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Die Kunst der

Überschreitung

Ein Handbuch über das Komponieren für Stimme

Ein Handbuch über das „Komponieren für Stimme“ hat

Stephan Mösch bei Bärenreiter publiziert, das Einblicke

in die Kunst des Vokalen ermöglicht. Von Monteverdi

bis heute versuchen Komponistinnen und Komponisten,

den Möglichkeiten der menschlichen Stimme zu

folgen und gleichzeitig diese Möglichkeiten und damit

die Grenzen des Musiktheaters zu erweitern.

„Und er gehorcht, indem er überschreitet“: Was

Rainer Maria Rilke in seinen Sonetten an Orpheus formuliert,

lässt sich auch als Motto des Komponierens für

Stimme lesen. In diesem Buch erkunden international

renommierte Autorinnen und Autoren den Umgang

mit der menschlichen Stimme – im Wechsel der Stile,

Gattungen und individuellen Schreibweisen.

Neben einem historischen Überblick bietet der Band

Gespräche mit zwölf führenden Komponistinnen

und Komponisten unserer Zeit, darunter Beat Furrer,

Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, Kaija Saariaho

und Miroslav Srnka. Die Reaktionen der Medien sind

überaus positiv: „In Anspruch und Umsetzung herausragend“

(Christoph Vratz im SWR), „Ein exzellentes

Handbuch“ (Jürgen Kesting in der F.A.Z.), „Ein großer

Wurf“ (Dieter David Scholz im MDR) …

Leseprobe

Eine Biegung der Repräsentanz: Beat Furrer

Geschichten, die von A nach B führen, interessieren

ihn nicht. Beat Furrer sucht Erzählmöglichkeiten

jenseits des Linearen. Nicht nur die Texte erscheinen

fragmentiert, sondern auch das Subjekt an sich. Zusammenfügen

soll sich alles erst im Kopf des Theaterbesuchers.

Trotzdem wäre es voreilig, die Werke

des 1954 in der Schweiz geborenen Wahlösterreichers

genuin mit Maximen des postdramatischen Theaters

zusammenzudenken. Im Gespräch überrascht er gerade

bei diesem Thema. […]

[…] Für traditionell ausgebildete Sänger kann der Umschlag

vom Sprechen zum Singen daher Stress bedeuten, so wie

für traditionell ausgebildete Schauspieler das Singen

oft eine Hürde darstellt. Worin besteht der ästhetische

Mehrwert, wenn Sie die Zwischenräume ausloten?

Furrer: Für mich war es immer wichtig, es nicht als

Konvention anzunehmen, dass ein Text gesungen

wird, nur weil das Medium »Oper« heißt. Das Problem

ist doch, dass Oper sich – auch bei neuen Stücken – immer

mehr abkapselt zu einer Form, die sich mit einer

historisch geprägten, standardisierten Art des Singens

zufriedengibt. Es ist daher ambivalent, wenn es von

einem Komponisten heißt, er schreibe gut für Stimme.

Das kann bedeuten: Er versteht, wie die Stimme funktioniert,

und hat Zugang zu ihren physischen Prozessen.

Es kann aber auch heißen: Er reproduziert Floskeln und

Klischees. Für mich ist es wesentlich,

dass dem Singen eine

andere, neue Expressivität zuwächst.

Wenn Oper ein Amalgam

ist, bei dem es auf die

Ambiguität zwischen Klang

und Bedeutung ankommt und

bei dem die Stimme im Zentrum

steht, dann schreibe ich

gerne Opern. Was mich dabei

fasziniert, ist die Idee, dass die

Stimme selbst zum Erzähler

werden kann – und so auch

neu erfahrbar ist.

In Ihren Stücken gibt es kaum

in sich geschlossene Figuren.

Das Subjekt zerfällt mit seiner

Entäußerung. Wie lässt sich

die Kategorie des Fragmentarischen

bei der Stimme kompositorisch

fassen?

Das Fragmentarische hat mit der erwähnten Ambiguität

zu tun. Es entsteht aus dem Bedürfnis, eine

neue, offene Balance zwischen dem Ton – auch dem

gesungenen – und einem Sinngehalt herzustellen und

damit die Wahrnehmung zu verändern. Die Stimme

kann Identität schaffen – und nicht das Wort, das den

Klang sehr schnell beherrscht. Ich hatte immer die

Vorstellung, mit instrumentalen Mitteln zum Kern, zur

Qualität der Stimme vorzudringen und dem eine eigene

Resonanz zu schaffen. Beim Komponieren empfinde ich

das so, dass sich ein Netz an Möglichkeiten verdichtet

und allmählich eine konkrete Figur entsteht.

Können Sie mit Begriffen wie „postdramatisch“ oder

„anti-narrativ“ etwas anfangen?

Wichtig ist mir, dass sich eine Geschichte im Kopf des

Hörers zusammensetzt. Ich denke über die Form des

Erzählens nach – und über das, was sich in diesen Formen

abgelagert hat. Das mag von solcher Begrifflichkeit

berührt werden. Sie kann aber auch zum Gefängnis

werden, wenn sie nicht immer wieder kompositorisch

hinterfragt wird. Ich sehe es durchaus als meine kompositorische

Aufgabe, eine Figur zu finden. Ich muss

wissen, wie sie sich verhält, wie sie sich entwickelt.

Als Komponist brauche ich diese Klarheit, sonst landet

man schnell in der Beliebigkeit.

Komponieren für Stimme. Von Monteverdi bis Rihm.

Ein Handbuch. Hrsg. von Stephan Mösch. Bärenreiter-Verlag

2017. BVK 2379. 389 Seiten. € 39,95, auch

als eBook erhältlich.

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