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Leseprobe_Schwertläufer II

Leseprobe Schwertläufer Band II

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Jan Peter Andres

Schwertläufer


Band II

Die Schlüssel von Ormor

Was bisher geschah

Kälte und Düsternis liegen über den Ländern um das nördliche

Taurongebirge. Nur einen Weg gibt es, dem verderblichen Treiben

des Tarantuil, des Nebelbergs, Einhalt zu gebieten. Die

Schlüssel von Ormor müssen gefunden werden. Zu Mitte des

Jahres 2941 machen sich die Schwertläufer Robin und Bero mit

dem Elm Boffo auf die Suche. Den ersten Schlüssel namens Khor

entdecken sie in den Ruinen von Bahor. Auf dem Weg nach

Westen treffen sie ihre Freunde und Waffenbrüder Lorin und

Bert. Gemeinsam gelangen die fünf zur schwarzen Festung

Ormor. Doch Khrit, der zweite Schlüssel, bleibt verschollen. Die

Reise geht weiter. Als Lorin verletzt wird, trennen sich die Wege

der Gefährten. Robin, Bero und Boffo erreichen allein das Land

Arangion am westlichen Ende des Kontinents Laudora. Dort

wollen sie die letzten Elme vom Volk der Sirdain suchen. Die

Bewahrer des zweiten Schlüssels.


Erste Auflage: Band II, Die Schlüssel von Ormor: November 2017

Bereits erschienen: Band I, Die Reise nach Arangion: März 2017

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Verlag Heinz Späthling, Weißenstadt

Copyright © 2015 - 2017 – Alle Rechte vorbehalten

Karten auf Vor- und Nachsatz: © 2015 Peter Engerisser

Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss

Titelillustration: Tomasz Maroński

Satz und Herstellung: Druckkultur Späthling, Weißenstadt

Verarbeitung und Bindung: Müller Buchbinderei GmbH, Leipzig

Auf säurefreiem und alterungsbeständigen Werkdruckpapier gedruckt

Printed in Germany

ISBN 978-3-942668-34-7


INHALT

Zweiter Teil – Die Schlüssel von Ormor

Erstes Kapitel:

Der Solhir............................................7

Zweites Kapitel:

Die Ruinen von Sethor....................44

Drittes Kapitel

Unterwelt..........................................61

Viertes Kapitel:

Irrlichter............................................87

Fünftes Kapitel:

Die Regenbogenbrücke.................115

Sechstes Kapitel: Die Zwerge von Nimbor ..............153

Siebtes Kapitel: Jäger und Gejagte ..........................184

Achtes Kapitel:

Kutschfahrt.....................................217

Neuntes Kapitel:

Im Zeichen des Krebses................247

Zehntes Kapitel: Das blaue Buch ..............................281

Elftes Kapitel: Novembersonne ............................315

Zwölftes Kapitel:

Die Stadt am Meer.........................352

Dreizehntes Kapitel:

Südwind..........................................391

Vierzehntes Kapitel: Die Ankunft der Botin ..................430

Fünfzehntes Kapitel:

Der Weg ist versperrt....................454

Dritter Teil – Das Zepter Aranurs

Erstes Kapitel:

Schatten in der Dunkelheit...........494

Zweites Kapitel: Sternenstrahl ..................................529

Drittes Kapitel: Der Plan des Schwertmeisters .....562

Viertes Kapitel: Im Bann des Morhultzeichens .....593

Fünftes Kapitel: Das Dorf ohne Namen ..................622

Sechstes Kapitel: Das schwarze Tor ..........................661

Siebtes Kapitel:

Pinutil..............................................692

Achtes Kapitel: Die Wächter Trintals .....................730

Neuntes Kapitel: Die Pforte von Rok ........................760

Zehntes Kapitel:

Heimwärts......................................792

Elftes Kapitel:

Die Rückkehr der Sirdain.............813

Zwölftes Kapitel: Rauquellgeflüster ..........................833

Anhang I:

Anhang II:

Der Weg der Gefährten.................839

Namensregister..............................843


Zweiter Teil

Die Schlüssel von Ormor

Diese Geschichte spielt in einer fiktiven Welt zu einer fiktiven

Zeit. Die darin vorkommenden Jahresangaben stehen in keinem

Bezug zu unserer Zeitrechnung.


Erstes Kapitel

Der Solhir

Robin, Bero und Boffo fanden den Grünen Papagei genau so

vor, wie ihn der bärtige Angler an der Kaimauer beschrieben

hatte. Von außen wenig einladend, doch in seinem Innern gemütlich

und aufgeräumt. Die vom Rauch dunkle Wirtsstube war

spärlich beleuchtet. Obwohl es erst kurz nach Mittag war, drang

vom trüben Licht dieses regnerischen Tages nur wenig durch die

kleinen Fenster. Den Rest an Helligkeit spendeten eine von der

Decke hängende Öllampe und eine Laterne, die auf dem Tresen

stand.

An diesem Mittwoch war das Wirtshaus gut besucht. Vielleicht

gerade deshalb, weil Feiertag war. Es waren einfache

Männer, Arbeiter und Handwerker, die hier ihr Bier tranken.

Robin nahm an, dass die meisten von ihnen Junggesellen waren,

auf die keine Familien zuhause warteten. Einige spielten Karten

und wieder andere widmeten sich ihrer Mahlzeit, die eine

Dienstmagd auf Zuruf des Wirts aus der Küche brachte. Über

allem lag Stimmengewirr und dichter Pfeifenrauch.

Die beiden Schwertläufer und der Elm 1 wurden neugierig

gemustert. Vor allem letzterer erregte Aufmerksamkeit. Mancher

der Anwesenden betrachtete ihn mit einem Kopfschütteln, andere

mit einem Blick, als erinnere sie der kleine Kerl an etwas, das

sie längst vergessen zu haben schienen.

»Wenn ihr etwas essen wollt, setzt euch lieber in den Nebenraum

... wie sagtet ihr, waren eure Namen?« Der Wirt war ein

grobknochiger, großer Mann, mit dicken Unterarmen, riesigen

1

Über Schwertläufer siehe S. 862; mehr »Über Elme« im Anhang von Band I.

7


Händen und ohne übertrieben höfliche Umgangsformen. Aber

seine Augen blickten lebhaft und vermittelten den Eindruck,

dass man ihm vertrauen könne. Bevor sie die Wirtsstube betreten

hatten, hatte er Anweisungen gegeben, die Pferde unterzubringen

und ihren Besitzern die Kammer gezeigt, wo sie die Nacht

verbringen sollten. Sie war klein und dunkel, nur mit einem

Bretterregal und einem Etagenbett möbliert. Doch gab es frische

Bettwäsche.

»Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, uns vorzustellen«,

erwiderte Robin, der sich angesprochen fühlte. »Mein Name ist

Robin Rob, dies ist Herr Bero Bordin und unser kleiner Begleiter

hier heißt Boffo.«

»Nun gut, dort drüben ist’s jedenfalls ruhiger und weniger

rauchig.« Der Wirt drückte die Klinke einer Seitentür. Essensduft

drang heraus und weckte ihren Hunger. Deshalb befolgten sie

seinen Rat und begaben sich ins Nebenzimmer. Hier saßen nur

zwei Männer, an zwei verschiedenen Tischen für sich allein

essend. Auf Robin wirkten sie wie Handlungsreisende. Bis auf

ein knappes Kopfnicken zur Begrüßung nahmen sie keine Notiz

von den Neuankömmlingen. Der dritte Tisch war frei und dort

ließen sie sich nieder. Wenig später brachte die Küchenmagd

drei Teller dicke Bohnen mit Speck und einen Brotkorb. Dazu

stellte der Wirt drei Krüge mit dunklem Bier auf die blank gescheuerte

Tischplatte.

»Nicht gerade ein Festmahl, aber schmeckt nicht übel«, sagte

Bero kauend und schob sich einen weiteren Löffel Bohnen in den

Mund. »Eigentlich genau das Richtige, bei dem Wetter.«

Boffo nickte und brach sich ein Stück Brot ab. Auch Robins

Appetit stellte sich ein, nachdem er einen guten Zug aus seinem

Krug genommen hatte. Das Bier war nicht besonders kalt, aber

es schmeckte kräftig und nach Malz. Und die Bohnen waren gut

gewürzt. Mit viel Zwiebeln und Speck zubereitet. Eine typische

Mahlzeit für Schwerarbeiter. Robin vermutete, dass sie auch

gestern schon auf der Speisekarte gestanden hatte.

»Wie ich euch sagte. Nach einem kräftigen Essen und einem

8


guten Schluck sieht die Welt ganz anders aus.« Boffo stellte

seinen Krug zurück und wischte sich mit dem Handrücken den

Bierschaum aus dem Bart.

»Heißt das, du hast einen Plan, wie wir weiter vorgehen sollen?«,

fragte Robin.

»Keinen speziellen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir hier in

Sirdun nicht viel erreichen werden. Natürlich werden wir uns

umhören. Ein paar Leute befragen. Wenn wir Glück haben,

findet sich vielleicht auch jemand, der etwas Genaueres weiß.

Doch dass wir letztendlich weiter nach Westen müssen, steht für

mich jetzt schon außer Frage. Mit großer Wahrscheinlichkeit bis

zum Arnokgebirge. Darauf deutet Einiges hin. Doch wohin

genau, das müssen wir noch herausfinden.«

»Und das eben ist unser Problem«, sagte Bero. »Wir wissen ja

noch nicht einmal, nach was genau wir fragen sollen. Nach

Elmen? Nach einem Schlüssel? Jedenfalls sollten wir gleich hier

beim Wirt damit beginnen. Am besten in einer ruhigen Minute,

wenn er mehr Zeit hat. Im Moment machen wir nur die Pferde

scheu.«

»Der Meinung bin ich auch«, sagte Robin. »Deshalb schlage

ich vor, dass wir den Nachmittag nutzen und uns vorher ein

wenig umsehen. Mir geht dieser Jeromir nicht aus dem Sinn.

Auch wenn sein Haus verfallen ist. So leicht verschwindet keiner,

ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Wäre vielleicht

keine schlechte Idee, auf einen Sprung dort vorbeizuschauen.

Und heute, wo auf den Straßen wenig los ist, stört uns sicher

niemand.«

»Von mir aus«, sagte Bero. »Ein kleiner Verdauungsspaziergang

kann nicht schaden. Vorausgesetzt, es regnet nicht mehr.«

Es regnete noch immer, als sich die drei auf den Weg zum

Ladekai machten. Wenn auch nicht mehr so sehr, wie auf dem

Herweg. Die Promenade war jetzt menschenleer. Eine seltsame

Stimmung lag über der Stadt. Kein Vogel oder anderes Getier

war zu hören. Es schien, als wolle sich selbst das brauntrübe

9


Wasser des Legris möglichst lautlos an dieser trostlosen Szenerie

vorbei schleichen. Nur der Regen plätscherte monoton in die

Wasserpfützen, die sich auf dem Pflaster gebildet hatten.

Die Gartentür vor dem Haus des Trödlers hing schief in dem

einen ihr verblieben Scharnier. Einige zerborstene Steinstufen

führten hinauf zur Haustür, die nur angelehnt war. Robin drückte

sie auf und die drei traten in einen düsteren Flur. Allerhand

Unrat und kaputte Einrichtungsgegenstände lagen herum. Nach

oben führte eine Treppe, die auf halbem Wege eingebrochen

war. Durch die Decke tropfte es. Es roch modrig und nach Exkrementen.

