ZESO_4-2016_ganz

SkosZeso

SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

ZeSo

Zeitschrift für Sozialhilfe

04/16

Ermessen Spielräume zur bemessung der hilfeleistung sind ein

schwieriger balanceakt im interview Altersforscher François Höpflinger

zur Arbeit im Alter wohlbefinden Je reicher, umso glücklicher?


SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

NATIONALE TAGUNG

Bildung statt Sozialhilfe

Zugang zu Nachholbildung als Chance für Erwachsene

Mittwoch, 8. März 2017, Kongresshaus Biel

Mangelnde Berufsbildung ist in der Schweiz einer der wichtigsten Risikofaktoren für Armut. Der

technologische Fortschritt führt dazu, dass eine grosse Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften

besteht, einfache repetitive Arbeiten hingegen meist maschinell verrichtet werden und somit gering

qualifizierte Personen zunehmend Mühe haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Es ist daher absolut

entscheidend, dass Personen ohne Berufsbildung auch noch im Erwachsenenalter Zugang haben zu

Nachholbildung.

Die nationale Tagung in Biel bietet eine Plattform zur Präsentation und Diskussion von

Handlungsmöglichkeiten sowie Best-Practice-Ansätzen.

Programm und Anmeldungen: www.skos.ch Veranstaltungen

Rechtsberatung für soziale Institutionen

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beraten. Wir unterstützen Sie und bieten Durchblick im komplexen Gesetzesdschungel.

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die sich in der Sozial arbeit stellen. Per

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Ingrid Hess

Verantwortliche Redaktorin

Ermessen – eine grosse

Verantwortung

Die wirtschaftliche Unterstützung, die einzelne Bürgerinnen

und Bürger in schwierigen Phasen ihres Lebens zu Gute haben,

ist rechtlich in der Regel ziemlich präzis definiert. Da

bleibt für die Beratenden auf den Sozialämtern meist wenig

zu entscheiden. Für den Lebensunterhalt sind genaue Beträge

definiert, für die Wohnung der reale Mietzins bis zu einem

Maximalbeitrag. Abweichungen von den Regeln sind

nicht zulässig. Da gilt der Buchstabe des Gesetzes.

Für andere Leistungen, wie die SIL, die situationsbedingten

Leistungen oder die Integrationszulagen, besteht hingegen

ein Ermessensspielraum. Doch wer wagt noch, diesen auszunützen,

wenn Sparpolitik und Medien die Entscheide der

Sozialarbeitenden im Visier haben? Den Ermessensspielraum

wahrzunehmen, braucht dann neben fundierten

Kenntnissen der Gesetze, Verordnungen und SKOS-Richtlinien

auch Zeit, und umso mehr Mut und Selbstbewusstsein

– eine ziemlich grosse Herausforderung und Verantwortung!

Ich freue mich, Sie hiermit zu begrüssen, liebe Leserinnen

und Leser der Zeso. Ich freue mich, viermal im Jahr Hintergründe

und neue Entwicklungen im Sozialwesen für Sie

auszuleuchten. Und ich freue mich darauf, wenn Sie uns

Ihre Erfahrungen mitteilen, wenn Sie Anregungen haben,

mit uns Kontakt aufnehmen; wenn Sie neue Wege ausprobieren,

die vielleicht auch andere interessieren könnten,

dann schreiben Sie uns: zeso@skos.ch.

editorial 4/16 ZeSo

1


SCHWERPUNKT14–23

ErmesseN und SPIELRäume

Sozialarbeitende in der Sozialhilfe leisten täglich

Massarbeit: Sie müssen die individuellen Notsituationen

richtig erfassen sowie Hilfeleistungen auf

die einzelnen Personen und Umstände anpassen.

Dabei werden ihnen vom Gesetz verschiedene

Ermessensspielräume eingeräumt. Der Schwerpunkt

zeigt, wie die Sozialarbeitenden mit dieser

Herausforderung umgehen, und präsentiert

juristische und soziologische Konzepte, die dem

Ermessensbegriff zugrunde liegen.

ZESO

zeitschrift für sozialhilfe

Herausgeberin Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS,

www.skos.ch Redaktionsadresse Redaktion ZESO, SKOS, Monbijoustrasse

22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel.

031 326 19 19 Redaktion Regine Gerber, Ingrid Hess

Autorinnen und Autoren in dieser Ausgabe Catherine Arber,

Monica Budowski, Therese Frösch, Martin Greter, Katrin Haltmeier,

Claudia Hänzi, Cathrin Hüsser, Martin Kaiser, Claudia Kaufmann,

Markus Kaufmann, Paula Krüger, Maurizia Masia, Susanna Niehaus,

Iris Schaller, Benjamin Schindler, Robin Tillmann, Daniela Tschudi,

Felix Wolffers, Titelbild Rudolf Steiner layout Marco Bernet,

mbdesign Zürich Korrektorat Karin Meier Druck und Aboverwaltung

Rub Media, Postfach, 3001 Bern, zeso@rubmedia.ch,

Tel. 031 740 97 86 preise Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-

Mitglieder CHF 69.–), Jahresabonnement ausland CHF 120.–,

Einzelnummer CHF 25.–.

© SKOS. Nachdruck nur mit genehmigung der Herausgeberin.

Die ZESO erscheint viermal jährlich.

ISSN 1422-0636 / 113. Jahrgang

Bild: Keystone

Erscheinungsdatum: 5. Dezember 2016

Die nächste Ausgabe erscheint im März 2017.

2 ZeSo 4/16 inhalt


INHALT

5 Sichere Altersvorsorge braucht eine

stärkere AHV. Kommentar von

Therese Frösch und Felix Wolffers

6 13 Fragen an den neuen SKOS-

Geschäftsführer Markus Kaufmann

8 Praxis: Wohnkosten und Sanktionen

bei jungen Erwachsenen

9 Trotz Anspruch keine Sozialhilfe

bezogen – Scham oder Unwissen?

10 «Arbeiten im Alter wird immer mehr

zum Thema werden»

Interview mit François Höpflinger

14 SCHWERPUNKT:

Ermessen und SPIELRäume

16 Die Verwaltung muss über

Spielräume verfügen

18 Massgebend ist der Mensch in seiner

individuellen Notsituation

20 Ermessensentscheide gehören zur

alltäglichen Arbeit in den

Sozialdiensten

22 Ermessen ist Auftrag und Kompetenz,

keine Frage des Beliebens

24 Führt Wohlstand zu Wohlbefinden?

26 Wie viel Misstrauen verträgt die

Soziale Arbeit?

28 Der interkommunale Ausgleich der

Soziallasten

30 Reportage über die Sozialfirma

Réalise in Genf

32 Plattform: Der Dachverband offene

Kinder- und Jugendarbeit Schweiz

34 Forum: Gemeinsam gegen die

«Verrentung» der Sozialhilfe.

35 Lesetipps und Veranstaltungen

36 Porträt: Heinz von Arb hat einen

minderjährigen unbegleiteten

Flüchtling aufgenommen

Armut im Alter

Misstrauen

sozialfirma réalise

Der Pflegevater

Der Soziologe und Altersforscher François

Höpflinger über die alternde Gesellschaft

und die Herausforderungen, die diese

Entwicklung für den Arbeitsmarkt und das

Sozialsystem darstellt.

10

Einzelne Fälle von Sozialhilfemissbrauch

sorgten für heftige Debatten in Medien

und Politik. Das System Sozialhilfe und

dessen Klientel standen in der Folge unter

scharfer Beobachtung. Das hat bei den

Sozialarbeitenden Spuren hinterlassen. Die

Unsicherheit und Furcht vor Fehlern nahmen

erheblich zu.

26

Die Sozialfirma Réalise in Genf bildet jährlich

300 Frauen und Männer aus, die Mühe auf

dem Arbeitsmarkt haben. Sie arbeiten in

verschiedenen Berufsfeldern und erlernen

die dafür notwendigen Kenntnisse. Viele

von ihnen finden später wieder eine Stelle.

Réalise arbeitet dafür eng mit einem Netz

von Firmen zusammen.

30

Mit Sack und Pack stand der 14-jährige

Flüchtling aus Afghanistan vor ein

paar Monaten vor dem Gartentor des

schmucken Einfamilienhauses – und blieb.

Hausbesitzer Heinz von Arb übernahm die

Pflegschaft für den unbegleiteten Flüchtling.

36

inhalt 4/16 ZeSo

3


NACHRICHTEN

Sozialcharta: Kompetenz

bleibt beim Bundesrat

Die Aussenpolitische Kommission des Ständerats

hat die Motion des Nationalrats de

Courten «Verzicht auf eine Ratifizierung der

Europäischen Sozialcharta» mit 7 zu 4 Stimmen

abgelehnt. In den Augen der Kommissionsmehrheit

würde die Annahme der Motion

ein sehr schlechtes Signal an den Europarat

aussenden, denn diese Charta sei ein wichtiger

Bestandteil des Europarats. Die Mehrheit

der Kommission unterstützt die Stellungnahme

des Bundesrates und ist insbesondere der

Auffassung, dass die Motion aus rechtsstaatlicher

Sicht sinnwidrig ist, da der Bundesrat

Konventionen von sich aus unterzeichnen,

aber nicht ratifizieren kann. (Red.)

Erste Bilanz zur Kesb

Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht

(KESR) ist am 1. Januar 2013 in Kraft

getreten. Die 146 neu geschaffenen Kindesund

Erwachsenenschutzbehörden (Kesb)

ersetzten die 1415 Vormundschaftsbehörden.

Der Systemwechsel rief zahlreiche Kritiker

auf den Plan, die das System anhand

von problematischen Einzelfällen insgesamt

in Frage stellten. Die Konferenz für

Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes)

zog im Herbst Kesb nun eine positive Bilanz

der ersten vier Jahre, zeigte aber auch Verbesserungspotenzial

auf. (Red.)

Charta F+F revidiert

Mit der Charta «Früherkennung und Frühintervention»

(F+F) setzen sich verschiedene

Organisationen, Konferenzen und Behörden

dafür ein, ungünstige gesellschaftliche

und strukturelle Bedingungen zu erkennen

und zu benennen. Sie engagieren sich

entsprechend für gesundheitsförderliche

Rahmenbedingungen. Ziel ist, ungünstige

Entwicklungen und Rahmenbedingungen

sowie problematische Verhaltensweisen

von Personen aller Altersstufen frühzeitig

wahrzunehmen, passende Hilfestellungen

zu finden und die betroffenen Menschen

in ihrer gesunden Entwicklung und gesellschaftlichen

Integration zu unterstützen.

Die F+F integriert strukturorientierte und

individuumsbezogene Verfahren und zielt

nicht ausschliesslich darauf ab, das Verhalten

von Betroffenen zu ändern. Die Charta

aus dem Jahr 2012 wurde dieses Jahr revidiert.

(Red.)

Markus Kaufmann ist neuer

SKOS-Geschäftsführer

Am 1. Dezember hat Markus Kaufmann

sein neues Amt als Geschäftsführer der

SKOS-Geschäftsstelle angetreten. Markus

Kaufmann hat langjährige Erfahrung in

verschiedenen Arbeitsfeldern des Sozialund

Gesundheitswesens. Nach dem Studium

der Sozialarbeit, Soziologie und Psychopathologie

an der Universität Fribourg

war Markus Kaufmann in verschiedenen

Funktionen in der Jugendarbeit sowie in

der Gesundheitsförderung und Gesundheitspolitik

tätig. Nach Abschluss seiner

Weiterbildung «Master of Public Health»

wurde er 2003 zum Zentralsekretär des

Fachverbands Public Health Schweiz ernannt.

Vor sechs Jahren wurde Kaufmann

Projektleiter Gesundheitsförderung und

Prävention der Gesundheitsdirektorenkonferenz

(GDK) sowie Geschäftsführer der

Vereinigung der kantonalen Beauftragten

für Gesundheitsförderung (VBGF). Der

neue SKOS-Geschäftsführer verfügt über

grosse Erfahrung in der Zusammenarbeit

Hilfswerke springen

in die Lücke

Die öffentliche Sozialhilfe steht unter erheblichem

Kostendruck. Eine Studie zeigt,

dass Hilfswerke immer häufiger Aufgaben

übernehmen, die im Grunde von der

öffentlichen Sozialhilfe wahrgenommen

werden müssten. Die öffentliche Sozialhilfe

ist gezwungen, sich mehr und mehr

auf die Auszahlung der finanziellen Unterstützungsleistungen

zu konzentrieren,

denn die Arbeit in den Sozialdiensten ist

von Spar- und Zeitdruck geprägt, so das

Ergebnis der Analyse für die Jahre 2005

bis 2015. Gleichzeitig haben Hilfswerke

ihre Angebotspalette ausgeweitet, die Sozialberatung

da und dort gestärkt und sich

zunehmend auch mit Fragen des Sozialhilferechts

beschäftigt. Caritas Schweiz, das

Schweizerische Rote Kreuz und die Heilsarmee

hatten die Studie bei Carlo Knöpfel,

Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz,

Hochschule für Sozialarbeit,

in Auftrag gegeben. Zu diesem Zweck

wurden Mitarbeitende von Hilfswerken

online befragt, Fallstudien gemacht und

Experten-Interviews geführt. (Red.) •

von Bund, Kantonen und Gemeinden. Auf

den Seiten 6 und 7 beantwortet Kaufmann

13 Fragen und sagt, was er in der Schweiz

gerne verändern würde. (Red.) •

Markus Kaufmann

Bild: B. Devènes

Ausgabenwachstum

verlangsamt

Im Jahr 2014 gaben Bund, Kantone und

Gemeinden rund 7,9 Milliarden Franken

für Leistungen der Sozialhilfe und der Ergänzungsleistungen

(EL) aus. Gegenüber

2013 fand bei der Sozialhilfe und weiteren

bedarfsabhängigen Sozialleistungen ein nominaler

Zuwachs von 4,6 Prozent statt. Im

Vergleich mit dem Vorjahr (+3,6 Prozent)

erhöhte sich das Ausgabenwachstum also

erneut. Die Zunahme von 2012 (+5,9%)

wurde jedoch nicht mehr erreicht. Die

grösste absolute Zunahme verzeichneten

2014 mit 151 Millionen Franken die EL

(+3,3%). Gut ein Drittel der Kostensteigerung

ist durch den Anstieg der Anzahl unterstützter

Personen zu erklären. Dieser ist

teils durch die demografische Entwicklung

bedingt, denn die Bevölkerung ist 2014

um 1,2 Prozent gewachsen. Auch bei einer

relativ stabilen Sozialhilfequote von rund

3 Prozent bedeutet das automatisch einen

Anstieg der Zahl der Leistungsbeziehenden

insgesamt und damit auch der Kosten. Zu

den übrigen Kostensteigerungen tragen

viele verschiedene Faktoren bei. (Red.) •

4 ZeSo 4/16 aktuell


KOMMENTAR

Sichere Altersvorsorge braucht stärkere AHV

Die SKOS befasst sich mit den Menschen

in der Schweiz, die Armut hautnah erleben.

