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Neues von „Faust“

Die Dialogfassungen von Charles Gounods Oper

Der Band aus der Reihe „L’Opéra français“ mit den

Dialogfassungen bringt Licht in die verwirrende

Entstehungsgeschichte von Gounods „Faust“ und

bietet den Bühnen eine attraktive Alternative.

Charles Gounods Faust erlangte seine internationale

Anerkennung in der Fassung als vollständig gesungene

Oper; darüber geriet ganz in Vergessenheit, dass

das Werk ursprünglich mit gesprochenen Dialogen

komponiert worden war. Die beiden frühen Fassungen

mit Rezitativen sind Gegenstand der neuen Ausgabe

und enthalten bislang unveröffentlichte Nummern

und Melodramen. (Die dritte Opernfassung, die sog.

„Version Opéra“, ist 2016 in einer Kritischen Ausgabe

erschienen, BA 8713).

Gounod beschäftigte sich zwar seit 1838 mit Goethes

Faust, sein wirkliches Interesse an dem Sujet erwachte

jedoch erst 1850, als am Théâtre du Gymnase-Dramatique

die Aufführung des Drame fantastique Faust et

Marguerite von Michel Carré zu erleben war. Dieses

Stück diente Jules Barbier als Grundlage für das Libretto

der Oper, das Gounod getreulich in Musik setzte. Das

Libretto war zu lang, jedoch so geschickt angelegt, dass

es eine dramatisch erfolgreiche Aufführung zu gewährleisten

vermochte, und gründete auf drei Elementen:

Das erste ist natürlich die Liebesbeziehung zwischen

Faust und Marguerite. Das junge Mädchen, fromm und

naiv, erliegt dem Charme eines widerspruchsvollen

Faust, der sich anfänglich wie ein skrupelloser Verführer

verhält, bevor er schließlich das Vertrauen in seinen

ausschweifenden, teuflischen Gefährten verliert. Die

zweite Handlungsebene des Librettos ist moralischer

und religiöser Natur. Der Librettist unternimmt eine

Belehrung über die Sünde: Die unschuldige Marguerite

hat sich ihrem Liebhaber hingegeben und ein

Kind in die Welt gesetzt, das sie zur Vertuschung ihres

„Vergehens“ tötet. Ihre aufrichtige Reue ermöglicht es

ihr, den Teufel zu entlarven und zu besiegen. Wie eine

„neue Eva“ wird sie belohnt und erfährt ihr Heil in

einer Apotheose, die an die Himmelfahrt der Jungfrau

Maria erinnert. Der dritte Themenbereich des Werks

ist das Fantastische. Es bietet Gelegenheit zu spezifisch

theatralischen Bühneneffekten, von Fausts Verjüngung

über die idealisierte Erscheinung von Marguerite im

Hintergrund des Laboratoriums des Gelehrten bis zur

Walpurgisnacht, wo Dämonen und Hexen einen Sabbat

feiern, den man sich vielleicht sogar noch heftiger

gewünscht hätte.

Etliche Nummern unterscheiden sich von den

bekannten Stücken nur durch Details in der Orchestrierung

(Duett Faust/Méphistophélès „Me voici!...“,

Duell-Terzett „Que voulez-vous messieurs?“, Valentins

Tod „Par ici, mes amis!“), andere werden hier erstmals

veröffentlicht: das Terzett Faust/Wagner/Siebel „À

l’étude ô mon maître“, das Duett Valentin/Marguerite

„Adieu, mon bon frère!“, Méphistophélès‘ Arie „Maître

Scarabée“, Siebels Romanze „Versez vos chagrins dans

mon âme!“, Valentins Arie mit Chor „Chaque jour,

nouvelle affaire“, der Hexenchor „Un deux et trois“,

außerdem sieben „Mélodrames“, deren fehlende oder

unvollständige Orchestrierung für die vorliegende

Edition vervollständigt wurde.

„Faust“ am Theater Dortmund, Premiere: 17.9.2016, Musikalische Leitung: Motonori Kobayashi, Regie: John Fulljames (Foto: Thomas Jauk / Stage

Picture)

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