Robin öffnete eine der seitlichen Türen. Sie führte in einen

kahlen Raum mit Fenstern zum Hinterhof. Ein roh gezimmertes

Regal lag umgestürzt auf dem Fußboden. Sein ehemaliger Inhalt

war zerstreut: stockfleckiges Papier, ein paar alte Kleidungsstücke

und anderes wertloses Zeug. Für alle anderen noch brauchbaren

Sachen hatten sich, so konnte man vermuten, bereits neue

Besitzer gefunden.

»Lasst uns hier verschwinden«, drängte Bero. »Am Ende verhaftet

man uns noch wegen unbefugten Eindringens in fremden

Besitz.«

»Bero hat recht«, sagte Boffo und scharrte mit der Stiefelspitze

in den Papierfetzen. »Hier gibt es wohl nichts, was noch von

Wert für uns sein könnte.«

Robin antwortete nicht gleich, denn eine seltsame Kleinigkeit

hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Neben einem hellen Fleck an

der Wand, wo ehemals vermutlich ein Schrank gestanden hatte,

hing noch ein Bild in einem zerbrochenen Glasrahmen. Robin

trat davor und sah es sich genauer an. Es war eine Federzeichnung.

Nicht groß, doch sorgfältig ausgeführt. Und sie zeigte eine

Landschaft. Den Hintergrund bildeten die zerklüfteten Züge

eines Gebirges. Davor erstreckte sich eine sanft geschwungene

Hügellandschaft. An einen der Berghänge schmiegten sich

merkwürdige Gebäude. Sie waren aus sorgfältig behauenen und

verzierten Steinen kunstvoll erbaut, ähnlich den Tempeln einer

10


Kultstätte. Aus ihrer Mitte ragte ein kuppelgekrönter Turm mit

einem hohen, säulenflankierten Portal.

»SOLHIR IU LINUVAR«, las Robin vor, der mittlerweile einige

elmische Buchstaben von Boffo gelernt hatte. In diesem Augenblick

stand der Elm bereits neben ihm.

»Lass mich einen genaueren Blick darauf werfen«, bat er und

streckte beide Hände in Richtung des Bildes. Robin nahm es von

der Wand, zog das Papier aus dem kaputten Rahmen und reichte

es dem Elm.

»Manchmal bist du einfach nur ein Glückspilz, mein Lieber«,

sagte der, nachdem er sich die Zeichnung eine Weile betrachtet

hatte. »Aber heute bist du ein Glücksfall für uns alle. Die Überschrift

hier lautet: ›Der Sonnenschrein in Linuvar‹. Erinnerst du

dich an das Tontäfelchen, welches Meridoz in Ormor zurückgelassen

hatte? Auf dem stand, man solle Khrit im Sonnenschrein

suchen. Doch stand dort nicht, wo sich dieser befindet.«

»Vielleicht, weil es Meridoz damals selbst noch nicht wusste?«

Robin zog fragend die Brauen hoch.

»Möglicherweise. Aber jetzt wissen wir es. Denn Linuvar ist

in meiner Karte verzeichnet. Am nördlichen Ende des Arnokgebirges

liegt es, wo der Legris entspringt. Dorthin müssen wir.

Schon morgen früh sollten wir los. Unser geplanter Ruhetag

muss leider ausfallen.«

Am Abend war Hochbetrieb im Grünen Papagei. Selbst das

Nebenzimmer war voll besetzt. Robin, Bero und Boffo hatten

sich nur kurz auf einen Krug Bier in der Gaststube sehen lassen

wollen, um anschließend zeitig zu Bett zu gehen. Doch daraus

wurde nichts. Zahlreiche Gäste hatten sich zu ihnen gesellt,

saßen und standen um ihren Tisch herum, fragten nach dem

Grund ihres Aufenthaltes, woher sie kamen und wohin sie gingen.

Vor allem Boffo hatte es ihnen angetan. Von solchen kleinen

Leuten hätten ihnen ihre Großmütter erzählt. Ob es noch mehr

von ihm gäbe? Denn es hieß, die kleinen Kerle sollen nachts in

die Wohnstuben kommen. Und am Morgen wäre dann alles

11


aufgeräumt und die Arbeit getan. Boffo ließ ihre Fragen geduldig

über sich ergehen, sagte dieses und jenes, doch nicht zu viel.

Bero und Robin hörten zu, interessiert und amüsiert, bemühten

sich jedoch zu Boffos Ausführungen ernst zu bleiben.

»Ja!«, sagte der schließlich. »Dieses Land gehörte einst den

kleinen Leuten. Und ein mächtiger Herrscher regierte es. Fürst

Tantriloz hieß er. Überall im Land herrschte Zufriedenheit und

Wohlstand, so erzählt man. Und alles war sauber und adrett.

Aber das war vor langer Zeit. Doch irgendwann scheint es den

kleinen Leuten hier nicht mehr gefallen zu haben. Denn sie sind

weg. Zerstreut in alle Winde. So wie ich und meine Verwandtschaft.«

»Dass ich nicht lache!«, ließ sich einer der Umstehenden vernehmen.

»Ein Fürst der Wichtelmänner! Und alles sauber! Hier

in Arangion hat es immer nur eines gegeben: Kohle und Erdpech.

Und solange es die gibt, wird es uns gut gehen. Unsere

Kohlebarone sorgen schon dafür, dass auch für die einfachen

Arbeiter noch etwas abfällt. Dazu brauchen wir keine Fürsten,

die nur auf ihren eigenen Reichtum bedacht sind. Und gerade

dieses feiern wir heute. Auf die Abschaffung der Fürstenherrschaft!«

Er hob seinen Krug und nahm einen kräftigen Schluck.

»Solche Umstürze lob ich mir«, murmelte Bero halblaut vor

sich hin, »wenn dadurch jemand an die Macht kommt, der das

Land ausbeutet und die Gegend verunstaltet.«

»Nun ist’s aber gut«, mischte sich der Wirt ein. »Setzt euch

wieder auf eure Plätze. Unsere Gäste wollen in Ruhe essen.« Er

stellte Brot, Käse und Wurst auf den Tisch.

»Kanntet Ihr eigentlich Jeromir, den Trödler, Herr Wirt?«,

fragte Boffo, als die Umstehenden sich langsam wieder im Gastzimmer

zerstreuten. »Man sagt, er war einer der wenigen, die

sich mit der Geschichte dieses Landes beschäftigten.«

»Natürlich kannte ich ihn. Er war ja öfter auf ein Bierchen

hier. Ob er sich mit Geschichte beschäftigte, weiß ich nicht. Was

er in seiner freien Zeit trieb, wusste niemand so genau. Nur, dass

er sich in seinen letzten Jahren immer weniger seinem eigentli-

12


chen Beruf widmete. Ich meine, dem Sammeln von Lumpen und

Altpapier. Dafür hat er anderes seltsames Zeug zusammengetragen.

Altertümer, oder was weiß ich. Allen möglichen Trödelkram

eben. Geld hatte er erstaunlicherweise immer. Er war nicht

reich, aber zum Leben hat’s gut gereicht. Zuletzt ist er auch öfter

verreist. Als fahrender Händler, wie er sich zuletzt bezeichnete.

Hat auch immer erzählt, er wolle irgendwann ein Buch schreiben.

Doch über was, hat er nicht verraten. Er war eben ein komischer

Kauz. Vor ein paar Jahren ist er dann gestorben, ziemlich

unerwartet. Warum interessiert ihr euch für Ihn?«

»Nun, auch wir sammeln Altertümer«, sagte Boffo. »Alte Bücher,

Bilder und ähnliches. Dachten, wir könnten ihm vielleicht

etwas abkaufen.«

»Tut mir leid, da habt ihr wohl Pech gehabt. Seit Jeromir tot

ist, kümmert sich hier niemand mehr um solches Zeug. Und das,

was Jeromir zurückgelassen hat, ist wer weiß wo. Wahrscheinlich

längst verrottet.« Der Wirt zuckte die Schultern und machte

sich daran, nach seinen anderen Gästen zu sehen.

Die drei Freunde staunten nicht schlecht, als sie am folgenden

Tag auf die geschäftige Betriebsamkeit am Kai und auf der Uferpromenade

von Sirdun blickten. Gestern noch wie ausgestorben,

wimmelte es heute hier nur so von Menschen und Tieren.

Schwer mit Fässern oder Schüttgut beladene Karren holperten

über das Pflaster und entluden ihre Fracht an den Anlegeplätzen.

Dazwischen tummelten sich Hafenarbeiter und Lastenträger

mit schmutzigen Kitteln. An den Marktständen in Ufernähe

boten Händler und Marktfrauen Fisch, Fleisch und Gemüse feil.

Geräucherten Speck, Bohnen und etwas Hafer hatten die Gefährten

vor ihrer Abreise dem Wirt abgekauft. Und hier auf dem

Markt besorgten Robin und Bero noch Eier, etwas Obst, ein Rad

harten Käse und einige Gewürze. Ein paar hundert Schritt flussabwärts

fanden sie die Poststation, zu der ihnen der Wirt vom

Grünen Papagei den Weg gewiesen hatte. Dort hinterließ Boffo

folgende Nachricht an Lorin und Bert:

13


Mussten weiterziehen nach Linuvar am Arnokgebirge. Folgt dem

Fluss in nordwestlicher Richtung bis zu seinem Ursprung. Oder wartet

hier auf unsere Rückkehr. Sirdun, 5. September 2941. Boffo, Robin

und Bero.

Nachdem das erledigt war, machten sie kehrt und ritten am

östlichen Ufer des Legris flussaufwärts. Dort gab es keine ausgebaute

Straße. Nur einen Treidelpfad, morastig und voller Schlaglöcher.

Obwohl Boffo merklich aufgeregt war und seit dem Morgen

zum Aufbruch gedrängt hatte, hatten die Gefährten mit der

Abreise bis zum Mittag gewartet. So konnten sie ihre Einkäufe

tätigen und die Pferde hatten, so wie in Norgid auch, vierundzwanzig

Stunden Ruhe. Die hatte ihnen gut getan. Sie waren

munter und fühlten sich sichtlich wohl. Im Gegensatz zu ihren

Reitern. Robin hatte einen kräftigen Muskelkater und auch Bero

richtete sich öfter im Sattel auf, um seine Sitzposition zu ändern.

Beide ließen die Zügel lang, so dass sich die Pferde ihren eigenen

Weg zwischen den zahlreichen Wasserpfützen suchen konnten.

Nur Boffo schien keinerlei Beschwerden zu haben. Er saß gut

gelaunt auf Sid und die kleine Stute trottete unbeschwert voraus.

Bero folgte auf Groll und Robin bildete mit Reno das Schlusslicht.

Zu ihrer Rechten gab es immer noch Gruben und Abraumhalden,

die davon kündeten, dass man auch hier nach Kohle

schürfte, oder geschürft hatte. Und das Wetter tat ein Übriges

dazu, dass Robin dieser Gegend wenig Reizvolles abgewinnen

konnte. Der Regen hatte im Laufe des Vormittags aufgehört.

Aber der Himmel war nach wie vor grau verhangen. Bisweilen

zogen dunkle Wolkenspiralen aus Westen kommend über sie

hinweg. Doch sie behielten ihre Last – wohl um sie weiter im

Osten, vielleicht über Norgid oder an den Hängen des Borungebirges

loszuwerden.

