbar - warum ist Licht so elementar

wichtig?

Markus Wörgau: Licht ist eine Voraussetzung für das

Leben an sich. Ob wir uns in unserem Lebensraum wohlfühlen,

hängt auch von der bewussten und unterbewussten

Wahrnehmung des Lichts ab. Behaglichkeit zuhause, Freude

am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, das richtige Licht

spielt dabei eine große Rolle. Licht beeinflusst unseren

Tag-Nacht-Rhythmus, unsere Motivation und die Gesundheit.

Heißt also auch, dass die falsche Beleuchtung negative

Folgen für uns hat. Wenn wir zu wenig in der Sonne sind,

fehlt es uns an Vitamin D. Wenn die Beleuchtung zuhause

am Abend zu kühl ist, fahren wir nicht runter.

Wie beeinflussen oder verändern Sie Architektur mit Licht?

Wolfgang Langner: Mit Licht können wir den Betrachter

oder den Besucher durch ein Gebäude führen. Wir können

auf Gestaltungselemente hinweisen, die dem Architekten

wichtig sind. Über die Beleuchtung können wir stilprägende

Elemente – etwa in einem historischen Altbau – hervorheben

oder weniger Imposantes in den Hintergrund treten

lassen. Wir können schwere Gebäudeteile leichter wirken

lassen, indem wir beispielsweise ein Lichtband am Boden

entlang planen. Große Wandflächen lassen sich ebenfalls mit

Licht sehr gut unterteilen. Wir können mit Licht bei Bedarf

auch mehr Tiefe schaffen, als vielleicht vorhanden ist. Oder

durch richtig gesetzte Lichteffekte eine Fassade oder einen

Garten nachts ganz anders erscheinen lassen als tagsüber.

Wie eng hängen Licht und die Wirkung eines Raumes zusammen?

Wörgau: Unserer Meinung nach definiert das Licht erst

den Raum. Zum einen über die Anordnung und Verteilung

des Lichts. Wir können mit gerichtetem Licht raumprägende

Objekte wie Erker, Treppen oder Kunstwerke hervorheben

oder eine komplette Wand als Reflexionsfläche nutzen.

Der Raumeindruck ist dadurch ein ganz anderer. Ebenso

kann man über die direkte oder indirekte Beleuchtung bestimmter

Flächen das empfundene Raumvolumen beeinflussen,

insbesondere die Raumhöhe. Zum anderen aber

auch über die Art des Lichts, die Lichtfarbe, die Blendfreiheit.

Wärme und Behaglichkeit empfinden wir in unserem

Wohnraum nur mit dem richtigen Licht. Die Gestaltung

und Möblierung eines Raumes alleine reicht dafür nicht

aus. Genauso wenig können Angestellte in ihrem Büro produktiv

arbeiten, wenn das Licht nicht stimmt. Sie ermüden

schneller oder werden vielleicht sogar krank.

LIVING & LIFE 39


RUBR CANDELA IK

„Licht beeinflusst unseren Tag-Nacht-Rhythmus,

unsere Motivation und die Gesundheit“

Reden wir über Licht und Stimmungen: Wann ist Licht eher technisch

und wann eher sinnlich? Trauern Sie auch der alten Glühbirne nach?

Langner: Natürlich trauern wir der Glühbirne nach –

das tun wir doch alle. Uns fehlt das warme Licht. Neben

dem Sonnenlicht war die erste Lichtquelle von uns Menschen

das Feuer. Alles Positive, was wir damit verbinden,

die Wärme, die Behaglichkeit, Sicherheit in der Nacht und

eben auch diese warme Lichtfarbe, waren mit der Glühbirne

doch perfekt verpackt. Ihr Licht war im wahrsten Sinne

des Wortes sinnlich und hat Stimmung erzeugt. Wir planen

diese Art Licht hauptsächlich im privaten Wohn- und

Schlafbereich ein, in Gärten, Restaurants, eben überall

dort, wo wir uns zuhause fühlen wollen. Das technische

Licht spielt für uns im Objektgeschäft eine große Rolle,

etwa im gesamten Officebereich, bei der Praxisbeleuchtung,

in Geschäften mit Lichtstärken, die sich dem Tageslichteinfall

anpassen, Lichtfarben, die sich je nach Tageszeit

verändern lassen. Das gesamte Thema Orientierung

und Sicherheit fällt hier rein, Notbeleuchtung, beleuchtete

Hinweisschilder und Fluchtwege, Licht im öffentlichen Bereich.

Technisches Licht ist meist kühler, es hat eine Funktion

oder unterstützt uns beim Funktionieren.

Woher beziehen Sie Ihre Inspirationen für neue Arten von Licht?

Langner: Neben einigen anderen Messen besuchen wir

die light + building in Frankfurt und die Euroluce in Mailand,

das sind mit Abstand die wichtigsten Veranstaltungen

zum Thema Licht und Beleuchtung. Ansonsten gilt es,

mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und aufzusaugen,

was geht.

Also ist Italien nach wie vor der Maßstab für gutes Design im Lichtund

Leuchtenbereich?

Wörgau: Italien ist nach wie vor en vogue. Aber auch aus

Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern

haben wir inzwischen tolle Entwürfe in der Ausstellung.

Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, als Lichtdesigner zu arbeiten?

Wörgau: Da hat uns das Leben zufällig beide hingespült.

Beleuchtung hat uns interessiert, wobei Licht zu meiner

Studienzeit an der Uni in Stuttgart leider noch kein Thema

war. Unsere Wege haben sich dann in einem Einrichtungshaus

in Stuttgart gekreuzt, Herr Langner war dort Abteilungsleiter

der Leuchtenabteilung. Dass in diesem Markt

und in dieser Branche ein riesiges Vakuum existiert, wur-

40

LIVING & LIFE


CANDELA

de uns schon vor über 20 Jahren klar. Licht und Beleuchtung

war mehr als nur der klassische Einzelhandel und das

Verkaufen von Leuchten. Die Kunden wollten Beratung,

Hausbesuche, Lichtplanung und Beleuchtungskonzepte,

und das hat uns gereizt.

Verraten Sie uns ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind, vielleicht

in Baden-Baden?

Wörgau: Da gibt es ein paar, die wirklich unglaublich viel

Spaß gemacht haben und ganz toll geworden sind. Es ist

schwierig, eines hervorzuheben. Vielleicht die Kinderkrippe

im Klostergarten in Lichtental, die wir für Rolf Metzmaier

gestalten durften. Das war in seinem gesamten Verlauf

schon außergewöhnlich harmonisch und warmherzig,

und es hat vielen Menschen gezeigt, dass die Candela keineswegs

nur eine Institution für Superreiche ist, sondern

dass wir tolle Lösungen anbieten, auch wenn das Budget

eben nicht gegen unendlich geht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welches Beleuchtungsprojekt

würde Sie besonders reizen?

Wörgau: Die Ruine des Alten Schlosses hoch über Baden-

Baden mit Licht in Szene zu setzen.

Welchen Trend sehen Sie beim Lichtdesign?

Langner: Licht wird in Zukunft zu einem ganz wesentlichen

Gestaltungsmittel in der Architektur. Ein schönes, aktuelles

Beispiel dafür ist die Elbphilharmonie. Das Licht wird

in Zukunft noch kleiner, noch flacher verpackt sein. Es wird

viel effizienter und wird dabei noch heller, noch brillanter.

Wir können dadurch Licht noch besser als Werkzeug einsetzen,

um Atmosphäre zu schaffen, es auf unsere Bedürfnisse

abstimmen, und es wird sich viel einfacher steuern lassen.

Ich denke, dass wir Licht viel häufiger an allen möglichen

Produkten wiederfinden werden, an Schmuck, Kleidung,

wahrscheinlich sogar an Lebensmittelverpackungen. Licht

wird unseren Alltag noch mehr durchdringen.

LEUCHTENSTUDIO CANDELA

Im August 2000 eröffnete das Leuchtenstudio

Candela im Gebäude des Steigenberger Hotels

Europäischer Hof. Für die beiden Firmengründer

Wolfgang Langner und Markus Wörgau war die

individuelle Lichtplanung neben dem klassischen

Einzelhandel Teil des Konzepts.

Durch zunehmende Aufträge im Objektgeschäft

wurde das Sortiment schon bald um das Haller-

System von USM und die VITRA-Möbelkollektion

erweitert.

2010 erfolgte der Umzug in die neuen Räume

am Augustaplatz. Vier Etagen Ausstellung mit

Designleuchten und -möbeln in einem liebevoll

und aufwendig restaurierten denkmalgeschützten

Galeriehaus aus dem Jahr 1870. Der Umgang der

Inhaber Wörgau und Langner mit der historischen

Gebäudesubstanz gilt inzwischen weit über Baden-

Baden hinaus als vorbildlich.

Als weiteres Standbein besteht seit 2004 die Filiale

in den Kurhaus-Kolonnaden mit dem Schwerpunkt

Designaccessoires.

WWW.CANDELA-BADEN-BADEN.DE

LIVING & LIFE 41


DER LAMP ENANZ ÜNDER

„ES IST, ALS OB ER

EINEN NEUEN STERN

ERSCHAFFT …“

V ON A RIANE L INDEMANN

W

enn es dunkel wird in Baden-Baden, dann springt in der Kurstadt im wahrsten Sinne

des Wortes der Funke über. Das Casino wird langsam belebt, Restaurants und Bars ziehen

Gäste aus aller Welt an. Spaziergänger schlendern in der Dämmerung durch den Kurpark.

Klaus Peter von der Bäder- und Kurverwaltung Baden-Baden ist gerade dabei, das letzte Gaslicht

anzuzünden. Rund 20 Minuten hat er gebraucht, bis er durch Zünden aller sechs Gaslaternen den

Platz vor dem Kurhaus in eine romantische Stimmung versetzt hat. Passanten sehen ihm gerne zu.

Von Hellrosa bis Pastellorange schimmern die Lichter, bevor ihr warmes Gelb den Platz vor dem

Kurhaus erhellt. Rund 700 dieser stilvoll verzierten Gaskandelaber gibt es noch in Baden-Baden.

Bis auf die sieben Rundmantellaternen vor dem Kurhaus werden mittlerweile alle anderen automatisch

gezündet und frühmorgens um sechs Uhr wieder gelöscht.

WIE VOR 100 JAHREN

Mit einer langen Stange legt Peter an jeder einzelnen Lampe einen Hebel, den Gashahn, um, der

die Gaszufuhr steuert. Er ist einer von 13 Hauswarten des Kurhauses, die abwechselnd jeden Abend

mit langen Stangen zur Tat schreiten. Es zischt leise. Mit einem entzündeten Docht am Ende einer

anderen Stange werden jetzt die eigentlichen Lampen, also die Glühstrümpfe, angezündet, die sich

zuvor vollständig mit Gas füllen müssen. „Schwierig wird es bei Regen oder Wind, wenn die Flamme

immer wieder erlischt“, erklärt Peter. Bei schönem Wetter wird Peter oft von Touristen, die ihm

fasziniert zusehen, um ein gemeinsames Foto gebeten.

BESONDERE AUSSTRAHLUNG

„Wenn er seine Laterne anzündet, ist es, als ob er einen neuen Stern erschafft oder eine Blume.

Wenn er seine Laterne löscht, wiegt er Blume oder Stern in den Schlaf.“ So beschreibt der Schriftsteller

Antoine de Saint-Exupéry in seinem Buch „Der Kleine Prinz“ den Beruf des Laternenanzünders.

Dabei war der Beruf in früheren Zeiten wenig beschaulich. Heute geht es mehr um das

Bewahren einer langen Tradition, die mit dem Gaslicht verbunden ist. Denn das Licht, das durch

die Mischung von Gas und Luft entsteht, hat eine ganz besondere Farbtemperatur, die ein heimeliges

Flair erzeugt.

42 LIVING & LIFE


RUBR IK

D ER LAMPENANZÜND ER

LIVING & LIFE 43


RUBR IK

WIE VIELE L I C HTE R

V E R DAN K E N NUR I H R E M L E U C HTE R ,

D A S S MAN S I E S I E H T !

Christian Friedrich Hebbel (1813–1863)

Den Hauch Nostalgie, den sich die Stadt mit den echten

Gaslichtern vor dem Kurhaus bewahren möchte, lässt sie

sich einiges kosten. Gas, regelmäßige Wartung und Beschaffung

der nicht gerade billigen Glühstrümpfe, die immer

wieder ausgetauscht werden müssen, gehen ganz schön

ins Geld. Rechnet man die Arbeitszeit obendrauf, wird

deutlich, weshalb die Bäder- und Kurverwaltung (BKV),

der die Lampen gehören, lieber heute als morgen auf LED

umrüsten würde.

Auch andere Städte müssen aus Kostengründen um den

Erhalt der Gaslichter bangen. Allein in Berlin leuchten allabendlich

über 42.000 Gaslaternen. Baden-Baden gehört

zu den letzten Bastionen der Gasbeleuchtung in Deutschland.

Hier eingeführt hatte die Laternen der Unternehmer

und Pächter der Spielbank Edouard Bénazet im Jahr 1845.

