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Deutschland 2030 – Wie können wir die SDGs umsetzen?

Wie leben wir im Jahr 2030? Welche Herausforderungen erwarten uns? Und welche Rolle spielen die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bei deren Bewältigung? Diesen Fragen geht das jetzt bei macondo publishing erschienene Jahrbuch "Global Compact Deutschland 2017" nach. Die Publikation stellt mögliche Zukunftsszenarien vor und lässt zentrale Akteure aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft zu Wort kommen. Darüber hinaus zeigen 29 deutsche Global Compact-Mitgliedsunternehmen in ihren Good Practice-Beispielen, mit welchen Maßnahmen sie dazu beitragen, die SDGs umzusetzen. Über das Global Compact Deutschland 2017 Jahrbuch des deutschen Netzwerkes mit Beiträgen u.a. von H.E. António Guterres (Grußwort), Elmer Lenzen, Stefan Brunnhuber, Joachim Fetzer, Marion-Weissenberger-Eibl, Mathis Wackernagel sowie 29 deutschen Global Compact-Mitgliedsunternehmen. Hrsg.: macondo publishing Verlag. Münster 2017, 132 Seiten, durchgehend farbig, broschiert, FSC-zertifizierter und klimaneutraler Druck, limitierte Auflage. ISBN-13: 978-3-946284-04-8

Wie leben wir im Jahr 2030? Welche Herausforderungen erwarten uns? Und welche Rolle spielen die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bei deren Bewältigung? Diesen Fragen geht das jetzt bei macondo publishing erschienene Jahrbuch "Global Compact Deutschland 2017" nach. Die Publikation stellt mögliche Zukunftsszenarien vor und lässt zentrale Akteure aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft zu Wort kommen. Darüber hinaus zeigen 29 deutsche Global Compact-Mitgliedsunternehmen in ihren Good Practice-Beispielen, mit welchen Maßnahmen sie dazu beitragen, die SDGs umzusetzen.

Über das Global Compact Deutschland 2017
Jahrbuch des deutschen Netzwerkes mit Beiträgen u.a. von H.E. António Guterres (Grußwort), Elmer Lenzen, Stefan Brunnhuber, Joachim Fetzer, Marion-Weissenberger-Eibl, Mathis Wackernagel sowie 29 deutschen Global Compact-Mitgliedsunternehmen. Hrsg.: macondo publishing Verlag. Münster 2017, 132 Seiten, durchgehend farbig, broschiert, FSC-zertifizierter und klimaneutraler Druck, limitierte Auflage. ISBN-13: 978-3-946284-04-8

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global<br />

<strong>Deutschland</strong><br />

compact<br />

<strong>Deutschland</strong><br />

<strong>2030</strong><br />

<strong>–</strong> <strong>Wie</strong> <strong>können</strong> <strong>wir</strong> <strong>die</strong><br />

<strong>SDGs</strong> <strong>umsetzen</strong>?<br />

2017


Herausgegeben mit freundlicher Unterstützung durch:


GRUSSWORT<br />

Twenty years ago, when I was starting my<br />

functions as Prime Minister of Portugal,<br />

the world was surfing a wave of optimism. The Cold<br />

War had ended, technological prosperity was in full<br />

swing, the internet was spreading and there was the<br />

idea that globalisation would not only increase global<br />

wealth, but that it would trickle down and would benefit<br />

everybody in our planet.<br />

H.E. António Guterres, UN Secretary-General<br />

Twenty years afterwards, I would say that the picture is mixed. It’s true that globalisation,<br />

technological progress have dramatically increased global trade, global wealth, it is true that<br />

the number of absolute poor has been reduced and that living conditions have improved all over<br />

the world but it is also true that globalisation and technological progress together have been<br />

factors of increase of inequality. Eight persons in the world have as much wealth as half of the<br />

world population.<br />

At the same time, it is clear that people were left behind in the rust belts of this world, and youth<br />

unemployment became a severe problem in different regions of our planet not only undermining<br />

the future of those young people but also being an obstacle to the development of their countries<br />

and in some situations being a part of the global threat created by the fact that without hope they<br />

can easily be recruited by extremist organisations and we see that impact in global terrorism today.<br />

Now it is true that that has generated a loss of confidence, loss of trust between peoples and<br />

government or political establishments, between people and international organisations like<br />

the UN, and between people and the idea of globalisation in itself, of global governance, and of<br />

multilateral institutions.<br />

I think it is important to recognise that there is a paradox because problems are more and more<br />

global, challenges are more and more global, there is no way any country can solve them by<br />

itself, and so we need global answers and we need multilateral governance forms, and we need<br />

to be able to overcome this deficit of trust, and that in my opinion is the enormous potential of<br />

the Agenda <strong>2030</strong>; because the Agenda <strong>2030</strong> is an agenda aiming at a fair globalisation, it’s an<br />

agenda aiming at not leaving anyone behind, eradicating poverty and creating conditions for<br />

people to trust again in not only political systems but also in multilateral forms of governance<br />

and in international organisations like the UN.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

3


3<br />

INHALT<br />

Grußwort:<br />

H.E. António Guterres, UN Secretary-General<br />

Vision <strong>Deutschland</strong> <strong>2030</strong><br />

6<br />

6<br />

20<br />

24<br />

30<br />

34<br />

38<br />

Vision <strong>Deutschland</strong> <strong>2030</strong><br />

Stakeholderbefragung: „<strong>Deutschland</strong> in <strong>2030</strong> <strong>–</strong><br />

<strong>Wie</strong> werden <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> umgesetzt?“<br />

Eine Befragung von Dr. Elmer Lenzen<br />

<strong>Wie</strong> <strong>können</strong> <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> finanziert werden?<br />

Plädoyer für eine nachhaltige Parallelwährung<br />

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber<br />

UN-Agenda <strong>2030</strong> <strong>–</strong> Besser nicht <strong>umsetzen</strong>?<br />

Ein Plädoyer für Freiheit und Verantwortung im Umgang<br />

mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (<strong>SDGs</strong>).<br />

Prof. Dr. Joachim Fetzer<br />

Was macht <strong>die</strong> Digitalisierung mit unserer Gesellschaft?<br />

Stu<strong>die</strong> der Arbeitsagentur<br />

Nachhaltiger Konsum <strong>2030</strong><br />

Ergebnisbericht der Szenarien-Werkstatt Nachhaltiger Konsum <strong>2030</strong><br />

„<strong>Deutschland</strong> kann selbstbewusst auf eigene Erfolge<br />

verweisen“<br />

Interview mit Marion Weissenberger-Eibl<br />

104GC Inside<br />

104<br />

106<br />

108<br />

112<br />

113<br />

114<br />

118<br />

GC Inside<br />

Global Compact Netzwerktreffen 2017<br />

Einblicke in <strong>die</strong> Arbeit im Netzwerk<br />

Die Grenzen des Wachstums<br />

Bericht von der Teilnehmerkonferenz 2017<br />

<strong>Wie</strong> viel zu groß ist unser ökologischer Fußabdruck?<br />

Interview mit Mathis Wackernagel<br />

„You are your future“<br />

Der TÜV Rheinland Global Compact Award an Dr. Auma Obama<br />

Global Compact International Yearbook 2017<br />

Ende der Freiwilligkeit?<br />

Global Compact stellt Teilnahmeoptionen um<br />

Kinderrechte<br />

Kinderrechte in einer globalen Wirtschaft<br />

118<br />

Kinderrechte


Good Practice<br />

74<br />

Hoffmann & Campe X<br />

17 Global Goals. Und eine gewaltige Chance.<br />

46<br />

Audi<br />

Audi setzt bei Aluminium auf Circular Economy<br />

76<br />

IntegrityNext<br />

Nachhaltigkeitsprüfung von Lieferanten und Lieferketten<br />

48<br />

Aurubis<br />

Gemeinsam für Klimaschutz und Ressourceneffizienz<br />

78<br />

iPoint-systems<br />

Die digitale Revolution der Kreislauf<strong>wir</strong>tschaft<br />

50<br />

BASF<br />

Pariser Abkommen global <strong>umsetzen</strong><br />

80<br />

K+S<br />

Bergbau <strong>wir</strong>d digital<br />

52<br />

Bayer<br />

Lösungen für eine nachhaltige Land<strong>wir</strong>tschaft der<br />

Zukunft<br />

82<br />

Lufthansa Group<br />

Digitale Lösungen und Innovationen unterstützen<br />

nachhaltige Entwicklung<br />

54<br />

Bosch<br />

Nachhaltig vernetzt<br />

84<br />

macondo publishing<br />

Brücken bauen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft<br />

56<br />

58<br />

BPW Bergische A.<br />

BPW: Ein „Hidden Champion“ <strong>–</strong> auch in puncto<br />

Nachhaltigkeit<br />

CEWE<br />

CEWE überzeugt sich persönlich<br />

86<br />

88<br />

MAN<br />

MAN entwickelt Ideen für <strong>die</strong> Mobilität von morgen<br />

Mazars<br />

Menschenrechte im Fokus der Corporate Governance-<br />

Debatte<br />

60<br />

62<br />

64<br />

66<br />

68<br />

70<br />

72<br />

CWS-boco<br />

Nachhaltiges Geschäftsmodell mit transparenter<br />

Lieferkette<br />

Daimler<br />

An eine nachhaltige Mobilität für <strong>die</strong> Städte von morgen<br />

denken<br />

Deutsche Post DHL Group<br />

Globale Ziele mit Null-Emissionen-Logistik erreichen<br />

E.ON<br />

E.ON macht das Stromnetz fit für <strong>die</strong> Zukunft<br />

Evonik<br />

Hilfe zur Selbsthilfe in Südafrika<br />

EY<br />

Gemeinwohl <strong>–</strong> eine wichtige Säule unseres<br />

Selbstverständnisses<br />

HOCHTIEF<br />

Willkommen in der Zukunft des Bauens<br />

90<br />

92<br />

94<br />

96<br />

98<br />

100<br />

102<br />

Merck<br />

Arbeiten 4.0 verantwortungsvoll gestalten<br />

Miele<br />

Miele auch bei Energieeffizienz „Immer besser“<br />

Phoenix Contact<br />

Elektromobilität bei Phoenix Contact: Technischer<br />

Fortschritt, der begeistert<br />

Symrise<br />

Symrise setzt auf nachhaltige Wertschöpfung<br />

Tchibo<br />

Nachhaltigkeit im Rohkaffeeanbau<br />

TÜV Rheinland<br />

Digitalisierung gestalten: Optimierungspotenziale für<br />

KMU entdecken<br />

Weidmüller<br />

Perspektiven in Tansania mit erneuerbaren Energien<br />

schaffen


AGENDA<br />

Stakeholderbefragung<br />

„<strong>Deutschland</strong> in <strong>2030</strong> <strong>–</strong><br />

<strong>Wie</strong> werden <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> umgesetzt?“<br />

6 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

7


AGENDA<br />

Stakeholderbefragung<br />

Welche Weichen müssen <strong>wir</strong> heute<br />

stellen, um ein nachhaltiges Morgen<br />

zu erleben? Dieser Frage sind <strong>wir</strong> in<br />

einer Multi-Stakeholderbefragung nachgegangen.<br />

Unsere Befragung lehnte<br />

sich an <strong>die</strong> Arbeit des US National Intelligence<br />

Councils „GLOBAL TRENDS<br />

<strong>2030</strong>: ALTERNATIVE WORLDS“ an. Darin<br />

werden Megatrends mit potenziellen<br />

Game-Changern abgeglichen, um daraus<br />

Zukunftsszenarien abzuleiten. In<br />

unserem Fall nehmen <strong>wir</strong> vier Megatrends<br />

als gesetzt an: Demografischer<br />

Wandel, Konnektivität, Klimawandel<br />

sowie Lieferketten-Management. An<br />

der Befragung nahmen Mitarbeiterinnen<br />

und Mitarbeiter der nachfolgenden<br />

Organisationen teil. Die Antworten spiegeln<br />

ausdrücklich nur ihre persönliche<br />

Einschätzung zum Thema wider.<br />

Abgrenzung des Szenario-Ansatzes<br />

von Prognosen und Utopien<br />

ZUKUNFTSWISSEN<br />

Prognosen<br />

Szenarien<br />

POTENZIAL<br />

Utopien<br />

ZEIT<br />

UNGEWISSHEIT<br />

GEWISSHEIT<br />

Quelle: Institut für prospektive Analysen (IPA)<br />

Szenarien sind übrigens keine Prognosen. Sie sehen <strong>die</strong><br />

Zukunft nicht voraus. Szenarien sind auch keine Utopien,<br />

sondern nehmen ganz konkreten Bezug zur Gegenwart. Wir<br />

beschreiben in in <strong>die</strong>sem Kapitel mögliche Zukünfte, aber<br />

eigentlich geht es nicht darum, ob und wie sie eintreten. Es<br />

gibt deshalb auch kein „richtiges“ Szenario, denn es bleibt<br />

jedem Einzelnen überlassen, welche Unsicherheiten bzw.<br />

Alternativen er in den Blick nimmt. Vielmehr sollen <strong>die</strong> Szenarien<br />

uns zum Nachdenken über längerfristige Alternativen<br />

anregen und Raum für Veränderung schaffen. Sie stoßen<br />

Lernprozesse an. In <strong>die</strong>sem Kapitel untersuchen <strong>wir</strong> dazu<br />

unterschiedliche mögliche Zukünfte, <strong>die</strong> zu einem konstruktiven<br />

Austausch anregen und gemeinsames, zielgerichtetes<br />

Handeln unterstützen.<br />

Beteiligte Stakeholder<br />

Unternehmen<br />

• Bank für Kirche und Caritas eG<br />

• Deutsche Telekom AG<br />

• Funk Gruppe GmbH<br />

• Vonovia SE<br />

Zivilgesellschaft & Forschung<br />

• Cologne Business School<br />

• Deutscher Gewerkschaftsbund <strong>–</strong> DGB<br />

• Germanwatch<br />

• Hochschule Osnabrück<br />

Verbände & überstaatliche Organisationen<br />

• Bündnis für nachhaltige Textilien<br />

• Deutsches Global Compact Netzwerk,<br />

Geschäftsstelle<br />

• Rat für Nachhaltige Entwicklung<br />

• UNICEF <strong>Deutschland</strong><br />

Beratungsgesellschaften<br />

• Löning <strong>–</strong> Human Rights &<br />

Responsible Business<br />

• pwc <strong>Deutschland</strong><br />

• Scholz & Friends Reputation<br />

8 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Ziel 1 Ziel 2<br />

Ziel 3<br />

Ziel 4<br />

Ziel 5<br />

Armut in jeder Form<br />

und überall beenden.<br />

Den Hunger beenden,<br />

Ernährungssicherheit<br />

und eine bessere<br />

Ernährung erreichen<br />

und eine nachhaltige<br />

Land<strong>wir</strong>tschaft fördern.<br />

Ein gesundes Leben<br />

für alle Menschen<br />

jeden Alters gewährleisten<br />

und ihr Wohlergehen<br />

fördern.<br />

Inklusive, gerechte<br />

und hochwertige<br />

Bildung gewährleisten<br />

und Möglichkeiten des<br />

lebenslangen Lernens<br />

für alle fördern.<br />

Geschlechtergerechtigkeit<br />

und Selbstbestimmung<br />

für alle<br />

Frauen und Mädchen<br />

erreichen.<br />

Ziel 6<br />

Verfügbarkeit und<br />

nachhaltige Be<strong>wir</strong>tschaftung<br />

von<br />

Wasser und Sanitärversorgung<br />

für alle<br />

gewährleisten.<br />

Ziel 7<br />

Zugang zu bezahlbarer,<br />

verlässlicher,<br />

nachhaltiger und<br />

zeitgemäßer Energie<br />

für alle sichern.<br />

Ziel 8<br />

Dauerhaftes, inklusives<br />

und nachhaltiges Wirtschaftswachstum,<br />

produktive<br />

Vollbeschäftigung<br />

und menschenwürdige<br />

Arbeit für alle fördern.<br />

Ziel 9<br />

Eine belastbare Infrastruktur<br />

aufbauen,<br />

inklusive und nachhaltige<br />

Industrialisierung<br />

fördern und Innovationen<br />

unterstützen.<br />

Ziel 10<br />

Ungleichheit innerhalb<br />

von und zwischen<br />

Staaten verringern.<br />

Ziel 11<br />

Städte und Siedlungen<br />

inklusiv, sicher,<br />

widerstandsfähig und<br />

nachhaltig machen.<br />

Ziel 12<br />

Für nachhaltige Konsum-<br />

und Produktionsmuster<br />

sorgen.<br />

Ziel 13<br />

Umgehend Maßnahmen<br />

zur Bekämpfung<br />

des Klimawandels<br />

und seiner Aus<strong>wir</strong>kungen<br />

ergreifen.<br />

Ziel 14<br />

Ozeane, Meere und<br />

Meeresressourcen im<br />

Sinne einer nachhaltigen<br />

Entwicklung erhalten<br />

und nachhaltig<br />

nutzen.<br />

Ziel 15<br />

Landökosysteme<br />

schützen, wiederherstellen<br />

und ihre<br />

nachhaltige Nutzung<br />

fördern, Wälder<br />

nachhaltig be<strong>wir</strong>tschaften,<br />

Wüstenbildung<br />

bekämpfen,<br />

Bodenverschlechterung<br />

stoppen und<br />

umkehren und den<br />

Biodiversitätsverlust<br />

stoppen.<br />

Ziel 16<br />

Städte und Siedlungen<br />

inklusiv, sicher,<br />

widerstandsfähig und<br />

nachhaltig machen.<br />

Ziel 17<br />

Umsetzungsmittel stärken<br />

und <strong>die</strong> globale Partnerschaft<br />

für nachhaltige<br />

Entwicklung wiederbeleben.<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

9


AGENDA<br />

Stakeholderbefragung<br />

Demografie<br />

1. Auf welche <strong>SDGs</strong> kommt es an?<br />

Die Entwicklung in <strong>Deutschland</strong> ist geprägt von einer stetigen<br />

Überalterung und folglich einem langfristigen Bevölkerungsrückgang.<br />

Der demografische Wandel hierzulande hin zu<br />

einem höheren Durchschnittsalter der Bevölkerung stellt<br />

dabei ohne Zweifel eine zentrale Herausforderung dar, vor<br />

allem für das Rentensystem und Arbeitsmarkt. Hiervon sind<br />

primär das SDG 1 (Keine Armut) und das SDG 3 (Gesundheit<br />

und Wohlergehen) betroffen.<br />

Weltweit sieht <strong>die</strong> Lage dagegen völlig anders aus: Hier beobachten<br />

<strong>wir</strong> ein weiterhin hohes Bevölkerungswachstum und<br />

eine überwiegend junge Bevölkerung auf der Suche nach Jobs<br />

und Perspektiven. <strong>2030</strong> werden voraussichtlich mehr als 8,5<br />

Mrd. Menschen auf <strong>die</strong>sem Planeten leben. Sie alle benötigen<br />

eine intakte Lebensumwelt, Zugang zu Ressourcen wie<br />

gesunden Lebensmitteln, aber auch Energie. Gleichzeitig gilt<br />

es, <strong>die</strong> Weichen dafür zu stellen, dass auch 2130 <strong>die</strong>se noch<br />

ausreichend zur Verfügung stehen. Ob das gelingt, <strong>wir</strong>d vor<br />

allem davon abhängen, ob <strong>wir</strong> es schaffen, <strong>die</strong> Ziele der <strong>SDGs</strong><br />

13 (Maßnahmen zum Klimaschutz), 14 (Leben unter Wasser)<br />

und 15 (Leben an Land) zu erreichen <strong>–</strong> sie bilden schließlich<br />

<strong>die</strong> materielle Grundlage. Das betrifft auch unmittelbar <strong>die</strong><br />

Fragen nach den Grenzen der Belastung. Der Club of Rome<br />

prägte hierfür den Fachbegriff der „Planetary Boundaries“.<br />

Die internationalen Krisenherde dürften daher eher noch<br />

größer werden mit Blick auf internationalen Migrationsdruck,<br />

kriegerische Konflikte und Ressourcennutzung.<br />

Produktivitätssteigerungen im Sinne eines qualitativen Wachstums<br />

sind ebenfalls wichtig, daher <strong>wir</strong>d auch das SDG-Ziel 9<br />

10 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

(Industrie, Innovation und Infrastruktur) eine wichtige Rolle<br />

spielen. Aber nicht alle Herausforderungen <strong>–</strong> insbesondere<br />

im Umgang mit älteren Menschen <strong>–</strong> lassen sich durch neue<br />

Technologien lösen (z.B. Pflege). Es besteht <strong>die</strong> Gefahr, dass <strong>wir</strong><br />

<strong>die</strong> notwendigen Investitionen in Humankapital gegenüber<br />

Technologien vernachlässigen.<br />

2. Wer hat das Zeug zum „Game-Changer“?<br />

Traditionell sind <strong>die</strong> Branchen mit dem Großen C von besonderer<br />

Bedeutung: Car, Coal und Chemistry. Positive Veränderungen<br />

kann nur der be<strong>wir</strong>ken, wer sich selbst so ernst<br />

nimmt, dass er ehrlich ist, sich nicht in technologischer<br />

Selbstüberschätzung wähnt. Die Chemie hat seit den 80er<br />

Jahren einen beachtlichen Wandel hingelegt, <strong>die</strong> Kohleindustrie<br />

steht angesichts der Dekarbonisierungsdebatte zur<br />

Disposition, der Autoindustrie steht der Wandel noch bevor.<br />

Insbesondere <strong>die</strong> Agrochemie ist eine der wichtigsten Branchen,<br />

<strong>die</strong> über ihre Produkte im Bereich Saatgut und Pflanzenschutz<br />

<strong>die</strong> Bedingungen in der Land<strong>wir</strong>tschaft prägt <strong>–</strong> und damit<br />

<strong>die</strong> Frage, wie <strong>wir</strong> eine wachsende Bevölkerung versorgen.<br />

Eine weitere Branche ist <strong>die</strong> Energie<strong>wir</strong>tschaft. Durch <strong>die</strong><br />

politisch verordnete Energiewende in <strong>Deutschland</strong> steht sie<br />

wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig unter Veränderungsund<br />

Innovationsdruck.<br />

Professor Dr. Günther Bachmann erinnert uns aber auch daran,<br />

dass Wandel nicht von alleine passiert: „Das Spiel kann<br />

nur ändern (Gamechanger), wer auch drinsteckt.“ Und das<br />

bedeutet im Fall der Wirtschaft: Unternehmen stehen in der<br />

Pflicht <strong>–</strong> bei demografischen Aufgaben wie der betrieblichen<br />

Altersvorsorge, bei betrieblichem Gesundheitsmanagement<br />

oder entsprechenden Tarifverträgen zwischen Gewerkschaften<br />

und Arbeitgebern. Im Betriebsablauf reden <strong>wir</strong> vor allem über<br />

<strong>die</strong> Gestaltung der Arbeitsplätze, Gesundheitsmaßnahmen<br />

und davon, Arbeitszeitflexibilisierung zu entwickeln. Hier<br />

sind <strong>die</strong> Personalabteilungen am Zuge, entsprechende Maßnahmen<br />

und Konzepte (u.a. Gestaltung der Arbeitsplätze,<br />

Gesundheitsmaßnahmen, Arbeitszeitflexibilisierung (v.a.<br />

auch für Pflege von Angehörigen), lebenslanges Lernen und<br />

altersgemischte Teams) zu entwickeln.<br />

Und auch Unternehmergeist ist gefragt, um <strong>die</strong> Nachfrage<br />

einer älter werdenden Gesellschaft zu be<strong>die</strong>nen <strong>–</strong> insbesondere<br />

Sozial<strong>die</strong>nstleister (z.B. Pflege<strong>die</strong>nste, Krankenhäuser<br />

etc.), pharmazeutische Industrie, Mobilitätsanbieter und<br />

Immobilienunternehmen. Auch der Einzelhandel kann über<br />

Liefer<strong>die</strong>nste und Online-Angebote eine Menge zu erhöhtem<br />

Lebenskomfort im Alter beisteuern. Die Wohnungs<strong>wir</strong>tschaft<br />

nimmt in einer altersgerechten Gesellschaft eine Schlüsselrolle<br />

ein. Nach dem Motto „ambulant vor stationär“ geht es<br />

darum, den Menschen möglichst lange das Wohnen in den<br />

eigenen vier Wänden zu ermöglichen.<br />

3. Konkrete Maßnahmen<br />

Von Nachhaltigkeit spricht fast jeder. Was folgt, ist relative<br />

Unklarheit. Deshalb brauchen <strong>wir</strong> Maßstäbe und Eckpfeiler.<br />

Sie müssen zeigen, was real möglich ist. Das macht einen<br />

Unterschied, denn wo (zu) viele darüber schwadronieren,<br />

was „nötig“ ist (im Sinne von: was andere tun müssen), fehlt<br />

oft <strong>die</strong> Besonnenheit auf das Mögliche und <strong>die</strong> Ausweitung<br />

dessen, was man für möglich hält. Schlüsselakteure zeichnen<br />

sich dadurch aus, dass sie das Mögliche erkennbar und<br />

erfahrbar machen.<br />

Ganz konkret kann das zum Beispiel <strong>die</strong> Schlüsselbranche Agrochemie<br />

sein: Sie muss noch stärker als in der Vergangenheit<br />

zeigen, dass sich <strong>die</strong> Befriedigung einer wachsenden Nachfrage<br />

nach Lebensmitteln und der Erhalt funktionsfähiger Ökosysteme<br />

nicht ausschließen. Und <strong>die</strong>s auch in Regionen, wo es durch<br />

Klimaveränderungen immer schwieriger <strong>wir</strong>d. Energieunternehmen<br />

müssen weiter verstärkt an der Entkoppelung von<br />

wachsender Energienachfrage und steigenden CO 2-Emissionen<br />

sowie anderen Umweltbelastungen arbeiten. >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

11


AGENDA<br />

4. Wichtige Indikatoren<br />

Die Alterung der Gesellschaft, das Bevölkerungswachstum,<br />

aber auch der<br />

globale CO 2-Ausstoß im Kontext von<br />

Demografie sind wichtige Indikatoren.<br />

Generell bietet <strong>die</strong> Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie<br />

relevante Messgrößen.<br />

An ihnen lässt sich leicht feststellen, wo<br />

<strong>wir</strong> stehen. Bachmann: „Ich bin nicht<br />

mit allen Indikatoren einverstanden<br />

und bin sicher, dass es noch besser<br />

geht. Aber stabile Antworten auf <strong>die</strong><br />

Frage, wohin <strong>wir</strong> steuern, liefern auch<br />

sie allemal.“<br />

Weltbevölkerung 1950 ∑ 2.525 Mio.<br />

549 Mio.<br />

172 Mio.<br />

229 Mio.<br />

169 Mio.<br />

1.394 Mio.<br />

Eine weitere wichtige Referenz ist der<br />

Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.<br />

Liefert er doch für den<br />

Anstieg der Altersarmut entsprechendes<br />

Datenmaterial. Wichtig sind dabei <strong>die</strong><br />

Angaben zu verfügbaren Einkommen<br />

und <strong>die</strong> Verteilung <strong>die</strong>ses Einkommens.<br />

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen<br />

Diskussion über <strong>die</strong> gesetzliche<br />

Rentenversicherung ist von einem bestcase-Szenario<br />

nicht auszugehen, mahnt<br />

der DGB in unserer Befragung.<br />

Weltbevölkerung <strong>2030</strong> ∑ 8.501 Mio.<br />

13 Mio.<br />

5. Potenzielle Gefahrenherde<br />

Die größte Gefahr des demografischen<br />

Wandels ist Altersarmut und <strong>die</strong> Spaltung<br />

der Generationen durch Ungerechtigkeit.<br />

<strong>Wie</strong> <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> betroffene Bevölkerung<br />

und <strong>die</strong> Politik darauf reagieren?<br />

Politisch besteht <strong>die</strong> größte Gefahr in<br />

einer Rückkehr zu nationalstaatlichem<br />

Denken. Wenn es nicht gelingt, <strong>die</strong><br />

überstaatlichen Klima- und Umweltregime<br />

zu stärken und Anreize für eine<br />

ambitionierte Klima- und Umweltpolitik<br />

zu setzen, <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> demografische Entwicklung<br />

ökologisch kaum verkraftbar<br />

sein und auch auf andere Politikfelder<br />

wie <strong>die</strong> Arbeits- und Sozialpolitik bis<br />

hin zur inneren Sicherheit Konsequenzen<br />

haben.<br />

396 Mio.<br />

721 Mio.<br />

734 Mio.<br />

1.679 Mio.<br />

4.923 Mio.<br />

47 Mio.<br />

Quelle: code-knacker.de<br />

Wirtschaftlich besteht <strong>die</strong> größte Gefahr in der Ausnutzung<br />

kurzfristiger Opportunitäten bei Missachtung der langfristigen<br />

Konsequenzen <strong>–</strong> insbesondere mit Blick auf nicht erneuerbare<br />

Ressourcen wie bestimmte Rohstoffe, aber auch Böden.<br />

Konkurrenzdenken in den Branchen und „Sprachlosigkeit“<br />

bzw. Kooperationsunwillen über <strong>die</strong> Branchen hinweg erschwert<br />

<strong>die</strong> Entwicklung zusätzlich.<br />

Ebenso prioritär erscheint der Umbau des Export-Überschusses<br />

zu einem Nachhaltigkeitsüberschuss. Der Soziologie Ulrich<br />

Brandt trifft den wunden Punkt, wenn er von der „imperialen<br />

Lebensweise“ spricht (<strong>die</strong> er allerdings weltweit und in dem<br />

einen oder anderen Maße auch in den sogenannten Entwicklungsländern<br />

wahrnimmt). Viele Handels- und Partnerländer<br />

sehen <strong>Deutschland</strong> bei den <strong>SDGs</strong> in unterschiedlichem Maße<br />

in der Pflicht.<br />

12 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Stakeholderbefragung<br />

Klimaschutz<br />

1. Auf welche <strong>SDGs</strong> kommt es an?<br />

Der Klimawandel hat viele Ursachen und Aus<strong>wir</strong>kungen. Eine<br />

Rosinenpickerei ist nicht sinnvoll und auch nicht zulässig.<br />

Gleichwohl sind Priorisierungen wichtig: In unserer Befragung<br />

wurden vor allem <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> 7, 9, 11, 12 und 13 hervorgehoben.<br />

Viele Handels- und Partnerländer sehen <strong>Deutschland</strong><br />

beim Klimawandel in unterschiedlichem Maße in der Pflicht.<br />

Eine besondere Verantwortung und Chance ergibt sich für<br />

<strong>Deutschland</strong> sicherlich aufgrund seines Technologie-Knowhows,<br />

den finanziellen Möglichkeiten im Bereich der erneuerbaren<br />

Energien und dem damit verbundenen notwendigen<br />

weltweiten Technologietransfer.<br />

2. Wer hat das Zeug zum „Game-Changer“?<br />

Vor allem natürlich <strong>die</strong> Energieerzeuger und <strong>die</strong> Energieintensiven<br />

Branchen. Darüber hinaus auch <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft.<br />

Besonders relevant sind aber auch Branchen, bei denen <strong>die</strong><br />

indirekten Emissionen aus der vor- oder nachgelagerten<br />

Wertschöpfungskette besonders hoch sind, wie etwa <strong>die</strong> Automobilindustrie,<br />

der (Einzel-)Handel und <strong>die</strong> Chemieindustrie.<br />

„Die Automobilbranche sollte zu einem zentralen Game-Changer<br />

werden. Nicht zuletzt, weil hier Global Player als weltweiter<br />

Treiber Zeichen setzen und zugleich breit in mittelständische<br />

Strukturen <strong>wir</strong>ken <strong>können</strong> und so Hebel für wichtige Transformationsschritte<br />

setzen. Die Digitalisierung und <strong>die</strong> damit<br />

verbundenen Branchen zeigen jetzt auch schon auf, was an<br />

Transformation möglich ist“, meint Germanwatch. >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

13


AGENDA<br />

Klimaszenarien<br />

+<br />

=<br />

-<br />

Treibhausgasemissionen<br />

Treihausgaskonzentrationen<br />

Prozessreaktion:<br />

Erhöhung<br />

Stabilisierung<br />

Erniedrigung<br />

Globaler<br />

Klimawandel<br />

Regionale<br />

Klimaänderung<br />

Regionale<br />

Klima<strong>wir</strong>kungen<br />

Regionale<br />

Maßnahmen<br />

Unsicherheitsbereich<br />

andere Ende verschoben werden. Eine<br />

Rückholung der Wertschöpfung aus dem<br />

(Lohn-)kostengünstigen Ausland nach<br />

<strong>Deutschland</strong> unter Achtung der <strong>SDGs</strong><br />

führt zwar zu einem Preisanstieg beim<br />

Endprodukt. Dies aber auch nur deshalb,<br />

weil externe Kosten (für Umweltschäden<br />

im Ausland, Niedriglöhne etc.) bisher von<br />

der Weltgemeinschaft z.B. über Entwicklungshilfe/Strukturförderung<br />

oder den<br />

Menschen vor Ort getragen werden und<br />

nicht vom einzelnen Käufer.<br />

4. Wichtige Indikatoren<br />

Szenarien<br />

Atmosphärenmodell<br />

GCM<br />

RCM<br />

Wirkmodelle<br />

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Viner 2002 sowie klima-und-raum.org<br />

Eine wichtige Branche, an <strong>die</strong> man beim Stichwort Klimaschutz<br />

nicht unbedingt an erster Stelle denkt, ist <strong>die</strong> Finanzindustrie.<br />

„Es fehlt nicht an Technologien oder Umsetzungsmöglichkeiten<br />

zum Klimaschutz, sondern an der konsequenten und<br />

zielgerichteten Zurverfügungstellung von Finanzmitteln,<br />

-<strong>die</strong>nstleistungen und -produkten“, erinnert uns <strong>die</strong> Bank für<br />

Kirche und Caritas: Erstens, <strong>die</strong> konsequente Umlenkung von<br />

Finanzierungen, Investitionen und Finanz<strong>die</strong>nstleistungen<br />

aus Bereichen, <strong>die</strong> nicht zur Erfüllung der <strong>SDGs</strong> beitragen,<br />

z.B. Kohlekraft, hin zu einer Ausrichtung auf Projekte, <strong>die</strong><br />

eine nachhaltige Entwicklung inklusive Klimaschutz und<br />

Anpassung an den Klimawandel ermöglichen.<br />

Ein wichtiger Indikator ist natürlich der<br />

Gesamtverbrauch der THG-Emissionen<br />

eines Unternehmens. Dabei sollten allerdings<br />

<strong>die</strong> wesentlichen indirekten THG-<br />

Emissionen (Scope 3) mitberücksichtigt<br />

werden. Ein weiterer relevanter Indikator ist, ob das eine<br />

Klimaminderungsziel dem „unter 2°C-Ziel“ des Pariser Klimaabkommens<br />

entspricht.<br />

Um nicht nur eine ex-post-Betrachtung, sondern auch eine<br />

Zukunftsprognose abgeben zu <strong>können</strong>, sind der Einbezug<br />

und <strong>die</strong> Bewertung der Klimastrategie und der dazugehörigen<br />

Managementsysteme der investierten und finanzierten<br />

Unternehmen notwendig.<br />

5. Potenzielle Gefahrenherde<br />

Zweitens, <strong>die</strong> aktive Einflussnahme von Finanz<strong>die</strong>nstleistern<br />

bei Unternehmen im Sinne des „Engagements“, um auf eine<br />

SDG-Konformität der jeweiligen Geschäftstätigkeit zu drängen.<br />

Drittens, das Angebot von SDG-unterstützenden Finanz<strong>die</strong>nstleistungen<br />

und -produkten sowie eine hierzu entsprechende<br />

aktive Informations- und Beratungspolitik für Kunden.<br />

3. Konkrete Maßnahmen<br />

Die Maßgaben der <strong>2030</strong>-Agenda „Leave No One Behind“ und<br />

„Business As Usual Is Not Acceptable” müssen beim “Transforming<br />

Our World” beherzigt werden. Wichtig ist, dass sich<br />

nicht nur einzelne Unternehmen oder Branchen auf den Weg<br />

hin zu mehr Klimaschutz machen, sondern dass auch neue<br />

Formen der Zusammenarbeit <strong>–</strong> gerade auch aus den neuen<br />

Möglichkeiten der Digitalisierung heraus <strong>–</strong> ausgelotet werden.<br />

Dazu zählen neue transformative Kooperationen und unübliche<br />

Allianzen im Kontext von Klima und Energie im eigenen Land<br />

sowie auf europäischer und internationaler Ebene. Vor allem<br />

<strong>die</strong> Zivilgesellschaft kann hierbei als Partner eine vermittelnde<br />

Rolle einnehmen. Dabei ist es wichtig, dass der gesamte Zyklus<br />

eines Produktes mitgedacht <strong>wir</strong>d und <strong>die</strong> THG-Emissionen<br />

nicht nur von einem Ende der Wertschöpfungskette an das<br />

Gerade beim Thema Klimaschutz zeigen sich im Alltag immer<br />

wieder negative Rückkopplungseffekte: Neue Technologien, <strong>die</strong><br />

beispielsweise <strong>die</strong> THG-Emissionen vom eigenen Unternehmen<br />

oder in der Nutzungsphase des Produktes reduzieren, erhöhen<br />

zugleich <strong>die</strong> THG-Emissionen in der vorgelagerten Kette. In<br />

der Summe ist also nichts gewonnen. Die größte Hürde für<br />

Maßnahmen entlang der Wertschöpfungskette ist meist <strong>die</strong><br />

Komplexität der Lieferkette.<br />

Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass der Markt als Ganzes<br />

und <strong>die</strong> jeweiligen Industrien weiterhin von der Politik und<br />

Regulatorik nicht ausreichend in <strong>die</strong> Verpflichtung genommen<br />

werden, ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung<br />

zu leisten. Allein <strong>die</strong> Selbstverpflichtung und Initiativen<br />

einzelner Branchen sind zwar begrüßenswert und zeigen<br />

auch erste Erfolge, sind aber bei Weitem nicht ausreichend<br />

für <strong>die</strong> Bewältigung der dringlichen Herausforderungen wie<br />

dem Klimaschutz.<br />

Und <strong>die</strong> Zeit drängt: Die existierende Globalisierung muss neu<br />

<strong>–</strong> gerechter und ökologisch verträglicher <strong>–</strong> gestaltet werden.<br />

Sonst werden nationale Abschottungen und rechtspopulistische<br />

Strömungen noch mehr Zulauf bekommen, warnen<br />

unsere Experten.<br />

14 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Stakeholderbefragung<br />

Digitalisierung<br />

1. Auf welche <strong>SDGs</strong> kommt es an?<br />

Konnektivität/Digitalisierung ermöglicht grundsätzlich <strong>die</strong><br />

technologisch unterstützte Umsetzung der <strong>SDGs</strong> in allen<br />

Themenfeldern. So schreibt etwa <strong>die</strong> Stu<strong>die</strong> der GeSi (Global<br />

eSustainability Initiative): „Die transformative Kraft der Digitalisierung<br />

ist einer der stärksten Stellhebel und Treiber für<br />

Unternehmen, der zur Erreichung <strong>die</strong>ser globalen Ziele beiträgt.“<br />

Beispiel demografischer Wandel: Eine alternden Gesellschaft<br />

ist eine Entwicklung, <strong>die</strong> jeden von uns ganz persönlich<br />

betrifft und für das Gesundheitswesen Konsequenzen hat.<br />

Im Sinne des SDG 3 (Gesundheit) <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> schnelle Diagnose<br />

und Therapie für viele Menschen <strong>–</strong> z.B. im immer dünner<br />

besiedelten ländlichen Raum <strong>–</strong> eine schnellere und bessere<br />

Gesundheitsversorgung bereitstellen <strong>können</strong>.<br />

Weitere Stichworte sind in <strong>die</strong>sen Zusammenhang neue<br />

digitale Geschäftsmodelle und Plattformökonomie, Industrie<br />

4.0, Breitbandausbau und vernetztes Denken (SDG 8, 9)<br />

sowie „Smarte Alltagsanwendungen“ <strong>–</strong> seien es Smart Grids,<br />

Smarthome oder Smart Cities (SDG 7, 11, 13).<br />

Als „Enabler“, also als unabdingbare Voraussetzung, muss<br />

auch das SDG 4 (Bildung) genannt werden. Ohne ein deutlich<br />

verbessertes Bildungssystem <strong>wir</strong>d <strong>Deutschland</strong> <strong>die</strong>sen Megatrend<br />

nicht aktiv mitgestalten <strong>können</strong>.<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

15


AGENDA<br />

2. Wer hat das Zeug zum „Game-Changer“?<br />

Unsere Experten nennen sechs „Branchen“ für <strong>Deutschland</strong>:<br />

• Automobilindustrie <strong>–</strong> Alternative/nachhaltige Antriebstechnologien<br />

wie Elektromobilität sowie neue Mobilitätskonzepte<br />

in Verbindung mit dem dafür notwendigen Infrastrukturausbau.<br />

• Energie <strong>–</strong> Nachhaltige Energiespeicher bzw. Batterietechnologien<br />

und optimierter Energieverbrauch durch Data Analytics.<br />

• Maschinen- und Anlagenbau <strong>–</strong> Nutzung der Digitalisierungspotenziale<br />

im Bereich der Smart Factories und Smart Supply<br />

Chain durch den Einsatz von Technologien wie Internet der<br />

Dinge (IoT), Blockchain, Robotik, Digital Twins, Augmented<br />

Humans, Augmented Reality, Machine Learning/Predictive<br />

Analytics, Drohnen und 3-D-Druck.<br />

• Bildung <strong>–</strong> Breiter Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung<br />

durch eLearning <strong>–</strong> gerade für bildungsferne soziale<br />

Schichten <strong>–</strong> und Förderung von lebenslangem Lernen.<br />

• Familienunternehmen <strong>–</strong> Transformationserfahren und<br />

starkes Rückgrat der deutschen Wirtschaft mit hoher Innovationskraft,<br />

langfristiger Unternehmensstrategie (denken<br />

an <strong>die</strong> nächste Generation) sowie hohem Verantwortungsbewusstsein<br />

für <strong>die</strong> Region, in der das Unternehmen seinen<br />

Sitz hat.<br />

• Eine Branche <strong>wir</strong>d <strong>die</strong>sen transformativen Prozess jedoch<br />

besonders stark prägen: Die Informations- und Telekommunikationstechnologie<br />

(IKT). Denn: Die Bereitstellung und<br />

der stetige Ausbau der Netzinfrastruktur ist grundlegende<br />

Voraussetzung, um <strong>die</strong> Möglichkeiten der Digitalisierung<br />

auszuschöpfen. Die Produkte und Dienste der IKT-Branche<br />

ermöglichen folglich den digitalen Beitrag, den andere Unternehmen<br />

zur Erreichung der <strong>SDGs</strong> leisten <strong>können</strong>.<br />

3. Konkrete Maßnahmen<br />

Mehr Kollaboration und weniger Silo-Denken für eine schnelle<br />

und agilere Umsetzung, auch unternehmensübergreifend.<br />

Schaffen von digitalen Plattformstandards, speziell für <strong>die</strong><br />

genannten wichtigen Branchen (Frage 2) sowie für <strong>die</strong> Bereiche,<br />

in denen deutsche Hidden Champions Marktführer sind.<br />

Von den weiteren Akteuren <strong>wir</strong>d erwartet, dass sie <strong>die</strong>se<br />

Handlungsspielräume entschlossen nutzen bzw. einfordern:<br />

Netzwerkdenken, Innovationsbereitschaft und der Mut,<br />

ausgetretene Pfade zu verlassen, <strong>wir</strong>d <strong>die</strong>jenigen Akteure<br />

auszeichnen, <strong>die</strong> <strong>die</strong>se Ideen positiv und chancenorientiert<br />

ver<strong>wir</strong>klichen.<br />

Durch das rechtzeitige Setzen eines handwerklich gut ausgearbeiteten<br />

Regulierungsrahmens kann <strong>die</strong> Bundesregierung<br />

für alle Akteure eine Situation schaffen, in der innovative<br />

Konzepte und Modelle entwickelt, erprobt und in <strong>die</strong> tägliche<br />

Praxis überführt werden <strong>können</strong>. Dabei müssen auch<br />

mögliche Risiken der Digitalisierung thematisiert werden.<br />

Ziel muss es sein, <strong>die</strong> Ängste der Bevölkerung bezüglich der<br />

Digitalisierung ernst zu nehmen und abzubauen.<br />

4. Wichtige Indikatoren<br />

Ergebnismessung sollte stets einen direkten Bezug zum<br />

Indikatoren-Set haben, welches hinter den eher generischen<br />

17 Nachhaltigkeitszielen steht. Dies ist deshalb eine Herausforderung,<br />

weil aktuell noch nicht jede unternehmerische<br />

Aktivität mit Bezug auf <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> tatsächlich als solche sichtbar<br />

gemacht werden kann. Für <strong>die</strong> nachhaltige Umsetzung der<br />

Ziele müssen Unternehmen deshalb erst einmal neue digitale<br />

Fähigkeiten entwickeln.<br />

Birgit Klesper von der Deutschen Telekom meint: „Eine<br />

Aufgabe der nächsten Jahre <strong>wir</strong>d daher sein, über ein nachvollziehbares,<br />

vergleichbares und möglichst standardisiertes<br />

Impact Measurement <strong>die</strong> Wirkungsketten unternehmerischer<br />

Beiträge <strong>–</strong> und damit auch der digitalen Produkte und<br />

Dienstleistungen <strong>–</strong> transparent darzustellen.“<br />

Weiterhin ist <strong>die</strong> Anzahl der erfolgreich im Markt eingeführten<br />

digitalen Geschäftsmodelle, speziell auch der nichtlinear<br />

skalierenden Geschäftsmodelle, als typisches Merkmal von<br />

Plattformökonomien ein relevanter Indikator.<br />

5. Potenzielle Gefahrenherde<br />

Die Gefahr der zunehmenden Manipulation der Konsumenten<br />

und der Wähler durch digitale Profile und Datensammlungen<br />

ist nicht zu unterschätzen. Die Akzeptanz der Bevölkerung<br />

für Themen der Digitalisierung hängt daher entscheidend<br />

von der erfolgreichen Umsetzung und Einhaltung von Privatsphäre<br />

und Datenschutz ab. Denn in einer Welt, <strong>die</strong> auf<br />

eine umfassende Digitalisierung und eine echte Konnektivität<br />

setzt, ist das Vertrauen in <strong>die</strong> Integrität der Systemanbieter<br />

wahrscheinlich eine der wichtigsten Währungen.<br />

Im Umfeld der künstlichen Intelligenz ist <strong>die</strong> mangelnde<br />

ethische und moralische Auseinandersetzung mit von Maschinen<br />

getroffenen Entscheidungen, z.B. beim autonomen<br />

Fahren, ein zentraler Faktor.<br />

Eine mindestens genauso große Gefahr liegt aber auch darin,<br />

den Megatrend der Digitalisierung zu ignorieren. Die „Uns<br />

geht’s doch gut!“-Mentalität beinhaltet <strong>die</strong> Gefahr des Verschlafens<br />

disruptiver Entwicklungen und radikaler Marktveränderungen.<br />

„Die Zeit der intensiven Debatten über das Für<br />

und Wider von Digitalisierung muss ein Ende haben, d.h. <strong>wir</strong><br />

müssen jetzt machen, jetzt anfangen mit den notwendigen Veränderungen“,<br />

fordern deshalb Carsten Hentrich und Michael<br />

Pachmajer, Direktoren für Digitale Transformation bei PwC.<br />

16 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Stakeholderbefragung<br />

Lieferkette<br />

1. Auf welche <strong>SDGs</strong> kommt es an?<br />

Lieferketten werden immer komplexer. Eine Jeans reist bekanntlich<br />

viele tausend Kilometer, bevor sie im Laden landet.<br />

Selbst einfache technische Geräte wie eine Computermaus<br />

bestehen aus hunderten Komponenten, deren Herkunft sich<br />

oftmals nicht zweifelsfrei klären lässt. Daher ist vielleicht der<br />

Begriff Lieferkette an sich kaum mehr zeitgemäß, denn genau<br />

genommen haben <strong>wir</strong> es mit Produktions- und Liefernetzwerken<br />

zu tun, mit einer Vielzahl von Akteuren und vielfältigen<br />

Beziehungen, Prozessen und Zusammenhängen. Diese globale<br />

Verteilung der Produktion <strong>wir</strong>d so lange weiter zunehmen, bis<br />

Effizienz- und Kostengründe dem entgegenstehen.<br />

Die Lieferkettenthematik betrifft dort nicht nur Beschäftigte<br />

und Erwachsene, sondern auch Kinder und ihre Rechte in<br />

<strong>die</strong>sem Zusammenhang ganz erheblich. Täglich werden Kinderrechte<br />

zum Teil massiv verletzt <strong>–</strong> auch in der Arbeitswelt,<br />

auch im Rahmen globaler Lieferketten.<br />

Man braucht bei dem Thema aber nicht immer in <strong>die</strong> Ferne<br />

schweifen: Auch hierzulande stehen Lieferketten unter enormem<br />

Kostendruck, da insbesondere Endkunden nicht für<br />

einen Versand oder Transport im Zusammenhang mit ihrem<br />

Online-Shopping-Erlebnis bezahlen wollen. Die Folge ist eine<br />

geringe Entlohnung der Arbeitnehmer teils unterhalb von<br />

Mindestlohnstandards (Verdeckte Armut).<br />

Doch es gibt zeitgleich auch den gegenläufigen Trend hin<br />

zu mehr Verantwortung: Logistik<strong>die</strong>nstleister wie auch verladende<br />

Unternehmen zeigen seit einigen Jahren ein hohes<br />

Engagement, ihre Nachhaltigkeit zielgerichtet und >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

17


AGENDA<br />

<strong>wir</strong>tschaftlich sinnvoll zu erhöhen. Beispielsweise setzen <strong>die</strong><br />

Deutsche Post DHL oder UPS in <strong>Deutschland</strong> Elektrofahrzeuge<br />

(Fahrräder, Lieferwagen) in der Brief- und Paketzustellung ein.<br />

fließt etwa in <strong>die</strong> Lithiumbatterien von Elektroautos ein. Wir<br />

sprechen also über eine Zukunftsfrage von großer <strong>wir</strong>tschaftlicher<br />

<strong>–</strong> und eben auch sozialer <strong>–</strong> Bedeutung.<br />

So komplex wie <strong>die</strong> Lieferketten selbst sind, ist auch der Blick<br />

auf <strong>die</strong> damit verbundenen <strong>SDGs</strong>: Der Zusammenhang ergibt<br />

sich wesentlich aus der Branche und ihren Besonderheiten.<br />

Naturgemäß stehen <strong>die</strong> drei I's Industrie, Innovation und<br />

Infrastruktur im Zentrum. <strong>SDGs</strong> 8 (Menschenwürdige Arbeit<br />

und Wirtschaftswachstum), 10 (Weniger Ungleichheiten, inkl.<br />

SDG 5 <strong>–</strong> Geschlechtergleichheit) und SDG 12 (Nachhaltige/r<br />

Konsum und Produktion) wurden in unserer Befragung folglich<br />

am häufigsten erwähnt.<br />

2. Wer hat das Zeug zum „Game-Changer“?<br />

Ob nun <strong>die</strong> Automobilbranche, der (Einzel-)Handel,<br />

<strong>die</strong> Konsumgüterindustrie<br />

oder der Chemiesektor: Alle haben sie<br />

lange Lieferketten und beziehen Produkte<br />

und Rohstoffe aus Ländern mit<br />

schwacher Durchsetzung von Umweltund<br />

Sozialstandards. Der Druck auf <strong>die</strong><br />

Branchen ist dabei unterschiedlich stark:<br />

Das Reputationsrisiko erfordert von Unternehmen<br />

mit starker Markenpräsenz<br />

ein Mindestmaß an Lieferkettenmanagement,<br />

tiefergehendes Engagement <strong>wir</strong>d<br />

aber oft nur in Risikobranchen wie etwa<br />

dem Agrarsektor (z.B. Baumwolle, Holz,<br />

Leder, Kaffee, Kakao, Obst etc.) verlangt.<br />

Einen Anreiz haben dazu auch Unternehmen,<br />

<strong>die</strong> mit Rohstoffen und Produkten<br />

handeln, <strong>die</strong> es bei nicht-nachhaltigem<br />

Umgang schon bald nicht mehr in der<br />

Form oder in der benötigten Menge geben<br />

könnte. Hier ist ebenfalls wieder an<br />

Agrarrohstoffe zu denken.<br />

Gleichzeitig muss der Druck auf Unternehmen<br />

erhöht werden, <strong>die</strong> <strong>die</strong>sen<br />

bislang noch nicht in der notwendigen<br />

Form spüren: vor allem Unternehmen ohne starke Markenpräsenz<br />

oder Akteure, <strong>die</strong> selber nur in Lieferketten von<br />

Großunternehmen liegen.<br />

Für uns Verbraucher haben vor allem <strong>die</strong> Textilindustrie und<br />

<strong>die</strong> Lebensmittelbranche das Potenzial, zu Game-Changern im<br />

Alltag zu werden. Die Chance liegt darin, dass es hier große<br />

und glaubwürdige Unternehmen gibt, wie z.B. Tchibo, REWE,<br />

Otto oder Ritter Sport, <strong>die</strong> sich bereits stark für nachhaltige<br />

Lieferketten engagieren. Gleichzeitig sind <strong>die</strong> Verbraucher<br />

bei Lebensmitteln und Kleidung verhältnismäßig sensibel<br />

und NGOs sehr aktiv. Die Me<strong>die</strong>n berichten häufig über <strong>die</strong><br />

„Verfehlungen“ bekannter Marken und erhöhen damit den<br />

Druck auf ein gutes Lieferkettenmanagement weiter. „Die<br />

Textilbranche ist für mich so ein Game-Changer. Wir werden in<br />

den nächsten Jahren sehen, wie im Textilbereich einige heiße<br />

Eisen angefasst werden: Zum Beispiel werden uns Track-Codes<br />

Chancen beziehen sich übrigens nicht<br />

nur auf <strong>die</strong> Verbesserung für Menschen,<br />

Umwelt und lokale Märkte. Sie eröffnen<br />

sich auch im Hinblick auf den geschäftlichen<br />

Erfolg. Hier wünsche ich mir in<br />

der deutschen Wirtschaft einige echte<br />

Champions, <strong>die</strong> vorangehen und<br />

anderen ein Beispiel sind.<br />

Christian Schneider, Geschäftsführer UNICEF <strong>Deutschland</strong><br />

an Etiketten verraten, wo, wie und unter welchen Bedingungen<br />

ein Kleidungsstück produziert wurde“, sagt Jürgen Janssen<br />

vom Textilbündnis.<br />

Ein Game-Changer für mehr Nachhaltigkeit könnte beispielsweise<br />

<strong>die</strong> Automobilindustrie sein. Die Lieferkette in <strong>die</strong>ser<br />

Branche ist geprägt von einer Vielzahl an unterschiedlichen<br />

Rohstoffen. Besonders bei der Förderung von Rohstoffen gibt<br />

es bis heute ein hohes Risiko für Missstände, insbesondere<br />

Kinderarbeit. In 2016 deckte zum Beispiel eine Stu<strong>die</strong> von<br />

Amnesty International auf, dass für <strong>die</strong> Gewinnung von Kobalt<br />

mit hoher Wahrscheinlichkeit Kinderarbeit eingesetzt <strong>wir</strong>d.<br />

Das Brisante daran: Der Abbau <strong>die</strong>ser Bodenschätze betrifft<br />

vor allem <strong>die</strong> Hightechprodukte von morgen. Dieser Rohstoff<br />

Potenzielle Game-Changer sind also Branchen mit großem<br />

ökologischem und sozialem Fußabdruck, etwa, weil sie viele<br />

Menschen beschäftigen und in großem Umfang Ressourcen<br />

nutzen. Letzteres gilt etwa für <strong>die</strong> Logistik- und Transport<strong>die</strong>nstleister:<br />

Die Transporte erfolgen überwiegend mit fossilen<br />

Brennstoffen. Seeschiffe und Flugzeuge sind bekannt für ihre<br />

klimaschädliche Wirkung, E-Mobility-Lösungen aber technisch<br />

derzeit nicht möglich. Dennoch kann <strong>die</strong> produzierende Industrie<br />

insgesamt auch durch fokussierte lokale Produktion<br />

Lieferketten verkürzen (z.B. Zulieferer-Parks, Chemie-Parks).<br />

18 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

3. Konkrete Maßnahmen<br />

Wir brauchen Unternehmen, <strong>die</strong> sich öffentlich zu ihrer<br />

Verantwortung zum Lieferkettenmanagement bekennen und<br />

auch kommunizieren, dass sie <strong>die</strong>s selbstverständlich über <strong>die</strong><br />

gesamte Liefer- und Wertschöpfungskette hinweg tun. Wir<br />

müssen weg von der Diskussion „das geht alles nicht, niemand<br />

kann seine Lieferkette ganz überblicken“ zu einem „es sollte<br />

kein Unternehmen geben dürfen, dass das nicht kann“.<br />

Nachhaltige Lieferketten sind das Produkt von klarer Positionierung<br />

und harter Arbeit: Unternehmen sollen sich vom reinen<br />

Tier-1-Audit hin zu einem Miteinander mit den Akteuren der<br />

Lieferkette bewegen. Gemeinsame Maßnahmen, Collective<br />

Action, Trainings sind hier erforderlich.<br />

Dabei muss unbedingt der Einkauf einbezogen werden und<br />

vorangehen: selbst in den engagierten Unternehmen arbeiten<br />

CSR und Einkaufsabteilung oft gegeneinander. Der Preis darf<br />

nicht das einzig ausschlaggebende Kriterium für <strong>die</strong> Kaufentscheidung<br />

sein.<br />

Neue, partnerschaftliche Formen der Zusammenarbeit umfassen<br />

zum Beispiel:<br />

1. Business Modelle anders denken, indem man soziale Innovationen<br />

fördert, mit denen <strong>die</strong> Wirtschaft <strong>die</strong> Lebensbedingungen<br />

von Menschen entlang der gesamten Wertschöpfungskette<br />

verbessert (Lebensstandard, Gesundheit,<br />

Bildung, Nahrung etc.).<br />

2. Eine faire Wertschöpfung entlang der Lieferketten entwickeln.<br />

Dazu gehört es, dass Kosten nicht externalisiert werden.<br />

3. Frauen gleichberechtigt an der Wertschöpfung beteiligen.<br />

4. Capacity Building für Rechteinhaber durchführen <strong>–</strong> nur<br />

wer seine Rechte kennt, kann sie auch verteidigen und<br />

einfordern.<br />

5. Strukturelle Probleme durch den Dialog im Rahmen von<br />

Initiativen mit der Bundesregierung und den Regierungen<br />

vor Ort angehen.<br />

4. Wichtige Indikatoren<br />

Bei den Unternehmen <strong>wir</strong>d sich zunehmend eine Berichterstattung<br />