Es war schwülwarm. Hatten gestern noch leichter Wind und

Regen für Abkühlung gesorgt, so machte an diesem Tag die

14


feuchte Wärme Reitern und Pferden mächtig zu schaffen. Bereits

seit Norgid hatte niemand der drei mehr daran gedacht, ein

Panzerhemd oder ähnlich feste Kleidung zu tragen. Nur das

nötigste trugen sie am Leib, den Rest führten sie quer hinter den

Sätteln verzurrt oder in ihren Gepäcktaschen mit. Doch hatten

sie ihre Mäntel und Umhänge übergeworfen. Einerseits in Erwartung

des nächsten Schauers. Vor allem aber, um sich die

zahlreichen Mücken und anderen Blutsauger vom Leib zu halten,

die sie umschwirrten. Glücklicherweise hatte Boffo noch

einen kleinen Rest seines Mittels, dass ihnen seit damals im

Tribortal so oft geholfen hatte. Somit blieb diese Plage, auch für

die Pferde, erträglich.

Wider Erwarten kamen sie trotz der schlechten Wegverhältnisse

gut voran. Am Abend des folgenden Tages erreichten sie

Targit, eine Bergbausiedlung. Hier hielten sie sich nicht lange

auf, zumal nichts auf eine komfortable Unterkunft hindeutete.

Robin kaufte lediglich einige Laibe frisches Brot in einer Bäckerei,

die am Weg lag.

In Targit endete der Treidelweg am Ufer des Legris und ein

schmaler, kaum sichtbarer Pfad zog sich weiter am Fluss entlang.

Er war nicht gepflegt und augenscheinlich wenig begangen.

Doch gerade deshalb auch weniger morastig. Ihm folgten die

Gefährten, in der Absicht, das Tageslicht so lange wie möglich

zu nutzen.

Die schnell wachsenden Wolkenberge über den Höhen des

Arnokgebirges verhießen nichts Gutes und lauter werdender

Donner rollte von Westen heran. Gerade noch rechtzeitig, bevor

das Gewitter losbrach, erreichten sie eine halbverfallene Bootshütte

am Flussufer. Obwohl diese nur ein halbes Dach hatte,

hielt sie Pferde, Reiter und Gepäck weitgehend trocken. Als

gegen neun Uhr eine bleiche Mondsichel am Horizont emporstieg,

hatte sich das Unwetter verzogen. Die Pferde wurden zum

Grasen entlassen und die Reiter machten es sich auf den Bretterdielen

unter dem Vordach bequem.

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Der folgende Tag blieb wolkenverhangen und die feuchte

Luft lastete drückend auf Mensch und Tier. Erst in der dritten

Nacht seit ihrem Aufbruch aus Sirdun kam Wind aus Süden auf

und am Beginn des vierten Tages begrüßte sie ein strahlend

blauer Himmel. Das schwülwarme Wetter der letzten Tage war

vorüber.

Robin fühlte sich erfrischt, das Atmen fiel ihm leichter und

selbst die trüben Gedanken, die ihn in letzter Zeit öfter gequält

hatten, waren wie weggeblasen. Er schälte sich aus seiner Decke,

streckte sich und sog die kühle Morgenluft ein. Und mit ihr

einen weiteren Duft, der ihm auch den letzten Rest von Müdigkeit

aus Kopf und Gliedern vertrieb: Über der nahen Feuerstelle

rührte Bero in einer Pfanne mit Eiern und Speck.

Die Kastanie, unter der sie geschlafen hatten, stand auf einer

Anhöhe. Denn die Wanderer hatten am Vorabend nach einem

kühlen Platz für die Nacht gesucht. Jetzt, am Morgen, bot sich

ihnen von hier ein Blick, den sie kaum erwartet hätten. Zumal

die klare Luft des neuen Tages wie ein Vergrößerungsglas wirkte.

Die trostlose und gequälte Landschaft des Ostens war verschwunden.

Rings um sie lagen sanfte Hügeln, und eingebettet

darin ein beschauliches Tal, durch welches sich der Legris

schlängelte.

Vor ihnen, im Westen, erhoben sich die Berge des Arnokgebirges.

Nicht schroff und felsig, sondern grün bis in große Höhen.

Nur die allerhöchsten Gipfel zeigten ihre Felsengesichter

und auf einigen von ihnen leuchteten weiße Schneemützen. Fast

fühlte sich Robin an den Beginn der zweiten Etappe ihrer Reise

zurückversetzt. An die Zeit, als sie von Ormor aufbrachen und in

die Sonne fuhren. Als alles einfach schien und die ihrer harrenden

Abenteuer noch einen ungewissen, doch verlockenden Reiz

ausübten.

»Wenn du noch lange überlegst, versäumst du das Beste!«,

rief Bero. »Oder möchtest du deine Rühreier kalt essen?«

»Möchte ich nicht!«, antwortete Robin, setzte sich an die Feuerstelle

und nahm die Blechtasse mit heißem Tee, die ihm Boffo

16


eichte. Erst nach einem langen und geruhsamen Frühstück

sattelten sie die Pferde und machten sich auf den Weg.

Der Tag wurde heiß. Deshalb begrüßten es die Freunde, als

sie um die Mittagszeit einen lichten Laubwald erreichten. Boffo,

der die Gruppe anführte, bemühte sich, dem nur schwach sichtbaren

Pfad zu folgen, der sich ein wenig vom Legris entfernte

und leicht aber stetig an Höhe gewann. Er war mit Moos und

Flechten überwachsen und die Pferde gingen auf ihm fast lautlos,

wie auf einem grünen Teppich. Zartrosa und violette Blüten

von wilden Malven, Salbei und Tausendgüldenkraut säumten

den Weg. Angelockt von Duft und Farbe suchten Bienen und

Hummeln dort ihre Nahrung. Robin fragte sich, ob jetzt wohl

auch im Westwald die Heide blühen würde. Ihn beschlich eine

vage Furcht, dass es dort, anstatt spätsommerlich warm, trübe

und kalt sein könnte. Doch er verwarf seine Bedenken wieder.

Sicher war die Ernte in Fornland dieses Jahr nicht so gut ausgefallen.

Aber dann gab es immer noch das fruchtbare Iridien. Man

würde sich schon zu helfen wissen. Vielleicht waren seine Sorgen

auch völlig unbegründet und die Bauern würden auch in

Fornland bald mit der Kartoffelernte beginnen.

Gegen Nachmittag wich der Wald zurück und machte den

Blick auf das Gebirge frei, dass nun zum Greifen nahe schien.

Nur eine Reihe alter Bergahornbäume und niederes Gebüsch

säumten den jetzt gut sichtbaren Weg zu beiden Seiten wie eine

Allee. Sie spendeten Schatten gegen die im Westen über dem

Gebirgskamm stehende Sonne.

Das Wechselspiel von Sonne und Schatten, das Summen der

Insekten und die Hitze des Tages machten Robin müde. Sein

Kopf sank nach vorne auf die Brust. Bunte Gedanken begannen

in seinem Kopf zu kreisen und formierten sich zu einem farbenfrohen

Geschehen, welches schnell Gestalt und Handlung annahm:

Er lag auf den sonnengewärmten Stufen einer rötlichgelben

Steinpyramide und blickte in den azurblauen Himmel, in

dem ein einzelnes, weißes Wolkenschiff trieb. Gerade hoffte er,

17


den Inhalt seines Traums zu begreifen, als er aufschreckte. Sein

Pferd war stehen geblieben. Er versuchte sich zu orientieren. Vor

ihm hatten auch Bero und Boffo angehalten. Sie saßen still auf

ihren Pferden und hatten ihre Blicke auf den Weg vor sich gerichtet.

Dort, in einer Entfernung von kaum dreißig Schritten, standen

zwei kleine Gestalten. Mit großen Augen, mehr erstaunt, als

ängstlich, betrachteten sie die Ankömmlinge. Doch plötzlich

sprangen sie zur Seite und verschwanden in den Büschen.

»Noromind!«, rief ihnen Boffo auf elmisch nach.

Es dauerte einige Augenblicke. Dann lugten die beiden hinter

einem dicken Baumstamm hervor. Boffo stieg von Sid ab und

ging langsam auf sie zu. Auch die Elme kamen jetzt hinter ihrem

Baum hervor. Sie trugen weite Hosen und Kittel aus Leinen in

hellen Braun- und Ockertönen, hellbeige Hemden aus einer Art

Nesselstoff und ihre Füße steckten in kunstvoll geflochtenen

Bastschuhen.

»Nirui melor a lon nuhirim varlor Sirdain«, sagte Boffo.

»Nirim tui, Helinsar«, entgegnete der ältere der beiden.

»Itim Falbor, lenui nerbain Robin’ir Bero. Arduir sahor eluhi

Helin val Eluil a Fornor.« Boffo streckte beide Hände zum Gruß

aus. Die beiden ergriffen Boffos Hände einer nach dem anderen

und der Ältere von ihnen erwiderte: »Itim Tarimond, lenir Tinuvil.

Narim vailar nuhir, utir nerbain.« 2

Auch Bero und Robin waren von ihren Pferden gestiegen. Sie

gingen auf die Elme zu und gaben ihnen die Hand.

»Bitte entschuldigt unsere Scheu«, sagte der Ältere in gebrochenem

Laudoranisch. »Nur selten kommen Fremde vom großen

2

»Ihr müsst euch nicht fürchten!«

»Seid gegrüßt, meine Brüder vom Volk der Sirdain.«

»Sei gegrüßt, Elmenreisender.«

»Ich bin Falbor und dies sind meine Gefährten Robin und Bero. Wir kommen

aus dem Osten als Boten der Elme aus dem Rauquelltal in Fornland.«

»Ich bin Tarimond und das ist Tinuvil. Sei willkommen Bruder, mitsamt deinen

Begleitern.«

18


Volk in unsere Gegend. Und noch nie haben wir einen Elm gesehen,

der nicht aus unserer Gemeinschaft kam.«

»Dies gilt ebenso für uns«, antworte Boffo. »Sehr weit sind

wir gereist, um euch zu finden.«

»Und ihr findet uns in großer Verzweiflung, denn ein Unglück

ist uns geschehen. Und arges Unrecht hat man uns angetan.«

»Welches Unrecht, Tarimond?« Boffos Augen weiteten sich.

»Es waren die Zwerge«, erwiderte der Gefragte. »Fünf Tage

nach dem letzten Vollmond kamen sie. Sie fielen über uns her

und schlugen uns. Und sie nahmen uns unseren kostbarsten

Besitz.«

»Euren kostbarsten Besitz?« Boffo zuckte kaum merklich zusammen.

»Ja, den Solmen, den Sonnenstein!« Tarimond machte mit

beiden Händen eine Bewegung, als wolle er einen Gegenstand

von großer Wichtigkeit darstellen. »Obwohl er gut verborgen

war, haben sie ihn gefunden. Weil er im Dunklen leuchtete. Und

weil sie endlos gierig nach seltenen Kristallen sind, wollten sie

ihn. So sehr, dass sie Nelin erschlugen, der den Stein beschützen

wollte.«

Robins beunruhigende Ahnung wurde plötzlich zur Gewissheit.

Ihm schwindelte. Und er hatte das Gefühl, als würde ihm

der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Äußerungen des

Elms konnte nur eines bedeuten: dass ihnen die Zwerge zuvorgekommen

waren.