„Irgendwann werden wohl auch diese Lampen automatisiert,

wie die meisten anderen in Baden-Baden“, sagt Peter.

Einerseits als „Stangenmänner“ verspottet, aber vielfach

auch romantisch verklärt – die Umstellung auf Fernzündung

hat den Beruf des reinen Lampenanzünders inzwischen

überflüssig gemacht. Für die Stadt Baden-Baden sind

die Gaslaternen vor dem Kurhaus und die damit verbundenen

Rituale des Anzündens ein sympathisches Bekenntnis

zum Bewahren liebgewonnener Traditionen. Denn wie

heißt es so schön am Ende des „Kleinen Prinzen“: „Das ist

ein schöner Beruf. Das ist wirklich sehr nützlich, weil es

schön ist.“

44

LIVING & LIFE


RUBR IK

STAR

KOCH

UNTER KLASSIK - S T ARS

H A RALD W OHLFAHRT,

DEUTSCHLAND S

B E RÜHMTESTER KOCH,

VERFEINERT AB

S A ISONB E G I N N

D I E S P EISEN D E R

A I D A - G A S T R O N O M I E

IM F E STSPIELHAUS

er Drei-Sterne-Koch Harald

D Wohlfahrt berät seit Mitte

2017 das Festspielhaus Baden-Baden

in kulinarischen Fragen. Das Festspielhaus

und der Spitzenkoch, der

mehr als drei Jahrzehnte die berühmte

„Schwarzwaldstube“ im Baiersbronner

Hotel „Traube Tonbach“

und damit eines der besten deutschen

Restaurants leitete, vereinbarten eine

entsprechende Zusammenarbeit.

„Ich weiß von Künstlerinnen und

Künstlern, aber auch von Konzertbesuchern,

die ihren Aufenthalt

verlängert haben, um einen

Abend bei Harald Wohlfahrt in der

„Schwarzwaldstube“ zu verbringen“,

erklärt Festspielhaus-Geschäftsführer

Michael Drautz. Der Coup, den

Küchenkünstler als Berater zu gewinnen,

passt in die Strategie des größten

deutschen Opernhauses, seinen Gästen

einen rundum gelungenen Abend

zu bereiten. Harald Wohlfahrt kochte

natürlich auch schon in seiner Funktion

als Küchenchef der „Schwarzwaldstube“

für Künstler, die auch im

Festspielhaus Baden-Baden auftraten

– darunter unter anderem Anne-

Sophie Mutter. Sabine Bernhard,

Leiterin der Festspielhaus-Gastronomie,

erinnert sich noch gern an

eine erste intensive Zusammenarbeit

im März 2017. Für das Dinner zum

musikalischen Ausklang des G20-Finanzgipfels

im Festspielhaus bereitete

Harald Wohlfahrt den Hauptgang:

Kalbsmedaillon und geschmortes

Kalbsbäckchen im Kräutermantel

mit Parmesan-Chip, Hummus und

Spitzmorcheln an Schalottenjus.

„Unser Team erstarrte fast vor Ehrfurcht“,

so Bernhard.

Die Gäste waren begeistert und Gastgeber

Wolfgang Schäuble bedankte

sich persönlich bei den Köchen. Harald

Wohlfahrt: „Wir haben natürlich

auch auf andere Kulturen Rücksicht

genommen, deshalb war der Hauptgang

ohne Schwein und es gab einen

vegetarischen Hauptgang: Risotto

mit gebratenen Kräutersaiblingen

und glacierten Spitzmorcheln.“ Aber

Harald Wohlfahrt ist nicht nur Perfektionist,

sondern auch Pragmatiker,

Allüren sind ihm fremd, er geizt nicht

mit seiner Kunst.

46 LIVING & LIFE


HARALD

W O H L F A H RT

Wohlfahrt weiß, dass er im AIDA-

Restaurant im Festspielhaus an eine

erfolgreiche Entwicklung anknüpfen

kann. Er will Ideen entwickeln und

mit dem Team um Küchenchef

Andreas Hack weiter vorankommen.

Trends hinterherzulaufen war ohnehin

nie die Sache des bodenständigen

Kochkünstlers, der seine Karriere im

Baden-Badener Restaurant „Stahlbad“

begann. Harald Wohlfahrt

schwärmt von den Zwetschgen, den

Himbeeren, dem Spargel der Region,

von den Jahreszeiten, die er in der

AIDA-Karte „einfangen“ möchte.

Es geht um Verfeinerung – und wie

im Konzertsaal sind auch in der

Küche die letzten Schritte die größte

Herausforderung. „Die Festspielhaus-

Gastronomie will diese Schritte mit

Harald Wohlfahrt gehen“, erläutert

Michael Drautz die Zusammenarbeit.

„Wir möchten unseren Gästen auf

allen Ebenen Perfektes bieten: mit den

weltbesten Künstlern und nun auch

mit einem der weltbesten Köche.“

Als Harald Wohlfahrt kürzlich in

einem Interview gefragt wurde, welchen

Spruch er seinen Mitmenschen

gern ans Herz legen wolle, lautete

seine Antwort: „Wer nicht genießt,

wird ungenießbar.“

Und was ist das Geheimnis seines

anhaltenden Erfolgs? Harald Wohlfahrt:

„Ich gehe mit der Jahreszeit

und schaue, was es auf dem Markt

gibt: Wild, Milchlamm, Rebhühner,

Fasane, Zitrusfrüchte. Das muss

wirklich zur Zeit passen. Ich lege

doch nicht bei 30 Grad Hitze im

August eine Mandarine in einen

Sternanisgewürz-Sud. Dieser Duft,

dieses Aroma sind typisch Winter.

Ich setze mich irgendwann hin

und schreibe eine jahreszeitliche

Menükarte. Das ist vielleicht wie

bei einem Musiker, der ein Stück

schreibt. Er schlägt auf dem Klavier

einen Ton an, einen Akkord, er

versucht Melodien zueinander zu

bringen.“

Harald Wohlfahrt ist in Loffenau

geboren und gilt inzwischen auch

europaweit als einer der besten Köche.

Eine Lebensweisheit hat Harald

Wohlfahrt für unsere Leser noch

bereit: „Nimm Dir die Zeit zum Kochen,

sie ist die Quelle des Glücks!“

Frage an den begnadeten Spitzenkoch:

Was schätzen Sie an Baden-Baden?

Wohlfahrt: „Baden-Baden ist eine

wunderbare Kleinstadt mit einem

Großstadtflair. Baden-Baden bietet

eine unglaublich große kulturelle und

auch gastronomische Vielfalt. Wo gibt

es das auf engstem Raum: Festspielhaus,

Südwestrundfunk, Museum

Frieder Burda, Spielbank, Thermen,

Theater und eine der schönsten

Parkanlagen weltweit? Dann der

Rosengarten oder eine Fahrt mit

der Merkurbahn mit Besuch beim

Wildgehege. Baden-Baden ist doch

einmalig! Ich habe ja schon mal zwei

Jahre in der Stadt gelebt und habe

immer gesagt, Baden-Baden ist meine

zweite Heimat.“

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble im Gespräch mit Andreas Hack, Küchenchef des Festspielhauses Baden-Baden, Drei-Sternekoch Harald Wohlfahrt,

Martin Herrmann, Küchenchef des Hotels Dollenberg, und Bernd Werner, Küchenchef von Schloss Eberstein (von rechts nach links).

LIVING & LIFE

47


RUBR M ENSCH IK EN

48

LIVING & LIFE


PROF ESSOR HEINZ L IESEN

DAS NEUE SCHLOSS ALS

KULTURZENTRUM FÜR

DIE DEUTSCH-FRANZÖSISCHE

FREUNDSCHAFT?

G ESPRÄCH MIT D E M RENOMMIER-

TEN S P ORTMED I ZINER P R O F E S S O R

H E INRICH L I ESEN ÜB E R D I E Z U K U N F T

BAD E N-BAD E NS, D I E EINSTIGE

S OMMERRESID E NZ VON C L A R A

S CHUMANN, D A S OBSTGUT L E ISB E R G

UND SEINE Z E IT MIT D E R F U S SBA LL-

NATIONALMANNSCHAFT UND F R A N Z

BECK E N B AUER

er Blick aus dem Fenster fällt auf einen wunderschönen

Garten mit einem riesigen Redwoodbaum in der

D

Mitte und mehr als 200 Rosen. Direkt dahinter die Oos,

mit einer kleinen Brücke zur Lichtentaler Allee und der

Klosterwiese. Die Szene wirkt wie aus einem Bilderbuch.

Hier lebt der emeritierte Sportprofessor Heinz Liesen mit

seiner Frau Viola. Liesen hatte einst als Arzt die Fußballnationalmannschaft

unter Franz Beckenbauer medizinisch

betreut. Heute engagiert sich der 76-Jährige im Stadtrat in

Baden-Baden.

Professor Liesen, was ist eigentlich das Einmalige an Baden-Baden?

Professor Heinz Liesen: Baden-Baden kennt man auf

der ganzen Welt. Diese Stadt hat sich das Flair des 19. Jahrhunderts

erhalten. Mit einer einzigartigen Einbindung in

die Natur. Heute sind noch viele Attraktionen dazugekommen,

die einmalig sind. Es sind natürlich das Museum Frieder

Burda und das Festspielhaus, aber auch das Spielcasino

und die Nähe zu Frankreich und die großen Gemeinsamkeiten

mit dem Nachbarland. Baden-Baden müsste wieder

eine Position wie damals, als einstige Sommerhauptstadt

Europas, erlangen.

Und wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Baden-Baden?

Liesen: Am Anfang vor 16 Jahren habe ich mich, ehrlich

gesagt, gar nicht so richtig wohlgefühlt hier. Ich hatte vorher

einen kleinen Bauernhof aus dem 13. Jahrhundert in

der Nähe von Köln, den ich über 30 Jahre Zug um Zug

renoviert habe. Renovieren ist mein Hobby. Erst als ich

hier in Baden-Baden das Glück hatte, wenige Meter von

unserem Wohnhaus entfernt, ein ziemlich heruntergekommenes

Gebäude zu erwerben, hat sich das geändert. Das

Haus direkt an der Oos hat für mich ein faszinierendes

Flair und sollte eigentlich abgerissen werden, um Appartementhäuser

zu bauen. Dort hatte jahrelang die Pianistin

und Komponistin Clara Schumann ihre Sommermonate

verbracht. Ich habe das alte Haus über zwei Jahre in Eigenarbeit

komplett renoviert. Erst damit bin ich eigentlich hier

in Baden-Baden angekommen. Und natürlich auch wegen

meiner Frau, die mich hierher geholt hat.

Sie waren weltweit unterwegs, sind jetzt hier in Baden-Baden gelandet

und politisch im Stadtrat tätig, was läuft gut und was läuft

schlecht in dieser Stadt?

Liesen: Womit soll ich anfangen? Ich finde, die Verwaltung

hier in Baden-Baden ist total aufgebläht. Es kommen

oft viel zu lange keine Entscheidungen zustande und es

fehlen ein Konzept und ein roter Faden für die Stadt. Im

Baubereich sind viele Fehler gemacht worden, es gibt unglaubliche

Bausünden ...

LIVING & LIFE 49


PROF ESSOR HEINZ L IESEN

Können Sie Beispiele nennen?

Liesen: Was jedem Besucher sofort auffällt,

ist die Deutsche Bank. Das kann doch nicht

wahr sein, solch ein Klotz mitten im Herzen

der Stadt. An der Stelle war ursprünglich ein

traumhaft schönes Gebäude, das abgerissen

wurde. Es gibt viele negative Beispiele. Das

schadet uns auch bei der Bewerbung, Weltkulturerbe

zu werden.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit einer Ernennung

Baden-Badens als Weltkulturerbe?

Liesen: Ich setze große Hoffnungen darauf,

dass dann solche Bausünden nicht mehr begangen

werden. Was mich auch sehr stört, ist

der massive Sanierungsstau, den wir haben.

Die Fieserbrücke und andere Brücken dürften

eigentlich schon gar nicht mehr von Lastwagen

befahren werden. Das wurde alles verschlafen.

Sie sehen ja auch das Drama am Leopoldsplatz

oder auch am Augustaplatz und der Lichtentaler

Straße. Wenn wir nicht aufpassen, gerät

Baden-Baden in eine kritische Phase. Wir haben

heute schon extrem hohe Leerstände in

den Geschäften. Damit fehlt den Gästen eine

wichtige Attraktion. Was ich auch kritisiere:

Baden-Baden ist keine Bäderstadt mehr. Es

gibt nicht mal mehr 50 Patienten jährlich, die

zu einer Bäderkur kommen, es gibt kaum noch

Bäderärzte und es gibt kein Konzept dafür.

Ich finde es schlecht, dass das jahrtausendealte

Thermalwasser im Original gar nicht mehr zu

bekommen und zu trinken ist. Die Bäderkultur

geht verloren.

Liegt das auch an Privatisierungen?

Liesen: Sicherlich auch. Die Privatisierung

führt dazu, dass die Betreiber Geld verdienen

wollen und nicht mehr die Frage im Vordergrund

steht, was für diese Stadt wichtig ist.