Viele von ihnen arbeiten. Trotzdem sichert

das erwirtschaftete Einkommen ihre

Existenz nur knapp oder gar nicht. Und je

weniger jemand in die an die Arbeitsintegration

gebundene Altersversicherung einbezahlt

hat, umso ärmer bleibt er bis zum

Lebensende. Die Verfassung sieht vor, dass

im Alter AHV und 2. Säule die Fortsetzung

der gewohnten Lebenshaltung in angemessener

Weise garantieren. Glücklicherweise

gibt es seit den sechziger Jahren die Ergänzungsleistungen,

welche die Existenzgrundlage

der sozial schwächsten Menschen

im Rentenalter sichert. Dennoch:

Es ist absehbar, dass AHV und 2. Säule die

Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung

als Folge sinkender Leistungen auch für

Teile des Mittelstands nicht mehr garantieren

können. Auch sie werden dann auf

Ergänzungsleistungen angewiesen sein. Es

ist also absehbar, dass die Leistungen der

EL unter Druck geraten werden. Weil die EL

steuerfinanziert sind und auch die Budgets

der Kantone und Gemeinden belasten,

drohen hier Sparrunden zum Nachteil vieler

alter Menschen. Was in der Sozialhilfe

bereits heute Realität ist, kommt auch auf

die EL zu. Ein Ausweg liegt klarerweise in

der Stärkung der AHV.

Die Revision 2020 ist richtungsweisend für

die Zukunft, für einen guten Zusammenhalt

der Generationen, für die Gerechtigkeit zwischen

Arm und Reich, für die psychische

und physische Gesundheit und die Würde

aller hier in der Schweiz.

Nach dem Volks-Nein zur weitergehenden

AHVplus-Initiative der Gewerkschaften

geht es heute darum, eine sozialpolitisch

gute Lösung der Rentenrevision 2020

zu erreichen. Heute zeigt sich, dass das

bisherige Konzept der Altersvorsorge Risse

bekommt: Die Leistungen aus der zweiten

Säule werden mit tieferen Zinssätzen und

sinkenden Umwandlungssätzen schlechter

und instabiler.

Eine Stärkung der AHV – mit einer gewissen

Kompensation für Verluste in der 2.

Säule – ist dringend und finanzierbar.

Mit einem Ausbau der AHV ist

das Geld gut investiert. Dank

dem solidarischen Finanzierungsmodell

erhalten

Leute mit tiefen und

mittleren Einkommen für

ihre AHV-Beiträge später

mehr Rente, als wenn sie

das gleiche Geld in

eine private Vorsorge

stecken müssten.

Das kommt vor allen

auch denjenigen zugute,

welche im Erwerbsalter nur

ein bescheidenes Einkommen

erzielen konnten.

Therese Frösch und Felix Wolffers

Co-Präsidium der SKOS

aktuell 4/16 ZeSo

5


13 Fragen an Markus Kaufmann

1

2

3

4

Womit beschäftigen Sie sich im Moment?

Wenn die ZESO erscheint, dann habe ich meine

neue Aufgabe bei der SKOS schon in Angriff genommen.

Darauf freue ich mich im Moment sehr. Bei

meinem bisherigen Job bei der Gesundheitsdirektorenkonferenz

habe ich mich um die Koordination von

Gesundheitsförderungsprogrammen in den Kantonen

gekümmert. In der Freizeit bereiten wir mit dem

Quartierverein gerade die Eröffnung eines Begegnungscafés

für Flüchtlinge und Quartierbewohner

im ehemaligen Zieglerspital in Bern vor.

Was bewirken Sie mit Ihrer Arbeit?

In meiner vorherigen Arbeit sah ich mich vor allem

als Vernetzer. Ich kann nur zusammen mit anderen

etwas bewirken. In unserem sehr föderalen System

ist es wichtig, möglichst alle miteinzubeziehen und

gemeinsam tragbare Lösungen zu finden. Manchmal

braucht das viel Geduld, aber dafür ist es nachhaltiger.

Sind Sie eher arm oder eher reich?

Meine Frau und ich haben beide eine Stelle mit

Führungsverantwortung. Dies gibt uns ein überdurchschnittliches

Haushaltseinkommen, mit dem

wir uns als eher reich bezeichnen können. Für uns

ist es wichtig, dass das Steuersystem ein Korrektiv

schafft zu den Einkommensunterschieden mit einer

progressiven Besteuerung.

Glauben Sie an die Chancengleichheit?

Glauben scheint mir hier nicht das richtige Wort.

Ich weiss, dass die Chancen in unserem Land nicht

gleich verteilt sind. Deutlich sieht man das zum

Beispiel an der Lebenserwartung, die bei einem arbeitslosen

Mann mehr als zehn Jahre tiefer ist als

bei einem Kaderangestellten. Es braucht deshalb

in allen Bereichen der Gesellschaft Anstrengungen,

um die Chancengerechtigkeit zu verbessern, vom

Lebensanfang an bis zur Pflege im hohen Alter. Ein

ganz zentraler Punkt ist das Bildungssystem. Hier

schneidet die Schweiz heute deutlich besser ab als

andere Staaten, etwa bei der Integration der zweiten

Generation von Migrantinnen und Migranten. Diese

Stärke gilt es auszubauen.

5

6

7

8

9

Können Sie gut verlieren, und woran merkt man das?

Meine Unihockeykollegen würden sagen: Nicht

so gut. Wenn ich mich für etwas einsetze, wurmt es

mich, wenn es nicht gelingt. Im Beruf kann ich aber

gut damit umgehen, in Spiel und Sport zeige ich gern

auch mal Emotionen.

Wenn Sie in der Schweiz drei Dinge verändern könnten,

welche wären das?

Erstens sollten wir weniger Gartenhag-Denken

haben und ganzheitlichere Lösungen vorziehen – im

Sinne der interinstitutionellen Zusammenarbeit, die

in den SKOS-Richtlinien festgehalten ist. Zweitens

sollten wir die sprachliche Vielfalt unseres Landes

nutzen. Sie ermöglicht, verschiedene Blickwinkel zu

haben und so gute Lösungen zu finden. Und drittens

sollte die Schweiz ihren Beitrag für eine friedliche

und gerechte Welt leisten, gerne noch etwas engagierter

als heute.

Für welches Ereignis oder für welche Begegnung würden

Sie ans andere Ende der Welt reisen?

Im Moment versuche ich, möglichst nicht so weit

zu reisen, dass ich das Flugzeug nehmen muss, damit

mein ökologischer Fussabdruck nicht zu gross

wird. Immer gelingt mir das aber nicht. Spannend

wäre für mich, in ein Land zu reisen, das gerade im

Aufbruch ist. Vor Kurzem habe ich einen Artikel gelesen

über ein Pilotprojekt in Ruanda, wo Blutkonserven

per Drohnen verschickt und so die Probleme der

schlechten Verkehrswege gelöst werden sollen.

Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine verlassene

Insel mitnehmen?

Zuerst mal Jasskarten und gute Freunde. Auf dieser

Insel hätte ich sicher viel Zeit zum Jassen und

zusammen mit den Freunden würde es nicht langweilig.

Und dann noch mein Rennvelo, mit dem ich

einmal pro Tag rund um die Insel fahren würde.

Was bedeutet Ihnen Solidarität?

Solidarität ist für mich ein wichtiger Teil des

Menschseins. In unserer Verfassung steht ja auch

schon am Anfang: Die Stärke des Volkes misst sich

am Wohl der Schwachen, ein sehr starker Satz. In

der Schweiz haben wir in den letzten rund 70 Jahren

ein Instrumentarium geschaffen, das die Solidarität

sichert: So etwa die AHV, die obligatorische

Krankenversicherung, die IV und als letztes Netz

6 ZeSo 4/16 13 fragen


Markus kaufmann

Bild: B. Devènes

Markus Kaufmann, geboren 1962, lebt und arbeitet in Bern. Er hat als Nachfolger

von Dorothee Guggisberg am 1. Dezember die Leitung der Geschäftsstelle

der SKOS in Bern übernommen. Der ausgebildete Sozialarbeiter ist seit

vielen Jahren im Sozial- und Gesundheitswesen tätig; in den letzten Jahren

war er Projektleiter Gesundheitsförderung und Prävention der Gesundheitsdirektorenkonferenz

(GDK) sowie Geschäftsführer der Vereinigung der

kantonalen Beauftragten für Gesundheitsförderung (VBGF).

10

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13

die Sozialhilfe. Alle diese Einrichtungen sind unter

Druck. Es gilt, sie zu verteidigen und gleichzeitig so

anzupassen, dass sich die Solidarität dem gesellschaftlichen

Wandel anpasst und neue Armutsrisiken

einbezieht.

An welches Ereignis in Ihrem Leben denken Sie besonders

gerne zurück?

Schon fast erwachsene Kinder haben keine Freude,

in solchen Interviews vorzukommen. Deshalb

gehe ich etwas weiter zurück. Im Sommer 1989

stand ich mit Bekannten aus Ostberlin auf jener Seite

der Mauer, an der sich der Todesstreifen befand.

Die Mauer schien unverrück- und unbezwingbar.

Vier Monate später wurde sie von feiernden Menschen

überwunden. Das war der Abend vor meiner

letzten Uni-Prüfung. Die Welt veränderte sich mit einer

friedlichen Revolution und ich stand mittendrin.

Ein euphorisches Gefühl, an das ich mich gerne erinnere,

auch wenn sich nicht alles so gut entwickelte,

wie wir damals dachten.

Gibt es Dinge, die Ihnen den Schlaf rauben?

Ich habe einen recht guten Schlaf, aber es gibt

schon Momente, in denen ich mich im Bett drehe

und mir den Kopf zerbreche. Das kann ein Konflikt

oder ein schwieriges Projekt sein. Manchmal kommen

mir aber gerade in solchen Momenten neue Lösungsideen

in den Sinn.

Welcher Begriff ist für Sie ein Reizwort?

Eigentlich halte ich nichts von den Unwort-

Debatten. Sie laufen meist nach dem Muster: Provokateure

gegen politisch Korrekte und bringen einen

kaum weiter. Ich störe mich oft an einem zu starken

Fachjargon, der in jeder Berufsgruppe anzutreffen

ist, das meine ich sehr wohl auch selbstkritisch. Am

deutlichsten merke ich es jeweils, wenn unser Übersetzer

mich fragt, was ich mit diesem Satz in einem

Konzept gemeint hätte und ich eingestehen muss,

dass ich es selber nicht mehr verstehe.

Haben Sie eine persönliche Vision?

Auf mein neues Arbeitsfeld bezogen: eine Gesellschaft,

die Armut und Ausgrenzung frühzeitig und

wirksam verhindert, sodass weniger Menschen auf

Sozialhilfe angewiesen sind.

13 fragen 4/16 ZeSo

7


Wohnkosten und Sanktionen

bei jungen Erwachsenen

Der 20-jährige Markus Künzi erhält nach dem Tod seiner Mutter Sozialhilfe. Nach der obligatorischen

Schule tritt er keine Lehrstelle an und bricht auch das auferlegte Jugendprogramm ab. Nun stellt

sich die Frage, ob die Sozialhilfe gekürzt werden kann und in welcher Höhe?

Markus Künzi* ist 20 Jahre alt und nach

dem unerwarteten Tod seiner Mutter auf

Sozialhilfe angewiesen. Nach dem Auflösen

der Familienwohnung hat er ein Zimmer

bei einer älteren Dame im Kellergeschoss

bezogen. Markus Künzi schloss die

obligatorische Schule zwar ab, trat jedoch

danach keine Lehrstelle an. Ihm wurde seitens

der Sozialbehörde die Auflage gemacht,

ein Jugendprogramm zu besuchen,

welches ihm den Anschluss an eine Berufsausbildung

ermöglichen würde. Der

20-Jährige zeigte von Anfang an wenig

Motivation, das Programm zu absolvieren.

Nach wenigen Wochen brach er es ab.

PRAXIS

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen aus

der Sozialhilfe praxis an die «SKOS-Line» publiziert

und beantwortet. Die «SKOS-Line» ist ein webbasiertes

Beratungsangebot für SKOS-Mitglieder.

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich

(einloggen) SKOS-Line.

Frage

Kann in der Folge eine Kürzung verfügt

werden und wie hoch darf diese ausfallen?

Grundlagen

Auf den 1. Januar 2016 sind die SKOS-

Richtlinien angepasst worden. Seither gelten

für junge Erwachsene, also Personen

zwischen dem vollendeten 18. und dem

vollendeten 25. Altersjahr, besondere

Empfehlungen beim Grundbedarf und bei

den Wohnkosten. Gleichzeitig wurde für

alle Anspruchsgruppen der Ansatz für die

maximale Kürzung des Grundbedarfs von

15 auf 30 Prozent erhöht.

Generell gilt, dass junge Erwachsene

verpflichtet sind, Bildungs- und Integrationsangebote

konsequent zu nutzen. Dies

mit dem Ziel, eine langfristige Sozialhilfeabhängigkeit

zu vermeiden. Wie alle

anderen Anspruchsgruppen sind auch sie

angehalten, alles Zumutbare zu unternehmen,

um ihre Situation zu verbessern. Was

im Einzelfall gilt, ist im Rahmen einer Auflage

zu konkretisieren. Eine enge Betreuung

und Begleitung steht in solchen Fällen

allerdings noch mehr im Vordergrund als

bei älteren Personen.

Werden Auflagen und Weisungen nicht

eingehalten, können angemessene Sanktionen

angeordnet werden. Bei jungen

Erwachsenen dienen Sanktionen primär

der Erwirkung von Auflagen. Deshalb ist

zu empfehlen, eine Sanktion dann zu beenden,

sobald die erstrebte Auflage erfüllt

wird.

