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Leseprobe Blei

Blei - Es geht nicht um letzte Antworten, sondern um erste Fragen

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Corbinian D. Berona

B L E I


Corbinian D. Berona

B L E I

Es geht nicht um letzte Antworten,

sondern um erste Fragen

Epischer Roman


Copyright © 2017 by Corbinian D. Berona

Originalausgabe Mai 2017

www.dberona.com

Lektorat, Korrektorat: Birgit Freudemann, Karl-Heinz Düvel

Formatierung, Schlusskorrektur: Stefan Stern

Coverdesign: © Trif Paul / Twinartdesign / 99d

Bilder von Thinkstock by Getty Images:

Umschlagmotiv: © Pulkit Yadav / iStock / 470753891

Textur: © Maksym Yemelyanov / Hemera / 99198205

x-ray-Mann: © cosmin 4000 / iStock / 162369270

Brainmotive: © magicmine / iStock / 627219070

Wappen: © chelovek / iStock / 613905540

Erschienen im Verlag Heinz Späthling,

Ruppertsgrün 6, 95163 Weißenstadt

www.druckkultur.de

ISBN 978-3-942668-41-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich

geschützt. Jedwede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors

unzulässig. Dies insbesondere hinsichtlich des Rechts der Übersetzung,

des Nachdrucks, der mechanischen oder fotografischen

Vervielfältigung, der Speicherung und Verbreitung in elektronischen

Systemen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder

Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen,

Video u. a.

Abgesehen von historisch anerkannten, hinlänglich belegten Personen,

Orten und Handlungen ist das Werk frei erfunden. Darüber

hinausgehende, zufällige Ähnlichkeiten mit real existierenden

Menschen und Begebenheiten sind weder gewünscht noch beabsichtigt.


T ragweitE

Wer ahnt auch schon, was eintritt,

würde man die unverstandenen Ursprünge unserer

Zivilisation nach heutigem Forschungsstand neu bewerten?

Nun, dieser Gedanke bewegte mich am 28. August 2012 zur ersten

Zeile. Heute, da der letzte Satz geschrieben, bin ich überzeugt:

Wer in 30, 40 Jahren dieses Werk zur Hand nimmt, wird es bereits

in einer Welt tun, in der die jetzt noch fantastisch erscheinenden

Gegebenheiten, Technologien und Visionen längst zur Gewohnheit

wurden.

Mittwoch, den 12. Oktober 2016 – Der Autor


P r o l o g

Abgelegen, 14 600 Kilometer von der

City of London entfernt

Archiv der Schriften

Eine mächtige, Jahrtausende währende Ära erlischt. Dies nicht

durch Rebellion, Meuchelmord noch Krieg. Dergleichen ist eh

kläglich – vermochte stets nur altes durch neues Unrecht zu ersetzen.

Nein. Diese Ära vergeht durch Einfluss eines leisen Orts, während

frühe Morgendämmerung feinen Tau auf dunkelgrünen

Bambushain legt. Hoch in den Kronen der weiche Gesang des

Smaragdkolibris, welcher mit ruhigem Geplätscher des harmonisch

mäandernden Bachlaufs verschmilzt. An der abgeschiedenen

Quelle junge Laubfrösche, noch zaghaft den nahen Tag

ankündigend. Nur ein sanfter Hauch vom Hochland durchzieht

die morgendliche Ruhe. Wahrlich ein Werk vollendeten Friedens,

widergespiegelt vom milden Vollmondlicht im türkisgrünen Glas

des Raums der Schriften. Ein Ort, dessen Existenz nur wenigen

bekannt – monumental, kühn, von erhabener Ästhetik. Sanfter

Duft von Zedernholz und Papayablüten umgibt ihn, nimmt

der ehrwürdigen Stätte die fühlbare Schwere. Eine erdrückende

Schwere, ausgehend vom Zugangsportal aus matt schimmerndem

Blei. Es behütet einen Raum von unbestechlich puristischer

Disziplin. Darin verbürgt eine museale Glasvitrine in spiegelnder

Symmetrie zum Sekretär aus französischer Eiche ihren unersetzlichen

Inhalt: Das fein ziselierte Schwert aus uraltem Toledostahl,

dessen Präsenz durch schwarze Gravur einer hebräischen

Inschrift Respekt einflößt. Neben ihm die Pergamenturkunde, an

die tausend Jahre alt. Diesem Ensemble gegenüber das Gemälde

7


Sklavenmarkt in Rom von Jean-Léon Gérôme. Es vermag allzeit an

die Anmaßung zu erinnern, welche Unrecht hervorbringt. Es entkleidet

den unzulänglichen Vorwand, es gäbe Anrecht und Verfügbarkeit,

in die sich der Versklavte selbst brachte. Gemälde und

Interieur vermögen dies im Wechselspiel anzuklagen, vermögen

zu belegen, dass der Mensch weder berechtigt noch von Natur

her ausreichend befähigt ist, über den Menschen zu herrschen.

Eine wahrhaft überragende Inszenierung an Menschlichkeit und

zugleich Hinterlassenschaft einer bald neunhundertjährigen

Dynastie …

Nun, er, dem es bestimmt war, die unvollkommene Weltordnung

in ein neues Zeitalter zu führen, ist alt geworden, sehr alt, und

er ist müde. Müde nicht von den Anstrengungen eines großen

Lebens. Müde nicht von den unzähligen Bürden und Widerständen,

die ihm seine Berufung auferlegte. Er ist müde, da

Madeleine, die ihm Lebenssinn und Antrieb gab, vor neun Tagen

von ihm ging. Nie war er so einsam, nie so verlassen wie jetzt, in

der Stunde des größten Ereignisses der Menschheit. Die Hände

hinter dem Rücken verschränkt, sein Blick nachsinnend gewandt

auf die ausgeleuchtete Vitrine mit der Aufschrift: Sumer – heutiger

Irak – 3 400 Jahre v. Chr. Die neunte von 96 Tafeln der ME aus

blauem Lapislazuli. Ein Kleinod mit Keilschrift. Er liest den Text

laut vor sich hin:

»Alle Dinge entsprechen sich selbst und bringen nur das ihren

Eigenschaften Entsprechende hervor.«

Die vollkommenste aller Regeln. Die Regel der Identität, damit

der Bestimmung, geht ihm durch den Sinn, als, unerwartet zu

dieser frühen Morgenstunde, sein engster Getreuer erscheint.

»Es ist so weit. Der Endprozess ist unumkehrbar in Gang

gekommen.«

»Bist du dir sicher?«

»Es ist dokumentiert und bestätigt. Ja. Die Menschheit ist endgültig

frei, bereit, eine neue Ära einzuläuten.«

8


Sein Herzschlag, seine Atmung sind ruhig und spiegeln die

tiefe Genugtuung wider, die ihn durchströmt. »Kaito, wenn du

dir wirklich sicher bist, dann löse das Siegel und ordne die große

Verlesung an.«

Er setzt sich und schließt die tränenden Augen, besinnt sich

wehmütig dessen, was vor langer Zeit begann. Noch einmal sieht

er jenen frühen Morgen vor 72 Jahren, sieht jenen Tag, an dem

alles seinen Anfang nahm. Er ist bereit für seinen letzten Gang.

»Kaito, mein treuer Freund, ihr braucht mich nun nicht

mehr … ich werde gehen. Triff die Vorbereitungen, die ich dir

vor Langem aufgetragen habe.«

Frieden kehrt ein …

9


–Buch I–

Grafschaft Essex, Ostengland

72 Jahre zuvor

Manche Menschen stellen sich Fragen,

andere nicht.

Ich gehöre zu Ersteren.

11


Wethersfield, Grafschaft Essex, Ostengland

Freitag, 20. Juli, zur Mittagsstunde

MDPGA Headquarter, Sonderabteilung Nuklear IV-G

Zunächst – Wenn man etwas genau wissen will, gibt es nur zwei

Fragen: Wer hat hier was zu sagen und Wo steht das geschrieben?