<strong>–</strong> und damit auch Datenerhebung (vermutlich<br />

nach GRI) durchsetzen. Die Indikatoren und Standards<br />

werden sich in den nächsten Jahren im Zuge einer immer<br />

breiteren praktischen Anwendung noch weiterentwickeln.<br />

„Letztlich ist es für Unternehmen entscheidend, dass sie <strong>die</strong><br />

eigene Performance bei der Achtung der Menschenrechte<br />

verfolgen <strong>können</strong>. Nur so <strong>können</strong> sie beurteilen, ob Maßnahmen<br />

greifen und Ziele erreicht werden“, meint etwa der<br />

frühere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung<br />

Markus Löning.<br />

Aussagekräftig wäre zum Beispiel <strong>die</strong> Anzahl der Unternehmen,<br />

<strong>die</strong> sich substanziell mit ihrer menschenrechtlichen<br />

Sorgfaltspflicht befassen. Konkret: <strong>Wie</strong> viele Unternehmen<br />

veröffentlichen entsprechende Policy Commitments und berichten<br />

über ihre Aktivitäten <strong>–</strong> und wie viele nicht? <strong>Wie</strong> viele<br />

Unternehmen führen Human Rights Impact Assessments durch<br />

und achten dabei auch auf <strong>die</strong> Einhaltung von Kinderrechten?<br />

Ökologisch betrachtet sind das eindeutige Kennzahlen zu<br />

Stoffströmen. Auf der ökonomischen Seite sind <strong>die</strong> Einkommen<br />

der Beschäftigten in den Produktionsländern ein wichtiger<br />

Indikator. Für eine tragfähige <strong>wir</strong>tschaftliche Entwicklung<br />

ist das Thema Korruption wichtig. Mit Kennzahlen zu Arbeitssicherheit<br />

und Gesundheit kann man <strong>die</strong> Qualität der<br />

Arbeitsplätze messen.<br />

Beim Thema Arbeitsbedingungen und Mitarbeitereinbindung<br />

lässt sich nach Ansicht unserer Befragten das GRI-Indikatorenset<br />

weiterentwickeln. Vorschlag:<br />

• <strong>Wie</strong> viel Ertrag verbleibt in den einzelnen Schritten der Wertschöpfung?<br />

Nachhaltige Produktion funktioniert nur, wenn<br />

alle Beteiligten an der Wertschöpfung teilhaben.<br />

• Indikatoren, <strong>die</strong> eine Gewinn- und Verlustrechnung über<br />

monetäre Kennzahlen hinaus ermöglichen, z.B. Anzahl von<br />

Frauen, <strong>die</strong> an der Wertschöpfung beteiligt sind und damit<br />

ein eigenes Einkommen generieren <strong>können</strong>.<br />

5. Potenzielle Gefahrenherde<br />

Man kann grob zwei Arten von Gefahren unterscheiden:<br />

natürliche und politische. So <strong>können</strong> zum Beispiel Klimawandel-bedingte<br />

Extremwetterlagen wie Dürren oder Überschwemmungen<br />

<strong>die</strong> Verfügbarkeit von Produkten auf dem<br />

Weltmarkt drastisch verändern. Politische Instabilität, fehlende<br />

Rechtsstaatlichkeit, aber auch neue Handelsbarrieren stellen<br />

zentrale Risiken dar, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Fortschritte bei der Gestaltung<br />

nachhaltigerer Produktions- und Liefernetzwerke grundsätzlich<br />

gefährden <strong>können</strong>.<br />

Vor allem seitens des zunehmenden Populismus wächst<br />

<strong>die</strong> Gefahr, dass (ohnehin schwache) Gesetzgebungen, etwa<br />

der Dodd Frank Act in den USA, zurückgeschraubt werden.<br />

Auch globalisierungskritische Tendenzen tragen oft <strong>die</strong>ses<br />

Momentum der überspitzten Vereinfachung in sich. In der<br />

letzten Konsequenz stellt solch eine Art von Politik sowohl<br />

den Frieden infrage als auch den Zusammenhalt der Staatengemeinschaft<br />

<strong>–</strong> sei es in der EU oder den UN.<br />

Aber vielleicht lauert <strong>die</strong> größte Gefahr im Alltäglichen: <strong>Wie</strong><br />

sicher <strong>können</strong> <strong>wir</strong> uns alle sein, dass sich viele Unternehmen<br />

möglicherweise nicht nur oberflächlich und aus Imagegründen<br />

mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen? Wer<br />

lediglich ein Reputationsrisiko im Blick hat, läuft Gefahr,<br />

<strong>die</strong> großen Chancen zu verpassen, <strong>die</strong> verantwortungsvolles<br />

unternehmerisches Handeln mit sich bringt.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

19


AGENDA<br />

Plädoyer für eine nachhaltige Parallelwährung<br />

20 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Um alle sozialen und ökologischen Projekte<br />

weltweit zu finanzieren, brauchen <strong>wir</strong> enorme<br />

Kapitalmengen. Unser jetziges Währungssystem<br />

und <strong>die</strong> klassische Umverteilungsdebatte<br />

<strong>können</strong> das alleine nicht leisten. Wir brauchen<br />

daher eine parallele, optionale Währung für <strong>die</strong><br />

<strong>SDGs</strong>. Dies lässt sich schnell und zielgerichtet<br />

<strong>umsetzen</strong> und ist relativ billig. Zudem hätte es<br />

einen konjunkturdämpfenden, anti-inflationären<br />

und widerstandsfähigen Einfluss auf unser<br />

Handels- und Bezahlungssystem. Dafür muss<br />

man sich aber zunächst auf eine völlig neue<br />

Denkweise einlassen, wie sich ein finanzielles<br />

Wirtschaftssystem schaffen lässt, welches <strong>die</strong><br />

Welt zu einem besseren Ort macht.<br />

Von Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber<br />

Wir sind <strong>die</strong> erste Generation der menschlichen Geschichte<br />

mit dem Potenzial, <strong>die</strong> weltweite Armut zu beenden. Wir sind<br />

außerdem <strong>die</strong> letzte Generation, <strong>die</strong> ein unwiderrufliches ökologisches<br />

Disaster beim Blick auf Biodiversität, Erderwärmung<br />

und Ressourcenknappheit verhindern kann. Die meisten der<br />

<strong>SDGs</strong> betreffen Gemeingüter, wie beispielsweise saubere Luft,<br />

Zugang zu Gesundheit, Bildung (auch vorschulische Bildung)<br />

und das Versprechen <strong>die</strong> Biodiversität zu erhalten. Diese Güter<br />

sind nicht exklusiv. Sie sollen für alle zugänglich sein. Es gibt<br />

genug wissenschaftliche Erkenntnisse, technologisches Knowhow<br />

und politischen Willen, jedes <strong>die</strong>ser Ziele zu erreichen.<br />

Aber es <strong>wir</strong>d teuer: Tatsächlich <strong>wir</strong>d es etwa fünf Billionen<br />

US-Dollar pro Jahr über <strong>die</strong> nächsten 20 Jahre kosten, sie zu<br />

finanzieren. <strong>Wie</strong> finanzieren <strong>wir</strong> das?<br />

Der herkömmliche Weg: Vermögensumverteilung<br />

Der herkömmliche Weg zur Finanzierung solcher Projekte ist<br />

<strong>die</strong> Vermögensumverteilung. Dieser Prozess <strong>wir</strong>d von der Zentralbank<br />

angestoßen, welche im Prinzip Geld aus dem Nichts<br />

schafft. Als nächstes verleihen kommerzielle Banken und der<br />

Kapitalmarkt <strong>die</strong>ses Geld als Kredit an Staaten, Unternehmen<br />

und private Haushalte. Dieser Prozess endet mit der Produktion<br />

von Gütern und Dienstleistungen. Die gesamte Summe<br />

all <strong>die</strong>ser Güter und Dienstleistungen zusammengefasst (das<br />

GDP <strong>–</strong> Gross Domestic Product GDP), beträgt weltweit etwa<br />

80 Billionen US-Dollar pro Jahr.<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

21


AGENDA<br />

Nicht mitgezählt ist hierbei <strong>die</strong> globale Schatten<strong>wir</strong>tschaft.<br />

Jene macht noch einmal etwa ein Drittel des weltweiten GDPs<br />

aus. Es beinhaltet Geldwäsche, Schmuggel, Drogenhandel,<br />

illegale Finanzaktionen, aber auch <strong>wir</strong>tschaftliche Aktivitäten<br />

im informellen Sektor (Schwarzarbeit). Zusätzlich umfasst <strong>die</strong><br />

globale Wertschöpfungskette den sogenannten entropischen<br />

Sektor, welcher <strong>die</strong> Kosten von Krisenmanagement, sozialen<br />

und ökologischen externen Effekten und alle unvorhergesehenen<br />

Aus<strong>wir</strong>kungen umfasst, für <strong>die</strong> der Steuerzahler<br />

gerade stehen muss. Beispiele hierfür sind zusätzliche Kosten<br />

für das Gesundheitswesen aufgrund von Luftverschmutzung,<br />

<strong>die</strong> sozialen Kosten der Exklusion, Arbeitslosigkeit und Armut<br />

sowie zusätzliche Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen in<br />

Zeiten des Terrors.<br />

Das Grundprinzip der Finanzierung <strong>die</strong>ser Aspekte ist <strong>die</strong><br />

sogenannte end-of-pipe-Strategie: Ob Steuereinnahmen oder<br />

-zahlungen, Sparmaßnahmen, Privatisierung, <strong>die</strong> Verschuldung<br />

von privaten oder öffentlichen Haushalten oder zusätzliches<br />

Wirtschaftswachstum <strong>–</strong> all <strong>die</strong>se Strategien <strong>die</strong>nen dazu, Liquidität<br />

zu schaffen, um so soziale und ökologische Projekte<br />

zu finanzieren.<br />

Haben <strong>die</strong>se Umverteilungsmechanismen in der Vergangenheit<br />

funktioniert? Die Weltgemeinschaft hat sich dazu verpflichtet,<br />

0,7 Prozent des weltweiten GDP <strong>–</strong> etwa 500 Milliarden<br />

US-Dollar im Jahr <strong>–</strong> für Entwicklungshilfe auszugeben. Mit<br />

Ausnahme der skandinavischen Staaten hat kaum ein Staat<br />

<strong>die</strong>sen Richtwert erreicht. Selbst wenn, so würde der Betrag<br />

realistisch gesehen nicht ausreichen, um unsere Zukunft zu<br />

finanzieren. Etwa das Acht- bis Zehnfache <strong>wir</strong>d nämlich benötigt,<br />

um <strong>die</strong> besagten fünf Billionen US-Dollar zu erreichen.<br />

Einen solchen Betrag aus der Wirtschaft zu entnehmen, würde<br />

<strong>–</strong> selbst in einem langsamen Prozess <strong>–</strong> eine globale Rezession<br />

Was ist eine Blockchain und wie funktioniert <strong>die</strong>se?<br />

Vereinfacht gesagt, ist <strong>die</strong> Blockchain eine Datenbank und funktioniert quasi wie ein<br />

digitales Kassenbuch. In Analogie zu einer Seite im Kassenbuch, <strong>die</strong> Informationen<br />

über eine bestimmte Transaktion beinhaltet, ist es in der Blockchain ein digitaler<br />

Block, der <strong>die</strong>se Informationen enthält. Ist ein Block voll, <strong>wir</strong>d der nächste Block<br />

angehängt. Es bildet sich eine Kette aus Blöcken, daher „Block-Chain“.<br />

Es gibt hierbei keine Vermittlungsinstanz mehr, <strong>die</strong> zwischen <strong>die</strong> Vertragspartner<br />

geschaltet ist. Vielmehr <strong>wir</strong>d bei jedem vollwertigen Nutzer-PC ein Abbild der<br />

gesamten Transaktionshistorie abgelegt, welche für jeden jederzeit einsehbar<br />

ist. Es herrscht also vollkommene Transparenz. Ohne Blockchain als realisierende<br />

Technologie, würde das System der digitalen Währung also nicht in der<br />

Form funktionieren. Im Ergebnis ist es somit <strong>die</strong> Technologie Blockchain, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

Kryptowährung Bitcoin zum Funktionieren bringt.<br />

Dr. Nils Middelberg, top itservices AG<br />

verursachen. Also woher bekommen <strong>wir</strong> das Geld, das <strong>wir</strong> zur<br />

Finanzierung der <strong>SDGs</strong> benötigen? Es ist illusorisch anzunehmen,<br />

dass ein Umverteilungsprozess (schnell) genug gelingt.<br />

Wir benötigen deshalb zusätzliche Liquidität im großen Stil,<br />

mit voller Geschwindigkeit und auf das Erreichen der <strong>SDGs</strong><br />

zugeschnitten. Auf der Suche nach einer Lösung gibt es einen<br />

wichtigen Fakt, den <strong>wir</strong> nicht vergessen dürfen: Geld ist kein<br />

Naturgesetz, sondern eine Konvention. Genau wie eine Regel<br />

in einem Club, ein Ehevertrag oder ein gesetzlicher Vertrag<br />

kann es modifiziert und an <strong>die</strong> globalen Ansprüche angepasst<br />

werden. Können <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Sache also anders angehen?<br />

Eine komplementäre Parallelwährung?<br />

Was wäre, wenn <strong>wir</strong> <strong>die</strong> weltweit benötigten finanziellen Mittel<br />

auf eine ganz andere Art und Weise generieren könnten?<br />

Zentralbanken könnten zusätzliche fünf Billionen US-Dollar<br />

anhand von elektronischen Formaten wie der Blockchain-<br />

Technologie schaffen. Was wäre, wenn <strong>die</strong>ses Geld speziell<br />

dafür vorgesehen wäre, zunächst SDG-nahe Projekte zu finanzieren?<br />

Was wäre, wenn <strong>die</strong>se Mittel durch andere Kanäle<br />

fließen würden als bisher? Dann hätten <strong>wir</strong> eine ergänzende<br />

Währung, parallel zum existierenden konventionellen System,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> fünf Billionen US-Dollar generieren könnte, <strong>die</strong> <strong>wir</strong> in<br />

den nächsten zwanzig Jahren so bitter nötig haben. Was sagt<br />

<strong>die</strong> Wissenschaft zu all dem? Gibt es empirische Beweise dafür,<br />

dass <strong>die</strong>se Methode zum Erfolg führen kann?<br />

Untersuchungen haben mehr als ein Dutzend positive Effekte<br />

gefunden. So könnten <strong>wir</strong> beispielsweise auf neue Technologien<br />

wie Blockchain-Protokolle zurückgreifen, um zusätzliche,<br />

zielorientierte, finanzielle Liquidität für Millionen von<br />

Afrikanern mithilfe der lokalen Mobilfunknetze zu kreieren<br />

(MPesa ist hier ein Vorbild). Auf dem indischen Subkontinent<br />

könnten <strong>wir</strong> das bestehende Kleinkredit-System nutzen (Vorbild<br />

Grameen-Bank). Jeder Euro, der über<br />

solche Kanäle ausgegeben oder investiert<br />

<strong>wir</strong>d, würde sich positiv auf <strong>die</strong> weltweite<br />

Armutsreduktion aus<strong>wir</strong>ken. Das<br />

elektronische System würde zudem Korruption<br />

und Betrug verhindern, da jede<br />

Transaktion transparent und öffentlich<br />

ist. Sobald eine solche Währung auch für<br />

das Bezahlen von Steuern legalisiert <strong>wir</strong>d,<br />

könnten kommunale Einrichtungen auf<br />

zusätzliche Liquidität zurückgreifen.<br />

Die öffentliche Infrastruktur könnte so<br />

zusätzlich finanziert werden. Ein solcher<br />

Mechanismus würde auch <strong>die</strong> Bildung<br />

ankurbeln und einen universalen Zugang<br />

zum Gesundheitssystem ermöglichen.<br />

Alles Projekte, welche ansonsten nicht<br />

realisierbar wären; er würde <strong>die</strong> Ressourcenerschöpfung<br />

reduzieren und <strong>die</strong> Luft<br />

reinigen, und damit <strong>die</strong> negativen Effekte<br />

auf unsere Gesundheit verhindern.<br />

Letztendlich könnten <strong>wir</strong> das bislang<br />

unerschlossene Potenzial der Millionen<br />

22 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

von Arbeitslosen nutzen und <strong>die</strong> Kreativität von Milliarden<br />

von Menschen entfesseln.<br />

Was wären <strong>die</strong> Folgen für <strong>die</strong> konventionelle Wirtschaft? Diese<br />

fünf Billionen US-Dollar in Form von Blockchain-Liquidität<br />

würden der konventionellen Wirtschaft in keiner Weise<br />

schaden. Das Gegenteil wäre sogar der Fall: Unternehmerische<br />

und staatliche Planung, Produktion und Preisniveaus würden<br />

robuster und zuverlässiger, auch auf lange Sicht. Eine ergänzende<br />

Währung würde den Wirtschaftszyklus von Booms und<br />

Pleiten stabilisieren.<br />

Zunächst würde ein paralleles, optionales Währungssystem<br />

neue Jobs kreieren und es Menschen erlauben, aus der Schatten<strong>wir</strong>tschaft<br />

in legale Bereiche zu wechseln (inverse trafficking).<br />

Zweitens würde es negative, externe Effekte reduzieren und<br />

<strong>die</strong> Kosten im entropischen Sektor senken (inverse pricing).<br />

Drittens würde es <strong>die</strong> Tendenz zur finanziellen Monokultur<br />

reduzieren (antizyklische Investments).<br />

Eine parallele Währung ist paretoeffizienter<br />

Warum hat ein solches paralleles, optionales Währungssystem<br />

das Potenzial, Wohlstand, Robustheit und Effizienz zu steigern<br />

und so das <strong>wir</strong>tschaftliche System paretoeffizienter zu gestalten?<br />

Die wahre Tragö<strong>die</strong> der Allmende, mit der <strong>wir</strong> es hier zu tun<br />

haben, ist nicht, dass <strong>die</strong> Gemeingüter exklusiv sind, sondern<br />

dass sie innerhalb eines Finanzsystems agieren, das sie davon<br />

abhält, ihr volles Potenzial zum Wohl der Menschheit zu entfalten.<br />

Die empirische Forschung der letzten Jahre konnte immer<br />

wieder zeigen, dass der Return on Investment (ROI) globaler<br />

Gemeingüter für <strong>die</strong> Gesellschaft atemberaubende 10<strong>–</strong>100<br />

mal höher ist, als <strong>die</strong> Erträge von privaten Geschäftsmodellen<br />

oder Staatsanleihen. Die folgende Grafik zeigt <strong>die</strong> Erträge aus<br />

privaten und staatlichen Anleihen über ein Jahrhundert:<br />

S&P 500<br />

3-M<br />

Staatsanleihe<br />

Standard and Poor’s 500 Index; dreimonatige Staatsanleihen,<br />

Zehn-Jahres-Staatsanleihen<br />

10-J<br />

Staatsanleihe<br />

1928<strong>–</strong>2015 11 % 3 % 5 %<br />

1966<strong>–</strong>2015 11 % 5 % 7 %<br />

2006<strong>–</strong>2015 9 % 1 % 5 %<br />

andere Technologie (Blockchain) verwendet; des Weiteren<br />

werden unterschiedliche Kanäle genutzt, um <strong>die</strong> zusätzliche<br />

Liquidität in <strong>die</strong> Real<strong>wir</strong>tschaft zu befördern (Citizen money<br />

etc.); der hier vorgeschlagene Mechanismus reduziert zudem<br />

zielgenauer <strong>die</strong> negativen externen Effekte und sogenannte<br />

Spill-overs im entropischen Sektor, <strong>die</strong> negativen Aus<strong>wir</strong>kungen<br />

der Schatten<strong>wir</strong>tschaft und der Realökonomie (Korruption,<br />

Steuerhinterziehung). Insgesamt würde der Mechanismus einen<br />

stabileren und widerstandsfähigen Rahmen bieten, um unsere<br />

gemeinsame Zukunft nachhaltig zu finanzieren. Ich denke, es ist<br />

keine Übertreibung zu sagen, dass ein solches komplementäres,<br />

paralleles und optionales Währungssystem paretoeffizienter ist<br />

als das herkömmliche monetäre Monopol.<br />

Bewusstseinswandel<br />

Anstatt auf eine lineare und sequenzielle Art und Weise zu denken<br />

<strong>–</strong> was <strong>wir</strong> tun, wenn <strong>wir</strong> end-of-pipe-Strategien verfolgen,<br />

um durch <strong>die</strong> Umverteilung von Vermögen und Einkommen<br />

unsere Zukunft zu finanzieren <strong>–</strong> müssen <strong>wir</strong> anfangen, parallel<br />

zu denken. Genauso wie ein Fahrrad zwei Räder braucht,<br />

brauchen <strong>wir</strong> ein Währungssystem mit zwei Pfeilern: Einem<br />

konventionellen und einem komplementären, beide verknüpft,<br />

aber doch mit unterschiedlichen Zwecken ausgestattet.<br />

Wenn es einen einzigen Faktor mit dem größten Potenzial gibt,<br />

welcher <strong>die</strong> Welt verändern könnte, dann ist es ein paralleles<br />

Finanzsystem. In weniger als sechs Monaten könnte mit der<br />

Arbeit begonnen werden, wenn sich <strong>die</strong> sechs größten Zentralbanken<br />

dazu entschließen, eine solche Zusatz-Währung zu<br />

schaffen. Mit einer Parallelwährung würde unsere Welt effizienter<br />

und gleichzeitig auch widerstandsfähiger werden und<br />

sie würde <strong>die</strong> Erde sicherlich zu einem besseren Ort machen.<br />

Es muss angemerkt werden, dass <strong>die</strong> durch den Mechanismus<br />

hervorgerufenen Effekte auf eine nachhaltige Wohlstandsentwicklung<br />

unter Umständen deutlich größer sein <strong>können</strong>, als<br />

der traditionelle Keynes’sche Multiplikator vorsieht. Dies hat<br />

vor allem mit folgenden Aspekten zu tun: Einmal <strong>wir</strong>d eine<br />

ÜBER DEN AUTOR<br />

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber ist Mitglied im Club of Rome,<br />

Senator der Europäischen Akademie der Wissenschaft und Stiftungsprofessor<br />

für Nachhaltigkeit und Psychologie, Chefarzt und<br />

Ärztlicher Direktor an den Diakonie Kliniken Sachsen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

23


AGENDA<br />

Ein Plädoyer für Freiheit und Verantwortung im Umgang<br />

mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (<strong>SDGs</strong>).<br />

Von Prof. Dr. Joachim Fetzer<br />

1. Ein unbekannter Riese <strong>–</strong> <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong><br />

An Bedeutendes kann man sich erinnern, selbst wenn man nur<br />

indirekt beteiligt war. Sie erinnern sich an den 11.9.2001? An<br />

den 9.11.1989? Aber was war am 25.9.2015? Manche <strong>können</strong><br />

sich beim „Herbst 2015“ an offene Grenzen in <strong>Deutschland</strong><br />

erinnern, an ein durch wandernde Migranten sichtbar gewordenes<br />

„Rendezvous mit der Globalisierung“ (Wolfgang<br />

Schäuble). Dabei fand an <strong>die</strong>sem 25.9.2015 in New York ein<br />

ganz anderes „Rendezvous der Globalisierung“ statt: Staatsund<br />

Regierungschefs aus 196 Ländern beschlossen im Rahmen<br />

der UN-Vollversammlung <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong> für Nachhaltige<br />

Entwicklung und darin 17 Ziele (<strong>SDGs</strong>) und 169 Vorgaben<br />

(Targets). Die Regierenden praktisch aller Länder nahmen <strong>–</strong><br />

nach jahrelangen Vorbereitungen <strong>–</strong> <strong>die</strong> Welt als Ganzes in<br />

Augenschein und skizzierten gemeinsam <strong>die</strong> Richtung, in <strong>die</strong><br />

sich „our world“ transformieren sollte. Zielorientierung als<br />

Selbstverpflichtung der Welt <strong>–</strong> das bleibt ein historischer<br />

Meilenstein. In deutschen Me<strong>die</strong>n? Die Tagesthemen würdigten<br />

den New York-Aufenthalt der Kanzlerin und zeigten<br />

Bilder, wie sie an Ground Zero einen Kranz niederlegte <strong>–</strong> am<br />

Rande einer Veranstaltung, <strong>die</strong> nicht einmal namentlich<br />

und schon gar nicht in ihrer (erhofften) Bedeutung erwähnt<br />

wurde. Nur <strong>die</strong> Satiresendung „heute show“ enthielt einen<br />

erwartet zynischen Beitrag, dass ab <strong>2030</strong> der Hunger verboten<br />

<strong>wir</strong>d und ansonsten das Ganze so <strong>wir</strong>kungslos sei wie <strong>die</strong> 15<br />

Jahre vorher verabschiedeten Milleniums-Ziele. Medial also:<br />

Schweigen oder Zynismus. Von den <strong>SDGs</strong> als „historischem<br />

Meilenstein“ erzählten nur <strong>die</strong>jenigen, <strong>die</strong> unmittelbar dabei<br />

waren oder <strong>die</strong>s damals schon begleiten konnten.<br />

Zwei Jahre später hat sich daran wenig geändert. Die <strong>SDGs</strong><br />

sind zwar in Fachkreisen bekannt, aber kommen dort nicht<br />

vor, wo eine breitere Öffentlichkeit adressiert <strong>wir</strong>d. Das gilt<br />

24 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Hamburger G20-Gipfels <strong>–</strong> darunter der Vorschlag für eine<br />

Pisa-Test-ähnliche Überprüfung der sozialen Ungleichheit<br />

in Mitgliedsstaaten <strong>–</strong>, bis zum Beschluss der Europäischen<br />

Kommission im Mai 2017, eine Multi-Stakeholder-Plattform<br />

über <strong>die</strong> Implementierung der Sustainable Development<br />

Goals in der EU zu schaffen. Zu erwähnen wäre auch das SDG-<br />

Dash-Board und der SDG-Index, welche vom UN-Sustainable<br />

Development Solutions Network (UN-SDSN) zusammen mit der<br />

Bertelsmann-Stiftung entwickelt wurden (sdgindex.org). Mit<br />

Rang 6 im globalen Index muss <strong>Deutschland</strong> sich sicher nicht<br />

verstecken. Ob <strong>die</strong>s aber eine hilfreiche Botschaft ist, dürfte<br />

unterschiedlich gesehen werden. Im grün-gelb-orange-rot-<br />

Modus des SDG-Dash-Boards kann jedes Land sich seine Stärken<br />

und Schwächen spiegeln lassen. Es soll ein Instrument sein<br />

einerseits für <strong>die</strong> politische Führung zur eigenen Orientierung<br />

über den Stand der Dinge im Land oder für kritische Gruppen,<br />

um gesellschaftlichen Druck aufzubauen, so <strong>die</strong> Initiatoren.<br />

Dies alles klingt so, als gäbe es jetzt einen unzweideutigen<br />

Maßstab für gutes Regierungshandeln und dadurch zu erzeugende<br />

Wirtschaftsstrukturen. Einzig <strong>die</strong> nötige Bekanntheit<br />

und Durchsetzungskraft fehlt wohl <strong>die</strong>sem globalen Maßstab.<br />

zum Beispiel selbst für <strong>die</strong> Wahlprogramme der Parteien im<br />

letzten Bundestagswahlkampf, in denen <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong> trotz<br />

ihres universalen und umfassenden Anspruchs meistens in<br />

der Abteilung „Entwicklungspolitik“ verankert ist. Dabei denkt<br />

kaum jemand an <strong>die</strong> „Entwicklung“, <strong>die</strong> auch <strong>Deutschland</strong><br />

nehmen müsste, wenn es sich dem Ziel <strong>wir</strong>klich nachhaltiger<br />

Entwicklung verpflichten würde.<br />

Man kann <strong>die</strong> Situation so zusammenfassen: Als öffentlich<br />

relevanter Bezugspunkt einer gemeinsamen Erinnerung fällt<br />

<strong>die</strong> <strong>2030</strong>-Agenda aus. Dieser Befund kolli<strong>die</strong>rt massiv mit den<br />

Erwartungen und Hoffnungen, welche <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> auf ihrem<br />

Weg zur vermeintlichen „Umsetzung“ begleiten.<br />

Es gibt eine inzwischen kaum noch überschaubare Zahl von<br />

Initiativen, Dialog- und Kontaktforen, unternehmerischer<br />

Zielperspektiven und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, welche<br />

der „Umsetzung“ der <strong>SDGs</strong> <strong>die</strong>nen oder <strong>die</strong>se einfordern.<br />

Jeder Versuch einer Aufzählung wäre vergeblich: Er reicht<br />

vom SDG-Compass zur Übersetzung der Agenda <strong>2030</strong> in unternehmerisches<br />

Handeln über Empfehlungen der globalen<br />

Thinktank-Konferenz T20 an <strong>die</strong> G20 Staaten anlässlich des<br />

Brauchen <strong>wir</strong> einfach mehr Werbung, mehr Öffentlichkeit,<br />

mehr mutiges Bekenntnis für <strong>die</strong>se Art der transformativen<br />

Globalisierungsgestaltung? Oder sind <strong>wir</strong> zufrieden, wenn<br />

beim Stichwort „Agenda <strong>2030</strong>“ (sofern bekannt) alle unkonkret<br />

freundlich sind und <strong>die</strong> Nachhaltigkeitsziele für „irgendwie<br />

wichtig“ halten, obwohl es doch nur eine Gruppe von Insidern<br />

ist, <strong>die</strong> <strong>wir</strong>klich etwas damit anfangen <strong>können</strong> und wollen?<br />

Oder ist vielleicht ein Schritt zurück angebracht? Mitten im<br />

Prozess nochmals neu über Sinn, Geist und Charakter des<br />

Ganzen nachdenken. Dafür soll hier plä<strong>die</strong>rt werden.<br />

2. Die Agenda <strong>2030</strong> als Welt-15-Jahresplan?<br />

Die Struktur der Agenda <strong>2030</strong> mit den 17 Zielen, den 169<br />

Unterzielen, der Laufzeit über 15 Jahre, dem Implementierungsversprechen<br />

erinnert an Fünf-Jahrespläne, <strong>die</strong> es in<br />

manchen politischen Systemen gibt <strong>–</strong> in anderen mit guten<br />

Gründen nicht.<br />

Ein wichtiges Element unterscheidet <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong> von<br />

klassischen Wirtschaftsplänen: Es ist ein 15-Jahresplan ohne<br />

„Funding“, denn Ressourcen in großem Ausmaß konnten im<br />

Rahmen der UN-Vollversammlung nicht bereitgestellt werden.<br />

So hofft man wohl auf <strong>die</strong> Mit<strong>wir</strong>kung des Privatsektors.<br />

Plan<strong>wir</strong>tschaft erforderte schon immer ein hohes Maß an<br />

wissenschaftlicher Expertise. Darauf zielen Initiativen wie <strong>die</strong><br />

Long-term Transformation Pathways Initiative (LTTPI). <strong>Wie</strong> sind<br />

solche Initiativen zu bewerten? Es spricht nichts dagegen, wenn<br />

Wissenschaftler Zielkonflikte und Wechsel<strong>wir</strong>kungen >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

25


AGENDA<br />

analysieren und Szenarien entwerfen <strong>–</strong> je interdisziplinärer,<br />

desto besser. Das sind ihr Auftrag und ihr Dienst am Gemeinwohl.<br />

Aber in Verbindung mit dem moralisch-politischen<br />

Instrumentarium der globalen Agenda <strong>2030</strong> <strong>wir</strong>d aus solchen<br />

Denkübungen und Entwürfen das, was der Liberale Friedrich<br />

August von Hayek „Anmaßung von Wissen“ genannt hätte.<br />

Es ist eine Anmaßung in doppelter Hinsicht: Einerseits widerspricht<br />

das Agenda-<strong>2030</strong>-Projekt den Grenzen des Wissens, <strong>die</strong><br />

es seit Zeiten des Sokrates gibt, während <strong>die</strong> planetarischen<br />

Grenzen eine neuere Entdeckung sind. Wenn andererseits<br />

Wissen mehr ist, als eine Ansammlung von Daten, dann ist<br />

Wissen immer an Personen und menschliche Gemeinschaften<br />

gebunden und bleibt damit perspektivisch und pluralistisch.<br />

Es geht hier nicht um Grundsatzdebatten zwischen Markt und<br />

Plan, sondern um den Hinweis darauf, dass eine globale Agenda<br />

an extrem unterschiedliche Gesellschaften und Denkschulen<br />

anknüpfen muss. Auch deshalb kann es eigentlich keine globale<br />

„Umsetzung“, sondern nur <strong>–</strong> je nach Land und politisch<br />

gesellschaftlicher Ausrichtung <strong>–</strong> unterschiedliche Rezeptionen<br />

der Agenda <strong>2030</strong> für nachhaltige Entwicklung geben.<br />

Mit Blick auf <strong>Deutschland</strong> <strong>2030</strong> ist daher ein engagierter Streit<br />

über Interpretationen, Priorisierungen und Maßnahmen im<br />

Umgang mit <strong>die</strong>sem globalen Verantwortungsdokument angesagt<br />

und nicht ein andachtsvolles Nicken und buchhalterisches<br />

Abarbeiten von Indikatoren.<br />

3. Papst Franziskus und <strong>die</strong> SDG-Technokratie<br />

Es war Papst Franziskus, der durch eine Rede vor den Staats- und<br />

Regierungschefs zur Verabschiedung der Agenda <strong>2030</strong> seinen<br />

Beitrag geleistet hat. Vor allem aber veröffentlichte er drei<br />

Monate vorher <strong>die</strong> viel beachtete Umwelt-Enzyklika „Laudato<br />

Si <strong>–</strong> Über <strong>die</strong> Sorge für das gemeinsame Haus“. Die Integration<br />

des Klimaschutzes in <strong>die</strong> katholische Soziallehre ist sicher ein<br />

wichtiges Ver<strong>die</strong>nst. Wenig wahrgenommen <strong>wir</strong>d dagegen<br />

das Kernargument <strong>die</strong>ses päpstlichen Rundschreibens. Nach<br />

einer langen und teilweise unnötig polemischen Aufzählung<br />

aller Übel der Welt wendet sich der Papst dem eigentlichen<br />

Grundproblem zu. Ausdrücklich fragt er in Kapitel 3: „Was ist<br />

<strong>die</strong> menschliche Wurzel der ökologischen Krise?“ Die Antwort<br />

ist anders, als man angesichts der vielen <strong>wir</strong>tschaftsskeptischen<br />

Äußerungen <strong>die</strong>ses Pontifex erwarten könnte. Nicht <strong>die</strong><br />

Ökonomisierung aller Lebensbereiche <strong>wir</strong>d beklagt, sondern<br />

Franziskus fordert: „Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft<br />

unterwerfen, und <strong>die</strong>se darf sich nicht dem Diktat und dem<br />

... Paradigma der Technokratie unterwerfen.“<br />

Diese Kritik sollte man ernst nehmen: Gerät nicht in der Wirtschaft<br />

und zunehmend auch in der Politik all zu leicht all das<br />

aus dem Blick, was nicht in ein Excel-Sheet, eine Formel oder<br />

Zahl gepackt werden kann? Motto: Was man nicht messen<br />

kann, kann man nicht managen. Zahlenfixiertheit und Zahlengläubigkeit<br />

<strong>–</strong> das ist <strong>die</strong> Alltagstechnokratie, <strong>die</strong> Franziskus<br />

für den menschlichen Kern des ökologischen Problems hält.<br />

Diesem Denken stellt Franziskus in Kapitel 4 ein anderes<br />

Denkmuster gegenüber: Das Denken in interdependenten und<br />

vernetzten Systemen. Was <strong>wir</strong> in der Nachhaltigkeitsdebatte<br />

als <strong>die</strong> drei Dimensionen der ökologischen, ökonomischen<br />

und sozialen Nachhaltigkeit kennen, das nennt er Umweltökologie,<br />

Wirtschafts- und Sozialökologie. Und er fügt mit der<br />

Kulturökologie eine vierte Dimension hinzu.<br />

Was heißt das <strong>–</strong> im Blick auf <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong>? Deren Vorteil<br />

gegenüber allzu eindimensionalen <strong>–</strong> häufig auf quantitatives<br />

Wirtschaftswachstum reduzierten <strong>–</strong> Zielsystemen ist ganz<br />

sicher ihre Multiperspektivität, <strong>die</strong> ein vieldimensionales Denken<br />

praktisch erzwingt. Aber das <strong>Wie</strong>gen-Zählen-Messen, <strong>die</strong><br />

Fokussierung auf quantifizierbare Indikatoren, <strong>die</strong> dabei leicht<br />

vom Indikator zum Selbstzweck werden <strong>–</strong> <strong>die</strong>ser Aspekt technokratischen<br />

Denkens ist überstark, vielleicht sogar untrennbar<br />

mit der Agenda <strong>2030</strong> verknüpft. Insofern ist <strong>die</strong> Enzyklika in<br />

ihrer teilweise polemischen, aber bildhaften Sprache, auch ein<br />

wichtiges Gegengewicht gegen den schnell ins Technokratische<br />

umkippenden Charakter der <strong>2030</strong>-Agenda. Man könnte sagen:<br />

Laudato Si ist eine weithin unbemerkte Warnung gegen allzu<br />

viel oder zumindest gegen ein allzu technisch verstandenes<br />

„Umsetzen“ und „Implementieren“ jenes globalen Zielsystems.<br />

26 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

4. Unternehmen: ihre Verantwortung und ihre Dilemmata<br />

Ist es also falsch, was engagierte Unternehmen und Engagierte<br />

in Unternehmen begonnen haben? Ihr eigenes Handeln mithilfe<br />

der 17 Ziele zu reflektieren und zu überprüfen, eigene<br />

mögliche Beiträge zu identifizieren, daran zu arbeiten und<br />

darüber zu berichten? Sind <strong>die</strong> Anstrengungen falsch, über<br />

<strong>die</strong> z.B. SAP, Haribo oder der Flughafen München berichten?<br />

Das ist natürlich nicht der Fall, und der Identifikation und<br />

Auszeichnung von SDG-Pionieren wünscht man eine Vorbildfunktion<br />

und Ansteckungsfähigkeit. Vielleicht sogar noch<br />

wichtiger ist <strong>die</strong> Inkubation neuer SDG-unterstützender<br />

Geschäftsmodelle, wie sie vom SDG Opportunity Explorer<br />

gefördert werden sollen. Es ist dabei nicht erstaunlich, wenn<br />

einige schon wieder von einem SDG-Washing sprechen.<br />

Wer Ziele erreichen will, der muss sie wohl messbar machen.<br />

Und daher spricht nichts gegen <strong>die</strong>se und alle anderen Initiativen<br />

in Unternehmen und Verbänden, solange in Erinnerung<br />

bleibt, dass auch <strong>die</strong> 17 globalen Ziele kein Selbstzweck,<br />

sondern allenfalls Instrumente des Wandels sind, um <strong>die</strong><br />

Welt ein Stück nachhaltiger, gerechter, friedlicher und freier<br />

zu machen.<br />

Jenseits des umsetzungsorientierten Engagements könnten<br />

Unternehmen der Gesellschaft auch auf andere Weise <strong>die</strong>nen:<br />

mit Aufrichtigkeit und Offenheit. Viel zu wenig ist öffentlich<br />

von den Herausforderungen und Dilemmata zu hören, welche<br />

es aber trotzdem gibt und <strong>die</strong> hier kurz benannt werden:<br />

1. das Wettbewerbsdilemma: Warum <strong>wir</strong> und nicht andere? Es<br />

fehlt das „level-playing-field“;<br />

2. das Zuständigkeitsdilemma: Ist das noch unser Verantwortungsbereich?<br />

<strong>Wie</strong> weit wollen und <strong>können</strong> <strong>wir</strong> Fern<strong>wir</strong>kungen<br />

beeinflussen? <strong>–</strong> <strong>die</strong> Lieferkettenproblematik;<br />

3. das Regulationsdilemma: Sind es nicht <strong>die</strong> Gesetzeslage,<br />

Branchen- oder technische Kodizes, <strong>die</strong> uns zu nichtnachhaltigem<br />

Verhalten zwingen? Es gibt Konflikte mit<br />

übergeordneten Regularien.<br />

4. das Interdependenzdilemma: Ist das Zielsystem eigentlich<br />

widerspruchsfrei? Maßnahmen zu Ziel x verschlechtern<br />

doch <strong>die</strong> Performance bei Ziel y.<br />

5. das Trägheitsdilemma: „Ein solcher Ansatz findet im Unternehmen<br />

keine Akzeptanz“. Hier gibt es einen fließenden<br />

Übergang in<br />

6. das Komplexitätsdilemma: „Mit was sollen <strong>wir</strong> uns in einer<br />

ohnehin schon komplexen Welt noch zusätzlich beschäftigen?“<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

27


AGENDA<br />

Die bisher genannten Dilemmata mag man noch als operative<br />

und taktische Herausforderungen oder als Aspekte der<br />

Umsetzungs-Motivation interpretieren. Grundsätzlicher und<br />

normativer ist<br />

7. das Wertedilemma: „Mag sein, dass <strong>die</strong>ses Ziel Teil einer UN-<br />

Agenda ist, aber ich teile <strong>die</strong>se Zielsetzung nicht.“<br />

Ist <strong>die</strong>s eigentlich möglich? Hat <strong>die</strong> <strong>2030</strong>-Agenda nicht den<br />

Mantel höchster Legitimität und ist sakrosankt gegen Kritik?<br />

5. Ziel- und Wertkonflikte nicht vertuschen!<br />

Kann und darf man <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong> im Ganzen oder in<br />

Teilen auch ablehnen und gegebenenfalls nicht akzeptieren?<br />

Die Frage ist rhetorisch: Natürlich! Denn man vergesse nicht:<br />

Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Agenda <strong>2030</strong> sind in einem<br />

mehrjährigen, komplexen Verhandlungsprozess erarbeitet<br />

worden. Das heißt: Die VN-Agenda <strong>2030</strong> ist ein Kompromiss.<br />

Dieser erreichte Kompromiss ist ein hoher Wert: Wer einmal<br />

versucht hat, sich in einer Organisation ohne klar definierte<br />

Führung mit 20 bis 200 Menschen auf ein gemeinsames Zielsystem<br />

zu einigen <strong>–</strong> und zwar ohne klar definierte Führung<br />

<strong>–</strong>, der kann erahnen, was es bedeutet, 196 Staaten in ein Boot<br />

zu holen. Besserwisserische Kritik mag daher als unangemessen<br />

gelten. Der Kompromiss zeigt, was erreichbar war, und<br />

das ist viel. Mag sein, dass das mediale Schweigen bei dessen<br />

Verabschiedung auch ein Zeichen der Wertschätzung gewesen<br />

ist, weil man auf <strong>die</strong> naheliegende kritische Bearbeitung<br />

verzichtet hat.<br />

Aber nun ist <strong>die</strong> Erarbeitungsphase vorbei, ist <strong>die</strong> Verabschiedung<br />

gelungen und auch <strong>die</strong> Einführungsphase beendet.<br />

Dauerhaft <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong> <strong>–</strong> wie in ihr selber betont<br />

<strong>wir</strong>d <strong>–</strong> nur durch das Engagement vieler Akteure. Aber<br />

<strong>die</strong>se Akteure <strong>–</strong> Individuen, Verbände, Unternehmen, Staaten<br />

<strong>–</strong> bleiben jeweils einzelne Akteure und werden nicht<br />

zu Umsetzungsagenturen eines beschlossenen Weltplanes.<br />

Unternehmen und andere Akteure begegnen mit eigener<br />

Entscheidungsfreiheit in der Agenda <strong>2030</strong> sozusagen dem<br />

Rest der Welt. Sie sehen eine Momentaufnahme globaler<br />

Willensbildungsprozesse. Aber damit ist keineswegs <strong>die</strong><br />

Abdankung des eigenen Denkens und Urteilens verbunden.<br />

Kritik ist dann aber nicht <strong>die</strong> Ausnahme, sondern <strong>die</strong> Regel.<br />

Das kann viererlei beinhalten:<br />

1. Kritik an einzelnen Zielen: Manche hätten gerne verhindert,<br />

dass mit SDG 8 der Begriff des Wirtschaftswachstums<br />

<strong>–</strong> freilich als „dauerhaft, breiten<strong>wir</strong>ksam und nachhaltig“<br />

qualifiziertes Wirtschaftswachstum <strong>–</strong> in <strong>die</strong> Agenda<br />

eingegangen ist. Wer angesichts planetarischer Grenzen<br />

eine Postwachstumsökonomie fordert, dürfte damit nicht<br />

vollständig zufrieden sein. Andere müssen kritisch infrage<br />

stellen, ob <strong>die</strong> Reduktion von Ungleichheit in und zwischen<br />

Ländern (SDG 10) <strong>wir</strong>klich ein Ziel in sich ist. Wesentliche<br />

Humanitätsziele wie Kampf gegen Hunger, extreme Armut<br />

und Hilflosigkeit gegen Krankheiten sind ja in den <strong>SDGs</strong> 1 bis<br />

3 schon enthalten. Ist ein zusätzliches und eigenständiges<br />

Gleichheitsziel nicht unnötig? Oder ist es ein Indiz dafür,<br />

dass sich in den Gremien der Dokumentverhandlung der<br />

Egalitarismus über den Humanismus durchgesetzt hat?<br />

2. Kritik an Zielformulierungen: Gesundheit <strong>wir</strong>d jeder als wichtiges<br />

Element eines guten Lebens ansehen <strong>können</strong>. Aber<br />

schießt eine Formulierung wie <strong>die</strong>jenige in SDG 3 nicht<br />

über das Ziel hinaus, ein „gesundes Leben für alle Menschen<br />

jeden Alters (zu) gewährleisten“? Zumindest in Verbindung<br />

mit der WHO-Gesundheitsdefinition, wonach Gesundheit<br />

nicht nur <strong>die</strong> Abwesenheit von Krankheiten, sondern das<br />

„vollständige körperliche, geistige und soziale Wohlergehen“<br />

ist, <strong>wir</strong>d aus der „Gewährleistung“ in SDG 3 recht schnell<br />

ein Menschheitsbeglückungs-Programm, das dann nicht<br />

mehr ambitioniert, sondern eigentlich als totalitär zu bezeichnen<br />

wäre. Hätte <strong>die</strong> „Ermöglichung eines gesunden<br />

Lebens“ nicht auch ausgereicht, um das Missverständnis<br />

paternalistischer Gesundheitsbevormundung zu verhindern<br />

und der Eigenverantwortung für das eigene Leben<br />

(und Sterben) wenigstens einen gewissen Raum zu geben?<br />

3. Kritik am Zielsystem: Komplexe Werte- und Zielsysteme sind<br />

auch immer daraufhin zu befragen, welche Akzente sie<br />

setzen und was eigentlich fehlt. Mit dem Ziel, Zugang zur<br />

Justiz für jeden Menschen zu ermöglichen, und durch<br />

Unterziele wie SDG 16.5ff. sind wichtige Aspekte rechtsstaatlicher<br />

Orientierungen benannt. Ein großer Fortschritt.<br />

Auch von Selbstbestimmung ist in der Agenda <strong>2030</strong> <strong>die</strong><br />

Rede <strong>–</strong> an mindestens zehn Stellen. Dies aber immer und<br />

ausschließlich im Zusammenhang der Selbstbestimmung<br />

von Frauen und Mädchen. Auch <strong>die</strong>s ist alles andere als<br />

selbstverständlich und ein zu Recht priorisiertes Thema.<br />

Aber Defizite im Recht auf Selbstbestimmung gibt es nicht<br />

nur in <strong>die</strong>sem Zusammenhang. Wenn man den Blick darauf<br />

lenkt, fällt umso mehr der Ausfall freiheitlichen Denkens in<br />

der Agenda <strong>2030</strong> auf. Dies ist vielleicht ehrlich. Es spiegelt<br />

einfach <strong>die</strong> Realität globaler Meinungsbildung wider. Es<br />

gibt einfach (noch) keinen globalen Konsens für den Wert<br />

westlich interpretierter Freiheitsrechte <strong>–</strong> eine Herausforderung<br />

für <strong>die</strong> Verhandler einer künftigen Agenda 2045<br />

und eine Herausforderung für den Umgang mit der Agenda<br />

<strong>2030</strong> in unserer Gesellschaft und unseren Unternehmen.<br />

4. Kritik an Inkonsistenzen: Ein Indiz für den Kompromisscharakter<br />

der Agenda <strong>2030</strong> mag auch folgende Beobachtung sein:<br />

Die Präambel bündelt den Geist der Agenda <strong>2030</strong> um fünf<br />

Leitbegiffe: People, Planet, Prosperity, Peace and Partnership.<br />

Die Ausführungen zum Stichwort Partnership beschreiben<br />

<strong>die</strong> Erwartungen an weltweite Zusammenarbeit, <strong>die</strong> in einem<br />

„Geist verstärkter globaler Solidarität gründen“ sollen. Wer<br />

sich mit Tradition und Bedeutungsgehalt von Solidarität<br />

auseinandersetzt, <strong>wir</strong>d fragen, ob „globale Solidarität“ nicht<br />

ein dünnes und nur in Ansätzen erahnbares Fundament<br />

darstellt und globales Agieren nicht doch mit (Macht-)<br />

Interessen verbunden ist. Der allererste Satz der Agenda<br />

<strong>2030</strong> nennt <strong>die</strong>se fünf Leitbegriffe auch mit einer Abwei-<br />

28 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Kann und darf man <strong>die</strong> Agenda<br />

<strong>2030</strong> im Ganzen oder in Teilen<br />

auch ablehnen und gegebenenfalls<br />

nicht akzeptieren?<br />

chung: „Diese Agenda ist ein Aktionsplan für <strong>die</strong> Menschen,<br />

den Planeten und den Wohlstand. Sie will außerdem den<br />

universellen Frieden in größerer Freiheit festigen.“ Ob <strong>die</strong><br />

Ersetzung von „Partnerschaft“ durch „Freiheit“ an <strong>die</strong>ser<br />

prominenten Stelle nur ein redaktioneller Schreibfehler ist?<br />

Oder ein geschickter Hinweis darauf, dass das Verhältnis<br />

von Freiheit und Partnerschaft, von Unabhängigkeit und<br />

Interdependenz, von Selbstbestimmung und Eingebundenheit<br />

<strong>die</strong> eigentliche Herausforderung der globalen Agenda<br />

<strong>2030</strong> darstellt?<br />

Die Agenda <strong>2030</strong> ist nicht nur der End- und Kompromisspunkt<br />

eines Verhandlungsprozesses, sondern auch der Startpunkt<br />

eines ergebnisoffenen Prozesses. Ihre Relevanz hängt davon<br />

ab, ob und inwiefern Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen,<br />

Zivilgesellschaft und Regierungen sich <strong>die</strong>se zu eigen machen<br />

und kraftvoll unterstützen. Dieses Zu-Eigen-Machen ist nicht<br />

möglich, ohne eigene Schwerpunkte zu setzen, <strong>die</strong> sich von<br />

anderen unterscheiden; es ist nicht möglich, ohne <strong>die</strong> Agenda<br />

mit eigenen Interessen und Anschauungen zu kombinieren;<br />

es ist nicht möglich, ohne auf eigene Kritik an Teilen <strong>die</strong>ses<br />

Kompromisses zu stoßen. Globale Zielsysteme hin oder her:<br />

Die globale Zukunft und ihre Institutionen werden „Ergebnis<br />

menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs“<br />

sein. Einen Umsetzungsautomatismus gibt es nicht, kann es<br />

nicht und soll es auch nicht geben.<br />

6. I have a dream: Eine <strong>Deutschland</strong>-Agenda <strong>2030</strong><br />

<strong>Wie</strong> sähe sie aus, eine <strong>Deutschland</strong>-Agenda <strong>2030</strong>, welche<br />

<strong>die</strong> globale <strong>2030</strong>-Agenda für Nachhaltige Entwicklung ernst<br />

nimmt? Mag sein, dass eine Weiterentwicklung der Deutschen<br />

Nachhaltigkeitsstrategie, innovative SDG-Geschäftsmodelle<br />

und „Blueprints for Business Leaderships on the <strong>SDGs</strong>“, ein<br />

besseres Verständnis von Interdependenzen und vielfältige<br />

Berichts- und Monitoring-Systeme Teil einer solchen Zukunftsstrategie<br />

sein mögen.<br />

strittigeres Target- und Indikatorensystem.<br />

Das Hauptver<strong>die</strong>nst ist es vielmehr, zwei<br />

große Diskursstränge und ihre Vielzahl an<br />

NGOs, Ministerien und Thinktanks mehr<br />

oder minder elegant in einen Projektstrang<br />

zusammengeführt zu haben. Die entwicklungsorientierten<br />

Gruppierungen auf der<br />

einen und <strong>die</strong> umwelt- und klimapolitischen<br />

Strömungen auf der anderen Seite repräsentieren<br />

sehr unterschiedliche Interessen und<br />

Prioritäten <strong>–</strong> übrigens auch verschiedener<br />

Regionen der Erde. Die <strong>2030</strong>-Agenda repräsentiert <strong>die</strong> <strong>–</strong> im<br />

Detail weiterhin schwierige und von Zielkonflikten durchzogene<br />

<strong>–</strong> Integration <strong>die</strong>ser beiden großen Strömungen. Welche<br />

Mühe und Hartnäckigkeit war dafür nötig in den am Ende<br />

erfolgreichen Verhandlungen!<br />

Doch <strong>die</strong> nächsten Aufgaben warten nicht. <strong>Wie</strong> wäre es, wenn<br />

<strong>Deutschland</strong> sich aufmachen würde und bei der Entwicklung<br />

einer <strong>Deutschland</strong>-Agenda <strong>2030</strong> nochmals ganz andere Akteure<br />

einbeziehen würden <strong>–</strong> <strong>die</strong> Akteure der Digitalisierung.<br />

Von Infrastruktur über Künstliche Intelligenz bis smart communication<br />

<strong>–</strong> <strong>die</strong> Szenerie der Digialisierung ist anders in<br />

Mentalität und Geschäftsmodellen. Einfach wäre es nicht, <strong>die</strong><br />

beiden großen Querschnittsthemen „Nachhaltige Entwicklung“<br />

und „Digitalisierung“ mutig zu einer neuen Zukunftsagenda<br />

zu verweben.<br />

Nicht unähnlich zur Entwicklung der Agenda <strong>2030</strong> müssten in<br />

<strong>die</strong>sem Prozess Menschen miteinander sprechen und streiten,<br />

<strong>die</strong> heute sehr weit auseinander sind: auf anderen Tagungen,<br />

mit anderem Stil und anderer Sprache, mit anderen Interessen.<br />

Eine solche <strong>Deutschland</strong>-Agenda <strong>2030</strong> wäre ein Leuchtturmprojekt<br />

für <strong>die</strong> Welt.<br />

Eine wesentliche mentale Voraussetzung hätte <strong>die</strong>ses Projekt:<br />

Wir müssten uns (ohne Garantie für Erfolg) auf allen Seiten<br />

eine innere Freiheit zum kreativen Umgang mit der Agenda<br />

<strong>2030</strong> nehmen. Eine solche Herangehensweise steht in einem<br />

gewissen Spannungsverhältnis zur Vorstellung, eine scheinbar<br />

in sich ruhende UN-Agenda <strong>2030</strong> mit ihren 17 Zielen „einfach<br />

nur umzusetzen“. Auch in <strong>die</strong>sem Sinne gilt: Macht voran!<br />

Aber bitte nicht <strong>umsetzen</strong>!<br />

Aber <strong>die</strong> Rolle <strong>Deutschland</strong>s könnte auch eine ganz andere<br />

sein, nämlich <strong>die</strong> mühsame, aber erfolgreiche Entwicklung<br />

der Agenda <strong>2030</strong> nicht nur umzusetzen, sondern in <strong>die</strong> Zukunft<br />

hinein fortzusetzen.<br />

Betrachtet man nicht nur <strong>die</strong> formale, sondern <strong>die</strong> inhaltliche<br />

Leistung des SDG-Verhandlungsprozesses, dann ist das<br />

Hauptver<strong>die</strong>nst der <strong>SDGs</strong> keineswegs das Aufzählen von stets<br />

strittigen Zielformulierungen und schon gar nicht ein noch<br />

ÜBER DEN AUTOR<br />

Prof. Dr. Joachim Fetzer ist geschäftsführender Gesellschafter der<br />

Fetzer Immobilien GbR in Augsburg und seit 2011 Honorarprofessor<br />

der FH Würzburg-Schweinfurt. Dem Vorstand des Deutschen<br />

Netzwerks Wirtschaftsethik gehört er seit 2005 in unterschiedlichen<br />

Funktionen an, davon 2012 bis 2015 als geschäftsführendes<br />

Vorstandsmitglied.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

29


AGENDA<br />

Alle reden von Digitalisierung, von ihrem Einfluss auf den Arbeitsmarkt<br />

der Zukunft und der Wichtigkeit, jetzt <strong>die</strong> richtigen<br />

Schritte zu gehen. Aber was passiert, wenn <strong>die</strong>se Schritte (nicht)<br />

gesetzt werden? Wir stellen Ihnen sechs Zukunftsvisionen vor.<br />

Was würde passieren, wenn Unternehmen mal besonders<br />

wagemutig, mal besonders konservativ auf <strong>die</strong> Zukunft zugehen?<br />

<strong>Wie</strong> könnten <strong>die</strong> Rahmenbedingungen für Menschen,<br />

Unternehmen und <strong>die</strong> Politiker aussehen, wenn <strong>die</strong> Digitalisierung<br />

in <strong>Deutschland</strong> weiter Fahrt aufnimmt und Politiker<br />

und Unternehmer mal besonders offensiv und mal besonders<br />

abwartend vorgehen?<br />

Technologie- und Arbeitsexperten haben im Auftrag der<br />

Bertelsmann-Stiftung sechs Szenarien entwickelt, <strong>die</strong> ein sehr<br />

differenziertes Bild von den Aus<strong>wir</strong>kungen der Digitalisierung<br />

zeichnen: von <strong>Deutschland</strong> als global erfolgreichem Exporteur<br />

digitaler Industriegüter mit bedingungslosem Grundeinkommen<br />

über einen Staat mit wenig Berufschancen außerhalb<br />

stark vernetzter Metropolen bis zu einer Welt, in der es zwar<br />

ausreichend Arbeit gibt, jedoch jeder auf sich allein gestellt ist.<br />

30 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Szenario 1<br />

DEUTSCHLAND 4.0<br />

Technischer Fortschritt<br />

Ganz <strong>Deutschland</strong> ist mit Glasfasernetzen<br />

ausgestattet. Große Datenmengen gelangen in<br />

Sekundenbruchteilen von A nach B.<br />

Innovationsfaktor<br />

Hoch! Die Unternehmen haben auf <strong>die</strong> Anforderungen<br />

der Industrie 4.0 reagiert, sich<br />

erfolgreich umgestellt und so ihre internationale<br />

Wettbewerbsfähigkeit erhalten.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Projektarbeiter in Festanstellung sind der Regelfall.<br />

