Eonvar - Zwischen den Welten

nadineskonetzki

Nichts vermag die toughe Elisa zu stoppen. Weder die Hindernisse des Alltags noch das raue Leben in der Großstadt. Plötzlich taucht ihr lange verschollener Jugendfreund Gabriel auf – und mit ihm die Chance, in einer magischen Welt voller Abenteuer zu leben. Elisa steht vor einer schweren Entscheidung. Nur wer sich vollkommen von der irdischen Welt trennt, darf in Eonvár bleiben. Doch ist das Leben als Hexe und ohne Rollstuhl wirklich das, was sie sich wünscht? Kann sie die Menschen, die sie liebt, zurücklassen? Statt eine Wahl zu treffen, beginnt Elisa ein gefährliches Doppelleben zwischen den Welten.

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Nadine Skonetzki

Konstanzer Str. 68

78315 Radolfzell am Bodensee

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Radolfzell 2017

Buchcoverdesign: Lillith Korn, www.helfeelfe.de

Illustrationen: Mariella Heyd

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Satz: André Ferreira

Korrektorat: Zeilengold Verlag

Druck: booksfactory, 71-063 Szczecin (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-04-7

ISBN Ebook: 978-3-946955-93-1

Alle Rechte vorbehalten

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.


KAT RUPIN

ZWISCHEN DEN WELTEN


Kat Rupin ist zwar in Augsburg geboren, hat aber die rheinländische Frohnatur

ihrer Eltern geerbt. 1986 geboren, beschäftigt sie sich mit Worten

und Sprache, seit sie denken kann. 2012 hat sie an der Universität ihren

Magister mit einer Arbeit über Geschlechterstereotypen in Frauenliteratur

abgeschlossen. Seit etwa drei Jahren betätigt sie sich neben ihrem

Brotjob als freie Lektorin und Korrektorin, hat aber das eigene Schreiben

nie aufgegeben. Ihre erste Geschichte, verfasst im zarten Alter von acht

Jahren, handelte von ihrem damals größten Idol, Winnetous Schwester,

und umfasste ganze neun Seiten. Mittlerweile erfindet Kat Rupin eigene

Welten, bevorzugt im Fantasy-Genre. Zwar sind ihre Figuren nicht die

schönsten oder tapfersten und nicht immer retten sie die Welt, aber sie

möchten ihre Leserinnen und Leser für ein paar Stunden aus dem grauen

Alltag entführen. In ihrem Debüt, einem Urban-Fantasy-Roman mit

romantischem Einschlag, muss Kats junge Heldin herausfinden, was für

sie im Leben am wichtigsten ist. Freundschaft oder Liebe? Abenteuer oder

Vertrautes? Magie oder Realität?


Für eine Elefantin und ihr Mutterherz.

Ja, er trägt deinen Namen …


Ihr Tag begann in einem Traum.

Elisa war kurz vor Sonnenaufgang aufgewacht, aber noch einmal

weggedämmert. Nun lief sie durch eine fremdartige Stadt, den Betonboden

unter den Füßen, und genoss es, wie sich Steinchen in ihre Fersen bohrten.

Entzückt beschleunigte sie das Tempo, schnellte mit den Fußspitzen von

der Erde und glaubte zu fliegen.

Schummrige Laternen beleuchteten die Straße. Elisas Beine bewegten

sich wie von selbst, überquerten menschenleere Plätze, huschten durch

Gassen, in denen Nebel aus den Gullys kroch, und rannten an Reihenhäusern

vorbei. Die Stadt war so vertraut wie fremd, als wäre sie einmal hier

gewesen und hätte das Gefühl nur vergessen. Es irritierte sie, kitzelte an

den Rändern ihres Bewusstseins und riss sie beinahe aus dem Schlaf.

Verwundert blieb sie stehen und sammelte die Gedanken, die bei dem

Lauf aufgestoben waren wie Schmetterlinge aus Fliederbüschen und nun

orientierungslos um sie flatterten.