Dann verfolgt man diese Quellen bis zum Ursprung. Dafür

wurde ich bezahlt und dem ging ich nichts ahnend auch an diesem

Tag nach …

»Conch. Ein dringender Anruf für dich!«, tönte es aus der

Gegensprechanlage unseres kriminaltechnischen Labors, in

dem ich mit Bob, dem Leiter der Abteilung, Ungereimtheiten

bei einem Fall abglich. Nun, den Spitznamen Conch verdankte

ich jedenfalls meiner Herkunft von den Bahamas. Dort gilt die

Conch-Schnecke ebenso als nationale Delikatesse wie Weinbergschnecken

in Frankreich. Hin und wieder drängte sich mir

aber der Verdacht auf, mit dem Spitznamen bringe man meine

Arbeitsweise in Verbindung. Gut, wenn ich etwas anfasse, gehe

ich militärisch effizient vor, untersuche minutiös Hintergründe

und Details, was manche der Pfeifen, die lieber aus der Hüfte

schießen, ohne den Dingen auf den Grund zu gehen, wohl für

Schneckentempo hielten. Sei’s drum. Meine Arbeitshaltung hatte

mich jedenfalls zum Chief Superintendent gemacht, während

andere mit weit mehr Dienstjahren Laufburschen blieben, und

das war in einer Spezialabteilung, die sich ausschließlich bei Vergehen

im Nukleartechnikbereich einschaltete, ein weiß Gott trockenes

Brot.

»Conch. Dein Anruf!«, drang es erneut an mein Ohr, noch

bevor ich die nicht so ohne Weiteres nachvollziehbaren Auswertungen

überhaupt vernünftig beiseitelegen konnte. Eigentlich

war ich ja schon auf halbem Weg zu Lavinias, einem gepflegten

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Restaurant, in dem ich mir ein ebenso traditionelles wie deftiges

Irish Stew und ein schönes kühles Guinness genehmigen wollte.

Zwar nicht unbedingt das Richtige an so einem drückend heißen

Tag, aber eine gute Grundlage fürs Wochenende, an dem ich

beabsichtigte, mal wieder ordentlich segeln zu gehen. Ich ging

an Bobs Schreibtisch und drückte den Knopf der verschlissenen

Gegensprechanlage.

»Wer ist es?«

»City of Westminster, das Hauptquartier von Scotland Yard«,

rauschte es aus dem grauen Kästchen. »Irgend so ein höheres

Tier. Der Stimme nach ist es Whisky selbst.«

Der Stimme nach ist es Whisky selbst … Laxe Angaben wie

diese waren typisch für meine Kollegen, bestärkten mich einmal

mehr in meiner Arbeitshaltung. Bob nickte verständig herüber

und verließ mit seinem leeren Kaffeebecher das Labor.

»Ja, stell durch! … Chief Superintendent Marc Conners, MDP

Essex. Mit wem spreche ich bitte?«

Am Apparat war tatsächlich einer der Abteilungsleiter von

Scotland Yard, mit dem wir des Öfteren zu tun hatten, Mr Glen

Grant. Den Umstand, dass er in unserer Behörde nur Whisky

genannt wurde, verdankte er der Gleichnamigkeit mit der

berühmten Scotch-Malt-Whiskymarke. Eine exzellente, 1840

gegründete Destillerie in den schottischen Highlands bei Morayshire

im Spey Valley. Ob er allerdings diesem erlesenen Getränk

zugeneigt war, ist hingegen nicht belegt, aber naheliegend. Eine

feine Zunge hatte er jedenfalls, vor allem, wenn er sie zum Reden

einsetzte. Nach einem knappen Vorwort, das jedoch sämtlichen

Formalitäten gerecht wurde, leitete er seine dringliche Mitteilung

mit besorgtem Unterton ein.

»Chief Superintendent Conners, ich habe Ihre Behörde um

Amtshilfe ersucht, weswegen man mich an Sie verwies.«

»Hm … was kann ich tun?«

»Nun, uns wurde ein äußerst ungewöhnlicher Vorfall in der

Grafschaft East Sussex nahe Eastbourne aktenkundig, bei dem

14


alles auf einen Nuclear-Defence-Hintergrund deutet. Kurz gesagt,

wir benötigen umgehend eine fundierte Analyse zur Situation.«

»Was bedeutet umgehend?«

»In etwa fünfzehn Minuten holt Sie ein Helikopter des HMS Air

Corps ab und bringt Sie vor Ort. Dort wird Sie Inspector Anderson

in Empfang nehmen und zu den Gegebenheiten briefen …«

Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich weder ahnen, dass dieser

Anruf mein bisheriges Leben von Grund auf ändern würde, noch

im Ansatz vorhersehen, dass die kommenden sechs Tage meine

gesamte Weltanschauung zum Einsturz bringen sollten. Jedenfalls

waren Irish Stew nebst kühlem Guinness erst mal gestrichen. So

hatte ich es mir eigentlich nicht vorgestellt, wenngleich die mysteriösen

Vorkommnisse an der mondänen Südküste auf Anhieb

meine fachliche Neugierde weckten. Ich ließ alles liegen und stehen

und machte mich umgehend auf in mein Büro …

»Komm mit, wir haben unten in Eastbourne einen heißen Job.

Und vergiss mir ja meinen Out-of-Area-Trolley nicht«, instruierte

ich Constable Henry Dale, seines Zeichens mein leidgeprüfter

Assistent, der mir im Flur direkt in die Arme lief, als er gerade

ansetzte, mit unserem Neuzugang Amy rumzuturteln. Dale war

ein guter Kerl. Willig, zuverlässig und immer im richtigen Augenblick

an Ort und Stelle. Es sei denn, ein Rockzipfel befand sich in

seiner Nähe, dann musste man ihn schon mal hart an die Kandare

nehmen. Als mein Assistent war er verantwortlich für das Equipment

und hatte für alles zu sorgen, was ich zur Erfüllung eines

Auftrags für notwendig befand. Im Jargon des maskulin dominierten

Behördendschungels hieß es deshalb schnell mal, er sei

meine Schlampe.

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In der Klinik, vier Stunden zuvor:

»Guten Morgen, Doctor Masters.«

»Guten Morgen, Schwester Melissa. Was haben wir

hereinbekommen?«

»Einen Privat-A-Status.«

»Aha. Hat man ihm schon einen Decknamen zugewiesen?«

»Ja, Tom Brown.«

»Okay. Weshalb wurde er eingeliefert?«

»Man hat ihn bei Eastbourne am Fuß der Seven Sisters

bewusstlos aufgefunden.«

»Was fehlt ihm?«

»Komatös R40.2, Grad 1. Nicht reagierend auf Stimuli, keine

Frakturen oder Hämatome, I, J und K stabil.«

»War er schon im CT?«

»Ja.«

»Kein metabolisches Koma oder SHT?«

»Nein. Die Erstuntersuchung ergab eher einen Befund wie bei

einem künstlichen Koma.«

»Sedativa, Hypnotika oder irgendwelche anderen

Psychopharmaka im Blut?«

»Nein, negativ.«

»Hm, sonderbar. Unter wessen Aufsicht steht er?«

»Stationsarzt Doctor Medani, und ab 13 Uhr übernimmt

Doctor Pollux.«

»Gut. Sind die Angehörigen informiert?«

»Ja, der Vater war vor knapp dreißig Minuten da, und die Mutter

kommt gegen Mittag aus Belgien …«

16


Wethersfield – Eastbourne, Seven Sisters

Phaethon in Helios’ goldenem Sonnenwagen

Die Jungs des British Army Air Corps vom Hubschrauberträger

HMS Ocean Portsmouth arbeiteten wie ein Räderwerk. Keine

fünfzehn Minuten nach Whiskys Anruf hörten wir bereits den

brummenden Donner des herankommenden Helikopters. Man

erkannte ihn schon von Weitem an der charakteristischen Nasenform,

die mit modernster Aufklärungstechnik ausgestattet war.