Der Arbeitsmarkt steht jedoch unter hohem<br />

Druck, da wegen der hohen Technisierung der<br />

Produktion <strong>die</strong> Nachfrage nach Facharbeitern<br />

sinkt.<br />

Soziale Sicherung<br />

Nach einer Reform des Sozialgesetzbuches<br />

wurde ein bedingungsloses Grundeinkommen<br />

eingeführt.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Mittel bis hoch. Doch <strong>die</strong> kommenden Jahre<br />

entscheiden darüber, wie realistisch <strong>die</strong>ses Szenario<br />

<strong>wir</strong>klich ist. Nehmen <strong>die</strong> Unternehmen <strong>die</strong><br />

Herausforderungen der Digitalisierung an? Sind<br />

sie bereit, Zeit, Energie und Geld zu investieren?<br />

Und wie viel Unterstützung erhalten sie dabei<br />

von der jeweiligen Regierung?<br />

Szenario 2<br />

WOHLSTAND DURCH WISSEN<br />

Technischer Fortschritt<br />

Die digitale Infrastruktur in den Städten ist am<br />

Limit angekommen, auf dem Land aber ist der<br />

Ausbau mit Glasfaserkabeln weit vorangeschritten.<br />

Die <strong>wir</strong>tschaftliche Dominanz der Metropolen<br />

schwindet.<br />

Innovationsfaktor<br />

Mittel. Nur wenigen Unternehmen ist es gelungen,<br />

ein funktionierendes und wettbewerbsfähiges<br />

digitales Geschäftsmodell zu entwickeln. Der Mittelstand<br />

hat sich der Entwicklung fast ganz entzogen.<br />

Wichtige Player wie Automobilhersteller und<br />

Maschinenbauer sind zwar weiterhin umsatzstark<br />

und erfolgreich, aber nur, weil sie Automatisierungstechnologien<br />

digitaler Marktführer aus den<br />

USA und Asien importiert und umgesetzt haben.<br />

Ihre volks<strong>wir</strong>tschaftliche Bedeutung in puncto<br />

Arbeitsplätze haben sie allerdings eingebüßt.<br />

Banken und Versicherungen sind <strong>die</strong> neuen<br />

<strong>wir</strong>tschaftlichen Großmächte der „New Digital<br />

Economy“.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Der Arbeitsmarkt ist fragmentiert und undurchlässig.<br />

Wissensarbeiter profitieren, aber <strong>die</strong><br />

Nachfrage nach einfachen Tätigkeiten ist fast<br />

vollständig eingebrochen. Geringqualifizierte<br />

haben keine Lobby.<br />

Soziale Sicherung<br />

Die Sozialsysteme stehen vor dem Kollaps, weil<br />

<strong>die</strong> technologisch abgehängte, analoge Old Economy<br />

ihre Arbeitnehmer der Babyboomer-Generation<br />

in den üppig ausgestatteten Vorruhestand<br />

geschickt hat und zunehmend auf Outsourcing<br />

von Arbeit setzt.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Mittel. Zwar sind digitale Geschäftsmodelle in den<br />

industriellen Kernbranchen wie Automobil und<br />

Maschinen noch längst nicht alleine überlebensfähig,<br />

<strong>die</strong> Bemühungen der Akteure zeigen jedoch<br />

erste Erfolge. Hier <strong>wir</strong>d entscheiden, mit welcher<br />

Konsequenz <strong>die</strong> Unternehmen künftig vorgehen.<br />

Je eher <strong>die</strong> Menschen in <strong>Deutschland</strong> Aus- und<br />

Weiterbildung beruflich als überlebenswichtigen<br />

Faktor erkennen, desto leichter lässt sich <strong>die</strong><br />

Fragmentierung des Arbeitsmarktes verhindern.<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

31


AGENDA<br />

Szenario 3<br />

TOTAL DIGITAL<br />

Technischer Fortschritt<br />

Highspeed-Internet gibt es jetzt überall.<br />

<strong>Deutschland</strong> ist eine durchdigitalisierte Industrienation.<br />

Jeder, dessen Geschäftsmodell auf<br />

Daten setzt, muss sich um <strong>die</strong> Infrastruktur<br />

keine Sorgen machen.<br />

Innovationsfaktor<br />

Sehr hoch. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit<br />

hat sich sogar noch erhöht. Das „Internet<br />

der Dinge“ ist längst kein Novum mehr, sondern<br />

Alltag in den Betrieben. „Made in Germany“<br />

hat einen neuen Beiklang bekommen: digital<br />

innovativ. Nur im Mittelstand gibt es noch etwas<br />

Aufholbedarf.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Selbstständigkeit ist das vorherrschende<br />

Arbeitsmodell. Die Nachfrage nach flexiblen<br />

Kräften mit unterschiedlicher Expertise hat sich<br />

enorm erhöht. Unterstützt hat <strong>die</strong>se Entwicklung<br />

der Gesetzgeber durch Steueranreize und<br />

Bürokratieabbau. Der Arbeitsmarkt zeigt sich<br />

stabil und entwickelt sich positiv.<br />

Soziale Sicherung<br />

Soziale Absicherung ist nur rudimentär ausgestaltet,<br />

aber für jeden erreichbar.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Eher gering. Von den technischen Voraussetzungen<br />

ist <strong>Deutschland</strong> aktuell noch ein ziemliches<br />

Stück entfernt. Zudem ist <strong>die</strong> Annahme, sozialversicherungspflichtige<br />

Jobs in so großer Zahl<br />

in selbständige Tätigkeiten einfach umwandeln<br />

zu <strong>können</strong>, zu optimistisch.<br />

Szenario 4<br />

ALLES BEIM ALTEN<br />

Technischer Fortschritt<br />

Glasfaser? Ist immer noch <strong>die</strong> Ausnahme<br />

in <strong>Deutschland</strong>. Unternehmen wählen ihren<br />

Standort nach dem Kriterium, wie gut der Breitbandausbau<br />

vor Ort ist, was gerade ländliche<br />

Gebiete immer weiter nach hinten <strong>wir</strong>ft.<br />

Innovationsfaktor<br />

Niedrig, <strong>Deutschland</strong> lebt von der Substanz. Ein<br />

paar Branchen der Old Economy prosperieren<br />

und halten mit Mühe dem internationalen Wettbewerb<br />

stand.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Der Arbeitsmarkt ist unflexibel und seit Jahren<br />

unverändert. Langjährige Festanstellungen<br />

überwiegen. Die Politik hat zwar in einigen Bereichen<br />

<strong>die</strong> Digitalisierung der Wirtschaft unterstützt,<br />

jedoch <strong>können</strong> gerade ländliche Regionen<br />

nicht profitieren. Außerhalb großer Städte <strong>wir</strong>d<br />

<strong>die</strong> Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften<br />

immer geringer.<br />

Soziale Sicherung<br />

Die Rentenkassen stehen unter hohem Druck,<br />

das Sozialversicherungssystem droht zu kollabieren.<br />

Eine echte Alternative hat niemand.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Nicht ganz unwahrscheinlich.<br />

32 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Szenario 5<br />

DAS LAND DER<br />

VERSCHIEDENEN<br />

GESCHWINDIGKEITEN<br />

Technischer Fortschritt<br />

Die Bundesländer haben <strong>die</strong> Herausforderungen<br />

des digitalen Wandels sehr unterschiedlich<br />

interpretiert. Einzelne Regionen verfügen<br />

jetzt über Hochgeschwindigkeitsnetze, andere<br />

hängen mit dem Ausbau weit hinterher, mit<br />

ungünstigen Folgen für <strong>die</strong> Wirtschaft.<br />

Innovationsfaktor<br />

Hoch <strong>–</strong> im Prinzip! Wenn man in der richtigen<br />

Ecke <strong>Deutschland</strong>s wohnt. Die deutsche Wirtschaft<br />

hat <strong>die</strong> Herausforderungen der Industrie<br />

4.0 begriffen, wobei jedoch der Erfolg der<br />

industriellen Transformation in den Bundesländern<br />

sehr unterschiedlich ist. Bayern kämpft mit<br />

Sachsen um <strong>die</strong> besten Talente, Hamburg mit<br />

Baden-Württemberg.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Hoch qualifizierte Wissensarbeiter <strong>können</strong> sich<br />

ihre Jobs aussuchen und arbeiten vor allem als<br />

Selbstständige mit guten Honoraren. Politischen<br />

Einfluss haben noch <strong>die</strong> Bundesländer, der Bund<br />

<strong>wir</strong>d von Brüssel dominiert. Nachgefragt werden<br />

auf dem Arbeitsmarkt vor allem Hochqualifizierte,<br />

für alle anderen ist <strong>die</strong> Nachfrage deutlich<br />

gesunken.<br />

Soziale Sicherung<br />

Die neuen Arbeitsmodelle bedeuten, dass<br />

selbstständige Mitarbeiter sich selbst absichern<br />

müssen, wodurch viel weniger Arbeitnehmer in<br />

<strong>die</strong> Sozialsysteme einzahlen. Gleichzeitig sind<br />

mehr Menschen denn je auf sie angewiesen. Die<br />

Grundsicherung für alle <strong>wir</strong>d deswegen zunehmend<br />

steuerfinanziert.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Gar nicht mal so gering. Die Unterschiedlichkeit<br />

der Regionen <strong>wir</strong>d schon jetzt immer mehr zum<br />

Erfolgsfaktor. Der Länderfinanzausgleich steht<br />

auf der Kippe. Die sehr unterschiedlich gelagerten<br />

Interessen der Bundesländer machen es auf<br />

Bundesebene heute schon schwer, zu Einigungen<br />

zu kommen.<br />

Szenario 6<br />

DIGITALE APOKALYPSE<br />

Technischer Fortschritt<br />

Fortschritt? Gibt es nicht. <strong>Deutschland</strong> <strong>2030</strong><br />

ist auf dem Stand von 2016 und gilt damit im<br />

internationalen Vergleich als digitales Entwicklungsland.<br />

Von Wettbewerbsfähigkeit kann keine<br />

Rede mehr sein.<br />

Innovationsfaktor<br />

Null. <strong>Wie</strong> auch sonst? Im Bundestag sitzt seit<br />

zwei Legislaturperioden <strong>die</strong> Partei „Die Analogen“,<br />

<strong>die</strong> erfolgreich gegen den digitalen Wandel<br />

agiert. Ihr gelingt es, eine technikfeindliche<br />

Stimmung im Land zu provozieren. Volksentscheide<br />

gegen Weiterentwicklungen und bessere<br />

Netze sind regelmäßig erfolgreich.<br />

Arbeitsmarkt<br />

Wer Arbeit hat, ist in einem Normalarbeitsverhältnis,<br />

wie es sie heute schon lange gibt. Durch<br />

den konjunkturellen Einbruch entwickelt sich<br />

der Arbeitsmarkt in allen Segmenten entsprechend<br />

schlecht. Die Gehälter sind auf einem<br />

niedrigen Niveau.<br />

Soziale Sicherung<br />

Auf niedrigem Niveau gibt es sie noch, doch ihre<br />

Tage sind gezählt. Experten rechnen mit einem<br />

Ende innerhalb der kommenden fünf Jahre.<br />

Schon jetzt wachsen <strong>die</strong> Staatsschulden in ungesunde<br />

Höhen, um wenigstens ein minimales<br />

Niveau halten zu <strong>können</strong>.<br />

Wahrscheinlichkeit<br />

Unwahrscheinlich. Hoffentlich!<br />

Quelle: Auszug einer Stu<strong>die</strong> der Arbeitsagentur<br />

im Magazin Faktor-A<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

33


AGENDA<br />

„Szenarien sind Geschichten über <strong>die</strong> Zukunft,<br />

<strong>die</strong> Menschen bewegen, etwas zu tun.“ Ulrich Golüke<br />

<strong>Wie</strong> lässt sich das Ziel einer nachhaltigen Lebensweise in<br />

<strong>Deutschland</strong> ver<strong>wir</strong>klichen <strong>–</strong> individuell und als Gesellschaft?<br />

<strong>Wie</strong> kann eine an Nachhaltiger Entwicklung ausgerichtete<br />

Verbraucherpolitik den Wandel sinnvoll unterstützen? Und<br />

was sind mögliche Rahmenerzählungen <strong>die</strong>ser tiefgreifenden<br />

Transformation, <strong>die</strong> dem Handeln im Alltag einen größeren<br />

Zusammenhang und eine Richtung geben?<br />

Im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz<br />

(BMJV) hat das Institut für prospektive Analysen<br />

(IPA) <strong>die</strong> Szenarien-Werkstatt „Nachhaltiger Konsum <strong>2030</strong>“<br />

durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden jetzt im deutschen<br />

Global Compact Netzwerk vorgestellt.<br />

34 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Szenario 1<br />

„WARUM KONSUMIEREN WIR NICHT<br />

SCHON LÄNGST NACHHALTIG(ER)?!“<br />

Dieser Narrativ setzt bei den individuellen Handlungsspielräumen<br />

an, über <strong>die</strong> <strong>die</strong> bzw. der Einzelne verfügt, um<br />

durch entsprechende Kaufentscheidungen und Nutzungsverhalten<br />

zu einer Nachhaltigen Entwicklung beizutragen.<br />

Durch <strong>die</strong> Verringerung des eigenen Verbrauchs und <strong>die</strong><br />

Wahl von nachhaltigeren Produkten <strong>wir</strong>d das Angebot beeinflusst.<br />

Der ökologische Fußabdruck pro Kopf verringert<br />

sich. Der Konsument als treibende Kraft mit Lenkungs<strong>wir</strong>kung<br />

(„Konsumentendemokratie“, „Verbraucher-Macht“)<br />

<strong>–</strong> denn kein Unternehmen kann langfristig überleben, wenn<br />

seine (nicht-nachhaltigen) Produkte nicht gekauft werden.<br />

Und umgekehrt: werden mehr nachhaltige Produkte<br />

nachgefragt, reagieren <strong>die</strong> Produzenten und weiten das<br />

Angebot aus.<br />

Beispiele für Nachhaltigen Konsum sind der Kauf regionaler<br />

Lebensmittel und allgemein <strong>die</strong> Unterstützung regionaler<br />

Wirtschaftskreisläufe, Bio-Produkte, <strong>die</strong> Verringerung<br />

des persönlichen Fleischkonsums, <strong>die</strong> Reduzierung<br />

von Wegstrecken und <strong>die</strong> Wahl von Verkehrsmitteln, <strong>die</strong><br />

<strong>die</strong> Umwelt weniger belasten. Die Wahl langlebiger Produkte<br />

mit geringerem Energie- oder Ressourcenverbrauch<br />

verbessern <strong>die</strong> Ökobilanz über den Lebenszyklus der Nutzung.<br />

Das Konzept der „Sharing Economy“ geht weit über<br />

<strong>die</strong> „gemeinsam genutzte Bohrmaschine“ hinaus. Hier<br />

geht es darum, dass Gebrauchsgüter nicht mehr gekauft<br />

werden, sondern deren temporäre Nutzung. Vielfältige<br />

Modelle des Contractings <strong>–</strong> von der Bereitstellung von<br />

Energie<strong>die</strong>nstleistungen, Geräten, Arbeitsraum bis zum<br />

Erwerb von Serverkapazitäten <strong>–</strong> gewinnen zunehmend<br />

an Bedeutung. Angesichts der Tatsache, dass z.B. der eigene<br />

<strong>–</strong> unter hohem Einsatz von Energie und Ressourcen<br />

hergestellte <strong>–</strong> PKW mehr als 95 Prozent der Zeit ungenutzt<br />

steht und Fläche in Anspruch nimmt, <strong>wir</strong>d deutlich,<br />

dass durch Modelle des Carsharings enorme Potenziale<br />

gehoben werden <strong>können</strong>. Neben der ökologischen Dimension<br />

<strong>können</strong> achtsame Kauf- und Nutzungsentscheidungen<br />

auch zur Stärkung der sozialen Nachhaltigkeit von<br />

Produkten und fairen Arbeitsbedingungen beitragen. In der<br />

Summe <strong>können</strong> so individuelle Entscheidungen zu einer<br />

deutlichen Reduktion des Umweltverbrauchs beitragen<br />

und eine ökologisch nachhaltige sowie sozial tragfähige<br />

Entwicklung befördern.<br />

Eine Hürde für <strong>die</strong> Ausbreitung nachhaltiger Konsummuster<br />

besteht jedoch darin, dass Nachhaltiger(er) Konsum<br />

oft noch auf Verzicht und Einschränkung von Handlungsfreiräumen<br />

reduziert <strong>wir</strong>d. Und in der Tat bedeutet<br />

Nachhaltiger Konsum auch <strong>die</strong> Verringerung von umweltbelastendem<br />

oder in sozialer Hinsicht schädlichem Verbrauch<br />

<strong>–</strong> also bewussten Verzicht. Er eröffnet aber ebenso<br />

<strong>die</strong> Perspektive auf einen Zuwachs an Lebensqualität,<br />

Sinnhaftigkeit, Entlastung und Vereinfachung. Achtsamer<br />

Konsum bedeutet in <strong>die</strong>sem Sinne weniger <strong>die</strong> Frage nach<br />

dem „<strong>Wie</strong> viel?“, sondern nach dem „Was?“ und „Wofür?“.<br />

Dieser Perspektivenwechsel beschreibt den Wandel vom<br />

verbrauchenden zum achtsam nutzenden Konsumenten.<br />

Dem Leitbild eines Wandels durch achtsamen und<br />

verantwortungsvollen Konsum steht heute zudem <strong>die</strong><br />

Tatsache gegenüber, dass <strong>wir</strong> den allergrößten Teil unserer<br />

Kaufentscheidungen unbewusst, emotional und/oder<br />

gewohnheitsmäßig treffen.<br />

>><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

35


AGENDA<br />

Szenario 2<br />

„WARUM SORGT DIE POLITIK NICHT<br />

FÜR DIE RICHTIGEN GESETZE UND<br />

RAHMENBEDINGUNGEN?!“<br />

In <strong>die</strong>sem Narrativ <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Ver<strong>wir</strong>klichung eines Nachhaltigen<br />

Konsums vor allem als öffentliche Aufgabe<br />

wahrgenommen. Nicht primär der individuelle Konsument,<br />

sondern <strong>die</strong> politisch denkenden und handelnden Bürgerinnen<br />

und Bürger sind gefragt, um <strong>die</strong> Weichen für den<br />

Wandel zu stellen. Es geht darum, <strong>die</strong> politischen und<br />

gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen<br />

Produzenten und Verbraucher ihrer Verantwortung nachkommen<br />

<strong>können</strong>. Denn solange Unternehmen in großem<br />

Umfang Kosten auf <strong>die</strong> Umwelt bzw. Gesellschaft abwälzen<br />

(„externalisieren“) dürfen, ist es schwer, nachhaltig<br />

zu produzieren und dennoch im Wettbewerb zu bestehen.<br />

Wenn zahlreiche politische Maßnahmen und Subventionen<br />

für nicht-nachhaltige Güter auf den Erhalt von Arbeitsplätzen,<br />

Wirtschaftswachstum und Steigerung der Binnennachfrage<br />

abzielen, steht das den Zielen von Mäßigung und<br />

geringerem Ressourcenverbrauch entgegen. Umgekehrt<br />

<strong>können</strong> entsprechende Maßnahmen ein günstiges Klima<br />

für Nachhaltigen Konsum schaffen.<br />

Im Grunde geht es bei den meisten der oben genannten<br />

Zugänge um <strong>die</strong> Stellschrauben Marktzugang, Preis und<br />

Verfügbarkeit, zum Teil aber auch um Bildung/Bewusstsein<br />

für eine Nachhaltige Entwicklung (BNE), <strong>die</strong> Förderung<br />

von sozialen und technologischen Innovationen sowie <strong>die</strong><br />

Anregung und Fortentwicklung des öffentlichen Diskurses<br />

über Wohlstand und Nachhaltigkeit.<br />

Ein paar Beispiele und Handlungsstränge:<br />

1. Auflagen / keine ‚Licence to operate‘ für nicht-nachhaltige<br />

Geschäftsmodelle: Produkte, <strong>die</strong> grundlegenden<br />

Nachhaltigkeitsstandards nicht gerecht werden, sollten<br />

den Verbrauchern gar nicht erst als Teil ihrer Konsumentenverantwortung<br />

zugemutet werden; sie sollten sich<br />

nur entscheiden müssen, ob sie nachhaltige Produkte<br />

im engeren oder weiteren Sinne kaufen; <strong>die</strong>s setzt in der<br />

Praxis funktionierende Indikatoren voraus, anhand derer<br />

<strong>die</strong> Nachhaltigkeit bzw. Nicht-Nachhaltigkeit von Produktionsprozessen<br />

und Gütern bewertet werden kann;<br />

2. Umweltverbrauch einpreisen: Durch Auflagen, <strong>die</strong> für<br />

Unternehmen zu einer Internalisierung von Kosten<br />

führen, würden nachhaltige Produkte vergleichsweise<br />

billiger (z.B. durch Einführung eines Emissionshandelssystems<br />

für <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft);<br />

3. Wo eine Internalisierung von Kosten nicht möglich ist,<br />

könnten fiskalische Anreize gesetzt werden (z.B. verringerter<br />

MwSt.-Satz für Bio-Lebensmittel; 19 % MwSt. für<br />

Fleisch; höhere Besteuerung des Flugverkehrs usw.);<br />

Vermeidung von Rebound-Effekten in der Folge von Effizienzsteigerungen<br />

durch eine analoge Verteuerung des<br />

jeweiligen Produkts (z.B. sinkt der Benzinverbrauch um<br />

zehn Prozent, <strong>wir</strong>d Benzin durch fiskalische Instrumente<br />

entsprechend verteuert).<br />

4. Jährlich werden nach Schätzungen des Umweltbundesamtes<br />

über 50 Milliarden Euro Subventionen für nichtnachhaltige<br />

Produkte gezahlt, <strong>die</strong>se könnte man abbauen<br />

(z.B. Abschaffung der Subventionen für Dienstwagen<br />

mit hohem Benzinverbrauch) und in sozialverträgliche<br />

„Fading-outs“ und Anschubsubventionen für nachhaltige<br />

Technologien und Güter umlenken.<br />

36 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

Szenario 3<br />

„WARUM HABEN TECHNOLOGISCHE<br />

INNOVATIONEN BISLANG KAUM<br />

ZU MEHR NACHHALTIGKEIT<br />

GEFÜHRT?!“<br />

Bei <strong>die</strong>sem Ansatz spielen technologische Innovationen<br />

eine zentrale Rolle. Nachhaltiger Konsum <strong>wir</strong>d durch<br />

regenerative Energien, eine signifikante Steigerung der<br />

Ressourcenproduktivität sowie <strong>die</strong> Entwicklung umweltverträglicher<br />

Produkte und Stoffkreisläufe ermöglicht.<br />

Denn angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und<br />

der <strong>wir</strong>tschaftlichen Dynamik in den Schwellen- und<br />

Entwicklungsländern <strong>können</strong> Konsumverzicht und <strong>die</strong><br />

Verringerung von Emissionen und Ressourcenverbrauch<br />

in den entwickelten Industrieländern nur begrenzt etwas<br />

be<strong>wir</strong>ken. Zudem gibt es kaum Beispiele in der Geschichte,<br />

wo ein einmal erreichter Lebensstandard freiwillig wieder<br />

eingeschränkt wurde. Durchbruchsinnovationen und<br />

technologische Systemsprünge sind in <strong>die</strong>ser Perspektive<br />

eine wichtige Voraussetzung für eine tragfähige globale<br />

Entwicklung.<br />

Eine zentrale Voraussetzung für <strong>die</strong> Etablierung eines<br />

nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells ist<br />

<strong>die</strong> Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie. Die Nutzung<br />

fossiler Energieträger (und anderer Formen der nichtnachhaltigen<br />

Energiegewinnung) stehen nur noch temporär<br />

zur Verfügung. Denn sie belasten <strong>die</strong> Umwelt und sie<br />

gehen zur Neige. Auf längere Sicht muss der Energiemix<br />

in <strong>Deutschland</strong> nahezu ausschließlich aus erneuerbaren<br />

Energiequellen gedeckt werden. Die Aussichten dafür<br />

stehen gut. Neben der Energieerzeugung geht es aber auch<br />

um <strong>die</strong> Entwicklung neuer Speicherme<strong>die</strong>n und effizienter<br />

Netze. Und es geht auch darum, unkonventionelle Wege zu<br />

erkunden. Kohlendioxid ist zum Beispiel im Übermaß vorhanden<br />

und könnte unter dem Einsatz von regenerativen<br />

Energiequellen zur Gewinnung von Methanol oder anderen<br />

lagerfähigen Brennstoffen genutzt werden (doppelter<br />

Nutzen: Verringerung von CO 2 in der Atmosphäre und<br />

ein günstiges Betriebsmittel für <strong>die</strong> Energiespeicherung).<br />

Vielleicht werden <strong>wir</strong> in ein paar Jahrzehnten unbegrenzte<br />

Energie aus Kernfusionsreaktoren oder sogar im Zuge der<br />

kalten Fusion erzeugen <strong>können</strong>. Neben der Frage der Energiegewinnung<br />

bestehen unzählige und große Potentiale<br />

bezüglich der Steigerung der Energieeffizienz.<br />

Heute werden noch viele Ressourcen und natürliche<br />

Lebensgrundlagen hochgradig ineffizient verbraucht. Die<br />

Steigerung der Ressourcenproduktivität ist darum ein weiteres<br />

Kernelement für <strong>die</strong> Erreichung eines nachhaltigen<br />

Entwicklungsmodells. Auch müssen lineare Verwertungswege<br />

vom Rohstoff bis zum Abfall bzw. Schadstoff weitgehend<br />

durch zirkuläre Prozesse und Stoffkreisläufe ersetzt<br />

werden. Der „Cradle-to-Cradle“-Ansatz steht exemplarisch<br />

für <strong>die</strong>se Perspektive. Stoffe oder Stoffverbindungen, <strong>die</strong><br />

sich nicht ohne großen Aufwand weiterverwerten oder wieder<br />

in natürliche Kreisläufe zurückführen lassen, müssen in<br />

der Zukunft stark zugunsten nachhaltiger und konsistenter<br />

Herstellungsprozesse verringert werden.<br />

Der Reiz <strong>die</strong>ser Perspektive liegt auch darin, dass grundlegende<br />

Veränderungen von individuellen und kollektiven<br />

Verhaltensmustern <strong>die</strong> Erreichung des Ziels eines nachhaltigen<br />

Konsums zwar unterstützen, aber nicht unabdingbare<br />

Voraussetzung sind. Ein tiefgreifender Werte- und<br />

Systemwandel ist nicht notwendig. Wirtschaftswachstum<br />

und <strong>die</strong> weitere Ausweitung des Konsums bleiben auch in<br />

den reifen Industrieländern weiterhin möglich, wenn <strong>die</strong>ses<br />

Wachstum „grün“ bzw. „blau“ und inklusiv erreicht <strong>wir</strong>d.<br />

Andererseits bestehen auch Zweifel an der Konzeption eines<br />

„nachhaltigen Wirtschaftswachstums“ und einer Fortführung<br />

des bisherigen ökonomischen Paradigmas. Denn in<br />

der Rückschau sind mit jeder technologischen Innovation<br />

auch nicht inten<strong>die</strong>rte Nebeneffekte verbunden. Allzu oft<br />

haben <strong>die</strong> Lösungen von gestern zu den Problemen von<br />

heute geführt. Und so ist gegenwärtig zum Beispiel noch<br />

schwer abschätzbar, welche langfristigen Folgen sich aus<br />

der Nutzung von Nanotechnologien, neuen Energiesystemen,<br />

der Molekularbiologie, Geo-Engineering etc. ergeben.<br />

Und selbst eine durchweg ökologische Erzeugung von<br />

Lebensmitteln kann <strong>die</strong> Tragfähigkeit unserer Ökosysteme<br />

überschreiten.<br />

Quelle: Auszug des Ergebnisberichts zum 1. Projektmodul<br />

der Szenarien-Werkstatt Nachhaltiger Konsum <strong>2030</strong><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

37


AGENDA<br />

38 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

<strong>Deutschland</strong> kann<br />

selbstbewusst auf<br />

eigene Erfolge<br />

verweisen<br />

Von Dr. Elmer Lenzen<br />

Corporate Foresight, Innovation, Strategie <strong>–</strong> <strong>die</strong>se Schlagworte beschreiben große und wichtige<br />

Zukunftsthemen. Aber welche Weichen stellen <strong>wir</strong> ganz konkret für eine nachhaltigere Zukunft?<br />

Und wie machen <strong>wir</strong> das am besten? Wir sprachen darüber mit der Innovationsforscherin<br />

Marion Weissenberger-Eibl, <strong>die</strong> auch <strong>die</strong> Bundesregierung in SDG-Fragen berät.<br />

Foresight<br />

Frau Prof. Dr. Weissenberger-Eibl, in vielen Länder boomt eine<br />

rückwärtsgewandte Politik. Und auch deutsche Politiker fahren<br />

am liebsten „auf Sicht“. Haben <strong>wir</strong> unsere positive Einstellung zur<br />

Zukunft verloren?<br />

Weissenberger-Eibl: Aktuell lassen sich auf internationaler<br />

politischer Ebene in der Tat Tendenzen beobachten, eher zurückzublicken<br />

oder das Erreichte infrage zu stellen. Ich denke<br />

zum Beispiel an <strong>die</strong> Errungenschaften der internationalen Klimapolitik<br />

und speziell <strong>die</strong> Pariser Verträge, an <strong>die</strong> sich etwa <strong>die</strong><br />

USA nicht mehr binden möchten. Wir sollten uns stattdessen<br />

auf <strong>die</strong> Zukunft fokussieren und darüber nachdenken, wie <strong>wir</strong><br />

mit künftigen Herausforderungen umgehen. <strong>Deutschland</strong> <strong>wir</strong>d<br />

sich in den nächsten Jahren mit Themen wie Digitalisierung,<br />

Nachhaltigkeit oder dem Demografie- und Fachkräfte-Problem<br />

auseinandersetzen und Lösungen hierfür finden müssen. Dabei<br />

sollten <strong>wir</strong> nicht vergessen, dass <strong>wir</strong> auf zukünftige Entwicklungen<br />

<strong>–</strong> Stichwort Foresight <strong>–</strong> Einfluss nehmen und Trends<br />

aktiv mitgestalten <strong>können</strong>. Damit befasst sich mein Lehrstuhl<br />

Innovations- und TechnologieManagement am KIT und das<br />

Fraunhofer ISI, wo <strong>wir</strong> mit Zuversicht „in <strong>die</strong> Zukunft blicken“.<br />

Zukunftsforschung klingt nach Glaskugel oder Kartenlegen. Unternehmen<br />

sprechen deshalb lieber von Corporate Foresight. Was ist<br />

das genau?<br />

Weissenberger-Eibl: Bei Corporate Foresight geht es darum,<br />

mögliche zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu kennen und<br />

unternehmerische Strategien dafür zu entwickeln. Von daher<br />

ist das Bild von der Glaskugel ziemlich unvollständig. >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

39


AGENDA<br />

Corporate Foresight bedeutet nämlich ausdrücklich nicht, eine<br />

Illusion zu kreieren, wie <strong>die</strong> Zukunft aussehen könnte, sondern<br />

auf wissenschaftlicher Basis unterschiedliche Szenarien<br />

durchzudenken, <strong>die</strong> für Unternehmen strategisch relevant sein<br />

könnten. Dabei geht es um Fragen, wie <strong>wir</strong> in Zukunft leben,<br />

uns fortbewegen oder ernähren werden. Welche Rohstoffe und<br />

Produkte werden dafür gebraucht? Welche Entwicklungen sind<br />

wahrscheinlich und wie könnten Unternehmen darauf reagieren?<br />

Unternehmen, <strong>die</strong> sich aktiv und frühzeitig mit <strong>die</strong>sen<br />

und anderen Zukunftsfragen auseinandersetzen, erhöhen ihre<br />

Gestaltungsmöglichkeiten und verringern das Risiko unangenehmer<br />

Überraschungen. Das betrifft übrigens technologische<br />

Entwicklungen genauso wie Entwicklungen in der Gesellschaft,<br />

Wirtschaft oder Politik.<br />

Foresight-Ansätze bekommen mit Blick auf <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> besondere<br />

Bedeutung. Wenn <strong>wir</strong> <strong>2030</strong> in einem nachhaltigeren <strong>Deutschland</strong><br />

leben wollen, müssen <strong>wir</strong> was jetzt tun?<br />

Weissenberger-Eibl: Ich denke, <strong>wir</strong> müssen <strong>die</strong> Vision, wie<br />

ein nachhaltigeres <strong>Deutschland</strong> im Jahre <strong>2030</strong> aussehen<br />

könnte, in alle Ebenen der Gesellschaft kommunizieren.<br />

Dazu muss in einem ersten Schritt der Begriff „Nachhaltigkeit“<br />

erklärt werden. Viele denken dabei in erster Linie an<br />

Klima- und Umweltschutz, doch Nachhaltigkeit bedeutet<br />

weit mehr: Themen wie Zugang zu Bildung, schonender<br />

Ressourcenumgang, gesunde und lokale Ernährung oder<br />

effiziente Infrastrukturen gehören ebenfalls dazu. In einem<br />

zweiten Schritt gilt es zu verdeutlichen, dass jede und jeder<br />

mit seinem Handeln als Individuum zu einem nachhaltigen<br />

Leben in <strong>Deutschland</strong> beitragen kann: Indem zum Beispiel<br />

mehr regionale Produkte und Lebensmittel konsumiert, sparsame<br />

Haushaltsgeräte angeschafft und <strong>die</strong>se länger behalten<br />

oder öfter öffentliche Verkehrsmittel genutzt werden. Aber<br />

natürlich stellt sich <strong>die</strong>se nachhaltige Lebensweise nicht von<br />

allein ein, hier muss es auch Anreize geben: Sei es durch<br />

<strong>die</strong> Erforschung nachhaltiger Innovationen, Investitionen<br />

in nachhaltige Mobilitäts- und Infrastrukturkonzepte oder<br />

<strong>die</strong> Förderung von Bildung, <strong>die</strong> eine wichtige Voraussetzung<br />

für das Bewusstsein gegenüber dem Thema Nachhaltigkeit<br />

ist. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung greift<br />

bereits viele <strong>die</strong>ser Aspekte auf. Im Lenkungskreis der Wissenschaftsplattform<br />

Nachhaltigkeit <strong>2030</strong> diskutieren <strong>wir</strong> <strong>die</strong>s<br />

ausführlich und entwickeln hierfür geeignete Perspektiven<br />

und Initiativen.<br />

Die Bundesregierung spricht in <strong>die</strong>sem Zusammenhang nicht von Zukunftsthemen,<br />

sondern von Zukunftsfeldern. Ist das eine semantische<br />

Spitzfindigkeit oder meint das etwas anderes?<br />

Weissenberger-Eibl: Beide Begriffe beschreiben den gleichen<br />

Sachverhalt, also <strong>die</strong> 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der<br />

Vereinten Nationen, <strong>die</strong> auch <strong>die</strong> deutsche Nachhaltigkeitsstrategie<br />

der Bundesregierung prägen. Ich finde „Zukunftsfelder“ zu<br />

40 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

deren Beschreibung von der Begrifflichkeit her sinnvoller und<br />

treffender. Denn es kommt stärker zum Ausdruck, dass es um<br />

weitläufige und schwer abgrenzbare Themenkomplexe geht. So<br />

sind <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> „Bezahlbare und saubere Energie“, „Maßnahmen<br />

zum Klimaschutz“ und „Leben unter Wasser“ eng verwoben, was<br />

auch für <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> „Hochwertige Bildung“, „Weniger Ungleichheiten“<br />

und „Geschlechter-Gleichheit“ gilt. Zudem bestehen <strong>die</strong><br />

„Zukunftsfelder“ wieder aus Unterthemen, weshalb ich <strong>die</strong>se<br />

Bezeichnung bevorzuge <strong>–</strong> auch um Irritationen zu vermeiden.<br />

Eine Krux bleibt: Die Herausforderungen, denen <strong>wir</strong> gegenüberstehen,<br />

übersteigen oftmals unsere gewohnten Planungshorizonte. Der <strong>die</strong>sjährige<br />

Nobelpreisträger und Verhaltensökonom Richard H. Thaler<br />

beschreibt das sehr gut. <strong>Wie</strong> kriegen <strong>wir</strong> hier mehr Schwung in <strong>die</strong><br />

Umsetzung der <strong>SDGs</strong>?<br />

Weissenberger-Eibl: Um <strong>die</strong> nachhaltigen Entwicklungsziele<br />

und <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> schneller umzusetzen, ist es hilfreich, wenn alle<br />

beteiligten gesellschaftlichen Akteure eng zusammenarbeiten.<br />

Die deutsche Politik hat hierzu extra <strong>die</strong> SDG-Wissensplattform<br />

„Nachhaltigkeit <strong>2030</strong>“ gegründet, in deren Lenkungskreis ich<br />

berufen wurde. Dabei arbeite ich gemeinsam mit Vertreterinnen<br />

und Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und<br />

Zivilgesellschaft an der Umsetzung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.<br />

Der Lenkungskreis legt <strong>die</strong> Schwerpunkte<br />

der Plattformarbeit fest und erarbeitet regelmäßig auf Basis<br />

wissenschaftlicher Erkenntnisse Handlungsempfehlungen zur<br />

schnellen Umsetzung der SDG-Ziele. So <strong>wir</strong>d sichergestellt,<br />

dass <strong>die</strong>se Ziele nicht aus den Augen verloren werden <strong>–</strong> selbst<br />

dann nicht, wenn sich <strong>die</strong> Rahmenbedingungen dafür ändern<br />

sollten. Für <strong>die</strong> Umsetzung und Erreichung der SDG-Ziele ist<br />

der Austausch zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und<br />

Zivilgesellschaft immens wichtig und unverzichtbar.<br />

Innovation<br />

Können Innovationen hierbei so etwas sein wie das Schwert, das<br />

den gordischen Knoten herkömmlichen Wirtschaftens durchtrennt?<br />

Weissenberger-Eibl: Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren<br />

Wirtschaftsordnung spielen Innovationen eine enorm wichtige<br />

Rolle. Denn sie stoßen tiefgreifende Transformationsprozesse<br />

an, <strong>die</strong> <strong>wir</strong> brauchen, um beispielsweise den CO 2-Ausstoß zu<br />

senken und unsere Ressourcen effizienter zu nutzen. Dazu<br />

bedarf es zum einen kluger Köpfe, <strong>die</strong> den Mut haben, ihre<br />

Ideen vom Erstentwurf bis zur Marktreife durchzusetzen.<br />

Zum anderen bedarf es aber auch einer starken und gesunden<br />

Innovationskultur, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Entwicklung und Etablierung<br />

nachhaltiger Start-ups fördert und auch einmal zulässt, dass<br />

man mit einer Idee scheitert. Wir erforschen etwa, welche<br />

Innovationskraft von der in jüngster Zeit aufgekommenen<br />

„Kultur des Selbermachens“ ausgeht <strong>–</strong> Stichwort „offene<br />

Werkstätten“ und Repair-Cafés <strong>–</strong> und welche Bedingungen<br />

gegeben sein müssen, damit nachhaltige Innovationen marktund<br />

systemrelevant werden. <strong>Deutschland</strong> hat, wie der von uns<br />

mitentwickelte „Innovationsindikator“ zeigt, noch Nachholbedarf<br />

<strong>–</strong> insbesondere bei der Digitalisierung. Innovationen<br />

sind ein hohes Gut auf dem Weg zu einer dezentralen und<br />

vernetzten Wirtschaft.<br />

Bei Corporate Foresight geht es<br />

darum, mögliche zukünftige<br />

Entwicklungen frühzeitig zu kennen<br />

und unternehmerische Strategien<br />

dafür zu entwickeln.<br />

Bei Innovationen denkt man gleich an große Taten wie <strong>die</strong> Erfindung<br />

des Rades oder des Autos. Die meisten Innovationen sind unspektakulärer.<br />

Sie schlagen deshalb vor, nicht vom Ergebnis, sondern von<br />

Rahmenbedingungen, <strong>die</strong> zu einem Ergebnis führen, aus zu denken.<br />

Was bedeutet so ein Blickwinkel bei unserer SDG-Diskussion?<br />

Weissenberger-Eibl: Bei Innovationen denken viele Menschen<br />

in erster Linie an bahnbrechende Neuerungen, jedoch weniger<br />

an kontinuierliche Weiterentwicklung. In der Innovationsforschung<br />

sprechen <strong>wir</strong> im ersten Fall von radikalen, im >><br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

41


AGENDA<br />

zweiten von inkrementellen Innovationen. Letztere spielen eine<br />

weitaus bedeutsamere Rolle, als <strong>die</strong>s gemeinhin angenommen<br />

<strong>wir</strong>d. Für <strong>die</strong> Diskussion um nachhaltige Entwicklungsziele<br />

sind inkrementelle Innovationen wichtig, weil sich Verbesserungen<br />

erst im Lauf der Zeit und durch stetiges Anpassen<br />

ergeben. Nimmt man etwa das SDG-Entwicklungsziel „Frieden<br />

und Gerechtigkeit“ als Beispiel her, lässt sich <strong>die</strong>ses nicht<br />

durch plötzliches Agitieren erreichen. Vielmehr braucht es<br />

dazu stabile politische Verhältnisse, Wirtschaftswachstum<br />

und Bildungsanstrengungen, <strong>die</strong> sich nicht von heute auf<br />

morgen realisieren lassen. Dies hat <strong>die</strong> UN erkannt und <strong>die</strong>se<br />

„Unterziele“ teilweise selbst als „Sustainable Development<br />

Goals“ definiert.<br />

Es gibt bereits herausragende und gute SDG-Beispiele <strong>–</strong> sogenannte<br />

Leuchttürme. Taugen solche Leuchtturmprojekte, um <strong>die</strong> anderen<br />

mitzureißen oder enden <strong>wir</strong> am Ende bei vielen kleinen Insellösungen?<br />

Weissenberger-Eibl: Die erwähnten Leuchtturmprojekte<br />

sind aus mehreren Gründen hilfreich: Zum einen arbeiten sie<br />

konkrete Lösungsvorschläge für globale Problemstellungen<br />

aus, <strong>die</strong> über <strong>die</strong> <strong>SDGs</strong> angesprochen werden. Zum anderen<br />

unterstreichen sie, dass es bei der Umsetzung der nachhaltigen<br />

Entwicklungsziele vorangeht <strong>–</strong> <strong>die</strong> Projekte sollen ja zum<br />

Nachahmen anspornen. Zwar sind sie nicht immer komplett<br />

auf andere Fälle und Länder übertragbar. Aber bestimmte<br />

Ansätze und Schemata eignen sich zur vielfältigen Verbreitung.<br />

Ich denke etwa an <strong>die</strong> Leuchtturmprojekte zum Ausbau der<br />

ländlichen Infrastruktur in Laos, das Bündnis für nachhaltige<br />

Textilien oder das von <strong>Deutschland</strong> mitfinanzierte Konzept der<br />

Bauernfeldschulen, in denen land<strong>wir</strong>tschaftliche Fertigkeiten<br />

erlernt, angewandt und weitergegeben werden.<br />

Wir Europäer tun uns oft schwer mit strukturellem Wandel, denn<br />

das bedeutet oft, mühsam ausgehandelte Kompromisse wieder aufzuschnüren.<br />

Viele schauen deshalb neidisch in <strong>die</strong> USA und das Silicon<br />

Valley mit seiner Innovationsmentalität. Sie tun das nicht. Warum?<br />

Weissenberger-Eibl: Der Erfolg des Silicon Valley ist unbestritten,<br />

er hat aber auch ganz spezifische Ursachen. Daher<br />

ist es ein Irrglaube, dass dessen Erfolgsrezept in <strong>Deutschland</strong><br />

funktionieren würde. Wir <strong>können</strong> aber natürlich Dinge vom<br />

Silicon Valley lernen. Dazu gehört <strong>die</strong> Erkenntnis, dass <strong>die</strong><br />

Verzahnung von exzellenter Forschung und Entwicklung,<br />

finanzieller Unterstützung und unternehmerischen Wissens<br />

eine erfolgreiche Innovations- und Arbeitskultur schafft. Zudem<br />

gibt es in <strong>Deutschland</strong> keine vergleichbare Fehlerkultur<br />

oder Einstellung gegenüber unternehmerischen Risiken <strong>–</strong> in<br />

den USA werden Jungunternehmer dagegen mit potenziellen<br />

Geldgebern zusammengebracht, <strong>die</strong> Start-ups mit Summen<br />

im zweistelligen Milliardenbereich ausstatten. All <strong>die</strong>s prägt<br />

das Silicon Valley seit den 1950er Jahren und hat im Lauf der<br />

Zeit eine ganz eigene Innovationsmentalität hervorgebracht.<br />

Ich plä<strong>die</strong>re aber dafür, dass <strong>Deutschland</strong> selbstbewusst auf<br />

sein eigenes Erfolgsrezept verweisen kann. Im Unterschied<br />

zum Silicon Valley stützt sich das deutsche Innovationssystem<br />

nicht nur auf einige wenige Eliteuniversitäten wie Harvard,<br />

das MIT oder Standford. Stattdessen gibt es hier eine Vielzahl<br />

exzellenter Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen<br />

wie Fraunhofer, Max-Planck, Leibniz und Helmholtz.<br />

Die Fraunhofer-Gesellschaft verknüpft wie keine andere Einrichtung<br />

wissenschaftliche Forschung mit ihrer Anwendung<br />

und ist <strong>die</strong> größte Organisation für anwendungsorientierte<br />

Forschung in Europa. Das erfolgreiche Fraunhofer-Modell<br />

regte sogar Ex-US-Präsident Obama zur Aussage an, dass in<br />

den USA eine Einrichtung wie Fraunhofer fehle, <strong>die</strong> auf nationaler<br />

wie internationaler Ebene Forschung und Anwendung<br />

eng miteinander verzahnt.<br />

Impact<br />

Bei der Messung von Fortschritt sind qualitative Indikatoren gefragt.<br />

Hier sehen einige in Big Data eine Chance. Andere warnen, dass<br />

mehr Informationen nicht automatisch mehr Erkenntnis bringen.<br />

Welchen Rat haben Sie?<br />

Weissenberger-Eibl: Ich bin der Meinung, dass Big Data in<br />

bestimmten Bereichen eine große Chance darstellt <strong>–</strong> etwa<br />

wenn es um <strong>die</strong> Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen<br />

geht, bei denen kumulierte Datenmengen helfen,<br />

das künftige Konsumverhalten und neue Kundenbedürfnisse<br />

besser abzuschätzen. Bei der Entwicklung der SDG-Indikatoren<br />

würde ich aber anraten, sowohl auf harte als auch auf weiche<br />

Indikatoren zu setzen. Konkret bedeutet <strong>die</strong>s, dass nachhaltige<br />

Innovationen neben messbaren Faktoren wie etwa den zur<br />

Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen, Bildungsabschlüssen<br />

oder zum Artenreichtum genauso von weichen,<br />

nicht unmittelbar messbaren Faktoren wie den vorhandenen<br />

Werten oder Moralvorstellungen abhängen. Diese sind<br />

42 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


VISION DEUTSCHLAND <strong>2030</strong><br />

manchmal essenziell, um Veränderungen anzustoßen und sie<br />

auch abzubilden. Ein gutes Beispiel ist das SDG-Ziel Nr. 5 zur<br />

„Geschlechter-Gleichheit“, bei dessen Beurteilung es zu kurz<br />

greift, wenn man sich nur auf vorhandenes Datenmaterial<br />

stützt. Auch beim schon erwähnten „Innovationsindikator“<br />

kombinieren <strong>wir</strong> weiche und harte Indikatoren, um <strong>die</strong><br />

Innovationsfähigkeit von Ländern, Branchen oder diversen<br />

Gesellschaftsbereichen zu messen.<br />

Bekannt werden Ideen und Innovationen meist erst, wenn sie kommerziellen<br />

Erfolg haben. Geld ist hier der Gradmesser des Erfolges.<br />

Was machen <strong>wir</strong> aber mit Entwicklungsthemen und Lebenswelten,<br />

von denen <strong>die</strong> meisten Menschen nicht wünschen, dass <strong>die</strong>se monetarisiert<br />

oder kommerzialisiert werden?<br />

Entwicklungs- und Schwellenländer, doch mittlerweile finden<br />

sich in <strong>Deutschland</strong> immer mehr Nachfrager für derlei Innovationen.<br />

Den Menschen <strong>wir</strong>d einfach immer stärker bewusst,<br />

dass ihr eigenes Konsumverhalten das Leben von Menschen<br />

in anderen Ländern beeinflusst. Und andererseits <strong>wir</strong> auch<br />

von anderen Ländern und deren Herangehensweisen lernen<br />

<strong>können</strong>. Hier ein gelungenes Zusammenspiel zu orchestrieren,<br />

<strong>wir</strong>d zukünftig noch essenzieller werden.<br />

Vielen Dank für das Gespräch!<br />

Weissenberger-Eibl: Wir beobachten in der Innovationsforschung<br />

schon länger, dass bei Innovationen nicht allein<br />

der kommerzielle Erfolg zählt. Dies gilt insbesondere auch<br />

für nachhaltige Innovationen. Bei etlichen Produkten und<br />

Dienstleistungen gibt es <strong>–</strong> sicherlich auch bedingt durch den<br />

gesellschaftlichen Wandel zu postmaterialistischen Werten <strong>–</strong><br />

eine teilweise Umorientierung auf Aspekte wie Einfachheit,<br />

Nachhaltigkeit oder Robustheit. Innovationsforscherinnen und<br />

-forscher sprechen hier von „frugalen Innovationen“, <strong>die</strong> auf<br />

Ressourcenschonung, Simplizität in ihrer Konstruktionsweise,<br />

auf das Notwendigste beschränkte Funktionen und einen günstigen<br />

Preis bedacht sind. Konzipiert waren sie anfangs eher für<br />

ZUR PERSON<br />

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-<br />

Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe,<br />

zudem ist sie Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement<br />

iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT.<br />

Im April 2017 wurde Weissenberger-Eibl in den Lenkungskreis<br />

der Sustainable Development Goals (<strong>SDGs</strong>)-Wissenschaftsplattform<br />

„Nachhaltigkeit <strong>2030</strong>“ der Bundesregierung berufen. Diese Plattform<br />

ist Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

43


Good Practice<br />

Für <strong>die</strong> redaktionellen Beiträge <strong>die</strong>ser Rubrik sind ausschließlich <strong>die</strong> Unternehmen und ihre Autoren selbst verantwortlich.<br />

46<br />

Audi<br />

48<br />

Aurubis<br />

50<br />

BASF<br />

52<br />

Bayer<br />

54<br />

Bosch<br />

56<br />

BPW Bergische A.<br />

58<br />

CEWE<br />

60<br />

CWS-boco<br />

62<br />

Daimler<br />

64<br />

Deutsche Post DHL Group<br />

66<br />

E.ON<br />

68<br />

Evonik<br />

70<br />

EY<br />

72<br />

HOCHTIEF<br />

44 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


74<br />

Hoffmann & Campe X<br />

76<br />

IntegrityNext<br />

78<br />

iPoint-systems<br />

80<br />

K+S<br />

82<br />

Lufthansa Group<br />

84<br />

macondo publishing<br />

86<br />

MAN<br />

88<br />

Mazars<br />

90<br />

Merck<br />

92<br />

Miele<br />

94<br />

Phoenix Contact<br />

96<br />

Symrise<br />

98<br />

Tchibo<br />

100<br />

TÜV Rheinland<br />

102<br />

Weidmüller<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

45


GOOD PRACTICE<br />

Audi setzt bei Aluminium<br />

auf Circular Economy<br />

Aufgrund des Klimawandels und der steigenden Ressourcenknappheit ist es für <strong>die</strong> AUDI AG<br />

besonders wichtig, <strong>die</strong> Umweltaus<strong>wir</strong>kungen ihrer Geschäftstätigkeit entlang des gesamten<br />

Wertschöpfungsprozesses zu reduzieren sowie Rohstoffe und Materialien zu schonen. Diese<br />

Verantwortung nimmt der Audi Konzern ernst, um wettbewerbsfähig zu bleiben und künftigen<br />

Generationen eine lebenswerte Zukunft zu bewahren. Denn <strong>wir</strong>tschaftlicher Erfolg und<br />

verantwortungsvolles Handeln sind für Audi untrennbar miteinander verbunden.<br />

Von Dr. Johanna Klewitz und Susanne Haas, Audi<br />

„Audi steht für Nachhaltigkeit. Wir wollen<br />

<strong>die</strong> gesamte Wertschöpfungskette<br />

unserer Modelle nachhaltig gestalten<br />

und haben uns dafür anspruchsvolle<br />

Ziele gesetzt“, sagt Dr. Bernd Martens,<br />

Beschaffungsvorstand der AUDI AG.<br />

„Durch das Prinzip der Kreislauf<strong>wir</strong>tschaft<br />

wollen <strong>wir</strong> Ressourcen schonen,<br />

indem <strong>wir</strong> Materialien und Rohstoffe<br />

wiederverwerten. Unser „Aluminium<br />

Closed Loop“ Projekt beispielsweise<br />

zeigt, dass sich <strong>die</strong> anzurechnenden<br />

CO 2-Emissionen um bis zu 39 Prozent<br />

reduzieren lassen.“<br />

Audi kooperiert in der Aluminiumverarbeitung<br />

mit unterschiedlichen<br />

Stakeholdern. Das Ziel ist, intelligente<br />

Materialkreisläufe entlang der Lieferkette<br />

zu etablieren und dadurch Umweltrisiken<br />

zu minimieren und Ressourcenverschwendung<br />

zu vermeiden.<br />

Aluminium ist im Automobilbau ein<br />

wichtiger Leichtbauwerkstoff. Es ist<br />

etwa um zwei Drittel leichter als Stahl<br />

und kann in vielen Bereichen des Automobils<br />

wie Karosserie, Fahrwerk oder<br />

Aggregat eingesetzt werden. Im Zuge der<br />

Elektrifizierung der Autos <strong>wir</strong>d Aluminium<br />

als Material weiter an Bedeutung<br />

gewinnen, um dort konzeptbedingte<br />

Mehrgewichte zu kompensieren. Leichtbau<br />

ist eines der Kernkompetenzen von<br />

Audi. Das Unternehmen setzt bereits<br />

seit den 1990er Jahren Aluminium ein.<br />

Aktuell verwendet Audi im Durchschnitt<br />

15 Prozent Aluminium-Werkstoffe <strong>–</strong><br />

Tendenz steigend. Da <strong>die</strong> Herstellung<br />

von Aluminium energieintensiver als<br />

<strong>die</strong> Produktion von Stahl ist, sind Maßnahmen<br />

zum verantwortungsvollen<br />

Ressourcenumgang wichtig: „Der gesellschaftliche<br />

Wertewandel schreitet<br />

voran, für immer mehr Menschen <strong>wir</strong>d<br />

Nachhaltigkeit zum Ausdruck einer<br />

Lebenseinstellung“, sagt Prof. Dr.-Ing.<br />

Peter F. Tropschuh, Leiter der Abteilung<br />

Strategie Nachhaltigkeit bei Audi.<br />

„Wir bauen Autos, <strong>die</strong> <strong>die</strong>ser Haltung<br />

in der gesamten Wertschöpfungskette<br />

entsprechen sollen. Deswegen treiben<br />

<strong>wir</strong> <strong>die</strong> Entwicklung innovativer Antriebstechnologien<br />

voran und verfolgen<br />

bei der Entwicklung, Herstellung<br />

und Vermarktung unserer Produkte<br />

Kreislauf-Prinzipien, <strong>die</strong> keinen Platz<br />

für Ressourcenverschwendung lassen.“<br />

Kreislauf<strong>wir</strong>tschaft im Fokus<br />

Audi durchleuchtet <strong>die</strong> Umweltaus<strong>wir</strong>kungen<br />

seiner Produkte und Komponenten<br />

entlang ihres gesamten Lebenszyklus.<br />

Die daraus resultierende<br />

Transparenz ermöglicht es, <strong>die</strong> Herstellung<br />

der Autobauteile ressourceneffizient<br />

zu optimieren. Außerdem <strong>können</strong><br />

<strong>die</strong> eingesetzten Materialien wiederverwertet<br />

werden. Dabei spielt auch das<br />

Recycling von Schrotten eine wichtige<br />

Rolle <strong>–</strong> <strong>die</strong>se werden als Sekundärrohstoffe<br />

eingesetzt. Im Bereich der Verarbeitung<br />

von Aluminiumwerkstoffen hat<br />

Audi deswegen gemeinsam mit einem<br />

Lieferanten das Pilotprojekt „Aluminium<br />

Closed Loop“ ins Leben gerufen.<br />

Dieses soll <strong>die</strong> <strong>Wie</strong>derverwertung von<br />

Aluminiumblechteilen erproben.<br />

Audi will auf <strong>die</strong>se Weise einen geschlossenen<br />

Wertstoffkreislauf mit seinem<br />

Ressourcenschonender<br />

Umgang mit Batterien<br />

Audi konzentriert sich bei seinem<br />

Engagement für ressourcenschonende<br />

Prozesse nicht nur auf Aluminiumwerkstoffe,<br />

sondern auch<br />

auf Batteriebestandteile. Durch<br />

<strong>Wie</strong>derverwertung von Komponenten<br />

aus Versuchsfahrzeugen für<br />

Gebrauchtwagen und <strong>die</strong> Weiterverwendung<br />

von Hochvolt-Batterien<br />

<strong>können</strong> <strong>die</strong> Nutzungsphasen einzelner<br />

Bestandteile deutlich verlängert<br />

werden. Denn auch nach der<br />

Nutzung im Fahrzeug besitzen <strong>die</strong><br />

Akkus von Audi noch immer einen<br />

Großteil ihrer Kapazität, sodass sie<br />

für einen weiteren Einsatz attraktiv<br />

sind. Audi plant, sie als stationäre<br />

Energiespeicher zu verwenden<br />

<strong>–</strong> etwa für <strong>die</strong> neuen Schnellladestationen<br />

für e-tron-Modelle oder als<br />

Puffer für erneuerbare Energien.<br />

46 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Lieferanten auf bauen. So gehen <strong>die</strong><br />