Die Spannbreite für die Kürzung des

Grundbedarfs im Umfang von 5 bis 30

Prozent gilt auch im Falle von Sanktionen

bei jungen Erwachsenen. Die Kürzung

muss stets der Schwere der Pflichtverletzung

entsprechen; die maximale Kürzung

von 30 Prozent darf also generell nur bei

besonders stossendem oder mehrfach

wiederholtem, unentschuldbarem Fehlverhalten

angeordnet werden. Besonderes

Augenmass ist bei jungen Erwachsenen

geboten, weil sie oft bereits einen tieferen

Grundbedarf erhalten und so durch eine

Kürzung härter getroffen werden. Eine

Kürzung um 30 Prozent ist entsprechend

nur in wenigen Ausnahmefällen rechtlich

haltbar.

Antwort

In der vorliegenden Situation ist rasch und

sorgfältig zu prüfen, weshalb die Motivation

zur Teilnahme an einem Jugendprogramm

bei einem jungen Menschen derart

gering ausfällt, und was nötig wäre, damit

eine Berufsausbildung gelingen kann. Der

Beizug von Fachpersonen ist zu empfehlen.

Der Abbruch des Jugendprogramms

durch Herrn Künzi ist nicht als Bagatelle

einzustufen. Eine Sanktion ist angezeigt,

damit die Schwere der Pflichtverletzung

verdeutlicht werden kann und die aufgestellten

Regeln an Verbindlichkeit gewinnen.

Wegen der bereits bestehenden

Einschränkungen beim Grundbedarf, des

Förderaspekts und weil es sich um einen

erstmaligen Vorfall handelt, ist eine gewisse

Zurückhaltung geboten. Angemessen

erscheint eine Kürzung von maximal

15 Prozent, welche in einem ersten Schritt

auf drei Monate zu befristen ist. Wird das

Jugendprogramm bereits vor Ablauf dieser

Frist wieder aufgenommen, ist auch die

Sanktion vorzeitig aufzuheben. •

*Name geändert

Claudia Hänzi

Kommission Richtlinien und Praxis der SKOS

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ZeSo 4/16 praxis


Trotz Anspruch keine Sozialhilfe

bezogen – Scham oder Unwissen?

Viel war letzthin in den Medien von Missbrauch in der Sozialhilfe die Rede. Nun zeigt eine Studie der

Universität Bern ein ganz anderes Bild: Viele, die eigentlich Anspruch auf Sozialhilfe hätten, machen

ihn nicht geltend. Die Studie versucht dem Ausmass dieses Phänomens auf die Spur zu kommen.

Der Schutz vor Armut ist eine Errungenschaft

moderner Wohlfahrtsstaaten: Haushalte,

die aus irgendwelchen Gründen eine

bestimmte Zeit nicht in der Lage sind,

auch nur das Existenzminimum zu sichern,

können vom Staat finanzielle Unterstützung

erhalten. Doch jede vierte Person

(26.3 %), die im Kanton Bern Anspruch

auf Unterstützung durch die Sozialhilfe

hätte, bezieht keine Leistungen. Dies jedenfalls

stellt Oliver Hümbelin, Sozialwissenschaftler

an der Universtät Bern im

Rahmen seiner Dissertation fest. Er analysierte

den Bezug von Sozialhilfe in der

Schweiz erstmals auf Basis von Administrativdaten,

indem er am Beispiel des Kantons

Bern die Steuerdaten zu Einkommensund

Vermögenswerten mit der Sozialhilfestatistik

verglich.

Anspruchsbedingungen zu komplex?

Warum manche Anspruchsberechtigten

keine Sozialhilfe beantragen, ist eine Frage,

auf die es so schnell keine klare Antwort

gibt. Hümbelin versuchte mit seiner Studie

den Gründen auf die Spur zu kommen.

Präzise Antworten erhielt er nicht. Diese

sollen weitere Studien liefern, (Arbeitstitel:

Ungleichheit, soziale Risiken und der

Wohlfahrtsstaat), die im nächsten Jahr

starten könnten, sofern sie vom Nationalfonds

bewilligt werden. In vielen Fällen

könnte ein Nichtbezug von Leistungen mit

fehlendem Wissen oder der Komplexität

der Anspruchsbedingungen erklärt werden,

vermutet Hümbelin. «Gerade für

Working Poor, die ein Einkommen in der

Nähe zur Schwelle des Existenzminimums

erzielen, ist es schwierig zu beurteilen, ob

sie Leistungen geltend machen können,

denn die Schwelle variiert unter anderem

in Abhängigkeit von Wohnort, Grösse des

Haushaltes, der Vermögenssituation und

dem ohne Sozialhilfe erzielten Einkommen.»

Gerade in ländlicheren Gemeinden verzichten

Anspruchsberechtigte oft auf Sozialhilfe.(zvg)

Erhebliche regionale Unterschiede

Auffallend sind jedoch die erheblichen regionalen

Unterschiede: Der Anteil der

Nichtbezügerinnen und -bezüger ist in

Städten mit 12 Prozent deutlich tiefer als

in den Agglomerationen (28%) oder ländlichen

Gemeinden (50%). Hümbelin sieht

eine Erklärung für diese unterschiedlich

hohe Nichtbezugsquote darin, dass Haushalte

in ländlichen Gebieten eher über die

Möglichkeit verfügen, eine Notlage subsistenzwirtschaftlich

zu überbrücken. Auch

die stärkere soziale Kontrolle auf dem Land

im Vergleich zur Anonymität der Städte

dürfte eine Rolle spielen, ob der Gang zum

Sozialamt für einen Betroffenen in Frage

kommt oder nicht.

Die Scham, auf Sozialhilfe angewiesen

zu sein, ist sehr verbreitet und hat im

Zuge des politischen und medialen Diskurses

zugenommen. Diese Erfahrung machen

Sozialarbeitende auch in der Praxis.

«Manche Betroffene müssen wir geradezu

zwingen, einen Antrag auf Sozialhilfe zu

stellen», stellt beispielsweise Fabienne Cosandier

vom Service Social de La Chauxde-Fonds

fest.

Einfluss der politischen Zugehörigkeit

Die Studienresultate zeigen schliesslich

auf, dass die Nichtbezugsquote mit der politischen

Landschaft der Gemeinden korreliert.

In Gemeinden mit starken linken

Parteien, die sich für die Sozialhilfe stark

machen, ist die Nichtbezugsquote tiefer.

Gemeinden mit rechtskonservativen Politikpräferenzen

weisen hingegen deutlich

höhere Quoten auf. Dieser Effekt bleibt

unabhängig von Wirtschaftsstruktur und

Bevölkerungsdichte bestehen. Es liegt daher

laut Hümbelin die Vermutung nahe,

dass die politische Zugehörigkeit beziehungsweise

die politischen Mehrheitsverhältnisse

am Wohnort das individuelle

Verhalten beeinflussen: Wer einem Sozialleistungsbezug

kritisch gegenüber steht

oder wer Stigmatisierung durch sein soziales

Umfeld, etwa seitens Nachbarn oder

Bekannten, befürchtet, wird eher auf einen

Leistungsbezug verzichten. •

Info

Ingrid Hess

Die Studie «Nichtbezug von Sozialhilfe und die

Bedeutung von regionalen Unterschieden» wurde

von Oliver Hümbelin am Departement Sozialwissenschaften

der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen

Fakultät der Universität Bern verfasst. Sie ist

unter folgendem Link zu finden:

http://econpapers.repec.org/paper/bsswpaper/21.

htm

SOZIALHILFE 4/16 ZeSo

9


«Arbeiten im Alter wird immer mehr

zum Thema werden»

François Höpflinger, Prof. für Soziologie, hat sich überJahrzehnte mit der demografischen

Entwicklung, Familienfragen, und schliesslich zunehmend mit dem Alter befasst. «Eigentlich sollte

man eine Erwerbsersatzversicherung einführen», schlägt der Wissenschaftler vor.

«ZESO»: Herr Professor Höpflinger,

die AHVplus-Initiative wurde von der

Stimmbevölkerung verworfen. Die

Altersreform des Bundes läuft Gefahr,

ebenfalls zu scheitern. Die Altersvorsorge

an künftige Entwicklungen anzupassen,

scheint ein schier unmögliches

Unterfangen; was ist da los?

François Höpflinger: Vielen ist wohl

aufgestossen, dass die Initiative auch die

AHV-Renten der Millionäre angehoben

hätte. Damit stellte man die Generationensolidarität

in Frage. Von Armut betroffen

sind heute noch mehr Familien als Rentner.

Ausserdem hat die AHV-Kasse letztes

Jahr erstmals schwarze Zahlen geschrieben.

Im Moment hat Sozialausbau grundsätzlich

keine Chance. Sozialabbau wird allerdings

auch nicht akzeptiert. Es bräuchte

vielleicht eine ganz andere Lösung.

Woran denken Sie?

Eigentlich sollte man eine Erwerbsersatzversicherung

einführen. Egal ob

jemand krank, arbeitslos, im Mutterschaftsurlaub

oder alt ist, würde er oder

sie Beiträge aus der Erwerbsersatzversicherung

erhalten. Alle nicht erwerbsfähigen

Menschen, also auch Kinder, bekämen

zusätzlich Ergänzungsleistungen. Die

Erwerbsersatzversicherung für alle hätte

auch den Vorteil, dass man die Schnittstellenprobleme

nicht mehr hätte, wo Einsparungen

bei der einen Kasse zu Mehrausgaben

in der anderen führen. Diesen Effekt

spürt man gerade im Bereich der Sozialhilfe

als letztes Auffangnetz immer wieder

deutlich.

Es wird ja viel argumentiert, es gebe

gar keine Altersarmut. Stimmt das?

Mit der AHV und den Ergänzungsleistungen

ist die Existenzsicherung im Alter

theoretisch gewährleistet. Hingegen genügt

dies nicht für einkommensschwache

Personen, die etwas Vermögen oder

Wohneigentum haben. Auch Rentner, die

aus einer günstigen Mietwohnung ausziehen

müssen, haben häufig keine Chance,

eine mit ihrer Rente finanzierbare Wohnung

zu finden. Die anrechenbaren Mietkosten

bei den Ergänzungsleistungen sind

zudem tiefer als das heutige Mietzinsniveau

in Städten. Viele sind sich dieser Situation

nicht bewusst, solange sie in einer

günstigen Wohnung leben. Natürlich betrifft

das auch junge Familien, die manchmal

grosse Schwierigkeiten haben, mehr

als 2000 Franken pro Monat für die Miete

aufzubringen. In Pflegeheimen leben deshalb

auch Menschen, die an und für sich

keine Pflege benötigen, aber keine andere

bezahlbare Wohnform finden. Es wäre sicher

sinnvoll, die anrechenbaren Mietkosten

bei den EL zu erhöhen.

Es heisst überall: Wohneigentum –

Ihre sichere Altersvorsorge. Warum

haben Hauseigentümer Probleme?

Der grösste Teil der jetzt ins Rentenalter

kommenden Personen – etwa 54 Prozent

– sind Hauseigentümer. Eine ansehnliche

Zahl von ihnen besitzt sogar noch eine

Zweitwohnung. Viele haben für den Kauf

des Wohneigentums Gelder aus der beruflichen

Altersvorsorge vorbezogen. Sie

erhalten dann im Alter weniger Rente. Zu

Problemen führt es vor allem bei Wohneigentümern,

die nach der Pensionierung in

einer zu grossen oder zu luxuriösen Wohnung

leben, die sie sich nicht mehr leisten

können.

Probleme haben also nicht nur diejenigen,

die immer schon arm waren,

sondern gerade auch die mittleren

Einkommen, die besonders unter den

sinkenden Renten der beruflichen

Vorsorge zu leiden haben – ob mit

oder ohne Wohneigentum.

françois höpflinger

François Höpflinger (geb. 1948) hat zwei

erwachsene Kinder und vier Enkelkinder.

Er war bis 2013 Titularprofessor an der

Universität Zürich, leitete Forschungsprojekte

zu demografischen und familiensoziologischen

Themen und 1992–1998 das

Nationale Forschungsprogramm (NFP 32)

Alter/ Vieillesse/ Anziani. Seit 2014 ist er Mitglied

der Leitungsgruppe des Zentrums für

Gerontologie an der Universität Zürich.

Es gibt in der Tat eine grosse Polarisierung

bei den Renteneinkommen aus der

zweiten Säule. Bei der beruflichen Vorsorge

ist das Ungleichheitsmass 0.73, bei

der AHV nur 0.11 (1 entspricht völliger

Ungleichheit, 0 völliger Gleichverteilung,

Anm. der Red.). 44 Prozent der Menschen

im Rentenalter geben das Geld aus, das

reinkommt. Sie sind also nicht in der Lage,

Reserven anzulegen. Und weitere 16 bis

18 Prozent müssen ihr angespartes Vermögen

aufbrauchen. Vor allem längere

Pflegebedürftigkeit im Alter kann selbst

grosse Vermögen auf Null reduzieren.

Tatsache ist, dass die Menschen

immer älter werden und die Altersvorsorge

immer mehr in Finanzierungsprobleme

rutschen wird. Als Lösung

in aller Munde ist jetzt die längere

Erwerbsarbeit im Alter. Auch Sie wären

ja eigentlich schon im Ruhestand. Ist

das Rentenalter 65 zu tief?

Langfristig wird die Erhöhung des Rentenalters

unumgänglich sein, schon allein

deshalb, weil wir einen Fachkräftemangel

haben.

Stellen wir uns vor, die Politik setzt

in einigen Jahren das Rentenalter auf

10 ZeSo 4/16 interview


«Man muss die

Lernhierarchie

umkehren. Die

Jungen müssen

den Alten sagen,

wie Management

heute funktioniert.»

67-70 Jahre fest. Was wären Ihrer einschätzung

nach die Folgen?

Ein höheres Rentenalter braucht eine

Reihe von Begleitmassnahmen: Eine Weiterbildungspolitik

50Plus, neue Arbeitszeiten

mit Ruhephasen etc. Vieles müsste

überdacht werden. Auch die klassischen

Karriereverläufe. Förderlich wäre auch die

Einführung von AHV-Timeout-Phasen, es

müsste möglich sein, während zwei Jahren

AHV-Rente zu beziehen, dann aber wieder

in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Jetzt

ist es ja so, dass man die AHV ab einem

bestimmten Alter bezieht, ob man nun will

oder nicht.

Aber auch mit einem höheren Rentenalter

wird die Rente für viele nicht

genügen, und sie werden auch im Rentenalter

noch etwas dazu verdienen

müssen, sofern das möglich ist.