Nicht irgendein ausgedienter Seelenverkäufer schwebte ein, sondern

eine nagelneue AgustaWestland AW159, die im spiegelnden

Sommerlicht wie vergoldet aussah. Sanft setzte die Maschine in

der glühenden Mittagssonne auf. Der Pilot, ein junger Spund im

Rang eines Commanders, machte sich nach einer knappen Instruktion

zum Verhalten an Bord sofort daran, den Vogel wieder in

die Luft zu bekommen.

Mit voller Kraft hoben wir ab und donnerten in souveränem

Kurvenflug dem fast wolkenlosen Himmel entgegen. Wir glitten

östlich an Braintree vorbei und überquerten die Themse nahe

Gravesend. Auf Höhe von Paddock Wood tauchte am Horizont

im gleißenden Sonnenlicht der Atlantik auf. Über der Ruine von

Pevensey Castle drosselte der Pilot die Geschwindigkeit, führte

den Helikopter in wagemutiger Schleife östlich an Eastbourne

vorbei, zog hoch und schwenkte in einer fast stehenden Drehung

nach Westen aufs offene Meer hinaus.

Die sich nun bietende Aussicht auf die grandiose Naturkulisse

der Seven Sisters übertraf meine kühnsten Erwartungen. Das

Blaugrün des Meeres, das milchige Weiß der steil aufragenden

Kreidefelswände, das satte Grün der Weiden auf der Hochebene.

Die Farben dieser Küstenlinie erinnerten mich an meine alte

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Heimat, die Bahamas, wo eben genau diese Impressionen auftreten,

wenngleich in nahezu erhebungsfreier Topografie.

Unbeeindruckt vom Lärm der Maschine schossen im Sturzflug

Basstölpel an uns vorbei. Dem Kunstflug der Vögel folgend

kippte die Maschine fast senkrecht ab, umrundete die Spitze des

rot- weißen Leuchtturms vor Beachy Head und drehte landeinwärts.

Als der Pilot in steilem Anflug hochzog, um das Ziel anzusteuern,

wies er auf ein Phänomen in der Grasnarbe hin. Es war,

als hätte jemand mit einem riesigen Zirkel eine überdimensionale

Kreislinie gezogen, die an der Bruchkante der Seven Sisters

abrupt abriss. Unwillkürlich assoziierte ich damit die weltbekannten

Nazca-Linien bei Palpa in Peru, über die ich in einer reich

bebilderten Ausgabe des National Geographic gelesen hatte. Am

Plateau der Nazca-Ebene waren auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern

teils bis zu 20 Kilometer lange schnurgerade Linien,

geometrische Formen und Scharrbilder im Wüstenboden verewigt.

Soweit ich mich erinnerte, stammten diese Geoglyphen

nach aktueller Einschätzung der Archäologen von einer mysteriösen

präkolumbischen Kultur, die um 800 v. Chr. in den Tälern des

Río Názca, Río Pálpa und Río Ingénio existierte.

Aber zwischen Nazca und dem Riesenbogen dort unten einen

Zusammenhang herzustellen war völlig absurd. Vielleicht wussten

ja die Teams vor Ort meine zunehmende Neugierde zu stillen

und diesen gestochen scharfen Halbkreis mit geschätzten 6 Kilometern

Radius zu erklären. Dass diese Erwartung nicht ganz aus

der Luft gegriffen war, begründete sich aus dem Aufmarsch, der

sich bereits im Anflug abzeichnete. Neben zwei weiteren Helikoptern

nahm ich gut zehn Equipment-Vans und Pickups mit allerhand

technischer Ausrüstung wahr. Drei Militärzelte standen am

Rand eines kleinen Waldstücks, ebenso viele British Army Vector

Transporter der Sondereinheit Chemical, Biological, Radiological

& Nuclear Defence.

»Wenn uns die ausgeschlafenen Jungs vom CBRN-Corps im

Außeneinsatz brauchen, dann ist echt was außer der Reihe am

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Radar«, wandte ich mich an Dale und deutete aus dem Fenster,

wobei mich ein ungutes Gefühl beschlich. Als dann auch noch

einer der großen BBC-Übertragungswagen in mein Blickfeld

geriet – diese kommen ausschließlich bei Katastrophen oder

Staatsbesuchen zum Einsatz – verfestigte sich zusehends meine

Einschätzung der wohl hochbrisanten Lage.

19


Hochplateau Seven Sisters

Entstandene und vermeidbare Flurschäden

Gut und gern hundert geschäftige Menschen waren beim Landeanflug

auszumachen. Teils in Gruppen stehend, teils auf an

Bäumen gelehnten Leitern; einige waren in Mobilgespräche eingebunden,

andere diskutierten lebhaft. Allerorts sah man Wissenschaftler

mit Untersuchungen befasst, Militärs mit Messgeräten

zugange, interviewende Journalisten, die versuchten, aus dem für

Unbefugte weiträumig abgesperrten Bereich etwas in Erfahrung

zu bringen. Art und Umfang des planlosen Szenarios bestätigten

wirkungsvoll den Eindruck einer größeren Sache.

Kaum die Maschine verlassen und wieder festen Boden

unter den Füßen, näherte sich uns auch schon dienstbeflissenen

Schritts ein leicht untersetzter Mann. Sein farbloser Tweed nebst

mustergültigem Bürstenhaarschnitt verkörperten im Zusammenhang

mit der prallen Aktentasche, die er mit beiden Händen

fest umklammert vor der Brust hielt, das Stereotyp eines

mittleren Beamtenrangs. Vermutlich unser in Aussicht gestellter

Adjutant, Scotland Yard Inspector Anderson. Und er war es dann

auch.

Den Wind der Rotorblätter noch im Nacken, gab ich mich

ihm freundlich zu erkennen, was er durchaus registrierte, aber

geflissentlich ignorierte. Vielmehr zog der Spaßkopf es vor, an

mir vorbeizumarschieren, um in Richtung Hubschrauberinneres

Ausschau zu halten. Es dauerte nicht lange, bis ihm bewusst

wurde, dass sich außer mir und dem mit unserem Equipment

bepackten Constable Dale – den er zuvor nach kurzer Musterung

als Leiter der Mission ebenso ausgeschlossen hatte – kein

weiterer Passagier an Bord befand. Zögerlich drehte er sich

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um. Der Mehlsack hatte wohl einen steifen englischen Lord

mit Monokel und grauen Schläfen erwartet, nicht aber einen

dreiunddreißigjährigen Mohrenkopf. Das Ausmaß seines Fauxpas

zwar noch nicht erkennend, überspielte er die Situation mit

übertriebener Gebärde der Überraschung, so, als wäre ich plötzlich

aus dem Nirgendwo erschienen. Aber es war schon zu spät.

Ich ließ mir nichts anmerken, kochte aber innerlich. Dergleichen

fest eingefahrene Verhaltensmuster hatte ich satt, übersatt. Wieder

einmal fühlte ich mich wie Virgil Tibbs, dem es als hochrangigem

Polizeibeamten im 1967er US-Kinostreifen In the Heat

of the Night auferlegt war, die chauvinistischen Landeier durch

Scharfsinn und überlegene Kompetenz in die Knie zu zwingen.