Lautes Scheppern ließ sie herumwirbeln. Eine Katze hatte im Sprung

einen Eimer umgerissen und starrte jetzt vorwurfsvoll in Elisas Richtung,

als hätte sie die Stille gestört.

Ihr Lachen quittierte das Tier mit einem Fauchen, dann verschwand es

hinter einer Mülltonne. Die wirren Gedanken nahm es mit und ließ nur

das Gefühl der Freiheit da.

Etwas ruhiger schlenderte sie weiter. Ein paar Kreuzungen später

hielt sie inne, denn ihre Füße hatten ein Ziel gefunden. In die Dunkelheit

erstreckte sich ein weitläufiger Park, die Bäume wisperten im Wind.

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Eine Erinnerung an tobende Kinder blitzte auf. Helles Lachen und eine

Stimme, die ihren Namen rief, geisterten durch die Nacht.

Elisa wich nach hinten. Zurück in den Schatten. Zurück ins Vergessen.

Sie prallte gegen ein Hindernis. Arme schlossen sich um ihren Körper,

drehten sie um und wieder hörte sie ihren Namen – dieses Mal voller

Erstaunen.

Dann sah sie in Augen, deren Iris wie Moos im Sonnenlicht leuchteten

und etwas in ihr entflammten.

Keuchend fuhr sie aus dem Schlaf.

Müde strich Elisa eine Strähne ihrer rotblonden Locken aus dem Gesicht.

Ihr Atem ging immer noch schnell, als wäre sie tatsächlich gerannt, und

der eindringliche Blick der fremden Augen verfolgte sie. Obwohl sie sich

schüttelte, wurde sie den Traum nicht los. Er schlich in die Ecken ihrer

Einzimmerwohnung – dorthin, wo das Licht des Tages nicht vordrang –

und wartete darauf, sie erneut zu überfallen.

Unwirsch drückte sie sich in die Höhe, schlug auf den dröhnenden

Wecker und fegte ihn dabei von ihrer Bettkante. Sie schnappte danach,

verfehlte ihn mit den Fingerspitzen und er stürzte scheppernd ab, rollte aus

ihrer Sichtweite. Elisa seufzte genervt. Gut, dass Lucy morgen vorbeikam,

sonst müsste die Uhr noch ein paar Tage unter dem Bett liegen.

Sie schob die Decke von den Beinen. Der Tag hatte schlecht angefangen

und wenn sie sich nicht beeilte, würde er vor ihr davonlaufen. Sie

war nicht schnell genug, um ihn einzuholen.

Ihrer üblichen Morgenroutine ging sie gelangweilt nach. Zuerst ins

Bad, in die geräumige Dusche setzen, mit Wasser den Rest Müdigkeit

verscheuchen. Die Kleidung anziehen, die sie am Abend zuvor über den

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vertieften Handtuchhalter gehängt hatte. Anschließend Milch aus dem

Kühlschrank holen. Die Schüssel auf ihrem Schoß balancierend, aß sie

hektisch ihr Müsli.

Während sie die Zähne putzte und die nassen Locken in Form

drückte, lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Lucy sagte immer, ein Tag sei

nur so schön wie das Lächeln, mit dem man ihn begonnen habe. Obwohl

Elisa das für eine hohle Phrase hielt, verzichtete sie morgens nie auf dieses

Ritual. Nachdem sie die Handtasche hinter sich gestellt hatte, verließ sie

die Wohnung und machte sich auf den Weg.

Der Aufzug an der U-Bahn-Station war wie üblich kaputt. Seit sie

vor vier Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen war, hatte sie jedoch viele

Tricks gelernt, sich selbst zu helfen. Die Rolltreppe war zu ihrer Freundin

geworden, deshalb erwischte sie die Bahn mühelos.