Das wird sicher immer häufiger der Fall

sein. Das Problem ist, dass jetzt viel höhere

Renten ausbezahlt werden, als das in Zukunft

der Fall sein wird. Das ist eigentlich

nicht nachhaltig. Arbeiten im Alter wird –

wie in den USA – auch in der Schweiz immer

mehr ein Thema werden. Dabei kann es

dazu kommen, dass pensionierte Menschen

vermehrt eine Art Reservearmee für den Arbeitsmarkt

bilden und die Erwerbsarbeit im

Alter je nach Konjunktur schwankt.

In der Sozialhilfe wächst die Gruppe

der 56- bis 65-jährigen deutlich. Es ist

nach wie vor für die meisten älteren

Arbeitnehmer enorm schwierig, eine

neue Stelle zu finden. Sozialversicherungstechnisch

fände also mit einer

Rentenaltererhöhung eine Verschiebung

von der AHV in die ALV resp.

Sozialhilfe statt.

Das stimmt natürlich. Stellen für

60Plus gibt es praktisch keine. Selbst sozial

engagierte Unternehmen stellen lieber

einen jungen Arbeitslosen an als einen

alten, weil sie es als wichtig erachten, den

jungen in den Arbeitsmarkt zu verhelfen.

Wer mal draussen ist, kommt deshalb so

leicht nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurück.

Viele, die 20 bis 30 Jahre lang im

selben Betrieb gearbeitet haben, wissen

zudem schlicht nicht, wie man sich bewirbt,

was heute verlangt wird, wie sie die

eigenen Kompetenzen richtig einschätzen.

Viele Betroffene machen sich selbständig.

interview 4/16 ZeSo

11


«Der Trend wird sein, dass die pensionierte Generation

eine Art Reservearmee für den Arbeitsmarkt bildet.»


Zwei von fünf erwerbstätigen Rentnern

sind heute selbständig, 14 Prozent arbeiten

im Familienbetrieb weiter.

Was bräuchte es denn für Massnahmen,

damit die älteren Arbeitnehmer

länger berufstätig bleiben können?

Müssen Betriebe zum Beispiel gezwungen

werden, ihren Angestellten

Weiterbildung zu ermöglichen?

Man kann das Thema Weiterbildung

nicht allein den Betrieben überlassen.

Diese verfolgen ihre eigenen Interessen.

Aber man könnte aus der AHV Beiträge

an die Weiterbildung bezahlen. In vielen

Branchen müssen Angestellte ihre Weiterbildung

selbst bezahlen, auch wenn sie

sehr sinnvoll wäre, wie zum Beispiel eine

Weiterbildung in der Pflege von Demenzkranken

für Pflegefachfrauen. Nicht alle

können sich so eine Weiterbildung leisten.

Gesundheitsvorsorge, Altersteilzeit, Umschulung

gibt es nur für Arbeitslose und

nicht für ältere Stelleninhaber, denen diese

Massnahmen einen längeren Verbleib auf

dem Arbeitsmarkt oder Selbständigkeit ermöglichen

würden. Die OECD hat in einer

in diesem Jahr publizierten Untersuchung

kritisiert, dass in der Schweiz die Massnahmen

für die Arbeitnehmenden 50+ ganz

der Wirtschaft überlassen sind. Immerhin

passiert jetzt immer mehr hinter den Kulissen.

Offenbar wird Attraktivität für 50+ allmählich

als Wettbewerbsvorteil anerkannt.

Wichtig ist, dass jetzt sehr viele Projekte

realisiert werden.

Was sind das für Projekte?

Es gibt eine ganze Reihe von Organisationen,

Verbänden oder auch Unternehmen,

die hinter den Kulissen neue Modelle erarbeiten

und einüben. Das Netzwerk Silberfuchs

befasst sich beispielsweise mit dem

späteren Rückzug aus dem Arbeitsleben,

andere Initiativen mit dem Thema «mit 55

noch eine neue Unternehmung gründen».

Es passiert viel, auch in der Wirtschaft. Es

wird jetzt hinter geschlossenen Vorhängen

das neue Stück geprobt, während auf der

Bühne noch das alte gespielt wird. Es ist

manchmal besser, die Politik nicht aufzuscheuchen.

Sie sind auf diesem Gebiet selbst aktiv.

Was sind Ihre Erfahrungen?

Viele Angehörige der aktuellen Generation

50+ leben noch in der Welt einer

linearen beruflichen Karriere ohne Brüche

und Neuorientierungen. Verantwortung an

jüngere Personen im Betrieb abzugeben,

wird oft noch als Statusverlust betrachtet.

Doch genau das müsste geschehen. Vielerorts

muss man die Lernhierarchie umkehren.

Die Jungen müssen den Alten sagen,

wie Management heute funktioniert.

Was wären Ihrer Meinung nach wichtige

Elemente einer neuen Arbeitswelt,

in der auch ältere Menschen noch

aktiv bleiben können?

Wir müssen die Trennung von bezahlter

und unbezahlter Arbeit aufheben, beispielsweise

mit Zeitgutschriften für die

Pflege im Alter. Wir müssen ganz andere

Berufskarrieren verstehen lernen. Wir

müssen das Hintereinander von Lernen

– Arbeiten – Rente in ein Neben- und

Miteinander verwandeln. Wichtig wird lebenslanges

Lernen, lebenslanges Aktivsein

– bezahlt und unbezahlt, möglicherweise

auch in Form eines Zivildienstes; Praktika

für Universitätsangehörige, lebenslange

Möglichkeiten, Unternehmen oder Firmen

zu gründen, und immer wieder Ruhephasen

– Mutter- und Vaterschaftsurlaub, mal

ein Sabbatical, Teilzeit-Arbeit. Es braucht

aber in jedem Fall eine soziale Abfederung

für die, die es nicht schaffen.

Auch Sie sind eigentlich im Rentenalter

und widmen immer noch einen

grossen Teil Ihrer Zeit der Forschung.

Was treibt Sie an?

Ich muss betonen, dass ich nie in fester

Anstellung war. Ich habe immer projektbezogen

gearbeitet. Wir haben uns einfach

interessante Themen gesucht. Am Anfang

war das die Unternehmenskonzentration,

12 ZeSo 4/16 interview


da haben wir dann aber so viel herausgefunden,

dass uns die Forschungsgelder abgestellt

wurden (lacht).

Anhand der langen Liste Ihrer Veröffentlichungen,

kann man erkennen,

dass Sie in der Forschung von der Familienplanung,

der Familie,und dem

demografischen Wandel zum Thema

Armut, Alter wanderten und damit den

Phasen des eigenen Lebens folgten. Ist

das eigene Leben für Sie die wichtigste

Quelle der Inspiration?

Das stimmt. Ich habe mich gern mit

den Themen beschäftigt, die mit dem eigenen

Lebenszyklus zu tun haben. Dadurch

ergibt sich auch eine gewisse Verankerung

meiner wissenschaftlichen Arbeit in der

Praxis. Man versteht besser, was die Zahlen

real bedeuten können. Seit den 90er-

Jahren widme ich mich dem Alter.

Eigentlich selbst schon im Rentenalter, ist François

Höpflinger auf seinem Forschungsgebiet immer noch

aktiv.

Bilder: Palma Fiacco

Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse

in der Altersforschung?

Zunächst lautete mein Auftrag herauszufinden,

was das Alter für Katastrophen

auslöst. Ich war schliesslich positiv überrascht

festzustellen, dass das Alter gar

nicht so katastrophal ist. Im Gegenteil,

die Zahlen zeigen zu einem grossen Teil

positive Trends: Beispielsweise hat die

Einsamkeit eher abgenommen und auch

die Altersarmut, wobei diese jetzt eher wieder

ansteigen dürfte. Auch das altersspezifische

Risiko einer Demenz erkrankung

sinkt derzeit. Arme Alte werden deshalb

immer mehr marginalisiert, weil sie in der

Schweiz – anders als beispielsweise in den

meisten osteuropäischen Ländern – eine

kleine Minderheit darstellen. Das Problem

ist, dass es denen, denen es schlecht geht,

noch schlechter geht, wenn es der Mehrheit

besser geht. Armsein in einem reichen

Quartier ist noch schwieriger und macht

einsam.


Das Gespräch führte:

Ingrid Hess

interview 4/16 ZeSo

13


14 ZeSo 4/16 SCHWERPUNKT

Bild: Keystone


Die Verwaltung muss

über Spielräume verfügen

Der Verwaltung wird in vielen Bereichen Ermessen eingeräumt, damit sie Einzelfällen gerecht

werden, auf unterschiedliche Gegebenheiten reagieren kann. Diese Freiheit bedeutet aber auch

Verantwortung, denn die Verwaltung ist verpflichtet, von ihrem Ermessen Gebrauch zu machen.

«Grundlage und Schranke staatlichen Handelns ist das Recht» – so

steht es in Artikel 5 Absatz 1 der Schweizer Bundesverfassung. Die

Verwaltung muss sich daher bei all ihren Tätigkeiten auf eine

Rechtsgrundlage abstützen können, also ein Gesetz oder eine Verordnung,

die sich in den wesentlichen Punkten auf ein Gesetz

stützt. Der Grund, weshalb diesem Gesetzmässigkeitsprinzip in

unserer Rechtsordnung eine so zentrale Bedeutung zukommt, ist

ein doppelter: Die Verwaltung wird im Dienst der Allgemeinheit

tätig, weshalb ihr Handeln über eine demokratisch legitimierte

Rechtsgrundlage verfügen muss. Gleichzeitig soll eine Rechtsgrundlage

aus liberal-rechtsstaatlicher Sicht dafür sorgen, dass das

Handeln der Verwaltung berechenbar wird. Klare rechtliche Vor-

gaben erlauben es schliesslich den Gerichten, die Verwaltung im

Streitfall an diesem Massstab zu messen.

Die Rechtsbindung der Verwaltung führt dazu, dass die Verwaltung

teilweise als «Exekutive» bezeichnet wird, also als «ausführende»

Staatsgewalt. Diese Bezeichnung ist allerdings irreführend,

denn die Verwaltung ist mehr als nur der verlängerte Arm des Gesetzgebers,

sie hat auch eine gestaltende Aufgabe. Hierfür gibt es

verschiedene Gründe: Zuerst einmal kann der Gesetzgeber nie alle

Entwicklungen voraussehen. Er kann unmöglich alle Fragen, mit

denen die Verwaltung dereinst konfrontiert werden könnte, auf

Vorrat beantworten. Selbst im theoretischen Fall, dass der Gesetzgeber

diese prognostische Fähigkeit besitzen würde, wäre es aber

Das Vier-Augen-Prinzip kann zur richtigen Ermessensausübung beitragen.

Bild: Keystone

16 ZeSo 4/16 SCHWERPUNKT


ermessen und Spielräume

nicht sinnvoll, mit einem detaillierten Regelwerk alle Handlungen

der Verwaltung vorzuprogrammieren. Vielmehr gibt es verschiedene

Gründe, der Verwaltung Ermessen einzuräumen. Zuerst einmal

muss die Verwaltung den nötigen Spielraum haben, um jedem

Einzelfall gerecht zu werden. Dies gilt besonders im Bereich

der Sozialhilfe, wo Hilfeleistungen auf die einzelne Person und

ihre konkreten Umstände angepasst werden müssen – die SKOS-

Richtlinien betonen denn auch das Grundprinzip der bedarfsgerechten

«Individualisierung» (s. Beitrag S.18). Im übrigen Verwaltungsrecht

spricht man auch von Einzelfallermessen. Ein weiterer

Grund für die Übertragung von Ermessen ist, dass die Verwaltung

örtlichen Gegebenheiten oder temporären Veränderungen Rechnung

tragen muss. So kann die Höhe einer Unterstützung von

lokal unterschiedlichen Gegebenheiten, etwa ortsüblichen Mietzinsen,

oder der zeitlich schwankenden Teuerung abhängig sein.

Das Anpassungsermessen erlaubt es der Verwaltung, auf solche

Umstände flexibel zu reagieren. Schliesslich soll die Verwaltung

die ihr übertragenen Aufgaben nicht nur rechtmässig, sondern

auch wirtschaftlich (effizient) und wirksam (effektiv) erfüllen.

Dies kann sie oft nur, wenn sie einen gewissen unternehmerischen

Spielraum hat, das sogenannte Managementermessen. Nicht zuletzt

ist es wichtig, dass die Verwaltung je nach Tätigkeitsbereich

besonderen Sachverstand einbringen kann (Sachverständigenermessen)

oder politische Wertungen vorgenommen werden können

(politisches Ermessen).

Rechtsgleiche Praxis etablieren

Überall dort, wo die Verwaltung über Ermessen verfügt, hat sie also

mehr Spielraum und ist in ein weniger enges rechtliches Korsett

eingebunden. Für die Verwaltung bedeutet diese Freiheit gleichzeitig

aber auch eine besondere Verantwortung. Während Private

die ihnen vom Recht zugestandenen Spielräume nach freiem Belieben

nutzen können, beispielsweise die Vertragsfreiheit, ist dies

beim Ermessen der öffentlichen Verwaltung nicht der Fall. Die

Verwaltung muss von ihrem Ermessen Gebrauch machen und

zwar in pflichtgemässer Art und Weise. Sie darf nicht willkürlich

auf völlig unsachliche Kriterien abstellen und sie muss das Ermessen

rechtsgleich ausüben. Tut sie dies nicht, begeht sie einen «Ermessensmissbrauch».

Es spricht somit einiges dafür, dass sich die

Verwaltung selber Regeln auferlegt, um eine sachliche und rechtsgleiche

Praxis zu etablieren.

Gerade in einem Bereich wie der Sozialhilfe, der weitgehend

in die Kompetenz der Kantone und Gemeinden fällt, können Regelwerke

wie die SKOS-Richtlinien auch dazu dienen, ein unerwünschtes

Regelungsgefälle zwischen den Gemeinwesen zu verhindern.

Rechtsgleiche Ermessensausübung bedeutet allerdings

«Die Verwaltung ist mehr als

nur der verlängerte Arm des

Gesetzgebers, sie hat auch eine

gestaltende Aufgabe.»

nicht, dass ein völlig uniformer Massstab auf alle Fälle genau

gleich angewendet wird, sondern eben auch, dass jedem Einzelfall

individuell Rechnung getragen wird. Denn nach einer alten

Spruchformel des Bundesgerichts bedeutet das Gleichheitsgebot,

dass Gleiches nach Massgabe seiner Gleichheit gleich, Ungleiches

nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich zu behandeln ist. In

der Praxis besteht denn auch eher das Problem, dass sich die Verwaltung

hinter ihren Regeln verschanzt und die Augen vor den

konkreten Umständen des Einzelfalls verschliesst. In der Rechtssprache

bezeichnet man dies als «Ermessensunterschreitung».