Mein altbewährter Assistent Dale las aus meiner Haltung das

hervorgerufene Missfallen, sah mich geheimbündlerisch an und

hob, von Anderson unbemerkt, den Daumen mit einer nur Insidern

bekannten Drehung nach rechts. Mit unauffälliger Kopfbewegung

stimmte ich ihm zu. Wir waren uns einig. Inspector

Anderson war ein Rechter, was aber nichts mit politischer Gesinnung

zu tun hatte. Ein wesentlicher Teil unserer komplexen

kriminologischen Ausbildung diente dem Profiling, wobei wir

die gleiche Methode zur Fallanalytik einsetzten wie das FBI in

Quantico. Grundlage des Profilings waren dabei spezifische Persönlichkeitsmerkmale

und Verhaltensmuster, aus denen man

auf die zwangsläufige Denkstruktur des menschlichen Gehirns

schließen konnte. Inspector Anderson war ein Rechter, was sich

uns beiden in Sekunden erschloss, weil sein Denken und Handeln

von seiner klar dominierenden rechten Gehirnhälfte bestimmt

war. Solchermaßen Begleitumstände brachten zwar erst mal Sand

ins Getriebe, aber wir wussten dergleichen zu behandeln.

»Sind Sie der mir zugewiesene Inspector Anderson?«, gab ich

diesem Kleingeist eine klare Orientierungshilfe, an wen er sich zu

halten hätte. Ich rührte mich keinen Millimeter, blieb demonstrativ

an meinem Platz stehen und sah ihn kritisch an. Während

er näherkam, nahm er mich verunsichert in Augenschein.

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»Ja«, antwortete er mit aufgesetztem Lächeln. »Sie müssen

dann wohl Chief Superintendent Conners sein?«

»Richtig geraten, Inspector Anderson. Instruieren Sie mich

bitte, was hier los ist und warum man einen Experten für Nukleartechnik

für erforderlich hält.«

Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, ihm die

Autorität meiner exponierten Fachqualifikation unter die Nase zu

reiben.

»Gern. Kommen Sie bitte mit …«

Sichtlich betreten wies er auf eine Gehölzgruppe in gut

80 Metern Entfernung und ging zunächst wortlos voran. Dies bot

mir die Gelegenheit, Andersons soziologischen Merkmalen auf

den Grund zu gehen: als Studienobjekt ein Exemplar hervorragender

Güte, ein typischer Vertreter der Gattung Rechts. Eigentlich

hätte mich sein Verhalten gar nicht verärgern sollen, wenn

man die natürliche Funktionsweise des Gehirns versteht. Denn

jede Fehleinschätzung beruht auf der hohen Effizienz der rechten

Gehirnhälfte. Ihre Aufgabe ist es, zwischen irrelevanten und

relevanten Sachverhalten zu unterscheiden. Irrelevant für die

rechte Gehirnhälfte ist alles Selbstverständliche. Für Anderson

war es selbstverständlich, dass ein hochrangiger Beamter in England

weißer Hautfarbe sein musste. Diese elementare Erfahrung

hatte sich in seiner rechten Hemisphäre in zahllosen ähnlichen

Situationen fest eingeprägt. Ihm war entgangen, mich als Leiter

der Mission wahrzunehmen, da seine rechte Gehirnhälfte mich

wegen meiner Hautfarbe von vornherein als irrelevant eingestuft

hatte. Ein vermeidbares Vorurteil, denn der Mensch hat ja

auch eine linke Gehirnhälfte – ein gigantischer Speicher, der elf

Millionen Eindrücke in der Sekunde erfasst. Die linke hat aber

keinen Überblick über die Relevanz ihres Megawissens. Deshalb

greift unser Bewusstsein bei jeder Beurteilungsfrage zuerst

auf die rechte Gehirnhälfte zu. Diese ruft bereits abgespeicherte

vergleichbare Situationen auf und bietet ihrer natürlichen Grundprogrammierung

entsprechend altbewährte Verhaltensmuster an.

22


Andersons Verhängnis war, dass wiederkehrende Vorerfahrungen

schlichtweg blind machen. Blind für objektive Wahrnehmung

bei veränderten Situationen. Vorerfahrungen schaffen damit

zwangsläufig Vorurteile. Es sei denn, man hätte gelernt, Entscheidungsprozesse

unabhängig von Vorerfahrungen individuell zu

betrachten. Aber Typen wie Anderson neigten zu Oberflächlichkeit,

denn ihnen genügte der Anschein.

Dass diese Analyse nicht ganz aus der Luft gegriffen war, zeigte

sich schon im nächsten Moment, als Anderson, alles vermeintlich

Nebensächliche ausblendend, seinen Blick zielstrebig auf die nahe

Baumgruppe richtete, während er begann, mal links, mal rechts

über die Schulter klug daherredend Wissen aus zweiter Hand

zum Besten zu geben. Dabei gestikulierte er eifrig mit ausladenden

Bewegungen und stimmte sich dann und wann kopfnickend

selbst zu. Dale gab mir einen Stups, deutete auf einen Karnickelbau

in Andersons Laufrichtung, der mir selbst schon aufgefallen

war. Wie er so eiligen Schritts vorantrabte – wir hatten beinahe

Mühe, ihm zu folgen – war uns klar, wenn er so weiterrannte

und nicht aufpasste … doch da tappte er schon voll in den Karnickelbau,

landete längs gestreckt, das Gesicht voran, auf allen vieren.

Sein Redeschwall wich augenblicklich einem unterdrückten

»Uohh …«. Dale und ich sahen uns wortlos an, verkniffen uns

jegliche Schadenfreude und richteten den Blamierten wieder auf.

In gebückter Haltung, seine Hände auf die Knie gestützt, gab er

fluchend ein »Malefiz noch mal!« von sich. Die peinliche Situation

unterschlagend streckte er seinen Rücken durch und wischte

sich zweimal flüchtig über die Knie, was die entstandenen Flecken

allerdings nur dürftig entfernte. Da hatten wir den Beweis:

Anderson war oberflächlich. Bei all seinem Handeln und Denken

stand das Ziel im Vordergrund. Dem Weg dorthin schenkte er

kaum Aufmerksamkeit. Deswegen tappte er leicht in etwas hinein,

da er sich mit der Beurteilung von Details und Rahmenumständen

nur unzulänglich auseinandersetzte. Würde er das tun,

hätte seine rechte Gehirnhälfte nicht nur grobe, allgemeingültige

23


Beurteilungs- und Verhaltensmuster abgespeichert, sondern wäre

auch in der Lage gewesen, mich als wenn auch atypischen Leiter

der Mission zu registrieren. Andersons Ignoranz und die daraus

resultierende Respektlosigkeit waren so gesehen nicht alleiniger

Anlass meiner Verärgerung. Ganz und gar nicht akzeptieren

konnte ich sein oberflächliches Wesen. Denn scheinbar wusste er

nicht, dass alles Übel in der Welt seinen Ursprung in der Oberflächlichkeit

hat. Äußerlichkeiten wie Hautfarbe, Geschlecht oder

Alter als Bewertungsmaßstab heranzuziehen und sich dabei zu

vergreifen, löst beim anderen eben Frustration aus. Auf Frustration

folgt zwangsläufig Aggression. Und eben diese hatte er sich

bei mir heute eingehandelt.

24


Hochplateau Seven Sisters

Ungereimtheiten

Nachdem Inspector Anderson seinen Fehltritt verschmerzt hatte,

brachte er uns zur anvisierten Baumgruppe. Neunmalklug führte

er gleich wieder aus, dass dieses Gehölz, wie er von anwesenden

Botanikern des Landwirtschaftsministeriums erfahren hätte, zur

Gattung Quercus petraea, also zu den Traubeneichen, gehörte.

»Inspector Anderson, kommen Sie auf den Punkt«, unterbrach

ich sein geschäftiges Dozieren.

»Selbstverständlich, Chief Superintendent. Heute Morgen

wurde von einem Bauern die örtliche Polizei gerufen. Er bezichtigte

autonome Jugendliche eines die Natur zerstörenden Frevels.