Und noch ein Problem: das Neue Schloss. Das

ist doch Namensgeber und einer der Ursprünge

hier in Baden-Baden. Ein Jammer, was da

passiert.

PROFESSOR

HEINZ LIESEN

war jahrzehntelang

einer der bekanntesten

Sportmediziner

im deutschen Raum.

Mehr als 20 Jahre

war er an der Sporthochschule

in Köln.

18 Jahre betreute

er die Feldhockey-

Nationalmannschaft.

Franz Beckenbauer

hat ihn vom Hockey

zum Fußball geholt.

Liesen war als

Sportmediziner auch

in anderen Sportarten

wie Radfahren oder

Ringen, ja sogar in

der Nordischen Kombination

engagiert.

Liesen: „Ich habe

viel Wissenschaft

gemacht, habe das

aber auch angewandt.

Das war meine

Philosophie, das war

mein Weg.“

Wie ist der Lösungsansatz?

Liesen: Das kann nicht von Baden-Baden

allein gelöst werden. Dieses Schloss und diese

Stadt haben einen sehr starken Bezug zu Frankreich.

Hier ist die deutsch-französische Freundschaft

nach dem Zweiten Weltkrieg besiegelt

worden. Es gibt nirgendwo in Deutschland einen

Ort, der so eng mit Frankreich verbunden

ist. Ich meine, wir brauchen ein Zentrum für

deutsch-französische Freundschaft. Das könnte

das Neue Schloss in Baden-Baden sein. Es gibt

für diese Idee Unterstützung der EU und der

Bundesregierung. Dafür sind auch europäische

Fördergelder vorhanden. Das Neue Schloss

wäre eine Begegnungsstätte, ein Kulturzentrum,

da lässt sich sehr viel daraus machen. Das

muss dann auch für die Bürger geöffnet und

belebt werden. Auch der Florentinerberg und

der Marktplatz – da muss in den nächsten Jahren

unbedingt etwas passieren.

Und was läuft gut in Baden-Baden?

Liesen: Was unheimlich gut läuft, ist das Engagement

privater Leute im kulturellen Bereich.

Das Festspielhaus in dieser Form, privat

getragen und auf eigene Initiative, ist weltweit

einmalig. Die Berliner Philharmoniker kommen

von Salzburg nach Baden-Baden. Das ist

doch ein Wert, der immens ist. Das, in Verbindung

mit dem Museum Frieder Burda, dem

Museum und Schachzentrum von Wolfgang

Grenke, sucht Seinesgleichen. Wer weiß schon

wirklich, dass die Baden-Badener Mannschaft

quasi Bayern München im Schach ist. Es gibt

in Deutschland nichts Vergleichbares.

Wenn Sie schon Bayern München ansprechen, was

können Sie denn aus Ihrer Zeit mit Franz Beckenbauer

und der Betreuung der Fußball-Nationalmannschaft

erzählen?

Liesen: Meine Erfahrungen hatte ich als

Hochschullehrer an der Sporthochschule Köln

in verschiedenen Sportarten gesammelt. Dann

kam Franz Beckenbauer und hat mich für die

Fußball-Nationalmannschaft engagiert. Ich

wollte das ursprünglich nicht. Ich hatte vorher

schon Bundesligatrainer ausgebildet in einem

neuen Fach: in Sportmedizinischer Trainingslehre.

Das war genau das, was Beckenbauer für

seine Mannschaft wollte. Ich habe viele neue

Methoden eingeführt und wir waren erfolgreich

damit. Damals ging es ja zur WM nach

Mexiko. Da waren Trinken, also ausreichend

Flüssigkeit für den Körper, Aufwärmprogramme

und Regeneration von großer Bedeutung.

50 LIVING & LIFE


ANNE-SOPHIE MUTTER

RUBR IK

Das gab es damals so noch nicht. Ich habe eingeführt, dass

die Kreativität des Gehirns bei den Sportlern durch ganz

andere Dinge als Fußballspielen regeneriert wird, beispielsweise

durch Golfspielen. Franz Beckenbauer hat das

sofort verstanden. Aber da gab es zunächst große Widerstände

beim DFB. Am Ende waren alle glücklich damit,

auch wenn wir in Mexiko nur Vizeweltmeister wurden.

Nach dem Endspiel bekamen dann alle die Silbermedaille,

Franz auch. Franz Beckenbauer holte alle Spieler zusammen,

sie waren deprimiert, weil es nicht für den WM-Titel

gereicht hatte. Franz rief mich dazu und hielt eine kleine

Rede. Er sagte, wir sind viel weiter gekommen als jeder geträumt

hat und wir haben das Endspiel erreicht, was für

eine Leistung. Dann sagte er, einer, dem wir das Meiste zu

verdanken haben, das wäre ich. Er kam zu mir und hängte

mir seine Silbermedaille um den Hals. Das hat mich unglaublich

berührt. Mit Franz Beckenbauer ist bis heute eine

enge Freundschaft geblieben. Vier Jahre später wurden wir

in Rom gemeinsam Weltmeister.

Kommen wir nochmal zurück nach Baden-Baden. Wie ist die Geschichte

vom Obstgut Leisberg?

Liesen: Das liegt ja gerade hier gegenüber von unserem

Haus. Das Obstgut ist so romantisch, das kann doch nicht

einfach geschlossen bleiben. Es bedurfte großer Überzeugungsarbeit,

bis sich die Stadt entschlossen hat, dieses Gelände

der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da sind

tolle Bäume und eine kleine Scheune drin, wunderschöne

Wiesen, einfach eine Idylle hier in der Stadt. Das kann

man den Menschen doch nicht einfach vorenthalten. Das

ist gelebte Politik. Das Gelände ist auch im Kerngebiet

des Weltkulturerbes. Aber jetzt ist es wieder für alle zugänglich.

Und wie kam es zu den Blumen auf den öffentlichen Brücken?

Liesen: Ende Oktober leert die Stadt alle Blumenkästen

an den öffentlichen Brücken. Das finde ich unmöglich.

Gerade im Winter, wenn alles so trostlos, tot, wirkt. Bei

meinem türkischen Freund, dem Blumenhändler auf dem

Lichtentaler Markt, habe ich winterharte Blumen gekauft

und eingepflanzt. Die Bürger und Gäste freuen sich, sind

darüber glücklich. Hoffentlich motivieren solche kleinen

Aktionen auch andere.

Noch eine letzte Frage, wie hält sich der Sportprofessor fit?

Liesen: Mit Sport geht nicht mehr so viel, ich hatte vier

Hüftoperationen, aber mich halten vier bis sechs Stunden

Gartenarbeit oder das Renovieren unseres Hauses fit. Das

ist meine beste Medizin!

DAS GESPRÄCH FÜHRTE HORST KOPPELSTÄTTER

LIVING & LIFE 51


RUBR INTERV IKIEW

WIE

WOHNEN

UND

ARBEITEN

WIR

MORGEN?

Moderne Büroräume: Immobilien Regional AG in Baden-Baden

52 LIVING & LIFE


RUBR IK

G E SPRÄCH MIT D E M I N HAB E R D E R I M MOB I LIEN R E GIONAL AG, M A RTIN E R N S T ,

UND SEINER T OCHTER T H ERESA-L U ISA E R NST ÜB E R EINE GUTE W O R K - L I F E - B A L A N C E ,

ATTRAK T IVE BÜROWELTEN, D E N RASANTEN N A TUR- UND F L ÄCHENVERB R AUCH UND

D I E Z U K U NFT BAD EN-BAD ENS

LIVING & LIFE 53


INTERV IEW

Wie werden wir künftig wohnen?

Martin Ernst: Vorhersagen sind immer

sehr schwierig. Überlegen müssen

wir uns alle, ob wir den Natur- und

Flächenverbrauch in diesem Tempo

fortführen, wie wir dies momentan

tun. Zu erhalten ist meiner Ansicht

nach ein historischer Stadtkern. Was

spricht allerdings dagegen, in genau

definierten Quartieren, in die Höhe

zu bauen? Wichtig ist, in allen Bereichen

die Erholung der Menschen in

Natur- und Flussauen zu sichern. Das

geht nicht mehr, wenn wir die gesamte

Grünfläche dem Beton opfern.

Theresa-Luisa Ernst: Wahrscheinlich

in einem komplett automatisierten

Haushalt.

Wird Besitz überhaupt noch diese Bedeutung

haben? Es gibt eine Sharing-Tendenz,

etwa etwa beim Auto. Wird das beim Haus

auch einmal kommen?

Martin Ernst: Es liegt in den Urgenen

der Menschen, dass sie sich ihr

eigenes Nest bauen. Kein Vogel ist

bereit, sein Nest mit anderen zu teilen.

Genauso ist dieses Grunddenken

in jedem Menschen vorhanden. Er

will sein eigenes Nest bauen und seine

eigene Familie gründen. Ich glaube

beim Wohnen nicht an den Sharing-

Gedanken.

Theresa-Luisa Ernst: Das sehe

ich etwas anders. Die Autorin Rachel

Botsman hat sich in ihrem Buch

„What‘s mine is yours“ intensiv damit

befasst. Das Thema ist ja schon seit ein

paar Jahren in aller Munde und wird

sich auch im Bereich Wohnen oder

Häuser weiterentwickeln. Airbnb ist

ja bereits ein erfolgreiches Unternehmensmodell.

Besonders in Großstädten,

wo es viele Pendler beziehungsweise

Berufstätige gibt, und auch mit

der Zunahme an Singlehaushalten

wird das Thema sicherlich signifikanter

werden. Nicht jeder möchte dann

viel Geld in die Miete stecken oder

gar über Eigentum nachdenken, wenn

man nur eine geringe Zeit in den „eigenen“

vier Wänden verbringt. Die

Relevanz des Wohneigentums rutscht

somit einfach in eine spätere Lebensphase,

wenn entschieden wurde, wo

man sich final niederlässt.

Wie verändern sich Arbeitswelten?

Martin Ernst: Ein Büro ohne Klimatisierung

ist für die Zukunft nicht mehr

denkbar. Jeder Investor von Büroimmobilien

muss dies in seiner Planung

berücksichtigen. Die Mobilität, also

das kostenlose Parken für die Mitarbeiter,

halte ich auch für sehr wichtig und

dann muss die Umgebung im Büro

selbst attraktiv sein und den Menschen

mit allen Sinnen ansprechen.

MAN MUSS SICH DARAUF

E INSTELLEN, DASS ES

WENIGER GROS S E B Ü R O S

GEBEN UND ES MEHR

AUF G EMEINSCHAF T LICHE

„ W O R K S P A C E S “

HINAUSLAUF E N WIRD

Theresa-Luisa Ernst

Theresa-Luisa Ernst: Arbeitswelten

müssen sich den neuen Generationen

anpassen. Work-Life-Balance ist nun

auch schon seit Jahren in aller Munde

und viele Unternehmen haben sich

durch flexible Arbeitsmodelle, wie der

Möglichkeit, sich von zuhause oder

unterwegs in die Server einzuloggen,

umgestellt. Dies geht natürlich nicht in

allen Branchen. Der Generation Y, zu

der ich auch gehöre, ist es auch wichtig,

dass die Arbeit Spaß macht. Das

kann nur passieren, wenn dadurch das

Privatleben nicht zurückstehen muss.

Ich denke, dass wir aber durch unsere

Technologieaffinität, Multi-Tasking-

Fähigkeit und frühe Selbstständigkeit

auch effizienter geworden sind. Das

heißt, man muss sich darauf einstellen,

dass es weniger große Büros geben

wird und es mehr auf gemeinschaftliche

„Workspaces“ hinauslaufen wird.

Viele Themen werden jetzt und auch

in Zukunft sicherlich ausschließlich

mit Videotelefonie und keiner persönlichen

Anwesenheit geregelt werden.

Spart Zeit und Geld.

Sie haben ein altes Gebäude komplett zum

modernen Büro umgebaut, wie war hier Ihr

Ansatz?

Martin Ernst: Ein Grundsatz von

mir ist: Ich mache etwas entweder

richtig oder gar nicht. Nachdem unser

ursprünglicher Plan, das Objekt

abzureißen, daran scheiterte, dass die

Stadtverwaltung meinte, dass dieses

Objekt stadtbildprägend für den Augustaplatz

ist, mussten wir diesbezüglich

vollkommen umdenken. Ich bin

heute sehr glücklich, dass ich das Designbüro

Ippolito Fleitz kennenlernen

durfte und wir den Umbau gemeinsam

realisieren konnten. Qualität kostet

immer Geld, hat allerdings auch

den längsten Bestand.

Wie sind Sie auf die internationalen Architekten

Ippolito Fleitz gekommen?

Martin Ernst: Ich habe von Ippolito

Fleitz gelesen und diese wurden

mir auch empfohlen. Ich rief Herrn

Fleitz einfach an und fragte ihn, ob

er sich vorstellen könnte, in der „Weltstadt“

Baden-Baden tätig zu werden.

Er sagte sofort: „Warum nicht, ich

bin gebürtig aus Baden-Baden Steinbach.

