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[t]akte

Was brauchen wir

wirklich?

Charlotte Seithers „Oculi“ für Frauenstimmen

Steigerung der

Expressivität

Andrea Lorenzo Scartazzinis Streichquartett Nr. 1

Charlotte Seithers Oculi für Frauenstimmen sind eine

musikalische Reflektion über das Begehren. „Die Augen

sind das Fenster, das uns zu äußerer Verlockung

und zum Begehren führt. Was wir gesehen haben, das

wollen wir auch haben.“ Der „Dekalog“ der Guardini-Stiftung

widmet sich in einem mehrjährigen Zyklus

den zehn Geboten. Charlotte Seither komponiert für

den Abschluss ein Auftragswerk über das 10. Gebot.

Mit dem Habenwollen – Besitz, Macht, Positionen,

Aufmerksamkeit, Likes – beschäftigt sich jeder täglich:

Das Gebot ist so aktuell, so Seither, „weil es anregt,

darüber zu reflektieren, was nötig ist, was ich eigentlich

wirklich brauche“. Sie liest den hebräischen Text

der Gebote genau, die keinen Imperativ enthalten: Du

w i r s t nicht begehren, töten, stehlen, wenn Du in Gott

bist. Sie interessiert der Akt der Aufklärung, der auf

die Freiheit des Menschen zielt, wenn er das Begehren

hinter sich lässt, auf seinen Reichtum. Es geht ihr um

Positionen und Sichtweisen von heute auf den Text. Die

Komponistin vertont in Oculi verwandte Dichtungen

von Martin Luther, Matthias Claudius und Angelus

Silesius. Ihre vierteilige Komposition umfasst drei

Sätze für Frauenchor und einen gemischten Chor. Die

Chorsätze entmaterialisieren den Text in einer vielfach

aufgefächerten Deklamation: Die Worte werden in

Klangbilder, Geräuschkomplexe, Lineaturen aufgelöst,

die den Zuhörer umwehen und zur Kontemplation

bringen: eine Klangwelt jenseits des Sichtbaren. MLM

Charlotte Seither –

aktuell

10.10.2017 Berlin (Unerhörte

Musik), Dreizehn

Verwehungen für Stimme

solo, Claudia van Hasselt

(Stimme), Lotte Greschik

(Regie) +++ 13./26.10.2017

Berlin (Kulturkirche St.

Matthäi), Oculi. Drei leichte

geistliche Stücke für

Frauenchor (Uraufführung),

Frauenvokalensemble Berlin, Leitung:

Lothar Knappe +++ 15.10.2017 Rom (Christuskirche

Via Sicilia), Sette respiri (Anrufung) für Stimme

solo (Uraufführung), Irene Kurka, Sopran +++

28.10.2017 Augsburg, Minzmeißel für Stimme und

Klavier, Liat Himmelheber (Mezzosopran), Kilian

Sprau (Klavier), Deixis für Violoncello, Ayse Birdal

(Violoncello) +++ 26.11.2017 Dresden (Festspielhaus

Hellerau), Portraitkonzert Charlotte Seither mit

Kammermusikwerken, Ensemble Courage (Foto:

Marco Bussmann)

Nach der aufsehenerregenden Oper Edward II sprechen

nun vier Instrumente: Für das Quatuor Diotima

komponiert Andrea Lorenzo Scartazzini sein erstes

Streichquartett. Der schweizerische Komponist, ein

genuiner Dramatiker, der sich in seinem Werk bisher

auf Musiktheater und Vokalmusik konzentriert

hat, konzipiert sein Quartett als eine musikalische

Erzählung. Er reiht sechs Teile aneinander: Kurze Intermezzo-Miniaturen

in kleinerer Besetzung wechseln

mit ausgewachsenen Hauptsätzen, Motive werden

exponiert und später ausgesponnen: „Was im kurzen

ersten Satz als Grundmaterial erklingt: ein lapidarer

Pizzicato-Gestus, eine vierteltönige Kantilene und ‚geräuschhaft

orchestrierte‘ Stille, taucht in verwandelter

Form in den späteren Sätzen (III und V) wieder auf. Allen

gemeinsam ist ihr Sostenuto-Charakter, ein Innehalten

und Horchen sowie die Konzentration auf prägnante

motivische Gestalthaftigkeit.“ Die großen Sätze führen

bestimmte Grundcharaktere aus: eine Beschleunigung

zur maximalen Kraftentfaltung und Helle, dann bilden

„traumartige Texturen einen hypnotisch melodischen

Singsang“, der letzte dann ist rhapsodisch offen. Scartazzini

über sein Werk: „Die Klangsprache des Quartetts

umfasst eine große harmonische Bandbreite, von

filigranen Dur-Klängen bis zu schärfster Dissonanz,

ohne dass diese Mittel polystilistisch wirken. Die über

weite Strecken eingesetzte Vierteltönigkeit dient der

Erweiterung des chromatischen Spektrums zur Steigerung

der Expressivität.“

MLM

Andrea Lorenzo

Scartazzini – aktuell

15.10.2017 Köln (Philharmonie)

/ 7.11.2017

Frankfurt (Alte Oper),

Kassiopeia für Ensemble,

Ensemble Modern, Musikalische

Leitung: Paul

Daniel +++ 24.10.2017 Basel

(Oekolampad-Kirche)

Streichquartett

Nr. 1 (Uraufführung),

Quatuor Diotima +++ 7.2.2018 Orléans (Französische

Erstaufführung) / 13.3.2018 Arras

/ 19.3.2018 Bern, Streichquartett Nr. 1,

Quatuor Diotima (Foto: Matthias Willi)

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