Die Beamten schalteten sicherheitshalber das Landwirtschaftsministerium

ein, da der Verdacht auf Einsatz von illegalen Pestiziden

oder Entlaubungsmitteln nahe lag. Die vor knapp drei Stunden

eingetroffenen Biologen förderten im Rahmen ihrer Untersuchungen

ein äußerst merkwürdiges Ergebnis zutage.«

»Ein merkwürdiges Ergebnis?«

Anderson hob die Schultern und drückte mir ein Datenblatt

des untersuchten Eichenlaubs in die Hand. Unter der Überschrift

Nuklearrelevante Analyse waren unter anderen zwei Werte in

hoher Anreicherung genannt, die hier auf gar keinen Fall hätten

erscheinen dürfen: Blei und Wismut!

Reines Blei entsteht, vereinfacht betrachtet, über sehr lange

Zeiträume, in welchen radioaktives Material allmählich ausstrahlt.

Das ebenfalls metallische Wismut ist ein noch schwach radioaktives

Verfallsprodukt. Soweit die Theorie. Aber was hatte das mit dem

surrealen Zustand des Gehölzes zu tun? An und für sich wirkten

die Eichen gesund und frisch, gut im Saft. Merkwürdig nur, dass

25


die Blätter entlang einer imaginären Linie wie mit feinstem Chirurgenskalpell

abgeschnitten wirkten. Diese Schnittlinie schien

deckungsgleich mit dem bereits vom Helikopter aus betrachteten

Nazca-Kreis. Sämtliche Bäume, die diese Kreislinie tangierten,

waren auf einer Breite von etwa eineinhalb Metern vollkommen

entlaubt. In dieser Bandbreite war nur noch kahles Geäst zu sehen.

Schädlingsbefall schied von vorneherein aus, denn keine Raupenpopulation

arbeitete so präzise in Zirkelform. Dann fiel mir auf,

dass Bäume und Büsche, die genau auf der Linie des Nazca-Kreises

standen, ihr Laub in der Mitte vom Stamm bis zum Gipfel auf gut

eineinhalb Metern Breite verloren hatten. Bäume rechts der Linie

waren auf der linken Seite teilentlaubt, beim Gehölz auf der linken

Seite verhielt es sich umgekehrt. Egal wie die Bäume standen:

Was den Nazca-Kreis berührte, hatte sein Blattwerk auf entsprechender

Fläche eingebüßt. Erstaunlicherweise ließ sich dieses Bild

durch den gesamten Baumbestand hindurch verfolgen. Immer

entlang der erkennbaren bogenförmigen Linie, die bereits aus der

Helikopterperspektive anhand der Grasnarbe auszumachen war.

Rätselhaft vor allem das Fehlen des Laubes – in Anbetracht des

üppigen Baumbestands müssten es Lkw- Ladungen gewesen sein.

Aber kein einziges Blatt lag am Boden. Ebenso wenig konnte das

Laubwerk vom Wind weggetragen worden sein, da das Land seit

Tagen unter drückender Hitze und Windstille litt. Noch schleierhafter

stellte sich die Situation dar, als mir insbesondere bei

hohen Bäumen eine leichte Krümmung des entlaubten Bereichs

auffiel, gleichsam, als wäre mein Nazca-Kreis in Wirklichkeit eine

Nazca-Kugel, deren eineinhalb Meter Außenhaut die Blätter verschlungen

hatte.

Ich warf abermals einen Blick auf die Analyse. Wie die Mikrobetrachtung

erwies, waren auf der Schnittkante des Eichenlaubs

Blei und Wismut in hoher Konzentration aufgedampft. Aber

bereits im Abstand eines zehntel Millimeters von der Schnittkante

konnten diese Metalle nicht mehr nachgewiesen werden. Die

Makrobetrachtung der Analyse ließ das Phänomen noch rätsel-

26


hafter erscheinen. Die Wissenschaftler unterteilten den eineinhalb

Meter breiten Entlaubungsgraben in die dem Land zugewandte

Außen- und die der See zugewandte Innenschale. Ausschließlich

an der landseitigen Außenschale konnten sie Blei- und Wismutablagerungen

vorfinden. Anscheinend verfügte meine imaginäre

Nazca-Kugel über eine radiologisch neutrale Innenkugel mit einer

um eineinhalb Meter versetzten Außenschale, die in irgendeiner

Weise auf die Schnittkanten der Blätter nuklear einwirkte. Eine

Kugel in der Kugel, die bei ihrer Erscheinung alles Laub zwischen

beiden Schalen vertilgte …

Kurz: Ein Dummejungenstreich, wie der Zeuge naiv resümierte,

schied aus. Man bräuchte Jahre, um eine solche Unmenge an Blättern

auf diese Weise abzuschneiden und dann noch mit Lupe und

feinem Pinsel an jeder Schnittkante Blei und Wismut aufzutragen.

Definitiv lag hier eine nukleare Detonation oder Implosion vor.

Mit Sicherheit aber etwas, für dessen Art und Technik die Wissenschaft

unserer Zeit keine Erklärung parat hatte!

»Inspector Anderson, fand man auf dem Areal irgendeinen Hinweis

auf Verbrennungsspuren? Oder gibt es in der angrenzenden

Bevölkerung Berichte über einen Explosionsknall, urplötzliche

Windstöße, Druckwellen, Blitze beziehungsweise helles Licht?«,

forschte ich nach, womit ich gezielte Indizien für eine wie auch

immer geartete Explosion beschaffen oder ausschließen wollte.

»Nein. Nichts dergleichen. Lediglich der Käpten eines 3,2 Seemeilen

vor der Küste liegenden Fischkutters meldete eine nur

Bruchteile von Sekunden anhaltende hellblaue Lichtkugel, die

knapp 50 Meter vor seinem Schiff begann und weit bis auf das

Festland reichte. Nach Angabe der Küstenwache wollte der Skipper

eine Art durchsichtige Erscheinung gehabt haben.« Um dies zu

veranschaulichen, verdrehte Anderson die Augen. »Das hat aber

nichts zu sagen«, meinte er. »Durchsichtig ist vielmehr, dass der

eine oder andere Skipper in dieser Gegend oft schon am frühen

Morgen betrunken ist. Dergleichen hat sich deshalb immer noch

als Halluzination im Delirium herausgestellt.«

27


Mit selbstzufriedener Miene beendete er seine Fachbeurteilung,

während ich ihn skeptisch ansah.

»Meinen Sie?« Mein Bauchgefühl sagte mir jedenfalls etwas

ganz anderes. »Nein, ich denke, in diesem Fall sollten wir nichts

unberücksichtigt lassen. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen

sollte?«

Anderson kramte unschlüssig ein Blatt aus seiner abgegriffenen

Kunstledertasche hervor. »Nun … Scotland Yard liegt seitens

der Gartenverwaltung des College of Saint Mary, dem sogenannten

New College, eine Anzeige aus Oxford vor. Dort wurde am

Mittwoch ein unter Naturschutz stehender Baum im Garten des

Cloisters neben dem College von Unbekannten – scheinbar wie

hier – teilweise entlaubt.«

»Aha. Oxford, sagen Sie?«

»Ja, im Garten des Kreuzgangs, zwischen Holywell Street und

New College Lane.«

»So? Na gut, wir werden das im Auge behalten. Hörst du,

Dale?« Mit dieser klaren Anweisung riss ich ihn aus seiner Konzentration,

die mittlerweile weniger dem Studium des Falls als

vielmehr der Anatomie einer jungen Wissenschaftlerin galt, die

mit offenem Kittel und etwas zu knappem Rock auf der dritten

Sprosse einer Leiter stand und Proben am Gehölz entnahm. »Geh

diesem Gartenpfusch in Oxford nach und fordere vom Wetteramt

die Luftdruckdaten vom heutigen Morgen an, zudem seismologische

Aufzeichnungen von der regionalen Erdbebenstation … Und

ich muss noch alle Luftbilder von Satelliten oder militärischen

Überwachungsflügen haben, die zugänglich sind. Dies alles aus

dem Zeitraum zwischen … sagen wir fünf und acht.«

Anderson trug ich auf, der sonderbaren konkaven Form nachzugehen,

wobei er feststellen lassen sollte, welchen horizontalen

und vertikalen Radius die Schnittkanten am Gehölz aufwiesen.