Entscheide verständlich begründen

Die Rechtswissenschaft beschäftigt sich schon lange mit der Frage,

in welchen Fällen die Gerichte die Ermessensausübung durch

die Verwaltung kontrollieren dürfen, also zum Beispiel ob Ermessensmissbrauch

oder Ermessensunterschreitung vorliegt. Gerichte

können allerdings nur reaktiv tätig werden, wenn eine Seite ein

Gericht anruft. Wenig beschäftigt hat sich die Rechtswissenschaft

bislang mit der Frage, welche Massnahmen präventiv getroffen

werden können, um eine richtige Ermessensausübung zu garantieren.

Neben dem Erlass von Richtlinien, die so formuliert sind,

dass sie eine einzelfallgerechte Praxis erlauben, gehören sicher die

Personalrekrutierung sowie die Aus- und Weiterbildung zu diesen

vorbeugenden Massnahmen. Aber auch organisatorisch lassen

sich Vorkehrungen treffen, etwa standardisierte Abklärungsvorgänge,

das Vier-Augen-Prinzip oder eine verwaltungsinterne Supervision.

Schliesslich ist auch wichtig, dass Entscheide so begründet

und kommuniziert werden, dass sie die Betroffenen

verstehen und akzeptieren können. Der wohl wichtigste Aspekt ist

aber, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen

Verwaltung ihrer Verantwortung bewusst sind und diese

auch wahrnehmen.


Benjamin Schindler

Professor für öffentliches Recht, Universität St. Gallen

SCHWERPUNKT 4/16 ZeSo


Massgebend ist der Mensch in seiner

individuellen Notsituation

Die Sozialhilfegesetze der Kantone sehen (explizit oder implizit) vor, dass grundsätzlich die

individuellen Bedürfnisse und die Gegebenheiten des Einzelfalles massgebend sind. Das

sogenannte Individualisierungsprinzip gilt als typischer Leitsatz der Sozialhilfe.

Mit der Aufklärung und der in der Soziologie bekannten

Individualisierung erhielt das Individuum eine neue Kernstellung

in der Gesellschaft. Der Mensch als autonomes Wesen mit eigener

Würde, persönlichen Bedürfnissen und Interessen wurde zur

Zweckbestimmung, Gestaltungs- und Beurteilungsnorm. In

der Folge fand um die Wende zum 20. Jahrhundert auch im

Armenwesen ein Umdenken statt. Anstelle des Almosenverteilens

an das Bettlervolk trat die sogenannte rationelle Armenpflege.

Neu wurden die einzelnen bedürftigen Personen regelhaft aus

der Masse hervorgehoben und eine Hilfe unter Berücksichtigung

ihrer individuellen Bedürfnisse und Verhältnisse gewährt

(Individualisierungsprinzip). Das Ziel war eine humane,

zweckdienliche und planmässige Unterstützung.

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich die aus den USA

und Kanada stammende Methode des «social casework» durch.

Die Bedürftigen wurden neu als Individuen mit eigener Subjektstellung

wahrgenommen. Ihnen wurde eine Mitwirkung im

Hilfeprozess zugestanden und es wurde auf eine Hilfe zur Selbsthilfe,

Aktivierung der eigenen Ressourcen sowie Übernahme von

Selbstverantwortung geachtet. Während die Individualisierung

der Hilfe zuerst nur in Ansätzen in den kantonalen Gesetzen über

das Armenwesen verankert war, figurierte sie ab Mitte des 20.

Jahrhunderts als positiv-rechtlicher Grundsatz der Sozialhilfe in

den Fürsorge- und späteren Sozialhilfegesetzen. Staatliche Unterstützung

soll auf die individuelle Situation zugeschnitten werden.

Entsprechend dieser rechtlichen Vorgabe müssen die Akteure

der Sozialen Arbeit bis heute Massarbeit leisten. Im Zentrum der

Fallarbeit stehen die in Not geratene Person und ihre individuelle

Situation. Ihre sozialen Probleme werden methodisch erfasst. Die

Bedürftigkeit wird durch die individuellen Verhältnisse, die stets

auch im sozialen Kontext zu betrachten sind, bestimmt und die

Hilfe entsprechend bemessen.

«Die Sozialhilfe bewegt

sich im Grundrechtsbereich

des Persönlichkeitsschutzes,

weshalb

die persönlichen

Bedürfnisse und

Verhältnisse besonders

zu beachten sind.»

Der Individualisierungsgrundsatz wird auch im umfassenderen

Sinne, das heisst in seiner Funktion der Herstellung von Einzelfallgerechtigkeit,

verstanden. Er dient nicht nur als Massstab

für die Bemessung, sondern auch für die Anspruchsklärung, Kürzung

und Rückerstattung von Leistungen. In der Sozialhilfe wird

durchwegs individualisiert. Sozialhilfeentscheide erfordern eine

eingehende Sachverhaltsabklärung und eine umfassende Abwägung

von Zumutbarkeits-, Bedürfnis-, Verhältnismässigkeits- und

Härtefallaspekten. Es geht darum, den Menschen in einer individuellen

Notsituation richtig zu sehen und in jedem Einzelfall den

materiell richtigen Entscheid zu finden. Da sich die Sozialhilfe im

Grundrechtsbereich des Persönlichkeitsschutzes bewegt, sind das

Gebot der Menschlichkeit und die persönlichen Bedürfnisse und

Verhältnisse besonders zu beachten.

Wirtschaftliche Hilfe relativ bestimmt geregelt

Um die Individualisierung sicherzustellen, räumen die kantonalen

Gesetze, die zur Bemessung der Hilfe teilweise auf die SKOS-

Richtlinien verweisen, den Sozialhilfebehörden Ermessens- und

Beurteilungsspielräume bei der Gewährung von Sozialhilfe ein.

Entsprechend haben die Sozialhilfebehörden unbestimmte

Rechtsbegriffe im Einzelfall anzuwenden, beispielsweise «situationsbedingte

Leistungen im Ermessen der Sozialhilfebehörden

[SIL]» gemäss SKOS-Richtlinien oder «soweit zumutbar». Weiter

haben sie aus mehreren Arten von Hilfeleistungen wie Geld- oder

Sachleistungen, Kostengutsprachen, Beratung, Information, Vermittlung,

Betreuung und Begleitung die im Einzelfall passenden

auszuwählen. Sie müssen die Hilfeleistungen kombinieren und

über die Ausgestaltung und den Umfang entsprechend den individuellen

Bedürfnissen und Gegebenheiten befinden. Die wirtschaftliche

Hilfe ist mit Ausnahme der erwähnten SIL in den kantonalen

Gesetzen relativ bestimmt geregelt. Bei der persönlichen

Hilfe ist hingegen relativ wenig festgelegt. Teilweise bestehen besondere

Härtefallklauseln.

Die Gewährung von Hilfe muss rechtmässig, zweckmässig und

insgesamt sachlich nachvollziehbar sein, damit das Ermessen als

pflichtgemäss und nicht rein subjektiv ausgeübt gilt. Die Behörden

haben eine Rechtspflicht zur Objektivität. Die Entscheide

müssen zudem eingehend begründet werden. Um die Angemessenheit

von individuellen Leistungen, insbesondere von situationsbedingten

Leistungen (SIL) beurteilen zu können, kann ein

Prüfschema dienen (s. Kasten).

Die Zusammenarbeit mit der hilfesuchenden Person ist von

erheblicher Bedeutung. Ihre persönliche Notsituation kann nur

durch Kooperation und professionelle Soziale Arbeit angemessen

erhoben und bearbeitet werden. Die Betroffenen sind zur Mitwir-

18 ZeSo 4/16 SCHWERPUNKT


ermessen und Spielräume

Eine gute Zusammenarbeit ist von grosser Bedeutung, um die Notsituation richtig zu erfassen.

Bild: Keystone

kung verpflichtet und berechtigt. Sie verfügen jedoch über kein

explizites Wunsch- oder Wahlrecht in bestimmten Situationen.

Solche Rechte sind beispielsweise im Erwachsenenschutzrecht

oder deutschen Sozialgesetzbuch enthalten. Zu den Methoden der

Beratung und Betreuung wird in den kantonalen Gesetzen wenig

geregelt. Vereinzelt wird auf fachliche Grundsätze verwiesen, die

eingehalten werden müssen. Es kann demnach eine Vielfalt von

fachlich anerkannten Methoden angewendet werden. Diese Methodenvielfalt

sollte gesetzlich stets gewährleistet bleiben, damit

die Sozialarbeitenden im kommunikativen Hilfsprozess angemessen

auf die betroffene Person und ihre Situation eingehen und bei

Bedarf neue Methoden anwenden können. Vorgaben der Sozialdienste

zwecks Vereinheitlichung der internen Beratungspraxis

sind denkbar.

In der Sozialhilfe wird auch generalisiert. So wird beispielsweise

der Grundbedarf für den Lebensunterhalt in Form einer Pauschale

ausgerichtet (GBL-Pauschale gemäss SKOS-Richtlinien).

Soll die Pauschale im Einzelfall unterlaufen werden, müssen triftige

Gründe vorliegen. Das Interesse an einer genau den individuellen

Verhältnissen entsprechenden Hilfe muss das Interesse

an einem praktikablen und ökonomischen Vollzug der Sozialhilfe

und an minimaler Rechtssicherheit über die monatliche Hilfeleistung

und Möglichkeit der selbstbestimmten Budgeteinteilung

klar überwiegen (deutliche Privilegierung). Ansonsten könnte

der Staat unter dem Deckmantel des Individualisierungsprinzips

jederzeit die aufgrund einer komplexen Berechnung festgelegte

GBL-Pauschale wieder unterlaufen.


Iris Schaller

Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz Stadt Bern, Abteilungsjuristin

Prüfschema für die

Angemessenheit von SIL

(1) Vorliegen einer umfassenden Sachverhaltsabklärung

(2) Deckung des individuellen Bedarfs

(3) Geeignetheit/Wirksamkeit

(4) Zielgerichtetheit

(5) Zumutbarkeit

(6) Kosten-Nutzen-Verhältnis

(7) Risiken-Chancen-Verhältnis

(8) Wahrung der Untergrenze (Grundrecht auf Hilfe in Notlagen)

(9) Wahrung der Obergrenze (soziales Existenzminimum)

(10) Vermeidung eines Härtefalls

(11) Rechtsgleichheit (Hilfe im Rahmen des Gesetzes und der

Richtlinien; bei besonderem Einzelfall in Abweichung von

Richtlinien).

publikation

Iris Schaller Schenk, Das Individualisierungsprinzip, Bedeutung in der

Sozialhilfe aus verfassungs- und verwaltungsrechtlicher Perspektive, DIKE

Verlag, 2016.

SCHWERPUNKT 4/16 ZeSo


Ermessensentscheide gehören zur

alltäglichen Arbeit in den Sozialdiensten

Die ZESO hat sich bei zwei Sozialarbeitenden in Wädenswil und Winterthur erkundigt, wie sie die

Spielräume in der Sozialhilfe einschätzen und welche Herausforderungen diese in der Praxis

mit sich bringen.

«Spielräume erlauben, kreative

und flexible Lösungen zu finden»

Cathrin Hüsser

Leiter-Stellvertreterin

Soziale Dienste Wädenswil

Wir haben aus meiner Sicht viele Ermessensspielräume im Arbeitsalltag.

In unserem Sozialdienst gibt es zwar Handlungsanweisungen

und Praxishilfen, die den vorgegebenen gesetzlichen Rahmen

eingrenzen und konkretisieren. In der Regel ist eine

Maximalhöhe für situationsbedingte Leistungen (SIL) vorgesehen.

Bis zu dieser Höhe sind wir Sozialarbeitenden aber frei, sofern wir

dies fachlich begründen und somit gegenüber der Behörde legitimieren

können. Auch bei der persönlichen Hilfe bilden interne

Leitlinien den Rahmen, diese sind aber sehr offen gehalten und

lassen Raum für Ermessen. Viel Spielraum habe ich bei der Integration

der Klientinnen und Klienten, da uns die gesamte Programmpalette

des Kantons Zürich zur Verfügung steht. Ich mache

ihnen ein Angebot aufgrund ihrer Wünsche und den Fähigkeiten

und stelle dann bei Einverständnis Antrag an die Behörde. Es liegt

auch in meiner Befugnis zu entscheiden, ob ich für ein Gespräch

einen Dolmetscher benötige oder ohne Übersetzung auskomme.

Auch bei den Auszahlungsmodalitäten oder der Häufigkeit der

Termine bestehen Spielräume – um nur einige wenige Themen zu

nennen.

Ermessensspielräume sind für mich sehr wichtig, damit ich

sach- und fachgerechte Hilfe im Einzelfall anbieten und so dem

Grundsatz der Individualität der Hilfe gerecht werden kann. Diese

Einzelfallhilfe ist für mich eine grosse Stärke der heutigen Sozialhilfe

und macht unsere Arbeit auch spannend und vielfältig. Die

Spielräume erlauben immer wieder individuelle, mitunter auch

kreative und flexible Lösungen zu finden. Wichtig erscheint mir

jedoch, dass in eine Entscheidung möglichst alle Aspekte einbezogen

werden, damit der Entscheid gut begründet werden kann und

auch die Klienten nachvollziehen können, weshalb ich einmal so

entscheide und in einem ähnlichen Fall anders.

Bei Ermessensentscheiden prüfe ich jeweils: Liegt mein Entscheid

innerhalb des rechtlichen und internen Rahmens? Wird die

konkrete Situation durch die gesprochene Leistung entscheidend

verbessert? Ist der Entscheid auch verhältnismässig? Sind die Leistungen

mit den Möglichkeiten von nicht Unterstützten vergleichbar?

Ist mein Entscheid sachlich und fachlich nachvollziehbar

und begründet? Und wurde in einem vergleichbaren Fall ähnlich

entschieden? Je grösser der Handlungsspielraum ist, umso besser

muss die im Einzelfall gewährte Hilfe aus meiner Sicht begründet

werden.