Aluminiumblechverschnitte, <strong>die</strong> in den<br />

Audi-Presswerken anfallen, direkt an<br />

den Lieferanten zurück, der sie erneut<br />

verarbeitet. Die auf <strong>die</strong>se Weise hergestellten<br />

Alubleche verwendet Audi anschließend<br />

wieder in seiner Produktion.<br />

Dadurch entfällt bei <strong>die</strong>sen Materialien<br />

<strong>die</strong> vorgelagerte, energieintensive Wertschöpfungskette.<br />

Seit Anfang 2017 testet Audi <strong>die</strong> unterschiedlichen<br />

Abläufe, um <strong>die</strong> Anforderungen,<br />

Bedingungen und Prozesse klar<br />

zu definieren und langfristig eine konzernweite<br />

Anwendung des Programms<br />

zu untersuchen.<br />

Ziel: Transparenz im<br />

Aluminiumsektor<br />

Audi ist seit 2013 Mitglied der Aluminium<br />

Stewardship Initiative (ASI). Die ASI<br />

entwickelte sich aus einem Zusammenschluss<br />

verschiedener Stakeholder der<br />

Aluminiumindustrie. Ziel der Initiative<br />

ist es, mehr Nachhaltigkeit und Transparenz<br />

im Aluminiumsektor zu schaffen<br />

und eine verantwortungsvolle Aluminiumgewinnung<br />

zu fördern. Neben Audi<br />

kooperieren in der ASI viele weitere<br />

führende Unternehmen entlang der gesamten<br />

Aluminium-Wertschöpfungskette,<br />

von der Gewinnung des Rohstoffes<br />

Bauxit über <strong>die</strong> Produktion bis hin zur<br />

Weiterverarbeitung.<br />

Seit 2014 entwickelt <strong>die</strong> ASI einen nachhaltigen<br />

Standard für den Umgang mit<br />

Aluminium, den <strong>die</strong> teilnehmenden<br />

Unternehmen <strong>umsetzen</strong> müssen. Der<br />

Standard stellt sicher, dass das Material<br />

entlang der gesamten Vorkette nachhaltig<br />

hergestellt und verarbeitet <strong>wir</strong>d. Er<br />

umfasst verschiedene ökologische, soziale<br />

und ethische Kriterien, <strong>die</strong> für alle<br />

Sta<strong>die</strong>n der Wertschöpfung gelten. Im<br />

Mittelpunkt stehen dabei Umweltaspekte<br />

wie Vorgaben zur Treibhausgasreduzierung,<br />

zur Abfallproduktion in der Aluminiumherstellung<br />

oder zum Umgang<br />

mit Wasserressourcen. Alle Firmen, <strong>die</strong><br />

Aluminium produzieren, verwenden<br />

oder recyceln, sind eingeladen, mit der<br />

Initiative zusammenzuarbeiten. ASI kooperiert<br />

auch mit NGOs wie etwa der<br />

International Union for Conservation<br />

of Nature (IUCN), <strong>die</strong> ihre Expertise in<br />

Sachen nachhaltiger Ressourcennutzung<br />

bereitstellt. Durch <strong>die</strong> Integration unterschiedlicher<br />

Stakeholder erzielt der<br />

ASI-Standard eine hohe Akzeptanz bei<br />

allen Beteiligten. Das fördert auch das<br />

Vertrauen der Konsumenten gegenüber<br />

Produkten, <strong>die</strong> Aluminium enthalten.<br />

Mit dem Pilotprojekt „Aluminium Closed<br />

Loop“ und seinem Engagement in der ASI<br />

leistet Audi einen wichtigen Beitrag zu<br />

den Zielen 12 (Nachhaltige Konsum- und<br />

Produktionsweisen), 13 (Bekämpfung des<br />

Klimawandels) und 17 (Partnerschaften<br />

zur Erreichung der Ziele) der Sustainable<br />

Development Goals der Vereinten<br />

Nationen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

47


GOOD PRACTICE<br />

Gemeinsam für<br />

Klimaschutz und<br />

Ressourceneffizienz<br />

Die Aurubis AG integriert nachhaltiges Handeln und Wirtschaften in <strong>die</strong> Unternehmenskultur<br />

<strong>–</strong> an den einzelnen Standorten und geschäftsprozessübergreifend. Im Sinne der neuen Unternehmensvision<br />

für 2025 „Passion for metallurgy. Metals for progress. Together with you“<br />

strebt Aurubis im Bereich der Nachhaltigkeit nach Fortschritt und Zusammenarbeit. Wann<br />

immer sich <strong>die</strong> Möglichkeit bietet, nimmt Aurubis Partner mit auf <strong>die</strong>sen Weg.<br />

Von Nienke Berger, Referentin Nachhaltigkeitsmanagement, Aurubis<br />

Aurubis leistet als führender integrierter<br />

Kupferkonzern und größter Kupferrecycler<br />

weltweit schon heute einen großen<br />

Beitrag zu einer ressourcenschonenden<br />

Nutzung von Rohstoffen, sowohl<br />

beim Einsatz von Energie als auch beim<br />

Ausschöpfen von Recyclingpotenzialen.<br />

Rohstoffe werden immer komplexer,<br />

und Aurubis möchte dazu beitragen,<br />

dass der Wertstoffkreislauf für Kupfer<br />

und andere Metalle geschlossen <strong>wir</strong>d.<br />

Zudem will das Unternehmen seine Expertise<br />

bei der Multi-Metall-Produktion<br />

zukünftig auf noch mehr Metalle übertragen.<br />

Und das Engagement hört nicht<br />

an den Werksgrenzen auf. Gemeinsam<br />

mit Partnern werden ressourceneffiziente<br />

Lösungen gesucht und umgesetzt,<br />

<strong>die</strong> darauf einzahlen.<br />

Dies bedeutet eine Steigerung gegenüber<br />

der Teilnahme 2015, als das Unternehmen<br />

als Best Newcomer Germany geehrt wurde.<br />

Es <strong>wir</strong>d aber schwieriger, im Bereich der<br />

Energieeffizienz signifikante Fortschritte<br />

zu erreichen. Mit der zunehmenden Zahl<br />

von umgesetzten Maßnahmen werden <strong>die</strong><br />

Möglichkeiten zu weiteren Optimierungen<br />

geringer. Schon heute stößt Aurubis<br />

bei den Effizienzsteigerungen an prozessbedingte<br />

Grenzen, und es besteht bereits<br />

ein Konflikt zwischen Energieeffizienz<br />

und Ressourcenschonung. So entfällt<br />

ein wachsender Anteil des eingesetzten<br />

Stroms auf Umweltschutzmaßnahmen.<br />

Deswegen denkt Aurubis weiter: Wenn<br />

<strong>die</strong> Optimierungsmöglichkeiten an den<br />

eigenen Standorten geringer werden,<br />

geht das Unternehmen Partnerschaften<br />

ein, um den Klimaschutz voranzubringen.<br />

Anfang 2017 hat Aurubis mit der<br />

enercity Contracting Nord GmbH einen<br />

Vertrag über <strong>die</strong> Nutzung von industrieller<br />

Abwärme zur Versorgung der Hamburger<br />

Hafencity Ost unterzeichnet. Ab<br />

Sommer 2018 <strong>wir</strong>d am Aurubis Hauptsitz<br />

in Hamburg ein ganzer Stadtteil mit<br />

CO 2-freier Fernwärme versorgt werden,<br />

<strong>die</strong> im Produktionsprozess anfällt. Die<br />

Wärme entsteht bei der Umwandlung<br />

von Schwefeldioxid <strong>–</strong> ein Nebenpro-<br />

Klimaschutz bei Aurubis und für<br />

<strong>die</strong> Region<br />

Aurubis hat sich ein konzernweites Klimaschutzziel<br />

gesetzt − <strong>die</strong> Reduktion<br />

der CO 2-Emissionen um 100.000 Tonnen<br />

CO 2 durch Energieeffizienzprojekte und<br />

interne Stromproduktion bis 2018. Und<br />

Aurubis ist auf gutem Wege, <strong>die</strong>ses Ziel<br />

zu erreichen. 2016 wurde das Unternehmen<br />

von der Investoreninitiative CDP mit<br />

einem Ergebnis von A- in <strong>die</strong> Leadership-<br />

Kategorie des CDP-Klimawandel-Index<br />

aufgenommen und gehört zu den sieben<br />

führenden MDAX-Unternehmen 2016.<br />

Auszubildende von Aurubis diskutieren<br />

das Thema „Closing the loop“.<br />

48 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


dukt, das bei der Kupferschmelze anfällt<br />

<strong>–</strong> zu Schwefelsäure. Allein durch <strong>die</strong><br />

Auskopplung und <strong>Wie</strong>derverwertung<br />

<strong>die</strong>ser Wärme werden dann mehr als<br />

20.000 Tonnen CO 2 jährlich eingespart,<br />

sowohl auf dem Werksgelände<br />

aufgrund der Einsparung von Erdgas<br />

als auch durch <strong>die</strong> Nutzung der Abwärme<br />

als Fernwärme. In der Hafencity<br />

Ost werden im Endausbau (Ziel:<br />

2029) rund 4.500 Tonnen CO 2 pro Jahr<br />

eingespart. Jährlich werden in Zukunft<br />

160 Millionen kWh ausgekoppelt, das<br />

entspricht etwa dem durchschnittlichen<br />

Wärmebedarf von 8.000 Vier-Personen-<br />

Haushalten. Aurubis <strong>wir</strong>d davon selbst<br />

ca. 40 Millionen kWh nutzen. Aurubis<br />

könnte in Zukunft deutlich mehr Fernwärme<br />

für <strong>die</strong> Stadt Hamburg liefern<br />

und damit sogar bis zu 140.000 Tonnen<br />

CO 2 jährlich einsparen. Derzeit fehlen<br />

dafür jedoch noch <strong>die</strong> technischen, finanziellen<br />

und vertraglichen Grundlagen.<br />

An einer Lösung <strong>wir</strong>d intensiv und<br />

partnerschaftlich gearbeitet.<br />

Gemeinsam Wertstoffkreisläufe<br />

schließen<br />

Partnerschaftliche Lösungen stehen bei<br />

der Kooperation zwischen Aurubis und<br />

der Grillo-Werke AG, einem Spezialisten<br />

in der Zinkchemie, im Vordergrund. Auf<br />

höchstem Stand der Technik sorgt <strong>die</strong><br />

Zusammenarbeit für einen nachweisbaren,<br />

lückenlosen Wertstoffkreislauf für<br />

Kupfer, Zink und andere wertvolle Metalle.<br />

Das Projekt ist 2017 beim Bundeswettbewerb<br />

des Responsible Care-Preises des<br />

VCI mit dem zweiten Preis ausgezeichnet<br />

worden. Der Beitrag ging als Landessieger<br />

von Nordrhein-Westfalen in den<br />

Wettbewerb. Das Projekt ist ein Beispiel<br />

für eine <strong>–</strong> laut Juryurteil <strong>–</strong> perfekte<br />

Umsetzung der Kreislauf<strong>wir</strong>tschaft.<br />

Mit einer Anlage zur Sekundärkupfererzeugung<br />

(das Kayser-Recycling-System,<br />

„KRS“) der Aurubis AG in Lünen <strong>wir</strong>d Konverterkupfer<br />

aus Recyclingmaterialien<br />

wie kupferhaltigen Rückständen, Legierungen<br />

und Elektronikschrott erzeugt.<br />

Den dabei anfallenden, zinkhaltigen<br />

Filterstaub („KRS-Oxid“) verwenden <strong>die</strong><br />

Grillo-Werke zur Herstellung von Zinksulfat,<br />

das u. a. als Spurenelementträger<br />

in der Futter- und Düngemittelindustrie<br />

genutzt <strong>wir</strong>d. Bei der Verarbeitung des<br />

KRS-Oxides zu Zinksulfat fällt wiederum<br />

ein Rückstand an, der Kupfer, Zinn und<br />

Blei in nun angereicherter Form enthält.<br />

Diesen Rückstand nimmt Aurubis<br />

zurück und setzt ihn in den Recycling-<br />

Anlagen zur Weiterverarbeitung und<br />

<strong>Wie</strong>dergewinnung und Vermarktung<br />

der Metalle ein. Der Wertstoffkreislauf<br />

ist damit geschlossen. Das Projekt hat<br />

weitere Vorteile: Die Partnerschaft ist<br />

regional, <strong>die</strong> Transportwege vom Kupferrecycling<br />

in Lünen bis hin zur Herstellung<br />

von Zinksulfat in Duisburg sind<br />

kurz. Nicht zuletzt bieten langfristige<br />

Verträge Planungssicherheit und tragen<br />

zur Sicherung von Arbeitsplätzen an<br />

beiden Standorten bei.<br />

Nachhaltigkeit von Beginn an<br />

Die junge Generation an der Zukunftsgestaltung<br />

des Konzerns mitarbeiten<br />

zu lassen, liegt Aurubis am Herzen.<br />

Deswegen spielt Nachhaltigkeit bei<br />

Aurubis auch in der Ausbildung von<br />

Beginn an eine entscheidende Rolle.<br />

Regelmäßig findet <strong>die</strong> Nachhaltigkeitswoche<br />

der Auszubildenden statt. 2016<br />

war das zentrale Thema „geschlossene<br />

Kreisläufe“. Kleine Teams arbeiteten an<br />

Fragen und Hintergründen zum Thema<br />

„Closing the loop“ und tauschten<br />

sich dazu intensiv mit Experten aus<br />

verschiedenen Abteilungen des Unternehmens<br />

aus. Die Ergebnisse wurden im<br />

Rahmen eines Nachhaltigkeitstags im<br />

LÜNTEC-Technologiezentrum in Lünen<br />

ausgestellt und mit Gästen aus Politik,<br />

Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert.<br />

Für <strong>die</strong> Auszubildenden ist <strong>die</strong> Nachhaltigkeitswoche<br />

eine gute Möglichkeit,<br />

unternehmerische Verantwortung bei<br />

Aurubis kennenzulernen. Gleichzeitig<br />

bietet sie dem Unternehmen <strong>die</strong> Chance,<br />

von den Ideen der jungen Menschen zu<br />

profitieren und generationenübergreifend<br />

an ressourceneffizienten Lösungen<br />

zu arbeiten.<br />

Eine soeben bei 1.200 Grad<br />

gegossene Kupferanode <strong>wir</strong>d gekühlt.<br />

Im Recyclingzentrum Aurubis Lünen entstehen aus<br />

Elektroschrott wieder hochwertige Produkte.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

49


GOOD PRACTICE<br />

Pariser Abkommen<br />

global <strong>umsetzen</strong><br />

Bei BASF verbinden <strong>wir</strong> <strong>wir</strong>tschaftlichen Erfolg mit dem Schutz der Umwelt und gesellschaftlicher<br />

Verantwortung. Unser Unternehmenszweck fasst das zusammen: „We create chemistry <strong>–</strong><br />

for a sustainable future“. Nachhaltigkeit ist zu einem entscheidenden Faktor für Wachstum und<br />

Wertschöpfung geworden. Nirgendwo <strong>wir</strong>d <strong>die</strong>s deutlicher als in der Notwendigkeit, den<br />

Klimawandel zu begrenzen.<br />

Von Christian Schubert, Vice President,<br />

Head of Berlin Office BASF<br />

2015 haben sich Regierungen der ganzen<br />

Welt zu den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung<br />

und zum Pariser Klimaschutzabkommen<br />

bekannt, um entschlossen<br />

global konsistente Maßnahmen für eine<br />

nachhaltige Entwicklung und gegen den<br />

Klimawandel zu ergreifen. Unternehmen<br />

aus der ganzen Welt stellen <strong>die</strong> dafür erforderlichen<br />

Innovationen und Geschäftsmodelle<br />

zur Verfügung. Rund um den<br />

Globus müssen <strong>wir</strong> nicht nur bereits zur<br />

Verfügung stehende, sondern auch bisher<br />

noch nicht verfügbare Lösungen entwickeln<br />

und <strong>umsetzen</strong>, um Energie- und<br />

Ressourceneffizienz, Produktionsprozesse<br />

und Infrastruktur zu verbessern.<br />

Um erfolgreich zu sein, muss der Klimaschutz<br />

daher Hand in Hand gehen mit<br />

Strategien, <strong>die</strong> das Wachstum steigern<br />

und <strong>die</strong> sozialen Bedürfnisse adressieren.<br />

BASF setzt sich für einen <strong>wir</strong>tschaftlich<br />

effizienten und ökologisch effektiven<br />

globalen Klimaschutz ein <strong>–</strong> in unserer<br />

Produktion und durch unsere Produkte.<br />

In der Produktion bei BASF setzen <strong>wir</strong><br />

auf unsere Innovationskraft und unsere<br />

Verbundstruktur, mit der <strong>wir</strong> chemische<br />

Prozesse ressourceneffizient verknüpfen<br />

und unsere Treibhausgasemissionen<br />

senken. BASF betreibt Kraft-Wärme-<br />

Kopplungsanlagen, um den spezifischen<br />

Energieverbrauch zu senken. Während<br />

<strong>wir</strong> unseren Umsatz seit 1990 verdoppelt<br />

haben, konnten <strong>wir</strong> unsere Treibhausgasemissionen<br />

absolut gesehen um <strong>die</strong><br />

Hälfte und pro Tonne Produkt gemessen<br />

sogar um 75 % reduzieren. Wir haben<br />

uns das Ziel gesetzt, bis 2020 zertifizierte<br />

Energiemanagementsysteme gemäß<br />

ISO 50001 weltweit an allen relevanten<br />

Produktionsstandorten einzuführen. Zusammengenommen<br />

stehen sie für 90 %<br />

50 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Links: Mit seiner Verbundstruktur spart<br />

BASF nicht nur Produktionskosten, sondern<br />

schont auch <strong>die</strong> Umwelt.<br />

des Primärenergiebedarfs der BASF. So<br />

wollen <strong>wir</strong> weitere Verbesserungen bei<br />

der Energieeffizienz identifizieren und<br />

<strong>umsetzen</strong> und damit nicht nur unsere<br />

Treibhausgasemissionen reduzieren und<br />

wertvolle Energiequellen schonen, sondern<br />

zugleich <strong>die</strong> Wettbewerbsfähigkeit<br />

der BASF erhöhen.<br />

Mit unseren Produkten helfen <strong>wir</strong> unseren<br />

Kunden (und den Kunden unserer<br />

Kunden), Energie einzusparen und<br />

Emissionen zu vermeiden und so ihre<br />

Klimaschutzziele zu erreichen. So kann<br />

beispielsweise der Energiebedarf zur<br />

Beheizung eines 160m 2 großen Einfamilienhauses<br />

aus den 1960er Jahren durch<br />

<strong>die</strong> Isolierung der Außenwände um ca.<br />

60 % gesenkt werden. Windkraftanlagen<br />

zur Erzeugung von erneuerbarem Strom<br />

werden immer leistungsstärker. Daher<br />

sind Härter- und Kunstharzsysteme entscheidend,<br />

um Größe und Lebenserwartung<br />

der Rotorblätter zu steigern und <strong>die</strong><br />

Energieeffizienz der Anlagen insgesamt<br />

zu verbessern.<br />

Über ihren Lebensweg betrachtet spart<br />

<strong>die</strong> Verwendung chemischer Produkte<br />

ein Vielfaches der CO 2-Emissionen ein,<br />

<strong>die</strong> bei ihrer Herstellung entstanden.<br />

So <strong>können</strong> <strong>wir</strong> dazu beitragen, in <strong>wir</strong>tschaftlich<br />

verträglicher Weise auf erneuerbare<br />

Energien umzustellen und<br />

Energieverbrauch und CO 2-Emissionen<br />

in anderen Wirtschaftsbereichen, wie<br />

etwa Bau und Verkehr, zu senken.<br />

Sowohl in den Prozessen wie auch in<br />

unseren Produkten kommt es auf Innovationen<br />

an, um neben unseren eigenen<br />

Emissionen auch <strong>die</strong> der Wertschöpfungskette<br />

insgesamt zu reduzieren.<br />

2016 haben <strong>wir</strong> mehr als 60 % unseres<br />

Forschungs- und Entwicklungsbudgets<br />

für Lösungen aufgewendet, <strong>die</strong> einen<br />

besonderen Beitrag zur Nachhaltigkeit,<br />

also z. B. zu Ressourcen- und Energieeffizienz<br />

oder zur Vermeidung von Treibhausgasen,<br />

leisten. Ein neuer Ansatz ist<br />

z.B. einer unserer Beiträge zur Circular<br />

Economy <strong>–</strong> unser Biomassenbilanz<br />

Verfahren, bei dem Anteile fossiler Rohstoffe<br />

in der Verbundproduktion durch<br />

Bio-Naphtha, Biogas aus organischen<br />

Abfällen oder pflanzliche Öle ersetzt<br />

werden.<br />

Damit Unternehmen wie <strong>die</strong> BASF ihre<br />

Innovationskraft voll ausschöpfen <strong>können</strong>,<br />

ist ein global konsistenter politischer<br />

Handlungsrahmen erforderlich.<br />

Zu <strong>die</strong>sem Zweck hat BASF den B20-<br />

Prozess als Bestandteil der deutschen<br />

G20-Präsidentschaft unterstützt. Der<br />

BASF-Vorstandsvorsitzende Kurt Bock<br />

übernahm den Vorsitz der B20-Taskforce<br />

zu Energie-, Klima und Ressourceneffizienz.<br />

Unternehmen aus der ganzen<br />

Welt unterstützten <strong>die</strong>sen Prozess, weil<br />

ein entschlossenes Handeln der G20-Regierungen<br />

Voraussetzung für deutliche<br />

Fortschritte ist. Die G20-Staaten sind für<br />

etwa 80 % der globalen Treibhausgasemissionen<br />

verantwortlich, erbringen<br />

aber auf der anderen Seite etwa 90 %<br />

des weltweiten BIP. Damit kann <strong>die</strong> G20<br />

eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung<br />

des Pariser Klimaschutzabkommens<br />

übernehmen.<br />

Es war sehr ermutigend zu sehen, dass<br />

über viele Stakeholder-Gruppen hinweg<br />

eine weitreichende Übereinstimmung<br />

darüber bestand, was <strong>die</strong> notwendigen<br />

Schritte für den Klimaschutz sind. In<br />

einer gemeinsamen Erklärung betonten<br />

B(usiness)20, C(ivil)20, L(abor)20,<br />

T(hink Tank)20, W(omen)20, Y(outh)20,<br />

and F(oundations)20, dass „<strong>die</strong> Herausforderungen<br />

von heute globaler Natur<br />

sind und koordinierte Lösungen und<br />

internationale Zusammenarbeit erfordern.“<br />

Nach dem G20-Gipfeltreffen in<br />

Hamburg begrüßten sie <strong>die</strong> Tatsache,<br />

„dass sowohl das Abschlussdokument<br />

der G20-Regierungschefs als auch der<br />

Aktionsplan für Klima und Energie das<br />

Pariser Klimaschutzabkommen und <strong>die</strong><br />

UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung<br />

als Rahmen bestätigt haben, innerhalb<br />

dessen <strong>wir</strong> <strong>die</strong> enormen Herausforderungen<br />

in Chancen wandeln und eine<br />

Perspektive aufzeigen müssen für Innovation,<br />

gute Arbeitsmöglichkeiten und<br />

eine lebendige Zivilgesellschaft.“<br />

Empfehlungen an <strong>die</strong> Politik für das<br />

weitere Vorgehen<br />

Gemeinsames Ziel aller Länder sollte<br />

es daher sein, <strong>die</strong> Innovationskraft der<br />

Industrie zu stärken, um <strong>die</strong> Entwicklung<br />

neuer Technologien zu beschleunigen.<br />

Nur dann kann <strong>die</strong> Industrie ihr<br />

volles Potenzial für den Klimaschutz<br />

ausschöpfen.<br />

1. Eine Carbon-Pricing-Plattform ist Voraussetzung,<br />

um <strong>die</strong> Entwicklung<br />

globaler Preisbildungs-Mechanismen<br />

voranzutreiben.<br />

2. Ein G20-Aktionsplan für Energieinnovation<br />

kann <strong>die</strong> Marktreife von<br />

innovativen Technologien, Business-<br />

Modellen und digitalen Lösungen<br />

beschleunigen und so den Weg frei<br />

machen für <strong>die</strong> wesentlichen CO 2-Reduzierungen<br />

der nächsten Jahrzehnte.<br />

3. Der Abbau der Rohstoffintensität der<br />

Welt<strong>wir</strong>tschaft ist ein entscheidender<br />

Treiber für eine Nachhaltige Entwicklung.<br />

Die G20-Regierungen sollten<br />

ihre Zusammenarbeit auf <strong>die</strong>sem<br />

Gebiet verstärken.<br />

Ausblick<br />

Die Industrie ist auf ein stabiles politisches<br />

Umfeld angewiesen, um ihre<br />

Schlüsselrolle beim Klimaschutz zu<br />

übernehmen und notwendige Innovationen<br />

voranzubringen. Den Unternehmen<br />

ist wichtig, dass Regierungen <strong>die</strong><br />

Schlüsselrolle der Industrie anerkennen,<br />

<strong>die</strong> sie zur Erreichung der in Paris formulierten<br />

Klimaschutzziele hat. Das Pariser<br />

Regelwerk sollte deshalb einen Rahmen<br />

ermöglichen, der Innovation fördert und<br />

für einen fairen Wettbewerb zwischen<br />

Industrieunternehmen auf globaler Ebene<br />

sorgt. Dann kann <strong>die</strong> Industrie ihre<br />

Innovationskraft voll ausnutzen und zu<br />

einem Klimaschutz beitragen, der gut ist<br />

für Umwelt, Mensch und Wirtschaft.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

51


GOOD PRACTICE<br />

Lösungen für eine<br />

nachhaltige Land<strong>wir</strong>tschaft<br />

der Zukunft<br />

Die Weltbevölkerung nimmt jedes Jahr um 80 Millionen Menschen, also <strong>die</strong> Einwohnerzahl<br />

<strong>Deutschland</strong>s, zu. Bis 2050 <strong>wir</strong>d <strong>die</strong>se Zahl voraussichtlich auf fast zehn Milliarden Menschen<br />

ansteigen. Für alle genügend gesunde und bezahlbare Nahrungsmittel herzustellen, gerecht<br />

zu verteilen und damit das UN-Nachhaltigkeitsziel „Kein Hunger“ zu erreichen, ist eine<br />

gewaltige Aufgabe.<br />

Von Dr. Wolfgang Große Entrup, Leiter Corporate Sustainability & Business Stewardship, Bayer<br />

Produktivitätssteigerung und<br />

Ressourcenschonung<br />

Tatsächlich nimmt mit steigender Weltbevölkerung<br />

<strong>die</strong> verfügbare Ackerfläche<br />

pro Kopf ab. Hinzu kommt, dass der<br />

Klimawandel <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft in den<br />

kommenden Jahrzehnten vor erhebliche<br />

Herausforderungen stellen <strong>wir</strong>d. Sollte<br />

zum Beispiel <strong>die</strong> Temperatur auf der<br />

Erde bis 2100 um zwei Grad Celsius ansteigen,<br />

ginge nach wissenschaftlichen<br />

Stu<strong>die</strong>n <strong>die</strong> globale Weizenproduktion<br />

im Schnitt um 16 Prozent zurück. Die<br />

UN-Welternährungsorganisation FAO<br />

schätzt, dass <strong>die</strong> weltweite land<strong>wir</strong>tschaftliche<br />

Produktion bis zum Jahr 2050<br />

um 50 Prozent gesteigert werden muss,<br />

um <strong>die</strong> dann bestehende Nachfrage zu<br />

decken. Derzeit werden nur rund drei<br />

Prozent der Erdoberfläche als Ackerland<br />

genutzt, und für <strong>die</strong> Erschließung neuer<br />

Flächen gibt es kaum noch Spielraum.<br />

Dies bedeutet, dass mit jedem Hektar<br />

Land sehr verantwortungsvoll umgegangen<br />

werden muss. Knappe Ressourcen<br />

wie Frischwasser und fruchtbare Böden<br />

sind zu schonen und <strong>die</strong> Umwelt so<br />

wenig wie möglich zu beeinträchtigen.<br />

Um all das zu schaffen, brauchen <strong>wir</strong><br />

Innovationsgeist, um neue Technologien<br />

auf den Weg zu bringen. Und <strong>wir</strong><br />

müssen auch darüber reden, dass Nahrungsmittel<br />

oft nicht dort ankommen,<br />

wo sie gebraucht werden, und dass zu<br />

viel verschwendet <strong>wir</strong>d oder verdirbt.<br />

Die gute Nachricht ist, dass neue Technologien<br />

längst dabei sind, <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft<br />

zu revolutionieren. Dazu gehört<br />

zum Beispiel <strong>die</strong> Digitalisierung. Traktoren<br />

und Erntemaschinen sind heute<br />

oft schon mit Sensoren ausgestattet, <strong>die</strong><br />

Informationen über den Zustand der<br />

Pflanzen und des Bodens sammeln. Auch<br />

Luftaufnahmen von Drohnen oder Satelliten<br />

<strong>können</strong> wertvolle Informationen<br />

liefern. Auf der Grundlage solcher Daten<br />

ist es heute möglich, Präzisionsland<strong>wir</strong>tschaft<br />

zu betreiben: Die Auswahl des<br />

Saatguts, <strong>die</strong> Düngung, Bewässerung und<br />

der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln<br />

<strong>können</strong> für bestimmte Teilflächen eines<br />

Feldes genau geplant und dank softwaregestützter<br />

Sprühsysteme zielgenau<br />

angewendet werden. Dies führt nicht nur<br />

zu höheren Ernteerträgen, sondern auch<br />

zu einem effizienteren und umweltschonenderen<br />

Ressourceneinsatz. Gelingt es,<br />

<strong>die</strong>se Technologien auch Kleinbauern<br />

in Entwicklungsländern zugänglich zu<br />

machen, leisten <strong>wir</strong> damit einen großen<br />

Beitrag zu einer globalen, nachhaltigen<br />

Land<strong>wir</strong>tschaft.<br />

Ein weiterer Faktor, auf den <strong>wir</strong> ebenfalls<br />

bei Bayer setzen, sind neue Technologien<br />

in der Pflanzenzüchtung. Damit <strong>wir</strong>d es<br />

möglich, das Erbgut von Pflanzen gezielt<br />

zu optimieren, wodurch Pflanzen<br />

ertragreicher und widerstandsfähiger<br />

gemacht werden <strong>können</strong> und so letztlich<br />

auch zur Schonung von Ressourcen<br />

beitragen. Dank der neuen Technologien<br />

geschieht <strong>die</strong>s deutlich präziser, kostengünstiger<br />

und schneller als bisher. Und<br />

Tempo ist entscheidend, da sich ja auch<br />

<strong>die</strong> klimatischen Bedingungen rapide<br />

verändern. Zum Beispiel stehen <strong>die</strong> Reis-<br />

Bauern in Asien vor dem Problem, dass<br />

viele Ackerböden <strong>–</strong> auch aufgrund des<br />

Klimawandels <strong>–</strong> einen hohen Salzgehalt<br />

haben. Dies hemmt das Wachstum der<br />

Reispflanzen. Daher arbeiten <strong>wir</strong> bei<br />

Bayer daran, salztolerante Reispflanzen<br />

zu entwickeln, <strong>die</strong> ohne den Einsatz moderner<br />

Technologien nicht möglich wären.<br />

52 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Natürlich <strong>wir</strong>d auch „Bio“ in Zukunft<br />

eine Rolle spielen, liefert aber allein kein<br />

Patentrezept zur Welternährung: Die Erträge<br />

im Öko-Landbau sind nach konservativen<br />

Berechnungen durchschnittlich<br />

um etwa 20 Prozent geringer als in der<br />

konventionellen Land<strong>wir</strong>tschaft. Das<br />

bedeutet, dass man für den gleichen<br />

Ertrag mehr Fläche benötigt <strong>–</strong> Fläche,<br />

<strong>die</strong> nicht vorhanden ist. Also muss auch<br />

der Bio-Anbau offen für Innovation sein.<br />

Wir werden in Zukunft weiterhin innovative,<br />

<strong>wir</strong>ksame Pflanzenschutzmittel<br />

brauchen <strong>–</strong> sowohl für <strong>die</strong> Bio-Bauern<br />

halben Hektar Land be<strong>wir</strong>tschaftet. Gerade<br />

<strong>die</strong> weltweit mehr als 500 Millionen<br />

Kleinbauern sind der Schlüssel<br />

zur Lösung der Ernährungsfrage, denn<br />

sie steuern global etwa <strong>die</strong> Hälfte der<br />

Nahrungsmittel bei. Daher entstehen<br />

derzeit immer mehr Projekte auf der<br />

ganzen Welt, in denen Unternehmen<br />

und Kleinbauern, oft mit Unterstützung<br />

von Politik und Entwicklungshilfeorganisationen,<br />

zusammenarbeiten, um<br />

<strong>die</strong> kleinbäuerliche Produktivität zu<br />

erhöhen, gleichzeitig aber einheimische<br />

Sorten und traditionelle Anbaumethoden<br />

zu erhalten.<br />

in Kombination mit Pflanzenschutzmitteln<br />

zur Verfügung <strong>–</strong> im Bundesstaat<br />

Rajasthan für den Baumwoll-Anbau, in<br />

Karnataka für Salatgurken, in anderen<br />

Bundesstaaten für den Anbau von Reis.<br />

Dazu bieten <strong>wir</strong> Schulungen in guter<br />

land<strong>wir</strong>tschaftlicher Praxis, Produktsicherheit<br />

und Umweltschutz an. Diese<br />

Kombination kann im Ergebnis für <strong>die</strong><br />

Bauern zu einer Erhöhung der Erträge<br />

um 15 bis 50 Prozent führen.<br />

als auch für <strong>die</strong> konventionellen Land<strong>wir</strong>te.<br />

Denn Kulturpflanzen stehen in<br />

einem harten Überlebenskampf: Sie<br />

müssen sich gegen 30.000 Unkrautarten<br />

und 10.000 Arten pflanzenfressender<br />

Insekten behaupten. Hinzu kommen<br />

3.000 Arten von Fadenwürmern, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

Wurzeln befallen.<br />

Unterstützung für Kleinbauern<br />

Nach unserer Überzeugung gibt es keine<br />

einheitliche Blaupause für <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft<br />

der Zukunft, <strong>die</strong> überall auf der<br />

Welt eins zu eins umgesetzt werden<br />

könnte. Zu vielfältig und unterschiedlich<br />

sind <strong>die</strong> Herausforderungen auf den<br />

Feldern der Welt <strong>–</strong> vom Großbetrieb<br />

in den USA oder Brasilien mit mehreren<br />

Hundert Hektar Anbaufläche bis zum<br />

Kleinbauer in In<strong>die</strong>n, der nur einen<br />

Die Produktivität vieler Kleinbauern ist<br />

so niedrig, dass sie oft nicht in der Lage<br />

sind, ihre eigenen Familien zu ernähren.<br />

Dies hat viele Gründe wie bewaffnete<br />

Konflikte, Korruption, mangelnder<br />

Zugang zu Land und Wasser und zu<br />

Krediten, wenig ertragreiche Sorten, fehlende<br />

Lager- und Transportmöglichkeiten,<br />

erschwerter Zugang zu lokalen Märkten<br />

oder geringes Wissen über effiziente<br />

Anbaumethoden aufgrund mangelnder<br />

Bildung. Dies führt zur paradoxen Situation,<br />

dass von den rund 800 Millionen<br />

Menschen, <strong>die</strong> derzeit weltweit Hunger<br />

leiden, drei Viertel Land<strong>wir</strong>tschaft betreiben.<br />

Auch Bayer engagiert sich in<br />

zahlreichen Projekten zur Förderung<br />

der Produktivität von Kleinbauern, insbesondere<br />

in Asien und Afrika. In In<strong>die</strong>n<br />

allein leben 90 Millionen Kleinbauern.<br />

Wir stellen hier hochwertiges Saatgut<br />

In Afrika sind 60 Prozent der arbeitenden<br />

Bevölkerung in der Land<strong>wir</strong>tschaft<br />

beschäftigt. Eines unserer dortigen Projekte<br />

ist eine Kooperation mit der Nicht-<br />

Regierungsorganisation „Fair Planet“ in<br />

Äthiopien. Gemeinsam unterstützen<br />

<strong>wir</strong> Land<strong>wir</strong>te mit modernen Sorten<br />

im Gemüseanbau, ohne dass sie dabei<br />

ihre traditionellen Anbaumethoden<br />

aufgeben müssen.<br />

Wichtig ist aber auch, dass gerade <strong>wir</strong><br />

Europäer uns wieder stärker mit dem<br />

Thema Lebensmittelproduktion auseinandersetzen.<br />

Die Menschen in den<br />

Städten haben heute oft keinen Bezug<br />

mehr zur Land<strong>wir</strong>tschaft. Wir brauchen<br />

wieder mehr Verständnis und Wertschätzung<br />

für <strong>die</strong> Land<strong>wir</strong>tschaft, <strong>die</strong> uns<br />

ernährt <strong>–</strong> und für <strong>die</strong> Innovationen,<br />

<strong>die</strong> dazu beitragen, auch in Zukunft<br />

<strong>die</strong> Ernährung der Weltbevölkerung auf<br />

zunehmend umweltschonende Weise<br />

zu sichern.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

53


GOOD PRACTICE<br />

Nachhaltig vernetzt<br />

In einer digitalisierten Umgebung sind Menschen, Gegenstände und Maschinen miteinander<br />

verbunden. Diese Vernetzung erschließt zahlreiche neue Anwendungsmöglichkeiten <strong>–</strong> auch<br />

in puncto Nachhaltigkeit: Haushaltsgeräte und Fahrzeuge effizienter genutzt und damit<br />

sparsamer betrieben, erneuerbare Energien zuverlässiger abrufbar. Bosch gestaltet <strong>die</strong>se<br />

Entwicklung aktiv mit und liefert über alle Unternehmensbereiche hinweg Lösungen, <strong>die</strong><br />

zu einer ressourcenschonenden Wertschöpfung beitragen.<br />

Von Bernhard Schwager, Leiter Geschäftsstelle<br />

Nachhaltigkeit, Bosch<br />

Digitale Technologien verändern schon<br />

heute unseren Alltag. Die Vernetzung<br />

über das Internet ermöglicht eine Vielzahl<br />

von neuartigen Produkten und<br />

Dienstleistungen, deren Nutzung mit<br />

großen Chancen, aber auch Herausforderungen<br />

verbunden ist. Ziel von Bosch ist<br />

es, <strong>die</strong>sen Wandel aktiv mitzugestalten<br />

und das Potenzial der vernetzten Welt<br />

optimal zu nutzen. Dafür greift das Unternehmen<br />

auf seine jahrzehntelange<br />

Expertise in der Automobil-, Energie-,<br />

Gebäude- und Industrietechnik zurück.<br />

Heute ist Bosch als eines von wenigen<br />

Technologieunternehmen weltweit in<br />

der Lage, vernetzte Lösungen aus einer<br />

Hand bereitzustellen: Das Unternehmen<br />

liefert mit seinen Motoren, Haushaltsgeräten<br />

oder Heizsystemen nicht nur <strong>die</strong><br />

klassische Hardware. Es stellt seinen<br />

Kunden auch Sensoren und Software zur<br />

Verfügung, <strong>die</strong> das Internet der Dinge<br />

erst ermöglichen. Als Bindeglied <strong>die</strong>nt<br />

dabei eine eigene Cloud für IoT-Lösungen,<br />

<strong>die</strong> bald auch anderen Unternehmen<br />

zur Verfügung stehen soll. Parallel<br />

baut Bosch sein Angebot an vernetzten<br />

Dienstleistungen stetig aus. Ziel ist, <strong>die</strong><br />

Lebensqualität heutiger und künftiger<br />

Generationen zu verbessern <strong>–</strong> ob im Alltag,<br />

auf der Straße oder im Bereich einer<br />

klimaschonenden Energieversorgung.<br />

Wachstum durch Integration<br />

Die Verknüpfung jedes Erzeugnisses<br />

mit einem passenden Dienstleistungspaket<br />

eröffnet vielfältige Wachstumschancen<br />

in allen Geschäftsbereichen.<br />

Von den weltweit rund 59.000 Bosch-<br />

Forschern arbeiten etwa ein Drittel in<br />

der Softwareentwicklung und mehr<br />

als 4.000 am Internet der Dinge. Diesen<br />

dynamischen Zukunftsmarkt erschließt<br />

Bosch auch mit eigenständigen<br />

agilen Geschäftseinheiten. So hat das<br />

Unternehmen beispielsweise zu Jahresbeginn<br />

eine eigene Gesellschaft für<br />

Smart-Home-Lösungen gegründet. Als<br />

führender Komplettanbieter für innovative<br />

Technologien sichert Bosch sein<br />

nachhaltiges Wachstum und schafft<br />

zugleich attraktive Arbeitsplätze für<br />

Hochqualifizierte. Grundlage sind auch<br />

hier vernetzte Produkte und Dienstleistungen.<br />

<strong>Wie</strong> <strong>die</strong>se außerdem dabei<br />

helfen, zentrale Nachhaltigkeitsziele<br />

zu ver<strong>wir</strong>klichen, zeigen <strong>die</strong> folgenden<br />

drei Beispiele.<br />

Smart Home: das schlaue Zuhause, das<br />

Energie spart<br />

Bosch treibt <strong>die</strong> Entwicklung des intelligent<br />

vernetzten Hauses mit Nachdruck<br />

voran: Bis 2020 sollen 230 Millionen<br />

Haushalte auf der ganzen Welt mit smarter<br />

Gebäudetechnik ausgestattet sein <strong>–</strong><br />

das entspricht einem Marktanteil von 15<br />

Prozent. Im Smart-Home-System kann<br />

der Nutzer Beleuchtung, Rauchmelder<br />

und Hausgeräte über eine zentrale Steuereinheit<br />

miteinander verbinden und<br />

per Smartphone oder Tablet von überall<br />

steuern. Ein selbstregulierender Heizkörperthermostat<br />

sorgt morgens für eine<br />

angenehme Raumtemperatur und reduziert<br />

gleichzeitig den Energieverbrauch<br />

in der Nacht oder bei Abwesenheit. Über<br />

das Online-Portal HomeCom Pro <strong>können</strong><br />

sich Bosch-Techniker nach Zustimmung<br />

„Mit intelligent vernetzten<br />

Produkten und Dienstleistungen<br />

will Bosch <strong>die</strong> Lebensqualität<br />

heutiger und künftiger<br />

Generationen verbessern und<br />

zudem <strong>die</strong> Energieeffizienz steigern.<br />

In unseren Werken und bei unseren<br />

Industriekunden konnten <strong>wir</strong><br />

Energieeinsparungen von bis zu 25<br />

Prozent realisieren. “<br />

Christoph Kübel, Geschäftsführer und<br />

Arbeitsdirektor<br />

zudem direkt mit den Heizungsanlagen<br />

der Kunden vernetzen. Auf einen Blick<br />

liefert das System Informationen über<br />

den Status der Heizung, gibt bei Störungen<br />

Hinweise auf <strong>die</strong> Fehlerursache<br />

und beugt somit einem unnötig hohen<br />

Energieverbrauch vor.<br />

Vernetzte Mobilität: mehr Komfort,<br />

weniger Kraftstoff<br />

Stu<strong>die</strong>n zufolge entsteht ein Drittel des<br />

innerstädtischen Verkehrs allein durch<br />

54 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


<strong>die</strong> Parkplatzsuche <strong>–</strong> Autofahrer kostet<br />

das nervenaufreibende Autoabstellen<br />

nicht nur Zeit, sondern auch Kraftstoff.<br />

Vor <strong>die</strong>sem Hintergrund startete Bosch<br />

im März 2016 ein Pilotprojekt im Großraum<br />

Stuttgart. Um <strong>die</strong> Straßen und <strong>die</strong><br />

Umwelt zu entlasten, erfasst das Unternehmen<br />

in 15 Park-and-Ride-Anlagen<br />

über Sensoren, ob ein Parkplatz frei oder<br />

besetzt ist. Via Internet gelangen <strong>die</strong><br />

Daten in <strong>die</strong> IoT Cloud, wo in Echtzeit<br />

eine Karte freier Parkplätze entsteht. Alle<br />

Informationen sind sowohl über eine<br />

App als auch über <strong>die</strong> Internetseite des<br />

Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart<br />

(VVS) abruf bar.<br />

Ein weiteres Konzept für vernetzte Mobilität<br />

setzt Bosch aktuell mit verschiedenen<br />

Partnern um: Per digitalem Mobilitätsassistenten<br />

<strong>können</strong> Nutzer dabei ihre<br />

optimale Route mit unterschiedlichen<br />

Verkehrsmitteln ermitteln <strong>–</strong> inklusive<br />

des Umstiegs auf E-Bikes, Busse und<br />

Bahnen. Das Ziel: Weniger Staus, CO2-<br />

Emissionen und mehr Bereitschaft, das<br />

Auto öfter stehen zu lassen. Mit <strong>die</strong>sem<br />

Gemeinschaftsprojekt haben <strong>die</strong> beteiligten<br />

Unternehmen den Wettbewerb<br />

„moveBW“ des baden-württembergischen<br />

Die Bosch-Gruppe<br />

Die Bosch-Gruppe ist ein international<br />

führendes Technologie- und Dienstleistungsunternehmen<br />

mit weltweit<br />

rund 390.000 Mitarbeitern (Stand:<br />

31.12.2016). Die Aktivitäten gliedern<br />

sich in <strong>die</strong> vier Unternehmensbereiche<br />

Mobility Solutions, Industrial<br />

Technology, Consumer Goods sowie<br />

Energy and Building Technology.<br />

Basis für künftiges Wachstum ist <strong>die</strong><br />

Innovationskraft des Unternehmens.<br />

Bosch beschäftigt weltweit rund<br />

59.000 Mitarbeiter in Forschung und<br />

Entwicklung an 120 Standorten.<br />

Landesministeriums für Verkehr und<br />

Infrastruktur gewonnen.<br />

Smarte Energienetze: Wind und Sonne<br />

flexibel nutzen<br />

Intelligentes Energiemanagement<br />

gewinnt zunehmend an Bedeutung.<br />

Ehemals wenigen großen Kraftwerken<br />

stehen heute viele kleine, dezentrale<br />

Anlagen gegenüber. Viele davon nutzen<br />

Wind- oder Sonnenenergie. Die Herausforderung<br />

besteht darin, <strong>die</strong> kleinen<br />

Kraftwerke so ins Verteilnetz zu integrieren,<br />

dass unabhängig von Wettereinflüssen<br />

eine gleichmäßige, zuverlässige<br />

Stromversorgung gewährleistet ist. Die<br />

passende Technologie dafür liefert Bosch<br />

<strong>–</strong> und auch hier spielt Vernetzung eine<br />

wesentliche Rolle: Das Unternehmen<br />

stellt Energieversorgern eine Software<br />

zur Verfügung, mit deren Hilfe sich<br />

verschiedene Energieerzeugungs- und<br />

Speicheranlagen zu sogenannten Virtuellen<br />

Kraftwerken zusammenschließen<br />

lassen. Die Beispiele verdeutlichen:<br />

Vernetzte Produkte und Services helfen<br />

unter anderem, endliche Ressourcen zu<br />

schonen <strong>–</strong> und damit wichtige Nachhaltigkeitsziele<br />

zu erreichen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

55


GOOD PRACTICE<br />

BPW: Ein „Hidden<br />

Champion“ <strong>–</strong> auch in puncto<br />

Nachhaltigkeit<br />

BPW ist ein Musterbeispiel für einen Hidden Champion: Die meisten Verbraucher haben den<br />

Namen noch nie gehört, obwohl ohne <strong>die</strong> Produkte und Lösungen des Unternehmens in der<br />

Wirtschaft kaum etwas läuft. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn BPW mit Hauptsitz<br />

in <strong>Wie</strong>hl im Bergischen Land bei Köln erforscht, entwickelt und produziert weltweit <strong>die</strong><br />

Schlüsselkomponenten für den Warentransport auf der Straße.<br />

Nahezu alles, was einen Trailer in Bewegung<br />

bringt, digital vernetzt, sichert<br />

und beleuchtet, kommt aus der BPW<br />

Gruppe <strong>–</strong> und vor allem: jede Menge<br />

neue Ideen. Denn als einer der Weltmarktführer<br />

im Bereich Trailerachsen<br />

und -fahrwerksysteme hat sich BPW<br />

zum Vordenker und Innovationsführer<br />

der Transportbranche entwickelt.<br />

Alle Lösungen, Innovationen sowie <strong>die</strong><br />

gesamte Forschungs- und Entwicklungsarbeit<br />

von BPW zielen im Kern auf eine<br />

verbesserte Effizienz von Logistik- und<br />

Transportprozessen. Sie sollen den Treibstoffverbrauch,<br />

Abgas- und Lärmemissionen,<br />

aber auch den Verbrauch von Verschleißteilen<br />

ebenso spürbar verringern<br />

wie ungeplante Werkstattstopps, Pannen,<br />

Staus und unnötige Umwege. Auf <strong>die</strong>se<br />

Weise sind Effizienzgewinne immer auch<br />

ein Gewinn für Mensch und Umwelt <strong>–</strong><br />

eine bedeutende Aufgabe angesichts<br />

weltweit steigender Transportmengen.<br />

Unternehmenskultur fördert<br />

Innovationen<br />

<strong>Wie</strong> passt ein werteorientiertes Familienunternehmen<br />

in eine Zeit des<br />

digitalen Wandels? Bei BPW stehen<br />

Zugehörigkeit, Vertrauen und soziale<br />

Verantwortung im Zentrum der Unternehmenskultur<br />

<strong>–</strong> sie schafft ein<br />

besonderes Klima, in dem Ideen und<br />

Innovationen gedeihen <strong>können</strong>. Dies<br />

belegen regelmäßige Umfragen unter<br />

den Mitarbeitern und Preise, <strong>die</strong> BPW<br />

als einer der besten Arbeitgeber und<br />

Ausbildungsbetriebe <strong>Deutschland</strong>s auszeichnen.<br />

Freiräume und Selbstverantwortung<br />

für Mitarbeiter, lebenslanges<br />

Lernen und <strong>die</strong> Förderung individueller<br />

Talente sind <strong>die</strong> Grundlagen der Personalpolitik.<br />

BPW strebt langfristige, sichere<br />

Arbeitsverhältnisse in Festeinstellung<br />

an. „Hire & Fire“, Zeitarbeitsverträge<br />

und Lohnarbeiter, wie sie in der Automobil-<br />

und Zulieferindustrie durchaus<br />

keine Seltenheit sind, gehören nicht<br />

zur Personalstrategie von BPW. Durch<br />

besonders ergonomische „60+ Arbeitsplätze“<br />

sollen Mitarbeiter ein langes,<br />

produktives Arbeitsleben genießen und<br />

ihr Know-how weitergeben. Frauen und<br />

Familien fördert BPW unter anderem<br />

durch Betreuungsangebote für Kinder.<br />

BPW hat seine Innovationszentren für<br />

Elektromobilität, Mechatronik und vernetzten<br />

Transport gezielt mit jungen<br />

Talenten besetzt. Hier sind nicht nur <strong>die</strong><br />

Technik und Arbeitsumgebung innovativ:<br />

Die Teams genießen ein besonders<br />

hohes Maß an Eigenverantwortung und<br />

nutzen dabei fortschrittliche methodische<br />

Ansätze. Frei- und Querdenker<br />

sind bei BPW nicht nur willkommen,<br />

sondern finden moderne, motivierende<br />

Arbeitsbedingungen vor.<br />

So <strong>wir</strong>d jetzt der City-Transport<br />

elektrisiert<br />

Besonders in den Städten und Ballungsräumen<br />

sorgt der explosionsartig wachsende<br />

Online-Handel für zunehmende<br />

Belastungen. Verbraucher kaufen inzwischen<br />

zunehmend auch Lebensmittel<br />

und Dinge des täglichen Bedarfs im Netz.<br />

In der Folge nimmt der innerstädtische<br />

Lieferverkehr enorm zu. Deshalb fokussiert<br />

BPW seine Innovationen auf <strong>die</strong><br />

Bereiche Elektromobilität, Lärmminderung,<br />

Leichtbau und digitale Vernetzung<br />

des Transports.<br />

Dazu gehört zum Beispiel eine elektrische<br />

Achse (eTransport) für den emissionsfreien<br />

innerstädtischen Verteilerverkehr,<br />

mit der BPW <strong>die</strong> herkömmlichen<br />

56 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Oben:<br />

Umgerüsteter Transporter mit E-Achse<br />

Unten:<br />

Kreativtechniken im BPW Innovation Lab<br />

Denk- und Konstruktionsmuster des<br />

Verbrennungsmotors kurzerhand über<br />

Bord geworfen hat. Mit dem Konzept<br />

lässt sich <strong>die</strong> Anzahl an Fahrwerkskomponenten<br />

reduzieren, daher ist<br />

eTransport inklusive Batteriespeicher gewichtsneutral<br />

<strong>–</strong> und lässt sich so sogar<br />

in vorhandenen Fahrzeugen nachrüsten.<br />

BPW mit 100 %<br />

Ökostrom<br />

Elektrizität nutzt BPW nicht nur als<br />

Antriebsquelle: Mit ePower testet das<br />

Unternehmen einen Radnabengenerator,<br />

der beim Bremsvorgang Strom<br />

produziert und damit den Kühltransport<br />

revolutioniert <strong>–</strong> in dem er das lärmende<br />

und <strong>die</strong>selbetriebene Kühlaggregat<br />

zum Schweigen bringt. Auf <strong>die</strong>se Weise<br />

<strong>wir</strong>d künftig auch ein geräusch- und<br />

abgasarmer Kühltransport über Nacht<br />

möglich <strong>–</strong> vorbei am Stau.<br />

Förderung für Kinder<br />

und Jugendliche <strong>–</strong><br />

nicht nur für Überflieger<br />

BPW engagiert sich auf vielfältige<br />

Weise für Kinder und Jugendliche.<br />

Der BPW Jugendfonds weckt mit<br />

speziellen Aktionstagen in Kindergärten<br />

schon bei Vorschulkindern<br />

das Interesse für Mathematik,<br />

Informatik, Naturwissenschaft<br />

und Technik. Die Jugendinitiative<br />

unterstützt sowohl junge Talente<br />

als auch Kinder und Jugendliche<br />

mit besonderem Förderbedarf:<br />

Jugendlichen mit Defiziten in der<br />

Ausbildungsreife vermittelt BPW mit<br />

einem gezielten „Start-Programm“<br />

<strong>die</strong> Grundlagen für eine berufliche<br />

Zukunft. Das Ausbildungszentrum<br />

vermittelt auch politische Bildung<br />

und animiert Jugendliche, sich für<br />

<strong>die</strong> Gesellschaft zu engagieren.<br />

BPW verbindet Tradition und Innovation:<br />

Vor rund 120 Jahren ging das<br />

Unternehmen aus einem Hammerwerk<br />

hervor, das mit Wasserkraft<br />

angetrieben wurde. Heute arbeitet<br />

an <strong>die</strong>ser Stelle eine moderne<br />

Turbine, <strong>die</strong> mit Wasserkraft <strong>die</strong><br />

Hauptverwaltung im Stammwerk<br />

mit elektrischem Strom versorgt.<br />

Die Dachflächen sind bereits seit<br />

Jahren mit Solarpaneelen bestückt.<br />

Resultat: Einen Teil seines Strombedarfs<br />

deckt BPW aus eigener<br />

Produktion. Der Rest <strong>wir</strong>d von Energieversorgern<br />

ausschließlich aus<br />

erneuerbaren Energiequellen mit<br />

Herkunftsnachweis bezogen <strong>–</strong> d.h.<br />

ohne Atomkraft, Kohle oder andere<br />

fossile Energieträger. Sämtliche<br />

Werke werden für den firmeneigenen<br />

Pkw-Fuhrpark, der nahezu<br />

ausschließlich aus Hybrid- und<br />

E-Fahrzeugen besteht, weiter mit<br />

E-Tankstellen ausgerüstet; auch der<br />

werksinterne Verkehr <strong>wir</strong>d zunehmend<br />

mit elektrischen Fahrzeugen<br />

abgewickelt.<br />

Mehr Effizienz im Transport durch<br />

„Big Data“<br />

In einem Innovation Lab in Siegburg<br />

forscht und entwickelt BPW in Kooperation<br />

mit SAP an der digitalen Vernetzung<br />

von Warenströmen. Damit erweitert<br />

das Innovation Lab den Transportweg<br />

Autobahn zur Datenautobahn. Das Ziel<br />

ist <strong>die</strong> totale Transparenz im Transport:<br />

Durch <strong>die</strong> Echtzeit-Nachverfolgung von<br />

Fracht und Fahrzeug sowie Big Data-<br />

Analysen <strong>können</strong> <strong>die</strong> Produktions- und<br />

Ressourcenplanung in Unternehmen<br />

optimal mit den Transportprozessen<br />

vernetzt werden. Gleichzeitig arbeitet in<br />

<strong>Wie</strong>hl ein zweites Innovationszentrum<br />

für Mechatronik daran, mit ausgefeilter<br />

Sensorik dem Trailer das Sehen, Hören<br />

und Fühlen zu lehren. Das ermöglicht<br />

eine effizientere Beladung und mehr<br />

Sicherheit <strong>–</strong> nicht nur für Fracht, Fahrer<br />

und Fahrzeug, sondern auch für Fahrradfahrer<br />

und Fußgänger. Schon heute ist<br />

<strong>die</strong> BPW Gruppe mit ihrem Tochterunternehmen<br />

idem telematics Marktführer<br />

im Bereich der Trailer-Telematik und<br />

will <strong>die</strong>se Position durch wegweisende<br />

Innovationen weiter ausbauen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

57


GOOD PRACTICE<br />

CEWE überzeugt sich<br />

persönlich<br />

Seit September 2016 produziert der führende Fotofinisher CEWE das CEWE FOTOBUCH und<br />

alle Markenprodukte 100 Prozent klimaneutral. Dabei anfallende CO₂-Emissionen werden<br />

ausgeglichen durch ClimatePartner, ein Unternehmen, das Klimaschutzlösungen anbietet und<br />

bei der Umsetzung in konkrete Projekte unterstützt. Die Entscheidung bei CEWE fiel auf das<br />