Aus diesen beiden Koordinaten ließe sich das Zentrum, also der

Ursprungspunkt der Detonation, oder was immer es auch gewesen

sein mochte, exakt feststellen.

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»Und, Inspector Anderson, sagen Sie den Leuten, dass sie mir ja

nicht mit irgendwelchen Wischiwaschi-Angaben daherzukommen

brauchen«, gab ich ihm erhobenen Zeigefingers mit auf den Weg.

Dale grinste mich breit an, wusste er doch genau, an wen die Ansage

eigentlich adressiert war. Während sich Anderson im Galopp auf

den Weg machte, wies ich Dale an, die Schmuseliste am Notebook

hochzuladen. Eine Auflistung aus der Hand der Geheimdienste,

die wir von Amts wegen eigentlich nicht haben durften, aber doch

irgendwoher hatten. Wenn Beamte hin und wieder von Behörde

zu Behörde wechselten, sei es aus Einkommensgründen oder auch

nur, weil ihnen der Laden nicht mehr schmeckte, schwappten

schon mal Know-how und vor allem nutzbares Beziehungsgeflecht

über, welches unseren Handlungsradius da und dort erheblich

vergrößerte. In eben jener Schmuseliste, so unser interner Jargon,

waren Personengruppen verzeichnet, die in irgendeiner Weise mit

Nukleartechnik oder deren Umfeld in Berührung standen. Da

dieser Vorfall ganz offensichtlich ausgereiftes Spezialwissen und

nuklearen Materialzugriff voraussetzte, galt es herauszufinden, ob

sich dementsprechende Personen zum fraglichen Zeitpunkt hier

aufgehalten hatten. Ich beauftragte Dale, konkrete Ortungen von

Handys, PC-IP-Adressen sowie Navigationsgeräten für die Profile

nachfolgender Personenkreise abzurufen:

Verzeichnis 04.22 = Nuklearwissenschaftler und Umfeld

Verzeichnis 04.43 = Atomanlageningenieure und Umfeld

Verzeichnis 16.45 = Geheimdienst und Umfeld

Verzeichnis 34.3 bis 34.4 = CBRN-Militärspezialisten

Datenschutzgesetz hin oder her; aber bei Situationen wie dieser

waren wir gewissermaßen gezwungen, unseren gesamten

Optionshorizont gezielt auszuschöpfen, auch wenn es mir nach

wie vor gewisses Unbehagen bereitete, Informationen auf diese

Art zu beschaffen. Andererseits: Spätestens seit Snowden und

der NSA-Affäre muss jedem klar sein, dass die Vorstellung einer

unantastbaren Privatsphäre nur Illusion ist. Gut, führt man ein

behördlich unauffälliges Leben, mag man im Regelfall nicht damit

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in Berührung kommen. Aber dennoch: Sobald man Handy, Laptop

oder PC benutzt oder auch nur ein Navigationsgerät im Auto

mitführt, sind all diese Geräte, und damit deren Nutzer, beliebig

zu orten. Neuere Elektronik sendet sogar stumme Signale, womit

sie zu lokalisieren ist, selbst wenn das Teil ausgeschaltet bleibt.

Wie auch immer. Dale wandte sich bereits zum Gehen.

»Ach, und wenn du schon dabei bist, fordere auch die Flugund

Einreisedaten der vier Personengruppen für den Zeitraum

der letzten zwanzig Tage an. Mal sehen, wer sich mit nuklearem

Spezialwissen aus dem Ausland aktuell auf dem Parkett bewegt.«

Dale wusste meine Order ohne Gerede umzusetzen, nickte mir

lediglich zu, ehe er sich an die Arbeit machte. So, jetzt waren erst

mal alle auf Trab gehalten. Ich konnte nun in Ruhe meine Eindrücke

sammeln und über die schleierhaften Anomalien des Phänomens

nachklügeln …

Kaum eine Viertelstunde später – ich hatte im Zelt der British

Army eine lauwarme Tasse Earl Grey und dazu ein üppiges Reuben

Sandwich mit Corned Beef, Emmentaler und Sauerkraut

ergattert, was allerdings nur ein kläglicher Ersatz für mein entgangenes

Irish Stew war –, kam Dale als Erster mit brauchbaren

Ergebnissen zurück. Brauchbar in der Form, dass weder seismologische

Anomalien noch irgendwelche Luftdruckabweichungen

im fraglichen Zeitraum aufgetreten waren. Damit wussten wir

zumindest schon eines: Eine thermische Detonation, auch wenn

sie nur geringfügigster Natur gewesen wäre, war auszuschließen.

Die feinen Messinstrumente der Seismologen und Meteorologen

hätten dies unweigerlich festgestellt.

»Und wie sieht es mit der Schmuseliste aus?«

Ich legte den Rest meines labberigen Sandwichs beiseite und

wartete gespannt auf ein Ergebnis. Dale stemmte die Hände in die

Hüften und schaute mich achselzuckend an.

»Keinerlei Ausschlag! Weder im In- noch Ausland. War jemand

aus den untersuchten Personenkreisen im fraglichen Zeitraum da,

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dann zu Fuß und ohne irgendwelche elektronischen Geräte. Sorry,

Marc.«

»Und was sagen die Luftüberwachungsbilder?«

»Ja, da gibt es eine ganze Menge. Die Laborratten arbeiten

schon daran. Wir bekommen den Schund am Montag …«

Schund war auch so ein Spezialbegriff, der besagte, dass die zur

labortechnischen Aufbereitung eingelieferten Asservate nach fallspezifischen

Erfordernissen bearbeitet wurden. Wir bekamen also

nur Untersuchungsmaterial, das in puncto Bildausschnitt und

Zeitfenster bereits unseren Vorgaben entsprach. Zudem bereitete

man Falschfarben- und thermografische Bilder auf, die ansonsten

unsichtbare Dinge im ultravioletten oder Infrarotbereich zeigten.

Der erwartete Schund konnte uns vielleicht zum Durchbruch verhelfen,

ansonsten würden wir ganz schön alt aussehen.

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In der Klinik, zwei Stunden zuvor:

»Schwester Melissa, war Doctor Masters schon hier?«

»Ja, Doctor Medani, der Chef war heute ziemlich früh dran.«

»Gab er irgendwelche Anweisungen?«

»Nein, nur das Übliche.«

»In Ordnung. Eben war die Mutter des Patienten da. Die Familie

wünscht eine durchgehende Personalanwesenheit. Wir haben

momentan vier Praktikantinnen in Famulatur. Ich schicke ab

Nachmittag eine, die permanent im Zimmer bleiben wird. Sie

soll lediglich die Instrumente im Auge behalten und sofort

melden, wenn Veränderungen auftreten. Ach ja: Nachher

installiert der technische Dienst auf Anweisung der Familie

zwei Fernüberwachungsanlagen, um Spezialärzte online in die

Behandlung einzubinden … ein Team von der Charité in Berlin

und eines vom Cedars-Sinai Medical Center L. A. Zudem wird

im Laufe des Tages der Hausarzt des Patienten eine vertrauliche

Kopie seiner Akte vorbeibringen lassen. Falls ich bis dahin nicht

mehr im Dienst bin, geben Sie diesbezüglich bitte Doctor Pollux

Bescheid. Ich gehe jetzt einen Kaffee trinken …«

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Hochplateau Seven Sisters – London, Bloomsbury

Erkenntnisse

Anderson hatte sich wohl ordentlich ins Zeug gelegt, um seinen

Schnitzer bei mir wieder auszubügeln, denn er kam in schwerfälligem

Laufschritt, um Luft ringend, ins schattige Zelt. Mit hochrotem

Gesicht und wortloser Geste bat er, sich setzen zu dürfen,

was ich ebenso wortlos abnickte. Während er Platz nahm, griff er

in seine Hosentasche. Vermutlich suchte er nach einem Tuch, um

sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, fand aber keins, und ein

nervöses Wühlen in sämtlichen Taschen setzte ein. Das trübe Licht

der Zeltplane zeichnete seine hilflosen Gesichtszüge weich. Ich sah

ihm zu und mir wurde klar: Er hatte nichts Souveränes an sich. Der

Bedauernswerte war ein Gehetzter, ein Getriebener, seinen Verhaltensmustern

ausgeliefert und den Reaktionen, die diese bei anderen

unweigerlich hervorriefen. Seine Einschätzung mich betreffend

war nichts Persönliches. Vielmehr schöpfte er unbewusst eine

Hebung seines Selbstwertgefühls, indem er Andersartige abklassifizierte,

und sei es auch nur der Hautfarbe wegen. Nun ja, gestand

ich mir ein, wir können wohl alle nicht aus unserer Haut.