Auf der Fahrt zur Universität stieg Elisas Nervosität. Immer wieder

kontrollierte sie, ob sie genug Stifte eingesteckt hatte, und las ein letztes

Mal ihren vollgeschriebenen Spickzettel. Während der Klausur musste sie

den natürlich in der Tasche lassen, aber noch half er ihr, die wichtigsten

Stichpunkte ins Gedächtnis zu rufen.

Beinahe hätte sie verpasst, an ihrer Station auszusteigen. Sie war

sowieso schon viel zu spät dran! Keuchend kam sie vor dem Hörsaal zum

Halten. Die Tür ließ sich nur schwer öffnen, fiel krachend hinter ihr ins

Schloss. Alle Köpfe ruckten zu ihr herum. Im Halbkreis erstreckten sich

Sitzreihen bis zum Podium des großen Auditoriums, doch die hinterste

Reihe war bereits besetzt. Elisa fluchte lautstark. Sie hatte geahnt, dass sie

im Bett bleiben, das Kissen über den Kopf ziehen und Schlaf nachholen

hätte sollen. Allerdings war das heute die letzte Klausur im Semester und

sie brauchte eine gute Note, um ihren Schnitt zu halten.

»Frau Schwarzberg!«, rief ihr Dozent zu ihr herauf. »Schön, dass Sie

sich doch noch pünktlich zu uns begeben.«

»Lassen Sie mich raten – mein Platz ist in der vorderen Reihe?«,

brüllte sie zurück.

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Professor Bauer senkte den Blick auf den Sitzplan und lief rot an. Es

war nicht das erste Mal, dass ihm ein solcher Fauxpas unterlief, aber an

diesem Morgen hätte sie ihn gern dafür angeschrien. Freud würde sagen,

ihre Aggression entstamme einem inneren Trieb, dem es nach Zerstörung

verlange. Wie gut, dass die moderne Wissenschaft nicht mehr alle

Gefühlsregungen auf ein unbestimmtes Es zurückführte. Und wie gut,

dass sie die freudschen Lehren endlich in ihren Kopf geprügelt hatte.

Hoffentlich erinnerte sie sich gleich noch daran.

Schließlich bekam Elisa einen Platz. Für zwei Stunden schaltete sie

die Gedanken aus, konzentrierte sich nur auf die Fragen vor sich und

füllte Blatt um Blatt mit psychologischem Fachwissen und Fallanalysen.

Endlich rollte das Ende der Klausur heran. Mit ihr das ausgelassene

Lachen ihrer besten Freundin. Sie wartete vor dem Unigebäude und fiel

Elisa jubelnd in den Schoß, umarmte sie und drückte Küsse auf ihre Wange.

»Herrje«, nörgelte Elisa, »du tust ja, als hätten wir uns Ewigkeiten

nicht mehr gesehen.«

»Vier Tage, fünf Stunden« – Lucy linste dramatisch auf ihre Uhr –

»und siebzehn Minuten. Das kann schon eine Ewigkeit sein.«

»Was immer du sagst. Stehst du trotzdem wieder auf?«

Als Lucy den Kopf schüttelte, flogen ihre glatten schwarzen Haare

hin und her. »Sieh es als dein heutiges Training«, kicherte sie, schlang

die Arme um Elisa und schnalzte mit der Zunge. »Hopp, hopp, mein

Pferdchen.«

»Pferdchen? Na warte!« Elisa beugte ihren Oberkörper vor, griff mit

beiden Händen nach den Rädern und gab Vollgas. Mit einem Ruck

schoss der Rollstuhl nach vorn, nahm an Fahrt auf und raste an verdutzt

gaffenden Menschen vorbei.

Wenn Lucy bei ihr war, fiel es Elisa viel leichter, das allgegenwärtige

Starren zu ertragen. Sie sauste um Kurven, grinste über Lucys begeistert-entsetztes

Quieken und über die Gruppe an Businessmännern, die

auf die Straße floh, als die verrückte Behinderte auf sie zuschoss.