Mein Vater wohnt heute noch

dort.“ Das Büro baut in der ganzen

Welt und wurde kürzlich in die Hall

of Fame des internationalen Designs

aufgenommen. Die erfolgreichen Architekten

sind absolut natürlich, sympathisch

und bescheiden geblieben.

Was ist diesen Architekten in Ihrem neuen

Büro gelungen?

Martin Ernst: Aus unserer Sicht ein

absoluter Wurf. Man sieht sofort die

Handschrift eines einzigartigen Innenarchitekten

und wir können das

ganze Werk nur als absolut gelungen

bezeichnen.

54 LIVING & LIFE


ERNST & RUBR ERNST IK

LIVING & LIFE

55


INTERV IEW

Theresa-Luisa Ernst: Das Büro

hat wirklich Wohlfühlcharakter und

ist modern, stylisch und repräsentativ.

Die offene Gestaltung fördert den

Austausch zwischen den Mitarbeitern

und es gibt genügend Rückzugsorte

für Meetings oder diverse Lounges, in

denen man in unkomplizierter Atmosphäre

einmal Dokumente durchlesen

oder Gespräche führen kann. Ich

selbst war vor meinem Einstieg hier

bei der Immobilien Regional AG bei

einem internationalen Unternehmen

in Frankfurt angestellt. Dort sind wir

vor drei Jahren auch in ein komplett

neues Büro gezogen. Unser Büro hier

in Baden-Baden steht diesem in gar

nichts nach und man merkt sofort,

dass hier renommierte Architekten

am Werk waren.

Wo steht Baden-Baden heute?

Martin Ernst: Leider nicht mehr

dort, wo es vor 50 Jahren stand. Baden-Baden

muss erhebliche Anstrengungen

unternehmen, um das Niveau

im Blick auf Sauberkeit, Gartenpflege,

die Substanz der Straßen und Brücken

wieder zu erreichen. Der Name

Baden-Baden strahlt nach wie vor in

die ganze Welt und ist bekannter als

unsere Landeshauptstadt Stuttgart.

Wer Baden-Baden allerdings kennt

wie wir, sieht, dass sich vieles nicht

zum Besseren verändert hat.

Wie erklären Sie einem Fremden irgendwo

in der Welt, was Baden-Baden ausmacht?

Theresa-Luisa Ernst: Baden-Baden

is so nice that they had to name it twice!

Baden-Baden ist eine einzigartige Stadt

mit vielen tollen Bauten und Einrichtungen.

Es ist landschaftlich wunderschön

am Fuße des Schwarzwalds gelegen

und hat herrliche Grünflächen.

Durch das Museum Frieder Burda und

das Festspielhaus ist Baden-Baden international

bekannt und die Stadt wird

auch für junge Leute interessanter.

Bleibt der Markt für Immobilien in Baden-

Baden so stark?

Martin Ernst: Nennen Sie mir eine

mit Baden-Baden vergleichbare Stadt

in Europa. Ihnen wird keine einfallen.

Damit beantwortet sich Ihre Frage

von selbst.

Wie ist die Situation mit ausländischen und

speziell russischen Immobilienkäufern?

Martin Ernst: Baden-Baden hatte

immer Villen, in denen ein ganz bestimmtes

Land extrem vertreten war.

Nach dem Krieg gab es die arabische

Welle, die japanische Welle, die amerikanische

Welle. Kürzlich die russische

Welle. Jeder Insider weiß, dass

jedem Wellenberg auch wieder ein

Wellental folgt. Deswegen war uns

schon lange klar, dass die russische

Welle auch wieder abnehmen wird.

Dies ist bei den sehr hochpreisigen

Immobilien geschehen – bei den niederpreisigen

nicht. Aber was ist daran

verkehrt, wenn der Markt sich bei realen

Preisen stabilisiert?

Was wird sich in Baden-Baden in den

nächsten zehn Jahren verändern?

Martin Ernst: Ich hoffe sehr, dass

sich die Pflege der Parks, die Sauberkeit

der Innenstadt und der Sanierungsstau

bei Straßen, Brücken und

Plätzen wesentlich verbessern lässt.

Was wünschen Sie sich für Baden-Baden?

Theresa-Luisa Ernst: Ich wünsche

mir für Baden-Baden, dass die Stadt

weiterhin durch Entwicklungen wie

das Roomers und The Grill noch attraktiver

für junge Leute wird und

auch einen Hauch von Großstadtflair

erhält. Zudem können solche Magnetpunkte

sicherlich auch unserem

Einzelhandel helfen, der ja momentan

sehr leidet.

Was ist die Stärke eines Familienunternehmens?

Martin Ernst: Man hat nicht jedes

Quartal Bilanzzahlen zu veröffentlichen

und muss hungrige Kapitalanleger mit

immer größeren Renditenversprechen

ködern. Der Famlienunternehmer

denkt eher wie ein Forstwirt. Dieser

weiß, dass er die Baumsetzlinge, die er

heute in den Boden bringt, frühestens

in 50 bis 60 Jahren ernten kann – also

zwei Generationen später. Ich denke,

dass Qualität und Solidität an oberster

Rangstelle stehen.

Theresa-Luisa Ernst: Ein Familienunternehmen

denkt nicht in Quartalen

sondern in Generationen und ist

deswegen langfristig orientiert. Es gibt

kurze Entscheidungswege und viel Eigenverantwortung,

die Arbeitnehmer

sicherlich schätzen. Es wird meiner

Meinung nach auch eine größere Bindung

zum Unternehmen aufgebaut

und macht die Mitarbeiter loyaler.

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56 LIVING & LIFE


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RUBR IK

DAVID HOCKNEY

DIE L U ST AN D E R F R EIHEIT

58 LIVING & LIFE


D A V ID HOCK NEY

DER M A LER DAVID H O C K N EY LIEB T BA D E N-BAD E N

UND AN D E R O O S ENTSTAND E N ERSTE I P A D - Z E ICHNUNGEN

J E TZT WURD E ER 80 JAHRE ALT

VON S TEF AN T OLK SDORF UND HORST KOPPELSTÄTTER

ein anderer hat den Moment des Verschwindens so

K kongenial ins Bild gesetzt. „A Bigger Splash“ heißt

das erste Gemälde, das einem beim Namen „David Hockney“

in den Sinn kommt: ein Swimmingpool kurz nach

dem Köpfer vom Sprungbrett, der Moment des Abtauchens

einer Person, von der nur das aufspritzende Wasser

zeugt – man hört es förmlich spritzen – umso mehr, als

die Umgebung des Pools von fast aseptischer Stille ist. Ein

Sekundenbruchteil, wie ihn nur die Kamera festzuhalten

vermag. Tatsächlich malte Hockney das Bild 1967 nach einem

Foto, erstaunt darüber, dass er für die Abbildung einer

Sekundensequenz ganze zwei Wochen brauchte.

Der junge Engländer war fasziniert von der Sonne und der

Weiträumigkeit Kaliforniens, die er drei Jahre zuvor gegen

das rußschwarze Bradford und die Enge des Elternreihenhauses

eingetauscht hatte. Auch die körperliche Freizügigkeit

gefiel dem bekennenden Homosexuellen. Zuvor an der

Royal Academy hatte er seinem Bedürfnis nach Körperlichkeit

in frechen halbabstrakten Bildern mit Schriftzügen

und becketthaften Figuren Ausdruck verliehen, sämtlich

von gedeckter Farbigkeit. Hier nun, unter dem blauen

Himmel Kaliforniens, in Santa Monica und in Hollywood,

lebte er sich aus. In einigen Bildern aus jenen Jahren der

Befreiung lässt er nackte Männer im Pool schwimmen.

Umso erstaunlicher, dass das Objekt der Begierde in „A

Bigger Splash“ ganz in die Malerei abtaucht, ja darin verschwindet.

Ein programmatisches Bild.

Denn eben darum geht es Hockney in seiner berühmten

Swimmingpool-Serie: eine Malerei zwischen Figürlichkeit

und Abstraktion oder, besser gesagt, um den Einbruch eines

anderen Sehens in die Alltagswelt. Die zu Kringeln

und tanzenden Linien abstrahierten Lichtmuster auf dem

Boden des Pools oder an der Wasseroberfläche – sie verändern

nicht nur die Wahrnehmung, sondern den gesamten

Bildraum. Er war und ist das Dauerthema im ebenso vielseitigen

wie überzeugenden Werk dieses Malers, Zeichners,

Grafikers, Fotografen und Bühnenbildners.

VERSTECKTE SPIEGEL

Es geht ihm um die Erweiterung der Perspektive durch

die Öffnung des Raums. „Der Raum ist eine Illusion, im

Gegensatz zur Zeit, die ich nachweislich dafür brauche,

ihn zu gestalten“, sagte Hockney. In seinem spannenden

Buch über die Geheimnisse der Alten Meister („Secret

Knowledge: Rediscovering the Lost Techniques of the Old

Masters“, 2001) führt uns der Autor zurück zum Beginn

des zentralperspektivischen Zeichnens – zu Filippo Brunelleschi,

den genialen Erbauer der Domkuppel von Florenz.

Hockney zufolge soll er bei der ersten perspektivischen

Zeichnung der europäischen Kunstgeschichte technische

Hilfsmittel – versteckte Spiegel – verwendet haben. Der

Maler, der sich ein Leben lang zur gegenständlichen Malerei

bekannte, sieht in der um 1420 entwickelten Zentralperspektive

indes eine Verengung des Blicks.

LIVING & LIFE 59


RUBR K UNST IK

David Hockney „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“ 1972, Acrylic on canvas, 84 x 120", © David Hockney

Photo Credit: Art Gallery of New South Wales / Jenni Carter

In vielen seiner großformatigen, in Kalifornien entstandenen,

farbintensiven Bilder bricht er mit diesem Seh-Prinzip

und bietet, ebenso wie in seinen Fotocollagen („Ein Foto

reicht mir nicht!“), mehrere mögliche Perspektiven und

Standpunkte an. Damit gibt er dem Betrachter eine neue

Freiheit. Dieser soll sich nun selbst in Beziehung zum Bild

setzen, statt nur den Vorgaben des Malers zu folgen. Eine

perspektivische Öffnung des Raumes, die der nach England

Heimgekehrte in den 2000er-Jahren durch seine

Neuentdeckung der Landschaftsmalerei fortsetzte: menschenleere

Ausschnitte von Feldern und Baumgruppen,

weitflächige Panoramen von Yorkshire, die farblich an sein

frühes aperspektivisches Bild „Mulholland drive“ anknüpfen.

Nur scheint der Blick auf die klar konturierte Landschaft

hier konventioneller, weiter entfernt von der Grenze

zur Farbfeldmalerei. Was wie eine Neuauflage des Naturmalers

John Constable im Gewand des virtuellen Zeitalters

anmutet, ist aber keineswegs frei von Romantik.

Der Maler, der in L.A. oder New York so oft und gern ins

Club- und Partyleben eintauchte, genießt nun die Stille.

Diese meist großformatigen Panoramen – das Bild „Bigger

trees near water“ misst etwa 12,2 mal 4,4 Meter und besteht

aus 50 einzelnen Leinwänden – schmeicheln durchaus

dem Auge. Hockney scheut sich nicht, die Schönheit

der Baumformen und eine scheinbar vollkommene Landschaft

zu feiern, die gleichwohl immer auch Nutz-Natur ist:

Gefällte Bäume ragen uns entgegen, von Hecken gezirkelte

Wiesen und Felder segmentieren den Blick.

Die Augen des Malers aber suchen die Weite – seinen

höchsteigenen Begriff von Freiheit. Natur, sagt Hockney,

sei für ihn das Synonym für Unendlichkeit. Konservativ

ist der Brite nur auf den ersten Blick. Als erster Künstler

von Weltrang begann er auf iPhone und iBook zu malen

– Bilder, die wirken, als wären sie mit dem Aquarellpinsel

aufgetragen.

60

LIVING & LIFE


DAVID HOCKNEY

„Der Raum ist eine Illusion, im Gegensatz zur Zeit,

die ich nachweislich dafür brauche, ihn zu gestalten“

Jahrzehnte zuvor hatte sich der kongeniale Zeichner schon

als Druckgrafiker und Fotograf einen Namen gemacht. Für

große Opernhäuser wie die Metropolitan Opera entwarf

er phantastische Bühnenbilder, etwa für „Die Zauberflöte“,

Benjamin Brittens „The Rake´s Progress“ oder Erik Saties

„Parade“. Im letzteren Fall, wie auch auf vielen Bildern

der 90er-Jahre, ist der Einfluss von Henri Matisse unverkennbar.

Hockneys Hero aber bleibt Picasso. An dessen

kubistische Raumauffassung erinnern viele von Hockneys

oft mehrteiligen Bildern. Im Gegensatz zum Spanier spielt

die Figur im Werk des Briten aber eine eher untergeordnete

Rolle. Doch gibt es bei Hockney Paarkonstellationen

von der rätselhaften Statik eines Edward Hopper und der

traumhaften Entrücktheit eines Balthus.