Bei diesem Vorgehen laufe ich nicht Gefahr, eine Ermessensunterschreitung,

-überschreitung oder sogar einen Ermessensmissbrauch

zu begehen. Damit sind wir bei den Risiken: Wo ein

Spielraum ist, gibt es immer ein besonderes Machtverhältnis, dessen

man sich als Sozialarbeitende sehr bewusst sein muss. Solche

Entscheidungen müssen aus rein sachlichen und fachlichen Aspekten

erfolgen und Emotionen sollten weggelassen werden. Nur

weil Klienten bisweilen schwierig, unangenehm oder negativ auffallen,

rechtfertigt dies nicht, Spielräume nicht zu nutzen. Zudem

sollte man sich innerhalb des Sozialdienstes einigermassen abgesprochen

haben, wann welche Leistungen in welcher Höhe bewilligt

werden, damit bei gleichem Sachverhalt nicht der eine Klient

bei Sozialarbeiter X mehr erhält als der andere Klient bei Sozialarbeiterin

Y. Da ist der Grat zur Willkür schnell schmal. Deswegen

erachte ich regelmässige Fachaustauschsitzungen als sehr wichtig,

in denen die Spielräume immer wieder besprochen werden. Der

Austausch ermöglicht, dass alle eine ähnliche Haltung vertreten.

Zudem sollten aus meiner Sicht gewisse Rahmenbedingungen,

die der Gesetzgeber offengelassen hat, spezifisch für die regionalen

Begebenheiten konkretisiert und als verbindliche Richtlinien

oder Praxishilfen umgesetzt werden. Ich denke hierbei an

Mietzinsrichtlinien oder situationsbedingte Leistungen wie Umzugskosten,

Baby- und Wohnungserstausstattungen oder schulergänzende

Betreuungskosten. Dies engt zwar den Spielraum etwas

ein, jedoch reduziert es Willkür und die Rechtsgleichheit bleibt

gewahrt.


20 ZeSo 4/16 SCHWERPUNKT


Ermessen und Spielräume

«Es besteht die Gefahr, dass man die

Spielräume nicht mehr wahrnimmt»

Martin Greter

Abteilungsleiter Sozialberatung 4

Soziale Dienste Winterthur

Schätzungsweise 90 Prozent unserer Sozialhilfe-Dossiers sind

Normfälle, bei denen es um die Existenzsicherung geht und der

finanzielle Hilfeprozess ziemlich klar ist. In der wirtschaftlichen

Sozialhilfe ist viel vorgegeben. Die SKOS-Richtlinien und das kantonale

Sozialhilfegesetz bestimmen den Rahmen. Darüber hinaus

ist viel in internen Regelwerken wie Kompetenzordnung und Praxisanweisungen

geregelt. Bei den situationsbedingten Leistungen

tut sich ein weites Feld für Ermessensentscheide auf. Zusätzliche

Leistungen müssen fachlich aber immer gut begründet sein und

die Kosten müssen in einem sinnvollen Verhältnis zum erzielten

Nutzen stehen. Dieser Spielraum wird zum Teil sicherlich nicht

ausgeschöpft, wenn der Fokus auf die geltende Norm gelegt wird,

weil Abweichungen mit zeitaufwändiger Einschätzungsarbeit

verbunden sind. Zweifellos müssen wir dem Auftrag der Behörde

nachkommen, die finanzielle Besserstellung unserer Klientel im

Vergleich mit nicht unterstützten Haushalten zu vermeiden. Aber

es besteht die Gefahr, dass man die Spielräume nicht mehr sieht,

wenn man sich nur auf die reibungslose Abwicklung der Fälle konzentriert.

Diese Spielräume, die immer in Verbindung mit einem

fachlichen Diskurs stehen, müssen wir Sozialarbeitenden zurückerobern.

Ein wichtiges Ziel der Sozialhilfe ist aber auch die persönliche

Hilfe. Hier wird uns ein grosser Ermessensspielraum geschenkt.

Das kann man nicht an bestimmten Themen festmachen, denn

es unterscheidet sich von Fall zu Fall. Bereits beim Aufgleisen des

Hilfeprozesses muss ich mit dem Klienten einen Raum schaffen,

der es ermöglicht, den Willen zur Veränderung und die vorhandenen

Ressourcen gemeinsam zu erkunden. Um in diesen Prozess

einzusteigen, muss man sich Zeit nehmen. Es stellt sich aber die

Frage, ob Sozialarbeitende überhaupt Zeit haben, diesen Raum

bieten zu können. In unserer Sozialberatung betreut jeder Sozialarbeitende

120 bis 130 Dossiers. Da bleibt pro Fall und Monat

rund eine Stunde Zeit, von der die Hälfte für die nötige Administration

und Dokumentation weggeht. Aber um Ermessensspielräume

nutzen zu können, muss man Zeit haben, den Klienten mit

seinen Voraussetzungen wahrzunehmen und anschliessend auch

zu vereinbaren, was für den Hilfeprozess relevant ist.

Es geht immer um Einschätzungen und Abwägungen und dieser

Prozess lässt sich nicht standardisieren. Vielmehr kommt der

Sozialarbeitende mit all seinem Fachwissen zum Zug. Ich nehme

das Bild eines Surfbrettes, das für unsere Fachlichkeit und Erfahrung

steht: Wenn sich Spielräume auftun, müssen wir mit Freude

auf das Brett steigen und den Mut haben, uns selbstsicher in

die Wellen zu stürzen. Sozialarbeiterische Methoden sind dabei

natürlich wichtig. Und entscheidend ist, dass wir regelmässig interne

Fallbesprechungen durchführen. Manchmal muss man den

Diskurs suchen und auch Klarheit einfordern: Wie wollen wir das

in unserem Sozialdienst handhaben? Als Sozialarbeitende müssen

wir Glaubenssätze stets hinterfragen und wo nötig neue Strategien

entwickeln, um mit bestimmten Situationen umzugehen. Wenn

ein Klient mit einem besonderen Anliegen kommt, dürfen wir

nicht einfach sagen, dass es nicht geht, weil wir es noch nie so gelöst

haben. Und die aussergewöhnlichen Fälle sind für uns ja auch

die spannenden.

Auch wenn es Spielraum heisst – ein freies Spiel ist es nicht.

Ein Ermessensentscheid muss immer einen fachlichen Nutzen

haben. Nicht nur für den Klienten persönlich, sondern für den gesamten

Hilfeprozess, der nebst der Existenzsicherung das Ziel hat,

die wirtschaftliche und persönliche Selbstständigkeit zu fördern.

Es ist eine doppelseitige Geschichte: Einerseits ist die Sozialhilfe

sehr strukturiert und die Spielräume sind insgesamt klein. Wir

dürfen aber nicht vergessen, dass der Ermessensspielraum im Einzelfall

trotzdem eine sehr grosse Rolle spielen kann. •

SCHWERPUNKT 4/16 ZeSo

Aufgezeichnet:

Regine Gerber


Ermessen ist Auftrag und Kompetenz,

keine Frage des Beliebens

Die Ombudsstelle der Stadt Zürich macht immer wieder die Erfahrung, dass Mitarbeitende der

Sozialhilfe befürchten, den Ermessensspielraum zu überreizen. Das Gegenteil ist der Fall: In der

Praxis werden die bestehenden Spielräume zu wenig ausgenutzt.

Ermessen ist eine Gestaltungskompetenz für die gesamte Verwaltungstätigkeit

und ist bei der Anwendung in allen Bereichen der

Rechtsordnung wahrzunehmen und auszufüllen. Ihr kommt aber

in der Sozialhilfe aufgrund des Individualisierungsgrundsatzes

besondere Bedeutung zu. Die Gesetzgebung trägt dem auch mit

vielen «Kann»-Vorschriften, alternativen Handlungsmöglichkeiten

und unbestimmten Rechtsbegriffen Rechnung. Die Gesetzgebung

zur Sozialhilfe wie auch die SKOS-Richtlinien erfuhren in den letzten

Jahren vor allem aufgrund des politischen Drucks eine grössere

Regeldichte und wurden in der Regel restriktiver. Einzelfragen,

beispielsweise das Autoverbot im Kanton Zürich, wurden teils heftig

debattiert. Doch die Problematik liegt vor allem bei der mangelnden

Ausnutzung des nach wie vor bestehenden Handlungsspielraums

durch die Akteurinnen und Akteure in der Praxis.

Der politische Diskurs, dem oftmals eine mediale Skandalisierung

von Einzelfällen vorausgeht, verfehlt aber seine Wirkung

nicht: Mitarbeitende der Sozialhilfe berichten der Ombudsstelle

immer wieder, dass sie sich unter Druck fühlen, den Ermessensspielraum

nicht überreizen möchten und nicht verantwortlich sein

wollen für allfällig neue Polemiken, die dann wiederum zu neuen

Einschränkungen und restriktiveren Regelungen führen könnten.

Anderseits fehlt es teils auch am Bewusstsein, dass das dichte

Regelwerk eine kritische Überprüfung des Anzuwendenden und

damit die Berücksichtigung des Ermessens erfordert und nicht

einfach in Stein gemeisselt ist.

Bereichen Gesundheit, Erziehung und Bildung, Ausbildung und

Berufsleben, Wohnen sowie gesellschaftliche und kulturelle Teilnahme-

und Teilhabemöglichkeiten. Nicht zu vergessen sind die

spezifischen Bedürfnisse der Kinder der Klientinnen und Klienten.

Spricht die Ombudsstelle diese Bedürfnisse an und erkundigt sich

nach konkreter fachlicher Unterstützung und intensiverer Begleitung,

stösst sie zwar häufig auf Verständnis und die Einsicht, dass

diesbezüglich im konkreten Einzelfall durchaus Handlungsbedarf

bestehe. Gleichzeitig wird immer wieder bedauernd auf die beschränkten

Ressourcen hingewiesen, die eine Konzentration auf

die korrekte Ausrichtung der Wirtschaftshilfe erforderten und andere

Unterstützungsformen in den Hintergrund drängten. In diesen

Fällen kommt die Sozialhilfe ihrem gesetzlichen Auftrag nicht

oder zumindest nicht in genügendem Ausmass nach. Parallel dazu

wird auch der Ermessensspielraum eingeengt, indem bei der Prüfung

von einzelnen Massnahmen dem Verständnis für die Gesamtzusammenhänge

und die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen

Faktoren nicht genügend Beachtung geschenkt wird.

Fokus auf korrekter Ausrichtung der Wirtschaftshilfe

In der politischen Diskussion steht bei der Sozialhilfe die Wirtschaftshilfe

im Fokus der Aufmerksamkeit. In der Öffentlichkeit interessieren

die Ausgaben für die Wirtschaftshilfe, die Kosten für die

gewährten einzelnen Leistungen und die Einzelheiten zu den jeweiligen

Budgets der Bezügerinnen und Bezüger. Aber auch in der

Praxis selbst ist eine Konzentration auf die Wirtschaftshilfe und damit

auf die pekuniären Leistungen wahrzunehmen. Dies engt nicht

nur den Blickwinkel auf die Aufgabe der Sozialhilfe unzulässig ein,

sondern führt automatisch zu einer Einschränkung des Ermessens.

Denn: Auftrag und Zielsetzung der Sozialhilfe ist die soziale Integration

der Betroffenen – mit sämtlichen Facetten. Damit verbunden

ist ein breiter Blickwinkel, der sämtliche Lebensbereiche miteinbeziehen

muss. Sozialhilfe heisst so verstanden auch die

Förderung und Unterstützung mit geeigneten Massnahmen in den

Sozialhilfe betrifft viele Themenbereiche.

Bild: Keystone

22 ZeSo 4/16 SCHWERPUNKT


Ermessen und Spielräume

Stattdessen wird der Schwerpunkt darauf gelegt, bei der Ausrichtung

der finanziellen Leistungen ja keine Fehler zu machen und vor

allem keine zu grosszügigen Auszahlungen vorzunehmen.

Ermessensausübung ist aufwändige Alltagsarbeit

Ermessensausübung verursacht Arbeit und kann zeitaufwändig

sein. Sie löst zuweilen auch Verunsicherung aus und stellt eine Herausforderung

dar. Es braucht die Bereitschaft, die Verantwortung

für die eigenen Überlegungen und vielleicht neue Lösungen zu

übernehmen und dafür einzutreten. Sie verlangt namentlich, dass

die zu treffende Entscheidung auf einer eigenständigen, situativen

Begründung basiert. Die Hinweise, man habe dies bisher immer so

gemacht oder das Gleichbehandlungsgebot verlange dies eben, wären

nicht ausreichend. Steigende Fallzahlen, mehr Klientinnen und

Klienten für die einzelnen Fallführenden und Sachbearbeitenden

wie auch der überall spürbare Spardruck sind sicherlich nicht förderlich

für die an sich erforderliche Berücksichtigung der Gerechtigkeit,

die es im Einzelfall zu beachten gilt, also für die angemessene

Ausübung des Ermessens. Sie widersprechen diesem Gebot,

erschweren dessen Wahrnehmung und sind für die Mitarbeitenden

im Arbeitsalltag auch spürbar. Den Hinweis auf die fehlenden zeitlichen

Kapazitäten hören wir öfters als Argument, wenn die Ombudsfrau

ein unsorgfältiges, auf den Einzelfall zu wenig ausgerichtetes

Abwägen des Ermessens kritisiert. In der Regel werden sich

Ombudsstelle und die für die Sozialhilfe Zuständigen in der Beurteilung

der Sache einig. Die Mitarbeitenden verweisen aber wiederholt

auf den grossen Aufwand, den eine angemessene Entscheidfindung

verlange und deren präjudizielle Wirkung, wenn nun immer

nach diesen Anforderungen und Kriterien vorzugehen sei. Mit ihren

personellen Ressourcen könne dieses an sich auch von ihnen gewünschte

Vorgehen schlicht nicht geleistet werden.

Die Ausübung des Ermessens stellt keine Verletzung des

Gleichbehandlungsgebots dar und steht auch in keinem Widerspruch

oder Spannungsverhältnis zu ihm. Im Gegenteil: Sie trägt

wesentlich zur Umsetzung des Gleichbehandlungsgebots bei,

konkretisiert und gestaltet es im Einzelfall. Sie ist auch nicht eine

Ausnahme, die nur zurückhaltend Beachtung finden und gröbste

Fehlentscheide korrigieren soll. Dieses Missverständnis begegnet

der Ombudsstelle aber in der Praxis immer wieder. Wo immer

die rechtlichen Vorschriften der Sozialhilfe einen Ermessensspielraum

einräumen, ist dieser wahrzunehmen. Die Ermessensausübung

ist also Alltagsarbeit. Ihr kann am besten Folge geleistet

werden, wenn die Mitarbeitenden bei einem Entscheid sich stets

überlegen, wie sie ihn für sich materiell, inhaltlich begründen,

welche Güter- und Interessenabwägungen sie vornehmen, welches

Argument schliesslich für sie ausschlaggebend ist. Dieses Begründungsgebot

kann die Rolle einer wirkungsvollen «Neunerprobe»

gegenüber der Macht der Gewohnheit, der langjährigen Praxis

oder dem Zeitdruck einnehmen.