Projekt Kasigau Wildlife Corridor in Kenia. Vier internationale Mitarbeiter aus dem Umweltmanagement<br />

des Unternehmens machten sich im Juli 2017 auf <strong>die</strong> Reise, um sich persönlich<br />

von dem Projekt in Kenia zu überzeugen.<br />

Von Dr. Matthias Hausmann, Leiter Umwelt und Chemie, CEWE<br />

Bereits seit vielen Jahren verfolgen <strong>wir</strong><br />

bei CEWE eine nachhaltige Umweltschutzstrategie,<br />

<strong>die</strong> <strong>wir</strong> stetig ausbauen.<br />

Unsere selbst auferlegten Richtlinien<br />

geben vor, dass <strong>wir</strong> Energie sparen, Klimaschutz<br />

vorantreiben, Wasser schützen,<br />

Luft und Boden rein halten, verantwortungsvoll<br />

Material einsetzen, Abfall reduzieren<br />

und Recyclingprozesse optimieren.<br />

Im September 2016 haben <strong>wir</strong> unser<br />

Klimaschutzengagement dadurch erweitert,<br />

dass <strong>wir</strong> unsere gesamte Markenproduktpalette<br />

durch das Waldschutzprogramm<br />

Kasigau Corridor in Kenia<br />

klimaneutral gestellt haben. Das Unternehmen<br />

ClimatePartner hilft uns bei der<br />

Umsetzung, indem es den CO 2-Verbrauch<br />

von CEWE überprüft und uns ausgewählte<br />

und zertifizierte Projekte zur Kompensation<br />

vermittelt. Konkret bedeutet <strong>die</strong>s,<br />

dass CEWE in gleicher Höhe des CO 2-<br />

Verbrauchs Emissionszertifikate kauft.<br />

Das Geld für <strong>die</strong>se Zertifikate geht dann<br />

an das ausgewählte Klimaschutzprojekt,<br />

durch das <strong>die</strong> entsprechende Menge CO 2<br />

gebunden und der Verbrauch damit ausgeglichen<br />

<strong>wir</strong>d. Wir haben uns für das<br />

von der UN initiierte Projekt Kasigau<br />

Wildlife Corridor entschieden, welches<br />

mit dem Gold Level für Klimaschutzprojekte<br />

vom CCB Standard ausgezeichnet<br />

wurde und <strong>die</strong> strengen Verified Carbon<br />

Standard (VCS)-Richtlinien erfüllt.<br />

Im afrikanischen Kenia werden durch<br />

das Projekt Kasigau für den Klimaschutz<br />

wichtige Waldflächen vor Brandrodung<br />

und Abholzung auf einer Fläche von<br />

200.000 Hektar geschützt, <strong>die</strong> sonst von<br />

der Bevölkerung für den täglichen Bedarf<br />

genutzt würden. Im Gegenzug <strong>wir</strong>d mit<br />

dem Geld aus den Emissionszertifikaten<br />

<strong>die</strong> Bevölkerung durch Bildung, Arbeit,<br />

Infrastruktur, Wasserversorgung und<br />

Aufklärung unterstützt, sodass <strong>die</strong>se<br />

nicht mehr auf Brandrodung angewiesen<br />

ist, außerdem werden bedrohte<br />

Tierarten, wie zum Beispiel Elefanten,<br />

geschützt.<br />

Über fünf Tage war ich mit drei weiteren<br />

Kollegen von CEWE zusammen mit<br />

Wildlife Works im Korridor unterwegs,<br />

damit <strong>wir</strong> uns vor Ort überzeugen konnten,<br />

dass das Projekt den Ansprüchen<br />

von CEWE gerecht <strong>wir</strong>d. Wir alle waren<br />

sehr beeindruckt von der Umsetzung<br />

des Projekts, Wildlife Works nimmt <strong>die</strong><br />

Berechnungen der CO 2 - Kapazitäten im<br />

Korridor sehr genau. So werden etwa<br />

innerhalb von fünf Jahren 500 Kontrollflächen<br />

vermessen: Von jedem Baum<br />

und Ast werden Umfänge ermittelt und<br />

damit Rückschlüsse auf das Holzvolumen<br />

gezogen. In Kombination mit<br />

Daten zur Dichte des Holzes sowie zur<br />

Baumsorte <strong>wir</strong>d damit <strong>die</strong> Menge des gebundenen<br />

CO 2 bestimmt. Somit kann <strong>die</strong><br />

gesamte Fläche des geschützten Waldes<br />

von 500 km 2 bewertet werden.<br />

Wir haben im Verlauf der fünf Tage vor<br />

Ort <strong>die</strong> Vielfalt der Arbeit von Wildlife<br />

Works erfahren <strong>können</strong>. Auch konnten<br />

<strong>wir</strong> einen Bürgermeister und eine<br />

Community Based Organisation (CBO)<br />

besuchen und mit ihnen sprechen. Die<br />

Gremien der CBO werden direkt von<br />

Wildlife Works-Mitarbeitern betreut.<br />

Die fünf wichtigsten Arbeitspunkte für<br />

<strong>die</strong> Gremien sind Wasser, Bildung, Gesundheit,<br />

der Human-Wildlife-Konflikt<br />

und <strong>die</strong> gerechte Organisation und Verteilung<br />

der Gelder. Dieses sind auch <strong>die</strong><br />

Hauptprobleme Afrikas. Wir durften in<br />

vielen Gesprächen erfahren, wie <strong>die</strong>se<br />

Gegebenheiten empfunden werden und<br />

welche Lösungsansätze es für <strong>die</strong> jeweiligen<br />

Themen gibt.<br />

58 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Wasser<br />

Im Kasigau hat es seit fast zwei Jahren<br />

nicht mehr geregnet. Die Dürre ist ein<br />

großes Problem für Menschen, Tiere und<br />

Pflanzen. Der Zugang zu Trinkwasser ist<br />

für viele Menschen dort schwierig und<br />

erfordert oft Anstrengungen, <strong>die</strong> <strong>wir</strong> in<br />

Europa und anderswo kaum nachvollziehen<br />

<strong>können</strong>. Die großen Wasser-Pipelines<br />

versorgen nur <strong>die</strong> Städte, <strong>die</strong> angelegten<br />

Wasserreservoirs sind weitläufig verteilt<br />

und stellen zudem eine Gesundheitsgefahr<br />

dar. Oft müssen Trinkwasser-Lkw<br />

zur Versorgung der Landbevölkerung<br />

ausrücken. Viele Wasserprojekte wurden<br />

von Wildlife Works betreut und<br />

mitfinanziert.<br />

Bildung<br />

Mit dem Geld aus den Emissionszertifikaten<br />

werden viele Stipen<strong>die</strong>n für <strong>die</strong><br />

Schule und auch für einige Hochschulen<br />

finanziert. Denn da <strong>die</strong> kenianische Regierung<br />

zu wenig Lehrer stellt, müssen<br />

von den Schulen private Lehrer zusätzlich<br />

eingestellt werden. Deren Gehalt<br />

<strong>wir</strong>d faktisch durch Gebühren finanziert,<br />

sodass Bildung in Kenia nur offiziell kostenfrei<br />

ist. Alle Schüler, <strong>die</strong> <strong>wir</strong> während<br />

unserer Reise besucht haben, haben sich<br />

im Unterricht ausgesprochen ruhig und<br />

respektvoll verhalten. Ein Zeichen dafür,<br />

dass auch von den Kindern <strong>die</strong> Bildung<br />

als besonders wertvoll angesehen <strong>wir</strong>d.<br />

Bei den Menschen dort ist angekommen,<br />

dass Verbesserung nur durch Bildung<br />

ermöglicht <strong>wir</strong>d.<br />

Gesundheit<br />

Es gibt im Korridor jeweils ein Gesundheitscenter<br />

in den größeren Orten, das<br />

meist alleine von einer Krankenschwester<br />

betreut <strong>wir</strong>d. Für <strong>die</strong> rund 100.000<br />

Bewohner der Gegend Kasigau gibt es<br />

lediglich zwei Ärzte. Durch das Projekt<br />

werden Medizinstudenten aus dem Kasigau<br />

mit Stipen<strong>die</strong>n unterstützt, in der<br />

Hoffnung, dadurch mehr einheimische<br />

Ärzte zu rekrutieren.<br />

Human-Wildlife-Konflikt<br />

Elefanten zertrampeln gelegentlich Ernten<br />

der Bauern und zerstören so quasi<br />

über Nacht deren Lebensgrundlage. Bis<br />

2013 wurde <strong>die</strong> Elefantenpopulation<br />

in Kenia von Wilderern und zornigen<br />

Bauern dramatisch reduziert. Hier sucht<br />

das Projekt effiziente Lösungskonzepte,<br />

wie zum Beispiel <strong>die</strong> Ausbildung von<br />

Wildlife-Rangern und <strong>die</strong> Errichtung von<br />

effektiven Zäunen zum Schutz der Ernte.<br />

Zum Einsatz kommen dabei beispielsweise<br />

Naturzäune aus Bienenstöcken und<br />

Büschen mit Chili <strong>–</strong> beides natürliche<br />

Abschreckungen für Elefanten.<br />

Governance<br />

Korruption ist ein großes Thema in<br />

Kenia. Daher muss <strong>die</strong> Naturschutzorganisation<br />

Wildlife Works sehr genau<br />

austarieren, wie <strong>die</strong> Gelder der Zertifikate<br />

verteilt werden. Die Community Based<br />

Organisations sind eine demokratische<br />

Möglichkeit, einen Kontrollmechanismus<br />

gegen Korruption einzuführen. Ein<br />

Drittel des Geldes aus den Emissionszertifikaten<br />

<strong>wir</strong>d treuhänderisch den<br />

CBOs zugeordnet, damit <strong>die</strong> kommunale<br />

Unterstützung gesichert ist.<br />

Nach <strong>die</strong>ser Reise sind <strong>wir</strong> noch mehr<br />

von <strong>die</strong>sem Projekt überzeugt, CEWE<br />

<strong>wir</strong>d daher auch künftig in <strong>die</strong>ses Projekt<br />

investieren und weiterhin nachhaltig für<br />

Mensch und Umwelt aktiv sein.<br />

Mehr Informationen zum Nachhaltigkeitsengagement<br />

von CEWE finden Sie unter:<br />

company.cewe.de/de/nachhaltigkeit<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

59


GOOD PRACTICE<br />

Nachhaltiges<br />

Geschäftsmodell mit<br />

transparenter Lieferkette<br />

Das Mietmodell setzt auf Mehrweg anstatt Einweg und ist schon deshalb an sich nachhaltig.<br />

Denn <strong>die</strong> Textilien werden hochwertig gefertigt und lange in einem Servicekreislauf eingesetzt.<br />

Kunden erhalten immer saubere und sichere Ware vom Experten.<br />

Von Dirk Baykal, CSR Koordinator bei CWS-boco<br />

CWS-boco bietet seinen Kunden Berufskleidung<br />

und Waschraumlösungen im<br />

Full-Service. Dies beinhaltet nicht nur <strong>die</strong><br />

Bereitstellung von Arbeitskleidung und<br />

Waschraumlösungen, sondern auch <strong>die</strong><br />

regelmäßige fachgerechte Aufbereitung<br />

der Kleidung und Stoffhandtuchrollen,<br />

<strong>die</strong> dann frisch gewaschen wieder angeliefert<br />

werden. Kleine Risse oder Löcher<br />

werden repariert und <strong>die</strong> Kleidung professionell<br />

instand gehalten.<br />

In den eigenen Hightech-<br />

Wäschereien werden <strong>die</strong><br />

Textilien gewaschen und<br />

wenn nötig repariert.<br />

Der Mietservice setzt auf <strong>die</strong> Langlebigkeit<br />

von Produkten. Um <strong>die</strong> lange<br />

Haltbarkeit der Textilien sicherzustellen,<br />

müssen hochwertige Materialien eingesetzt<br />

werden. Knöpfe, Reißverschlüsse<br />

oder Garne, <strong>die</strong> verarbeitet werden, müssen<br />

leasingfähig sein, das heißt sehr widerstandsfähig.<br />

Wo <strong>die</strong> Ware herkommt<br />

und wie sie verarbeitet <strong>wir</strong>d, überlässt<br />

CWS-boco nicht dem Zufall.<br />

Zertifizierte Lieferkette<br />

Auch im B2B-Bereich spielt Nachhaltigkeit<br />

eine immer bedeutendere Rolle. Gerade<br />

<strong>die</strong> Lieferkette von Lieferanten und<br />

Dienstleistern rückt immer mehr in den<br />

Fokus von Unternehmen, <strong>die</strong> ihre eigene<br />

Lieferkette transparent darlegen möchten<br />

und <strong>die</strong>s auch von ihren Partnern<br />

fordern. Insbesondere große und namhafte<br />

Unternehmen lassen zunehmend<br />

ihre eigene Lieferkette zertifizieren, indem<br />

sie auch von Lieferanten Transparenz<br />

verlangen. Ein bekannter Anbieter<br />

solcher Zertifizierungen ist EcoVadis.<br />

Diese unabhängige Prüfstelle stellt CSR-<br />

Ratings von Lieferanten für globale Lieferketten<br />

bereit. EcoVadis durchleuchtet<br />

Lieferanten in insgesamt 21 Kriterien der<br />

Bereiche Umwelt, Arbeitsbedingungen,<br />

Geschäftspraxis und Lieferkette. Ziel<br />

ist es, <strong>die</strong> Umwelt- und Sozialpraktiken<br />

von Unternehmen durch ein CSR-<br />

Performance-Monitoring innerhalb der<br />

Lieferkette zu fördern und Unternehmen<br />

bei der Verbesserung von Nachhaltigkeit<br />

zu unterstützen. So <strong>können</strong> Unternehmen<br />

ihr Handeln gegenüber Partnern<br />

und Kunden transparent machen. Die<br />

Lieferkette von CWS-boco hat seit 2015<br />

<strong>die</strong> höchste EcoVadis-Bewertung, den<br />

Gold-Status.<br />

Die Vorgeschichte kennen<br />

Soziale und Umwelt-Faktoren in der<br />

Lieferkette sind entscheidend. Dies betrifft<br />

nicht nur <strong>die</strong> Bedingungen bei der<br />

Konfektion, also in den Produktionsstätten,<br />

sondern beginnt bereits vorher.<br />

Wo kommt das Gewebe her? Wo und<br />

wie <strong>wir</strong>d <strong>die</strong>ses hergestellt? Viele Unternehmen,<br />

<strong>die</strong> ihre Produkte hinzukaufen,<br />

kennen deren Herstellungsort<br />

nicht. Doch müssen sich Lieferanten<br />

und Dienstleister, <strong>die</strong> sich zukunftsfähig<br />

aufstellen wollen, zunehmend damit<br />

beschäftigen, welche Prozesse in der<br />

eigenen Lieferkette stattfinden. Welche<br />

Abläufe gibt es in den Webereien und<br />

Färbereien und wo liegen dort soziale<br />

oder ökologische Gefahren? Dann gilt<br />

es, <strong>die</strong>se Prozesse aktiv zu beeinflussen.<br />

Durch enge Partnerschaften und Zusammenarbeit<br />

mit den eigenen Produzenten<br />

kontrolliert CWS-boco jeden Schritt seiner<br />

Lieferkette und kann <strong>die</strong>sen transparent<br />

darlegen. CWS-boco legt Wert darauf,<br />

mit allen Lieferanten eine Vereinbarung<br />

zu schließen, <strong>die</strong> auf den Grundlagen<br />

der ILO-Kernarbeitsnorm basiert. Dieser<br />

Code of Conduct umfasst neben dem<br />

Verbot von Zwangs- und ausbeuterischer<br />

Kinderarbeit sowie Vorgaben zum<br />

Umweltschutz auch eine Verpflichtung<br />

zur Durchsetzung seiner Zielvorgaben<br />

in tieferen Wertschöpfungsketten: Auf<br />

<strong>die</strong>se Weise kann CWS-boco aktiv zu<br />

einem sozialen Wandel beitragen. Über<br />

60 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Transparenz in der Lieferkette<br />

1. Baumwolle 2. Spinnerei 3. Weberei 4. Färben 5. Konfektion 6. Ausliefern<br />

Intensität der<br />

ökologischen<br />

Wesentlichkeit<br />

Intensität der<br />

sozialen<br />

Wesentlichkeit<br />

Die CWS-boco Lieferkette im Detail<br />

95 Prozent des Einkaufsvolumens <strong>wir</strong>d<br />

mit Lieferanten abgewickelt, <strong>die</strong> den<br />

Verhaltenskodex unterschrieben haben.<br />

Mehr Transparenz mit Fairtrade<br />

Mit einem Partner wie Fairtrade <strong>wir</strong>d<br />

<strong>die</strong> Lieferkette nachvollziehbar. Denn<br />

möchte ein Unternehmen Fairtrade-<br />

Baumwolle in seiner Berufskleidung<br />

einsetzen, verlangt Fairtrade für alle<br />

Stationen der Lieferkette eines Produktes<br />

ein Sozialtestat. Dies geht immer<br />

mit einem unabhängigen Audit einher.<br />

Unternehmen <strong>können</strong> großen Einfluss<br />

auf ihre eigenen Lieferanten nehmen<br />

und dadurch auch <strong>die</strong> Welt ein kleines<br />

bisschen besser machen. Am Ende profitieren<br />

beide Seiten davon, der Anbieter<br />

gleichermaßen wie der Lieferant. Der<br />

Fairtrade-Mindestpreis deckt <strong>die</strong> Kosten<br />

eines nachhaltigen Baumwollanbaus<br />

und sichert <strong>die</strong> Kleinbauern und deren<br />

Familien gegenüber Marktschwankungen<br />

ab. Strenge Umweltstandards<br />

verbieten u.a. gentechnisch veränderte<br />

Saaten und schränken zudem den Einsatz<br />

von Pestiziden und Chemikalien<br />

ein. Auch Kunden, <strong>die</strong> sich für Fairtrade-<br />

Berufskleidung entscheiden, profitieren.<br />

Denn für sie <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Herkunft der<br />

Kleidung transparent. Über einen Code<br />

im Etikett kann der Träger mehr über<br />

<strong>die</strong> produzierenden Baumwollbauern<br />

erfahren, <strong>die</strong> von der fair gehandelten<br />

Baumwolle profitieren. Zudem zeigen<br />

<strong>die</strong> Mitarbeiter nach außen, dass ihr<br />

Arbeitgeber auf nachhaltige Beschaffung<br />

setzt. Denn jedes Kleidungsteil ist<br />

mit einem Fairtrade-Label versehen, das<br />

gegenüber Partnern und Kunden ein<br />

positives Image vermittelt. CWS-boco<br />

führte 2016 seine erste Berufskleidungskollektion<br />

für Handwerk und Industrie<br />

mit Fairtrade-Baumwolle ein, <strong>die</strong> dank<br />

der vielen Farbvarianten von vielen Branchen<br />

eingesetzt werden. Heute bietet<br />

CWS-boco bereits vier Kollektionen an.<br />

Allein 2016 wurden über 200 Tonnen<br />

Fairtrade-Rohbaumwolle abgenommen.<br />

Dies macht das Unternehmen zu einem<br />

der international größten Anbieter von<br />

Fairtrade-Berufskleidung.<br />

Aus alt mach neu<br />

Auch im Bereich Waschraum setzt CWSboco<br />

mit seiner Marke CWS und dem<br />

Stoffhandtuch auf Nachhaltigkeit. Auch<br />

<strong>die</strong>ses <strong>wir</strong>d gewaschen und dem Kunden<br />

wieder angeliefert. Bis zu 11.000 Händepaare<br />

trocknet eine Stoffhandtuchrolle<br />

in ihrem Leben und verursacht<br />

währenddessen keinen Abfall. Das spart<br />

enormen Entsorgungsaufwand. Eine<br />

Rolle <strong>wir</strong>d rund 100 Mal gewaschen<br />

und ersetzt dank des Mehrwegprinzips<br />

dabei etwa 22.000 Papierhandtücher *.<br />

Für den Einsatz von Stoffhandtuchrollen,<br />

Seifenschaumspendern und Recyclingtoilettenpapier<br />

vergibt CWS sein eigenes<br />

Umweltlabel ecoilet an Kunden und<br />

zeichnet so nachhaltige Waschräume aus.<br />

Nicht nur das Stoffhandtuch selbst ist<br />

eine grüne Lösung, sondern auch <strong>die</strong><br />

Spender selbst. Im eigenen Upcyclingcenter<br />

wurden im vergangenen Jahr mehr<br />

als 44.500 defekte Exemplare repariert,<br />

<strong>die</strong> danach wieder eingesetzt wurden.<br />

Die Spender, <strong>die</strong> nicht repariert werden<br />

<strong>können</strong>, erhalten ein neues Leben.<br />

Der Kunststoff älterer Spender <strong>wir</strong>d zu<br />

Granulat und für <strong>die</strong> Produktion neuer<br />

Spender verwendet. Das ausgeschriebene<br />

Ziel des Unternehmens lautet, bis 2020<br />

eine Upcyclingstrategie zu entwickeln,<br />

<strong>die</strong> sämtliche Produkte und Verpackungen<br />

umfasst.<br />

*Ausgehend von ca. 100 Waschzyklen einer „CWS<br />

Slim-Rolle“, <strong>die</strong> rund 110 Portionen pro saubere<br />

Rolle liefert, legt man eine Verwendung von zwei<br />

einfachen Papierhandtüchern mittlerer Art und<br />

Güte je Händlerordnung zugrunde.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

61


GOOD PRACTICE<br />

An eine nachhaltige<br />

Mobilität für <strong>die</strong> Städte<br />

von morgen denken<br />

Urbane Ballungszentren sehen sich zunehmend mit Verkehrschaos, Lärmbelastung und Luftverschmutzung<br />

konfrontiert. Digitalisierung und eine sich verändernde Konsumkultur sorgen<br />

darüber hinaus für einen steigenden Bedarf an alternativen Mobilitätskonzepten. Nachhaltige<br />

Mobilität <strong>–</strong> und besonders auch der Öffentliche Personennahverkehr <strong>–</strong> nimmt eine Schlüsselrolle<br />

bei der Ver<strong>wir</strong>klichung der Sustainable Development Goals ein. Mit innovativen Technologien<br />

sowie intelligenten Mobilitätslösungen trägt Daimler Buses dabei insbesondere zur Umsetzung<br />

des elften Ziels, einer nachhaltigen Stadtentwicklung, bei.<br />

Von Hartmut Schick, Head of the Division Daimler Buses<br />

Schon heute decken Busse einen großen<br />

Anteil am gesamten öffentlichen<br />

Nahverkehrsbedarf ab. In vielen Städten<br />

der Welt ist der Bus das einzig verfügbare<br />

öffentliche Verkehrsmittel. Als<br />

feste Größe im Stadtverkehr ist es das<br />

umweltfreundlichste: Umgerechnet auf<br />

<strong>die</strong> Fahrgäste verbraucht kein anderes<br />

Verkehrsmittel so wenig Kraftstoff und<br />

stößt so wenig Kohlendioxid aus. Statistisch<br />

gesehen ist es zudem das sicherste<br />

Verkehrsmittel auf den Straßen.<br />

Die Urbanisierung stellt Städte allerorts<br />

vor große Herausforderungen. Stu<strong>die</strong>n<br />

gehen davon aus, dass im Jahr <strong>2030</strong> 41<br />

Städte mehr als zehn Millionen Einwohner<br />

zählen werden. Bis 2050 leben 67<br />

Prozent, manchen Stu<strong>die</strong>n zufolge sogar<br />

bis zu 80 Prozent der Weltbevölkerung<br />

in den Städten. Bis dahin <strong>wir</strong>d sich <strong>die</strong><br />

Zahl jährlich zurückgelegter Personenkilometer<br />

mit öffentlichen Verkehrsmitteln<br />

nahezu verdreifachen. Aufgrund seiner<br />

positiven Eigenschaften ist <strong>die</strong> Rolle des<br />

Busses bei der Bewältigung der sich verändernden<br />

Mobilitätbedürfnisse einer<br />

stetig wachsenden, urbanen Bevölkerung<br />

somit zentraler denn je.<br />

Weniger Emissionen, weniger Lärm <strong>–</strong><br />

mehr Klimaschutz<br />

Die Entwicklung batteriebetriebener und<br />

weiterer alternativer Antriebslösungen<br />

<strong>wir</strong>d <strong>die</strong> niedrige CO 2-Bilanz des Busses<br />

im Sinne einer umweltgerechten Stadtentwicklung<br />

weiter verringern. Wichtig<br />

ist <strong>die</strong>s für den Klimaschutz und um der<br />

Gesundheitsgefährdung durch Luftverschmutzung,<br />

<strong>die</strong> vor allem in Entwicklungsländern<br />

akut ist, entgegenzu<strong>wir</strong>ken.<br />

Wir erwarten, dass bis zum Jahr <strong>2030</strong> 70<br />

Prozent aller neu zugelassenen Stadtbusse<br />

emissionsfrei fahren werden. Um den<br />

besten Ansatz für <strong>die</strong> Umstellung von<br />

Bus-Flotten auf einen emissionsfreien<br />

Betrieb zu finden, setzen <strong>wir</strong> auf eine<br />

enge Vernetzung mit den Städten. Hier<br />

leisten <strong>wir</strong> mit eMobility Consulting beim<br />

Aufbau verlässlicher und flottenfähiger E-<br />

Mobilitätkonzepte umfassende Beratung<br />

für <strong>die</strong> Verkehrsbetriebe.<br />

Daimler Buses fertigt den batterieelektrischen<br />

Stadtbus ab 2018 in Serie. Weil<br />

Dieselbusse weltweit trotzdem noch lange<br />

Zeit eine Rolle spielen, entwickeln <strong>wir</strong><br />

den Dieselantrieb weiter, indem <strong>wir</strong> ihn<br />

noch effizienter und umweltfreundlicher<br />

machen. Gleichzeitig treiben <strong>wir</strong> mit Erdgas-<br />

und Hybridlösungen <strong>die</strong> Entwicklung<br />

alternativer Antriebe mit geringerem<br />

Verbrauch kontinuierlich voran.<br />

Intelligente Mobilitätslösungen:<br />

vernetzt, sicher, effizient<br />

Mit dem Trend von Shared Mobility,<br />

durch den Fahrzeuge zunehmend geteilt<br />

und Mobilitätsangebote gemeinsam genutzt<br />

werden, wächst <strong>die</strong> Bedeutung der<br />

Intermodalität, einer intelligenten Vernetzung<br />

verschiedener Verkehrsmittel im<br />

urbanen Raum, mit dem Ziel, schnell von<br />

62 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


A nach B zu kommen. Unser 2016 neu<br />

eingerichtetes Innovation Lab Mobility<br />

Solutions arbeitet unter anderem an<br />

der Weiterentwicklung digitaler Dienstleistungen,<br />

um konkrete Lösungen für<br />

<strong>die</strong> urbane Mobilität umzusetzen. Zum<br />

Beispiel ermöglichen speziell entwickelte<br />

Apps, Busfahrern ein direktes Feedback<br />

zu ihrer Fahrweise und sorgen so für<br />

weniger Kraftstoffverbrauch und erhöhte<br />

Sicherheit. Flexibilität und Komfort der<br />

Reisenden <strong>können</strong> zudem zukünftig<br />

durch Kooperationen zwischen Bushersteller<br />

und -betreibern im Rahmen von<br />

on-Demand-Konzepten wie einem Rufbus<br />

erhöht werden.<br />

Mit steigendem Verkehrsaufkommen<br />

werden Städte unübersichtlicher <strong>–</strong> das<br />

Unfallrisiko steigt. Deshalb setzen <strong>wir</strong><br />

alles daran, dass Busse künftig noch sicherer<br />

werden, als sie es heute schon sind.<br />

Unsere Vision des unfallfreien Fahrens<br />

verfolgen <strong>wir</strong> mit Sicherheits- und Assistenzsystemen.<br />

Diese werden immer<br />

leistungsfähiger und sorgen dafür, dass<br />

Unfälle gar nicht erst passieren.<br />

Darüber hinaus geht mit zunehmendem<br />

Automatisierungsgrad der Assistenzfunktionen<br />

und der Vernetzung mit anderen<br />

Fahrzeugen und Infrastrukturen <strong>die</strong><br />

Entwicklung hin zum (teil-)autonomen<br />

Fahren. Unser teilautonom fahrender<br />

Mercedes-Benz Future Bus, der 2016<br />

seine Premierenfahrt absolvierte, zeigt<br />

das Potenzial, den Verkehrsfluss und <strong>die</strong><br />

Verkehrssicherheit im urbanen Straßenverkehr<br />

weiter zu erhöhen.<br />

In Anlehnung an den Internationalen<br />

Verband für öffentliches Verkehrswesen<br />

(UITP) unterstützen <strong>wir</strong> das Ziel, den<br />

Umfang des öffentlichen Transports bis<br />

2025 zu verdoppeln. Innovative, urbane<br />

Mobilitätskonzepte wie Bus Rapid<br />

Transit (BRT) <strong>–</strong> separate Busspuren mit<br />

Haltestellenplattformen, <strong>die</strong> bereits in<br />

vielen Städten weltweit eingesetzt werden<br />

<strong>–</strong> sind dafür unerlässlich. Denn<br />

BRT-Systeme lassen sich günstiger und<br />

schneller implementieren als andere<br />

Verkehrssysteme und ermöglichen einen<br />

effizienten, <strong>wir</strong>tschaftlichen und<br />

besonders umweltfreundlichen Personentransport.<br />

Wichtig ist, dass BRT-Systeme<br />

nicht als unabhängige Transportprojekte<br />

betrachtet werden, sondern in der<br />

Stadtentwicklung mit einer Vision für<br />

<strong>die</strong> Umgebung um <strong>die</strong> BRT-Haltestellen<br />

verbunden sind. Mit Wohn-, Bildungs-,<br />

Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten in<br />

Haltestellennähe ermöglichen sie Menschen<br />

nicht nur Mobilität, sondern auch<br />

gesellschaftliche Teilhabe.<br />

Wir sind uns sicher: Für den ÖPNV hält<br />

<strong>die</strong> Zukunft viele spannende Entwicklungen<br />

bereit. Dabei werden nicht nur<br />

der Bus als Verkehrsträger, sondern auch<br />

innovative Mobilitätslösungen einen<br />

Beitrag zu einer nachhaltigeren Mobilität<br />

im urbanen Raum <strong>–</strong> und darüber<br />

hinaus <strong>–</strong> leisten. Als verantwortungsbewusster<br />

Bushersteller tragen <strong>wir</strong> daher<br />

auch künftig dazu bei, urbane Lebensräume<br />

nachhaltig mitzugestalten und<br />

<strong>die</strong> Lebensqualität in den Städten zu<br />

verbessern. Damit leisten <strong>wir</strong> wichtige<br />

Beiträge für <strong>die</strong> Nachhaltigkeit unseres<br />

Unternehmens und nicht zuletzt <strong>die</strong><br />

Sustainable Development Goals.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

63


GOOD PRACTICE<br />

Globale Ziele mit<br />

Null-Emissionen-Logistik<br />

erreichen<br />

Deutsche Post DHL Group ist<br />

das weltweit führende Unternehmen<br />

für Logistik und Briefkommunikation.<br />

Die Gruppe<br />

konzentriert sich darauf, in<br />

ihren Kerngeschäftsfeldern<br />

weltweit <strong>die</strong> erste Wahl für<br />

Kunden, Arbeitnehmer und<br />

Investoren zu sein. Als langjähriger<br />

Partner der Vereinten<br />

Nationen steht Deutsche Post<br />

DHL Group hinter den UN-<br />

Zielen für Nachhaltige<br />

Entwicklung (Sustainable<br />

Development Goals, <strong>SDGs</strong>). In<br />

allen Bereichen unserer<br />

„Family of Divisions“ haben <strong>wir</strong><br />

bereits <strong>die</strong> Weichen für nachhaltige<br />

Entwicklung gestellt.<br />

Von Prof. Dr. Christof E. Ehrhart, Executive Vice<br />

President Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung,<br />

Deutsche Post DHL Group<br />

Deutsche Post DHL Group unterstützt<br />

alle 17 Ziele der Vereinten Nationen für<br />

Nachhaltige Entwicklung. Viele Aspekte<br />

haben <strong>wir</strong> bereits in unsere Konzernaktivitäten<br />

und Programme aufgenommen.<br />

Das „Impact Wheel“ steht als Infografik<br />

für ein sich drehendes Rad, <strong>die</strong> zahlreichen<br />

Produkte und Services mit gesellschaftlichem<br />

Mehrwert sind seine Speichen.<br />

Jedes Mal, wenn das Rad sich dreht,<br />

unterstützt es nicht nur <strong>die</strong> Strategieziele<br />

unseres Konzerns, sondern zeigt auch,<br />

wie <strong>die</strong> Kerngeschäftsfelder von Deutsche<br />

Post DHL Group <strong>–</strong> insbesondere in<br />

den Bereichen Umwelt, Gesundheit und<br />

Logistikinfrastruktur <strong>–</strong> bereits einen<br />

wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung<br />

weltweit leisten. Ein sichtbarer<br />

Nachweis für <strong>die</strong> Bemühungen unseres<br />

Unternehmens ist der StreetScooter. Der<br />

StreetScooter ist ein von Deutsche Post<br />

DHL Group entwickeltes Elektrofahrzeug<br />

für <strong>die</strong> umweltfreundliche Zustellung<br />

in Innenstädten. Nach einem erfolgreichen<br />

Pilotprojekt in Bonn werden Pakete<br />

nun in sechs großen deutschen Städten<br />

mit dem rein elektrisch betriebenen<br />

Fahrzeug ausgeliefert. Wir planen, im<br />

nächsten Jahr 10.000 solcher Fahrzeuge<br />

zu produzieren und in Betrieb zu nehmen.<br />

Diese Art der Zustellung trägt dazu<br />

bei, den Ausstoß von Treibhausgasen in<br />

Wohngebieten zu reduzieren.<br />

Umweltaus<strong>wir</strong>kung unseres Unternehmens<br />

minimieren<br />

Auf dem Impact Wheel ist der Street-<br />

Scooter im Abschnitt Umweltschutz<br />

angesiedelt. Deutsche Post DHL Group<br />

ist Vorreiter auf <strong>die</strong>sem Gebiet. Mit dem<br />

konzernweiten Umweltschutzprogramm<br />

GoGreen hat das Unternehmen seine<br />

CO2-Effizienz im Vergleich zum Basisjahr<br />

2007 bereits jetzt um 30 Prozent verbessert<br />

<strong>–</strong> vier Jahre früher als geplant. Das<br />

im März 2017 bekannt gegebene neue<br />

Klimaschutzziel ist bahnbrechend für<br />

den Transportsektor: Wir wollen bis 2050<br />

alle logistikbezogenen Emissionen auf<br />

null reduzieren. Dieses Ziel werden <strong>wir</strong><br />

mit Hilfe neuer Technologien, dem Engagement<br />

und der Expertise unserer Mitarbeiter<br />

sowie durch <strong>die</strong> Zusammenarbeit<br />

mit unseren Kunden und Partnern erreichen.<br />

Auf <strong>die</strong>se Weise leistet der Konzern<br />

seinen Beitrag zum Ziel der UN-Klimakonferenz<br />

in Paris, <strong>die</strong> Erderwärmung<br />

64 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


OGISTIKLÖSUNGEN MIT GESELLSCHAFTLICHEM MEHRWERT<br />

schen und verbessern ihr Leben.<br />

Medical Express<br />

DHL Paketkopter<br />

Klinische Depots<br />

GAVI<br />

DHL Coldchain:<br />

Temperaturgeführte<br />

Logistik<br />

DHL Thermonet<br />

Netzwerk<br />

auf weniger<br />

als zwei<br />

Grad Celsius zu<br />

begrenzen sowie zu<br />

SDG 11 (Klimaschutz) und<br />

13 (Nachhaltige Städte und Gemeinden).<br />

Diese beiden Ziele gehören zu<br />

den fünf <strong>SDGs</strong>, auf <strong>die</strong> sich Deutsche<br />

Post DHL Group primär fokussiert. Die<br />

Ziele hochwertige Bildung, menschenwürdige<br />

Arbeit und Wirtschaftswachstum,<br />

nachhaltige Städte und Gemeinden,<br />

Maßnahmen zum Klimaschutz sowie<br />

Partnerschaften für <strong>die</strong> Ziele spiegeln<br />

<strong>die</strong> Verantwortung des Unternehmens<br />

wider und sind am besten geeignet, Lösungen<br />

für <strong>die</strong> Herausforderungen einer<br />

nachhaltigen Entwicklung zu bieten.<br />

Hochwertige Bildung für alle<br />

Als einer der größten Arbeitgeber weltweit<br />

sind <strong>wir</strong> auf unsere Mitarbeiter angewiesen.<br />

Denn sie sind es, <strong>die</strong> Menschen<br />

verbinden und deren Leben verbessern.<br />

Eine zukunftsorientierte und nachhaltige<br />

Personalentwicklung ist daher für<br />

unseren langfristigen Geschäftserfolg<br />

entscheidend. Wir bieten lebenslange<br />

Entwicklungsmöglichkeiten für unsere<br />

bestehenden sowie Trainingsprogramme<br />

für zukünftige Mitarbeiter. Im Rahmen<br />

unserer inklusiven und gerechten hochwertigen<br />

Bildungsprogramme bieten<br />

Gesundheits-/Logistikinnovationen<br />

Unterstützung von<br />

Get Airports<br />

Ready for Disaster<br />

Sicherer globaler Zugang zu<br />

Hilfsgüterlogistik<br />

DHL Disaster<br />

Response Team<br />

Globale<br />

Lagerkapazität<br />

Gesundheitsprodukten<br />

Lösungen von<br />

DPDHL Group<br />

schaffen<br />

gesellschaftlichen<br />

Mehrwert<br />

GESUNDHEIT<br />

Resilience 360<br />

E-Fahrzeuge<br />

LO GISTIK-<br />

Lärmreduktion<br />

UMWELT<br />

INFR ASTRUK TUR<br />

und Kommunikation<br />

Schutz<br />

natürlicher<br />

Ressourcen<br />

Globaler sowie lokaler Transport<br />

Globales Logistik<br />

Netzwerk<br />

Fahrradzustellung<br />

Rückführungs-<br />

sowie sonstigen Treibhausgasund<br />

Schadstoffemissionen<br />

E-POST<br />

l ogistik-Lösungen<br />

Minderung von CO ² Emissionen<br />

Electroreturn<br />

Envirosolutions<br />

Die Post für<br />

<strong>Deutschland</strong><br />

Intermodal<br />

Teardrop Anhänger<br />

DHL Express<br />

Fahrradzustellung<br />

StreetScooter<br />

SmartTruck<br />

<strong>wir</strong> auch<br />

Berufsausbildungsmöglichkeiten<br />

für Menschen mit<br />

Behinderung.<br />

Mit unserem GoTeach-Programm wollen<br />

<strong>wir</strong> <strong>die</strong> Bildungs- und Berufschancen<br />

junger Menschen verbessern. Ziel unserer<br />

Partnerschaft mit Teach For All<br />

ist es, das Potenzial junger Menschen<br />

zu entfalten. Überall auf der Welt sind<br />

Bildungschancen ungerecht verteilt. Das<br />

Bildungsnetzwerk hat sich der Idee verschrieben,<br />

dass jedes Kind, unabhängig<br />

vom sozialen Status seiner Eltern, Zugang<br />

zu exzellenter Bildung haben sollte.<br />

Durch unsere strategische Partnerschaft<br />

mit SOS-Kinderdörfer im Rahmen des<br />

GoTeach-Programms fördern <strong>wir</strong> <strong>die</strong><br />

Berufschancen sozial benachteiligter<br />

junger Menschen.<br />

Globalen Handel erleichtern und dadurch<br />

Wachstum unterstützen<br />

Logistik ist das Rückgrat der <strong>wir</strong>tschaftlichen<br />

Entwicklung und des Wohlstands.<br />

Als globaler Logistikanbieter erleichtern<br />

<strong>wir</strong> den globalen Handel und unterstützen<br />

das Wirtschaftswachstum.<br />

Wir schaffen Arbeitsplätze für unsere<br />

510.000 Mitarbeiter sowie unsere Partner<br />

und Lieferanten. Bei allem, was <strong>wir</strong> tun,<br />

folgen <strong>wir</strong> unseren Grundsätzen für verantwortungsvolles<br />

unternehmerisches<br />

Handeln. Unsere Mitarbeiter sind ein<br />

wichtiger Stützpfeiler unseres Unternehmens.<br />

Unser Selbstverständnis als<br />

verantwortungsvoller Arbeitgeber gründet<br />

auf unserem Verhaltenskodex. Dazu<br />

gehören der Schutz der Menschenrechte<br />

und dem lokalen Kontext entsprechende<br />

angemessene Arbeitsbedingungen sowie<br />

<strong>die</strong> Berücksichtigung der Diversität unserer<br />

Mitarbeiter.<br />

Zusammenarbeit mit Partnern für<br />

eine nachhaltige Wirkung<br />

Neue und bestehende Partnerschaften<br />

sind eine der strategischen Säulen von<br />

Deutsche Post DHL Group im Umgang<br />

mit globalen Herausforderungen. Im<br />

Rahmen unserer Corporate-Responsibility-Programme<br />

arbeiten <strong>wir</strong> mit zuverlässigen<br />

und globalen Partnern, wie<br />

dem UN-Büro für <strong>die</strong> Koordinierung humanitärer<br />

Angelegenheiten und dem<br />

Entwicklungsprogramm der Vereinten<br />

Nationen für unsere Aktivitäten im<br />

Katastrophenmanagement zusammen.<br />

Darüber hinaus steht Deutsche Post DHL<br />

Group im offenen Dialog mit unseren<br />

internen und externen Stakeholdern, um<br />

eine verantwortungsvolle und nachhaltige<br />

Geschäftsstrategie sicherzustellen.<br />

Dieser Austausch und <strong>die</strong>se Allianzen<br />

tragen maßgeblich zum Erfolg unserer<br />

Maßnahmen im Bereich Unternehmensverantwortung<br />

bei. Unser soziales Engagement<br />

bekunden <strong>wir</strong> auch durch <strong>die</strong><br />

ehrenamtlichen Projekte unserer Mitarbeiter.<br />

In ihren lokalen Gemeinschaften<br />

tragen sie zur Lösung von Problemen<br />

bei und leisten dadurch nicht nur einen<br />

Beitrag für <strong>die</strong> Gesellschaft, sondern<br />

schaffen ein Gemeinschafts- und Teamgefühl,<br />

das uns auch am Arbeitsplatz<br />

bereichert.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

65


GOOD PRACTICE<br />

E.ON macht das Stromnetz<br />

fit für <strong>die</strong> Zukunft<br />

Immer mehr Strom <strong>wir</strong>d regenerativ und dezentral erzeugt. Das ist wichtig, denn gleichzeitig<br />

wächst unser täglicher Strombedarf. Der angestrebte Ausbau der Elektromobilität<br />

stellt Stromnetze und -versorgung künftig vor zusätzliche Herausforderungen. E.ON will<br />

seinen Teil zu einem zukunftsfähigen Energiesystem beitragen. Eine Schlüsselrolle spielt<br />

hierbei <strong>die</strong> Kooperation mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule<br />

(RWTH) Aachen.<br />

Dass sich <strong>die</strong> Elektromobilität weiter<br />

durchsetzen <strong>wir</strong>d, gilt als sicher. Doch<br />

Ausmaß, Tempo und damit auch der<br />

Ausbau der Infrastruktur sind offene<br />

Fragen. An den Voraussetzungen dafür <strong>–</strong><br />

ein schnelleres Aufladen, eine größere<br />

Reichweite und ein dichteres Netz an<br />

Ladesäulen <strong>–</strong> arbeiten deshalb alle Beteiligten<br />

mit Nachdruck.<br />

Ein Blick in <strong>die</strong> Labore der RWTH Aachen<br />

zeigt, was in Sachen Elektromobilität in<br />

Zukunft möglich ist. Zum Beispiel beim<br />

Thema Batterietechnik: Am Institut für<br />

Stromrichtertechnik und Elektrische<br />

Antriebe (ISEA) entwickelt und testet<br />

das Team um Professor Dirk Uwe Sauer<br />

<strong>die</strong> Batterien der Zukunft. Sie sollen<br />

leistungsfähiger, langlebiger, günstiger<br />

und gleichzeitig sicherer und zuverlässiger<br />

werden. In einem anderen Gebäude<br />

auf dem Hochschulcampus der RWTH<br />

Aachen geht man einer weiteren Frage<br />

nach: <strong>Wie</strong> lassen sich <strong>die</strong> Stromnetze für<br />

den potenziellen Bedarf von Millionen<br />

Elektrofahrzeugen wappnen?<br />

Das komplexe Thema des Netzaus- und<br />

-umbaus kann weder von der Wissenschaft<br />

noch der Wirtschaft alleine umgesetzt<br />

werden. In dem vom Bundesministerium<br />

für Bildung und Forschung<br />

(BMBF) geförderten „Forschungscampus<br />

Flexible Elektrische Netze“, kurz FEN,<br />

erforschen deshalb 15 Institute der<br />

RWTH Aachen gemeinsam mit internationalen<br />

Industriepartnern <strong>–</strong> darunter<br />

E.ON <strong>–</strong>, wie <strong>die</strong> Stromnetze fit für <strong>die</strong><br />

Zukunft gemacht werden <strong>können</strong>. Lösungswege<br />

zeichnen sich bereits heute<br />

ab: Viele erneuerbare Energiequellen<br />

wie Windparks an Land und auf See<br />

oder Solarzellen auf den Dächern der<br />

Verbraucher treten an <strong>die</strong> Stelle einer<br />

„Top-Down-Verteilung“ mit wenigen zentralen<br />

Großkraftwerken. Professor Rik<br />

De Doncker, der das Mittelspannungs-<br />

Konsortium innerhalb des FEN leitet,<br />

erläutert: „Klassische Verteilernetze sind<br />

radial aufgebaut, das heißt sie sind keine<br />

Verbundnetze wie etwa das Hochspannungsnetz.<br />

Deswegen ist es nur möglich,<br />

Energie zwischen Unterwerken, <strong>die</strong> eine<br />

Straße oder ein Stadtviertel versorgen,<br />

über das Hochspannungsnetz auszutauschen.“<br />

Zur Zeit der Liberalisierung der<br />

Energiemärkte wurden zahllose Mengen<br />

an dezentralen Energiequellen <strong>–</strong> wie<br />

Photovoltaik, Windturbinen und Kraft-<br />

Wärme-Kopplungssysteme <strong>–</strong> installiert,<br />

nicht nur in <strong>Deutschland</strong>, sondern europaweit.<br />

„Diese dezentralen Erzeuger<br />

speisen Energie in <strong>die</strong> Mittel- und Niederspannungsverteilernetze.<br />

Diese <strong>können</strong><br />

jedoch nur bedingt Energie aufnehmen,<br />

um <strong>die</strong> Stromversorgungsqualität zu<br />

gewährleisten“, ergänzt Rik De Doncker.<br />

Hier setzt <strong>die</strong> Arbeit des Forschungscampus<br />

FEN an: Unter anderem untersucht<br />

man, wie Verteilernetze Energie<br />

zwischen Erzeugern und Verbrauchern<br />

flexibel austauschen <strong>können</strong>. Eine<br />

Schlüsselrolle spielt hierbei <strong>die</strong> Gleichspannungstechnik<br />

auf Basis modernster<br />

Leistungselektronik, eine Technologie,<br />

<strong>die</strong> im Mittel- und Niederspannungsbereich<br />

derzeit noch nicht angewendet<br />

<strong>wir</strong>d. Rik De Doncker ergänzt: „Weiterhin<br />

werden Normen, Installations-,<br />

Schutz- und Sicherheitsaspekte <strong>die</strong>ser<br />

neuen Technologie untersucht. Die zukünftigen<br />

Netzstrukturen werden mehr<br />

zellular aufgebaut sein und ermöglichen<br />

effizienteres Routing von Energie zwischen<br />

Unterwerken. Damit ist es denkbar,<br />

höhere Kapazitäten, zum Beispiel für<br />

Schnellladesäulen, zur Verfügung zu<br />

stellen, oder <strong>die</strong> existierenden Drehstromnetze<br />

stabiler zu betreiben.“<br />

66 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Visionen zukünftiger Energiesysteme<br />

Der Forschungscampus FEN ist ein zentrales<br />

Projekt, an dem E.ON gemeinsam<br />

mit seinem wichtigsten Partner im Bereich<br />

der Energieforschung, dem E.ON<br />

Energy Research Center (ERC), arbeitet.<br />

Ebenfalls auf dem Campus der RWTH<br />

Aachen angesiedelt, verfügt das E.ON<br />

ERC über Labore und Werkstätten sowie<br />

Seminar- und Besprechungsräume,<br />

in denen interdisziplinär und fakultätsübergreifend<br />

geforscht und gelehrt<br />

<strong>wir</strong>d. Arbeitsschwerpunkte sind Netze<br />

und Speichersysteme, energieeffiziente<br />

Gebäude und Städte sowie erneuerbare<br />

Wärme und Kraftwerke. Neben der<br />

Entwicklung innovativer Technologien<br />

werden aber auch das Verhalten der Energiekonsumenten<br />

in Privathaushalten<br />

und Unternehmen sowie energiepolitische<br />

und strategische Fragestellungen<br />

untersucht.<br />

Die Kooperation von Wissenschaft und<br />

Wirtschaft bringt auch für uns viele<br />

Vorteile mit sich, betont Dr. Stephan<br />

Ramesohl, Vice President Innovation<br />

Strategy and Portfolio Management der<br />

E.ON SE: „Wenn <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Energiewende<br />

umfassend und aktiv mitgestalten wollen<br />

und neben technischen und ökonomischen<br />

Fragestellungen auch ökologische<br />

und soziale Aspekte betrachten wollen,<br />

brauchen <strong>wir</strong> den Input von außen und<br />

insbesondere auch aus der Wissenschaft.<br />

Und <strong>die</strong> RWTH Aachen und das E.ON<br />

Energy Research Center bringen <strong>die</strong><br />

besten Voraussetzungen für eine interdisziplinäre<br />

Zusammenarbeit zwischen<br />

Industrie und Forschung mit. Auch deshalb<br />

haben <strong>wir</strong> den 2006 gegründeten<br />

Kooperationsvertrag zwischen E.ON und<br />

der RWTH Aachen im vergangenen Jahr<br />

bis 2021 verlängert.“ Rik De Doncker unterstreicht<br />

: „Die Kooperation zwischen<br />

der RWTH Aachen und E.ON garantiert<br />

eine langfristige, stabile Zusammenarbeit,<br />

wodurch neue Ideen und globale<br />

Probleme viel gründlicher untersucht<br />

werden <strong>können</strong>.“<br />

Die Energiewende, das Pariser Klimaabkommen<br />

und <strong>die</strong> nachhaltigen Entwicklungsziele<br />

der UN sind neben Faktoren<br />

wie gestiegenen Kundenanforderungen<br />

wichtige Antriebsfedern für <strong>die</strong> gemeinsame<br />

Forschungsarbeit im Forschungscampus<br />

FEN und im E.ON ERC. Denn bei<br />

E.ON weiß man: Um Kunden in Zukunft<br />

eine sichere, bezahlbare und nachhaltige<br />

Energieversorgung anbieten zu <strong>können</strong><br />

und zugleich zum Gelingen der nationalen<br />

und internationalen Klimaschutzziele<br />

beizutragen, müssen jetzt <strong>die</strong> entsprechenden<br />

Weichen gestellt werden.<br />

Universitätsprofessor Dr.-Ing. Ernst Schmachtenberg, Rektor der Universität<br />

RWTH Aachen: „Das E.ON Energy Research Center ist ein herausragendes Beispiel<br />

für das enge Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Praxis an der RWTH<br />

Aachen und war mit dem interdisziplinären Konzept ein Novum in der deutschen<br />

Hochschullandschaft. Am E.ON ERC sind <strong>die</strong> entscheidenden Säulen der Energieforschung<br />

vereint: Erzeugung, Umformung, Verteilung und Speicherung von<br />

Energie, das alles verknüpft mit verhaltensorientierten sozial- und <strong>wir</strong>tschaftswissenschaftlichen<br />

Fragestellungen. Ich bin fest davon überzeugt, dass <strong>die</strong>ses<br />

Energieforschungszentrum auf dem erfolgreich eingeschlagenen Weg weiter<br />

vorangehen <strong>wir</strong>d und seine Leuchtturm-Funktion in der nationalen und internationalen<br />

Energieforschung weiter ausbaut.“<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

67


GOOD PRACTICE<br />

Hilfe zur Selbsthilfe<br />

in Südafrika<br />

Gesellschaftliches Engagement ist fester Bestandteil der Unternehmenskultur und des Werteverständnisses<br />

von Evonik. Wir wollen damit unseren Beitrag zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen<br />

Entwicklung leisten. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Zusammenarbeit mit dem Verein<br />

Utho Ngathi Südliches Afrika e.V.<br />

Von Hannelore Gantzer und Dr. Detlef Männig,<br />

Corporate Responsibility, Evonik<br />

Evonik und seine Vorgängergesellschaften<br />

sind seit über 40 Jahren in Südafrika<br />

tätig. Am 6. Juli 1976 gründete <strong>die</strong> damalige<br />

Degussa AG <strong>die</strong> Vertriebsgesellschaft<br />

Degussa South Africa (Pty) Ltd, heute<br />

als Evonik Africa (Pty) Ltd ansässig in<br />

Midrand. Bis 1985 folgten weitere Niederlassungen<br />

in Durban, Kapstadt, Port<br />

Elizabeth und Johannesburg.<br />

Zu den bedeutsamsten Aktivitäten von<br />

Evonik in Südafrika zählen heute <strong>die</strong><br />

Geschäfte mit Wasserstoffperoxid, Futtermitteladditiven<br />

und Plexiglas®. Seit<br />

mehr als 25 Jahren produzieren <strong>wir</strong><br />

Wasserstoffperoxid in Umbogintwini,<br />

unweit von Durban, vor allem für <strong>die</strong><br />

umweltschonende Bleiche bei der Papierherstellung.<br />

In Südafrika hat sich Evonik mit seinem<br />

Geschäftsgebiet Animal Nutrition<br />

außerdem als zuverlässiger Partner in<br />

der Futtermittelindustrie etabliert. Der<br />

Zusatz der Aminosäure Methionin zum<br />

Futter von Nutztieren erfüllt ökologische,<br />

ökonomische und gesellschaftliche<br />

Kriterien der Nachhaltigkeit. So <strong>wir</strong>d<br />

der Ausstoß von Ammoniak, Nitrat und<br />

Treibhausgasen deutlich gesenkt; zudem<br />

lässt sich hiermit hochwertiges Protein<br />

für <strong>die</strong> gesunde Ernährung einer wachsenden<br />

Bevölkerung erzeugen. Unsere<br />

Kooperation mit Utho Ngathi zielt auf<br />

<strong>die</strong> Integration von Menschen mit Behinderung<br />

im südlichen Afrika, deren<br />

Zahl auf mehr als 18 Millionen geschätzt<br />

<strong>wir</strong>d <strong>–</strong> mindestens zehn Prozent der<br />

Gesamtbevölkerung. Viele sind sich<br />

selbst überlassen, vor allem in ländlichen<br />

Regionen. Sie sind meist ans Haus<br />

gebunden und leben außerhalb der Dorfgemeinschaft.<br />

Utho Ngathi arbeitet mit<br />

<strong>die</strong>sen Menschen, ihren Familien und<br />

den Dorfgemeinschaften, um ihnen eine<br />

bessere Lebensqualität zu ermöglichen.<br />

Evonik unterstützt den Verein bereits<br />

seit einigen Jahren. Die langfristig ausgerichtete<br />

Zusammenarbeit begann<br />

mit klassischen Sachspenden in Form<br />

68 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


von Rollstühlen für gehbehinderte Jugendliche.<br />

Seitdem haben sich unsere<br />

Aktivitäten in Südafrika für Menschen<br />

mit Behinderung kontinuierlich weiterentwickelt.<br />

Um Menschen mit Behinderung zu integrieren,<br />

benötigen <strong>die</strong>se eine Aufgabe,<br />

<strong>die</strong> echten Mehrwert und Inklusion<br />

schafft. Aus <strong>die</strong>ser Erkenntnis heraus beschlossen<br />

Mitarbeiter unseres Geschäftsgebiets<br />

Animal Nutrition, zusammen mit<br />

Utho Ngathi in der Dorfregion Macubeni<br />

im Osten Südafrikas Häuser für <strong>die</strong> Aufzucht<br />

von Hühnern zu errichten. Evonik<br />

holte einen lokalen Tierfuttermittelproduzenten,<br />

einen großen Kunden in der<br />

Region, mit seiner Expertise an Bord.<br />

Dieser schulte <strong>die</strong> Hühnerhausbetreiber<br />

hinsichtlich Haltung, Hygiene und Reinigung.<br />

Zusätzlich stiftet er regelmäßig<br />

Futter für Broiler und Legehennen.<br />

Evonik ist auch Hersteller von Acrylglas,<br />

besser bekannt als Plexiglas®. Daher<br />

kamen Mitarbeiter von Evonik Acrylics<br />

Africa (Pty) Ltd auf <strong>die</strong> Idee, Plexiglasplatten<br />

mit den dazugehörigen Stahlrahmen<br />

nach Macubeni zu bringen, um <strong>die</strong> Hühnerhäuser<br />

wind- und wetterfester zu<br />

machen: Im Winter werden <strong>die</strong> Platten<br />

seitlich an den Häusern angebracht, um<br />

<strong>die</strong> Hühner vor dem kalten Wind zu<br />

schützen, im Sommer auf den Dächern,<br />

um <strong>die</strong> Hitze abzuhalten.<br />

Inzwischen sind bereits mehrere Generationen<br />

von Hühnern aufgezogen und<br />

verkauft worden, wodurch <strong>die</strong> Anzahl an<br />

Häusern mit Broilern und Legehennen<br />

auf mittlerweile drei anstieg. Damit bieten<br />

<strong>die</strong> Hühnerhäuser zehn Menschen<br />

mit und ohne Behinderung Arbeit und<br />

ein kleines Einkommen.<br />

Für Menschen mit Behinderung hat<br />

<strong>die</strong> Arbeit einen unschätzbaren Wert:<br />

Sie haben nicht nur eine sinnvolle Beschäftigung,<br />

sondern sind auch in <strong>die</strong><br />

Dorfgemeinschaft integriert. Gleichzeitig<br />

verbessert das zusätzliche Fleischangebot<br />

<strong>die</strong> Versorgung der Dorfbewohner. Vom<br />

Gewinn aus dem Verkauf der Hühner<br />

zahlt Utho Ngathi ihnen ein Gehalt.<br />

Dabei bleibt noch etwas Geld übrig,<br />

um einige Dorf bewohner zu unterstützen,<br />

<strong>die</strong> bei Menschen mit Behinderung<br />

Hausbesuche machen und sich um <strong>die</strong>se<br />

kümmern („Home Care“).<br />

Von der Nachhaltigkeit des Engagements<br />

in Macubeni überzeugt, fördert<br />

auch <strong>die</strong> Evonik Stiftung <strong>die</strong> Arbeit<br />

von Utho Ngathi bis zum Jahr 2020.<br />

Zuletzt spendete sie dem Projekt einen<br />

Pick-up, mit dem <strong>die</strong> Farmarbeiter <strong>die</strong><br />

täglich notwendigen Transporte durchführen<br />

<strong>können</strong> und das vom Kunden<br />

gespendete Hühnerfutter direkt am<br />

Werk abholen.<br />

Auch unsere Mitarbeiter unterstützen<br />

individuell <strong>die</strong> Hilfe zur Selbsthilfe<br />

im südlichen Afrika: Sie haben eine<br />

interne Social-Media-Plattform für Utho<br />

Ngathi eingerichtet, informieren über<br />

den Projektfortschritt und rufen zu<br />

Spenden auf. Informationen finden sich auch<br />

unter www.uthongathi.org<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

69


GOOD PRACTICE<br />

Gemeinwohl <strong>–</strong> eine<br />

wichtige Säule unseres<br />

Selbstverständnisses<br />

Unternehmen und Gesellschaft stehen in einer lebendigen Wechselbeziehung zueinander. Als<br />