»Das ist in der Tat ein großes Unglück«, sagte Boffo. Man

konnte seiner Stimme anmerken, wie sehr er versuchte, seine

innere Unruhe zu unterdrücken. »Wir möchten mehr darüber

erfahren, doch später. Zu weit sind wir gereist und zu lange

waren wir unterwegs. Wir bitten euch, uns zu eurem Fürsten zu

führen, denn wir haben dringende Fragen an ihn.«

»Unserem Fürsten?« Jetzt meldete sich auch der jüngere der

beiden, der mit dem Namen Tinuvil vorgestellt worden war, zu

Wort und schüttelte den Kopf. »Einen Fürsten der Sirdain gibt es

19


seit dem Tod Fürst Narduils nicht mehr. Und das ist länger als

zweihundert Jahre her, wenn man den Überlieferungen glauben

mag. Ihr könnt mit Salir sprechen. Er ist der Älteste und das

Oberhaupt unserer Gemeinde. Folgt uns! Nach Linuvar ist es

noch ein gutes Stück Wegs.«

Er drehte sich um und schritt an der Seite Tarimonds voraus.

Boffo, Robin und Bero folgten und führten ihre Pferde am Zügel.

»Denkst du, was ich denke?«, fragte Robin Boffo nach einigen

Momenten betretenen Schweigens.

»Ja!«, erwiderte Boffo. »Auch ich befürchte, dass es geschehen

sein könnte.«

»Das hieße, unsere Reise wäre umsonst gewesen. Und all die

Hoffnungen der Daheimgebliebenen vergebens.«

»Ich weiß es nicht. Zumindest hieße es, dass unsere Reise länger

werden könnte, und ihr Ausgang noch ungewisser. Doch

daran sollten wir jetzt nicht denken. Vor allem, solange wir nicht

sicher wissen, was wirklich passiert ist.«

»Ich hatte seit geraumer Zeit das seltsame Gefühl, dass uns

jemand zuvorkommen könnte«, fuhr Robin unbeirrt fort. »Seit

den seltsamen Bemerkungen von Yal und Sirud. Und spätestens

von dem Zeitpunkt an, als Jerbo uns erzählte, dass sich Zwerge

im südlichen Marzadgebirge haben blicken lassen, habe ich mir

Sorgen gemacht. Doch habe ich diese Gedanken verdrängt. Was

sicherlich ein Fehler war. Wir hätten uns mehr beeilen sollen.«

»Das hätte nichts genützt«, sagte Bero. Er war der einzige, der

von den dreien erstaunlich gelassen geblieben war. »An den

letzten Vollmond kann ich mich gut erinnern. Das war an dem

Tag, als Boffo Lorin operierte, im Sil. Und fünf Tage später waren

wir gerade auf dem Weg nach Norgid. Wir wären nie und

nimmer rechtzeitig hier gewesen, selbst wenn wir die Pferde zu

Schanden geritten hätten.«

»Bero hat recht«, sagte Boffo. »Dies hätte nur gelingen können,

wenn wir in Nergath nicht davon abgehalten worden wären,

den direkten Weg nach Arangion zu wählen. Doch im

Nachhinein darüber zu hadern ist sinnlos. Lasst uns zuerst se-

20


hen, was wir vor Ort erfahren können. Dann werden wir überlegen,

was weiter zu tun ist.«

»Eine Sache möchte ich vorher aber noch gerne wissen.« Robins

Stimme bekam einen vorwurfsvollen Unterton »Einige

elmische Brocken verstehe ich ja nun mittlerweile auch. Doch

verstehe ich nicht, warum du dich hier als Falbor vorgestellt

hast. Ist das wieder eines deiner Ablenkungsmanöver?«

»Keineswegs!«, antwortete Boffo unbeeindruckt. »Wir Elme

haben bisweilen auch Rufnamen, die leichter von der Zunge

gehen, als unsere förmlichen Namen. Mich nennt man eben

Boffo. Und das sollten wir auch so beibehalten. Dass mein richtiger

Name Falbor ist, spielt nur unter Elmen eine gewisse Rolle.

Am besten, ihr vergesst ihn gleich wieder.«

Robin schüttelte verständnislos den Kopf. Er schlug einen

schnelleren Schritt an und munterte mit einem Zungenschnalzen

Reno auf, ihm zu folgen. Auch Bero und Boffo beeilten sich mit

ihren Pferden, denn Tarimond und Tinuvil sahen sich bereits

um, wo die Besucher blieben.

Ein Stück weit folgten sie dem ebenen und gerade Weg entlang

der Ahornallee. Dann bog dieser in westlicher Richtung ab

und führte sie hinunter in das Tal des Legris. Nicht allzu breit

doch mit ungebändigter Lebhaftigkeit rauschten dessen weiß

perlende Wasser zu Tal. Und dort, wo ihn der Weg berührte,

schwang sich eine Brücke kühn in einem einzigen Bogen darüber.

Fest gefügt aus schön behauenen und verzierten Quadern

und von so meisterhafter Baukunst, wie man sie in dieser Gegend

nicht erwartet hätte. Je zwei Figuren auf hohen Sockeln,

kauernde katzenartige Körper mit vogelartigen Köpfen darstellend,

zierten ihren Zu- und Abgang. Als die Reisenden ihre

Pferde über den Scheitel ihres Bogens führten, sahen sie jenseits

des Flusses in ein Seitental, das vorher ihren Blicken verborgen

geblieben war. Und am hinteren Ende des Tals bot sich ihnen

das gleiche Bild, wie sie es in Jeromirs verlassenem Haus gesehen

hatten. Vor der der Kulisse des Arnokgebirges erhoben sich

21


die Gebäude von Linuvar. Tempelgleich und seit Jahrhunderten

unverändert. Aus ihrer Mitte ragte der eindrucksvolle Turm mit

dem hohen Portal und in seiner goldglänzenden Kuppel spiegelte

sich die Abendsonne.

So nah sich Linuvar von der Brücke aus gezeigt hatte, so weit

zog sich der Weg bis dorthin noch. Weitere drei Viertelstunden

führte er stetig ansteigend entlang eines kleineren Quellbachs in

das Tal hinein. Gegen Ende des Tals lagen zu beiden Seiten des

Baches kleine Felder, Gärten und Gemüsebeete. An verschiedenen

Stellen, geschützt unter strohgedeckten Verschlägen, standen

Bienenstöcke. Und an den noch sonnenbeschienenen

Südhängen des Tals wuchsen sogar Weinreben. Schließlich

schwang sich der Weg in einer kühnen Kehre hinauf zu den

ersten Gebäuden der Stadt.

Robin staunte nicht schlecht. Dies waren keine kleinen Häuser

oder Hütten, den Bedürfnissen von Elmen angemessen. Vielmehr

schienen diese großen, repräsentativen Bauten ursprünglich

für andere Zwecke errichtet worden zu sein, als nur zum

Wohnen.

Obwohl jetzt gegen Abend ein frischer Wind vom Gebirge

herab wehte, strahlten sie die tagsüber aufgespeicherte Wärme

ab. Und eine tiefe Ruhe ging von ihnen aus, denn keiner ihrer

Bewohner ließ sich sehen. Kein Hund bellte, kein Huhn gackerte,

kein Pferd wieherte und kein Esel rief. Nur die Hufe der ankommenden

Reittiere klapperten auf dem ockergelben Straßenpflaster.

Auf einem rechteckigen Platz inmitten der Stadt hielten die

beiden Elme an. Tarimond ließ einen lang gezogenen Pfiff durch

die hohle Zunge ertönen. Nach einer Weile öffnete sich die Tür

eines der Gebäude und zwei weitere Elme traten heraus. In

ihrem Gefolge schritt ein älterer Elm in einem langen Mantel. Er

hatte einen weißen Bart und auf dem ebenfalls weißen Haupthaar

trug er eine purpurrote, runde Kopfbedeckung. Tarimond

und Tinuvil gingen zu ihm und sie wechselten einige elmische

Worte. Währenddessen warf der Alte immer wieder misstraui-

22


sche Blicke auf Boffo. Der wurde schließlich ungeduldig. Er gab

Bero Sids Zügel und trat einige Schritte nach vorne.

»Nirim tui, Salir!«, sagte er, denn in dem vorangegangenen

Wortwechsel war dieser Name mehrfach gefallen und zweifelsohne

handelte es sich hier um die Person des Gemeindeoberhaupts.

Salir neigte lediglich den Kopf. »Wer bist du und was führt

dich zu uns?«, fragte er auf Laudoranisch, allein an Boffo gewandt

und ohne dessen elmischen Gruß zu erwidern. »Nie

haben wir von Elmen aus dem Osten gehört. Das Land Fornor ist

uns unbekannt und den Namen Falbor haben wir nie vernommen.«

»Das wundert mich nicht.« Boffo ließ sich nicht beirren. »Zwischen

Fornor oder Fornland, wie es die großen Leute nennen,

und Arangion liegen immerhin fünfhundert Wegmeilen 3 . Grenze

zu Grenze und auf dem kürzesten Weg. Unser Weg zu euch

war noch um einiges länger. Aber unterwegs haben wir das eine

oder andere erfahren, über eure Herkunft und eure Geschichte.

Wir werden uns viel zu erzählen haben.«

»Unsere Geschichte ist uns verloren gegangen«, erwiderte Salir.

»Und mit ihr das Wissen unserer Altvorderen. Und nun

haben wir mit dem Solmen auch noch den Sinn unseres Daseins

verloren. Du kommst zu einem unglücklichen Zeitpunkt, Elmenreisender.«

Robin war seltsam zumute. Dass der Älteste ihn und Bero unbeachtet

ließ, störte ihn nicht weiter. Aber für die unfreundlich

Haltung Salirs Boffo gegenüber hatte er keine Erklärung. Er

schaute sich um. Inzwischen waren ungefähr zwei Dutzend

Elme aus den umliegenden Häusern gekommen. Sie waren fast

alle in einem mehr oder weniger gesetzten Alter, und nur weni-

3

Wie wir im ersten Band erfahren hatten, entsprach eine Meile in Laudora 4

Kilometern unseres Maßes. Eine Meile hatte 1000 Ruten (à 4 m). Die Rute

wiederum war in 12 Fuß (à 33,3 cm) unterteilt. Kurze Wegstrecken maß man in

Schritt. Dieser entsprach ungefähr 0,8 m. 5 Schritt ergaben 2 Klafter oder 1

Rute. 5000 Schritt ergaben eine Meile.

23


ge Frauen waren unter ihnen. Ausnahmslos schauten sie stumm

und mit großen Augen auf die Fremden.

»Unser Mitgefühl ist mit euch.«, erwiderte Boffo. Er wandte

sich mit seinen Worten jetzt nicht mehr ausschließlich an Salir,

sondern auch an die Umstehenden. »Und wir teilen eure Trauer.

Denn euer Unglück betrifft auch uns. Viel mehr, als ihr euch

vorstellen könnt. Gerne hätten wir euch unter fröhlicheren Umständen

angetroffen. Doch hat uns das Schicksal nun einmal

gerade zum jetzigen Zeitpunkt zu euch geführt. Eine weite Reise

liegt hinter uns. Wir und unsere Tiere sind müde und hungrig.

Deshalb bitten wir um eure Gastfreundschaft.«

»Tarimond wird euch eine Unterkunft anweisen«, erwiderte

der Alte. »Doch für eure Pferde müsst ihr selbst sorgen. Wir

haben hier keine Ställe, denn wir halten keine Tiere. Ich erwarte

euch später zum Essen. Tinuvil wird euch holen.«

Damit drehte er sich um und verschwand wieder in dem

Haus, aus dem er gekommen war.