Das Bewusstsein für die Bedeutung der Grund- und Menschenrechte

in der Sozialhilfe ist in den letzten Jahren erfreulicherweise

gestiegen. Dennoch erleben wir, wie schwierig es ist, dass das

Thema nicht nur als «nice to have» wahrgenommen, sondern als

Pflichtstoff erkannt wird, mit dem sich alle in der Sozialarbeit

und in der Sozialhilfe Tätigen ernsthaft auseinandersetzen und

beschäftigen sollten. Die Berücksichtigung der Grund- und Menschenrechte

in der Sozialhilfe stellt eine weitere, inhaltlich unerlässliche

Dimension für die Entscheidfindung dar. Sie hat daher

einen gewichtigen, selbständigen Platz einzunehmen. Gleichzeitig

beeinflusst sie aber auch die Ermessensausübung und liefert

relevante Begründungshilfen im Einzelfall.


Claudia Kaufmann

Ombudsfrau Stadt Zürich


Führt Wohlstand zu Wohlbefinden?

Eine Untersuchung belegt, dass in der Schweiz ein systematischer Zusammenhang zwischen

Wohlstand und Zufriedenheit besteht. Die allgemeine Zufriedenheit von Personen in prekären und

armen Verhältnissen ist geringer als bei Wohlhabenden. Ein Gewöhnungseffekt nach einer längeren

Verweildauer in tieferen Wohlstandspositionen ist nicht beobachtbar.

Studien zeigen, dass die Schweiz zusammen

mit Dänemark und Island die höchsten Zufriedenheitswerte

aller OECD-Mitgliedstaten

aufweist. Unterschiede innerhalb der

Bevölkerung in der Schweiz entsprechen jenen

von internationalen Befunden. Während

sich die Lebenszufriedenheit bezüglich

Geschlecht oder Bildungsstand kaum unterscheidet,

bestehen Unterschiede nach Altersgruppen,

Haushaltstypen und Staatsangehörigkeit:

Jüngere und ältere Personen

sind zufriedener als Personen mittleren Alters,

in Haushalten mit Kindern ist man allgemein

zufriedener als in anderen Haushaltstypen

und Personen ausländischer

Herkunft sind weniger zufrieden als Schweizerinnen

und Schweizer. Wenn neben dem

allgemeinen Wohlbefinden die Zufriedenheit

in anderen Lebensbereichen erfragt

wird, zeigen die Daten aus dem Schweizer

Haushalt-Panel, dass die Zufriedenheit mit

dem sozialen Umfeld (Wohnung und soziale

Beziehungen) am höchsten und die Zufriedenheit

mit der persönlichen finanziellen

Situation am tiefsten ausfällt.

Zufriedenheit und Wohlfahrtsniveau

Das allgemeine Zufriedenheitsniveau unterscheidet

sich allerdings auch nach Wohlfahrtsniveau

der Betroffenen. Die Forschungsliteratur

liefert umfangreiche

empirische Evidenz dafür, dass das individuelle

Wohlbefinden mit steigender sozialer

Ungleichheit abnimmt. Panelergebnisse

belegen, dass Einkommensverluste die

Lebenszufriedenheit stärker beeinflussen

als Einkommensgewinne. Armut sollte allerdings

nicht allein durch die finanzielle

Situation erfasst werden. Vielmehr kommt

dem Lebensstandard der Betroffenen und

der damit verbundenen sozialen und kulturellen

Partizipation eine zentrale Rolle

zu. Die angelsächsische Armutsforschung

rückte dabei die bahnbrechende Konzeption

von Armut als «relative Deprivation» in

den Vordergrund. In diesem Zusammenhang

definierte Townsend 1979 die konsistente

Armut über die Verknüpfung zweier

Dimensionen: (i) über mangelnde

Ressourcen wie Einkommen und (ii) über

Entbehrungen einer materiellen, sozialen

und kulturellen Teilnahme, verglichen mit

dem durchschnittlichen Lebensstandard

in einem Land. Die Verschränkung dieser

zwei Dimensionen ermöglicht somit eine

Typologie von Wohlstandspositionen:

SOZIALBERICHT 2016

Die ausführliche Fassung des hier präsentierten

Texts ist im Sozialbericht 2016 mit dem Fokus

Wohlbefinden erschienen. Der Sozialbericht wird

herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum

Sozialwissenschaften FORS mit der Unterstützung

des Schweizerischen Nationalfonds.

Weitere Informationen: www.sozialbericht.ch.

- «Armut» liegt vor, wenn Personen sowohl

einkommensarm (in der Regel

liegt die Grenze bei weniger als 60 Prozent

des entsprechenden Medianeinkommens)

wie auch arm aufgrund der

Deprivationen sind;

- Eine «prekäre» Wohlstandsposition

nehmen Personen ein, die materielle

Deprivationen beziehungsweise Entbehrungen

erfahren oder einkommensarm

sind;

- «Wohlstand» ist die Position von Personen,

die weder einkommensarm noch

depriviert sind.

Ausgehend von der konzeptionellen

Abgrenzung der Wohlstandspositionen

kann angenommen werden, dass in den

modernen Gesellschaften die finanziellen

Ressourcen und ein minimaler Lebensstandard

eine generelle Voraussetzung für

soziale Partizipation und damit für Integration

sind. Neben der materiellen Relevanz

wird auch der soziale Charakter der

Bedürfnisbefriedigung nach Integration,

Freiheit und Selbstverwirklichung angesprochen.

Die Erfahrung von Entbehrung

oder Deprivation in der Lebensweise in

Form von Aktivitäten, denen nicht nachgegangen

werden kann, oder von Gütern,

die infolge mangelnder Ressourcen fehlen

(in Abgrenzung zu einer selbstbestimmten

Lebensweise, in der jemand freiwillig auf

Aktivitäten oder Güter verzichtet), ist demnach

wichtig. Ein starker Zusammenhang

zwischen den konzeptualisierten Wohlstandspositionen

und der Zufriedenheit

scheint naheliegend.

Wohlstandsniveau und allgemeiner

Lebenszufriedenheit

Die Grafik rechts veranschaulicht das allgemeine

Zufriedenheitsniveau je nach Verweildauer

in der entsprechenden Wohlstandsposition.

Zum einen zeigt sich, dass

die durchschnittliche Zufriedenheit von

24 ZeSo 4/2016 WOHLBEFINDEN


Personen in Armut wesentlich tiefer ausfällt.

Zum anderen ist ersichtlich, dass die Entwicklung

über die Zeit je nach Wohlstandsniveau

unterschiedlich verläuft: Im Wohlstand

steigt die allgemeine Zufriedenheit

minim bzw. bleibt mehr oder weniger stabil.

Die Verweildauer in einer prekären Wohlstandsposition

geht mit einer leicht rückläufigen

Zufriedenheit einher. Die stärksten Veränderungen

zeichnen sich bei

armutsbetroffenen Personen ab: Deren allgemeine

Zufriedenheit sinkt stärker, besonders

nach einem längeren Verbleib in Armut. Armut

wirkt sich also auch langfristig auf das

Wohlbefinden aus und über die Jahre hinweg

sind keine Gewöhnungseffekte erkennbar.

Sozialer Lebenskontext

Aus einem dynamischen Blickwinkel kann

ein systematischer Zusammenhang zwischen

den hierarchischen Wohlfahrtspositionen

(Wohlstand, Prekarität und Armut) und

der Zufriedenheit belegt werden. Gerade bei

einer langandauernden Armutsposition

kommt es zu einer langfristigen und erheblichen

Senkung des allgemeinen Zufriedenheitsniveaus

der Betroffenen. Besser gestellt

zu sein, scheint hiermit dem Wohlbefinden

förderlich, schlechter gestellt zu sein, beeinträchtigt

es. Aufgrund der gewonnenen Ergebnisse

sollten unterschiedliche Lebensphasen

und deren Einfluss auf das

Wohlbefinden nicht allein im Zusammenhang

mit den individuellen Einstellungen

und Aspirationen reflektiert werden. Sie sollten

vielmehr auch im Kontext von gesellschaftlichen

Erwartungen sowie den damit

verbundenen Rollen und den zugrunde liegenden

Integrationschancen betrachtet werden,

mit denen jeder Mensch im sozialen Lebenskontext

konfrontiert ist. •

Allgemeine Lebenszufriedenheit

nach jeweiliger Wohlstandsposition und Dauer

Skala von 0 («gar nicht zufrieden») bis 10 («vollständig zufrieden»)

8.5

8.0

7.5

7.0

6.5

6.0

5.5







Quelle: Schweizer Haushalt-Panel

(SHP 1999–2012)


• •









nach Anzahl Jahren im Wohlstand

(keine Prekarität)


1 2 3 4 5 6 über 7 Jahre



• nach Anzahl Jahren in der Prekarität

(aufgrund von Entbehrungen oder des

Einkommens)

• nach Anzahl Jahren in Armut

(doppelte Prekarität)

Robin Tillmann

Maurizia Masia

Monica Budowski

WOHLBEFINDEN 4/2016 ZeSo

25


Wie viel Misstrauen verträgt

die Soziale Arbeit?

Fälle von Sozialhilfemissbrauch sorgen für heftige Debatten in Medien und Politik. In der Folge

stehen das System Sozialhilfe und dessen Klientel unter scharfer Beobachtung. Ein Forschungsteam

der Hochschule Luzern untersuchte, wie latentes Misstrauen die Sozialarbeitenden beeinflusst.

In den letzten zehn Jahren fand eine ausgedehnte

Missbrauchsdebatte bezüglich der

Sozialleistungssysteme IV und Sozialhilfe

statt, die angefacht wurde durch die mediale

Verbreitung von Skandalfällen. Die Forderung

der Bevölkerung nach Transparenz

erscheint vor diesem Hintergrund legitim,

denn sie hat ein Recht darauf, zu erfahren,

wofür Steuergelder verwendet werden.

Ist das Misstrauen gerechtfertigt? In der

Schweiz beziehen über eine Viertelmillion

Menschen Sozialhilfe, hinzu kommen nach

seriösen Schätzungen genauso viele, die

zwar hilfsbedürftig sind, sich aber nicht an

den Staat wenden. Die Quote unrechtmässigen

Sozialhilfebezugs bewegt sich seit

Jahren um die ein bis zwei Prozent, selten

handelt es sich um Fälle eindrucksvollen

Ausmasses. Dennoch gerieten Sozialhilfebeziehende

durch die mediale Skandalisierung

spektakulärer Einzelfälle unter den

Generalverdacht des Sozialschmarotzertums.

Entsprechend gross war der politische

Druck auf die Sozialbehörden, das beschädigte

Ansehen der wirtschaftlichen Sozialhilfe

wieder herzustellen. Eine einschneidende

Massnahme war die Entscheidung

für den Einsatz polizeilich ausgebildeter Sozialhilfedetektive.

Hierdurch sollte u.a. das

verloren gegangene Vertrauen in das soziale

Sicherungssystem wieder gestärkt werden.

Die Gemüter mag diese Massnahme

beruhigt haben, dem Ansehen der Sozialen

Arbeit als Profession dürfte sie geschadet

haben. Das in dieser sozialpolitischen Entscheidung

zum Ausdruck kommende Misstrauen

richtete sich nämlich ebenso gegen

die Institution Sozialhilfe. Durch das Einschalten

Fachexterner wird die Funktionsfähigkeit

des Sicherungssystems selbst in

Zweifel gezogen, muss doch ein System,

von dem angenommen wird, dass es auf

fachexterne Hilfe angewiesen ist, schutzlos

erscheinen und dessen Mitarbeitende nicht

kompetent genug.

Unter Generalverdacht: Mitarbeitende der Sozialämter haben mit dem Misstrauen gegenüber der

Sozialhilfe zu kämpfen.

Bild: I.Hess

Informationen zur Studie

Für das Forschungsprojekt «Wie viel

Misstrauen verträgt die Soziale Arbeit?»

wurden verschiedene Untersuchungsmethoden

kombiniert, um der Komplexität des

Phänomens gerecht zu werden. Es wurden

59 Dossiers von Sozialhilfebeziehenden

sowie 338 Ermittlungsberichte analysiert

und 34 Interviews mit fallführenden

Sozialarbeitenden und Führungspersonen

geführt. Ferner wurden 136 mit Fallführung

betraute Mitarbeitende eines Sozialdienstes

einer Schweizer Stadt schriftlich befragt. Ergänzend

gaben 137 Bürgerinnen und Bürger

mit und ohne Sozialhilfeerfahrung zu ihren

Erfahrungen und Annahmen schriftlich

Auskunft. Das Projekt wurde vom Schweizerischen

Nationalfonds gefördert.

Diesen Schaden für ihre Profession beklagten

auch Sozialarbeitende, die im Rahmen

einer Studie der Hochschule Luzern –

Soziale Arbeit befragt wurden. Untersucht

wurde, welche unerwünschten Nebenwirkungen

auftreten, wenn der politische

Druck auf eine Sozialbehörde, ihre Kompetenz

bei der Missbrauchsbekämpfung

unter Beweis zu stellen, beherrschend wird.

Innerhalb der untersuchten Sozialbehörde

führte dieser Druck zu einer Kultur

des Misstrauens: Der Druck von aussen

wurde an die Mitarbeitenden weitergegeben

und wirkte in der Organisation fort.

Die Führung erliess eine Vielzahl neuer

Regeln, der Aufwand für die Überprüfung,

Absicherung und Kontrolle der Fälle stieg

stark an. Viele Mitarbeitende werteten diese

Massnahmen als mangelndes Zutrauen der

26 ZeSo 4/2016 Sozialarbeit


Führung in ihre Fähigkeiten. Dadurch war

das Verhältnis auch Jahre nach der vorerst

letzten Hochphase der öffentlichen Missbrauchsdebatte

noch angespannt: Rund

die Hälfte der befragten Sozialarbeitenden

war sich zum Zeitpunkt der Untersuchung

unsicher, ob sie nach einem Fehler Rückendeckung

vom Arbeitgeber bekommen

würde. Entsprechend gross waren die Unsicherheit

und Furcht vor Fehlern, 80 Prozent

der Interviewten berichteten hiervon.