Teil der Gesellschaft leisten Unternehmen und Organisationen einen Beitrag zu ihrem Gelingen<br />

und sind gleichzeitig darauf angewiesen, dass sie von der Gesellschaft im Sinne einer „License<br />

to operate“ akzeptiert werden. Indem immer mehr Menschen und Gruppen sich eine Meinung<br />

bilden über das, was in Unternehmen geschieht und es in sozialen Netzwerken kommunizieren,<br />

nimmt <strong>die</strong> Gesellschaft heute in zunehmendem Maße Einfluss auf Unternehmensentscheidungen,<br />

wenn nicht sogar auf den Unternehmenserfolg.<br />

Von Annekatrin Nowotny, Business Partner Corporate Responsibility GSA, EY<br />

Unternehmen stehen somit vor der Herausforderung,<br />

<strong>die</strong> Werte- und Bedürfniswelt<br />

ihres gesellschaftlichen Umfelds<br />

besser zu verstehen und in Entscheidungen<br />

zu reflektieren. Leistet z.B. eine bevorstehende<br />

Akquisition einen potenziell<br />

positiven Beitrag zum Gemeinwohl oder<br />

<strong>wir</strong>d sie eher kritisch gesehen? Und welche<br />

Aus<strong>wir</strong>kungen könnte eine kritische<br />

Haltung der Gesellschaft gegenüber einer<br />

solchen Entscheidung auf den weiteren<br />

Erfolg des Unternehmens haben; auf<br />

Produktakzeptanz oder eventuell auf<br />

das „employer branding“? Letztlich ist es<br />

wichtig für Unternehmen zu verstehen,<br />

dass <strong>die</strong> Gesellschaft bei allen Entscheidungen<br />

immer mit am Tisch sitzt.<br />

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung<br />

<strong>die</strong>ser gesellschaftlichen Dynamik hat<br />

EY <strong>die</strong>se Fragestellung proaktiv nicht<br />

nur für sich selbst, sondern auch in<br />

ihren Dienstleistungen aufgenommen.<br />

Mit dem Selbstverständnis „Building a<br />

better working world“ <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Rolle<br />

klar beschrieben, <strong>die</strong> EY global für sich<br />

beansprucht. Um <strong>die</strong>sem Leitgedanken<br />

gerecht zu werden, <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Frage nach<br />

der gesellschaftlichen Wirkung auch in<br />

<strong>die</strong> Beratungsarbeit integriert. „Für EY ist<br />

<strong>die</strong> Frage des Beitrags zum Gemeinwohl<br />

eine wichtige Säule in unserem Selbstverständnis<br />

‚Building a better working<br />

world‘. Für uns ist klar, dass <strong>wir</strong> <strong>die</strong>sem<br />

Anspruch nur gerecht werden, wenn <strong>wir</strong><br />

ihn nicht nur für uns selbst reflektieren,<br />

sondern auch in unsere Beratungspraxis<br />

und weitergehende Aktivitäten einfließen<br />

lassen“, sagt Markus T. Schweizer,<br />

EY Managing Partner Strategic Solutions<br />

<strong>Deutschland</strong>, Schweiz, Österreich. Damit<br />

engagiert sich EY für das nachhaltige<br />

Entwicklungsziel 8 der UN, das für dauerhaftes,<br />

inklusives und verantwortungsvolles<br />

Wirtschaftswachstum steht.<br />

Methodische Grundlage ist <strong>die</strong> von EY<br />

und der HHL Leipzig Graduate School<br />

of Management (HHL) sowie der Universität<br />

St. Gallen entwickelte und wissenschaftlich<br />

erprobte „Public Value<br />

Scorecard“. Sie evaluiert anhand der vier<br />

Grundbedürfnisse des Menschen, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

psychologische Forschung identifiziert<br />

hat, welchen Beitrag Unternehmen zum<br />

Gemeinwohl leisten. Entlang <strong>die</strong>ser<br />

Kategorien müssen sich Unternehmen<br />

<strong>die</strong> Frage stellen, ob sie<br />

• einen gesellschaftlichen Nutzen stiften,<br />

indem sie ein Problem lösen,<br />

• im Einklang mit dem moralischen<br />

Wertekanon ihres gesellschaftlichen<br />

Umfelds agieren,<br />

• einen Beitrag zum gesellschaftlichen<br />

Zusammenhalt leisten und<br />

• den Menschen eine positive Erfahrung<br />

ermöglichen.<br />

Zusammen mit der Frage nach dem finanziellen<br />

Nutzen eines Unternehmens<br />

ergibt sich eine wissenschaftlich fun<strong>die</strong>rte<br />

Basis, <strong>die</strong> Rolle eines Unternehmens im<br />

gesellschaftlichen Kontext zu verstehen<br />

und in Entscheidungen einfließen lassen<br />

zu <strong>können</strong>.<br />

EY zeichnet gemeinwohlorientierte<br />

Start-ups aus<br />

Für EY ist der Gemeinwohl-Ansatz aber<br />

nicht nur Bestandteil der Beratungspraxis,<br />

sondern auch Motor für eine Reihe<br />

von Initiativen wie etwa dem „EY Public<br />

Value Award for Start-ups“. Gemeinsam<br />

70 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


EY Public Value Award for Start-ups 2017<br />

Das Start-up Social-Bee hat den EY Public Value Award 2017 gewonnen. Die<br />

Gründer aus München konnten sich beim Finale im Oktober vergangenen Jahres,<br />

das in der Kongresshalle am Zoo in Leipzig vor 250 Gästen stattfand, gegen<br />

sechs Finalisten durchsetzen. Insgesamt hatten sich 120 Start-ups für den Preis<br />

2017 beworben.<br />

Die Geschäftsidee von Social-Bee im Überblick:<br />

mit der HHL vergibt EY <strong>die</strong> Auszeichnung<br />

seit 2016 an Jungunternehmen, deren<br />

Geschäftsidee wachstumsorientiert ist<br />

und dabei ein gesellschaftliches Problem<br />

löst, moralisch-ethische Standards<br />

berücksichtigt oder das Zusammenleben<br />

zwischen Gruppen stärkt. „Im zweiten<br />

Jahr konnten <strong>wir</strong> mit dem EY Public<br />

Value Award ein Zeichen setzen. Public<br />

Value ist für Gründerinnen und<br />

Gründer mehr als nur ein kurzzeitiger<br />

Trend. Es ist ein Thema, das sie über alle<br />

Gründungsphasen hinweg begleitet“, so<br />

Markus T. Schweizer weiter.<br />

Der Award bietet Gründern <strong>die</strong> Chance,<br />

<strong>die</strong> Einzigartigkeit ihres Geschäftsmodells<br />

vorzustellen. Er soll ihnen als<br />

Qualitätssiegel und positives Signal für<br />

<strong>die</strong> Öffentlichkeit und für potenzielle<br />

Investoren <strong>die</strong>nen, denn <strong>die</strong> gesellschaftliche<br />

Relevanz von Geschäftsideen ist<br />

zunehmend ein Investitionskriterium<br />

für Kapitalgeber. Aus <strong>die</strong>sem Grund<br />

ist es wichtig, dass Start-ups gleich zu<br />

Beginn <strong>die</strong> <strong>wir</strong>tschaftliche und <strong>die</strong> gesellschaftliche<br />

Perspektive bei ihrer Unternehmensgründung<br />

mitdenken. „Das<br />

hohe Interesse der Start-ups an <strong>die</strong>sem<br />

Wettbewerb zeigt: Jungunternehmen<br />

hinterfragen aktiv ihre gesellschaftliche<br />

Rolle, stellen sich mit ihren Gründungsideen<br />

den Themen und Fragen unserer<br />

Zeit und nutzen ihre Innovationskraft,<br />

um <strong>die</strong>se zu lösen“, sagt Hubert Barth,<br />

Vorsitzender der Geschäftsführung von<br />

EY <strong>Deutschland</strong>.<br />

• Das Jungunternehmen ist <strong>die</strong> erste gemeinnützige Zeitarbeitsfirma in<br />

<strong>Deutschland</strong>, <strong>die</strong> Geflüchtete in Arbeitsmarkt und Gesellschaft integriert. Social-<br />

Bee stellt <strong>die</strong> Betroffenen an und leitet sie an interessierte Unternehmen weiter.<br />

Darüber hinaus unterstützen <strong>die</strong> Gründer Geflüchtete mit sozialpädagogischer<br />

Betreuung, Sprachkursen oder Teilqualifikationen.<br />

Auf den Plätzen zwei und drei landeten <strong>die</strong> Berliner Start-ups SirPlus und<br />

Coffee Circle. Der Publikumspreis ging an Companion2Go.<br />

• SirPlus arbeitet mit Produzenten und Großhändlern zusammen, um<br />

überschüssige Lebensmittel wieder in den Verwertungskreislauf<br />

zurückzubringen. Zunächst bietet das Jungunternehmen <strong>die</strong> Produkte in einem<br />

Food Outlet Store an. Später soll ein Marktplatz folgen, um Angebot und<br />

Nachfrage zusammenzuführen.<br />

• Coffee Circle will einen über <strong>die</strong> gesamte Wertschöpfungskette fairen<br />

Kaffeehandel etablieren. Der Rohstoff <strong>wir</strong>d auf traditionelle Weise angebaut und<br />

in der eigenen Rösterei weiterverarbeitet. Mit jeder Tasse Kaffee unterstützt das<br />

Start-up Trinkwasserprojekte in äthiopischen Kaffeeanbauregionen.<br />

• Companion2Go ist eine Werbeplattform, über <strong>die</strong> behinderte und nichtbehinderte<br />

Menschen mit gleichen Interessen gemeinsam mit öffentlichen<br />

Verkehrsmitteln reisen und Veranstaltungen wie Konzerte oder Sportevents<br />

besuchen <strong>können</strong>.<br />

Im Uhrzeigersinn:<br />

Erster Platz: Social-Bee,<br />

zweiter Platz: SirPlus,<br />

dritter Platz: Coffee Circle,<br />

Publikumspreis: Companion2Go<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

71


GOOD PRACTICE<br />

Willkommen in der Zukunft<br />

des Bauens<br />

Web 4.0, smarte Systeme, Big Data <strong>–</strong> <strong>die</strong> Digitalisierung <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> Zukunft prägen. Auch <strong>die</strong><br />

Zukunft des Bauens. Denn wo früher zweidimensionale Pläne <strong>die</strong> Basis für den Baustellenalltag<br />

waren, sind immer häufiger Bauherren und Planer, Unternehmen und Nachunternehmer digital<br />

miteinander verbunden. Building Information Modeling (BIM) heißt <strong>die</strong> Methode, Bauprojekte<br />

effektiv und digital abzuwickeln. Sie basiert auf einer aktiven Vernetzung aller Beteiligten<br />

mithilfe eines 3D-Computermodells, das um weitere Daten wie Zeit und Kosten ergänzt<br />

werden kann. Kurz: Wer zuerst digital und dann real baut, ist einfach besser vorbereitet; viele<br />

Probleme entstehen gar nicht erst.<br />

Von HOCHTIEF, Konzernkommunikation<br />

Schon früh hat HOCHTIEF das Potenzial<br />

von BIM erkannt: Unsere Gesellschaft<br />

für virtuelles Bauen, <strong>die</strong> HOCHTIEF<br />

ViCon GmbH, gilt als einer der Pioniere<br />

in <strong>die</strong>sem Bereich. Seit einigen Jahren<br />

bauen <strong>wir</strong> innerhalb des Konzerns das<br />

BIM-Know-how immer stärker aus. Das<br />

ergibt Sinn, <strong>wir</strong>d es doch immer öfter<br />

sowohl bei öffentlichen als auch privaten<br />

Kunden gefordert. So wurde 2015<br />

in <strong>Deutschland</strong> der BIM-Stufenplan<br />

vorgestellt: Bis zum Jahr 2020 soll BIM<br />

Standard bei allen Verkehrsinfrastrukturprojekten<br />

des Landes sein. In vielen<br />

Ländern, unter anderem Großbritannien,<br />

Finnland, Norwegen, Singapur und Malaysia,<br />

gelten ähnliche Standards. In den<br />

USA realisiert unsere Gesellschaft Turner<br />

kaum noch ein Hochbau-Projekt ohne<br />

BIM-Einsatz. Und das aus gutem Grund.<br />

Bauprozess: Flexibel und genau<br />

BIM ist mehr als ein 3D-Modell: ein Informationstool<br />

für alle Beteiligten und<br />

daher ein Kommunikationssystem, fast<br />

schon eine neue Philosophie des Bauens.<br />

Da Architekten, Bauherren, Ingenieure<br />

und Nachunternehmer auf das Modell<br />

zugreifen <strong>können</strong>, kennen sie stets den<br />

aktuellen Stand des Bauprojekts. Am<br />

Bildschirm werden Leitungen, Wände,<br />

Treppen und Mauern sichtbar. Daraus<br />

errechnet das System auf Knopfdruck,<br />

wie viele Mengen Beton, Stahl oder Mauerwerk<br />

benötigt werden. Wird während<br />

des Bauprozesses neu geplant, zum Beispiel<br />

eine weitere Wand eingezogen,<br />

werden alle daraus folgenden Konsequenzen<br />

für jedes Gewerk in Sekundenschnelle<br />

berechnet <strong>–</strong> und alle wissen<br />

direkt Bescheid. Das Modell kann um<br />

weitere Informationen wie Zeit, Kosten<br />

und Nutzung ergänzt werden; daraus<br />

ergibt sich eine Fülle weiterer Vorteile<br />

für das Projektmanagement.<br />

72 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Um das vollständige Potenzial von BIM<br />

erfolgreich zu heben, ist es wichtig, dass<br />

alle Teammitglieder und Beteiligten in<br />

<strong>die</strong> digitalen Prozesse involviert werden.<br />

Hierzu müssen viele Menschen geschult<br />

werden. HOCHTIEF ViCon bietet BIM-<br />

Zertifizierungskurse zum „BIM Professional“<br />

in Kooperation mit Hochschulen<br />

an und ermöglicht damit den Zugang<br />

zu den Projekterfahrungen aus den vergangenen<br />

Jahren.<br />

Zum Beispiel von Großprojekten wie der<br />

Elbphilharmonie in Hamburg. Dort wurde<br />

bereits 2007 eine Kollisionsprüfung<br />

für technische Gewerke eingesetzt, <strong>die</strong><br />

bei solchen komplexen Projekten äußerst<br />

sinnvoll ist: Wo treffen welche Gewerke<br />

aufeinander? Begegnen sich Leitungen,<br />

Rohre und Kanäle? Das Modell macht<br />

<strong>die</strong>s sichtbar <strong>–</strong> und verhindert rechtzeitig,<br />

dass Wände aufgerissen werden<br />

müssen, doppelte Arbeit, Zeitverlust,<br />

Kosten und Ärger entstehen. „Wir haben<br />

in der Elbphilharmonie beim Planen<br />

mehrere tausend Konflikte zeitnah in der<br />

Planungsphase gefunden und gemeinsam<br />

mit den Beteiligten gelöst, bevor<br />

es in der Praxis zu Problemen kommen<br />

konnte“, ist von René Schumann, Geschäftsführer<br />

von HOCHTIEF ViCon, zu<br />

erfahren. „Das ist in 2D bei so komplexen<br />

Projekten einfach nicht mehr möglich.“<br />

Kontrolle ist alles<br />

Nicht nur im Hochbau, sondern auch<br />

im Infrastrukturbau <strong>wir</strong>d BIM zum Vorteil,<br />

zum Beispiel bei Großvorhaben wie<br />

dem Projekt Sydney Metro Northwest in<br />

Australien. Dort sind <strong>die</strong> Kollegen der<br />

HOCHTIEF-Gesellschaft CPB Contractors<br />

am Bau der zwei 15 Kilometer langen<br />

Tunnelröhren beteiligt. Die Experten<br />

von HOCHTIEF ViCon unterstützen mit<br />

BIM-Management-Dienstleistungen und<br />

implementieren das selbst entwickelte<br />

Online Rail Information System (ORIS).<br />

ORIS ist ein webbasiertes Projektmanagementsystem,<br />

das speziell für <strong>die</strong> Kontrolle<br />

und Auswertung des Datenmaterials von<br />

Bahnprojekten entwickelt wurde, um<br />

deren Realisierung und Betrieb effizienter<br />

zu steuern. Neu in <strong>die</strong>sem Projekt<br />

ist, dass <strong>die</strong> Modellinformationen auch<br />

direkt auf der Baustelle mithilfe von<br />

Tablets genutzt werden und zusätzliche<br />

Daten von dort wieder zurück in das<br />

3D-Computermodell fließen. Das Metroprojekt<br />

in der australischen Metropole<br />

<strong>wir</strong>d bei Fertigstellung im Jahr 2019 das<br />

erste vollautomatische S-Bahn-System<br />

des Kontinents sein und 100.000 Bahnfahrer<br />

pro Stunde befördern.<br />

Ein wesentlicher Vorteil von BIM: eine<br />

perfekte Übersicht über alle Daten. Folglich<br />

ist <strong>die</strong> Methode auch in Sachen Nachhaltigkeit<br />

ein klarer Vorteil. Die Praxis<br />

zeigt, dass BIM dabei hilft, Baukosten<br />

und CO 2-Emissionen einzusparen. <strong>Wie</strong><br />

das geht? Durch bessere Planung <strong>können</strong><br />

logistische Schritte besser aufeinander<br />

abgestimmt werden, Wartezeiten werden<br />

verkürzt, Missverständnisse im Vorfeld<br />

weitestgehend ausgeräumt. Beste Voraussetzungen<br />

also dafür, dass Zeit- und<br />

Kostenpläne eingehalten werden. Zudem<br />

<strong>können</strong> auf Basis der Modelle der<br />

CO 2-Footprint sowie Einsparpotenziale<br />

berechnet werden.<br />

Vorteil für Betreiber<br />

Von BIM profitieren nicht nur Investoren,<br />

Baufirmen und Nachunternehmer, sondern<br />

auch Property- und Facility-Manager.<br />

Bei der Übergabe des Gebäudes durch das<br />

Links: Die Elbphilharmonie in Hamburg <strong>–</strong> ein<br />

110 Meter hohes Gesamtkunstwerk.<br />

Oben: Die Große Treppe der Elbphilharmonie<br />

in der Planung.<br />

bauausführende Unternehmen erhalten<br />

sie mit BIM detaillierte Informationen zu<br />

Einbauorten und Spezifikationen von zu<br />

betreuenden technischen Anlagen und<br />

Betriebsmitteln beziehungsweise Flächen.<br />

Optimal sind <strong>die</strong> BIM-Möglichkeiten genutzt,<br />

wenn bereits im Planungsprozess<br />

<strong>die</strong> aus Betreibersicht wichtigen Aspekte<br />

in das BIM-Modell eingebracht werden<br />

und bereits <strong>die</strong> Produkthersteller ihre<br />

Daten digital im 3D-Computermodell<br />

zur Verfügung stellen.<br />

Ein Vorteil, den sich auch synexs, <strong>die</strong><br />

noch junge, für Facility-Management<br />

zuständige HOCHTIEF-Gesellschaft, zunutze<br />

macht. Das Unternehmen bündelt,<br />

aufsetzend auf BIM, alle Daten, <strong>die</strong> für<br />

den effizienten und ressourcenschonenden<br />

Betrieb von Immobilien und<br />

Anlagen wichtig sind. Liegenschaften<br />

<strong>können</strong> so „in Echtzeit“ gesteuert, alle<br />

Themen „just in time“ avisiert werden.<br />

Ein Zugang zu relevanten Informationen<br />

ist für den Kunden jederzeit möglich, der<br />

Betrieb <strong>wir</strong>d lückenlos und transparent<br />

dokumentiert. So sind <strong>die</strong> BIM-Daten<br />

in jeder Phase des Lebenszyklus immer<br />

auf einem aktuellen Stand. Und davon<br />

profitieren wiederum Architekten und<br />

Bauunternehmen bei der Planung neuer<br />

Projekte. Transparenz zahlt sich eben<br />

aus.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

73


GOOD PRACTICE<br />

17 Global Goals.<br />

Und eine gewaltige Chance.<br />

Mit der „Agenda <strong>2030</strong>“ wollen <strong>die</strong> Vereinten Nationen dazu beitragen, dass unsere Welt in<br />

den nächsten 15 Jahren eine spürbare Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit nimmt. Die<br />

17 „Sustainable Development Goals“ (<strong>SDGs</strong>) ersetzen <strong>die</strong> „Millennium Development Goals“<br />

aus dem Jahr 2000. Mit ihrer hohen Symbolkraft stellen sie eine echte Chance dar.<br />

Von Sven Grönwoldt, Hoffmann und Campe X<br />

„Transforming the World“: Das Motto der<br />

„Agenda <strong>2030</strong>“ verheißt einen großen<br />

Wurf, und entsprechend anspruchsvoll<br />

sind <strong>die</strong> 169 Unterziele zu den <strong>SDGs</strong>.<br />

Und sie sind überfällig. Denn <strong>die</strong> Agenda<br />

richtet sich, anders als ihre Vorgängerin,<br />

auch an <strong>die</strong> Industriestaaten und nicht<br />

mehr nur an Schwellen- und Entwicklungsländer<br />

und ist dadurch auch stärker<br />

als ein Appell an <strong>die</strong> Vernunft und <strong>die</strong><br />

Ethik von privat<strong>wir</strong>tschaftlichen Unternehmen<br />

zu verstehen.<br />

Doch welchen Stellenwert haben <strong>die</strong><br />

<strong>SDGs</strong> für das CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement<br />

von Unternehmen und<br />

<strong>die</strong> strategische Kommunikation über<br />

<strong>die</strong> Leistungs- und Zukunftsfähigkeit<br />

im Sinne einer globalen und nachhaltigen<br />

Entwicklung? Zunächst führen<br />

sie uns in einem symbolischen Akt von<br />

buchstäblich globaler Signifikanz unsere<br />

gemeinsame gesamtplanetarische Verantwortung<br />

vor Augen: Wir alle stehen<br />

nun in der Pflicht, uns gegen Hunger,<br />

Armut und Umweltzerstörung zu engagieren<br />

und für Gesundheit und Bildung<br />

einzusetzen.<br />

ANALYSE &<br />

BERATUNG<br />

• Bestandsaufnahme und Analyse<br />

bestehender Aktivitäten im<br />

CR-Management und der strategischen<br />

Kommunikation<br />

• Zielgruppenanalyse<br />

• Performance-Analyse<br />

• Repräsentative Stakeholder-Befragungen<br />

und Dialoge<br />

KONZEPTION<br />

• Inhaltliche und grafische Konzeption<br />

• Integrierte Kommunikationskonzepte<br />

für alle Offline- und<br />

Online-Kanäle<br />

• Weiterentwicklung bestehender<br />

CR-Kommunikationskonzepte<br />

unter Berücksichtigung aktueller<br />

Berichtsstandards,<br />

Vergleichsrahmenwerke,<br />

Leitlinien und Indikatorensets<br />

(GRI, EFFAS, DNK, GRESB,<br />

ISO 26000, IIRC, <strong>SDGs</strong> etc.)<br />

1<br />

2 3<br />

Die „Agenda <strong>2030</strong>“ rückt auch das Thema<br />

Corporate Social Responsibility (CSR)<br />

stärker denn je in den Fokus und <strong>wir</strong>d<br />

dadurch zu einer Art Hebel, mit dem der<br />

bislang recht hermetische Adressatenkreis<br />

für Nachhaltigkeitsproblematiken<br />

deutlich erweitert <strong>wir</strong>d, auch wenn sie<br />

auf <strong>die</strong> sich ergebenden organisationsinternen<br />

Herausforderungen und alle<br />

Fragen nach Einfluss- und Umsetzungsmöglichkeiten<br />

keine bündige Antwort<br />

geben. Dafür stiften sie Orientierung: Sie<br />

erleichtern es den Unternehmen, sich im<br />

Dschungel der nationalen und internationalen<br />

Regeln, Gesetze, Verordnungen,<br />

Goodwill-Erklärungen, Richtlinien und<br />

Absichtserklärungen zurechtzufinden.<br />

Sie ermöglichen es, noch einmal aus<br />

anderer Perspektive <strong>die</strong> wesentlichen<br />

sozialen, ökologischen und ökonomischen<br />

Aspekte der Aus<strong>wir</strong>kungen ihres<br />

<strong>wir</strong>tschaftlichen Handelns zu fokussieren<br />

und pragmatische Lösungen im<br />

Rahmen der globalen Wertschöpfung<br />

und Arbeitsteilung zu entwickeln.<br />

Für <strong>die</strong> strategische Unternehmenskommunikation<br />

und speziell für das Nachhaltigkeits-/CSR-Reporting<br />

bieten <strong>die</strong><br />

<strong>SDGs</strong> eine gewaltige Chance: Sie geben<br />

FLANKIERENDE<br />

MASSNAHMEN<br />

• Flankierende PR- und Me<strong>die</strong>narbeit<br />

(online und print)<br />

• Organisation und Moderation<br />

von Stakeholder-Roundtables<br />

• Roadshows und Events<br />

• Mitarbeiter-Workshops<br />

• Entwicklung von Webaktivitäten<br />

(Facebook-Accounts, Blogs,<br />

Web-Foren etc.)<br />

• Matchmaking mit gemeinnützigen<br />

Organisationen für partnerschaftliche<br />

CR-Projekte<br />

UMSETZUNG<br />

• Projektmanagement<br />

• Textredaktion; Storytelling für<br />

Ihre CR-Kommunikation<br />

• Grafische Gestaltung, Layout,<br />

Fotoshootings<br />

• Druckvorstufe, Druck<br />

• Fremdsprachliche Adaption<br />

74 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


der Öffentlichkeit und den Stakeholdern<br />

<strong>–</strong> auch jenen, <strong>die</strong> an das Lesen von<br />

GRI-Berichten gewöhnt sind <strong>–</strong> einen<br />

praktikablen Maßstab dafür an <strong>die</strong> Hand,<br />

wie weit und in welcher Form ein Unternehmen<br />

dazu beiträgt, <strong>die</strong> für <strong>die</strong><br />

Zukunft unseres Planeten entscheidenden<br />

Ziele zu erreichen. Denn dank ihrer<br />

symbolhaften Funktion bieten sie <strong>die</strong><br />

Möglichkeit, den Think-global-act-local-<br />

Ansatz und auch <strong>die</strong> Einflussmöglichkeiten<br />

und -grenzen der Unternehmen<br />

auf <strong>die</strong> großen globalen Themen noch<br />

einmal besonders anschaulich und nachvollziehbar<br />

abzubilden.<br />

Auch zukünftig sollten Unternehmen<br />

entlang ihres Geschäftsmodells qualitative<br />

und quantitative Nachhaltigkeits-KPIs<br />

mit Berichtsstandards wie denen der<br />

GRI abbilden, besonders für <strong>die</strong> Gruppe<br />

jener Stakeholder, <strong>die</strong> sich mit der<br />

Materie auskennen und auf der Basis<br />

ihres Know-hows Handlungsentscheidungen<br />

fällen (z. B. Investoren, Kunden,<br />

Partner). Darüber hinaus ist es für uns<br />

ein begrüßenswertes Szenario, dass <strong>die</strong><br />

strategische Unternehmenskommunikation<br />

durch <strong>die</strong> Integration der <strong>SDGs</strong> eine<br />

weitere Option erhält, mit sehr deutlicher<br />

(Symbol-)Sprache ihre Beiträge zur<br />

Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele<br />

abzubilden. Diese Aufgabe<br />

übernehmen <strong>wir</strong> für unsere Kunden<br />

gern. <strong>Wie</strong> gewohnt immer nach dem<br />

„Agenda <strong>2030</strong>“-konformen Motto: „Nach<br />

innen ehrlich, nach außen glaubwürdig.“<br />

Um beim Thema Glaubwürdigkeit gleich<br />

einzuhaken: Keinesfalls sollten Unternehmen<br />

ihre Kommunikation durch weitere<br />

Indikatoren auf blähen, <strong>die</strong> weder<br />

zu ihrem Business Case noch zu den<br />

Kerngeschäftsprozessen passen. Minutiös<br />

ausgearbeitete Indikatorensets auf Basis<br />

der 17 Ziele und 169 Unterziele wurden<br />

bereits von verschiedenen Expertengruppen<br />

<strong>–</strong> darunter auch eine im Deutschen<br />

Statistischen Bundesamt <strong>–</strong> erstellt, um<br />

<strong>die</strong> Verfolgung der Ziele messbar zu machen.<br />

Die von der Inter-agency and Expert<br />

Group on Sustainable Development Goal<br />

Indicators (kurz IAEG-<strong>SDGs</strong>) entwickelte<br />

Indikatorenliste ist auf einer offiziellen<br />

Internetseite der Vereinten Nation einsehbar<br />

und <strong>wir</strong>d regelmäßig vom United<br />

Nations Statistics Division (UNSD), einer<br />

Unterabteilung des Department of Economic<br />

and Social Affairs (DESA), aktualisiert.<br />

Sie ist, mit weit über 200 Indikatoren, sehr<br />

lang. Viel Arbeit also für <strong>die</strong> Experten der<br />

Vereinten Nationen und <strong>die</strong> nationalen<br />

Unterstützer <strong>die</strong>ser Initiative. Nur auch<br />

bei <strong>die</strong>sen Indikatoren stellt sich <strong>die</strong> Frage:<br />

Wo liegt der eigentliche Nutzen für<br />

Unternehmen und ihre CSR-Beauftragten?<br />

Besonders mittelständische Unternehmen<br />

mit weniger Erfahrung im CSR-Reporting<br />

<strong>können</strong> sich bereits anhand der plakativen<br />

17 Ziele einen Überblick verschaffen,<br />

wo sie als Local Player überhaupt Einflussmöglichkeiten<br />

auf globale Entwicklungen<br />

haben. Überraschend mag es bei<br />

genauerer Betrachtung für den einen oder<br />

anderen Geschäftsführer oder Inhaber<br />

dann sein, wie vielfältig <strong>die</strong>se Möglichkeiten<br />

tatsächlich sind <strong>–</strong> zu denken ist<br />

an <strong>die</strong> Gleichstellung der Geschlechter<br />

(Ziel 5), das Streben nach nachhaltigem<br />

Wirtschaftswachstum und menschenwürdiger<br />

Arbeit für alle (Ziel 8), den Auf bau<br />

einer widerstandsfähigen Infrastruktur,<br />

<strong>die</strong> Förderung einer breiten<strong>wir</strong>ksamen<br />

und nachhaltigen Industrialisierung sowie<br />

<strong>die</strong> Unterstützung von Innovationen<br />

(Ziel 9), <strong>die</strong> Sicherstellung nachhaltiger<br />

Konsum- und Produktionsmuster (Ziel 12)<br />

oder <strong>die</strong> Bekämpfung des Klimawandels<br />

und seiner Aus<strong>wir</strong>kungen (Ziel 13).<br />

Die 169 Unterziele (zum Beispiel #12.5<br />

„Abfallaufkommen verringern“ oder<br />

#12.6 „Berichterstattung zu Nachhaltigkeit“)<br />

beschreiben weitere konkrete<br />

Handlungs- und Einflussmöglichkeiten.<br />

Hat ein Unternehmen das erforderliche<br />

Engagement, aber nicht <strong>die</strong> entsprechende<br />

Erfahrung, sollten <strong>die</strong> Entscheider, um<br />

Professionalität beim Messen und bei<br />

der Kommunikation sicherzustellen, <strong>die</strong><br />

Unterstützung von Reportingexperten in<br />

Anspruch nehmen <strong>–</strong> was aller Erfahrung<br />

nach auch <strong>die</strong> wesentlich effizientere<br />

Lösung ist.<br />

Sven Grönwoldt<br />

Sven Grönwoldt arbeitet seit über<br />

15 Jahren agentur- und unternehmensseitig<br />

im Corporate Reporting.<br />

Seit 2014 ist er bei Hoffmann und<br />

Campe X als Creative Director<br />

und Editor in Chief für <strong>die</strong> Berichterstattung<br />

der HoCa X-Kunden<br />

zuständig und berät hier Unternehmen<br />

unterschiedlicher Größe und<br />

Branchen beim Auf- und Ausbau<br />

ihres CR-Managements und ihrer<br />

kanalübergreifenden strategischen<br />

CR-Kommunikation. Kontakt:<br />

sven.groenwoldt@hoca.de<br />

Hoffmann und<br />

Campe X<br />

Bei der Entwicklung und Umsetzung<br />

von CR-Kommunikationskonzepten<br />

vertrauen namhafte Unternehmen<br />

auf Hoffmann und Campe X <strong>–</strong> denn<br />

hier erstellen CR-Experten gemeinsam<br />

mit erfahrenen Art Direktoren<br />

und Onlineprofis effiziente Kommunikationslösungen<br />

für unterschiedliche<br />

Kanäle. CR-Kommunikation versteht<br />

das Team stets als integralen<br />

Bestandteil nachhaltiger Unternehmensstrategie<br />

und als wesentlichen<br />

Beitrag für den Reputationsgewinn<br />

und <strong>die</strong> Wettbewerbsstärke der<br />

Unternehmen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

75


GOOD PRACTICE<br />

Nachhaltigkeitsprüfung<br />

von Lieferanten und<br />

Lieferketten<br />

Nachhaltigkeit von Lieferanten und Lieferketten zu prüfen, ist ein komplexes Thema. Viele<br />

Unternehmen fokussieren sich daher lediglich auf <strong>die</strong> wenigen strategisch wichtigen Lieferanten.<br />

Mittlere und kleine Unternehmen scheuen den Aufwand oftmals gänzlich. Eine neue Generation<br />

an Softwarelösungen ermöglicht es Unternehmen nun, ihr Nachhaltigkeitsengagement mit<br />

wenig Aufwand anzugehen und sehr schnell auf <strong>die</strong> gesamte Lieferantenbasis auszudehnen.<br />

Ein Beispiel dafür, wie Technologie <strong>die</strong> Nachhaltigkeitsbestrebungen von Unternehmen<br />

unterstützen und auf das nächste Level heben kann.<br />

Von Martin Berr-Sorokin, CEO von IntegrityNext<br />

Standards und Regeln definieren den<br />

Rahmen, in dem Unternehmen agieren<br />

müssen. Solche Nachhaltigkeits- und<br />

Compliance-Standards sind jedoch komplex<br />

und unterliegen einer ständigen<br />

Weiterentwicklung. Unternehmen<br />

kämpfen daher damit, <strong>die</strong>se Nachhaltigkeitsanforderungen<br />

in Prozesse und<br />

Systeme umzusetzen und aktuell zu<br />

halten. Insbesondere wenn es darum<br />

geht, <strong>die</strong> Nachhaltigkeit von Lieferanten<br />

zu kontrollieren, <strong>wir</strong>d es hochgradig<br />

komplex.<br />

<strong>Wie</strong> holt man Selbstauskünfte und<br />

Verpflichtungserklärungen der Lieferanten<br />

zu Themen wie Korruption,<br />

Kinderarbeit, Arbeitssicherheit oder<br />

auch Konfliktmineralien ein? <strong>Wie</strong> erfährt<br />

man von Zuwiderhandlungen,<br />

Verstößen und schlechter Publicity<br />

bei den eigenen Lieferanten? Und wie<br />

identifiziert man möglichst schnell<br />

<strong>die</strong> damit verbundenen Reputationsrisiken<br />

für das eigene Unternehmen<br />

und dessen Marken? Dies sind Fragen,<br />

mit denen sich nicht nur große Konzerne,<br />

sondern spätestens seit dem<br />

Inkrafttreten der CSR-Berichtspflicht<br />

(2014/95/EU) auch mittelständische<br />

Unternehmen konfrontiert sehen.<br />

Mit dem Aufkommen von Cloud-Lösungen,<br />

also Lösungen, bei denen man sich<br />

lediglich auf einer Internetseite anmeldet<br />

und sofort ohne Installation loslegen kann,<br />

dezentral nutzbaren Superrechnern und<br />

sogenannten kognitiven Technologien,<br />

<strong>die</strong> den Computer z.B. <strong>die</strong> menschliche<br />

Sprache verstehen lassen, entsteht derzeit<br />

eine völlig neue Generation von Business<br />

Applikationen, <strong>die</strong> Geschäftsprozesse nicht<br />

mehr nur unterstützt, sondern <strong>die</strong>se fast<br />

gänzlich abnimmt.<br />

Verabschiedung von der „Leeren App“<br />

„ ... wenn Sie Anwendungen kaufen, kaufen<br />

Sie leere Apps. Mit anderen Worten: Sie<br />

kaufen ein Datenmodell und eine Anwendungslogik,<br />

aber Sie kaufen nicht <strong>wir</strong>klich<br />

eine Lösung, ... “, monierte Pierre Mitchell<br />

im Mai letzten Jahres in einem Beitrag<br />

auf der Internetseite Spendmatters.com.<br />

Im Falle der Nachhaltigkeit und Compliance<br />

sind <strong>die</strong> Anforderungen als Verordnungen,<br />

nicht aber als praktische<br />

Evaluierungsinstrumente formuliert.<br />

Hinzu kommt, dass in Zeiten der globalen<br />

Beschaffung Lieferketten bereits<br />

auf der ersten Ebene international sind.<br />

Somit gelten auch für deutsche Unternehmen<br />

sehr schnell internationale Gesetzgebungen.<br />

Nur erfahrene Fachleute<br />

sind qualifiziert, <strong>die</strong>se Evaluierungsinstrumente<br />

zu erstellen.<br />

Um <strong>die</strong> Hürde für Unternehmen möglichst<br />

gering zu halten, enthalten <strong>die</strong><br />

neuen Softwarelösungen heutzutage<br />

vorgefertigte fachliche Inhalte, <strong>die</strong> Nachhaltigkeitsthemen<br />

wie <strong>die</strong> Vermeidung<br />

von Korruption, Umweltschutz, Menschenrechte,<br />

Kinderarbeit, Arbeitssicherheit,<br />

etc. adressieren und internationale<br />

Nachhaltigkeitsstandards und Gesetze<br />

abdecken.<br />

Soziale Me<strong>die</strong>n als Echtzeit-<br />

Informationsquelle<br />

Die sogenannten Sozialen Me<strong>die</strong>n wie<br />

Twitter, Facebook und LinkedIn geben<br />

Konsumenten und Aktivisten, Unternehmen<br />

und Arbeitnehmern, ja einfach all<br />

denen, <strong>die</strong> ein Sprachrohr suchen, ein<br />

entsprechendes Forum. Laut Business<br />

76 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Insider übertrifft der Informationsaustausch<br />

der Sozialen Me<strong>die</strong>n einige der<br />

datenintensivsten B2B-Aktivitäten. So<br />

verarbeitet beispielsweise Facebook täglich<br />

500-mal mehr Daten als <strong>die</strong> New<br />

Yorker Börse.<br />

Social Media-Daten sind zwar unstrukturiert,<br />

aber <strong>die</strong> Nachrichten darin haben<br />

einen wahrnehmbaren Tonfall. Sogenannte<br />

Natural Language Processing (NLP)<br />

Algorithmen erlauben es Computern,<br />

<strong>die</strong> menschliche Sprache zu verstehen<br />

und für eine Art Frühwarnsystem zu<br />

verwenden.<br />

Sie <strong>können</strong> beispielsweise erkennen, ob<br />

ein Unternehmen in einen Korruptionsfall<br />

verwickelt ist, ob sich Arbeitnehmer<br />

über Arbeitsbedingungen beschweren<br />

oder Konsumenten Kinderarbeit bei einem<br />

Lieferanten ankreiden.<br />

Da <strong>die</strong> Social Media-Gemeinde äußerst<br />

kommunikativ und schnell ist, kann man<br />

solche Ereignisse und Stimmungen fast<br />

in Echtzeit wahrnehmen.<br />

Die Überwachung von Social Media-<br />

Nachrichten ermöglicht es Unternehmen<br />

somit, ihre Lieferanten auf skalierbare<br />

und vollautomatisierte Weise quasi aus<br />

der Ferne zu auditieren. Das ist von großer<br />

Relevanz, da traditionelle Methoden<br />

zur Überwachung der Compliance von<br />

Lieferanten, wie beispielsweise Audits<br />

an den Produktionsstätten, lediglich für<br />

eine sehr begrenzte Anzahl an Lieferanten<br />

durchführbar ist. Für Unternehmen, <strong>die</strong><br />

auf dem globalen Markt konkurrieren,<br />

gibt es somit vielleicht kein größeres<br />

Argument für den Einsatz einer Social<br />

Media-Analyse zur Überwachung ihrer<br />

Lieferanten.<br />

Nachhaltigkeitschecks auch von Sub-<br />

Lieferanten<br />

Ein Unternehmen mit nur wenigen tausend<br />

Lieferanten ist indirekt schnell mit<br />

hunderttausenden von Sub-Lieferanten<br />

verbunden. Die Verantwortung, <strong>die</strong> der<br />

Gesetzgeber Unternehmen für <strong>die</strong> Einhaltung<br />

von Nachhaltigkeitsverordnungen<br />

bei ihren Lieferanten auferlegt, endet<br />

aber nicht bei den direkten Lieferanten,<br />

sondern muss oftmals bis tief in <strong>die</strong> Lieferkette<br />

verfolgt und nachgewiesen werden.<br />

So müssen beispielsweise Unternehmen,<br />

<strong>die</strong> Gold, Tantal, Wolfram oder Zinn in<br />

ihren Produkten einsetzen, aufgrund<br />

eines US-Gesetzes, dem Dodd-Frank Act,<br />

lückenlos von Sub-Lieferant zu Sub-Lieferant<br />

nachweisen, ob <strong>die</strong>se Mineralien aus<br />

der Konfliktregion um <strong>die</strong> Demokratische<br />

Republik Kongo kommen. Das klingt<br />

nach einem absoluten Nischenthema,<br />

betrifft aber tatsächlich fast <strong>die</strong> gesamte<br />

Elektronik- und Hightechindustrie sowie<br />

<strong>die</strong> Automobilindustrie.<br />

Nachhaltigkeit Next Level<br />

Eine neue Generation an Cloud-Lösungen<br />

hilft Unternehmen, schnell, einfach und<br />

kostengünstig Transparenz über <strong>die</strong> Nachhaltigkeit<br />

ihrer Lieferantenbasis zu gewinnen.<br />

Auch Großunternehmen werden befähigt,<br />

ihre Nachhaltigkeitsinitiativen auf<br />

nahezu 100 Prozent ihrer Lieferanten und<br />

sogar auf ihre Sub-Lieferanten auszudehnen.<br />

Das ist <strong>die</strong> Chance für Unternehmen,<br />

<strong>die</strong> Nachhaltigkeit in Lieferketten<br />

auf das nächste Level zu bringen.<br />

Erfahren Sie mehr unter<br />

www.integritynext.com<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

77


GOOD PRACTICE<br />

Die digitale Revolution<br />

der Kreislauf<strong>wir</strong>tschaft<br />

Die Circular Economy gilt als ressourcenschonendes Wirtschaftsmodell der Zukunft. Davon ist<br />

auch der Software-Spezialist iPoint-systems überzeugt. Die Lösungen des Unternehmens<br />

unterstützen einen kontinuierlichen, digitalen Lifecycle-Managementprozess, der <strong>die</strong> Gesetzeskonformität<br />

und <strong>die</strong> Nachhaltigkeit von Produkten und Systemen gewährleistet. Ein Beispiel<br />

dafür ist <strong>die</strong> Community-Plattform SustainHub, <strong>die</strong> den branchenübergreifenden Austausch<br />

relevanter Daten innerhalb der Lieferkette ermöglicht.<br />

Von Dr. Katie Böhme, Head of Corporate<br />

Communications, iPoint-systems<br />

Unternehmen stehen bei Produktentwicklung<br />

und Beschaffung zahlreichen<br />

Herausforderungen gegenüber. Gerade<br />

in technisch hochentwickelten Wirtschaftsbranchen<br />

sind <strong>die</strong> Lieferketten international<br />

verzweigt und hochkomplex.<br />

Das macht es schwierig, den Weg eines<br />

Produkts über den gesamten Wertschöpfungsprozess<br />

nachzuverfolgen. Alleine in<br />

einem Smartphone etwa stecken hunderte<br />

Einzelteile, <strong>die</strong> aus mehr als 60 verschiedenen<br />

Rohstoffen und Materialien gefertigt<br />

werden. Die notwendigen Ressourcen<br />

werden oft in Entwicklungsländern abgebaut<br />

und über Landesgrenzen hinweg<br />

zu Mobiltelefonkomponenten weiterverarbeitet.<br />

Kommt es in <strong>die</strong>sem Prozess zu<br />

Menschenrechtsverletzungen, kann das<br />

dem Ruf der Unternehmen schaden und<br />

Kunden und Verbraucher abschrecken.<br />

Darüber hinaus sehen sich <strong>die</strong> Betriebe<br />

auch mit zahlreichen Umweltauflagen<br />

konfrontiert: Dazu zählen beispielsweise<br />

<strong>die</strong> RoHS-Richtlinie (Restriction of Hazardous<br />

Substances) oder <strong>die</strong> REACH-<br />

Verordnung (Registration, Evaluation, Authorisation<br />

and Restriction of Chemicals),<br />

deren Vorgaben beim Herstellungsprozess<br />

eingehalten werden müssen. Ein transparenter<br />

Austausch von Informationen über<br />

<strong>die</strong> Gesetzeskonformität und Nachhaltigkeit<br />

der Produkte <strong>wir</strong>d für Unternehmen<br />

deswegen immer wichtiger.<br />

Digital Circular Economy<br />

Das ist auch der Ausgangspunkt für <strong>die</strong><br />

Business-Software von iPoint-systems: Mit<br />

iPoints modulare<br />

Lösungen für <strong>die</strong><br />

Herausforderungen in<br />

einem geschlossenen<br />

Produktlebenszyklus.<br />

78 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


<strong>die</strong>ser <strong>können</strong> Unternehmen <strong>die</strong> Einhaltung<br />

produktbezogener, gesetzlicher und<br />

kundenspezifischer Anforderungen an<br />

Inhaltsstoffe, Materialien und Prozesse<br />

managen. Der ganzheitliche Ansatz der<br />

Software ermöglicht es, <strong>die</strong> relevanten<br />

Daten branchenübergreifend über den<br />

gesamten Produktlebenszyklus zu steuern<br />

und zu überprüfen: „Bei dem von uns unterstützten<br />

Prinzip der Circular Economy<br />

gibt es kein „Ende“ eines Produktes bzw.<br />

Prozesses. Unsere holistisch-zirkuläre<br />

Betrachtungsweise geht von kontinuierlichen<br />

positiven Entwicklungskreisläufen<br />

aus“, sagt Jörg Walden, Geschäftsführer<br />

von iPoint-systems.<br />

Bezogen auf Produkte bedeutet das, dass<br />

<strong>die</strong> Informationen aus allen Prozessschritten<br />

bereits in der Designphase berücksichtigt<br />

werden müssen, um <strong>die</strong> eingesetzten<br />

Ressourcen nach der jeweiligen<br />

Nutzungsdauer wieder in biologische<br />

oder technische Kreisläufe zurückzuführen:<br />

„Um <strong>die</strong>sen Ansatz hochgradig<br />

automatisiert durchzuführen und gleichzeitig<br />

Nachhaltigkeitspotenziale neuer<br />

Geschäftsmodelle über den gesamten Lebenszyklus<br />

zu erschließen, sind möglichst<br />

durchgängig digitale Modelle notwendig“,<br />

sagt Walden weiter.<br />

So ermöglicht ein digitales Abbild der<br />

Produkte <strong>–</strong> der sogenannte „digitale<br />

Zwilling“ <strong>–</strong> nicht nur ihre effiziente<br />

Entwicklung, sondern auch <strong>die</strong> Fähigkeit<br />

smarter Systeme, kontinuierlich Daten<br />

über sich selbst und ihre Umgebung zu<br />

erfassen und zu kommunizieren. „Aufgrund<br />

des aktuellen Trends zur hohen<br />

Individualisierung der Produkte und der<br />

damit verbundenen Heterogenität der<br />

Zulieferer und Fertigungsteile lässt sich<br />

<strong>die</strong> Prüfung der Gesetzeskonformität nur<br />

über eine Digitalisierung der Prozesse<br />

bewältigen“, führt Walden aus.<br />

Cloud-Plattform SustainHub<br />

Für iPoint-systems sind <strong>die</strong> Überführung<br />

existierender Informationssysteme in<br />

digitale Prozesse sowie <strong>die</strong> zunehmende<br />

Verschmelzung moderner Technologien,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> Grenze zwischen physischer und<br />

digitaler Welt auflösen, zentraler Ausgangspunkt<br />

und Treiber neuer Businessmodelle<br />

in der Cloud. Ein Beispiel dafür<br />

ist <strong>die</strong> Plattform SustainHub, mit der <strong>die</strong><br />

Kommunikation und Datenerfassung in<br />

der Lieferkette zwischen Unternehmen<br />

einfach und effizient gestaltet werden<br />

kann.<br />

Die Cloud-Lösung bietet für <strong>die</strong> Anwender<br />

folgende Vorteile:<br />

• Je nach regulatorischen und kundenspezifischen<br />

Anforderungen stehen unterschiedliche<br />

Applikationen zur Auswahl.<br />

Dazu zählen etwa <strong>die</strong> Conflict Minerals-<br />

App zur Erfassung, Aggregierung und<br />

Berichterstattung relevanter Konfliktmineralien-Daten<br />

über <strong>die</strong> gesamte<br />

Lieferkette hinweg oder <strong>die</strong> Material<br />

Compliance-App zum Management von<br />

Daten zu substanzbezogenen Regularien<br />

wie REACH und RoHS. Diese spiegeln<br />

immer <strong>die</strong> aktuellsten Vorgaben der<br />

Richtlinien und Verordnungen wider.<br />

• Mit der Registrierung werden Nutzer Teil<br />

der größten Community an Experten<br />

zu <strong>die</strong>sen Themengebieten und <strong>können</strong><br />

direkt von bewährten Prozessen<br />

profitieren.<br />

• Die Applikationen ermöglichen eine<br />

automatisierte Abfrage innerhalb der<br />

Lieferkette. Die Daten <strong>können</strong> wiederum<br />

in Standardformaten fürs Reporting<br />

genutzt werden. Lieferanten <strong>können</strong><br />

mit kostenlosen Basis-Lizenzen Kundenanfragen<br />

beantworten und bestehende<br />

Deklarationen mehrfach nutzen.<br />

• Anwender haben <strong>die</strong> Möglichkeit, Rollen<br />

und Aufgaben ihres Teams festzulegen,<br />

zu verwalten und <strong>die</strong> Zusammenarbeit<br />

in der Lieferkette zu intensivieren.<br />

• Die Plattform bietet ein einheitliches<br />

User Interface zur routinierten Nutzung<br />

bestehender und neuer Funktionen.<br />

Durch Einführungstutorials, eine umfangreiche<br />

Wissensdatenbank sowie weitere<br />

Support-Tools <strong>wir</strong>d <strong>die</strong> individuelle<br />

Lernkurve der Anwender beschleunigt.<br />

Damit <strong>die</strong> Kunden ihre aktuellen und<br />

künftigen Nachhaltigkeitsanforderungen<br />

bewältigen <strong>können</strong>, plant iPoint-systems<br />

den SustainHub durch weitere Applikationen<br />

zu erweitern. So etwa in den<br />

Feldern Social Compliance, Life Cycle<br />

Assessment (LCA) oder Corporate Social<br />

Responsibility (CSR).<br />

Beitritt zum<br />

UN Global Compact<br />

stärkt Nachhaltigkeitsengagement<br />

von<br />

iPoint-systems<br />

iPoint-systems ist seit 2017<br />

Mitglied im UN Global Compact.<br />

„Bei allem, was <strong>wir</strong> tun, stellen<br />

<strong>wir</strong> Nachhaltigkeit an <strong>die</strong> Spitze<br />

unserer Unternehmenstätigkeit.<br />

Mit unseren Software-Lösungen<br />

<strong>können</strong> <strong>wir</strong> aktiv dazu beitragen,<br />

<strong>die</strong> Herstellung nachhaltiger<br />

Produkte zu unterstützen“,<br />

erklärt Walden. Damit<br />

unterstützt das Unternehmen<br />

konkret <strong>die</strong> nachhaltigen<br />

Entwicklungsziele 8 und 12.<br />

„Unsere Unternehmensstrategie<br />

entspricht jetzt schon sehr den<br />

zehn Prinzipien des UN Global<br />

Compact. Deswegen war es<br />

für uns ein logischer Schritt,<br />

der Initiative beizutreten und<br />

damit unser Engagement als<br />

Unternehmen und Corporate<br />

Citizen zu unterstreichen, um<br />

den Wandel in eine nachhaltige<br />

Zukunft zu beschleunigen.“<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

79


GOOD PRACTICE<br />

Bergbau <strong>wir</strong>d digital<br />

In einer Branche, in der tief unter der Erdoberfläche mineralische Rohstoffe aus dem Berg<br />

gesprengt werden, mag <strong>die</strong> Digitalisierung auf den ersten Blick keine große Rolle spielen.<br />

Doch das Gegenteil ist der Fall. Beim internationalen Kali- und Salzproduzenten K+S jedenfalls<br />

nimmt <strong>die</strong> Digitalisierung zunehmend Fahrt auf. Das schafft neue Potenziale bei Produktivität<br />

und Effizienz, aber auch bei der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen.<br />