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Außer Atem betätigte Elisa kurz vor einem Café die Kniehebelbremse.

Abrupt kamen sie zum Stehen. Ihr Herz pumpte Adrenalin durch den

Körper und sie badete in dem unbeschwerten Gefühl.

»Durchgeknallt«, murmelte Lucy, »völlig durchgeknallt.«

Elisa lachte. »Du wolltest einen Chauffeur. Jetzt steh auf und benutz

deine Beine.«

Gehorsam rutschte Lucy von ihrem Schoss, schulterte die Handtasche

und packte die Griffe des Rollstuhls. Ohne auf Elisas Protest zu achten,

schob sie sie in das Café. Der Frühling lockte mit Teppichen aus Tulpen

und Krokussen, aber die Temperaturen draußen luden noch nicht zum

Verweilen ein.

Wie jeden Dienstag war der Tisch am Fenster für sie reserviert. Ein

elegant geschwungener Stuhl und zwei Gedecke warteten auf sie. Elisa

manövrierte sich in die Ecke. Sie wusste, dass ihre Freundin es nur gut

meinte, aber sie kam allein zurecht.

»Erzähl schon!«, forderte Lucy. »Wie war die Klausur?«

»Wunderschön. Freud, Adler und Jung haben mich die letzten Nächte

ganz schön wach gehalten.«

»Da hast du dir echt ein paar komplizierte Männer angelacht.«

»Die von nichts anderem als Psychoanalyse und sexuellen Trieben

faseln.« Elisa schenkte dem Kellner, der ihnen Getränke und die Speisekarten

brachte, ein verschämtes Lächeln, bevor sie sich wieder ihrer

Freundin widmete. »Aber wenn alles klappt, kann ich nächstes Semester

endlich das Praktikum machen.«

»Das klappt schon. Du hast doch wochenlang Bücher gewälzt. Wart

ihr im Audimax?«

»Natürlich. Und Bauer hat mich mal wieder vergessen! Ständig will

er mich nach vorn setzen, obwohl er weiß, dass ich die Treppen nicht

hinunterkomme.«

Lucy verdrehte die Augen. »Dieser Hornochse! Aber wahrscheinlich

meint er es nicht böse. Du weißt doch, wie diese Intellektuellen sind.

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Ständig den Kopf in den Wolken und zu kompliziert, um sich ein Brot zu

schmieren. Was hast du dann gemacht?«

»Ach, ein Kommilitone hat den Platz mit mir getauscht. So konnte ich

hinten an der Seite sitzen. Aber für dieses Semester bin ich erst mal durch und

muss mir den Stress nicht mehr antun. Ich freu mich tierisch auf die Ferien!«

»Und danach hat Bauer eh wieder verplant, dass du im Rollstuhl sitzt,

und der ganze Ärger geht von vorn los.«

Grinsend zuckte Elisa mit den Schultern. Sie war es mittlerweile

gewohnt, dass manche ihrer Dozenten nur wenig Rücksicht nahmen.

Eigentlich gefiel ihr das besser, als wie jemand behandelt zu werden, der

bei der leisesten Erschütterung zerbrach.

»Nächstes Jahr bin ich mit den Grundkursen durch«, fuhr sie fort.

»Dann muss ich nicht mehr in die großen Hörsäle. Aber vorher muss ich

das Praxissemester überstehen.«

»Willst du dich immer noch auf Therapiemöglichkeiten für traumatisierte

Kinder spezialisieren?«

Elisa nickte.

Aufmerksam sah Lucy sie an. »Wegen Mariela aus der Reha, oder? Du

redest nie darüber, El, aber ich weiß, wie sehr dich das mitgenommen hat.«

»Ich denke einfach, dass man ihr hätte helfen können!« Elisa versteckte

das Gesicht hinter ihrem Milchkaffee. »Die richtige Therapie und bessere

Medikamente, dann würde sie jetzt nicht in der Geschlossenen sitzen!«

»Man kann nicht jeden wieder geradebiegen.«

»Warum nicht?«

Lucy lächelte gequält. »El, du weißt –«

»Dann will ich wenigstens verhindern, dass es anderen Kindern so

geht!«, fiel sie ihrer Freundin ins Wort.