Als er weg war, kamen einige der umstehenden Elme auf die

Ankömmlinge zu. Neugierig betrachteten sie die Waffen und das

Gepäck der Fremden. Doch nicht mit Augen der Begierde, sondern

mit Augen des Erstaunens. Boffo gab ihnen der Reihe nach

die Hand und sprach elmische Worte der Begrüßung. In seinem

Blick lagen Mitleid und Enttäuschung. Dann wandte er sich an

Tarimond: »Wir sind bereit!«

Tarimond nickte und ging voraus. Er machte einen geknickten

Eindruck. Das abweisende Verhalten Salirs hatte ihm sichtlich

zugesetzt.

»Gemahlenes Getreide für die Pferde könnt ihr von mir bekommen«,

sagte er, als wollte er die Unfreundlichkeit des

Gemeindeoberhaupts wieder gutmachen. »Es ist genügend vorhanden.

Wenn ihr euer Gepäck abgeladen habt, bringen wir die

Tiere in den Talgrund. Zum Bach hin gibt es ein umzäuntes Feld,

das brach liegt. Dort droht ihnen keine Gefahr und sie finden

genügend Futter und Wasser.«

24


Sie folgten Tarimond in eine Seitengasse und dort durch eine

Toreinfahrt in den Innenhof eines mehrstöckigen Gebäudes.

Alles war aus kunstvoll behauenen und verzierten Steinen erbaut.

Der Hof war jetzt beschattet. Mit Ausnahme der Toreinfahrt

und nur unterbrochen von wenigen Türen wurde er von

einer steinernen Bank umschlossen. Vor dieser, an der dem Tor

gegenüberliegenden Schmalseite, stand ein Tisch, aus massivem

Fels gehauen. Daneben aus der Wand plätscherte ein Laufbrunnen

in einen muschelförmigen Trog. Das Wasser aus seinem

Überlauf ergoss sich in eine Rinne, die mitten durch den Hof zur

Straße hinaus führte. Neben dieser erhob sich eine gemauerte

Feuerstelle mit einem eisernen Rost. Gegenstände aus Holz gab

es, bis auf die Türen, nicht. Eine dieser öffnete Tarimond. Dahinter

lag ein heller Raum mit großen, säulengeteilten Fenstern,

doch ohne Scheiben und Läden. Er war unmöbliert. Nur einige

steinerne Podeste bildeten seine Einrichtung.

»Hier könnt ihr euch niederlassen. Besseres haben wir nicht

zu bieten. Bis gleich.« Damit verschwand Tarimond.

»Heute kann mich nichts mehr erschüttern«, sagte Robin, als

der Elm gegangen war. »Zumindest haben wir erst mal ein Dach

über dem Kopf. Das ist doch schon mal was.«

Er begann damit, Sättel und Gepäck von den Pferderücken

abzunehmen. In seinem Innern spürte er eine große Leere. Die

schlimme Nachricht des heutigen Tages hatte ihn schwer getroffen.

Und den Empfang in Linuvar hatte er sich wahrlich anders

vorgestellt. Nicht nur, was das Verhalten der Elme anbetraf.

Auch die kühle, steinerne Architektur um ihn herum, groß, leer

und unbewohnt, empfand er als bedrückend. Ein Gefühl der

Unsicherheit, der Verlassenheit beschlich ihn, wie er es vorher

nie erfahren hatte und gegen das er sich nicht wehren konnte.

Was die nächsten Tage bringen würden, davon konnte er sich im

Moment nicht die leiseste Vorstellung machen.

»Ich wundere mich nur, dass sie uns nicht gleich wieder fortgeschickt

haben«, sagte Bero, nachdem er Robin eine Weile

25


stumm beim Abschirren der Pferde geholfen hatte. »Gastfreundschaft

scheint hier ein Fremdwort zu sein. Oder sie ist durch zu

viele schlechte Erfahrungen im Laufe der Zeit auf der Strecke

geblieben. Mit den Elmen im Rauquelltal haben die hier jedenfalls

nichts gemein.«

»Was soll ich sagen?« Boffo zuckte mit den Schultern. »Auch

ich habe mir meine Verwandtschaft anders vorgestellt. Ihr Dasein

in diesem zwar recht ansehnlichen doch seltsamen Land hat

sich offensichtlich nachteilig auf die Entwicklung ihrer Fähigkeiten

ausgewirkt. In jeder Beziehung. Kein Wunder, dass die

Zwerge leichtes Spiel mit ihnen hatten. Die ganze Mannschaft

hier scheint komplett unbewaffnet zu sein. Und noch dazu nicht

eben zahlreich. Nicht einmal Armbrüste kennen sie. Ich fürchte,

sie haben sogar verlernt, wie man sich fortpflanzt.«

Er verstummte, denn Tarimond war wieder in der Torhalle

erschienen. In jeder Hand trug er einen Holzbottich mit grob

gemahlenem Getreide.

»Ich zeige euch jetzt den Platz für die Pferde«, sagte er, drehte

sich um und ging voraus. Nur Bero folgte ihm, mit Reno, Groll

und Sid an den Zügeln.

Kurze Zeit später, Bero war gerade wieder von den Pferden

zurück, kam Tinuvil.

»Salir erwartet euch«, sagte er. »Beeilt euch, er liebt es nicht,

wenn er lange warten muss.«

Robin war ärgerlich, fast wütend. Und beinahe hätte er seinem

Ärger Luft gemacht. Zuerst der unfreundliche Empfang

und jetzt diese Eile. Auch Bero brummelte etwas Unverständliches

vor sich hin. Aber Boffo beschwichtigte beide mit einer

Handbewegung.

»Lasst uns unserem Gastgeber durch Pünktlichkeit Respekt

zollen. Unsere Schlafstätten können wir auch später noch richten.«

Er nahm Tinuvil am Arm und die beiden gingen durch das

Tor nach draußen. Robin und Bero ließen ihr Gepäck im Hof

liegen und folgten ihnen. Es war noch früher Abend und letzte

Sonnenstrahlen beschienen die obersten Spitzen der Gebäude an

26


der östlichen Seite des Hauptplatzes. Durch eine schmale Gasse

erreichten sie die Rückseite des Hauses, in dem Salir wohnte.

Eine steinerne Treppe führte hinauf zu einer Terrasse, die mit

einer von wildem Wein überrankten Pergola überbaut war. Ihre

westliche Seite war offen und bot einen beeindruckenden Ausblick

auf die Berge des Arnokgebirges. Auf zwei Holzbänken

entlang einer langen Tafel saßen etwa ein Dutzend Elme. An der

Stirnseite des Tisches saß Salir.

Er deutete auf die freien Plätze neben sich: »Setzt euch! Ich

vermute, ihr seid hungrig.«

Die Gäste grüßten in die Runde und folgten seiner Aufforderung.

Salir klatschte in die Hände. Drei Frauen erschienen. Zwei

von ihnen waren ziemlich jung, fast noch Mädchen. Die dritte

war älter. Tarimond nannte sie Minia und Robin hielt sie für die

Mutter der beiden. Zusammen begannen sie mit dem Auftragen

von Speisen und Getränken. Es waren nur einfache Gerichte:

Brei von Hirse und Hafer und eine Art Auflauf aus gequollenem

Weizen und Sonnenblumenkernen. Dazu rote Beerengrütze und

Mus aus Äpfeln und Birnen. Als Getränk wurde Wasser gereicht

und zu Robins Überraschung auch Wein.

Robin, Bero und Boffo griffen beherzt zu. Alle Speisen waren

frei von jeglichen tierischen Zutaten, mit Ausnahme von Honig.

Sie schmeckten teils süß und fruchtig, teilweise auch scharf und

nach Ingwer. Und sie sättigten schnell.

»Wenige eurer Gemeinschaft haben sich heute sehen lassen«,

wandte sich Boffo an Salir. »Doch waren sie auch nicht auf den

Feldern oder in den Gärten. Warum sind sie in ihren Häusern

geblieben?«

»Diejenigen, welche du gesehen hast, sind auch die Mitglieder

unserer Gemeinde«, antwortete Salir. »Mehr gibt es nicht. Wir

sind sogar zahlreicher, als vor einigen Jahren noch. Denn Sedir,

Netar und Nilor, die anderen Siedlungen der Elme entlang des

Gebirges, sind nun verwaist. Ihre Bewohner sind zu uns gezogen.

Um dem Solmen nahe zu sein. Zwei Dutzend zählen wir

27


noch, einschließlich der Frauen.«

»Auch die Elme in Elegien sind nicht mehr sehr zahlreich«,

sagte Boffo. »Doch wir bemühen uns zumindest um den Fortbestand

unserer Art. Hier aber sehe ich keine Kinder und nur ganz

wenige junge Leute.«

»Du weißt wenig über uns, Elmenreisender«, erwiderte Salir

und lächelte bitter. »Und gar nichts über unsere Sitten und Gebräuche.

Unsere alleinige Aufgabe ist es, den Solmen zu bewahren.

An ihr sind wir gescheitert. Deshalb wird es wenig

Hoffnung für uns geben. Denn unser Schicksal hängt allein an

ihm.«

»Das Schicksal aller Elme hängt an ihm. Und das der meisten

Menschen in Laudora ebenso«, mischte sich Robin in die Unterhaltung.

»Doch erzähl uns mehr über diesen Kristall. Wie sieht er

aus und was macht ihn so besonders?«

»Er sieht wunderschön aus.« Salirs Augen blickten ins Leere.

»Seine Farbe kann man nicht beschreiben. Doch er leuchtet im

Dunkeln. Und er hat die Gestalt eines gehörnten Tieres.«

»Dann gibt es keinen Zweifel«, sagte Robin. »Er ist es. Und

sein Name ist Khrit.«

»So wurde der Sonnenstein von den großen Leuten genannt«,

sagte Salir und seine Augen wurden lebhafter. »Zuletzt von

einem Besucher aus Sirdun. Das war vor einigen Jahren. Jeromir

war sein Name. Ein fahrender Händler und er sagte, er interessiere

sich für alte Schriften. Wir gaben ihm einige von den Sachen,

die hier noch vereinzelt herumliegen. Nur um ihn

loszuwerden. Er kam noch zweimal. Dann blieb er fort. Vor zwei

Wochen hörte ich den Namen Khrit erneut. Denn die Zwerge

nannten ihn so, als sie nach ihm fragten.«

»Ja, auch sie wussten von seiner Existenz«, sagte Boffo. »Bereits

seit langer Zeit begehren sie ihn. Doch erst die Ereignisse

der letzten Monate haben sie bewogen, erneut nach ihm zu

suchen.«

»Welche Ereignisse?«, wollte Salir wissen.

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Boffo. »Es gibt ei-

28


nen zweiten Stein namens Khor, von gleicher Form und Erscheinung

wie Khrit. Lange Zeit war er im Besitz der Turdain, eines

längst vergangenen Elmenstammes aus Bahor, dreißig Wegmeilen

nördlich von unserer Heimat gelegen. Viele Jahrhunderte

lang ruhte er in den Tiefen Bahors, unberührt und unerreichbar.

Auch er weckte die Begierde von Fremden, die ihn für ihre unlauteren

Absichten nutzen wollten. Ebenso wie die Zwerge

glaubten sie, mit seiner Hilfe Macht und Einfluss zu erlangen.