Immer aber bleibt er sich und seiner unverwechselbaren

malerischen Handschrift treu. Wie bei seinem eindringlichen

Portrait der 1999 verstorbenen Mutter – so alt wie das

Jahrhundert, dessen künstlerische Entwicklung die Kunst

des Sohnes eindrucksvoll spiegelt. Stets ging es ihm weniger

um das Motiv, als um die Möglichkeiten der Malerei,

die alte Frage, wie wir eigentlich sehen – und wie sich die

Suche nach Freiheit visualisieren lässt. Man mag diesem

„letzten Meister der Klassischen Moderne“ einen gewissen

Konservativismus attestieren, ja eine Liebe für Sujets des

19. Jahrhunderts. Es ist seine Sinnlichkeit, seine farbliche

Frische, seine malerische Akkuratesse, die David Hockney

zu den gefragtesten und herausragenden Künstlern der

Gegenwart machen. Nur mit Pop-Art, wie immer wieder

zu hören, hat seine Kunst denkbar wenig zu tun. Hockney

ist und bleibt ein Solitär, der sich jeder Einordnung entzieht:

ein Anarchist, wie er sich selbst nennt – wenngleich

alles andere als ein „angry old man“.

Im vergangenen Jahr war er der Star der Frankfurter

Buchmesse, wo er das im Taschen-Verlag erschienene

„A Bigger Book“ vorstellte, seinen 500-seitigen Oeuvre-

Katalog, der im aufgeklappten Zustand mit einem eigens

designten Buchständer ganze zwei Meter misst und sage

und schreibe 2.000 Euro kostet. Ein grandioses Buch, das

seinesgleichen sucht.

A BIGGER BOOK

Im Taschen-Verlag ist ein außergewöhnliches

Buch zu David Hockney erschienen:

David Hockney. A Bigger Book, Taschen

Hardcover, 498 Seiten, 13 Ausklappseiten,

50 x 70 cm, mit einem von Marc Newson entworfenen

Buchständer und einem illustrierten

640-seitigen Begleitbuch, € 2.000

Limitierte Collector’s Edition von 9.000

signierten Exemplaren. Ebenfalls erhältlich in

vier verschiedenen Art Editionen von jeweils

250 signierten Exemplaren mit einer iPad-

Zeichnung.

Cover Artwork by David Hockney „Garden with Blue Terrace“ 2015 (detail)

Acrylic on canvas, 48 x 72", © David Hockney

LIVING & LIFE 61


RUBR B LAU IK IN DER K UNST

David Hockney ist regelmäßig in Baden-Baden: Hier vor dem Museum Frieder Burda.

David Hockney liebt Deutschland, am meisten Baden-Baden.

Seit vielen Jahren kommt er regelmäßig ins legendäre

Brenners Park-Hotel direkt an der Lichtentaler Allee. Von

da ist es nur ein Steinwurf rüber ins schneeweiße Museum

Frieder Burda, dessen Ausstellungen der berühmte Maler

regelmäßig besucht. Er macht nie ein großes Aufhebens

darum, dass er weltweit zu den Stars der zeitgenössischen

Malerei zählt. Er kommt einfach vorbei, plaudert mit den

Damen an der Kasse, schaut sich alles an und geht oft wieder,

ohne dass ihn jemand erkannt hat. Frank Marrenbach,

Chef des Brenners Park-Hotel, kann von vielen sympathischen

Begegnungen mit David Hockney erzählen. Eines

Tages brachte Marrenbach David Hockney und Sammler

Frieder Burda zusammen und beide haben sich prächtig

verstanden bei einer spontanen Einladung, die Burda für

den erfolgreichen Künstler in seinem Privathaus mit herrlichem

Blick über die Stadt gab.

Hockney besucht auch mal gerne die Thermen oder bummelt

einfach durch die Stadt. In der Kulturstadt an der Oos

entstanden auch die ersten iPad-Zeichnungen von Hockney.

Im Brenners Park-Hotel hatte er die Idee und deshalb

kann man heute beispielsweise ein Stillleben Hockneys aus

dem Hotel („Nachttisch am Bett“) oder das Bild „Baden-

Badener Villa in Höhenlage“ bewundern. Eine Hommage

an eine Stadt, in der sich der Maler wohlfühlt und die

Hockney aus vielen Gründen sehr schätzt.

Seit einigen Jahren hat der britische Künstler seinen

Hauptwohnsitz wieder am Mulholland Drive über der

Skyline von Los Angeles. Leuchtend farbig wie seine Bilder

sind auch die Wände seines Hauses, das sich hinter Palmen

und subtropischer Vegetation versteckt. Da liegt er

nun, die ehedem blondierten Haare grau, mit seiner noch

immer unverkennbaren schwarzgerahmten runden Brille,

schmaucht ein Zigarettchen und erfreut sich seines rundum

erfüllten Lebens – natürlich an seinem Swimmingpool.

Im Sommer 2017 wurde er 80 Jahre alt.

Chapeau David Hockney!

62

LIVING & LIFE


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RUBR IK

64

LIVING & LIFE


RUBR IK

DER MIT

DEM FUCHS

TANZT

B E GEGNUNG MIT DEM S CHWARZWÄLDER

N A TURF OTOGRAF E N K L AUS E CHLE

LIVING & LIFE 65


KLAUS

E C H LE

VON HORST KOPPELSTÄTTER

Warum taucht der Fuchs so oft in Ihren Motiven auf?

Klaus Echle: In meinen Augen ist der Fuchs ein sehr

schönes Tier, er ist charismatisch, aber auch umstritten.

In der Literatur hat der Fuchs fast nie eine positive Stellung.

Bei vielen Menschen gibt es Ängste vor dem Fuchs,

das reicht von Tollwut bis zum Fuchsbandwurm. Für mich

ist der Fuchs ein faszinierendes Tier. Jeder, der schon mal

junge Füchse beim Spielen gesehen hat, ist davon ergriffen.

Dieser Zwiespalt ist sehr spannend. Vielleicht kann ich zu

einem etwas besseren Image des Fuchses beitragen.

Es gibt ein Foto, das zeigt, wie Sie hinter der Kamera am Boden

liegen und gespannt beobachten. Hinter Ihnen steht ein Fuchs, der

scheinbar ebenso neugierig schaut, was Sie da eigentlich tun. Ist das

eine Montage?

Echle: Das ist natürlich keine Montage. Das war 2010, da

hatte ich so etwas wie eine Affäre mit einer Füchsin. Ich

hatte eine junge Füchsin ein halbes Jahr begleitet. Sie wurde

am Schluss so vertraut mit mir, dass ich sehr nah an

sie herangekommen bin. Dennoch blieb sie anderen Menschen

gegenüber extrem scheu …

… das heißt, Sie haben die Füchsin sehr früh getroffen und es ist so

etwas wie eine Prägung entstanden …?

Echle: … ja, es war eine persönliche Bindung auf mich

fixiert.

… aber wie hat sich die Füchsin später wieder allein zurecht gefunden?

Echle: Das war kein Problem. Es ist ja mein Anliegen,

dass der Fuchs selbstständig bleibt und selbst jagen muss.

Leckereien, die ich mitgebracht habe, sollten also eher nur

ein kleines Dessert sein und nicht mehr. Wir haben auch

ein Buch darüber geschrieben: „Fuchs ganz nah“. Es ist im

BLV-Verlag erschienen und ist sehr erfolgreich.

Welche Eigenschaften braucht ein erfolgreicher Tierfotograf?

Echle: Eine gewisse Verrücktheit gehört dazu, Leidenschaft

und viel Geduld. Der Naturfotograf ist ja fast ständig

draußen. Und man will immer besser werden. Das ist

wie bei einem Sportler. Eigentlich bin ich eher unruhig und

ungeduldig, aber beim Fotografieren habe ich das nötige

Sitzfleisch.

Wenn Sie bei schlechtem Wetter unterwegs sind und vergeblich warten,

verfluchen Sie dann Ihr Hobby nicht manchmal?

Echle: Der Vorteil ist, man kommt ja schnell wieder an die

Wärme, selbst wenn es nass und kalt sein sollte beim Foto-

66 LIVING & LIFE


RUBR IK

grafieren. Es ist ja nur eine begrenzte Zeit. Ich genieße es,

auch bei schlechtem Wetter, ja bei richtig starkem Regen,

draußen zu sein. Dann entstehen auch faszinierende Fotos.

Und ich erlebe Dinge, die es sonst bei schönem Wetter

nicht gibt.

Wie gelingt es, den Tieren sehr nahe zu kommen und sie dennoch

nicht ernsthaft zu stören?

Echle: Grundsätzlich beschäftige ich mich sehr viel mit

Biologie. Wenn ich an eine Tierart fotografisch rangehe,

muss ich zuvor sehr viel darüber wissen. Ich lese sehr viel.

Dann ist es zunächst eine Annäherung ohne Fotoapparat.

Manche Tiere sind vertrauter als die anderen. Ich muss die

Grenze herausfinden: Wie nah kann ich ran? Natürlich

setzen wir auch mal Hilfsmittel ein, wie Lichtschranken,

Fernauslöser oder Tarnverstecke. Aber Kameras sind auch

laut und ein Störfaktor. Letztlich steht immer das Tierwohl

im Vordergrund.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Ihnen ein toller „Fotoschuss“

gelingt? Merken Sie sofort, das ist jetzt ein ganz besonderes Bild?

Echle: Das ist unterschiedlich. Wobei, ich komme fast immer

nach Hause und sage, heute habe ich die besten Fotos

gemacht. Das ist sehr emotional. Manchmal spüre ich sofort,

das ist ein Super-Bild, aber oft braucht es eine gewisse

Zeit, um das zu erkennen. Es kann aber sein, dass ein Foto

nach vier Wochen, wenn die Emotionen weg sind, auch

verliert. Naturfotografie ist immer mit Adrenalin verbunden,

auch wenn gar kein Foto zustande kommt. Wenn ein

Tier auftaucht, ist das immer etwas Besonderes.

LIVING & LIFE 67


KLAUS

E C H LE

Sie waren ursprünglich Koch und haben dann Forstwirtschaft studiert.

Ist Förster ein Traumberuf?

Echle: Ja, absolut. Das ist auch eine Berufung. Ich genieße

es, draußen zu sein. Wir arbeiten täglich mit dem Produkt

Holz.

Was fasziniert Sie an unserer heimischen Landschaft im Schwarzwald?

Sie sind ja viel gereist und haben viel gesehen.

Echle: Unsere Natur wird unterschätzt. Wir haben eine

unglaublich schöne Landschaft hier im Schwarzwald. Ich

war schon in den tropischen Regenwäldern. Das sind wunderbare

Landschaften mit einzigartigen Ökosystemen,

aber über den Schwarzwald lasse ich nichts kommen. Wir

haben vier Jahreszeiten bei uns. Unsere Natur ist weltweit

unvergleichlich, wir müssen das nur entdecken.

Also nach dem Motto „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“.

Wie würden Sie denn das ganz Besondere am Schwarzwald beschreiben?

Echle: Man muss in alles eintauchen. Es ist vor allem der

Wald, es sind Tannenwälder, die es in dieser Prägung sonst

eigentlich nirgendwo gibt. Die Weißtanne ist der klassische

Baum des Schwarzwaldes mit sehr vielfältigen Waldgesellschaften.

Ein Beispiel sind die bäuerlichen Plenterwälder.

Das sind große und kleine Bäume nebeneinander, wie

eine Großfamilie unter einem Dach. Bei diesen Wäldern

leben mehrere Generationen in einem engen Gebiet zusammen.

Es gibt auch andere Tierpopulationen. Bei uns

ist es beispielsweise der Auerhahn, der ein Kulturgut unserer

Landschaft ist. Nirgendwo in Deutschland gibt es so

viele Auerhähne wie im Schwarzwald. Hier gibt es noch

viele Tiere. Die brauchen einen ganz bestimmten Wald. Es

ist unglaublich reizvoll im Schwarzwald. Der Wald ist oftmals

unterbrochen von offener Landschaft und bäuerlicher

Landwirtschaft, das ist sagenhaft schön.

Also sind die vielen Tannen nicht eintönig?

Echle: Nein, wer genau hinschaut, entdeckt diese unglaubliche

Vielfalt. Wir haben auch eine andere ganz besondere

Geologie. Im Nordschwarzwald sind es eher nährstoffarme

Böden, im Süden dagegen extrem nährstoffreiche, auch

das ist ein Auslöser für eine große Vielfalt. Anders als in

vielen Regionen in Deutschland. Im Nordschwarzwald ist

es überwiegend Buntsandstein, dazwischen Granit, und im

Südschwarzwald Gneis. Teilweise gibt es auch Vulkangestein

mit Lösauflagen.

68 LIVING & LIFE


RUBR IK

K L AUS E C HLE,

geboren 1964 in Oberwolfach, Schwarzwald. Von 1979 bis 1988 Ausbildung

und verschiedene Anstellungen als Koch mit dem Ziel, später den

elterlichen Gaststättenbetrieb zu übernehmen. Von 1988 bis 1994 jedoch

Weiterbildung und Studium zum Dipl. Ing. FH Forstwirtschaft, bekannter

als „Förster“. 1994 bis 2002 Revierleiter im Staatlichen Forstamt Alpirsbach.