»Meine Heldin!«

Abwehrend verzog sie den Mund. »Ich möchte einfach mal Menschen

helfen. Ich will nicht nur die im Rollstuhl sein, die für jedes bisschen

Hilfe braucht.«

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»Das ist doch Unsinn! El, ich kenne sonst niemanden, der mit dreiundzwanzig

so selbstständig ist. Egal, ob Behinderung oder nicht. Red dir

nicht immer so einen Mist ein.«

Elisa runzelte die Stirn, ging aber nicht auf den Kommentar ein. Stattdessen

lenkte sie das Thema geschickt auf Lucys Familie und hörte sich die

nächste halbe Stunde lächelnd Geschichten über ihren kleinen Sohn an.

Nach der Mittagspause fuhr sie zur Arbeit. Seit vier Jahren verdiente sie

sich neben dem Studium etwas Geld als telefonische Kundenberaterin bei

einem Mobilfunkbetreiber.

Selbstredend entpuppten sich die meisten Kunden an diesem Tag

als Monster, die nur anriefen, um ihren Frust auf die Welt, ihr Telefon

und natürlich die stupide Beraterin herauszulassen. Elisa begegnete

ihnen mit dem Schwert ihrer professionellen Freundlichkeit und ignorierte

die Beschimpfungen. Stattdessen blätterte sie, während sie einem

aufgebrachten Manager zuhörte, in einer Spektrum-Zeitschrift und

freute sich auf den Abend, den sie nach einer Stunde Ausdauertraining

mit einer guten Actionserie zu verbringen gedachte. Die letzten Tage

vor den Klausuren waren anstrengend gewesen. Trotzdem war sie fest

entschlossen, das Studium zu schaffen. Sie wollte nicht den Rest ihres

Lebens Kunden die Bedienung von Handys erläutern. Obwohl der Job

meist Spaß machte, hatte sie höhere Ziele. Irgendwann würde sie eine

eigene Praxis haben, sich traumatisierten Kindern widmen und die Welt

ein bisschen besser machen.

Als sie endlich Feierabend hatte, verabschiedete sie sich von den

Kollegen und rollte in den Fahrstuhl, der sie zuverlässig im Erdgeschoss

ausspuckte. Sie wühlte in der Tasche nach den Kopfhörern, schaltete ihre

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Lieblings-Playlist zum Auspowern ein und summte vor sich hin, während

ihre muskulösen Hände ein ums andere Mal in die Reifen griffen.

Die Dämmerung zog violette und rosa Streifen über die Silhouette

Münchens. Elisa sog die Abendluft durch die Nase ein. Sie liebte das Gewusel

der Großstadt, den Lärm der hupenden Taxis und die Hektik der Menschen.

Plötzlich ging eine Erschütterung durch ihren Körper, als jemand von

der Seite gegen den Rollstuhl stürzte, dann floss heißer Kaffee über ihre

geliebte rote Bluse und verbrühte die Haut darunter.

Zischend atmete sie ein, doch eine Sekunde später vergaß sie den Schmerz.

Neben ihr kniete ein junger Mann, hektische Worte der Entschuldigung

auf den Lippen, den Kaffeebecher weit von sich haltend. Er suchte

ihren Blick, die Augen weit aufgerissen.

Elisa kannte dieses Gesicht.

Ihr Tag endete in einem Traum.

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Verdutzt zog sie die Hörer aus den Ohren. Das Lied verklang. Gleichzeitig

drehte sich die Lautstärke der Welt in die Höhe.

»Ich bin so ein Trottel, das war echt keine Absicht.« Seine Stimme war

melodiös und ein bisschen heiser. Wie das leise Kratzen der Nadel auf

einer Schallplatte.