Doch jetzt ist er in Sicherheit. Wir haben dafür gesorgt. Und es

ist von großer Bedeutung, dass auch Khrit wieder zurück in den

Besitz der Elme gelangt. Denn großes Unheil kann erwachsen,

wenn er in die falschen Hände gerät. Das ist nun leider geschehen.

Doch noch gibt es Hoffnung, größeres Unglück zu verhindern.

Wenn wir schnell und entschlossen handeln.«

»Glaubst du, ihr könnt uns den Sonnenstein zurückbringen?«

Salirs Augen waren jetzt wach und er musterte Boffo aufmerksam

von der Seite.

»Wir werden jedenfalls alles in unserer Macht stehende tun,

damit er wieder an den Platz kommt, an den er gehört.«

Robin konnte gut verstehen, dass Boffo verbindliche Aussagen

gegenüber Salir vermied. Er selbst misstraute dem Oberhaupt

der Elmengemeinde und er konnte sicher sein, dass auch

Boffo dies tat. Ohnehin hatte er das Gefühl, dass dieser alte und

sonderliche Elm keine große Hilfe für die Erfüllung ihrer Aufgabe

sein würde. Und die Mitglieder seiner Gemeinde ebenso

wenig. Zu unsicher und zu hilflos wirkten die meisten von ihnen.

Während ihr Oberhaupt sprach, tuschelten sie nur leise

untereinander oder sie aßen stumm. Robin merkte, dass Tarimond

und Tinuvil gerne etwas gesagt hätten, doch in Salirs

Gegenwart nicht laut zu sprechen wagten. Robin goss sich etwas

Wein ein und trank einen Schluck. Das oberflächliche Gespräch,

in das sich Boffo und Salir vertieft hatten, langweilte ihn. Bero,

der ihm gegenüber saß, schien es ähnlich zu gehen, denn er hatte

ein Gespräch mit Tinuvil begonnen.

29


»Die Zwerge«, wandte sich Robin an Tarimond, der neben

ihm saß. »Kannst du mir mehr über sie erzählen? Warst du

dabei, als sie kamen?«

»Ja«, antwortete der. »Sie kamen in den Abendstunden. Über

die steinerne Brücke, vom Legris her. Tinuvil, Kirsin und ich

waren gerade mit unseren Bienenstöcken beschäftigt. Neun

Zwerge waren es. Jung und kräftig allesamt. Und sie waren

bewaffnet. Mit Äxten und langen Messern. Alles ging sehr

schnell und keiner von uns konnte die anderen warnen. Sie

fragten nach dem Solhir, und forderten, dass wir sie zu ihm

führen sollten. Wir antworteten, dass wir erst Salir um Erlaubnis

bitten müssten. Doch sie schlugen uns und bedrohten uns mit

ihren Waffen. Also führten wir sie zum Solhir. Nelin war gerade

dabei, die Türen des Schreins zu schließen, wie jeden Abend.

Doch sie stießen ihn zur Seite und stürzten sich auf den Solmen,

der bereits im Dunklen leuchtete. Als Nelin sie hindern wollte,

schlugen sie ihn mit einer Axt. Wenig später starb er an seiner

Verletzung. Die Zwerge forderten Nahrungsmittel und Wein.

Dann sperrten sie uns in die große Halle auf der anderen Seite

des Platzes. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Das

ist alles, was ich dir dazu sagen kann.«

»Am fünften Tag nach dem letzten Vollmond war es, als sie

kamen, sagtest du?«

»Ja, genau an diesem Tag kamen sie. Ich weiß es deshalb, weil

wir an diesem Tag, wie jedes Jahr im August, den Sonnenstein

um unsere Weinberge trugen und um eine gute Ernte baten.«

»Und wisst ihr, wohin sie am nächsten Tag gingen?«, wollte

Robin wissen. »Ich meine, nachdem sie wieder zur Brücke über

den Legris zurückgekehrt waren. Wandten sie sich nach Norden

oder nach Süden?«

»Das haben sie nicht gesagt und gesehen hat es auch niemand.

Doch fiel am Abend davor einige Male der Name Tinura.

Ich denke, dass sie wieder dorthin ziehen, wo sie herkamen.

Nämlich nach Norden, zurück zum Marzadgebirge.«

»Gibt es dorthin eine Straße, oder einen Weg?«, wollte Robin

30


wissen.

»Nein!«, antwortete Tarimond. »Niemand kommt aus dieser

Richtung und niemand will dorthin gehen. Zumindest nicht, seit

es hier Elme gibt. Vielleicht früher, vor unserer Zeit. Denn wenn

man von der Brücke aus nach Norden geht, trifft man bisweilen

auf seltsame Steine und andere Hinterlassenschaften.«

»Doch wer soll diese Zeichen errichtet haben, wenn nicht die

Elme.«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Tarimond. »Wohl dieselben

Völker, die auch Linuvar, Sedir, Netar und Nilor und die anderen

Ansiedlungen entlang des Arnokgebirges errichtet haben.

Die Elme waren es jedenfalls nicht. Wir leben zwar schon sehr

lange hier, so erzählte man immer. Doch gebaut haben wir das

alles nicht. Unsere Aufgabe war es, den Solhir zu bewachen. Das

ist alles, was ich weiß.«

Die Sonne war jetzt schon einige Zeit hinter dem Arnokgebirge

versunken und es begann langsam zu dämmern. Doch die

Elme machten keine Anstalten, Lampen oder Kerzen anzuzünden.

Stattdessen klatschte Salir wieder in die Hände als Zeichen

dafür, dass das Mahl beendet war. Minia, die etwas ältere Frau,

kam wieder.

»Awira, Tilia!«, rief sie. »Kommt her und macht euch nützlich!«

Die beiden jungen Frauen kamen eiligen Schrittes herbei und

begannen die restlichen Speisen und das Geschirr abzuräumen.

Die anderen Anwesenden erhoben sich von den Bänken.

»Wir sind es gewohnt, früh schlafen zu gehen«, sagte Salir.

»Tinuvil wird euch zurück zur Unterkunft geleiten. Und morgen

früh wird er euch wieder abholen.«

»Seltsamer Heiliger, dieser Salir. Er scheint die ganze Gemeinde

im Stile eines Despoten zu regieren.« Bero breitete seine

Decke aus und bemühte sich mit Hilfe seiner Satteltaschen und

einiger Bekleidungsstücke eines der harten Steinpodeste in eine

einigermaßen bequeme Schlafstätte zu verwandeln. Draußen

31


war es jetzt gänzlich dunkel geworden. Boffo hatte seine faltbare

Kerzenlaterne angezündet und neben das Schlafpodest gestellt.

»Das kann man wohl sagen«, stimmte Robin zu. »Keiner der

Elme wagte in seiner Anwesenheit offen zu sprechen. Immerhin

konnte ich ein paar Worte mit Tarimond wechseln. Er scheint

mir einer der Vernünftigeren zu sein. Doch frage ich mich, ob es

Sinn macht, ihnen die Wahrheit zu sagen. Ich meine, dass der

Schlüssel zum Wohle der Allgemeinheit fortgebracht werden

muss.«

»Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es sicher unklug, ihre schlichten

Gemüter mit schwierigen Zusammenhängen zu verwirren«,

erwiderte Boffo. »Und nicht nur euch erscheint dieser Salir

merkwürdig. Vor allem ihm gegenüber sollten wir uns mit der

Offenbarung unserer Pläne zurückzuhalten. Ich glaube ohnehin

nicht, dass wir von ihm noch viel erfahren werden.«

»Das brauchen wir auch nicht«, sagte Bero. »Alles, was wir

wissen müssen, wissen wir. Die Zwerge haben den Schlüssel

und sie sind auf dem Weg zurück ins Marzadgebirge. Man

braucht kein Hellseher zu sein um zu wissen, wohin sie damit

wollen: zurück nach Tinura, in ihre Zwergenstadt. Doch hoffe

ich sehr, dass wir ihnen einen Strich durch die Rechnung machen

können. Und jetzt gute Nacht. Ich bin todmüde.«

»Gute Nacht!«, erwiderte Boffo. Er blies die Laterne aus und

drehte sich auf die Seite.

»Gute Nacht!«, sagte auch Robin. Beros Zuversicht und nüchterne

Schlussfolgerung hatte ihm Mut gemacht. Er war froh und

stolz, ihn als Gefährten zu haben. Trotz seines zurückhaltenden

Wesens war er immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Auf

ihn und seine Fähigkeiten konnte man sich jederzeit verlassen.

Und er hatte ein gutes Gedächtnis. Tinura! Mehrfach war der

Name auch heute gefallen. Bereits Yalbo Tibbit hatte im Tari

Walid von dieser geheimnisvollen unterirdischen Stadt im Norden

des Marzadgebirges gesprochen. Und von Laurinel, dem

Zwergenkönig, der dort herrschen solle. Morgen würden sie

einen genaueren Blick auf Boffos Karte werfen. Müdigkeit über-

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kam Robin und er wünschte sich nichts sehnlicher als einige

Stunden tiefen und ungestörten Schlafes. Heilsam für seinen

Körper und seine Seele.

Wie angekündigt, war Tinuvil am nächsten Morgen beizeiten

zur Stelle, um die Schläfer zu wecken. Auf der Steinbank neben

dem Brunnen wartete er geduldig, bis sich die Gäste erfrischt

und angezogen hatten. Dann führte er sie zum Hauptplatz. Doch

nicht, wie am Vorabend, in Salirs Haus, sondern in eine geräumige

Halle am anderen Ende des Platzes. Dort saß die Elmengemeinde

bereits zum Morgenmahl versammelt. Etwa zwanzig

Personen zählte Robin und ihm wurde klar, dass die Elme hier

nicht in Familien, vielmehr in einer Gemeinschaft lebten. Fast

hätte man sie als eine Art Bruderschaft bezeichnen können. Denn

Robin sah nur die gleichen drei Frauen, die sich schon am Vortag

um Geschirr und Essen gekümmert hatten.

Tinuvil wies den Ankömmlingen Plätze am Ende der Tafel an.

Es gab einen Brei aus Hafermehl und mit Honig gesüßten Tee.

Dazu Obst, das in Körben auf den Tischen stand. Robin fiel auf,

dass die Unterhaltung am Tisch viel angeregter war, als am

gestrigen Abend und beim genauen Hinsehen bemerkte er, dass

Salir nicht anwesend war. Einige der Elme, die in der Nähe

Tarimonds saßen, lachten und scherzten sogar. Sie waren jünger

als die restlichen Mitglieder der Gemeinde und stellten sich als

Nefir, Mirkon und Kirsin vor. Erfrischend neugierig stellten sie

Fragen, wollten wissen wo die Besucher herkamen und wo

Elegien überhaupt lag. Boffo versprach ihnen alles zu erklären,

wenn sie nach getaner Tagesarbeit zur Unterkunft der Gäste

kommen würden. Und damit gaben sie sich vorerst zufrieden.