Seit 2002 Revierleiter im Städtischen Forstamt Freiburg, Revier

Günterstal.

Die Fotografie betreibt Klaus Echle bereits seit der Jugend. Anfänglich

mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und überwiegend Landschaftsmotiven

und Reisefotografie. Schon während des Studiums ist er im Naturschutz,

besonders im Fledermausschutz, aktiv. Hier kamen oft Anfragen für

Vorträge, die mit ausgeliehenen Bildern stattfinden mussten. Seit 1996

ist er von der Naturfotografie ernsthaft „infiziert“. Sein Schwerpunkt:

Verhaltensweisen und ökologische Zusammenhänge ästhetisch und

künstlerisch darzustellen. Hierbei liegt ihm die heimische Natur besonders

am Herzen. 2002 wurde er als Vollmitglied in die Gesellschaft deutscher

Tierfotografen (GDT) aufgenommen. Preise beziehungsweise Highlights

bei verschiedenen Fotowettbewerben wie „Glanzlichter“, BBC „WPY“,

London (Gartenschläfer) und viele anderen. 2003 „Europäischer Naturfotograf

der Jahres“ (ENJ).

Echles Fotos werden regelmäßig in der in der Galerie Ulrich Marx in

Offenburg ausgestellt: www.marx-galleries.de

LIVING & LIFE 69


KLAUS

E C H LE

Wie sorgsam – oder auch nicht – gehen wir heute mit der Natur um?

Spüren Sie ein Umdenken?

Echle: Es gibt viele Verbesserungen. Beispielweise in der

Forstwirtschaft kommt man vollkommen vom Einsatz von

Pestiziden ab. Wir werden bewusster und naturnäher. Das

ist keine Frage. Ich sehe aber mit Sorge, dass wir einen fast

unaufhaltsamen Flächenfraß haben. Da gibt es auch einen

Egoismus im Blick auf die Natur. Hier muss jeder für sich

persönlich seine Linie finden. Ich war 2002 zum letzten

Mal auf einer großen Reise. Da bin ich zurückgekommen

und habe mir vorgenommen, nicht mehr zu reisen, auch

nicht als Fotograf. Gerade als Fotograf habe ich die Möglichkeit,

die Natur hier zu zeigen. Ich will einen möglichst

kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Das habe

ich gut 15 Jahre durchgehalten. Ich will natürlich nicht ein

Leben lang auf Reisen verzichten. Das bildet ja auch. Aber

im Blick auf die Rücksicht unserer Lebensräume muss jeder

selbst handeln und nicht darauf warten, dass es die Anderen

für einen erledigen.

Und wie verändert sich das Bewusstsein?

Echle: Das ist wirklich eine schwierige Güterabwägung.

Viele Städte in unserer Region wachsen sehr stark. Da wird

guter Wohnraum gebraucht und neue Arbeitsplätze. Es ist

eine Abwägung mit dem Naturschutz. Man kann sich da

nicht auf eine Seite schlagen. Es geht um Kompromisse und

die sind nicht einfach. Jeder muss bei sich selbst anfangen.

Es gibt einen neuen Heimatgedanken in der Gesellschaft.

Die Wertschätzung für unsere Natur ist unglaublich gewachsen.

Dazu kann ich auch als Fotograf ein wenig beitragen.

Wie schön ist es bei uns. Wir müssen nicht nach Afrika oder

sonst wohin reisen, um herrliche Natur zu erleben. Ich kann

nur sagen, wenn wir genau hinschauen, werden wir staunen

über das Wunder unserer Natur im Schwarzwald.

70 LIVING & LIFE


BRENNERS AUSAVA CLUB


STADTWALD

„ÖKOLOGISCHE VIELFALT

IST UNSERE BESTE

RÜCKVERSICHERUNG“

BEGEGNUNG MIT BAD E N-W Ü RTTEMB E RGS F ORSTPRÄSID E NTEN M A X R E G E R

Ü B E R S I TUATION UND Z U K U NFT D E R D E UTSCHEN W Ä L D E R UND D I E BESOND E R -

HEITEN D ES BAD EN-BAD ENER S T A D T WALD ES

VON HORST KOPPELSTÄTTER

Baden-Baden verfügt über die zweitgrößte Kommunalwaldfläche in

ganz Deutschland. Was zeichnet diesen Stadtwald aus?

Max Reger: Die Stadt Baden-Baden ist der größte kommunale

Waldbesitzer in Baden-Württemberg und der

zweitgrößte in der Bundesrepublik. Der Stadtwald besitzt

eine große Bandbreite an unterschiedlichsten Waldbeständen,

vom Auewald der Rheinebene über den Bergmischwald

bis in die hohen Lagen rund um die Badener Höhe.

Auf den unterschiedlichen Standorten finden sich praktisch

alle in Baden-Württemberg vorkommenden Baumarten.

Der Stadtwald rahmt die Stadt Baden-Baden in einer sehr

sympathischen Form ein – ein Schutzwald im besten Sinne

des Wortes. Neben dem klimaschonenden Rohstoff Holz

liefert der Stadtwald ausgezeichnetes Trinkwasser, gute

Luft und viel lebendigen Raum für Freizeitaktivitäten in

einer großartigen Natur-Atmosphäre. Und zu guter Letzt:

Die Stadt Baden-Baden und ihre Bürgerinnen und Bürger

stehen zu ihrem Stadtwald. Die Baden-Badener haben eine

hohe Waldgesinnung – das spürt und sieht man.

Weshalb ist Holz so faszinierend und wie sehen Sie die Zukunft von

Holz als Material für Bauwerke?

Reger: Ich selbst bin voller Leidenschaft und Begeisterung

für dieses Material. Und ich bin sicher, jeder Mensch, der

sich damit beschäftigt, teilt dies bereits nach kurzer Zeit

mit mir. In den vergangenen Jahren hat Holz als Baumaterial

eine rasante Entwicklung genommen. Holz ist der

Champion unter den Materialien, ein richtiger Hightech-

Baustoff, geworden.

Wir wissen, die anspruchsvollen Ziele im Klimaschutz sind

nur mit modernem Holzbau zu erreichen, denn über 50

Prozent unserer Primärenergie verbrauchen wir mit unseren

Bauten. Zugleich speichert die Verwendung von Holz

beim Bauen über Jahrzehnte, teils über Jahrhunderte, CO ² .

Selbst wenn wir ein Gebäude abbrechen, haben wir im

Holz immer noch einen vollständig verwertbaren Rohstoff.

Und dieser Rohstoff wächst als einziger Baustoff ganz

natürlich in unseren Wäldern ständig nach. Das bewirkt

unsere nachhaltige Waldwirtschaft. Alle fünf Sekunden

wächst praktisch ein Einfamilienhaus in unseren deutschen

Wäldern nach. Holzbau ist die Bauform, die alle Umweltauflagen

auch im Recycling problemlos erfüllt.

Mit keinem anderen Baustoff können Sie dank Vorfertigung

so präzise, wirklich auf den Millimeter genau, und

72 LIVING & LIFE


ANNE-SOPHIE MUTTER

RUBR IK

so schnell bauen. Damit ist selbst in eng bebauten Städten

jeden Tag ein neues Stockwerk fertig und die Umgebung

nur minimal beeinträchtigt. Dazu schaffen Sie mehr Fläche,

da mit Holz deutlich schlankere Wandaufbauten möglich

sind. Und dieser gesunde, trockene Bau ist sehr schnell

bezugsfertig. Nichts muss erst trocknen. Mit innovativem

Holzbau sind mittlerweile enorme Spannweiten und Höhen

möglich. In Kürze wird in Heilbronn das erste Holzhochhaus

in Baden-Württemberg entstehen. Dazu ist Holz

unser leichtester tragender Baustoff. Das ist ideal für alle

Aufstockungen, An- oder Ausbauten. Ressourcenschonender

geht es nicht. Mit keinem Material erzielen Sie eine

so hohe Wohn- und Arbeitsqualität wie mit Holz, das ein

geradezu therapeutisches Innenklima schafft. All das mit

verlässlichen Kosten.

Und bevor ich nicht mehr aus dem Schwärmen herauskomme:

Auch im gekonnten Mix mit anderen Baustoffen

präsentiert sich Holz von seiner besten Seite. Mittlerweile

entsteht jedes vierte Bauwerk in Baden-Württemberg aus

Holz. Die intelligente Zukunft im Bauen wird auf Holz

basieren, ebenso wie unsere künftige bioökonomische

Wirtschaftsweise. Materialien auf Holzbasis werden erdölbasierte

Materialien immer mehr ersetzen. Davon bin ich

überzeugt.

Im Ausland gilt die deutsche Forstwirtschaft als ausgesprochen vorbildlich.

Weshalb?

Reger: Deutschland hat sehr vielfältige und naturnahe

Wälder. Im Gegensatz zu vielen Regionen weltweit sind

auch unsere bewirtschafteten Waldflächen von einer großen

biologischen Vielfalt geprägt. Unsere Wälder sind

Heimat für über 20.000 Pflanzen und Tiere, viele davon

haben im Wald ihren letzten Lebens- und Rückzugsraum.

Dazu kommt, dass viele Menschen diese reichhaltigen

Wälder auch als besonders schön empfinden. Der Grund

dafür ist die lange Tradition einer geordneten Forstwirtschaft.

Die Nachhaltigkeit, heute Grundprinzip für viele

Lebensbereiche, wurde vor fast 300 Jahren in Deutschland

für die Forstwirtschaft erfunden. Heute ist dieses

System vielfach weiterentwickelt und ausgebaut worden

und umfasst alle Bereiche der Waldbewirtschaftung. In

Baden-Württemberg wurde dies mit einem strategischen

Nachhaltigkeitsmanagement in die praktische Arbeit vor

Ort integriert, ein Ansatz, den Sie so eigentlich nirgends

auf der Welt wiederfinden.

LIVING & LIFE 73


STADTWALD

Was macht die besondere Faszination des Schwarzwalds aus?

Reger: Seine Vielfalt und die abwechslungsreichen Landschaften.

Der Schwarzwald ist das größte Mittelgebirge

in Deutschland, er umfasst über ein Viertel der Fläche

Baden-Württembergs. Die fast baumfreien Gipfellagen

mit ihrer faszinierenden Fernsicht, der Übergang aus den

warmen Regionen des Rheintals mit den Weinbergen und

den Obstbaumregionen, die Nadelwaldgebiete im Nordschwarzwald,

die mächtigen Weißtannen mit einer Höhe

von über 50 Metern, die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt,

die mal engen, mal weiten Täler mit ihren Bächen und

Flüssen, all dies und noch viel mehr macht den Schwarzwald

mehr als besonders.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Wälder?

Reger: Der Klimawandel wird die Wälder und vor allem

die Baumartenzusammensetzung verändern. Die Effekte

nehmen wir jetzt schon wahr, aber leider gibt es keine

zuverlässigen Prognosen für das Klima in 50 oder 100

Jahren. Diese für uns Menschen sehr lange Zeitspanne ist

für den Wald eher kurz. Wir pflanzen heute Bäume, die

erst 2150 geerntet werden. Auch die Belastung durch Luftschadstoffe

setzt dem Wald noch immer zu. Auch wenn in

den letzten 30 Jahren Vieles erreicht wurde, können wir

keine Entwarnung geben.

Was ist zu tun?

Reger: Zentrales Ziel ist der Aufbau von stabilen und

vielfältigen Waldbeständen. Ökologische Vielfalt ist unsere

beste Rückversicherung gegenüber dem Klimawandel.

Dies sind in der Regel Mischbestände aus Baumarten, die

optimal zum Standort passen. Damit dies gelingt, investieren

wir viel in die Forschung und die Standortuntersuchung.

Verbunden ist dies mit der Hoffnung, dass der Klimawandel

gebremst werden kann und die Waldbestände

sich anpassen können.

Max Reger leitet als Landesforstpräsident seit 2007 die

Abteilung Waldwirtschaft und ist gleichzeitig Leitender

Geschäftsführer des Landesbetriebs ForstBW in Baden-

Württemberg. Er ist damit verantwortlich für die gesamte

Waldfläche des Landes und hat wichtige Steuerungsfunktionen

für den Staatsforstbetrieb.

74 LIVING & LIFE


STADTWALD

RUBR IK

DEN SCHWARZWALD ENTDECKEN

Mit knapp 1.500 Metern ist der Schwarzwald das höchste deutsche Mittelgebirge.

Von Pforzheim im Norden erstreckt er sich Richtung Süden über 160 Kilometer

bis zum äußersten Südwesten Deutschlands. Der Schwarzwald ist das größte geschlossene

deutsche Waldgebiet und gehört zu den beliebtesten Erholungsräumen

in Deutschland. Weit mehr als 24.000 Kilometer Wanderpfade lassen sich zu beliebig

langen Touren kombinieren. Auch auf dem Fahrradsattel ist der Schwarzwald ein

wahres Eldorado für Mountainbiker und Radwanderer.