Alles an ihm wirkte vertraut. Die Spitzen des hellen Haares, die aus

dem Kapuzenpullover hervorragten, diese intensiven grünen Augen und

das bestürzte Gesicht, auf dem ein paar Bartstoppeln und direkt neben der

Nase eine feine Narbe prangten.

Elisa riss sich zusammen. Woher sie den Kerl auch kannte – sicher nicht

aus einem Traum! Diese romantische Überlegung hätte Lucy gefallen, sie

selbst hielt nichts von dem Humbug.

»Schon gut.« Sie musste sich räuspern, um ihre Stimme zu finden.

Mühsam griff sie über den Kopf nach ihrer Tasche und zog ein Tuch heraus.

Der Unbekannte musterte sie beschämt, aber er wagte es nicht, ihr zu

helfen, als sie die heiße Flüssigkeit von ihrem Oberteil tupfte. Ihre strenge

Miene war wohl Warnung genug.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte er erneut. »Darf ich dich zur Entschuldigung

auf einen Kaffee einladen

»Soll das ein schlechter Scherz sein?«

»Nein! Nur eine Wiedergutmachung.« Er verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich

keine besonders gute …«

Elisa schaute zu ihm hoch. »Ich hätte nichts gegen einen Kaffee. Solange du

mir den nicht wieder auf die Bluse schüttest. Die mag ich nämlich sehr gern.«

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»Ich verspreche, das nächste Mal deine Hose zu treffen.« Ein spitzbübisches

Lächeln erschien auf seinen Lippen. Es hätte ihre Knie weichgemacht,

wenn sie darin etwas gespürt hätte.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in ein Café und legten die

Entfernung unter zwanglosem Smalltalk zurück. Elisa war erstaunt über

die Leichtigkeit, mit der die Zeit dahinfloss.

Häufig sah sie aus den Augenwinkeln hoch und ärgerte sich über ihr flatterhaftes

Herz. Sie geriet doch sonst nicht ins Schwärmen, wenn ihr ein hübscher

Mann über den Weg lief. Zu realistisch sah sie die Chancen auf eine gemeinsame

Zukunft, zu wenig wollte sie sich in ihrem Leben einschränken lassen.

Nachdem sie einen Tisch gefunden hatten, plauderten sie noch einige

Minuten über die Stadt, das Wetter und den Skateboarder, der ihm den

Weg abgeschnitten hatte. Dann wandte sich das Gespräch ihr zu.

Elisa gab bereitwillig Auskunft und versank in der behaglichen Illusion,

dass sie eine dieser Zufallsbegegnungen hatte, aus der sich etwas Zauberhaftes

entwickeln würde.

Ihren Fragen hingegen wich er aus, lenkte das Gespräch geschickt

zurück auf ihr Leben. Achselzuckend griff sie nach ihrem Milchkaffee.

Wenn er nichts verraten wollte, würde sie ihn nicht drängen.

Er hatte die Kapuze abgenommen und strich durch die verwuschelten

Haare, bis sie in alle Richtungen abstanden. In seinen Augen blitzte eine

Frage auf.

»Was ist?«, erkundigte sie sich. Sie hielt nichts davon, um den heißen

Brei herumzureden. Wenn er Probleme mit dem Rollstuhl oder etwas

anderem hatte, war ihr ein schnelles Ende lieber.

»Nichts.«

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»Bist du sicher? Du starrst mich an, als hätte ich einen giftgelben

Ausschlag im Gesicht.«

»Direkt wie eh und je.«

»Wie bitte?«

Er seufzte. »Erkennst du mich denn gar nicht, Lisl?«

Verwundert zog sie die Augenbrauen in die Höhe. Seit Jahren hatte

niemand mehr diesen Spitznamen benutzt. Er gehörte zu einer Elisa, die

längst Vergangenheit war.