Von Kerstin Häusler, Claudia Haney und<br />

Andreas Köster, K+S<br />

<strong>Wie</strong> alle Industriezweige muss sich auch<br />

der Bergbau den Herausforderungen<br />

der Digitalisierung stellen. Nur wenn<br />

dabei auch Nachhaltigkeitsaspekte von<br />

Beginn an mitgedacht werden, kann<br />

<strong>die</strong> Digitalisierung nicht nur für <strong>die</strong><br />

Wirtschaft, sondern auch für <strong>die</strong> Umwelt<br />

und <strong>die</strong> Gesellschaft gewinnbringend<br />

sein. Dies ist das erklärte Ziel von K+S,<br />

denn das Unternehmen bekennt sich zu<br />

seiner Verantwortung gegenüber den<br />

Menschen, der Umwelt, den Gemeinden<br />

und der Wirtschaft in den Regionen, in<br />

denen es tätig ist.<br />

Vor <strong>die</strong>sem Hintergrund bedeutet <strong>die</strong><br />

Digitalisierung bei K+S nicht einfach den<br />

Sprung auf einen Modezug, sondern sie<br />

adressiert <strong>die</strong> langfristigen Herausforderungen<br />

eines Rohstoffunternehmens.<br />

Diese sind unter anderen: Sicherheitsaspekte,<br />

demografischer Wandel, Umweltanforderungen<br />

und steigende Kosten. Die<br />

Nutzung von datenbasierten Systemen<br />

<strong>wir</strong>d dabei <strong>die</strong> Antwort auf viele Fragen<br />

sein. Jedoch kommt es ausdrücklich<br />

nicht darauf an, den Menschen und<br />

seine Arbeitskraft überflüssig zu machen.<br />

Vielmehr besteht das wesentliche Ziel<br />

darin, das Unternehmen im internationalen<br />

Wettbewerb noch erfolgreicher zu<br />

machen <strong>–</strong> und zwar im Einklang mit<br />

den Zielen für Nachhaltige Entwicklung<br />

der Vereinten Nationen und dem Global<br />

Compact.<br />

Bereits in der Vergangenheit hat sich K+S<br />

intensiv mit der Schnittstelle zwischen<br />

der klassischen Maschinen- und Anlagentechnik<br />

und der Informationstechnologie<br />

beschäftigt. Mittlerweile sind IT-gestützte<br />

Prozesse wie autonomes Fahren, intelligente<br />

Sensorik, Algorithmus-basierte<br />

Regelungen und Mustererkennung längst<br />

nicht mehr nur Forschungsgegenstand,<br />

sondern gehören an vielen Stellen zu<br />

den etablierten Verfahren. Sie erleichtern<br />

nicht nur den Alltag der Bergleute unter<br />

Tage, sondern sie verbessern auch deren<br />

Arbeitsergebnisse.<br />

Besonders in den Bereichen Produktion<br />

und Instandhaltung gibt es auf<br />

den verschiedenen Standorten der K+S<br />

Gruppe schon jetzt eine Vielzahl von<br />

Initiativen zur Digitalisierung. Die dabei<br />

gemachten Erfahrungen werden in<br />

einem nächsten Schritt dazu genutzt,<br />

systematisch <strong>die</strong> Potenziale der Anwendung<br />

von digitalen Werkzeugen weiterzuentwickeln.<br />

Dabei liegt der Fokus<br />

nicht nur auf Innovation, sondern auch<br />

darauf, wie <strong>die</strong> Digitalisierung ganzheitlich<br />

und vor allem nachhaltig Prozesse<br />

optimieren kann. Zu Beginn wurde<br />

dabei analysiert, in welchen Bereichen<br />

80 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Initiativen bereits so weit erprobt sind,<br />

dass sie mit einer gemeinsamen Zielstellung<br />

in der gesamten K+S Gruppe<br />

umgesetzt werden <strong>können</strong>.<br />

Weit fortgeschritten ist man bei K+S<br />

beispielsweise beim Projekt „Mobile<br />

Instandhaltung“. Auf dem Pilotstandort<br />

werden <strong>die</strong> Anlagen unter Tage und<br />

in der Fabrik mit einem sogenannten<br />

Data Matrix Code ausgerüstet. Durch<br />

Abscannen des Codes mit dem Tablet<br />

in der Hand erhält der Instandhalter so<br />

per App direkt vor Ort alle relevanten<br />

Informationen. Er kann online Aufträge<br />

bearbeiten, Daten ändern, Messbelege<br />

erfassen und Materialien suchen. Dies<br />

erspart viel Zeit: Wege entfallen, Notizen<br />

müssen nicht doppelt erfasst werden <strong>–</strong><br />

erst auf Papier, dann im System. Dies<br />

erhöht nicht nur <strong>die</strong> Effizienz und <strong>die</strong><br />

Zufriedenheit der Mitarbeiter, sondern<br />

vor allem auch <strong>die</strong> Arbeitssicherheit.<br />

Denn aufgrund der nun leichter erfassbaren<br />

Datenbasis reduziert sich das Ausfallrisiko<br />

bei Anlagen und Maschinen.<br />

Auf einem anderen Standort läuft seit<br />

einiger Zeit ein Projekt mit dem Namen<br />

„Wertstoffoptimierung“. Dahinter verbirgt<br />

sich eine verbesserte Nutzung der<br />

Rohsalzvorkommen durch geologische<br />

3D-Modelle. Zusätzliche Bohrgeräte und<br />

spezielle Radarsonden erkunden <strong>die</strong> Lagerstätte<br />

messtechnisch und liefern mehr<br />

Informationen über <strong>die</strong> geologische Beschaffenheit.<br />

Eine IT-Lösung hilft dabei,<br />

<strong>die</strong>se umfangreichen Daten schneller<br />

auszuwerten und den besten Abbau- und<br />

Streckenverlauf vorzugeben. So kann der<br />

ideale Abbauweg im Vorfeld modelliert<br />

und <strong>die</strong> Lagerstätte optimal ausgenutzt<br />

werden. Das <strong>wir</strong>kt sich auch positiv auf<br />

<strong>die</strong> Umwelt aus, denn durch <strong>die</strong> präzisere<br />

Vorhersage fällt bei der Gewinnung<br />

weniger Rückstand an, <strong>die</strong> Ausbeute<br />

<strong>wir</strong>d erhöht und <strong>die</strong> Verschwendung<br />

von Wertstoff vermieden.<br />

Jedes Projekt <strong>wir</strong>d zunächst auf dem jeweiligen<br />

Werk vorangetrieben, berücksichtigt<br />

jedoch gleich von Beginn an den Nutzen<br />

für alle K+S-Standorte. Dabei ist neben der<br />

Entwicklung der verschiedenen digitalen<br />

Werkzeuge und deren Einbindung in <strong>die</strong><br />

bestehende IT-Landschaft auch wichtig,<br />

dass <strong>die</strong>se im Arbeitsalltag den richtigen<br />

Platz finden. Digitalisierung soll zu einem<br />

Teil der Unternehmens-„DNA“ werden<br />

und K+S seinem Ziel damit ein Stück<br />

näher bringen: <strong>die</strong> Produktion zu steigern<br />

und <strong>die</strong> Kosten zu senken <strong>–</strong> und dabei<br />

zugleich den ökologischen Fußabdruck<br />

zu reduzieren.<br />

Breites mineralisches<br />

Produktportfolio<br />

K+S versteht sich als ein auf den<br />

Kunden fokussierter, eigenständiger<br />

Anbieter von mineralischen Produkten<br />

für <strong>die</strong> Bereiche Agriculture, Industry,<br />

Consumers und Communities und will<br />

das EBITDA bis <strong>2030</strong> auf drei Milliarden<br />

Euro steigern. Seine mehr als<br />

14.000 Mitarbeiter helfen Land<strong>wir</strong>ten<br />

bei der Sicherung der Welternährung,<br />

bieten Lösungen, <strong>die</strong> Industrien am<br />

Laufen halten, bereichern das tägliche<br />

Leben der Konsumenten und<br />

sorgen für Sicherheit im Winter. Die<br />

stetig steigende Nachfrage nach mineralischen<br />

Produkten be<strong>die</strong>nt K+S<br />

aus Produktionsstätten in Europa,<br />

Nord- und Südamerika sowie einem<br />

weltweiten Vertriebsnetz. Das Unternehmen<br />

strebt nach Nachhaltigkeit,<br />

denn es bekennt sich zu seiner Verantwortung<br />

gegenüber Menschen,<br />

der Umwelt, den Gemeinden und der<br />

Wirtschaft in den Regionen, in denen<br />

es tätig ist. Erfahren Sie mehr über<br />

K+S unter www.k-plus-s.com.<br />

Nachhaltigkeit bei K+S<br />

Mit der neuen Unternehmensstrategie<br />

„Shaping <strong>2030</strong>“ hat K+S eine<br />

klare Vorstellung davon entwickelt,<br />

wie das Unternehmen im Jahr <strong>2030</strong><br />

aufgestellt sein soll. Ein wichtiger<br />

Baustein dabei ist Nachhaltigkeit,<br />

denn für K+S bedeutet nachhaltige<br />

Entwicklung Zukunftsfähigkeit. Das<br />

Unternehmen hat sich ambitionierte<br />

Ziele in den drei Bereichen Menschen,<br />

Umwelt und Geschäftsethik gesetzt,<br />

<strong>die</strong> 2018 mit konkreten Maßnahmen<br />

unterlegt werden sollen. Jeder <strong>die</strong>ser<br />

drei Bereiche umfasst eine Reihe<br />

von Teilzielen wie beispielsweise <strong>die</strong><br />

Verbesserung der Arbeitssicherheit<br />

(im Bereich Menschen), <strong>die</strong> Verringerung<br />

von salzhaltigen Prozessabwässern<br />

in der Kaliproduktion (im<br />

Bereich Umwelt) oder <strong>die</strong> Umsetzung<br />

von Compliance-Aktivitäten entlang<br />

unserer Lieferkette (im Bereich Geschäftsethik).<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

81


GOOD PRACTICE<br />

Digitale Lösungen und<br />

Innovationen unterstützen<br />

nachhaltige Entwicklung<br />

Gesellschaftliche Megatrends wie der technologische Fortschritt und <strong>die</strong> voranschreitende<br />

Digitalisierung zahlreicher Prozesse haben einen großen Einfluss auf <strong>die</strong> Arbeitswelt von<br />

heute. Die Lufthansa Group begegnet <strong>die</strong>sen prägenden gesellschaftlichen Entwicklungen<br />

unter anderem mit Konzepten für offene Arbeitsplatzmodelle sowie vielfältigen Programmen<br />

und Innovationen zur Digitalisierung. Diese machen den Luftfahrkonzern agiler und<br />

nachhaltiger und leisten so einen Beitrag zur Umsetzung der globalen Entwicklungsziele der<br />

Vereinten Nationen.<br />

Von Lufthansa Group Communications<br />

Als international agierendes Unternehmen<br />

und Erstunterzeichner des UN Global<br />

Compact aus der Luftfahrtindustrie<br />

sieht sich <strong>die</strong> Lufthansa Group in besonderem<br />

Maße den UN Sustainable<br />

Development Goals (<strong>SDGs</strong>) verpflichtet.<br />

Sie sind Basis der Geschäftstätigkeit und<br />

Bestandteil der strategischen Positionierung<br />

des Konzerns und seiner Einzelgesellschaften.<br />

Ebenso spiegeln sie sich<br />

in den wesentlichen Handlungsfeldern<br />

der Lufthansa Group im Bereich der unternehmerischen<br />

Verantwortung wider,<br />

<strong>die</strong> der Konzern zuletzt 2016 in einer<br />

Materialitätsanalyse mit externen und<br />

internen Stakeholdern ermittelt hat. Von<br />

besonderer Relevanz hierbei sind <strong>die</strong><br />

Klimaziele und der verantwortungsvolle<br />

Umgang mit Ressourcen, aber auch <strong>die</strong><br />

Förderung weiblicher Beschäftigter in<br />

den Führungsebenen, Vielfalt und Chancengleichheit<br />

sowie <strong>die</strong> kontinuierliche<br />

Verbesserung der Arbeitsbedingungen.<br />

Zudem engagiert sich <strong>die</strong> Lufthansa<br />

82 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Group als „Corporate Citizen“ mit ihrer<br />

gemeinnützigen Gesellschaft help<br />

alliance in zahlreichen Hilfsprojekten<br />

in <strong>Deutschland</strong> und weltweit. Im Zentrum<br />

des sozialen Engagements steht<br />

<strong>die</strong> Befähigung junger, benachteiligter<br />

Menschen zu einem erfolgreichen, gesunden<br />

und selbstbestimmten Leben <strong>–</strong> <strong>die</strong>s<br />

insbesondere über Bildungsangebote.<br />

Damit folgt <strong>die</strong> Lufthansa Group einem<br />

der nachhaltigen Entwicklungsziele der<br />

Vereinten Nationen <strong>–</strong> „Hochwertige<br />

Bildung“.<br />

Aber auch das Vorantreiben von Innovations-<br />

und Digitalisierungsprojekten unter<br />

Beachtung sozialer und ökologischer<br />

Verträglichkeit ist ein wesentlicher Eckpfeiler<br />

des unternehmerischen Handelns<br />

des Konzerns. Denn längst durchdringt<br />

<strong>die</strong> Digitalisierung auch fast jeden Aspekt<br />

der Luftfahrt, <strong>die</strong> Aus<strong>wir</strong>kungen<br />

auf bestehende Prozesse und Produkte<br />

sind enorm. Die Möglichkeiten der Informationstechnologie<br />

bieten konkrete<br />

Chancen, <strong>die</strong> Wertschöpfungskette des<br />

Konzerns weiter zu optimieren sowie<br />

das Produkt- und Serviceangebot um<br />

digitale Komponenten zu ergänzen und<br />

zu personalisieren. Aber auch Arbeitsprozesse<br />

lassen sich so vereinfachen und<br />

<strong>die</strong> grüne Transformation vorantreiben.<br />

„Innovation und Digitalisierung“ ist ein<br />

strategisches Handlungsfeld des Konzerns,<br />

der Wandel hin zu elektronisch<br />

gestützten Prozessen <strong>wir</strong>d in allen Geschäftsbereichen<br />

konsequent vorangetrieben.<br />

Der Fokus liegt auf digitalen<br />

Lösungen und Innovationen, <strong>die</strong> sowohl<br />

einen ökonomischen Nutzen als auch<br />

ökologische Vorteile bringen.<br />

Beispielsweise hilft <strong>die</strong> Umstellung von<br />

papierbasierten auf digitale Prozesse,<br />

wertvolle Ressourcen entlang der Wertschöpfungskette<br />

zu schonen. Lufthansa<br />

Technik hat sich mit dem Programm<br />

„Paperless Maintenance“ <strong>–</strong> papierlose<br />

Flugzeugwartung <strong>–</strong> zum Ziel gesetzt,<br />

<strong>die</strong> Beanstandungs- und Bearbeitungsdokumente<br />

bei der Flugzeugwartung<br />

vollständig zu digitalisieren. So <strong>können</strong><br />

jährlich rund 30 Tonnen Papier eingespart<br />

werden. Auch Lufthansa Cargo verfolgt<br />

mit dem Digitalisierungsprogramm<br />

„eFreight“ ein ähnlich ambitioniertes Ziel:<br />

<strong>die</strong> Luftfrachtabwicklung papierlos zu<br />

gestalten und bis 2020 <strong>die</strong> komplette<br />

Lieferkette zu digitalisieren. So lassen<br />

sich <strong>die</strong> Effizienz von Luftfrachttransporten<br />

deutlich steigern und branchenweit<br />

7.800 Tonnen Papier jährlich einsparen.<br />

Der Lufthansa Group ist es darüber hinaus<br />

ein Anliegen, <strong>die</strong> verschiedenen<br />

Leistungen entlang der Reisekette beständig<br />

zu optimieren und das Fliegen<br />

samt all seinen nachhaltigen Facetten<br />

immer erlebbarer zu machen. Die Airlines<br />

der Lufthansa Group bieten ihren<br />

Fluggästen beispielsweise neben zahlreichen<br />

neuen Applikationen wie digitale<br />

Gepäck- und Kundenservices auch kostenlose<br />

eJournals anstelle von gedruckten<br />

Zeitungen und Magazinen. Von <strong>die</strong>sem<br />

digitalen Me<strong>die</strong>nangebot profitiert auch<br />

<strong>die</strong> Umwelt, denn eJournals reduzieren<br />

das Gewicht an Bord, wodurch sich der<br />

Treibstoffverbrauch und <strong>die</strong> CO 2-Emissionen<br />

verringern lassen. Bereits seit 2007<br />

<strong>können</strong> Fluggäste der Lufthansa Group<br />

<strong>die</strong> durch ihre Flugreise unvermeidbar<br />

entstehenden CO 2-Emissionen mit einer<br />

Spende an <strong>die</strong> Stiftung myclimate<br />

ausgleichen und so einen persönlichen<br />

Beitrag zum Klimaschutz leisten. Bei<br />

Auswahl und Umsetzung der Projekte<br />

werden höchste Standards angelegt. Ein<br />

weiteres Beispiel ist <strong>die</strong> im November<br />

2006 von Miles & More eingeführte<br />

Initiative „Miles to Help“. Sie ermöglicht<br />

Teilnehmern des Vielflieger- und<br />

Prämienprogramms Miles & More, ihre<br />

Prämienmeilen unter anderem an ausgesuchte<br />

Projekte der gemeinnützigen<br />

Hilfsorganisation der Lufthansa Group,<br />

help alliance, zu spenden. Auch hier<br />

eröffnet <strong>die</strong> Digitalisierung neue Möglichkeiten<br />

und Kooperationen <strong>–</strong> <strong>die</strong>s<br />

insbesondere im Fundraising-Bereich. So<br />

<strong>können</strong> Inhaber der Lufthansa Miles &<br />

More Credit Card seit August 2016 auf<br />

der Mastercard Spendenplattform einen<br />

individuellen Betrag festlegen, der mit<br />

jedem Kartenumsatz den Hilfsprojekten<br />

der help alliance zugutekommt. Auf<br />

<strong>die</strong>se Weise <strong>wir</strong>d das soziale Engagement<br />

der Kunden der Lufthansa Group in den<br />

Alltag integriert und gefördert.<br />

Bei ihren Mitarbeitern setzt <strong>die</strong> Lufthansa<br />

Group ebenfalls auf digitale Innovationen,<br />

um sie bei der täglichen Arbeit<br />

optimal zu unterstützen. Dazu gehören<br />

unter anderem Eyetracking-Technologien<br />

und Augmented Reality. Weitere Ansätze<br />

umfassen <strong>die</strong> digitale Vernetzung der Mitarbeiter,<br />

Lern-Apps sowie Virtual Reality,<br />

zum Beispiel für <strong>die</strong> Pilotenausbildung.<br />

Qualität, Effizienz und Innovationen<br />

sind auch künftig <strong>die</strong> Voraussetzungen<br />

für erfolgreiches und nachhaltiges Wirtschaften<br />

der Lufthansa Group im Sinne<br />

der globalen Ziele der Vereinten Nationen<br />

zur Umsetzung der Agenda <strong>2030</strong>.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

83


GOOD PRACTICE<br />

Brücken bauen zwischen<br />

Wirtschaft und Gesellschaft<br />

Das Nachhaltigkeitsmanagement der Unternehmen steht vor einem tiefgreifenden Umbau:<br />

Die zunehmende Verlagerung von den Global Compact-Prinzipien hin zu den UN-Zielen für<br />

nachhaltige Entwicklung (<strong>SDGs</strong>) beinhaltet viel mehr als nur einen Austausch von Begriffen.<br />

Dem Nachhaltigkeitsreporting kommt dabei eine Schlüsselstellung zu. Wir begleiten <strong>die</strong>sen<br />

Prozess durch ehrenamtliches Engagement beim weltweit wichtigsten Standardsetzer, der<br />

Global Reporting Initiative (GRI).<br />

Dr. Elmer Lenzen, Geschäftsführer von<br />

macondo publishing, ist in ehrenamtlicher<br />

Funktion in den GRI Stakeholder<br />

Council (SC) berufen worden. Dabei<br />

handelt es sich um eines der zentralen<br />

Beratungsgremien der GRI. Die UN-nahe<br />

Organisation ist der weltweit wichtigste<br />

Standardsetzer für extra-finanzielle<br />

Berichterstattung. Als Councellor repräsentiert<br />

Elmer Lenzen in der Legislaturperiode<br />

2017<strong>–</strong>2019 <strong>die</strong> Unternehmen<br />

aus den Regionen Europa und Zentralasien.<br />

Die <strong>SDGs</strong> stehen dabei ganz oben<br />

auf der Arbeitsagenda: Die Nichtregierungsorganisation<br />

GRI versteht sich als<br />

Brückenbauer zwischen Unternehmen<br />

und Gesellschaft, um positive Beiträge<br />

zu den <strong>SDGs</strong> messbar zu machen.<br />

Die Arbeit der GRI in <strong>die</strong>sem Bereich konzentriert<br />

sich auf den Nachhaltigkeitsberichterstattungsprozess,<br />

<strong>die</strong> Qualität der<br />

Informationen sowie <strong>die</strong> Datenerhebung<br />

und deren Transparenz. Schlussendlich<br />

geben <strong>die</strong>se Daten Regierungen Hilfestellungen<br />

dabei, nachhaltigen Fortschritt<br />

zu verfolgen und auf <strong>die</strong>ser Basis gute<br />

politische Entscheidungen zu treffen.<br />

Die GRI ist daher auch Mitbegründerin<br />

des „Measure What Matters“-Projekts <strong>–</strong><br />

einer globalen Initiative, <strong>die</strong> darauf abzielt,<br />

eine bessere Abstimmung zwischen<br />

Unternehmens-, nationalen und globalen<br />

Nachhaltigkeitsdaten zu erreichen. Eine<br />

wichtige Rolle spielt auch <strong>die</strong> Zusammenarbeit<br />

mit dem UN Global Compact.<br />

KMUs als Herausforderung<br />

Die GRI und der UN Global Compact planen<br />

für <strong>die</strong> Zukunft, sich speziell auf <strong>die</strong><br />

Erleichterung der SDG-Berichterstattung<br />

kleiner und mittlerer Unternehmen zu<br />

konzentrieren, da <strong>die</strong>se rund 90 Prozent<br />

der globalen Wirtschaftstätigkeit<br />

ausmachen. Und hier gibt es aus Sicht<br />

von macondo publishing <strong>die</strong> größten<br />

Herausforderungen: Mittelständische<br />

Unternehmen haben auch in Nachhaltigkeitsfragen<br />

deutlich weniger Budgetmittel<br />

<strong>–</strong> sowohl personelle als auch<br />

fachliche Kapazitäten sind begrenzt. Das<br />

gilt schon für bisherige Berichts- und<br />

Management-Prozesse. Die SDG-Debatte<br />

<strong>wir</strong>d das sogar noch verstärken.<br />

Die Ausdehnung von gerade erlernten<br />

CSR-Modellen in Richtung <strong>SDGs</strong> ist mehr<br />

als nur eine semantische Verschiebung.<br />

Es geht nicht mehr nur darum, Nachhaltigkeit<br />

im Business Case zu verankern,<br />

sondern vielmehr den Business Case<br />

nachhaltig und zum Erreichen der <strong>SDGs</strong><br />

einzusetzen. Inwieweit ein solcher Ansatz<br />

von „Sustainable Entrepreneurship“<br />

<strong>wir</strong>klich tragfähig ist, bleibt abzuwarten.<br />

Auch ist bisher vielen unklar, wie<br />

der Erfolg genau zu messen sein <strong>wir</strong>d.<br />

Die Indikatoren sind erst in der Entwicklung,<br />

und genau daran wollen <strong>wir</strong><br />

bei macondo publishing innerhalb der<br />

GRI-Initiative konstruktiv mit<strong>wir</strong>ken.<br />

Neben der Relevanz der Indikatoren<br />

beschäftigen uns dabei noch zwei weitere<br />

Fragen: Erstens, wie verbessern <strong>wir</strong> <strong>die</strong><br />

Auswertung der Daten? Es reicht nicht,<br />

<strong>die</strong> Diskussion auf <strong>die</strong> reine Erhebung<br />

der Daten zu verkürzen. Zweitens, wie<br />

verbessern <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Kommunikation?<br />

Nachhaltigkeitsberichte werden viel zu<br />

wenig gelesen. Die thematische Ausweitung<br />

auf gesellschaftlich relevante <strong>SDGs</strong><br />

<strong>wir</strong>d daran nichts ändern.<br />

Die Krux mit den KPIs<br />

Die erste Herausforderung für ein Unternehmen<br />

besteht darin festzulegen,<br />

welche Daten verfügbar sind, welche<br />

Qualität <strong>die</strong> Daten haben und durch welche<br />

analytische Brille man das überhaupt<br />

betrachten will. Das Ergebnis <strong>die</strong>ser Diagnose<br />

sagt für sich genommen aber noch<br />

nicht viel aus, da <strong>die</strong> Aussagequalität<br />

qualitativer Daten subjektiv und <strong>die</strong> der<br />

quantitativen Daten von der Qualität<br />

der objektiven Zielmargen abhängig ist.<br />

Salopp ausgedrückt: Was ist gut? Was<br />

nicht? <strong>Wie</strong> <strong>wir</strong>d das gemessen? Was<br />

<strong>wir</strong>d überhaupt gemessen?<br />

84 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Treffen des GRI Stakeholder<br />

Council im September 2017<br />

in Amsterdam<br />

Eine KPI-getriebene Sichtweise ist so<br />

ähnlich wie <strong>die</strong> Erstellung eines Blutbilds<br />

beim Arzt. Dabei <strong>wir</strong>d der Gesundheitszustand<br />

des Patienten „aufgelöst“ in<br />

zahlreiche Messwerte, aus denen der Arzt<br />

wiederum Rückschlüsse auf <strong>die</strong> Gesundheit<br />

des Patienten zieht. So eine Herangehensweise<br />

ist wissenschaftlich, fun<strong>die</strong>rt<br />

und damit auch anerkannt. Nur lassen<br />

sich nachhaltige KPIs nicht wie Blutwerte<br />

beurteilen. Der zentrale Unterschied ist<br />

nämlich, dass es beim Arzt empirisch<br />

belegte Sollwerte gibt, <strong>die</strong> einen Ist-Soll-<br />

Vergleich zulassen. Daran mangelt es im<br />

Nachhaltigkeitsbereich: Erstens gibt es in<br />

der Regel keine vernünftigen Vergleichszahlen<br />

zu anderen Unternehmen, ohne<br />

dass man Äpfel mit Birnen vergleicht<br />

(Benchmark-Problematik). Zweitens wäre<br />

<strong>die</strong> Frage, ob so ein Benchmark überhaupt<br />

einen Sollwert beschreiben würde<br />

oder nicht eher ein Median aus den<br />

schlechten Blutwerten aller, um im Bild<br />

des Arztbesuchs zu bleiben. Außerdem<br />

ist ein KPI, das von außen eingefordert<br />

<strong>wir</strong>d <strong>–</strong> maximal zwei Grad globale Erwärmung<br />

beispielsweise <strong>–</strong> als solcher<br />

ein moralischer Sollwert. Das hat nichts<br />

mit empirischer Wissenschaft zu tun.<br />

Hier müssen <strong>wir</strong> mit GRI und anderen<br />

Stakeholdern also noch viel Arbeit leisten.<br />

Warum (fast) niemand Nachhaltigkeitsberichte<br />

liest<br />

Nachhaltigkeitsberichte teilen das<br />

Schicksal von Geschäftsberichten und<br />

Parteiprogrammen. Es <strong>wir</strong>d viel darüber<br />

geredet, aber wenig darin geblättert.<br />

Aber warum eigentlich nicht? Sind <strong>die</strong><br />

Stakeholder zu bequem?<br />

Vielleicht hilft zum besseren Verständnis<br />

eine wissenschaftliche Arbeit von<br />

Anthony Downs: Downs hat in den 50er<br />

Jahren des letzten Jahrhunderts <strong>die</strong> <strong>wir</strong>tschaftswissenschaftlichen<br />

Modelle der<br />

individuellen Nutzungsmaximierung<br />

auf politische Prozesse angewandt. Seine<br />

Annahme war folgende: Informationsgewinnung<br />

ist aufwändig. Das gilt für <strong>die</strong><br />

eingesetzte Zeit und Aufmerksamkeit.<br />

So ist etwa <strong>die</strong> Lektüre von Wahlprogrammen<br />

oder Gesetzestexten mühsam.<br />

Unweigerlich fragt sich der Wähler:<br />

Lohnt sich der Aufwand im Verhältnis<br />

zum individuellen Nutzen? Anthony<br />

Downs nennt <strong>die</strong>sen Konflikt „rationale<br />

Ignoranz“. Die Kosten (Zeit) übersteigen<br />

den Nutzen (es bleibt bei einer Stimme,<br />

<strong>die</strong> jeder Einzelne hat). Wähler verhalten<br />

sich, so Downs, in ihrem Eigennutz<br />

genauso wie Konsumenten.<br />

<strong>Wie</strong> bilden sie sich dann ihre Meinung?<br />

Die pointierten Zusammenfassungen<br />

und Interpretationen von Meinungsbildnern<br />

<strong>–</strong> Influencer wie man heute sagt<br />

<strong>–</strong> und Lobbygruppen treffen den Nerv des<br />

Eigennutzenaxioms. Die Übernahme von<br />

deren vorgefertigter Meinung ist oftmals,<br />

ökonomisch gesprochen, für den Einzelnen<br />

kostengünstiger. Hierbei spricht<br />

man vom sogenannten Rational-Choice-<br />

Ansatz der Wahlverhaltensforschung.<br />

Übertragen <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Gedanken auf den<br />

Nachhaltigkeitsbereich: Viele Stakeholder<br />

interessieren sich durchaus für<br />

Nachhaltigkeitsthemen. Aber sie wollen,<br />

dass <strong>die</strong>se Informationen „convenient“<br />

aufbereitet sind. Sie wollen <strong>die</strong> wichtigen<br />

Kennzahlen, eine Bewertung und externe<br />

Stimmen auf einen Blick respektive in<br />

einem Artikel. Sie wollen Me<strong>die</strong>nangebote,<br />

<strong>die</strong> ihnen mit möglichst geringem<br />

Aufwand größtmöglichen Nutzen<br />

versprechen.<br />

Das zu verbessern und damit auch <strong>die</strong><br />

Akzeptanz der <strong>SDGs</strong> zu steigern, ist unser<br />

Ziel bei macondo publishing. Ganz<br />

praktisch beitragen wollen <strong>wir</strong> mit innovativen<br />

Me<strong>die</strong>ninhalten und neuen<br />

Zielgruppenansprachen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

85


GOOD PRACTICE<br />

MAN entwickelt Ideen für<br />

<strong>die</strong> Mobilität von morgen<br />

Ob bei Lärm oder Emissionen <strong>–</strong> in unseren Städten gelten immer strengere Umweltauflagen.<br />

Das gilt nicht nur für den privaten Autoverkehr, sondern auch für den Warentransport und<br />

den öffentlichen Personennahverkehr. Als Nutzfahrzeughersteller bietet MAN Truck & Bus<br />

seinen Kunden darum Lösungen an, <strong>die</strong> bei Effizienz und Umweltfreundlichkeit<br />

gleichermaßen überzeugen.<br />

Von Peter Attin, Senior Vice President Coporate<br />

Responsibility, MAN<br />

Umwelt- und Klimaschutz gehören aus<br />

Sicht der meisten Deutschen zu den<br />

zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen.<br />

Das ergab eine Umfrage im<br />

Auftrag des Bundesumweltministeriums<br />

und des Umweltbundesamts, <strong>die</strong> 2016<br />

durchgeführt wurde. Demnach fühlen<br />

sich viele Städter zunehmend von Lärm<br />

und Emissionen beeinträchtigt.<br />

Städte und Gemeinden stehen daher vor<br />

der Herausforderung, Luftverbesserung<br />

und Lärmschutz mit dem innerstädtischen<br />

Personen- und Güterverkehr in<br />

Einklang zu bringen. Für den Transport<br />

von Gütern und Menschen sind Lkw und<br />

Bus in der Stadt unabdingbar. Dabei nehmen<br />

Lkw und Busse mit modernen EURO<br />

VI-Dieselmotoren eine positive Rolle ein:<br />

Bei Fahrzeugen <strong>die</strong>ser Emissionsstufe<br />

liegen <strong>die</strong> erlaubten Partikelemissionen<br />

um 66 Prozent und der NO X-Ausstoß um<br />

80 Prozent niedriger im Vergleich zum<br />

bereits sehr strengen Vorläuferstandard<br />

<strong>–</strong> und das nicht nur auf dem Motorprüfstand,<br />

sondern auch im Fahrbetrieb. Dies<br />

ist sichergestellt, da während der Fahrt<br />

kontinuierlich überprüft <strong>wir</strong>d, ob <strong>die</strong><br />

Grenzwerte eingehalten werden. Dazu<br />

werden AdBlue-Tank-Inhalt, -Qualität,<br />

-Verbrauch sowie <strong>die</strong> NO X-Werte im Fahrbetrieb<br />

mit Sensoren überwacht.<br />

Trotz <strong>die</strong>ser sehr sauberen Technologie<br />

gehen <strong>wir</strong> bei MAN davon aus, dass <strong>die</strong><br />

Zukunft des Güter- und Personenverkehrs<br />

in Ballungsräumen elektrisch sein<br />

<strong>wir</strong>d. Für <strong>die</strong>sen Einsatzbereich setzen<br />

<strong>wir</strong> daher sowohl beim Truck als auch<br />

beim Bus auf den Elektroantrieb. Zusätzlich<br />

konzipieren <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Transport- und<br />

Verteiler-Lkw der Zukunft so, dass sie<br />

auch auf engen Straßen und in dicht<br />

bebauten Innenstädten sicher fahren.<br />

Unsere Elektro-Lkw werden <strong>die</strong> künftigen<br />

Anforderungen an Fahrzeuge für<br />

den innerstädtischen Lieferverkehr voll<br />

erfüllen: Sie bieten viel Ladevolumen<br />

Als international führender Hersteller von Nutzfahrzeugen übernehmen <strong>wir</strong><br />

eine besonders große Verantwortung gegenüber unseren Kunden sowie auch<br />

gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt. Seit vielen Jahren werden <strong>wir</strong> dem<br />

stetig steigenden Bedarf an nachhaltigen und effizienten Mobilitätslösungen<br />

gerecht <strong>–</strong> und sind dabei im Einklang mit den nachhaltigen Entwicklungszielen<br />

der UN-Agenda <strong>2030</strong>. Unsere Lkw und Busse tragen maßgeblich zu einer<br />

nachhaltigen Städte- und Gemeindeentwicklung bei (Ziel 11) und sind aufgrund<br />

ihrer geringen bzw. nicht vorhandenen Emissionen ein großer Beitrag zum<br />

Klimaschutz (Ziel 13).<br />

86 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


ei relativ geringem Eigengewicht, sind<br />

frei von lokalen Emissionen sowie sehr<br />

leise und wendig.<br />

Einen wichtigen Meilenstein auf <strong>die</strong>sem<br />

Weg erreichen <strong>wir</strong> Anfang 2018,<br />

wenn <strong>wir</strong> <strong>die</strong> ersten vollelektrisch angetriebenen<br />

Trucks an österreichische<br />

Kunden ausliefern <strong>–</strong> darunter große<br />

Supermarktketten, Brauereien und<br />

Speditionen. Ab Ende 2018 <strong>wir</strong>d dann<br />

zunächst eine Kleinserie auf den Markt<br />

kommen, <strong>die</strong> Serienproduktion für<br />

Elektro-Lkw ist für Ende 2021 geplant.<br />

Gemessen an den langen Produktzyklen<br />

im Nutzfahrzeugbereich und dem hohen<br />

Qualitätsanspruch von MAN ist das sehr<br />

ambitioniert. Eine intensive Testphase im<br />

realen Kundeneinsatz <strong>wir</strong>d entscheidend<br />

dazu beitragen, dass unsere eTrucks und<br />

eBusse <strong>die</strong> gleiche Zuverlässigkeit wie<br />

unsere herkömmlichen Fahrzeuge bieten.<br />

Serienproduktion von Elektro-<br />

Bussen schon in 2019<br />

Emissionen und Lärm sind aber auch für<br />

den öffentlichen Personen- und Nahverkehr<br />

ein Thema: Die aktuelle Debatte um<br />

Abgaswerte in den Innenstädten sorgt<br />

für eine steigende Nachfrage nach Bussen<br />

mit besonders umweltfreundlichen<br />

Antrieben. Mit unseren Elektro-Bussen<br />

bringen <strong>wir</strong> auch hier eine neue Art der<br />

Mobilität in den Stadtverkehr. Ab 2018<br />

schicken <strong>wir</strong> dazu in mehreren europäischen<br />

Städten Testflotten auf <strong>die</strong> Straßen.<br />

Es existieren bereits seit längerem<br />

Entwicklungspartnerschaften mit Verkehrsbetrieben<br />

in Hamburg, München<br />

und Wolfsburg. Die Serienproduktion<br />

von voll elektrisch angetriebenen Stadtbussen<br />

<strong>wir</strong>d bereits Ende 2019 beginnen.<br />

Gerade <strong>die</strong> Umstellung des Fuhrparks<br />

auf batterieelektrische Fahrzeuge stellt<br />

Unternehmer jedoch oftmals vor ungeahnte<br />

Herausforderungen, <strong>die</strong> eine<br />

sorgfältige Vorbereitung und Planung<br />

erforderlich macht. Der neue MAN Beratungsservice<br />

Transport Solutions unterstützt<br />

Verkehrsbetriebe und Flottenbetreiber<br />

beim Umstieg auf alternative<br />

Antriebe <strong>–</strong> und damit bei allen Fragen<br />

rund um Antriebstechnologien, Streckennetzplanung,<br />

Routenoptimierung<br />

und Batteriemanagement. Neben der<br />

Ladesäuleninfrastruktur spielen beim<br />

Betriebshof natürlich auch Aspekte wie<br />

Größe, Sicherheit und Parksituation<br />

eine wesentliche Rolle. Wichtig auch:<br />

<strong>die</strong> Ermittlung des Strombedarfs. Dieser<br />

hängt von der Anzahl der eBusse ebenso<br />

wie von der Ladestrategie ab. Nachhaltig<br />

erzeugte Energie ist hier selbstverständlich<br />

der Schlüssel zu einer Verminderung<br />

der CO 2-Emissionen.<br />

Digitalisierung für den Fernverkehr<br />

Auch für den Fernverkehr arbeitet MAN<br />

an alternativen Antriebskonzepten. Auf<br />

Dieselmotoren <strong>wir</strong>d man hierbei allerdings<br />

zunächst nicht verzichten <strong>können</strong>,<br />

sie werden auf der Langstrecke<br />

noch weiter eine wichtige Rolle spielen.<br />

Auch wenn in der aktuellen Debatte ein<br />

anderes Bild gezeichnet <strong>wir</strong>d <strong>–</strong> moderne<br />

Dieselmotoren in Lkw und Bussen<br />

sind sehr sauber und stoßen zudem<br />

wenig CO 2 aus. Einen rein elektrischen<br />

Antrieb sehen <strong>wir</strong> bei der derzeitigen<br />

Batterietechnik in Fernverkehrs-Lkw<br />

nicht <strong>–</strong> sonst ist zu wenig Raum für<br />

<strong>die</strong> Ladung da. Alternativen könnten<br />

<strong>die</strong> Hybridisierung, durch Ökostrom<br />

erzeugte Kraftstoffe <strong>–</strong> so genannte E-<br />

Fuels <strong>–</strong> oder Gasmotoren sein.<br />

Im Fernverkehr spielen hingegen digitalisierte<br />

und automatisiert gesteuerte<br />

Fahrzeuge eine größere Rolle. Eine solche<br />

Innovation ist das sogenannte „Platooning“.<br />

Dabei fahren mindestens zwei<br />

Lkw in geringem Abstand als Konvoi.<br />

Der erste Lkw <strong>wir</strong>d von einem Fahrer<br />

gesteuert, der nachfolgende Lkw folgt<br />

automatisiert im Windschatten und<br />

verbraucht deshalb bis zu zehn Prozent<br />

weniger Kraftstoff. Dabei sind <strong>die</strong> Lkw<br />

über <strong>die</strong> sogenannte Truck-to-Truck-<br />

Kommunikation miteinander vernetzt<br />

und mit Fahrassistenz- und Steuerungssystemen<br />

ausgestattet. Diese wiederum<br />

werden von Radar, Laserscannern und<br />

Kameras mit Umgebungsinformationen<br />

versorgt. Damit sinkt nicht nur der CO 2-<br />

Ausstoß beträchtlich, auch <strong>die</strong> Verkehrssicherheit<br />

nimmt zu. Der automatisierte<br />

Lkw reagiert mit nur fünf tausendstel<br />

Sekunden Verzögerung schneller als<br />

jeder Mensch, ist nie abgelenkt und <strong>wir</strong>d<br />

nicht müde.<br />

Links: Vollelektrische Version des MAN TGM<br />

Verteiler-Lkws<br />

Rechts: Der neue Elektro-Stadtbus von MAN<br />

kommt 2019 auf den Markt.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

87


GOOD PRACTICE<br />

Menschenrechte im<br />

Fokus der Corporate<br />

Governance-Debatte<br />

Warum <strong>die</strong> Wahrung von Menschenrechten für Unternehmen obligatorisch ist und wie ein<br />

neuer Standard dabei hilft, den Anspruch umzusetzen.<br />

Von Dr. Christoph Regierer und Kai M. Beckmann, Mazars<br />

Die Einhaltung von Menschenrechten<br />

ist ein hohes Gut, das indiskutabel zur<br />

Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung<br />

gehört, <strong>die</strong> alle Teilnehmer<br />

einer Gesellschaft tragen. So auch Unternehmen.<br />

Wirtschaft und Menschenrechte<br />

<strong>–</strong> ein Spannungsfeld auf den ersten<br />

Blick, strebt schließlich der, der Profit<br />

im Auge hat, nicht in erster Linie nach<br />

Nachhaltigkeit, <strong>die</strong> aber Menschenrechte<br />

einfordern und bedingen.<br />

<strong>Wie</strong> lassen sich also beide Standpunkte,<br />

gewinnbringend für alle Seiten, miteinander<br />

vereinbaren? <strong>Wie</strong> lässt sich sicherstellen,<br />

dass Unternehmen Menschenrechte<br />

einhalten und wahren <strong>–</strong> und<br />

dennoch fähig sind, wettbewerbsfähig zu<br />

bleiben und erfolgreich zu <strong>wir</strong>tschaften?<br />

<strong>Wie</strong> kann das sehr komplexe Thema systematisch<br />

und standardisiert angegangen<br />

werden? Mazars hat sich <strong>die</strong>ses bedeutsamen<br />

Themas angenommen und zusammen<br />

mit der führenden gemeinnützigen<br />

Vereinigung für Menschenrechte, Shift,<br />

eine umfassende Prüfungsrichtlinie für<br />

Menschenrechte veröffentlicht. Sie gibt<br />

Unternehmen zum ersten Mal in der<br />

Geschichte eine klare Orientierung darüber,<br />

wie sie ihre Informationen über<br />

<strong>die</strong> Einhaltung von Menschenrechten im<br />

Einklang mit internationalen Standards<br />

bereitstellen.<br />

Mehrere Jahre hat <strong>die</strong> Entwicklung der<br />

neuen Prüfungsrichtlinie gedauert, sie<br />

unterstützt das UN Guiding Principles<br />

Reporting Framework aus dem Jahr 2015.<br />

Dieses ist der weltweit einzige Berichtsrahmen<br />

für Unternehmen, <strong>die</strong> sich umfassend<br />

an den international gültigen<br />

UN Guiding Principles on Business and<br />

Human Rights orientieren.<br />

Derartige Anforderungen verleihen Interner<br />

Revision und externer Prüfung<br />

heute größere Bedeutung als je zuvor.<br />

Umso wichtiger ist <strong>die</strong> nachhaltige Unterstützung<br />

der Einführung der neuen<br />

Prüfungsrichtlinie zur Einhaltung der<br />

Menschenrechte durch <strong>die</strong> Global and<br />

Chartered Institutes of Internal Auditors.<br />

Wir alle <strong>–</strong> <strong>die</strong> Gesellschaft, <strong>die</strong><br />

Unternehmen, aber vor allem auch <strong>wir</strong><br />

als professionelle Berater <strong>–</strong> <strong>können</strong> <strong>die</strong><br />

Frage der Menschenrechte nicht länger<br />

umgehen, sondern müssen sie effektiv<br />

integrieren. Der neue Standard unterstützt<br />

<strong>die</strong>sen Gedanken und trägt dazu<br />

bei, <strong>die</strong>sen Anspruch umzusetzen.<br />

Doch wie <strong>können</strong> Unternehmen <strong>die</strong><br />

Wahrung der Menschenrechte in ihren<br />

unternehmerischen Alltag und in<br />

ihre Geschäftsprozesse integrieren? Die<br />

neue Richtlinie unterstützt <strong>die</strong> Interne<br />

Revision von Unternehmen dabei, <strong>die</strong><br />

Geschäftstätigkeit im Einklang mit der<br />

Links: WP/RA/StB Dr. Christoph Regierer,<br />

Managing Partner bei Mazars GmbH & Co. KG<br />

Rechts: Kai Michael Beckmann,<br />

Director Compliance, Risk & Responsibility<br />

bei Mazars GmbH & Co. KG<br />

88 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Einhaltung von Menschenrechten zu<br />

gewährleisten. Zugleich hilft sie externen<br />

Prüfungsunternehmen bei der Überwachung<br />

der Berichterstattung zur Einhaltung<br />

der Menschenrechte. Ein entscheidender<br />

Aspekt bei der Entwicklung der<br />

Richtlinie war stets: Sowohl interne als<br />

auch externe Anspruchsgruppen sollten<br />

bei der Festlegung der Leitplanken des<br />

eigenen Handelns eingebunden sein,<br />

immer im Hinblick und unter Berücksichtigung<br />

der Menschenrechte.<br />

Betrachtet man <strong>die</strong> Menschenrechte<br />

im Fokus der Corporate Governance-<br />

Debatte, so spielen globale Lieferketten<br />

und <strong>die</strong> Information über <strong>die</strong>se eine<br />

zentrale Rolle. Ganz besonders betrifft<br />

<strong>die</strong>s Unternehmen mit internationalem<br />

Engagement: Nur große Transparenz<br />

und eine breite Information innerhalb<br />

der Lieferkette <strong>können</strong> vor unternehmerischer<br />

Miss<strong>wir</strong>tschaft im Sinne von<br />

Menschenrechtsverletzungen Aufschluss<br />

geben <strong>–</strong> und davor schützen. Dabei<br />

bedeutet der Risikobegriff nicht „Welche<br />

Risiken stellen sich für mein Unternehmen“,<br />

sondern vielmehr: „Welche<br />

Aus<strong>wir</strong>kungen hat <strong>die</strong> Unternehmenstätigkeit<br />

auf Menschen im Unternehmen<br />

sowie der vorgelagerten Lieferkette“.<br />

Auch wenn eine klare Trennung hier<br />

schwer zu vollziehen ist, bedingt das<br />

eine schließlich oft das andere.<br />

Guter Wille reicht an <strong>die</strong>ser Stelle nicht<br />

aus. So muss jedes Unternehmen, das<br />

<strong>die</strong> eigene Nachhaltigkeit nachweisbar<br />

machen möchte und zeigen will, dass<br />

und in welcher Art und Weise es zu<br />

nachhaltiger Entwicklung beiträgt, seine<br />

Verantwortung für <strong>die</strong> Einhaltung der<br />

Menschenrechte belegen. Dies sollte<br />

im Rahmen der Geschäftstätigkeit des<br />

Unternehmens sowie anhand dessen<br />

Wertschöpfungskette geschehen. An<br />

<strong>die</strong>sem Punkt kommt <strong>die</strong> unabhängige<br />

Überprüfung ins Spiel. Die objektive<br />

Belegung solcher Aktivitäten steigert<br />

<strong>die</strong> Glaubwürdigkeit dessen, was dem<br />

Vorstand berichtet <strong>wir</strong>d oder was Dritte<br />

über Risiken, Leistung, <strong>die</strong> Liefer- und<br />

Wertschöpfungskette des Unternehmens<br />

sagen.<br />

Zwei Jahre sind vergangen, seit das UN<br />

Guiding Principles Reporting Framework<br />

veröffentlicht wurde. Führende<br />

Unternehmen, Regierungen, Investoren<br />

und gesellschaftspolitisch engagierte<br />

Organisationen haben das Framework<br />

als entscheidende Maßnahme begrüßt,<br />

<strong>die</strong> Unternehmen dabei unterstützt, ihr<br />

Risikomanagement im Hinblick auf Menschenrechte<br />

zu verbessern und größere<br />

Transparenz und Verantwortung zu<br />

zeigen. Mehrere westliche Regierungen<br />

haben es offiziell als Richtlinie für Unternehmen<br />

empfohlen. Und weiter: Unternehmen<br />

wie Unilever, Citi, Ericsson,<br />

H&M und Microsoft haben öffentlich<br />

erklärt, dass das UN Guiding Principles<br />

Reporting Framework maßgeblich<br />

war für ihr Risiko Management und<br />

Reporting.<br />

Auch auf europäischer Ebene ist man<br />

sich der Wichtigkeit und Dringlichkeit<br />

des Themas bewusst. So fordert <strong>die</strong> EU<br />

aktuell alle Vorstände europäischer Aktiengesellschaften<br />

mit mehr als 500 Mitarbeitern<br />

auf, darüber auskunftsfähig zu<br />

sein, wie ihre Gesellschaften Risiken für<br />

Menschenrechte identifizieren und wie<br />

sie damit umgehen. Investoren, Kunden,<br />

Angestellte: Sie alle haben das Recht über<br />

<strong>die</strong> Fortschritte, <strong>die</strong> ein Unternehmen<br />

umsetzt, informiert zu werden. Mehr<br />

Transparenz, mehr Information und<br />

das Belegen von Aktivitäten und der<br />

Übernahme von Verantwortung sind <strong>die</strong><br />

Schritte, <strong>die</strong> Unternehmen nun gehen<br />

müssen. Simpel zu sagen „Das war uns<br />

nicht bewusst“, reicht nicht mehr.<br />

Mazars trägt <strong>die</strong>se Haltung und Überzeugung<br />

mit. Unternehmen, <strong>die</strong> Menschenrechte<br />

respektieren und in ihr<br />

Handeln integrieren, sind glaubwürdiger,<br />

produktiver und schaffen Mehrwert<br />

<strong>–</strong> für Stakeholder und für <strong>die</strong> Gesellschaft.<br />

Wir alle sind Nutznießer der<br />

durch den Schutz von Menschenrechten<br />

durch Unternehmen geschaffenen<br />

Werte. Unternehmen, <strong>die</strong> <strong>die</strong>sen Schutz<br />

in <strong>die</strong> Er<strong>wir</strong>tschaftung ihrer Gewinne<br />

einbeziehen, bringen <strong>die</strong> Interessen der<br />

Wirtschaft mit denen der sie umgebenden<br />

Gemeinschaften und der Umwelt in<br />

Übereinstimmung. Das sind <strong>die</strong> Ansatzpunkte,<br />

an denen <strong>die</strong> unternehmerische<br />

Zukunft beginnt.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

89


GOOD PRACTICE<br />

Arbeiten 4.0<br />

verantwortungsvoll<br />

gestalten<br />

Der rasante Wandel der Arbeitswelt durch digitale Technologien schürt gleichermaßen<br />

Hoffnungen wie Sorgen. Umso wichtiger ist es, den Transformationsprozess im intensiven<br />

gesellschaftlichen Austausch umzusetzen. Unternehmen, Mitarbeiter, Sozialpartner und<br />

staatliche Institutionen <strong>–</strong> gemeinsam tragen <strong>wir</strong> <strong>die</strong> Verantwortung, <strong>die</strong> Herausforderungen<br />

der Digitalisierung zu meistern und ihre Chancen zu nutzen. Bei Merck steht das Thema<br />

„Arbeiten 4.0“ daher ganz oben auf der Agenda.<br />

Von Kai Beckmann, Mitglied der Geschäftsleitung von Merck<br />

Stetiger Wandel ist ein Kernelement der<br />

Menschheitsgeschichte. Mit der digitalen<br />

Vernetzung hat <strong>die</strong> technologische Transformation<br />

allerdings ein schwindelerregendes<br />

Tempo aufgenommen. Manche<br />

Menschen sind durch <strong>die</strong> tiefgreifenden<br />

Veränderungen im Arbeitsleben verunsichert,<br />

etwa wegen potenziell wegfallender<br />

Beschäftigungsprofile. Andere sind<br />

geradezu euphorisch angesichts neuer<br />

Geschäftsmodelle und der enormen<br />

Produktivitätssteigerung. Klar ist: Die<br />

vielfältigen, komplexen und weitreichenden<br />

Aus<strong>wir</strong>kungen der Digitalisierung<br />

lassen sich nicht ausblenden <strong>–</strong> vernetzte<br />

90 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Maschinen, Anlagen und Produkte sind<br />

bereits Realität und gewinnen weiter an<br />

Bedeutung. Aus der „Industrie 4.0“ folgt<br />

daher zwingend ein „Arbeiten 4.0“. Dies<br />

sollte keinesfalls als Bedrohung, sondern<br />

als Chance wahrgenommen werden.<br />

Denn <strong>wir</strong> <strong>können</strong> den Wandel hin zu<br />

modernen, zukunftsfähigen Arbeitsformen<br />

in einem breiten gesellschaftlichen<br />

Konsens aktiv gestalten und letztlich alle<br />

davon profitieren. Bei Merck treiben <strong>wir</strong><br />

<strong>die</strong>sen Prozess in vier Handlungsfeldern<br />

voran.<br />

Flexibilisierung: Das Ergebnis zählt<br />

Die Digitalisierung bietet vielen Arbeitnehmern<br />

einen erheblichen Zugewinn<br />

an Freiheit. Denn immer häufiger <strong>können</strong><br />

sie selbstständig entscheiden, wo,<br />

wie und wann sie <strong>–</strong> mit Notebook und<br />

Smartphone <strong>–</strong> ihrer Arbeit nachgehen.<br />

Feste Anwesenheitszeiten und geografische<br />

Distanzen spielen im digitalen<br />

Zeitalter insbesondere für Büro- und<br />

Projekttätigkeiten keine große Rolle<br />

mehr. Was zählt, ist das Ergebnis der<br />

geleisteten Arbeit. Diese Flexibilisierung<br />

<strong>wir</strong>kt auf <strong>die</strong> Mitarbeiter motivationssteigernd<br />

und verbessert <strong>die</strong> Vereinbarkeit<br />

von Beruf und Privatleben <strong>–</strong> ähnlich<br />

wie <strong>die</strong> vorübergehende Auszeit im Rahmen<br />

eines Sabbaticals, das <strong>wir</strong> unseren<br />

Mitarbeitern bei Merck unkompliziert<br />

ermöglichen. In enger Zusammenarbeit<br />

mit dem Betriebsrat haben <strong>wir</strong> unser<br />

flexibles Arbeitsmodell mywork@merck<br />

realisiert. Die Beschäftigten <strong>können</strong> individuell<br />

ihre Arbeitszeiten und -orte<br />

sowie ihre Ergebnisziele mit ihren<br />

Teams und Vorgesetzten abstimmen.<br />

Auf Zeiterfassung und -kontrolle <strong>wir</strong>d<br />

verzichtet. Nur bei Überschreitung der<br />

Regel-Arbeitszeit innerhalb des vorgegebenen<br />

Arbeitszeitrahmens dokumentiert<br />

der Mitarbeiter seine Zeiten. Der Erfolg<br />

von mywork@merck basiert auf einer<br />

Vertrauens- und Leistungskultur, <strong>die</strong><br />

<strong>wir</strong> bei Merck weiter stärken wollen.<br />

Das Feedback unserer Mitarbeiter ist<br />

sehr positiv.<br />

Das Prinzip (Eigen-)Verantwortung<br />

Das deutliche Plus an Freiheit und Vertrauen<br />

<strong>die</strong>ser Unternehmenskultur birgt<br />

auch Herausforderungen: Die mobilen<br />

und virtuellen Tätigkeitsformen bedingen<br />

eine hohe Bereitschaft zu selbstständigem<br />

Arbeiten, zur Selbstdisziplin<br />

und zu Eigenverantwortung. Von<br />

den Mitarbeitern <strong>wir</strong>d erwartet, dass<br />

sie ihren beruflichen Alltag effizient<br />

gestalten, sinnvolle Weiterbildungsmaßnahmen<br />

nutzen und auf ihre körperliche<br />

und psychische Gesundheit<br />

achten. Bei Merck haben <strong>wir</strong> darum<br />

ein Kompetenzmodell entwickelt, das<br />

Mit-Arbeiter zu Mit-Gestaltern macht.<br />

Die darin definierten Kompetenzen<br />

„sinnhaft, zukunftsorientiert, innovativ,<br />

ergebnisorientiert, gemeinschaftlich<br />

und stärkend“ werden den Mitarbeitern<br />

durch Workshops, Videos, interne Kampagnen<br />

und unternehmensbereichsspezifische<br />

Initiativen vermittelt. Darüber<br />

hinaus sind <strong>die</strong> Kompetenzen bereits<br />

ein integrativer Bestandteil der Interviewleitfäden<br />

im Recruiting und in den<br />

Weiterbildungsangeboten von Merck.<br />

Bildung, Bildung und nochmals<br />

Bildung<br />

In der digitalen Transformation sinkt<br />

der Bedarf an einfachen manuellen<br />

Tätigkeiten, während <strong>die</strong> Nachfrage<br />

nach hoch qualifizierten Fachkräften<br />

für anspruchsvolle Aufgaben steigt. In<br />

der neuen, globalisierten Arbeitswelt<br />

gewinnen zudem Eigenschaften wie<br />

Flexibilität, Agilität, Selbstständigkeit<br />

und Teamfähigkeit weiter an Bedeutung.<br />

Der Staat muss dafür Sorge tragen, dass<br />

<strong>die</strong> Kinder und Jugendlichen in den<br />

allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen<br />

auf <strong>die</strong> steigenden kognitiven<br />

und interaktiven Anforderungen der<br />

Zukunft bestmöglich vorbereitet werden.<br />

Doch damit nicht genug: Lebenslanges<br />

Lernen sollte zur Selbstverständlichkeit<br />

werden, denn Bildung ist der wesentliche<br />

Erfolgsfaktor im internationalen<br />

Wettbewerb. Bei Merck investieren <strong>wir</strong><br />

daher kräftig in <strong>die</strong> umfassende Aus- und<br />

Weiterbildung unserer Mitarbeiter. So<br />

nutzen bereits viele unserer Auszubildenden<br />

neue digitale Technologien wie<br />

zum Beispiel Augmented-Reality-Anwendungen.<br />

Mit unserer eigenen „Digital<br />

Basics App“ haben alle Mitarbeiter <strong>die</strong><br />

Möglichkeit, sich aktuelles Wissen in<br />

Sachen Digitalisierung anzueignen. Bei<br />

sämtlichen Qualifizierungsmaßnahmen<br />

legen <strong>wir</strong> großen Wert auf einen engen<br />

Austausch mit unseren Mitarbeitern<br />

und Sozialpartnern, um ihre Wünsche,<br />

Bedürfnisse, Ideen und Bedenken zu<br />

erfahren und zu berücksichtigen.<br />

Führung 4.0<br />

Der Anspruch, sich kontinuierlich weiterzubilden,<br />

gilt für Führungskräfte in<br />

besonderem Maße. In unserer internen<br />

„Merck University“ haben <strong>wir</strong> daher in<br />

Zusammenarbeit mit der Stanford University<br />

ein neues Modul mit dem Titel<br />

„Leading Innovation and Digitalization<br />

at Merck“ für unsere Top-Nachwuchsführungskräfte<br />

etabliert. Doch es geht<br />

nicht nur darum, <strong>die</strong> technischen Anwendungsmöglichkeiten<br />

in den unterschiedlichen<br />

Verantwortungsbereichen<br />

zu kennen und zu nutzen. „Führung<br />

4.0“ setzt auch einen mentalen Wandel<br />

voraus. Hierarchische Strukturen, Kontrolle<br />

und Sanktionen haben in der neuen<br />

Arbeitswelt keinen Platz. Moderne<br />

Führungskräfte fungieren als Vorbilder<br />

und sind bereit zu einem kontrollierten<br />

Kontrollverlust: Sie vertrauen ihren Mitarbeitern,<br />

wecken ihre Neugier, hören<br />

ihnen zu, motivieren sie zu Höchstleistungen<br />

und begegnen ihnen mit<br />

Respekt und Wertschätzung. Dies gilt<br />

auch dann, wenn Fehler passieren oder<br />

Projekte scheitern <strong>–</strong> denn aus Misserfolgen<br />

<strong>können</strong> <strong>wir</strong> lernen.<br />

Niemand kann heute genau prognostizieren,<br />

wie sich <strong>die</strong> Digitalisierung und<br />

„Arbeiten 4.0“ weiter entwickeln. Wir<br />

haben bei Merck zwar schon einiges<br />

erreicht, werden uns jedoch keinesfalls<br />

auf unseren Lorbeeren ausruhen. Im Gegenteil:<br />

Mit Neugier, Elan, Optimismus<br />

und Verantwortungsbewusstsein wollen<br />

<strong>wir</strong> <strong>die</strong> künftigen Herausforderungen<br />

meistern. Dazu braucht es nicht zuletzt<br />

auch eine gesunde Portion Mut. Und<br />

Mut zählt zu den essenziellen Unternehmenswerten<br />

von Merck.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

91


GOOD PRACTICE<br />

Miele auch bei Energieeffizienz<br />

„Immer besser“<br />

Jeder Haushalt benötigt Energie. Das verursacht Kosten und Treibhausgase. Dabei möchten laut<br />

einer Stu<strong>die</strong> drei von vier Deutschen Energie einsparen und so einen Beitrag zum Umwelt- und<br />

Klimaschutz leisten. Helfen <strong>können</strong> dabei effiziente Hausgeräte. Miele ist hier Vorreiter und hat<br />

beispielsweise den Strom- und Wasserverbrauch seiner Geräte seit dem Jahr 2000 mehr als<br />

halbiert. Diese Maßnahmen zahlen unmittelbar auf <strong>die</strong> UN-Entwicklungsziele ein.<br />