»Gib ihm ein Wasser«, wies ich Dale an, während Anderson

mit einem befreienden »Ahhh« endlich fündig wurde und sich

den Schweiß abtupfte. Wieder zu Atem gekommen legte er mir

eine Militärlandkarte vor, auf der ein großer roter Kreis von etwa

12 Kilometern Durchmesser eingezeichnet war. Anhand des angegebenen

Maßstabs dürfte dessen Zentrum rund 10 Meter vor der

Felskante gelegen sein. Anderson beugte sich vor und tippte mit

seinem Rotstift auf die Stelle.

»Chief Superintendent Conners, genau hier ist der Mittelpunkt

des nuklearen Phänomens. Das gesuchte Zentrum liegt ein bis

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drei Meter über dem Erdboden, unten am Strand. Aber, was noch

viel interessanter sein dürfte …« Er kniff Augen und Mund skeptisch

zusammen. »Ein Frühspaziergänger fand hier gegen 6:50 Uhr

einen jungen Mann. Er lag bewusstlos exakt an eben diesem Punkt.«

Ich horchte auf. »Jetzt mal langsam. Verstehe ich das richtig?

Exakt zur selben Zeit und exakt im Zentrum eines uns noch

schleierhaften Explosionsphänomens verunglückt jemand?«

»Jaaa!«, antwortete er mit langgezogener Betonung und lehnte

sich demonstrativ zurück.

»Ja, und weiter?«

»Nun, der Zeuge verständigte unmittelbar via Handy den Rettungsdienst.

Dieser konnte bei dem Bewusstlosen an Ort und

Stelle keine erkennbaren Verletzungen diagnostizieren, weshalb

man ihn per Helikopter zur Untersuchung in eine Klinik brachte.«

Ich warf erneut einen Blick auf die Karte, betrachtete den eingezeichneten

roten Kreis, den imaginären Mittelpunkt, die Fundstelle

des Verunglückten.

»Nein, nein … soll an Zufälle glauben, wer mag. Aber das ist

kein Zufall. Da besteht zweifelsfrei ein Zusammenhang, den wir

gründlich ausloten müssen«, warf ich ein, während Anderson

bestätigend die Arme verschränkte, so als wollte er sagen: ›meine

Rede‹. »Wissen wir, wie der Verunglückte heißt, wo er seinen

Wohnsitz hat?«

Anderson schüttelte den Kopf. »Nun ja … leider trug er keine

Papiere bei sich. Aber der junge Mann führte ein Handy mit sich.

Die erfahrenen Jungs vom Rettungsdienst waren auf Zack und

gelangten über die Adressliste an jemanden, der die empfangene

Nummer identifizierte.«

»Sehr gut. Und wie heißt er jetzt?«

»Tja, das konnten wir noch nicht ermitteln«, antwortete

Anderson selbstbewusst, entzog sich aber meines Blicks. Das ist

doch nicht mehr normal, dachte ich, holte resigniert Luft und

stand auf.

»Verstehen Sie bitte«, versuchte er meine offensichtliche Ent-

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täuschung mit einer Erklärung zu beschwichtigen, während er

gleichzeitig seinen zu eng sitzenden Krawattenknoten lockerte.

»Einen Polizeibericht gibt es leider nicht. Beamte werden nur

hinzugezogen, wenn Verdacht auf schuldhafte Beteiligung Dritter

besteht – und dieser Umstand war hier nicht gegeben.«

»Und was ist mit den Rettungsleuten?«, bohrte ich nach, denn

es konnte doch nicht sein, dass niemand etwas von dem Verunglückten

wusste.

»Nun, der Rettungsarzt, der Kenntnis vom Namen des jungen

Mannes erlangte, ist seit Mittag auf dem Weg zu einer Angeltour

in den schottischen Highlands. Er ist nicht erreichbar. Seinen

Bericht, der gewiss auch den fraglichen Namen enthält, erwartet

die Rettungsleitstelle Anfang nächster Woche. Dieser kann dort

dann gern eingesehen werden.«

»Anfang der Woche also?«

»So sagte man mir.«

»Das ist mir viel zu spät. Wie kommen wir sonst voran?«

»Nun, wir wissen nur noch, dass der Verunglückte in eine

große Privatklinik in London, Bloomsbury, gebracht wurde.«

»London, Bloomsbury, sagen Sie …«

Meine Laune hellte sich schlagartig auf, da es in Bloomsbury

nur eine große Privatklinik gab. Mit dieser Information hatte

mir Anderson endlich etwas Verwertbares in die Hände gespielt

und sich gleichzeitig in meinen Augen rehabilitiert. Ich klopfte

ihm anerkennend auf die Schulter, was er sichtlich befriedigt zur

Kenntnis nahm. Oberflächlichkeit, der Schwachpunkt in seinem

Wesen, vermochte ihm wohl mehr Anlass für Kritik als für Lob

zu verschaffen. Umso mehr dürstete ihn nach Letzterem. Diese so

willkommene Anerkennung konnte man ihm aber nicht grundlos

zuteilwerden lassen, denn das wäre eine versetzt wirkende Strafe.

Müsste er doch daraus eine Bestätigung seiner Fehlverhaltensmuster

ableiten, was seine Misere letztendlich nur weiter ausbauen

würde. Nun, zumindest für heute war seine rechte Gehirnhälfte

etwas zurechtgerückt, denn in vorauseilendem Gehorsam hatte

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er alle Ansatzpunkte gründlich ausgeschöpft. Dale registrierte,

dass ich Anderson begnadigte und freisprach. Zugleich erfasste er

meine zielstrebige Miene, die ihn zum Handeln aufrief.

»Marc, soll ich gleich mal in der Klinik anrufen und den Namen

des Verunglückten erfragen?«

»Nein, Dale, das wäre nicht klug«, wandte ich, eine Verdunklungsgefahr

befürchtend, ein. »Zu leicht könnte der Bursche schon

aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht sein und vorgewarnt werden.

Wenn er sich absetzt, haben wir wieder nichts in der Hand.«

Dale nickte einsichtig. Viel Spielraum bot sich uns zum momentanen

Zeitpunkt nicht gerade. Ich ging einige Schritte hin und her

und wog unsere Möglichkeiten ab.

»Nein, weißt du was, wir fahren da selbst hin«, entschied ich

und packte die Militärlandkarte zusammen. »Hat man uns schon

einen Dienstwagen bereitgestellt?«

»Ja … kam vor zehn Minuten.« Dale trat neben mich und ließ

den Autoschlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger baumeln.

»Gut. Dann lass uns loslegen.«

»Okay, Marc, aber noch eines. J. Bowder schleicht draußen

herum. Die Jungs von der Presse sitzen ihm auf der Pelle. Was sollen

wir rausgeben?«, flüsterte er mir diskret ins Ohr, während sich

Anderson langsam außer Hörweite in Richtung der im Zelt angerichteten

Erfrischungen aufmachte.