Mit offenem Mund starrte sie den Fremden, der kein Fremder war,

an. In ihrem Gehirn setzten sich Puzzleteile zusammen – schnell und

immer schneller.

»Gabriel?«, stieß sie hervor. Vorsichtig beugte sie sich über den Tisch,

berührte ihn am Arm, als hätte sie Angst, er könnte vor ihren Augen

verschwinden. »Gabriel, bist du es wirklich?«

»Ich bin’s«, sagte er erleichtert und fuhr sich schon wieder durch die Haare.

»Ich glaub’s ja nicht! Was ist aus dem ungelenken Jungen geworden,

der sich nie getraut hat, bis auf die Spitze des Klettergerüstes zu klettern?«

Gabriel grinste über ihre unverschämte Frage. »Dafür warst du

zuständig, Lisl. Du bist doch immer jedes Risiko eingegangen.«

»Das ist längst vorbei.«

Ein Sturm fegte das Lachen fort und hinterließ Entsetzen. Elisa hasste

sich dafür, dass sie es vertrieben hatte. Für einen zähen Moment trat Stille

ein, in der sie sich betreten von ihm löste und auf ihrer Lippe kaute. Hätte

sie nicht sanftere Worte finden können, um das unvermeidliche Mitleid

noch eine Weile aus ihrer Wiedersehensfreude herauszuhalten?

»Was ist überhaupt passiert?« Er klang unsicher. »Seit wann sitzt du im

Rollstuhl?«

»Eigentlich bist du schuld daran.«

Sie hatte es wieder getan. Aus Entsetzen wurde Schmerz, der sich in

seine Stirn grub. Elisa lachte gekünstelt, konnte ihren Worten aber nicht

mehr die Schärfe nehmen.

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Ein zweites Mal lehnte sie sich zu ihm und war froh, als er nach ihren

Fingern griff und sie mit seinen umschloss. Seine Haut war warm. Weich.

Wie für ihre Hand gemacht.

»Das war ein blöder Scherz«, entschuldigte sie sich kurzatmig. »Entschuldige,

mein Mund ist manchmal schneller als mein Gehirn.«

»Erzählst du mir, was passiert ist?«

»Weißt du noch? Unser letztes Treffen?«

Gabriel nickte.

»Ich habe wohl nicht aufgepasst, als ich über die Straße lief. Ich weiß

nicht mehr, was du damals gesagt hast, aber du hattest dich irgendwie

komisch verabschiedet und ich drehte mich noch mal um.« Sie stockte.

Wie lange hatte sie nicht mehr an diesen Tag gedacht? »Du warst schon

weg. Aber auf einmal war da ein Auto -« Ihre Stimme versagte.

Erinnerungsfetzen prasselten auf sie ein, zerrten sie in die Vergangenheit.

Zurück zu den Schmerzen und dem Schock. Die Menschen, die auf

sie zuliefen. Ihre Eltern, tagelang am Krankenbett ausharrend, weinend und

panisch, während in Elisas Unterkörper nur noch Taubheit herrschte. Dann

die Ärzte in ihren Kitteln, die nicht verstanden, dass sie mit einem Kind

sprachen, und unverständliche Diagnosen brabbelten. Paraplegie. Spinales

Trauma. Rollstuhl.

Mit einem Keuchen tauchte sie aus den Bildern auf.

Gabriel starrte sie fassungslos an. Trauer und Zorn rangen in seinen

Zügen um die Übermacht. Die Trauer siegte. »Das tut mir so leid.«

»Das muss es nicht«, sagte sie schärfer als nötig und zog ihre Hand

zurück. »Der Rollstuhl ist ein Accessoire, kein Hindernis.«

Ihre Antwort brachte etwas in seinen Augen zum Leuchten. »Du bist

immer noch die alte Lisl. Stark und unabhängig und frecher, als dir guttut.«

Elisa schnaubte amüsiert. »Danke für das Kompliment. Aber für diesen

dämlichen Spitznamen bin ich wirklich zu alt.«

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