Nach dieser Zusammenkunft ging Bero hinunter zum Bach,

um nach den Pferden zu sehen. Bero und Boffo folgten Tarimond,

um den Solhir zu besichtigen. Über eine schmale gepflasterte

Straße mit stufenartigen Absätzen führte er sie in den höher

gelegenen Teil von Linuvar. Die Gebäude hier waren ebenso

massiv und fest gebaut, wie die rings um den Hauptplatz der

33


Ansiedlung. Und wie diese zeigten sie keinerlei Anzeichen des

Verfalls. Doch waren sie gänzlich unbewohnt. Ihre leeren Fensterhöhlen

und Türöffnungen schauten gespenstisch auf die

Besucher. So, als wären sie erstaunt, lebendige Seelen in den

leeren Gassen zwischen ihnen zu erblicken.

Schließlich erreichten sie den großen Turm. Noch größer und

monumentaler als aus der Ferne wirkte er nun, da sie vor ihm

standen. Sein Umriss war achtseitig, und jede seiner acht Ecken

wurde von einem zusätzlichen Pfeiler gestützt. Weit oben konnte

man die goldene Kuppel glänzen sehen. Tarimond führte sie zur

östlichen Seite des Bauwerks. Dort befand sich die hohe Pforte

mit erzenen Torflügeln, die offen standen. Durch sie betraten sie

den Innenraum. Keine Treppe oder Leiter bot eine Aufstiegsmöglichkeit

in die Höhe des Turminneren. Nur einige Stufen

führten hinauf zu einem Podest. Auf diesem erhob sich ein

Schrein aus massivem Fels gehauen, mit einer halbrunden Nische

darin. Auch ihre erzenen Türen standen offen.

Die Besucher schritten die steinernen Stufen hinauf. Auf der

mittleren blieb Tarimond stehen und senkte das Haupt. Ein

großer, roter Fleck war zu sehen. Und auf ihm lag ein Gebinde

aus Weinlaub und blühenden Dahlien.

»Hier starb Nelin«, sagte Tarimond mit brüchiger Stimme. »Er

war einer von den jüngeren. Voller Lebensfreude und Tatendrang.

Nur noch eine Handvoll gibt es jetzt von seinem Schlag.«

Auch Robin und Boffo verhielten schweigend einige Augenblicke.

Dann stiegen sie die restlichen Stufen hinauf zum Schrein.

»Das ist er also, der Solhir, der Sonnenschrein«, sagte Boffo.

»Das ist zumindest sein Inneres«, erwiderte Tarimond. »Solhir

nennen wir den gesamten Turm mit seiner goldenen Kuppel.

Denn er ist das Symbol, welches schon von weiten sichtbar ist.

Und hier, in seinem Inneren, lag der Solmen. Bis ihn die Zwerge

mit sich nahmen.«

Robin schaute in die Nische vor ihnen. In ihr befand sich ein

steinernes Pult mit nach vorne abgeschrägter Oberfläche. Darin

war eine Vertiefung. Sie hatte die Form eines Stieres. Mit exakt

34


den gleichen Umrissen, wie denen von Khor. Nur spiegelverkehrt.

Und sie war leer. Robin warf einen Blick auf Boffo. Der

wippte fast unmerklich mit dem Kopf. So, als sähe er nur die

Bestätigung von dem, was er längst erwartet hatte. Auch Robin

hatte genug gesehen. Er wandte sich um und stieg die Stufen

hinab. Boffo und Tarimond folgten ihm. Am hohen Portal blieb

Robin stehen und schaute nach Osten. Der Himmel war strahlend

blau und es war beinahe windstill. Nur einige weiße Wolken

zogen fast unmerklich dahin. Die klare Morgenluft

ermöglichte eine wunderbare Fernsicht. Am östlichen Horizont

glaubte Robin die Tiefebene zu ahnen, wo der Tibor floss. Nichts

war zu sehen von Dunst und grauer Dämmerung, die jetzt wohl

über dem Taurongebirge lagen. Robin wandte den Blick nach

Norden. Und dort, undeutlich, wie helle Schaumkronen auf den

Wellen eines dunklen Sees, konnte er die schneebedeckten Gipfel

des Marzadgebirges erkennen. Dorthin mussten sie. Hin zu

einem weiteren, unbekannten Ziel ihrer langen Reise.

Der Tag verging langsam, denn die Gefährten suchten die

Ruhe. Tarimond hatte sie zurück in ihre Unterkunft geleitet und

dort allein gelassen. Auch von den anderen Elmen war niemand

zu sehen. Robin vermutete, dass sie ihren täglichen Arbeiten und

Pflichten nachgingen. Auch dieser Tag versprach, wie schon der

vorhergehende, heiß zu werden. Doch der Innenhof des Gästehauses

lag jetzt, am frühen Vormittag, zur Hälfte im kühlen

Schatten. Nur der Platz, wo der steinerne Tisch stand, wurde von

der Sonne gewärmt. Dort saß Boffo und hatte sich seine Pfeife

angezündet. Bero lag auf der steinernen Bank und döste vor sich

hin. Robin stand am Brunnen und ließ sich das kühle Wasser

über die Arme laufen.

»Was meinst du, wie lange werden wir bleiben?«, wandte sich

Robin an Boffo.

»Wenn es nach mir ginge, würden wir schon morgen früh

aufbrechen«, erwiderte der. »Die Zwerge haben einen gehörigen

Vorsprung. Und Zwerge sind gut zu Fuß, wie jeder weiß. Es

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wird uns einiges abverlangen, wenn wir sie noch einholen wollen.«

»Dennoch benötigen unsere Pferde einen, besser zwei Tage

Ruhe«, wandte Robin ein. »Sie haben sich bisher wacker gehalten.

Doch viele Tagesreisen liegen noch vor ihnen. Und wenn wir

tatsächlich ins Gebirge kommen, wird es schwer für sie.«

»Ich weiß, ich weiß«, winkte Boffo ab. »Sie werden ihre Ruhepause

bekommen. Und wir werden sie auch in den folgenden

Tagen nicht überfordern. Doch sollten wir selbst schon einmal

alle nötigen Vorbereitungen treffen. Dann müssen wir keine

weitere Zeit verlieren, sobald wir uns für die Weiterreise entscheiden.«

»Und was wird aus Lorin und Bert?«, wollte Bero wissen.

»Ich fürchte, auf die beiden werden wir nicht warten können«,

erwiderte Boffo. »Wesentlich schneller als wir können auch

sie die Reise hierher nicht hinter sich bringen. Und ich kann mir

nicht vorstellen, dass sie weniger als eine zusätzliche Woche im

Sil verbracht haben. Uns bleibt wohl nur, ihnen wieder eine

Nachricht zu hinterlassen. Dann müssen sie selbst entscheiden,

ob sie uns folgen, oder zurückkehren.«

Bero sagte nichts und Robin blickte stumm und nachdenklich

auf den kleinen Wasserfall, der sich mit beruhigendem Plätschern

in das steinerne Brunnenbecken ergoss.

Gegen zwölf Uhr kam Tinuvil und holte die Gäste zum Mittagsmahl.

Wieder gab es nur einfaches Getreidemus mit eingemachten

Früchten. Doch im Grunde genommen war es genau

das richtige Essen für einen heißen Tag, wie diesen. Robin begann

sich langsam an die anspruchslose Kost der Elme von

Linuvar zu gewöhnen. Auch bei dieser Mahlzeit war Salir nicht

anwesend, und Robin fragte sich langsam nach dem Grund, der

den Gemeindevorsteher an der Gesellschaft der anderen hinderte.

Nach dem Essen trafen Robin und Bero Vorbereitungen für

ein Nickerchen. Boffo setzte sich wieder an den steinernen Tisch,

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der jetzt im Schatten stand, und widmete sich seinen Aufzeichnungen.

Wie immer, wenn er einige freie Minuten nach einem

anstrengenden Abschnitt ihrer Reise hatte, breitete er seine kleine

Schreibkladde und seine Karte vor sich auf, notierte Entfernungen

und Daten und machte sich Notizen.

Robin hatte es sich, ebenso wie Bero, auf der langen, die

Wände des Innenhofs umschließenden Steinbank so gut es ging

bequem gemacht. Die nächsten Tage und Wochen würden anstrengend

genug werden. Jetzt wollte er sich einfach nur ausruhen.

Er lag mit dem Rücken auf einer weichen Decke und sein

Kopf ruhte auf seinem gefalteten Elmenmantel. Sein Blick verlor

sich im wolkenlosen Himmel über ihm, der sich wie ein tiefblaues

Rechteck von den ockerfarbigen Hauswänden abhob. Vielleicht

lag es an der gebirgigen Höhe von Linuvar. Farben

schienen hier kräftiger und eindrucksvoller zu wirken als anderswo.

Die Sonne hatte den lichten Raum über ihm gerade in

Richtung Westen verlassen und ihre Strahlen beschienen nur

noch die östliche Fassade des Innenhofs. Inmitten dieses lebendigen

Farbenspiels kam ihm die steinerne Monumentalität der

Bauten nicht mehr so abweisend vor. Und mit dem Verschwinden

der Sonne war auch die Mittagshitze gewichen und angenehme

Kühle breitete sich aus. Über allem lag eine beruhigende

Stille, nur unterbrochen vom gleichmäßigen Plätschern des

Brunnens.

Robin schlief ein. Seine Gedanken wurden leicht und sorgenfrei

und stiegen auf in das Blau des Himmels. Und sie nahmen

die Bedrückung seiner Seele mit sich fort und die Müdigkeit

entwich aus seinem Körper. So wie früher, in den seltenen Momenten

völliger Unbeschwertheit, fühlte er sich in einen Zustand

der Schwerelosigkeit versetzt und er begann zu schweben. Unter

sich sah er Boffo, der schrieb und keine Notiz von ihm nahm.

Und er sah Bero, der ruhig schlief. Robin war auf dem Weg nach

Hause und er empfand keinen Abschiedsschmerz. Seine Gefährten

würden ihm folgen. Früher oder später – irgendwann. Denn

alles war einfach und nichts war wichtig.

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Dann begann es zu regnen. Robin schreckte hoch, richtete sich

auf und sah sich um. Der Innenhof lag jetzt vollständig im Schatten.

Neben ihm saß Bero und gähnte. Und am Brunnenrand saß

Boffo und spritzte kleine Wasserfontänen zu ihnen hinüber.

»Setzt euch zu mir!«, rief Boffo lachend. »Ihr habt genug geschlafen

und ich habe euch Wichtiges mitzuteilen!«

Robin ging hinüber zum Brunnentrog, um sich das Gesicht zu

waschen. Dann setzte er sich mit Bero zu Boffo, der Karte und

Notizen vor sich liegen hatte.

»Heute ist Montag der 9. September«, begann der Elm. »Genau

vierzehn Tage ist es nun her, seit die Zwerge von hier aufbrachen,

wenn wir uns auf die Angaben Tarimonds verlassen

können. Das war am 27. August, an dem Tag, als wir gerade in

Norgid ankamen. Wie wir wissen, marschieren Zwerge schnell.

Neunzig, vielleicht schon einhundert Meilen oder auch mehr

könnten sie seither bereits zurückgelegt haben.«

Boffo legte zwei Finger auf seine Karte. Den einen auf Linuvar

und den anderen auf eine Stelle hoch oben im Norden des Marzadgebirges.

»Hier oben im Lande Nimbor liegt Tinura, die unterirdische

Zwergenstadt«, fuhr er fort. »Gut dreihundert Wegmeilen sind

es von hier bis dorthin, wie uns die Karte zeigt. Die Zwerge

haben also schon ein Drittel des Weges hinter sich gebracht. Es

wird sehr schwer werden, sie einzuholen. Doch das müssen wir.