WEITERE INFORMATIONEN: WWW.SCHWARZWALD-TOURISMUS.INFO

LIVING & LIFE 75


Herrlicher Blick von der Badener Höhe

über den Baden-Badener Stadtwald

G E SPRÄCH MIT D E M L E ITER D E R BAD E N-BAD E NER F O RSTB E HÖRD E , T H OMAS H A UCK

Was schätzen Sie am Baden-Badener Stadtwald?

Thomas Hauck: Der Stadtwald Baden-Baden hat eine

sehr lange Tradition in der touristischen Nutzung. Seit gut

180 Jahren gibt es eine eigene städtische Forstverwaltung,

die den Wald im Sinne der Stadt bewirtschaftet. Es ist ein

sehr naturnaher Wald, in dem auch der Naturschutz und

die Waldästethik eine bedeutende Rolle spielen.

Wirft solch eine große Waldfläche auch jährlich gute Erträge ab?

Hauck: Betrachtet man nur den Produktbereich Holzproduktion

und klammert die umfangreichen touristischen

Einrichtungen aus, so würden gute Erträge erwirtschaftet

werden. Leider hat der Orkan Lothar im Jahr 1999 etwa

ein Drittel des Waldes geworfen und die neu entstandenen

artenreichen Mischwälder benötigen einige Jahrzehnte an

Pflege – mit den entsprechenden Kosten.

Welche Bedeutung hat der Wald hinsichtlich Erholung und für den

Tourismus?

Hauck: Die Erholungs- und Freizeitnutzung hat eine sehr

hohe Bedeutung. Neben einem umfangreichen Wanderwegenetz

gibt es auch Angebote für Mountainbiker, Schutzhütten

und Einrichtungen, wie unser vielbesuchtes Wildgehege.

Besonders hervorzuheben ist, dass die Stadt gute 400 Hektar

ihres Waldes als Nationalpark zur Verfügung gestellt hat und

dort zwei sehr attraktive Erlebnispfade eingerichtet sind.

Gibt es eine Stelle, die Sie im Baden-Badener Stadtwald besonders

lieben?

Hauck: Eine schwierige Frage, da der Wald so unterschiedliche

Facetten hat, aber besonders schön ist sicherlich der

Blick vom Turm der Badener Höhe auf gut 1.000 Meter

über Meereshöhe über den Stadtwald bis hin in die benachbarten

Vogesen.

Welchen Wanderweg in Verbindung mit dem Baden-Badener Stadtwald

würden Sie empfehlen?

Hauck: Ein sehr schöner Weg ist unser Panoramaweg, der

auf 40 Kilometern die Stadt umrundet, dabei herrliche

Ausblicke eröffnet und sich zwischen Streuobstwiesen und

dem Wald bewegt. Natürlich ist er auch in Teilabschnitten

zu begehen.

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76 LIVING & LIFE


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EIN

BEGEGNUNG MIT D E R

J A PANISCHEN KÜNSTLERIN M A SAYO ODA H A S H I

IN BAD E N-BAD E N

MORGEN

Erfahrungen, die wir alle teilen, die aber nicht immer bewusst

wahrgenommen werden. Dies alles steht am Beginn

meiner künstlerischen Ausdrucksweise. Ich wähle davon

einiges aus und kombiniere es, bevor ich daraus schließlich

ein Kunstwerk kreiere. Für mich ist das eine Art und Weise

meine Lebenseinstellung zu teilen. Meine Objekte aus Glas

sind eine Möglichkeit, ohne Worte und darüber hinaus

miteinander zu kommunizieren“, sagt Odahashi.

ie Künstlerin Masayo Odahashi ist 1975 in der japanischen

Präfektur Mie geboren. Diese Präfektur

D

liegt im Zentrum der japanischen Inselkette, auf der Pazifikseite,

zwischen Osaka und Kyoto im Südwesten und

Nagoya im Nordosten. Masayo Odahashi fasziniert die

Menschen mit der Ausdrucksweise ihrer Skulpturen. Sie

wirken meditativ, nach innen gekehrt, und strahlen große

Ruhe und Kraft aus. Oft sitzen sich Paare gegenüber, in

schmalen, kleinen Booten oder auf Sockeln. Für Masayo

Odahashi ist es jedoch immer eine Person im Spiegelbild,

zwei Seiten des Lebens, zwei Seiten einer Persönlichkeit.

Ihre Kunstwerke sind Kommunikation ohne Worte.

„Ich finde oft viele verschiedene Inspirationsquellen im

Alltag und sammle sie in meinem Gedächtnis. Das können

Farben oder Formen sein, Texte, alte Geschichten,

Erinnerungen, der Gesichtsausdruck von Menschen oder

Vorwiegend in einem Studio in Kanazawa entstehen ihre

faszinierenden Pâte-de-Verre-Arbeiten, die Menschen aus

aller Welt und aus unterschiedlichen Kulturen begeistern.

Mädchen, nachdenklich und fast meditierend, junge Frauen

mit hochgestecktem Haar oder seitlich gewellter, flügelgleicher

Haarpracht, die teilweise wie Engel aussehen. Und

dann die Dualität: das Mädchen und der Hase und gegenüber

in einem Boot der Mann und der Hase. Sie erzählt

Märchen von dem weißen Hasen und von den Fahrten mit

ihren Eltern zum Ise-Schrein, dem höchsten japanischen

Heiligtum, zu dem jährlich etwa sechs Millionen Menschen

pilgern.

Die meditativen kleinen Skulpturen von Masayo Odahashi

machen großen Eindruck auf alle, die sie sehen. Sie erzeugen

eine intensive Nähe und laden den Betrachter zum

Reflektieren ein. Die Künstlerin ist mit zahlreichen Preisen

geehrt worden, unter anderem mit dem Internationalen

Glaspreis von Kanazawa.

Die Faszination der alten Materie Glas ist in der Galerie

B in Sinzheim/Baden-Baden in den abstrakten und figurativen

Arbeiten neu zu entdecken: transparent wie nichts

oder lichtundurchlässig, glänzend wie poliertes Silber oder

rauh wie Sandstein. Geheimnisvoll schimmernde, vielfältige

Kunst, die einen nicht so schnell wieder loslässt.

78 LIVING & LIFE


M ASAYO

O DAH ASH I

Living & Life sprach mit Masayo Odahashi

bei ihrem Besuch in Baden-Baden.

Wie viel Einfluss haben Ihre Reisen auf Ihre

Werke?

Masayo: Meine Erfahrungen im Ausland

geben mir oftmals einen anderen

Blick auf das Leben. Ich habe verschiedene

Kulturen und die Natur außerhalb

Japans erlebt. Ich erkannte die Unterschiede

zwischen Japan und anderen

Ländern. Das beeinflusst auch meine

Kunst.

Worüber können Sie lachen?

Masayo: Ich lache oft, wenn ich mit

meinen Freunden rede. Wenn ich meine

Zeit mit einem Hund oder einer Katze

verbringe, fühle ich mich glücklich und

lache oft.

Gibt es in der künstlerischen Welt ein Vorbild

für Sie?

Masayo: Das ist der Professor aus meiner

Universitätszeit: Michael Rogers.

Außerdem die Künstler Katsura Funakoshi,

Hideki Maekawa, Paul Delvaux,

Joseph Cornell, Friedensreich Hundertwasser,

Mario Giacomelli, Anna Gaskell,

Judy Hill, Ann Wolff.

Kann Kunst als Brücke zwischen Menschen

und Kultur dienen?

Masayo: Ja, das hoffe ich. Das ist unglaublich

wichtig.

Was hat sich für Menschen und auch für

Künstler in Japan nach dem Fukushima-

Unfall verändert?

Masayo: Nach dem Erdbeben dachte

ich: Es gibt immer ein Morgen und dass

der Mensch nicht allmächtig ist. Ich

möchte mit einem Blick auf die Zukunft

handeln und nicht für den unmittelbaren

Gewinn.

T H E E N TRANCE TO THE I N NER W O RLD

Was gefällt Ihnen an Baden-Baden?

Masayo: Die herzlichen Menschen,

der warme Frühling, die Natur und die

Weinberge.

HOK

MEHR INFORMATIONEN: WWW.GALERIEB.DE

LIVING & LIFE 79


RUBR NATALIE IK

R O WAN A T K I N S O N

ALIAS M I STER BEAN

80

LIVING & LIFE


R OWAN

A T K INSON

„MR. BEAN“ IN

BADEN-BADEN

R OWAN A T K INSON ZU BESUCH IM M USEUM F RIED ER BURD A / A NREGUNGEN

FÜR SEINE VILLA VON R ICHARD M EIER IM ENGLISCHEN O XFORD SHIRE

er sieht ja aus wie Mister Bean“, tuscheln zwei

„D Besucher im Museum Frieder Burda und deuten

auf den Mann, der gerade die Rampe hochläuft. Und

tatsächlich war es Rowan Atkinson alias „Mr. Bean“

höchstpersönlich, der vor einiger Zeit zu einem Besuch

nach Baden-Baden kam. Großes Aufsehen wollte der weltberühmte

Schauspieler und Komiker nicht haben: „Keine

Presse bitte“, sagte er mit einigermaßen ernster Miene,

aber schmunzeln muss man dennoch bei seinem Anblick.

Millionen von Menschen hat er zum Lachen gebracht mit

seiner in viele Sprachen übersetzen Comedyserie. „Mr.

Bean“ verkörpert einen weltfremden Mann, der herrlich

tollpatschig kein Fettnäpfchen auslässt. Das Besondere:

Atkinson gewinnt seine Zuschauer fast ausschließlich mit

Gestik und Mimik, er spricht fast nie. Seine häufigsten

Begleiter sind sein Teddy, das mit Ellbogenschützern besetzte

altmodische Sakko und sein grüngelb-schwarzer

Mini Cooper. Oftmals entsteht aus der normalen Alltagssituation

eine kleine Katastrophe. Vorbilder sind für den

mit unzähligen Preisen geehrten Schauspieler Charlie

Chaplin und Buster Keaton.

„Mr. Beans“ Hauptaugenmerk in Baden-Baden galt

freilich nicht dem Humor, sondern der Architektur von

Richard Meier, der 2004 das Museum Frieder Burda als

„ein Juwel im Park“ vollendet hatte. Das Museum Frieder

Burda gilt bis heute als Maßstab für die vielfach preisgekrönte

klare Architektur von Richard Meier, zu dessen

Markenzeichen die Farbe Weiß gehört und der von sich

selbst sagt, zu den wichtigsten Elementen seines Schaffens

gehöre das Licht.

Genau das interessiert auch den 62-jährigen „Mr. Bean“,

der sich von Richard Meier eine schneeweiße Villa im

englischen Ipsden in Oxfordshire bauen ließ. Das alte historische

„Handsmooth House“, das auf diesem Traumgrundstück

mit 16 Hektar Land stand, musste für das

dreistöckige, großzügige Wohngebäude aus Stahl und

Glas weichen, das einen atemberaubenden Blick auf die

„Chiltern Hills“ freigibt.

Für den mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrten

Richard Meier war es eines der ersten Gebäude in Großbritannien

und die eine oder andere Anregung und Inspiration

holte sich Atkinson mitten in Baden-Baden in der

Lichtentaler Allee im Museum Frieder Burda.

Dass Rowan Atkinson nicht nur Komiker ist, bewies er

erst kürzlich mit der Verfilmung von Krimis des legendären

französischen „Kommissar Maigret“. Und Atkinson

findet große Worte für seine Rolle als Maigret: „Ich war

mir sicher, dass ich seine Nachdenklichkeit wiedergeben

kann. Sein Grübeln, das Gedankenvolle, seine Hingabe

haben mich eingenommen. Er ist kein Selbstdarsteller, er

ist nicht exzentrisch oder verrückt.“

HOK

LIVING & LIFE 81


RUBR ANNE-SOPHIE

IK

M UTTER

GENIESSEN

MIT ALLEN

SINNEN

G ESPRÄCH MIT D E M Z A HNMED I Z I N ER

DR. S V EN M A RCUS BESCHNIDT UN D D E M

BAD E N-BAD E NER Z W EI-S T ERNE-KOCH PAU L

S T RAD N ER ÜB ER GESUND E S ES SEN, A N G S T

VOR D E M Z A HNARZT, DA S ER R EI C H E N V O N

S P ITZENLEISTUNGEN UND D I E S U CHE NACH

AU SGLEICH IN D ER N ATUR

Was bedeutet Genießen für Sie?

Dr. Sven Marcus Beschnidt: Meinen Sie „kulinarisch

genießen“? Genießen kann ich ja auf unterschiedliche

Weise. Ich genieße eine Massage ebenso sehr wie ein leckeres

Essen. Beim Kulinarischen geht es darum, das Essen

mit allen Sinnen wahrzunehmen. Ein Essen muss im Geschmack

gut sein, aber auch im Geruch, in der Optik, und

man fühlt sehr viel im Mund – übrigens ist da der Gaumen

sehr wichtig. Ich fühle eine sämige Soße. Zum Genuss gehören

viele Faktoren.

DR. SVEN MARCUS BESCHNIDT

(Jahrgang 1969) gilt als einer der herausragenden

Zahnmediziner in Deutschland. Seit 2004

betreibt er eine privatzahnärztliche Praxis im

Brenners Park-Hotel in Baden-Baden. Beschnidt

ist spezialisiert auf Mikrochirurgie, Implantologie

und ästhetische Zahnheilkunde.