»So, J. Bowder …«

Ich mochte ihn nicht. Ein aalglatter, kaltschnäuziger Typ, durchtrieben

und schlau, mit geringer moralischer Hemmschwelle. Jacob

Bowder tauchte immer dann auf, wenn es etwas zu vertuschen galt.

Von wem er geschickt wurde, wusste niemand so genau. Jedenfalls

stand er nicht im Behördendienst, war wohl mehr dem Dunstkreis

undurchsichtiger Lobbyisten zuzurechnen, die, von unbekannter

Hand bestellt, mit dreister Selbstsicherheit gezielt Einfluss auf Politik

und Geheimdienst nahmen. Ich drückte Dale die Karte in die

Hand und ging nach draußen. Schon drang mir Bowders Vornehmheit

vorspielende nasale Stimme ans Ohr. Zudem sah er in seinem

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feinen englischen Zwirn samt Manschettenknöpfen aus, als wollte

er den ehrwürdigen Londoner Travellers Club aufsuchen, anstatt in

der brütenden Julisonne seinen undurchsichtigen Machenschaften

nachzugehen. Blasiert lächelnd kam er auf mich zu.

»Chief Superintendent Conners, ich bekleide hier die Position

des Presseattachés und weise ausdrücklich darauf hin, dass sämtliche

Meldungen an die Medien nur über mich gehen dürfen.«

»Ach so? Aber waren Sie nicht zuletzt Beauftragter eines multinationalen

Versicherungskonzerns, der Schadenshintergründe

abzusichern hatte?«

»Chief Superintendent Conners, viele bedeutende Organisationen

vertrauen auf meinen bewährten Rat und ziehen mich bei

unklaren Gegebenheiten hinzu.«

»Ja, schon gut, Bowder. Also, was brauchen Sie?«

»Nein, Chief Superintendent Conners, die Frage lautet vielmehr,

wie viel Zeit Sie brauchen, um eine handfeste Aufklärung

des Vorfalls zu bewirken, damit ich abschätzen kann, welche

Details zur Wahrung nationaler Sicherheitsinteressen verborgen

bleiben müssen.«

Das war genau die Situation, die mich immer wieder in einen

Zwiespalt versetzte. Tatsachenverzerrung, Manipulation, ein eingespieltes,

wie in Blei festgefahrenes Verhaltensmuster. Wie Blei

lastete es zuweilen auch auf mir. Als Bürger dieses Landes erwartete

ich unmanipulierte Informationen über Vorkommnisse des

öffentlichen Interesses, erwartete unzensierte Berichterstattung

über den Zustand meiner Heimat. Agierte ich aber nicht als Bürger,

sondern als Amtsperson, musste ich selbst dazu beitragen,

über die Bowders dieser Welt die objektive Wahrheit zu verzerren.

Kurz: Einer wie ich belügt einen wie mich.

»Bowder, wir stehen praktisch noch ganz am Anfang. Ich kann

Ihnen noch nichts sagen.«

»Verstehe. Aber wir gehen darin einig, dass bei dieser

Geschichte Belange nationaler, wenn nicht gar internationaler

Sicherheit nicht unwesentlich infrage stehen könnten?«

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»Schon möglich. Aber ich sehe keine Veranlassung, deswegen

die demokratisch garantierte Pressefreiheit zu übergehen.«

Wohl wissend, dass dieses Argument nicht fruchtete, da es

objektiv genommen kaum noch so etwas wie Demokratien gab,

sondern eigentlich nur noch marionettenartige Lobbykratien,

grinste er mir höhnisch ins Gesicht.

»Klar, viele Menschen leben in der abstrakten Vorstellung einer

Demokratie und lobpreisen die Pressefreiheit.«

Er hielt inne und gab mir dann tatsächlich eine Belehrung in

Sachen Medienpolitik. J. Bowder meinte, Pressefreiheit hieße

eben auch, die Freiheit zu haben, zu schreiben, was man will. Dies

schlösse die Freiheit ein, ob und wie man etwas schreibe. Auch die

Freiheit, ob man etwas gezielt wegließe oder hinzufüge, und zwar

unabhängig davon, ob man damit sich oder Sachverhalte von der

Realität abweichend darstelle.

»Bowder, was soll das? Sie wissen ebenso gut wie ich, dass niemandem,

der aufmerksam einschlägige Infomedien studiert, die

geschickte Manipulation, mit der eine gewünschte öffentliche

Meinungsbildung geschürt wird, entgeht.«

»Gewiss, Chief Superintendent Conners. Die Minderheit geistiger

Eliten, mit deren Verstand die Welt ohnehin nichts anzufangen

weiß, ist auch nicht das Problem. Meine Sorge gilt der

Mehrheit, gilt einzig dem einfachen Mann auf der Straße, der die

Dinge gar nicht so genau wissen will und sich damit begnügt, dass

ihm die beauftragten Diener des Staates ein leicht verdauliches,

unbekümmertes Lebensmodell servieren. Wo immer man dieser

seichten Erwartung nicht vorausschauend nachkommt, gibt es

schnell mal einen Aufruhr – und das kann ja wohl niemand ernsthaft

wollen … nicht wahr, Mister Conners.«

Bowder hatte sich eine Rechtfertigung seiner perfiden Pressemanipulation

selbst geschaffen. Selbstgerecht sah er seinen

Job darin, den künstlich im Lot gehaltenen Landesfrieden durch

selektive Informationspolitik zu bewahren. Vorgeblich – denn

eigentlich ging es um Bewahrung bestehender Machtverhält-

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nisse, wobei uns beiden klar war: Entscheidend für die Realität,

mit der wir auskommen müssen, sind nicht etwa sich zugetragene

Fakten, sondern entscheidend für das Schicksal von Menschen

und Nationen ist vielmehr derjenige, der die Beurteilungs- und

Auslegungshoheit über Zugetragenes hat und damit Umgang und

Richtung des medial Wahrnehmbaren steuert. In diktatorischen

Staaten nennt man diese allgegenwärtige Machterhaltungspraxis

Zensur. In Demokratien drückt man es gewählter mit Pressefreiheit

aus. Ja, so ist es eben. Einer wie ich belügt einen wie mich, oder

man ist raus aus dem Spiel. Ich fragte nicht weiter nach, ging aber

davon aus, dass er der Presse wie gewohnt eine glaubhaft erscheinende

Story auftischen würde, welche die breite Bevölkerung in

Sicherheit wog. Bestimmt irgendetwas in Richtung jugendlicher

Unfug oder so …

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In der Klinik, eine Stunde zuvor:

»Entschuldigen Sie, bitte. Mein Name ist Saltzman … Doctor

Medani hat mich für eine Dauerüberwachung herbestellt.«

»Oh ja, Sie sind die Praktikantin. Ich bin Schwester Anne.

Welche Vorkenntnisse bringen Sie mit?«

»Fünftes Semester Neurologie, Nebenfach Psychoanalytik.«

»Dann kennen Sie die Funktionen dieser Apparaturen?«

»Ja, gewiss.«

»Waren Sie schon mal bei komatösen Patienten eingeteilt?«

»Ja. Drei- oder viermal.«

»Okay, die Aufgabe ist denkbar einfach. Es genügt, wenn Sie die

Instrumente im Auge behalten. Melden Sie aber sofort, wenn

nennenswerte Veränderungen eintreten.«

»Natürlich. Und wie heißt der Patient?«

»Das weiß ich nicht, er hat Privat-A-Status. Die Registratur

führt ihn unter Tom Brown. Kennen Sie ihn? Sie sehen ihn so

verwundert an.«

»Ich kann mich nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben. Er

kommt mir nur sehr vertraut vor. Seine sanften Hände, sein

Gesichtsausdruck im Schlaf. Hm, nein. Nein, ich kenne ihn

nicht.«

»Na gut. Wie ich gerade ablese, hat sich sein Pulsschlag erhöht,

seit wir im Raum sind. Behalten Sie das bitte im Auge und

melden Sie mir, wenn weitere Veränderungen eintreten sollten.«

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