Produkte mit Blick auf zukünftige Generationen<br />

zu entwickeln und zu produzieren,<br />

hat beim Familienunternehmen<br />

Miele Tradition. Im Sinne der Firmenleitlinie<br />

„Immer besser“ ist es das Ziel,<br />

Haus- und Gewerbegeräte von besonders<br />

hoher Qualität und Lebensdauer herzustellen,<br />

<strong>die</strong> Mensch und Umwelt so wenig<br />

wie möglich belasten und einen echten<br />

Nutzen bieten. Deshalb engagiert sich<br />

der Gütersloher Hausgerätehersteller bei<br />

seiner Produktentwicklung seit vielen<br />

Jahren für einen verantwortungsvollen<br />

Umgang mit der Umwelt und den natürlichen<br />

Ressourcen. Damit befindet Miele<br />

sich im Einklang mit den nachhaltigen<br />

Entwicklungszielen der UN-Agenda <strong>2030</strong>:<br />

Die Hausgeräte tragen nämlich dazu bei,<br />

Energie effizienter und ökologischer<br />

zu nutzen (Ziel 7), <strong>die</strong> Konsum- und<br />

Produktionsgewohnheiten nachhaltig<br />

zu gestalten (Ziel 12) und natürlich zur<br />

Reduktion der Treibhausgasemissionen<br />

und damit zur Begrenzung des Klimawandels<br />

(Ziel 13).<br />

So werden Hausgeräte immer effizienter.<br />

Der Stromverbrauch aller Haushalte sank<br />

deshalb in den letzten zehn Jahren nach<br />

Angaben des Statistischen Bundesamtes<br />

um zehn Prozent. Eine große Rolle spielt<br />

dabei <strong>die</strong> Energieeffizienzkennzeichnung<br />

der Hausgeräte mit dem so genannten<br />

Energy Label. Viele Verbraucher achten<br />

beim Kauf auf <strong>die</strong> entsprechende Klassifizierung<br />

der Geräte. Sie gibt Auskunft<br />

darüber, ob ein Gerät vergleichsweise viel<br />

oder wenig Strom und Wasser verbraucht.<br />

Die allermeisten Miele-Produkte sind in<br />

<strong>die</strong>sen Bewertungen immer weit vorne<br />

an der Spitze. So sind etwa <strong>die</strong> sparsamsten<br />

Miele-Waschmaschinen noch<br />

einmal 40 Prozent effizienter als für<br />

den Grenzwert der höchsten Energieeffizienzklasse<br />

A+++ vorgeschrieben. Im<br />

Geschäftsjahr 2015/16 waren 93 Prozent<br />

aller Waschmaschinen mit der besten<br />

Kennzeichnung A+++ versehen, bei den<br />

Geschirrspülern waren es etwa 39 Prozent<br />

und bei den Wäschetrocknern lag<br />

der Anteil bei acht Prozent.<br />

Im Alltag bewährt<br />

Da <strong>die</strong> Energieeffizienz moderner Hausgeräte<br />

heute deutlich über <strong>die</strong> bisherigen<br />

Kategorien hinausgeht, <strong>wir</strong>d <strong>die</strong><br />

Kennzeichnung EU-weit reformiert und<br />

durch eine überarbeitete Skala von A bis<br />

G ersetzt werden. Bei aller Orientierung,<br />

<strong>die</strong> solche Labels bieten, kommt es aber<br />

auch auf das Nutzungsverhalten des<br />

Einzelnen an. Und gerade hier gibt es<br />

im Alltag deutliche Unterschiede zu den<br />

Idealbedingungen im Labor. Beispiel<br />

Waschen: Erhebungen der Universität<br />

Bonn haben ergeben, dass viele Menschen<br />

ihre Waschmaschine mehrmals<br />

pro Woche mit kleinen Wäschemengen<br />

befüllen und dabei längst nicht immer<br />

das sparsamste Waschprogramm nutzen.<br />

Folglich kommt es nicht zu der durch<br />

das Label ausgewiesenen Ersparnis bei<br />

Energie und Kosten.<br />

Vor <strong>die</strong>sem Hintergrund führte Miele<br />

im Jahr 2016 gemeinsam mit dem Öko-<br />

Institut eine Vergleichsuntersuchung<br />

unter Alltagsbedingungen, sprich bei<br />

voller und bei halber Beladung, durch.<br />

Getestet wurden der Strom- und Wasserverbrauch<br />

sowie <strong>die</strong> Waschleistung<br />

und <strong>die</strong> Programmdauer. Das Miele-Gerät<br />

schnitt in allen Bereichen am besten ab.<br />

Möglich macht <strong>die</strong>s das besonders wassersparende<br />

und effiziente PowerWash-2.0-<br />

Waschverfahren. Miele-Waschmaschinen,<br />

<strong>die</strong> mit <strong>die</strong>ser Technologie ausgestattet<br />

sind, waschen laut Öko-Institut je nach<br />

Programm bis zu 40 Prozent schneller<br />

und sparen gleichzeitig bis zu 25 Prozent<br />

Strom.<br />

Nachhaltigkeit bei<br />

Miele<br />

Auf bis zu 20 Jahre Lebensdauer<br />

testet Miele seine Geräte;<br />

Ersatzteile gibt es auch noch 15<br />

Jahre nach Serienauslauf, und am<br />

Ende eines langen Gerätelebens<br />

sind beispielsweise Haushalts-<br />

Waschmaschinen von Miele bis<br />

zu 85 Prozent recyclingfähig.<br />

Mit <strong>die</strong>sem Verständnis von<br />

nachhaltiger Produktgestaltung<br />

unterscheidet sich Miele deutlich<br />

von anderen Herstellern <strong>–</strong> zum<br />

Nutzen der Kunden und der<br />

Umwelt. So bestätigt eine<br />

Stu<strong>die</strong> des Öko-Instituts: Ein<br />

energieeffizientes Miele-Gerät so<br />

lange wie möglich zu nutzen, ist<br />

auch unter ökologischen Aspekten<br />

sinnvoll.<br />

92 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Der ökologische Fußabdruck beschränkt<br />

sich aber nicht nur auf den Strom- und<br />

Wasserverbrauch. Aus Umweltgesichtspunkten<br />

genauso wichtig ist der schonende<br />

Einsatz von Wasch- und Reinigungsmitteln.<br />

Deshalb verfolgt Miele<br />

einen ganzheitlichen Ansatz: „Vor allem<br />

beim Waschen und Spülen bietet das<br />

Unternehmen zunehmend Systemlösungen<br />

an, bei denen Geräte, Programme,<br />

Reinigungsmittel und Zubehör optimal<br />

aufeinander abgestimmt sind“, heißt<br />

es im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht.<br />

Dies gilt beispielsweise auch für <strong>die</strong><br />

automatische Zwei-Phasen-Waschmitteldosierung<br />

„TwinDos“, mit der bis zu 30<br />

Prozent Waschmittel eingespart werden<br />

<strong>können</strong>. Das wurde dem Unternehmen<br />

bereits 2013 durch das Öko-Institut auch<br />

von unabhängiger Seite bestätigt.<br />

Effizienz auch bei Küchengeräten<br />

Dass Miele in Sachen Energieeffizienz<br />

gut aufgestellt ist, zeigt sich auch im<br />

Bereich der Küchengeräte: So konnte<br />

Miele in den vergangenen Jahren <strong>die</strong><br />

Energieeffizienz der Dunstabzugshauben<br />

deutlich verbessern. Dafür wurden<br />

<strong>die</strong> Gebläse von Wechselstrom auf<br />

Gleichstrom umgestellt. Die Gleichstrom-<br />

Motoren benötigen 70 Prozent weniger<br />

Energie als <strong>die</strong> Wechselstrom-Motoren.<br />

Zusätzlich wechselte man von der Halogenbeleuchtung<br />

zu langlebigen LEDs.<br />

Ein weiteres Beispiel sind <strong>die</strong> Geschirrspüler<br />

der Baureihe G 6000 EcoFlex, <strong>die</strong><br />

seit 2016 erhältlich sind und über einen<br />

neuartigen Wärmespeicher verfügen.<br />

Im Sparprogramm unterschreitet der<br />

Geschirrspüler den Grenzwert der besten<br />

Energieeffizienzklasse A +++ um bis zu<br />

20 Prozent. Trotz niedrigem Stromverbrauch<br />

müssen jedoch keine langen<br />

Wartezeiten oder Kompromisse bei der<br />

Sauberkeit in Kauf genommen werden.<br />

Die Technik dahinter basiert auf zwei<br />

voneinander getrennten Wasserkreisläufen.<br />

Der eine transportiert das einlaufende<br />

Frischwasser, der zweite ist<br />

als Schlaufensystem konzipiert, in das<br />

warmes Wasser aus dem jeweils letzten<br />

Programmabschnitt fließt, das wiederum<br />

das Frischwasser erwärmt. Auf <strong>die</strong>se<br />

Weise <strong>wir</strong>d für das weitere Erhitzen<br />

entsprechend weniger Strom benötigt.<br />

Neue Potenziale durch<br />

Digitalisierung<br />

Zahlreiche Miele-Produkte sind heute<br />

vernetzungsfähig. Mithilfe der App<br />

Miele@mobile lassen sich <strong>die</strong> Geräte per<br />

Smartphone oder Tablet von unterwegs<br />

aus überwachen und steuern. Die Vernetzung<br />

von Hausgeräten bietet nicht nur<br />

eine komfortablere Be<strong>die</strong>nung, sondern<br />

birgt für Verbraucher auch das Potenzial,<br />

Strom effizienter zu nutzen und Kosten<br />

zu sparen. Mithilfe der Funktion „Smart-<br />

Start“ etwa startet <strong>die</strong> Waschmaschine<br />

erst dann, wenn gerade ausreichend<br />

Strom aus der Photovoltaikanlage auf<br />

dem Dach zur Verfügung steht. Miele<br />

war in <strong>die</strong>sem Themenfeld schon vor fast<br />

20 Jahren Pionier der Branche und hat<br />

heute 400 vernetzungsfähige Hausgeräte<br />

im Programm.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

93


GOOD PRACTICE<br />

Elektromobilität bei Phoenix<br />

Contact: Technischer<br />

Fortschritt, der begeistert<br />

Als mittelständisch geprägtes Unternehmen in Familienhand fühlt sich Phoenix Contact insbesondere<br />

der Nachhaltigkeit verpflichtet. Dieses Verantwortungsbewusstsein gilt nicht nur gegenüber<br />

der Region, sondern auch gegenüber der Umwelt. Die Schonung von Ressourcen <strong>wir</strong>d<br />

bereits bei der Entwicklung neuer Produkte, in der Fertigung und im Wirtschaften berücksichtigt.<br />

Auch <strong>die</strong> Elektromobilität leistet hier einen Beitrag.<br />

Von Katrin Fasse, Corporate Human Resources,<br />

Phoenix Contact<br />

Elektromobilität praxisnah erleben<br />

Unter dem Motto „Elektromobilität erleben“<br />

fand im September 2017 auf dem<br />

Betriebsgelände ein Aktionstag für alle<br />

interessierten Mitarbeiter von Phoenix<br />

Contact statt. An <strong>die</strong>sem Tag gab es nicht<br />

nur viele Informationen und einen regen<br />

Austausch zu den Themen Elektromobilität<br />

und Energieeffizienz. Auf verschiedenen<br />

Parcours konnten <strong>die</strong> Mitarbeiter<br />

selbst das Fahren mit Elektroautos und<br />

Elektrofahrrädern testen. Für <strong>die</strong>ses Erlebnis<br />

standen E-Fahrzeuge verschiedener<br />

Automobilhersteller sowie Pedelecs<br />

unterschiedlicher Modelle bereit. „Dieser<br />

Aktionstag ist nur ein Baustein, um <strong>die</strong><br />

Elektromobilität in <strong>Deutschland</strong> weiter<br />

voranzubringen“, unterstreicht Roland<br />

Bent, CTO Phoenix Contact, <strong>die</strong> Beweggründe.<br />

„Nachhaltigkeit ist eine zentrale<br />

Triebfeder für unsere Innovationskultur<br />

im Unternehmen. Insbesondere der ressourcenschonende<br />

Umgang mit Energie<br />

ist Ansporn für uns.“<br />

So identifiziert Phoenix Contact schon<br />

früh Zukunftsmärkte und entwickelt<br />

Technologien und Produkte, um <strong>die</strong>se<br />

Märkte voranzutreiben und maßgeblich<br />

mit zu gestalten. Es finden sich Lösungskonzepte<br />

für erneuerbare Energien wie<br />

Fotovoltaik und Windkraft im Produktportfolio<br />

ebenso wieder wie Ladekonzepte<br />

für <strong>die</strong> Elektromobilität. Bereits im<br />

Jahr 2013 gründete das Unternehmen <strong>die</strong><br />

eigene Tochtergesellschaft Phoenix Contact<br />

E-Mobility, um Entwicklungen und<br />

Produkte dort zu konzentrieren. Dazu<br />

zählen Komponenten wie Ladestecksysteme,<br />

Ladesteuerungen und Softwarelösungen<br />

für den Auf bau einer individuellen<br />

Ladeinfrastruktur. Startpunkt der<br />

Aktivitäten war <strong>die</strong> Entwicklung eines<br />

Schnellladestandards für Elektrofahrzeuge,<br />

<strong>die</strong> in enger Zusammenarbeit mit<br />

deutschen Automobilherstellern erfolgte.<br />

Das Laden mit <strong>die</strong>sem sogenannten Combined<br />

Charging System (CCS) verkürzt <strong>die</strong><br />

Ladezeit signifikant und erfordert nur<br />

eine universelle Ladebuchse im Fahrzeug,<br />

über <strong>die</strong> sowohl Gleichstrom- als auch<br />

Wechselstromladen möglich ist. Mittlerweile<br />

steht <strong>die</strong> nächste Generation des<br />

Schnellladens in den Startlöchern, mit<br />

dem Elektromobilität alltagstauglicher<br />

<strong>wir</strong>d. Mit High Power Charging (HPC)<br />

hat Phoenix Contact eine Technologie<br />

entwickelt, <strong>die</strong> den Akku in nur drei bis<br />

fünf Minuten für 100 km Reichweite lädt.<br />

Auf <strong>die</strong>sem Wege will das Unternehmen<br />

weiter zur Akzeptanz der Elektromobilität<br />

beitragen.<br />

94 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Mit der Wave Trophy begeistern<br />

Da <strong>die</strong> Akzeptanz einer neuen Technologie<br />

in hohem Maße auch von Begeisterung<br />

getragen <strong>wir</strong>d, starten seit fünf<br />

Jahren Mitarbeiter-Teams von Phoenix<br />

Contact bei der Wave Trophy. Die größte<br />

Elektro-Rallye der Welt hat zum Ziel,<br />

Elektromobilität zu fördern und zu zeigen,<br />

dass erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge<br />

nicht nur alltagstauglich<br />

sind. Sie will Begeisterung wecken für<br />

eine umweltschonende Mobilität. An den<br />

Start gehen alle Arten von Fahrzeugen,<br />

<strong>die</strong> elektrisch angetrieben werden, vom<br />

Serienfahrzeug bis zum selbst umgebauten<br />

Oldtimer. Aufgabe der Teams ist es,<br />

möglichst energieeffizient zu fahren<br />

und an den verschiedenen Stationen der<br />

Route Geschicklichkeits- und Präzisionsaufgaben<br />

mit dem Fahrzeug erfolgreich<br />

zu lösen. Die Rallye-Teilnehmer besuchen<br />

Städte, Unternehmen, Schulen<br />

und Universitäten und sorgen so für<br />

eine steigende Aufmerksamkeit für <strong>die</strong><br />

Elektromobilität. „Die Teilnahme an der<br />

Wave Trophy ist speziell für Phoenix<br />

Contact E-Mobility ein wichtiger Faktor,<br />

um den Bekanntheitsgrad zu steigern“,<br />

erläutert Roland Bent <strong>die</strong> Teilnahme<br />

an der Rallye.<br />

Die Arbeitszeit zum Laden nutzen<br />

Um auch bei den Mitarbeitern <strong>die</strong> Akzeptanz<br />

zu steigern, gibt es nicht nur<br />

Elektrofahrzeuge in der Dienstwagenflotte<br />

des Unternehmens. Phoenix Contact<br />

hat für <strong>die</strong> Mitarbeiter, <strong>die</strong> privat<br />

bereits ein E-Auto fahren, Parkplätze<br />

mit Lademöglichkeiten geschaffen. Dies<br />

soll auch denjenigen, <strong>die</strong> den Kauf eines<br />

Elektrofahrzeuges in Betracht ziehen,<br />

einen Anreiz bieten, da während der Arbeitszeit<br />

das Fahrzeug wieder aufgeladen<br />

werden kann. Zu Beginn des Projektes<br />

gab es eine Umfrage unter den Mitarbeitern,<br />

um den Bedarf an Stromtankstellen<br />

festzustellen. Bei den Ladesäulen hat<br />

sich das Unternehmen für Master-Slave-<br />

Varianten entschieden, eine Lösung, <strong>die</strong><br />

sich nach Bedarf leichter und schneller<br />

ausbauen lässt. Das Stromtanken für <strong>die</strong><br />

Mitarbeiter ist kostenfrei. Sie erhalten<br />

einen Chip, mit dem sie sich an der Ladesäule<br />

anmelden müssen. Die Anzahl<br />

der Nutzer stetig steigt, ein Ausbau der<br />

Ladesäulen ist schon in Planung.<br />

Zusätzlich <strong>die</strong>nen <strong>die</strong>se Ladestationen<br />

als Dauertest für Ladesteuerung und<br />

-infrastruktur. Die Erkenntnisse aus <strong>die</strong>sem<br />

praxisnahen Einsatz der eigenen<br />

Produkte und Lösungen fließen in <strong>die</strong><br />

Entwicklung neuer Produkte ein.<br />

Leasing für Pedelecs<br />

Auch mit dem Fahrradleasing bietet<br />

Phoenix Contact für Mitarbeiter den<br />

Anreiz, sich mit der Elektromobilität<br />

vertraut zu machen. Hier stehen Pedelecs,<br />

<strong>die</strong> in der Anschaffung sehr teuer<br />

sind, hoch im Kurs. Seit dem Frühjahr<br />

<strong>können</strong> Mitarbeiter ihr Elektrofahrrad<br />

über den Anbieter Jobrad leasen. Eine<br />

Versicherung, deren Kosten der Arbeitgeber<br />

komplett trägt, und regelmäßige<br />

Wartungen sind verpflichtend. Das Rad<br />

kann sowohl privat als auch für den Weg<br />

zur Arbeit genutzt werden. 500 Mitarbeiter<br />

nutzen bereits <strong>die</strong>ses Angebot.<br />

Mit Elektromobilität in <strong>die</strong> Zukunft<br />

Der Aktionstag „Elektromobilität erleben“<br />

fand großen Zuspruch bei den Mitarbeitern.<br />

„Wir haben nur <strong>die</strong>se eine Welt und<br />

<strong>die</strong>se müssen <strong>wir</strong> für <strong>die</strong> nachfolgenden<br />

Generationen so gut wie möglich schützen.“<br />

Diese Aussage war vielfach zu hören<br />

von den teilnehmenden Familien. Auch<br />

das Fahrerlebnis im Elektroauto begeisterte<br />

viele und regte Diskussionen für<br />

den zukünftigen Fahrzeugkauf an. Dabei<br />

spielten auch <strong>die</strong> Ladesäulen für Mitarbeiterfahrzeuge<br />

eine Rolle. „Die verschiedenen<br />

Ansatzpunkte für Elektromobilität<br />

zeigen, dass <strong>die</strong>ses Zukunftsthema nicht<br />

nur in unseren Produkten stattfindet,<br />

sondern vom ganzen Unternehmen gelebt<br />

<strong>wir</strong>d“, fasst Prof. Dr. Gunther Olesch,<br />

CHRO Phoenix Contact, zusammen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

95


GOOD PRACTICE<br />

Symrise setzt auf<br />

nachhaltige Wertschöpfung<br />

Die Symrise AG ist ein Bespiel dafür, wie global agierende Unternehmen ihre Gesamtstrategie<br />

konsequent auf nachhaltiges Wachstum ausrichten <strong>können</strong>. Der Duft-, Geschmacks- und<br />

Wirkstoffhersteller mit Sitz in Holzminden versteht darunter den dauerhaft belastbaren<br />

Ausbau des Geschäftes unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Rahmenbedingungen.<br />

Hinzu kommen effiziente Produktion und ein Portfolio, das hilft, <strong>die</strong> Grundbedürfnisse der<br />

wachsenden Weltbevölkerung zu befriedigen. Dafür hat Symrise Ziele entlang der gesamten<br />

Wertschöpfungskette formuliert.<br />

Von Christina Witter, Press and Media Relations, und Friedrich-Wilhelm Micus, Sustainability Communications, Symrise<br />

um neue Aromen und Düfte zu kreieren.<br />

Die Bewahrung der Biodiversivität<br />

stellt damit ein essenzielles Anliegen<br />

von Symrise dar.<br />

Die Ziele im Bereich Nachhaltigkeit bündelt<br />

das Unternehmen mit Blick auf<br />

das Kerngeschäft in den vier Säulen der<br />

Nachhaltigkeitsagenda: (1) Einfluss auf<br />

<strong>die</strong> Umwelt, (2) Forschung und Entwicklung,<br />

(3) Beschaffung und (4) Mitarbeiter<br />

und weitere Interessengruppen. So<br />

verbindet es <strong>wir</strong>tschaftliche Ziele eng<br />

mit der täglichen Verantwortung für<br />

Umwelt, Mitarbeiter und Gesellschaft.<br />

Mit <strong>die</strong>ser Strategie will Symrise aktiv<br />

dazu beitragen, <strong>die</strong> nachhaltigen Entwicklungsziele,<br />

kurz <strong>SDGs</strong> für Sustainable<br />

Development Goals, der Vereinten<br />

Nationen zu erreichen.<br />

In der Säule Footprint zahlt Symrise mit<br />

seinen Fortschritten direkt auf sechs<br />

von 17 <strong>SDGs</strong> ein. Dazu zählen der Zugang<br />

zu nachhaltiger Energie (SDG 7),<br />

nachhaltiges Wirtschaftswachstum und<br />

produktive Vollbeschäftigung (SDG 8),<br />

der Aufbau einer belastbaren Infrastruktur<br />

(SDG 9), <strong>die</strong> Sorge für nachhaltige<br />

Konsum- und Produktionsmuster (SDG<br />

12), Maßnahmen zur Bekämpfung des<br />

Klimawandels (SDG 13) und Schutz der<br />

Landökosysteme (SDG 15).<br />

Biodiversität als Teil der<br />

Nachhaltigkeitsstrategie<br />

Zu den ehrgeizigen Zielen im Symrise<br />

Nachhaltigkeitsansatz gehören das Reduzieren<br />

von Emissionen, das Schonen<br />

von Ressourcen und der Erhalt der Biodiversität.<br />

Die globale Artenvielfalt ist für<br />

Symrise als Quelle von Inspiration und<br />

natürlichen Rohstoffen unabdingbar,<br />

Um das Engagement in <strong>die</strong>sem Bereich<br />

zu festigen, hat das Unternehmen Ende<br />

2016 als einer der Erstunterzeichner<br />

den Business & Biodiversity Pledge unterschrieben.<br />

Diese freiwillige Selbstverpflichtung<br />

im Rahmen der UN-Konvention<br />

zur biologischen Vielfalt ist aus<br />

Sicht des Unternehmens ein starkes Bekenntnis<br />

zum weltweiten Schutz und<br />

zur nachhaltigen Nutzung von Biodiversität<br />

sowie zur gerechten Verteilung<br />

der Vorteile aus der Nutzung genetischer<br />

Ressourcen.<br />

Nachhaltiger Einkauf der exotischen<br />

Zitrusfrucht Bergamotte<br />

Ein Beispiel für das Engagement von<br />

Symrise für Biodiversität ist der nachhaltige<br />

Einkauf der Zitrusfrucht Bergamotte.<br />

Die Pflanze wächst und gedeiht unter<br />

anderem im süditalienischen Kalabrien.<br />

Ihre Öle eignen sich zum Beispiel für<br />

Parfüms. Sie verleiht weltweit mehr als<br />

50 Prozent aller feinen Parfüms ihren<br />

Charakter und gibt auch dem bekannten<br />

Earl-Grey-Tee seine ihm eigene und<br />

beliebte Zitrusnote.<br />

96 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Symrise kooperiert bei der Rohstofferzeugung<br />

eng mit der Firma Capua 1880,<br />

ein Familienunternehmen, das seit fünf<br />

Generationen Bergamotte-Öle produziert.<br />

Es verarbeitet mehr als <strong>die</strong> Hälfte der<br />

gesamten Ernte in der Region, in der<br />

wiederum vier Fünftel der Weltproduktion<br />

entstehen.<br />

Weitere Partner sind <strong>die</strong> Universität<br />

Kalabrien und <strong>die</strong> Union for Ethical<br />

Biotrade (UEBT). Gemeinsam investieren<br />

sie in Forschung und Entwicklung, um<br />

etwa <strong>die</strong> Seitenströme der Produktion<br />

besser nutzen zu <strong>können</strong>. Dabei geht<br />

es zum Beispiel um Aromen aus dem<br />

zuvor ungenutzten Saft und dem Öl in<br />

den Schalen, <strong>die</strong> mithilfe innovativer<br />

Technologien gewonnen werden <strong>können</strong>.<br />

Mit den Erzeugern in Kalabrien legen<br />

<strong>die</strong> Experten Standards fest, wie sich bei<br />

der Beschaffung und Nutzung von Rohstoffen<br />

<strong>die</strong> lokale Vielfalt fördern lässt.<br />

Weltweite Nachfrage erfordert größere<br />

Anbaumengen von Zitrusfrüchten<br />

Neben der Bergamotte zählen Zitrone, Limette, Orange, Grapefruit und weitere<br />

exotische Sorten zu den am meisten verwendeten Rohstoffen. Im Lebensmittelbereich<br />

werden <strong>die</strong> Essenzen aus Schalen oder Säften in Erfrischungs- und<br />

Biermixgetränken, Tees, Bonbons, Kaugummis, Joghurts, Eiscremes, Saucen und<br />

Suppen verarbeitet. Die Luxusparfümerie verfügt über zahlreiche Zitrusdüfte und<br />

auch im Bereich Home Care <strong>–</strong> vom einfachen Haushaltsreiniger bis zum Lufterfrischer<br />

<strong>–</strong> ist der Rohstoff unersetzbar. Sowohl bei der Bergamotte aus Kalabrien<br />

als auch generell bei Zitrusfrüchten achtet Symrise auf Nachhaltigkeit. In der<br />

Regel wachsen <strong>die</strong>se auf großen Plantagen in Südamerika und weiteren Teilen<br />

der Welt, um <strong>die</strong> stetig wachsende Nachfrage der Weltbevölkerung zu erfüllen.<br />

Nachhaltiges Wirtschaften vieler großer Unternehmen, <strong>die</strong> Zitrusfrüchte verarbeiten,<br />

ist nötig, um Monokulturen in den Erzeugerländern zu reduzieren und <strong>die</strong><br />

Lebenssituation von Kleinbauern zu verbessern.<br />

Darüber hinaus stellt <strong>die</strong>ser Ansatz sicher,<br />

dass <strong>die</strong> kalabrischen Obstbauern<br />

mit ihren Ernten in Zukunft ihren Lebensunterhalt<br />

besser bestreiten <strong>können</strong>.<br />

Das <strong>wir</strong>tschaftliche Auskommen<br />

motiviert sie, weiter in den Anbau von<br />

Zitrusfrüchten zu investieren und auch<br />

den kommenden Generationen einen<br />

Anreiz zum Anbau der Bergamotte zu<br />

geben. Feste Abnahmen zu einem fairen<br />

Preis seitens Capua beziehungsweise<br />

Symrise bedeuten für <strong>die</strong> Obstbauern<br />

Planungssicherheit.<br />

Biodiversität und der Schutz von<br />

Leben unter Wasser<br />

Mit verschiedenen Umweltzielen entlang<br />

der gesamten Wertschöpfungskette trägt<br />

Symrise dazu bei, dass <strong>die</strong> Biodiversität<br />

in Ozeanen und Meeren erhalten bleibt.<br />

Da der Anbau der Bergamotte relativ nah<br />

an den Küsten des Mittelmeers erfolgt,<br />

erforschen <strong>die</strong> Fachleute <strong>die</strong> Einflüsse der<br />

Bergamotte-Produktion auf das Leben im<br />

Wasser mit dem Ziel, Flora und Fauna im<br />

Meer besser zu schützen. Darüber hinaus<br />

arbeitet Symrise an der Entwicklung von<br />

Naturstoffen mit hoher Bioabbaubarkeit<br />

und leistet damit einen weiteren Beitrag<br />

zum Gewässerschutz. Das Unternehmen<br />

will in den kommenden Jahren seine<br />

Forschungen im Bereich grüne Chemie<br />

weiter verstärken.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

97


GOOD PRACTICE<br />

Nachhaltigkeit im<br />

Rohkaffeeanbau<br />

Nachhaltigkeit ist seit 2006 in <strong>die</strong> Tchibo-Unternehmensstrategie integriert. Mit seinen Umweltund<br />

Sozialprogrammen in den wesentlichen Feldern seiner Geschäftstätigkeit sichert Tchibo<br />

<strong>die</strong> Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und trägt gleichermaßen zur Erreichung der Entwicklungsziele<br />

der Vereinten Nationen bei. Das <strong>wir</strong>d im Folgenden am Beispiel Rohkaffeeanbau<br />

verdeutlicht.<br />

Von Achim Lohrie,<br />

Direktor Unternehmensverantwortung, Tchibo<br />

Eine Besonderheit des Kaffeesektors ist<br />

der hohe Anteil von nicht oder nur unzureichend<br />

in Organisationen zusammengefassten<br />

Kleinfarmern im sog. Kaffeegürtel<br />

rund um den Äquator. Vier Fünftel der<br />

geschätzt 25 Millionen Kaffeefarmer<br />

weltweit be<strong>wir</strong>tschaften weniger als<br />

zwei Hektar Land. Sie bauen neben Rohkaffee<br />

zumeist noch andere Agrarprodukte<br />

an oder gehen einer Zweitbeschäftigung<br />

nach, um ihre Existenz zu sichern.<br />

Ihre Ressourcen sind ebenso begrenzt wie<br />

ihr Zugang zu Wissen, Technologien und<br />

Krediten für notwendige Investitionen.<br />

Die Folge: Ihre Erträge sinken durch geringere<br />

Ernten und schlechtere Qualität<br />

des Rohkaffees. Hinzu kommen <strong>die</strong> negativen<br />

Aus<strong>wir</strong>kungen des Klimawandels<br />

auf den Anbau. Auf Dauer gefährdet das<br />

<strong>die</strong> Lebensgrundlage der Kleinfarmer. Vor<br />

allem jungen Menschen fehlen unter<br />

<strong>die</strong>sen Bedingungen <strong>die</strong> Anreize, den<br />

Rohkaffeeanbau fortzuführen.<br />

Intervention<br />

Diese Situation gefährdet nicht nur <strong>die</strong><br />

Zukunftsfähigkeit der Kaffeefarmer, sondern<br />

auch <strong>die</strong> von Tchibo. Denn Kaffee<br />

ist das Herz des Unternehmens. Zu einem<br />

nachhaltigen Anbau der in den<br />

Produkten verarbeiteten natürlichen<br />

Rohstoffe gibt es keine Alternative. Auf<br />

seinem Weg zu 100 % Nachhaltigkeit<br />

<strong>wir</strong>d Tchibo in den Anbauregionen<br />

durch international anerkannte Organisationen<br />

unterstützt, <strong>die</strong> ihre Expertise<br />

in Umwelt- und Sozialstandards<br />

gebündelt haben.<br />

Das sind derzeit Rainforest Alliance<br />

und UTZ Certified, Fairtrade und <strong>die</strong><br />

Organisationen hinter dem Bio-Siegel<br />

der EU sowie 4C - Common Code for the<br />

Coffee Community als Basis Compliance<br />

Standard.<br />

Mit dem eigenen Entwicklungsprogramm<br />

Tchibo Joint Forces!® und in<br />

Kooperation mit Rohkaffeeexporteuren,<br />

Rohkaffeehändlern, Standard- und sonstigen<br />

Nichtregierungsorganisationen<br />

werden insbesondere kleine Kaffeefarmer<br />

bei der Transformation von einem<br />

konventionellen auf einen ökologisch<br />

und sozial verträglichen sowie ökonomisch<br />

zukunftsfähigen Rohkaffeeanbau<br />

unterstützt. Die Schulungs- und Qualifizierungsmodule<br />

umfassen u.a.<br />

• Organisation zu Erzeuger- und Vertriebsgenossenschaften<br />

98 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


• bessere land<strong>wir</strong>tschaftliche und betriebs<strong>wir</strong>tschaftliche<br />

Praktiken einschließlich<br />

Kostenkontrolle,<br />

• Verbesserung der Rohkaffeequalität,<br />

Erhöhung der Ernteerträge und damit<br />

der Einkommen,<br />

• Schutz und Erhalt des Regenwaldes, der<br />

Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit,<br />

Verhinderung von Bodenerosion,<br />

• Anpassung an den bereits spürbaren<br />

Klimawandel, Reduzierung des eigenen<br />

Beitrags zum Klimawandel,<br />

• Versorgung mit sauberem Trinkwasser<br />

sowie<br />

• Umsetzung der von den jeweiligen Standardorganisationen<br />

vorausgesetzten,<br />

darüber hinausgehenden Zertifizierungs-<br />

bzw. Vali<strong>die</strong>rungsanforderungen.<br />

Weitergehend werden im Rahmen von<br />

Tchibo Joint Forces!® Qualifizierungsmaßnahmen<br />

im Bereich des gesellschaftlichen<br />

Umfeldes angeboten. Hierzu<br />

gehören insbesondere Bildungsmaßnahmen<br />

für Kinder und Jugendliche,<br />

Kindertagesbetreuung zur Vermeidung<br />

unzulässiger Kinderarbeit insbesondere<br />

in der Erntezeit, Einbindung der Frauen<br />

als gleichberechtigte Partner bei der<br />

Be<strong>wir</strong>tschaftung der Farmen, Einkommensdiversifizierung<br />

sowie Verbesserung<br />

der medizinischen Versorgung.<br />

Wirkung<br />

Bis 2016 wurden in Zentral- und Südamerika,<br />

Ostafrika und Asien bei ca.<br />

32.000 der in <strong>die</strong> Tchibo Zulieferketten<br />

eingebundenen Kaffeefarmer Qualifizierungsmaßnahmen<br />

durchgeführt.<br />

Hinzu kommen rund 50.000 Kleinfarmer,<br />

<strong>die</strong> im Rahmen der International<br />

Coffee Partners (ICP) sowie der Initiative<br />

Coffee&Climate, Entwicklungspartnerschaften<br />

von Tchibo mit Kaffeeröstern<br />

qualifiziert werden. Das entspricht<br />

geschätzt knapp einem Drittel der für<br />

Tchibo tätigen Kaffeefarmer weltweit.<br />

Deren Kaffees werden nach Verfügbarkeit<br />

insbesondere in den Tchibo Premiumsegmenten<br />

eingesetzt.<br />

Diese Interventionen erfassen mehr als<br />

2/3 der für Tchibo weltweit tätigen Kaffeefarmer<br />

nicht, insbesondere nicht solche,<br />

<strong>die</strong> für sog. Mainstreamsegmente des<br />

internationalen Kaffeesektors Rohkaffee<br />

produzieren. Ein Teil <strong>die</strong>ser Kaffeefarmer<br />

ist immerhin über den Basis-Compliance<br />

Standard 4C erfasst. Eine weitere Ausweitung<br />

des Anteils <strong>die</strong>ser 4C vali<strong>die</strong>rten<br />

Farmer ist zwar sinnvoll, erreicht jedoch<br />

als Compliance-Programm nicht den<br />

von Tchibo definierten Anspruch an<br />

eine ganzheitlich nachhaltige Sektorentwicklung.<br />

Ein Farmer zentriertes Programm, wie es<br />

zuvor für den Premiumsektor beschrieben<br />

wurde, ist insbesondere wegen der<br />

Vielzahl und unterschiedlichen Größe<br />

sowie des unterschiedlichen Entwicklungsstands<br />

der Farmer, der damit verbundenen<br />

Komplexität und teilweisen<br />

Intransparenz des Mainstream Rohkaffeeanbaus<br />

sowie der diffusen Handelsstrukturen<br />

weder ökologisch noch sozial<br />

und ökonomisch Erfolg versprechend.<br />

Es sind also neue Ideen, andere Formen<br />

der Partnerschaft und vor allem Systeminterventionen<br />

„2.0“ gefordert, <strong>die</strong> auch<br />

<strong>die</strong>se Produzenten in <strong>die</strong> Agenda <strong>2030</strong><br />

einbeziehen.<br />

Nachhaltigkeit 2.0<br />

Brasilien für sog. Arabica-Kaffees und<br />

Vietnam für sog. Robusta-Kaffees sind<br />

<strong>die</strong> nach Weltmarktmenge größten<br />

Rohkaffee-Produzenten für den Mainstream.<br />

In Brasilien konzentriert sich der Rohkaffeeanbau<br />

auf <strong>die</strong> drei Regionen Sul<br />

de Minas, Cerrado und Alta Mogiana, in<br />

Vietnam auf <strong>die</strong> vier Regionen Dak Lak,<br />

Dak Non, Lam Don und Gia Lai. Statt<br />

geschätzt mehrere hunderttausend Farmer<br />

unterschiedlicher Größe zu identifizieren,<br />

bei Bedarf zu organisieren und<br />

nach internationalen Nachhaltigkeitsstandards<br />

zu schulen und bestenfalls<br />

zu zertifizieren, sollten regionale, auf<br />

Augenhöhe d.h. mit den Produzentenvertretern<br />

partnerschaftlich entwickelte<br />

bzw. verbesserte Systeminterventionen<br />

mehr Nachhaltigkeit den Weg bereiten.<br />

Dadurch ließen sich zugleich Komplexitäten<br />

reduzieren, <strong>die</strong> Identifikation mit<br />

dem Programm fördern und <strong>die</strong> Wirksamkeit<br />

von Interventionen erhöhen.<br />

Auf keinen Fall sollte „das Rad neu erfunden<br />

werden“. Es sollten mindestens<br />

vorhandenes regionales Wissen über<br />

fehlende Nachhaltigkeit, über deren<br />

Ursachen, über ökonomische, ökologische<br />

und soziale bzw. gesellschaftliche<br />

Erfolgs- und Misserfolgsindikatoren,<br />

bestehende Entwicklungs- und Qualifizierungssysteme<br />

und vorhandene<br />

Partnernetzwerke genutzt werden.<br />

In zunächst je einer Region in Brasilien<br />

und in Vietnam und im regionalen Partnerverbund<br />

hat Tchibo damit begonnen,<br />

<strong>die</strong>sen neuen Ansatz zu konzipieren, zu<br />

pilotieren und <strong>wir</strong>d ihn im internationalen<br />

Kaffeesektor sobald wie möglich<br />

zur Diskussion stellen.<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

99


GOOD PRACTICE<br />

Digitalisierung gestalten:<br />

Optimierungspotenziale<br />

für KMU entdecken<br />

Begleitung in <strong>die</strong> digitale Zukunft: TÜV Rheinland unterstützt Mittelständler bei der Standortbestimmung<br />

ihres digitalen Reifegrades <strong>–</strong> auch im Vergleich zu anderen Unternehmen. Ziel ist es,<br />

mittelständischen Unternehmen <strong>die</strong> Transparenz zu verschaffen, <strong>die</strong> sie brauchen, um den<br />

digitalen Wandel kontrolliert, sicher und erfolgreich zu gestalten: angefangen bei digitalen<br />

Grundlagen über optimierte Prozesse bis hin zu völlig neuen Geschäftsmodellen.<br />

Von Susanne Dunschen und Norman Hübner,<br />

TÜV Rheinland<br />

In vielen Branchen, aber auch in der<br />

Gesellschaft, nimmt <strong>die</strong> Veränderungsgeschwindigkeit<br />

rapide zu. Die<br />

Digitalisierung gilt zu Recht als vierte<br />

industrielle Revolution. Sie verändert<br />

viele Unternehmen und Branchen<br />

grundlegend. Industrie 4.0 und aktuelle<br />

Technologien wie Cloud-Services,<br />

das Internet der Dinge, Big Data oder<br />

mobiles Internet schaffen heute <strong>die</strong><br />

Grundlage dafür, dass konventionelle<br />

Geschäftsmodelle über Nacht auf den<br />

Kopf gestellt werden <strong>können</strong>. Das gilt<br />

für <strong>die</strong> digitale Wirtschaft wie Software-<br />

Unternehmen, Musik- und Filmindustrie,<br />

Fernsehen oder Online-Handel,<br />

aber auch für bislang konventionelle<br />

Branchen wie Hotellerie, Automobilindustrie<br />

oder das Taxiwesen.<br />

Die Digitalisierung verspricht Effizienzsteigerungen,<br />

Ressourcenschonung<br />

und langfristiges Wirtschaftswachstum.<br />

Sie <strong>wir</strong>d allerdings auch mit Risiken im<br />

Hinblick auf Privatsphäre, Zukunft der<br />

Arbeit und Cyber-Sicherheit in Verbindung<br />

gebracht. Durch Ermittlung des jeweils<br />

individuellen digitalen Reifegrades<br />

eines Unternehmens, den transparenten<br />

Vergleich mit der Peer Group sowie<br />

zusätzliche Beratungsangebote unterstützt<br />

TÜV Rheinland Unternehmen<br />

dabei, <strong>die</strong> Potenziale der Digitalisierung<br />

zu nutzen, ohne sich den genannten<br />

Risiken auszusetzen. Kurz gesagt: sich<br />

sicher und zukunftsfähig aufzustellen.<br />

Ermittlung des „Digitalen<br />

Reifegrads im Mittelstand 2017“<br />

TÜV Rheinland hat <strong>die</strong> Stu<strong>die</strong> „Digitaler<br />

Reifegrad im Mittelstand 2017“ gemeinsam<br />

mit dem Analystenhaus Lünendonk<br />

& Hossenfelder erarbeitet. Sie beleuchtet<br />

Fragen, <strong>die</strong> für mehrere Stakeholder von<br />

strategischer Bedeutung sind: Gehören<br />

Kleine und Mittelständische Unternehmen<br />

(KMU), <strong>die</strong> in <strong>Deutschland</strong> noch <strong>die</strong><br />

meisten Arbeitsplätze schaffen, zu den<br />

„Digitalen Pionieren“? Sind sie „Digitale<br />

Verfolger“? Hinken sie als „Digitale<br />

Nachzügler“ dem Wettbewerb hinterher<br />

oder haben sie als „Analoge Bewahrer“<br />

bereits mit Wettbewerbsnachteilen zu<br />

kämpfen?<br />

Was braucht der Standort<br />

<strong>Deutschland</strong>?<br />

Die Antworten sind in erster Linie für<br />

<strong>die</strong> Unternehmen selbst wichtig, <strong>die</strong> an<br />

der Stu<strong>die</strong> teilgenommen haben, denn<br />

sie müssen sich im Klaren darüber sein,<br />

ob sie ihre Wachstumsstrategien der<br />

neuen Entwicklung anpassen müssen.<br />

Befragt wurden Geschäftsführer und<br />

Führungskräfte von insgesamt 110 Mittelständlern,<br />

mit mindestens 50 und<br />

mehr als 3.000 Mitarbeitern.<br />

Wichtige Erkenntnisse liefert <strong>die</strong> Stu<strong>die</strong><br />

aber auch Gestaltern auf politischer,<br />

regionaler und nationaler Ebene. Denn<br />

sie müssen darüber nachdenken, unter<br />

welchen politischen und <strong>wir</strong>tschaftlichen<br />

Rahmenbedingungen der Standort<br />

<strong>Deutschland</strong> im globalen Wettbewerb<br />

mittel- bis langfristig gesichert werden<br />

kann und wie Arbeitsplätze erhalten und<br />

neue geschaffen werden <strong>können</strong>.<br />

Weil <strong>die</strong> Frage des digitalen Reifegrads<br />

nicht nur einzelne neue Bereiche wie<br />

Online-Vertriebskanäle betrifft, sondern<br />

das gesamte Unternehmen, ist <strong>die</strong> Stu<strong>die</strong><br />

ganzheitlich angelegt. Zu beantworten<br />

waren mehr als 70 Fragen aus allen<br />

Unternehmensbereichen. Ziel war es<br />

herauszufinden, wie es um <strong>die</strong> Veränderungsfähigkeit<br />

der gesamten Organisation<br />

bestellt ist und welche Bedeutung<br />

<strong>die</strong> Digitalisierung in den verschiedenen<br />

Unternehmensbereichen spielt, angefangen<br />

von der Produktion über Vertrieb<br />

und Marketing, IT, Logistik bis hin zu<br />

100 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


Verwaltung und HR. Auch <strong>die</strong> Umsetzung<br />

der Digitalisierungsstrategie in den<br />

einzelnen Bereichen spielte eine Rolle<br />

sowie ein Vergleich der Unternehmen<br />

untereinander.<br />

Kostenloses und individuelles<br />

Digitalisierungsprofil mit<br />

Optimierungspotenzialen<br />

30 %<br />

Digitale<br />

Pioniere<br />

14 %<br />

Digitale<br />

Verfolger<br />

24 %<br />

Digitale<br />

Nachzügler<br />

32 %<br />

Analoge<br />

Bewahrer<br />

Ziel der Stu<strong>die</strong> war es auch, Unternehmen<br />

noch stärker für <strong>die</strong> Notwendigkeit,<br />

sich mit der Digitalen Transformation<br />

auseinanderzusetzen, zu sensibilisieren.<br />

„Das Potenzial der Digitalisierung mangels<br />

Expertise ungenutzt zu lassen, kann sich<br />

heute kein Unternehmen mehr leisten,<br />

das langfristig am Markt bestehen will“,<br />

so Prof. Dr. Kai Höhmann, Geschäftsführer<br />

der TÜV Rheinland Consulting GmbH.<br />

„Die digitale Transformation ist ein Kraftakt,<br />

der aber auch viele Chancen birgt.“<br />

Mehr als 100 Unternehmen nahmen an der initialen Stu<strong>die</strong> teil. 60 Prozent<br />

davon erwarten „starke oder sehr starke Veränderungen für <strong>die</strong> eigenen Geschäftsmodelle“,<br />

67 Prozent organisatorische Veränderungen. Rund 30 Prozent<br />

der Stu<strong>die</strong>nteilnehmer wurden als „Digitale Pioniere“, 14 Prozent als „Digitale<br />

Verfolger“, 24 Prozent als „Digitale Nachzügler“ und 32 Prozent als „Analoge<br />

Bewahrer“ eingestuft.<br />

Ausgangspunkt für <strong>die</strong>sen Kraftakt muss<br />

eine individuelle Standortbestimmung<br />

sein. <strong>Wie</strong> digital ist das eigene Unternehmen<br />

bereits, wie ist das Digitalisierungsniveau<br />

innerhalb der Branche und<br />

wo liegen <strong>die</strong> Ansatzpunkte für eine<br />

Digitalstrategie? Nur wer einschätzen<br />

kann, wo sein Unternehmen steht, ist<br />

in der Lage, den Digitalisierungsprozess<br />

aktiv zu gestalten und voranzutreiben.<br />

Dazu bedarf es allerdings nicht nur der<br />

statischen Auswertung einer Befragung,<br />

sondern einer dynamischen Umsetzung<br />

als Online-Benchmarking. Um Organisationen<br />

<strong>die</strong>s zu erleichtern, hat TÜV<br />

Rheinland einen „Digitalisierungsspiegel“<br />

entwickelt (www.digitalisierung-gestalten.de).<br />

Die auf der Stu<strong>die</strong> basierende<br />

Online-Befragung gibt mittelständischen<br />

Unternehmen <strong>die</strong> Möglichkeit einer<br />

ersten fun<strong>die</strong>rten Einschätzung ihres<br />

laufenden Digitalisierungsstatus. Die<br />

Teilnehmer schätzen online den Stand<br />

der Digitalisierung in ihrem Unternehmen<br />

zunächst selbst ein. Anschließend<br />

werden <strong>die</strong> anonymisierten Angaben<br />

aller Teilnehmer in Relation zueinander<br />

gesetzt und ausgewertet. Das teilnehmende<br />

Unternehmen erhält kostenfrei sein<br />

individuelles Digitalisierungsprofil, das<br />

konkrete Hinweise auf Optimierungspotenziale<br />

vermittelt und Handlungsbedarfe<br />

aufzeigt. Durch <strong>die</strong> Teilnahme<br />

von unterschiedlichsten Branchen <strong>wir</strong>d<br />

<strong>die</strong> Stu<strong>die</strong> dynamisch fortgesetzt, und es<br />

entsteht darüber hinaus ein fortlaufendes<br />

und aussagekräftiges Benchmarking mit<br />

stets aktuellen Ergebnissen.<br />

Beratungsansatz erfordert<br />

Verständnis für Komplexität der<br />

Prozesse<br />

Eine Standortbestimmung allein reicht<br />

nicht aus. Wer sich auf den Weg durch<br />

<strong>die</strong> digitale Transformation macht, muss<br />

eine solide Strategie entwickeln, <strong>die</strong> sich<br />

an Geschäftszielen und Investitionsvolumen<br />

orientiert und dennoch in einem<br />

wettbewerbsorientierten Zeithorizont<br />

umzusetzen ist. Weil es an Erfahrung<br />

oder an der technischen Expertise fehlt,<br />

scheuen sich viele mittelständische Unternehmen,<br />

Digitalisierungsprojekte oder<br />

gar eine gesamte Strategie konsequent in<br />

Angriff zu nehmen. Gleichzeitig spüren<br />

sie den steigenden Handlungsdruck und<br />

<strong>die</strong> Sorge, von der Konkurrenz überholt<br />

oder gar abgehängt zu werden. Ein Weg,<br />

solche Defizite auszugleichen, ist, externe<br />

Ressourcen hinzuzuziehen. Der Vorteil:<br />

Speziell geschulte Digitalisierungsteams<br />

haben einen objektiven Blick auf <strong>die</strong><br />

Organisation und bringen branchenübergreifende<br />

Erfahrungen und Projektkompetenz<br />

mit. Weil <strong>die</strong> Anforderungen im<br />

Zusammenhang mit der Digitalisierung<br />

so vielfältig sind, kommt es darauf an,<br />

<strong>die</strong> richtige Unterstützung zu finden. Die<br />

Experten sollten <strong>die</strong> Branche kennen, <strong>die</strong><br />

Komplexität verstehen und auch bei der<br />

Arbeit an Spezialthemen das große Ganze<br />

für den Kunden im Blick behalten. „Entscheidend<br />

für <strong>die</strong> Unternehmen ist, dass<br />

sich Investitionen schnell auszahlen“,<br />

so Prof. Dr. Kai Höhmann. „Digitalisierung<br />

ist kein Selbstzweck, sondern muss<br />

immer im Zeichen einer nachhaltigen<br />

Wertschöpfung stehen.“<br />

globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017<br />

101


GOOD PRACTICE<br />

Perspektiven in Tansania<br />

mit erneuerbaren Energien<br />

schaffen<br />

Seit vielen Jahren setzt sich <strong>die</strong> Weidmüller Gruppe weltweit für eine nachhaltige Entwicklung<br />

ein und übernimmt als Familienunternehmen gesellschaftliche Verantwortung. Gemeinsam mit<br />

dem „Club der guten Hoffnung“, dem Netzwerk für Unternehmenskooperationen bei missio<br />

München, unterstützt das Unternehmen seit 2015 ein Bildungsprojekt in Tansania, bei dem<br />

durch <strong>die</strong> Elektrifizierung und Ausbildung im Bereich erneuerbare Energien eine feste Beschäftigungsperspektive<br />

und <strong>die</strong> Basis für Zugang zu Wissen etabliert werden. Dadurch gibt das Unternehmen<br />

der Bevölkerung vor Ort nicht nur <strong>die</strong> finanzielle Unterstützung, sondern verschafft den<br />

Menschen Perspektiven durch Bildung und hilft ihnen, sich selbst helfen zu <strong>können</strong>.<br />

Von Carsten Nagel, Manager External<br />

Communication, Weidmüller Gruppe<br />

Noch eine Schraube festdrehen und drei<br />

Kabel befestigen und es ist geschafft <strong>–</strong><br />

stolz präsentiert der Jugendliche <strong>die</strong><br />

soeben montierte Photovoltaikanlage.<br />

Mehrere Stunden hat er in der Mbeya<br />

Trade School in Tansania an der Montage<br />

gesessen und vorher intensiv geübt, um<br />

<strong>die</strong> vielen Teile richtig zusammenzufügen.<br />

Für ihn ein Meilenstein, der neue Perspektiven<br />

eröffnet <strong>–</strong> denn Zugang zu Strom<br />

ist in dem Land nicht selbstverständlich.<br />

Im Gegenteil: weniger als 25 Prozent der<br />

Bevölkerung in Tansania haben Zugang<br />

zu Elektrizität <strong>–</strong> im ländlichen Raum<br />

sind es sogar nur knapp zehn Prozent. Das<br />

Land steht vor vielen Herausforderungen:<br />

während <strong>die</strong> Wirtschaft aufstrebt, <strong>die</strong><br />

Bevölkerung wächst und <strong>die</strong> allgemeine<br />

Mobilität steigt, nehmen gleichzeitig <strong>die</strong><br />

sozialen Missstände zu. Der Weg ins Berufsleben<br />

gestaltet sich für Jugendliche<br />

schwierig, denn es gibt keine geregelte<br />

Ausbildung wie in <strong>Deutschland</strong> und <strong>die</strong><br />

Qualität der Schulen ist mitunter gering.<br />

Mbeya Trade School <strong>–</strong><br />

Ausbildungszentrum für Jugendliche<br />

Um <strong>die</strong>sen Herausforderungen begegnen<br />

zu <strong>können</strong>, setzt sich missio München<br />

mit den katholischen Partnern in der<br />

südwestlichen Stadt Mbeya für verschiedene<br />

Hilfseinrichtungen ein. Mbeya ist<br />

mit knapp 500.000 Einwohnern eine<br />

der zehn größten Städte Tansanias und<br />

gilt als einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte<br />

des Landes. Hier hat <strong>die</strong><br />

Diözese 2015 den Bau des Ausbildungs-,<br />

Beratungs- und Rehabilitationszentrums<br />

gestartet, das jungen Menschen von der<br />

Straße eine neue Perspektive gibt. Teil<br />

<strong>die</strong>ses Komplexes ist auch <strong>die</strong> Mbeya<br />

Trade School, <strong>die</strong> vor allem im Ausbildungssegment<br />

aktiv ist. Die Schule bietet<br />

aktuell <strong>die</strong> Lehrgänge Elektroinstallation,<br />

Kfz-Mechanik, Schreinerei, Schlosserei<br />

und Schneiderei an <strong>–</strong> gerade auch für <strong>die</strong><br />

sogenannten School Dropouts, Schüler,<br />

<strong>die</strong> sonst keine Möglichkeit zur Ausbildung<br />

erhalten.<br />

Voraussetzung für den Zugang zu<br />

Wissen schaffen<br />

Seit 2015 unterstützt Weidmüller das<br />

Projekt von missio München zum Bau<br />

eines Integrations- und Weiterbildungszentrums<br />

in Mbeya und fördert unter<br />

anderem einen Pilotlehrgang im Bereich<br />

Solarenergie und Photovoltaik. „Die Unterstützung<br />

ist Teil unseres weltweiten<br />

sozialgesellschaftlichen Engagements,<br />

welches <strong>wir</strong> unter dem Oberbegriff<br />

‚Weidmüller hilft‘ bündeln“, erklärt der<br />

Nachhaltigkeitsbeauftragte Dr. Eberhard<br />

Niggemann. Weidmüller legt dabei großen<br />

Wert darauf, dass Nachhaltigkeit im<br />

Unternehmen ganzheitlich betrachtet<br />

und gelebt <strong>wir</strong>d und strebt eine richtige<br />

Balance zwischen den ökologischen,<br />

ökonomischen und gesellschaftlichen<br />

Dimensionen von Nachhaltigkeit an. Das<br />

Engagement in Tansania setzt an zwei<br />

Punkten an, <strong>die</strong> sich gegenseitig beeinflussen,<br />

um <strong>die</strong> Beschäftigungsfähigkeit<br />

in der Region zu erhöhen:<br />

1. Förderung der Bildungsmöglichkeiten,<br />

weil Bildung jungen Menschen neue Per-<br />

102 globalcompact <strong>Deutschland</strong> 2017


spektiven ermöglicht und Bildung der<br />

stärkste Hebel ist, um eine nachhaltige<br />

Wirkung herbeizuführen.<br />

2. Schaffung von Zugang zu Elektrizität,<br />

da durch Elektrizität der Zugang zu Me<strong>die</strong>n<br />

und somit zu Wissen möglich ist.<br />

Durch <strong>die</strong> Unterstützung erhalten junge<br />

Menschen durch eine Ausbildung in den<br />

Bereichen Elektrotechnik und regenerative<br />

Energien neue Perspektiven, und<br />

Weidmüller leistet einen Beitrag für <strong>die</strong><br />

Verbesserung der Lebenssituation. „Zunächst<br />

braucht es schließlich Licht und<br />

Strom, damit eine ausreichende Versorgung<br />

überhaupt gewährleistet werden<br />

kann, beispielsweise um Essen zuzubereiten<br />

oder abends lernen zu <strong>können</strong>“,<br />

erklärt Niggemann.<br />

Club der guten Hoffnung <strong>–</strong> Gesellschaftliche<br />

Verantwortung übernehmen<br />

Die Unterstützung von Weidmüller ist Teil eines größeren Förderprojektes, das<br />

der Club der guten Hoffnung, <strong>die</strong> CSR-Plattform des katholischen Missionswerks<br />

missio aus München, unterstützt. Rund um <strong>die</strong> Themen Menschenrechte,<br />

Frauenförderung, Bildung und Infrastruktur fördert missio München knapp 1050<br />

Projekte in 60 Ländern <strong>–</strong> in Asien, Afrika oder Ozeanien. Weitere Informationen<br />

erhalten Sie auch unter www.club-der-guten-hoffnung.de<br />

Elektrifizierung und<br />

Ausbildung als Basis für<br />

eine Beschäftigungsperspektive<br />

Durch <strong>die</strong> Unterstützung von Weidmüller<br />

gelang es erstmalig, einen Pilotkurs für<br />

regenerative Energien an der Mbeya Trade<br />

School einzurichten. Er <stron