Der Baden-Badener Zahnarzt hat einen Lehrauftrag

im Fach Implantatprothetik am Universitätsklinikum

in Freiburg und ist unter anderem

Mitglied der European Academy of Esthetic

Dentistry (EAED). Seit 1998 hat Dr. Beschnidt

mehr als 500 Vorträge, Tageskurse, Live-OPs

und Hands-on-Kurse zum Thema Implantologie

und Implantatprothetik gehalten.

Paul Stradner: Für mich bedeutet Genießen, mir mal

Zeit zu nehmen, worauf ich gerade Lust habe. Das heißt,

stressige Situationen lassen sich nicht genießen. Natürlich

hat bei mir Genuss meistens auch mit Essen zu tun, und da

schätze ich auch die Zeit, die man dabei verbringt. Man

sitzt mit anderen Menschen am Tisch zusammen, unterhält

sich und kommt anderen Menschen näher – wenn man

sich nicht so gut kennt. Das gilt aber auch für die Familie:

Am Esstisch passiert sehr viel, da wird viel besprochen, am

besten Positives. Aber Genießen kann bei mir auch einfach

Zeit mit meiner Frau und meinen beiden kleinen Kindern

sein.

Weshalb sind gesunde Zähne so wichtig für die Lebensqualität?

Stradner: Gesunde Zähne sind unglaublich wichtig beim

Essen. Ohne Kauen gibt es wenig Genuss. Meine Oma

konnte viele Speisen einfach nicht mehr essen. Da ist dann

auch Schluss mit dem Spaß am Essen.

Beschnidt: Wenn einem das Gebiss den Speiseplan vorschreibt,

dann wechselt der Genuss in Askese. Es geht ja

nicht nur ums Zerkleinern der Nahrung, sondern es geht

darum, dass wir auch viele Geschmacksrichtungen und

82

LIVING & LIFE


ANNE-SOPHIE MUTTER

RUBR IK

Aromen wahrnehmen. Das geht nur über das Kauen. Und

die Kunst eines Sternekochs wie Paul Stradner käme beim

Gast gar nicht richtig an. Es geht ums Schmecken: Zunge,

Gaumen, Nase sind sehr wichtig, aber eben auch die Zähne.

Es gibt viele medizinische Studien, die genau zeigen,

dass jemand, der sein Essen gut zerkleinern kann, damit

auch die Nährstoffe überhaupt erst ins Blut aufnimmt.

Schlechte Zähne bedeuten also auch schlechte Blutwerte

und umgekehrt.

Wie kann falsche Ernährung die Zähne schädigen? Zu viel Zucker

richtet ja beispielsweise Schaden an …

Beschnidt: … der Zucker ist es eigentlich nicht. Der

Zucker ist eher schlimm, weil er auf den Hüften landet.

Schlimmer sind die Säuren. Damit werden die Zähne geschädigt.

Das kann durch Wein kommen, Dressings, Obstsorten.

Also nach dem Essen nicht sofort die Zähne reinigen.

Das gibt Schäden. Man kann niemandem verbieten,

das Glas Wein zu trinken. Aber nach dem Essen eine halbe

Stunde mindestens warten bis zum Zähneputzen und am

besten auch viel Wasser trinken, das neutralisiert.

Können Sie denn als Spitzenkoch darauf Rücksicht nehmen, Herr

Stradner?

Stradner: Die Gesundheit spielt in der Küche von heute

eine immer größere Rolle. Das gilt auch für die Zähne.

Grundsätzlich sind wir körper- und gesundheitsbewusster

geworden im Alltag. Da müssen wir Köche mit der Zeit gehen

und auch eine Vorreiterfunktion einnehmen. In einem

Sterne-Restaurant koche ich natürlich für Gäste, die einen

höchstmöglichen Genuss haben wollen, das geht nicht ohne

süß, salzig, sauer. Da müssen wir auch einen guten Mittelweg

finden …

Sie stehen beide für Spitzenleistungen. Was ist das Geheimnis hinter

dem Erfolg?

Stradner: Ich brauche ein klares Ziel, wo ich hin will, und

muss mir dann den Weg dazu suchen. Gute Partner im

Rücken sind sehr wichtig. Und noch ein Punkt: Kochen

ist wie Fußball. Wenn nur ein einziger Spitzenstürmer auf

dem Feld steht, funktioniert das nicht, es ist ganz klar die

Mannschaft, die zählt.

Beschnidt: Was mir sehr geholfen hat, war, dass ich extrem

gute – durchaus harte – Lehrer hatte. Dann kam die

Chance, hier ins Brenners Park-Hotel zu kommen, um das

Qualitätsniveau dann auch umzusetzen und zu halten.

Hier kann ich umsetzen, was alles möglich ist und nicht

nur, was medizinisch notwendig ist ... mein oberstes Ziel

bei der Behandlung von Patienten: Ich muss auf die Menschen

eingehen. Das Geheimnis ist zunächst einmal Zuhören.

Ich will das Problem verstehen und es dann zusammen

mit dem Patienten lösen. Zeit ist heute unser höchstes Gut.

Ich habe drei, maximal fünf Patienten am Tag.

PAUL STRADNER

(Jahrgang 1981) war von August 2012

bis Oktober 2017 Küchenchef im Brenners

Park-Restaurant in Baden-Baden.

Bereits im November 2012 erhielt er

den ersten Michelin-Stern. Im November

2014 erkochte sich Stradner als

einer der jüngsten deutschen Spitzenköche

den begehrten zweiten Michelinstern.

Zuvor war der in Graz geborene

Koch weltweit in erstklassigen Häusern

tätig – unter anderem mehrere Jahre

bei Deutschlands bestem Koch Harald

Wohlfahrt in der Schwarzwaldstube

der Traube Tonbach in Baiersbronn.

Stradner gilt als eines der ganz großen

Kochtalente im deutschsprachigen

Raum.

LIVING & LIFE 83


RUBR ANNE-SOPHIE

IK

M UTTER

Noch eine Frage an Herrn Stradner. Was ist eigentlich schwieriger:

Zwei Sterne zu erreichen oder diese zu verteidigen?

Stradner: Wenn man 20 Jahre zwei Sterne verteidigen

will, ist das doch sehr aufwendig und mühselig. Ich selbst

sehe das Thema Sterne nicht als Belastung. Es macht einfach

Spaß. So lange man Freude an der Sache hat, ist das

eine gute Grundlage für den Erfolg.

Wie tanken Sie auf?

Stradner: Ich würde gerne noch wesentlich mehr Sport

machen. Meine Energie hole ich mir bei meiner Familie

und draußen in der Natur. Meine Kinder nehmen mich

voll in Beschlag. Da fahren wir gerne bei den ersten Sonnenstrahlen

in den Schwarzwald mit meiner Frau, den

Kindern und unserem Hund. Das entschleunigt auch. Ich

bin sehr naturverbunden. Bei meinem Lieblingshobby –

Mountainbiken im Schwarzwald – muss ich gerade etwas

zurückstecken.

Beschnidt: Sport spielt eine sehr große Rolle bei uns. Meine

Tochter ist sechs Jahre alt und sie möchte jetzt schon mit

mir joggen. Das ist der Ausgleich zum Sitzen. Die Tiefenentspannung

finde ich, wenn ich meine Bonsaibäume pflege.

Ich habe eine große Sammlung Bonsais. Da überlegt

man sich, bevor man einen Ast abschneidet: Der ist viel

älter als Du. Es ist meditativ und entspannt mich.

Was essen Sie besonders gerne, Herr Dr. Beschnidt?

Beschnidt: Zunächst mal muss ein Gericht mit Herzblut

gekocht sein. Das schmeckt man. Wenn meine Frau zuhause

frisches Gemüse mit gutem Olivenöl und Zwiebeln und

einem Hauch Knoblauch anbrät, läuft mir das Wasser im

Mund zusammen. Das ist ein wunderbarer Geruch und es

schmeckt auch grandios.

Herr Stradner, ich frage Sie jetzt nicht nach Ihrem Lieblingsgericht,

das sind Sie schon 100 Mal gefragt worden, aber haben Sie Angst

vor dem Zahnarzt?

Stradner: Na ja, nicht wirklich. Wir Köche sind vermutlich

für Zahnärzte eine gute Kundschaft, also, es ist wirklich

so, dass wir den ganzen Tag am Probieren und Essen

sind. Da sind wir schon ständig übersäuert im Mund und es

ist für uns auch nicht ganz so leicht, die Zähne immer auf

Vordermann zu halten. So gesehen gibt es eine Partnerschaft

zwischen Köchen und Zahnärzten.

… und hat der Zahnarzt Angst vor dem Zahnarzt?

Beschnidt: Ja, ich habe Angst vor dem Zahnarzt. Ich

habe mal schlechte Erfahrungen gemacht und seitdem ist

es so, dass ich in der Nacht vor dem Zahnarzttermin sehr

schlecht schlafe … nicht , dass ich meinem Kollegen nicht

vertraue, sondern ich mag einfach das Gefühl des Ausgeliefertseins

nicht. Man muss sehr viel Vertrauen aufbringen.

Ich habe übrigens auch Angst vor Spritzen, aber es ist

immerhin deutlich besser geworden in den vergangenen

Jahren.

Dann geben Sie uns doch noch einen Tipp: Wie lässt sich die Angst

vor dem Zahnarzt überwinden?

Beschnidt: Es muss ein Vertrauen entstehen zum Zahnarzt

und der Zahnarzt muss sich viel Zeit nehmen für den

Patienten und sich mit ihm und seiner Angst auseinandersetzen.

Die Angst nicht kleinreden, mit der Angst umgehen

und sie annehmen. Das hilft. Im schlimmsten Fall auch

erwägen, eine Behandlung in Sedierung oder Narkose zu

machen. Dann bekommt der Patient gar nichts mit.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE HORST KOPPELSTÄTTER

84

LIVING & LIFE


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schönen gastronomischen Plätzen, die einzigartige Architektur

auf hohem Niveau und die prachtvolle Natur, gepaart

mit einem außergewöhnlichen kulturellen, erstklassigen Angebot,

wird Sie begeistern und immer wieder nach Baden-

Baden locken.

Was braucht Baden-Baden, um auch in den nächsten Jahrzehnten

konkurrenzfähig zu sein?

Wir müssen uns mit unserem Angebot keinesfalls verstecken

und sind uns unserer Einzigartigkeit bewusst. Eine Weiterentwicklung

und zukunftsorientierte Ausrichtung ist jedoch

absolut notwendig. Wie erreichen wir künftig unsere Gäste?

Wie sprechen wir sie an? Was erwartet man von einer Stadt

wie Baden-Baden? Themen wie Lifestyle, Erlebnisse, Freizeittrends

werden immer wichtiger. Auch die Digitalisierung

leistet einen Beitrag zur Veränderung unserer Wünsche und

Ansprüche. All dem müssen wir gerecht werden: Produkte

schaffen, welche begeistern, welche „anders“ sind und

unserer schönen Stadt eine besondere Erlebbarkeit geben.

Unsere Angebote müssen den Zeitgeist treffen und unsere

Zielgruppe ansprechen – dann machen wir alles richtig.

In welchen Ländern sehen Sie das größte Entwicklungspotential für

Besucher der Stadt in der Zukunft?

Alle Auslandsmärkte spielen für uns touristisch gesehen eine

große und sehr wichtige Rolle. Baden-Baden genießt einen

internationalen Ruf und das macht unsere kleine Stadt kosmopolitisch,

interessant und belebt sie ungemein. Unsere

Bädergeschichte, die kulturellen Leuchttürme, das weltberühmte

Casino und alle Besonderheiten der Stadt bringen

uns auf den Weltmärkten große Aufmerksamkeit. Sicher

gibt es Zukunftsmärkte, wo wir in den nächsten Jahren große

Reisetrends erwarten (zum Beispiel Brasilien, China, Indien).

Wir bespielen alle relevanten Reisemärkte und bringen

Baden-Baden immer wieder weltweit in den Fokus.

HOK

NORA WAGGERSHAUSER,

1972 in Rheinfelden geboren, verheiratet.

Lange berufliche Hotelkarriere in Baden-Baden

als Hoteldirektorin und acht Jahre Mitglied im

Aufsichtsrat der Baden-Baden Kur & Tourismus

GmbH. 2014-2016 Konzernerfahrung in der Europazentrale

von Best Western Hotels Central Europe

als Direktorin für den Bereich Hotelentwicklung.

86 LIVING & LIFE


Was nahe liegt, ist oft am besten. Das finden

auch wir. Deshalb beziehen wir viele unserer Produkte

aus der Region. Auf diese Weise sparen

wir uns nicht nur lange Transportwege, sondern

sorgen auch dafür, dass wir Ihnen unsere Waren

immer frisch und knackig anbieten können.

Überzeugen Sie sich selbst in unseren EDEKA

Märkten vor Ort. Die Märkte in Ihrer Region finden

Sie unter www.edeka-suedwest.de

Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

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