Denn haben sie ihre unterirdische Festung einmal erreicht, ist

der Schlüssel für uns so gut wie verloren. Ich schlage deshalb

vor, dass wir morgen früh aufbrechen. Noch mehr Zeit dürfen

wir nicht verlieren.«

»Woher wollen wir wissen, dass der Schlüssel in Tinura für

uns verloren ist«, wandte Bero ein. »Wir können noch nicht

einmal sicher sein, dass die Zwerge seinen genauen Zweck kennen.

Noch weniger die Art und Weise, wie man ihn anwendet.«

Davon sollten wir nicht ausgehen«, sagte Boffo. »Ich befürchte

sogar, sie wissen mehr, als wir bisher annahmen. Denn noch

etwas habe ich herausgefunden. Wenn die Zwerge am 26. Au-

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gust in Linuvar ankamen, und wir davon ausgehen können, dass

sie zwischen 45 und 50 Tage hierher unterwegs waren, dann sind

sie ungefähr um die zweite Juliwoche in Tinura abgereist. Erinnert

euch: am 7. Juli haben wir Khor in den Narnenstein eingesetzt.

Dies hat zwar den Tarantuil nicht beruhigen können. Doch

waren gewisse Auswirkungen deutlich zu spüren. Beispielsweise

das Verhalten der Grolds, die wiederkehrende Leuchtkraft des

Sirgensteins, die Neuerstarkung Tiriths und einiges mehr. Die

ganze Aura des Berges hatte sich verändert. Dies alles blieb den

Zwergen auf irgendeine Weise nicht verborgen. Jedenfalls haben

sie sich wenig später auf den Weg gemacht, um nach Khrit zu

suchen, dessen möglicher Aufbewahrungsort ihnen bereits vorher

bekannt gewesen sein muss.«

»Aber dann hätten sie ihn auch schon eher holen können«,

wandte Robin ein.

»Das hätten sie«, erwiderte Boffo. »Aber vielleicht sahen sie

keine Veranlassung dazu. Möglicherweise hielten sie Khor für

verschollen. Erst die Ereignisse des 7. Juli haben sie dazu bewogen,

sich auf die Suche nach Khrit, seinem Gegenstück zu machen.«

»Von mir aus kann’s morgen früh losgehen«, sagte Bero. »Die

Pferde haben heute Morgen einen recht munteren Eindruck

gemacht. Ich denke, der heutige Ruhetag wird ihnen genügen.«

»Dann ist es also beschlossen«, sagte Robin. »Und damit auch,

dass Lorin und Bert vorerst zurückbleiben werden.«

»Das wird sich nicht vermeiden lassen«, erwiderte Boffo.

»Aber bereits jetzt haben sie einen unschätzbaren Beitrag zu

unserer Sache geleistet. Und es wird noch Gelegenheiten geben,

in denen wir auf ihre Hilfe angewiesen sein werden. Da bin ich

mir sicher.«

Stimmen drangen von außen durch das Tor. Darunter auch

helles Mädchenlachen. Wenig später betraten sieben Personen

den Innenhof. Es waren Tarimond, Tinuvil und die jüngeren

Elme Nefir, Mirkon und Kirsin. In ihrer Begleitung waren zwei

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junge Frauen, welche die Gäste noch nicht gesehen hatten. Tinuvil

stellte sie mit ihren Namen Seleia und Lonara vor und erklärte,

dass ihnen Salir keinen Ausgang gestattete, wenn Fremde im

Dorf wären. Er hätte es auf seine Kappe genommen, die beiden

Frauen vorzustellen, weil sie nun mal die Besucher unbedingt

sehen wollten. Vor allem den Elm unter ihnen. Die beiden kicherten

verlegen, als Tinuvil dies erwähnte. Zugegebenermaßen

war die eine mit dem Namen Lonara für Elmenbegriffe eine

richtige Schönheit. Und Robin entging es nicht, dass Boffo einen

bewundernden Blick auf sie warf.

Alle waren auffallend gut gelaunt, lachten und scherzten. Irgendwie

hatte Robin den Eindruck, dass sich mit seinem, Boffos

und Beros Erscheinen die Hoffnungslosigkeit gelöst hatte, die

wie ein düsterer Schleier über der Elmengemeinde gelegen hatte.

Neue Zuversicht und Lebensfreude waren eingekehrt.

»Wir bringen euch etwas Kuchen«, sagte Tarimond und stellte

einen Korb auf den Steintisch. »Es ist ein sehr guter Kuchen, aus

feinem Dinkelmehl, Nüssen und Honig. Awira und Tilia, meine

Töchter, haben ihn gebacken. Wir hoffen, er wird euch schmecken.«

»Ja, wenn das so ist, dann sollten wir diesen Nachmittag auch

gebührend genießen«, erwiderte Boffo. »Ich habe da auch schon

eine Idee. Und du kannst mir dabei helfen, Kirsin.«

Kirsin schaute zuerst verdutzt, als Boffo sich an der kleinen

Feuerstelle in der Hofmitte zu schaffen machte. Dann verstand er

und holte einen Arm voll Feuerholz. Wenig später brannte ein

kleines Feuer und Boffo stellte seine Kupferkanne mit Wasser

auf den Rost. Als es zu kochen begann, gab er einige Löffel gemahlene

Kopobohnen und ein wenig Imril hinein. 4 Vor allem die

Elmenfrauen schauten interessiert zu und als sich der ganze

Innenhof mit aromatischem Duft füllte, kannte ihr Erstaunen

4

Kopo, vergleichbar unserem Kaffee, wurde in Süd-Heras angebaut und vor

allem in den östlichen Länder Laudoras gehandelt. Als Imril bezeichnete man

ein Extrakt des gleichnamigen Zuckerrohrs, welches in vielen klimatisch

milden Regionen Laudoras wuchs.

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keine Grenzen mehr. Schnell waren einige Becher zur Hand und

die Elme probierten vorsichtig aber mit sichtbarem Behagen die

braune, süße Flüssigkeit.

»Es nennt sich Kaffee«, sagte Boffo. »Ein anregendes Getränk,

das man unbeschwert genießen kann. Und es passt sehr gut zu

Kuchen. Viel ist nicht mehr übrig von dem Vorrat, den ich in

Largon gekauft habe. Aber solche und andere Köstlichkeiten

könnt ihr täglich erwarten, wenn ihr uns eines Tages in Fornland

besuchen werdet.«

»Aber wir wissen nicht, wo Fornland liegt«, wandte Mirkon

ein.

»Dem lässt sich abhelfen«, sagte Boffo. Er breitete erneut seine

Karte auf der Steintafel aus und lud die Elme ein, sich um ihn zu

scharen.

»Dies sind die drei großen Flüsse Laudoras«, sagte er indem

er auf die Karte wies. »Hier der Tibor, in welchen der Legris

fließt, den ihr gut kennt. Dann der Iruhin und ganz im Osten

seht ihr den Raduin. Dort, wo er entspringt liegt das Land Elegien.

Und dies ist Fornland, eine seiner drei Provinzen, wo wir

Elme im Tal des Rauquells unsere Heimat gefunden haben.«

»Das ist sehr schön«, sagte Nefir. »Doch es sieht aus, als wäre

es sehr weit weg. Und wir haben keine solche Karte.«

»Das macht nichts«, sagte Boffo. »Ich werde euch alles genau

aufzeichnen.«

Er riss eine Seite aus seinem Notizbuch, nahm seinen Stift zu

Hand, zeichnete und erklärte, wobei ihm die Elme staunend

zusahen, Fragen stellten und von Zeit zu Zeit an ihren Kaffeebechern

nippten.

»Nicht schlecht, der Kuchen«, sagte Bero, der mit Robin auf

der Steinbank saß und das Geschehen aus einiger Entfernung

beobachtete. »Obwohl – ein paar Eier und etwas Milch hätten

dem Teig sicherlich gut getan.«

»Was soll’s«, antwortete Robin und nahm einen Schluck aus

seinem Becher. »Noch ein Grund mehr, sich wieder auf zuhause

zu freuen.«

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»Wie geht es Salir?«, fragte Boffo nachdem er mit seinen Ausführungen

fertig war. »Wir haben ihn lange nicht gesehen. Er ist

doch hoffentlich nicht erkrankt.« Er war mit Tarimond an der

Steintafel sitzen geblieben, während sich Robin und Bero mit den

jungen Elmen um die Feuerstelle geschart hatte, wo sie lachten

und scherzten.

»In gewisser Weise leider ja«, entgegnete Tarimond und sein

Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. »Doch nicht erst in

den letzten Tagen. Man könnte seine Krankheit Schwermut

nennen und er leidet schon einige Zeit daran. Der Überfall der

Zwerge und der Verlust des Solmen hat sein Leiden verstärkt.

Seither verlässt er das Haus nur noch selten.«

»Ich hoffe doch, dass er uns wenigstens zum Abschied die

Ehre seiner Anwesenheit erweisen wird«, sagte Boffo. »Denn die

Zeit unseres Aufbruchs ist gekommen. Wir werden euch morgen

früh verlassen.«

»Bereits morgen früh?« Tarimond bekam große Augen. »Aber

ihr seid doch erst gestern angekommen. Gerade haben wir uns

an euch gewöhnt und wir haben noch viele Fragen.«

»Die können warten«, sagte Boffo. »Doch der Solmen kann es

nicht. Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn wir die Zwerge

noch einholen wollen, bevor sie Tinura erreichen. Das werdet ihr

sicher verstehen. Und ihr könnt uns helfen, rechtzeitig fertig zu

werden. Wir brauchen noch einige Vorräte und geschrotetes

Getreide für die Pferde.«

»Wir werden alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht«,

sagte Tarimond. »Noch heute Abend bekommt ihr alles, was ihr

benötigt.«

»Danke!«, sagte Boffo. »Nimm das hier für eure Bemühungen.«

Er reichte Tarimond ein kleines Säckchen.

»Das werde ich keinesfalls annehmen«, erwiderte der Elm.

»Ihr seid unsere Gäste und es ist uns eine Ehre, euch bewirten zu

dürfen. Und falls ihr den Solmen gar wieder erlangen solltet,

wäre dies mehr als genug Lohn für uns.«

»Nimm das Säckchen trotzdem, stellvertretend für die ande-

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en«, beharrte Boffo auf seinem Angebot. »Es enthält Geld und

einige wertvolle Steine. Ihr werdet das brauchen, falls ihr uns

eines Tages in Fornland besuchen wollt. Macht euch darauf

gefasst, dass ihr den Sonnenstein möglicherweise von dort wieder

nach Hause holen müsst, wenn ihr ihn weiter besitzen wollt.

Denn falls wir Khrit tatsächlich wieder zurückerhalten, wird

unser weiterer Weg zunächst nach Osten führen.«

»Nach Osten?« Tarimond machte ein ungläubiges Gesicht.

»Ja!«, sagte Boffo. »Dort im Taurongebirge haben wir eine

wichtige Aufgabe zu erfüllen. Dann erst wird der Solmen frei

sein. Du musst Salir nicht unbedingt davon erzählen. Dies könnte

seinen Zustand verschlimmern. Und noch etwas: Es könnte

sein, dass in einigen Tagen zwei weitere Gefährten von uns hier

eintreffen. Gib ihnen bitte diese Nachricht.«

Boffo drückte Tarimond einen Brief in die Hand. Dazu das

Säckchen und seine eben gezeichnete Karte von Laudora. Tarimond

verbeugte sich und nahm die Sachen an sich.

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