Mehr Misstrauen

Und diese Furcht hat weitergehende Konsequenzen.

Steigt nämlich der Druck auf die

fallführenden Sozialarbeitenden, möglichst

viele Missbräuche aufzudecken, dann steigt

auch das generalisierte (das vom Einzelfall

unabhängige) Misstrauen gegenüber der

Klientel. Acht Prozent der befragten Sozialarbeitenden

gaben an, bereits grundsätzlich

der Klientel gegenüber misstrauisch zu

sein, weitere acht Prozent gaben an, teilweise

Schwierigkeiten zu haben, neuen Bezügerinnen

und Bezügern Vertrauen entgegenzubringen.

Beschleunigt wird diese

Entwicklung durch Benchmarking, ein organisationsinternes

Leistungsranking (Wer

deckt die meisten Missbrauchsfälle auf?).

Wer generalisiertes Misstrauen entwickelt

hat, ist als Sozialarbeiter oder Sozialarbeterin

im engeren Sinne nicht mehr

arbeitsfähig. Sozialarbeiter können nur

helfen, wenn die Klienten und Klientinnen

ihre sehr persönlichen Probleme offenlegen.

Dafür braucht es zwingend Vertrauen

– und zwar beidseitig. Mit naiver Vertrauensseligkeit

hat dies nichts zu tun. Die

Sozialhilfe bewegt sich von jeher im Spannungsfeld

zwischen Hilfe und Kontrolle.

Kontrolle ist aber nicht mit Misstrauen zu

verwechseln.

Misstrauen hat eine ganz andere Qualität,

ist ängstlich bis feindselig. Wer misstrauisch

ist, zweifelt die Aufrichtigkeit des

Gegenübers an. Der Fokus liegt nicht mehr

darauf, einen Verdacht ergebnisoffen zu

prüfen, vielmehr geht es darum, negative

Erwartungen zu bestätigen. Beispielsweise

wird die Unterstützung gekürzt, um die

Reaktion der Person darauf zu erfahren.

Wehrt sie sich nicht, wird dies als Beweis

für mangelnde Bedürftigkeit gewertet.

Oder ein Termin wird früh morgens angesetzt,

um zu testen, ob die Person auch

dann noch pünktlich erscheint. Jene, die

das System missbrauchen wollen, erwischt

man auf diese Weise weniger, denn wer etwas

im Schilde führt, bemüht sich um Unauffälligkeit.

Fortbleiben wird aber etwa,

wer unter Depressionen leidet. Misstrauen

ist grundsätzlich nicht dazu geeignet, das

Gegenüber besser zu durchschauen, weil

es den Blick auf wenig hilfreiche Hinweise

verengt und zur einseitigen Bestätigung eigener

Vorannahmen führt.

Misstrauen lässt sich nicht

verstecken

Misstrauen lässt sich im persönlichen Gespräch

zudem nicht verstecken und vergiftet

so die Arbeitsbeziehung. Sozialarbeitenden,

deren Selbst- und Fremdverständnis

zu einem grossen Teil der Helferrolle entspricht,

kann es erhebliche Rollenkonflikte

bescheren, wenn die Furcht vor dem öffentlichen

Scheitern eine misstrauische Grundhaltung

forciert oder diese sogar von einer

Behördenleitung erwartet wird. Alle Interviewten

thematisierten Rollenkonflikte und

90 Prozent der schriftlich befragten Mitarbeitenden

gaben an, dass es vorkomme,

dass sie entgegen ihrer eigenen Überzeugungen

handeln müssten.

Nun sind Ergebnisse aus einem Kanton

oder einer Behörde nicht repräsentativ für

die ganze Schweiz, und es war auch nicht

das Anliegen der Studie, eine Aussage darüber

zu treffen, was in Schweizer Sozialbehörden

abläuft. Die belegten ungünstigen

sozialen Prozesse können jedoch grundsätzlich

überall auftreten. Und zwar dann,

wenn eine Institution unter Druck gerät,

ihre Kompetenzen bei der Missbrauchsbekämpfung

besonders unter Beweis stellen

zu müssen. Positiv hervorzuheben ist

die Bereitschaft einer Sozialbehörde einer

Schweizer Stadt, die Auswirkungen dieses

Drucks genauer analysieren zu lassen.

Letztlich liegt es in der Verantwortung jeder

einzelnen Behörde, sich ernsthaft damit

auseinanderzusetzen, wie innerhalb der eigenen

Organisation mit dem Thema der Arbeit

im Spannungsfeld zwischen Vertrauen

und Misstrauen umgegangen wird.

Konstruktive Fehlerkultur nötig

Werden unerwünschte Nebenwirkungen

sozialpolitischer Entscheidungen nicht reflektiert,

könnte dies ungünstige Folgen haben,

die kaum dazu angetan sein dürften,

das Vertrauen in das System Sozialhilfe wieder

zu stärken. Wichtig erscheint es, den in

der Untersuchung deutlich gewordenen

Rollenkonflikt Sozialarbeitender nicht noch

zu verstärken: Misstrauen darf nicht zur

Routine werden. Organisationen, die dies

verhindern möchten, brauchen eine konstruktive

Fehlerkultur: Mitarbeitende benötigen

Rückendeckung von ihren Vorgesetzten,

aus Fehlern sollte man lernen können,

ohne sich davor über alle Massen fürchten

zu müssen. Seitens der Führung braucht es

hierfür Zutrauen in die Kompetenz und

Vertrauenswürdigkeit der Mitarbeitenden;

zu viele Vorschriften machen die Arbeit

nicht besser, sondern allenfalls komplizierter.

Die Soziale Arbeit verträgt zwar berechtigte

Kontrollen, Misstrauen aber nicht.

Susanna Niehaus

Professorin Hochschule Luzern

Paula Krüger

Dozentin Hochschule Luzern

Sozialarbeit 4/2016 ZeSo

27


Der interkommunale Ausgleich

der Soziallasten

Während die Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung, kurz NFA, zu einem

festen Bestandteil im Politik-Vokabular geworden ist, geniessen die vergleichbaren Instrumente

auf kantonaler Ebene nicht den gleichen Bekanntheitsgrad.

Interkommunale Soziallastenausgleichssysteme

sind komplex und vielfältig. Gemeinsam

ist ihnen – als Teil des Finanzausgleichs

– das Ziel, mittels Finanztransfers

allzu grosse Unterschiede zwischen Kantonen

und Gemeinden zu verhindern und so

den Zusammenhalt der Föderation zu sichern.

Gleichzeitig gilt es, die (Finanz-)Autonomie

der Kantone und Gemeinden zu

wahren. In Bezug auf die wirtschaftliche

Sozialhilfe (ohne Asylwesen) kennen die

Kantone eine Vielzahl von Ausgleichslösungen,

was die Vergleichbarkeit erschwert.

Mit dem Modell «Typologie der Subventionen»

des Ökonomen Bernard Dafflon lassen

sie sich in eine Systematik bringen.

Sozialhilfe – kantonale oder

kommunale Aufgabe?

Bevor auf den finanziellen Ausgleich eingegangen

wird, sei darauf hingewiesen, dass

dieser obsolet wird, wenn das so genannte

fiskalische Äquivalenzprinzip «wer zahlt,

befiehlt und hat den Nutzen davon» eingehalten

wird. Dies ist der Fall in Kantonen,

in denen die Durchführung der Sozialhilfe

kantonale Aufgabe ist und nicht an die Gemeinden

delegiert wird (AI, GE, GL). Die

Mehrheit der Kantone teilt jedoch die Aufgaben

der Sozialhilfe zwischen Kanton (gesetzliche

Regelungen) und den Gemeinden

beziehungsweise Regionen (Vollzug). In

der Folge davon wird der finanzielle Ausgleich

zum Thema. Die Ausgestaltungsmöglichkeiten

und Instrumente sind vielfältig.

Dafflon bündelt sie in seiner

Typologie nach drei Aspekten, die in sich

wieder unterschiedlich gestaltet werden

können und dementsprechend eine andere

Wirkung erzielen.

Als erstes ist zu klären, ob die Empfängergemeinden

die Gelder zweckgebunden

oder zweckfrei verwenden können. Ersteres

entspricht einem Staatsbeitrag, der

ungeachtet der finanziellen Lage des Empfängers

ausgerichtet wird. In Bezug auf

die Sozialhilfe macht dies insofern Sinn,

als dass die Kantone die Durchführung

der Sozialhilfe weitgehend regeln und so

die Gemeindeautonomie beschränken.

Staatsbeiträge haben hier die Funktion

einer Kompensationszahlung. Sie sollen

aber auch den Anreiz minimieren, Sozialhilfebeziehende

in andere Gemeinden

abzuschieben. Eine zweckfreie Vergabe,

wie sie das Konzept des Finanzausgleichs

vorsieht, misst hingegen der Finanzautonomie

der Gemeinden einen hohen Stellenwert

bei: Die Gemeinde bestimmt, ob

sie das Geld für die Sozialhilfeausgaben,

günstigen Wohnungsbau oder für Forstarbeit

einsetzt.

Komplexe Berechnungen

Im zweiten Schritt geht es darum, a) die

Aufgaben zu bestimmen, die staatsbeitragsberechtigt

beziehungsweise eine «soziale

Last» sind, und b) deren Bemessung

zu definieren. Fast alle Kantone (Ausnahmen:

NW, OW, ZG) kennen bei der wirtschaftlichen

Sozialhilfe Staatsbeiträge oder

Lastenausgleichssysteme und zählen sie

somit zu den Aufgaben, respektive zu den

Lasten, die es gemeinsam zu schultern gilt.

Literatur

Der Text basiert auf der Masterarbeit von Dr.

Daniela Tschudi, eingereicht an der Universität

Bern im Rahmen des Executive Master of Public

Administration (MPA):

Tschudi, Daniela (2015): «Ausgleich oder

Wettbewerb? Die Sozialhilfe im interkommunalen

Soziallastenausgleich. Ein systematisierter

Überblick über die interkommunalen Soziallastenausgleichssysteme

in der Schweiz und

Überlegungen zum Kanton Zürich».

Bei der Bemessung gehen die Kantone jedoch

sehr unterschiedlich vor.

Bei den Staatsbeiträgen dienen die effektiven

Ausgaben als Bemessungsgrundlage,

die Kompensation reicht von 4 Prozent

im Kanton Zürich bis zu 75 Prozent

im Kanton Tessin. Während ein hoher

Staatsbeitrag stark und gezielt die Sozialhilfeausgaben

kompensiert und so ausgleichend

wirkt, setzt ein tiefer Staatsbeitrag

Anreize, die im Widerspruch zu den Zielen

der Sozialhilfegesetzgebung stehen,

insbesondere zum Abschiebeverbot und

zur Gleichbehandlung der Sozialhilfebeziehenden.

Ein tiefer Staatsbeitrag beziehungsweise

eine hohe Selbstbeteiligung

dient grundsätzlich dazu, das Kostenbewusstsein

beim Empfänger zu fördern,

lässt aber die Unterschiede zwischen den

Gemeinden etwa hinsichtlich struktureller

Faktoren oder finanzieller Stärke ausser

Acht. Deshalb kennen die meisten Kantone

mit Staatsbeiträgen zusätzlich eine

Ausgleichskomponente: Sie vergemeinschaften

den Kostenanteil der Gemeinden

oder verfügen über einen interkommunalen

Soziallastenausgleich (BE, FR, JU,

NE, VD, VS).

Der Soziallastenausgleich hat das Ziel,

die vom Gemeinwesen mittel- und langfristig

nicht beeinflussbaren sozio-demografischen

Unterschiede und den sich daraus

ergebenden (Steuer-)Wettbewerbsnachteil

abzubauen. Beim Soziallastenausgleich

interessieren also die Lasten, die sich aus

den Disparitäten ergeben. Entsprechend

der jeweiligen Ausgestaltung des sozialen

Sicherungssystems berücksichtigen die

16 Kantone, die im Rahmen des Finanzausgleichs

einen interkommunalen Soziallastenausgleich

kennen, verschiedene

Sozialleistungen. Gemeinsam ist allen,

dass mit Hilfe komplexer Berechnungen

die signifikanten Faktoren für die Grösse

der Lasten ermittelt werden und davon der

28 ZeSo 4/16 Finanzausgleich


Die Gemeinde bestimmt,

ob sie das

Geld für die Sozialhilfeausgaben,

günstigen

Wohnungsbau

oder für die Forstarbeit

einsetzt.

Staatsbeiträge sollen unter anderem den Anreiz minimieren, Sozialhilfebeziehende in

andere Gemeinden abzuschieben.

Bild: Villnachern

Finanzbedarf abgeleitet wird. Hier können

die Sozialhilfeausgaben respektive die Sozialhilfequote

die Rolle eines Indikators

für die Bemessung der Last haben.

Der ermittelte Finanzbedarf führt entweder

direkt zu einer Ausgleichszahlung

(BE, FR) oder diese erfolgt, sobald die Last

der Gemeinde das Mittel der Belastung

aller Gemeinden überschreitet. Mit dem

Argument der kostenbewussten Mittelverwendung

verlangen sechs Kantone (AR,

GR, SG, SH, SO, TH) für den Ausgleich

das Erreichen einer zusätzlichen Stufe

über dem kantonalen Mittel, also eine Eigenbeteiligung

der Gemeinden. Damit setzen

die gleichen Anreizmechanismen wie

bei einer Eigenbeteiligung am Staatsbeitrag

ein. Die Eigenbeteiligung steht jedoch

im Widerspruch zur Finanzautonomie der

Gemeinden und zum Konzept des Soziallastenausgleichs,

kaum beeinflussbare

Disparitäten abzubauen. Ob ein Soziallastenausgleichssystem

eine Eigenbeteiligung

vorsieht oder nicht, hängt letztlich

davon ab, ob man den Lastenausgleich

als Teil des (Steuer-) Wettbewerbs oder als

Voraussetzung für ihn versteht. Sicher ist:

Eine Eigenbeteiligung verlangsamt den

Abbau der Unterschiede zwischen den Gemeinden.

Den Ausgleichstopf füllen und

verteilen

Als dritten Aspekt nennt Dafflon die zur

Verfügung stehenden Mittel. Diese sind in

allen Kantonen mit einem interkommunalen

Soziallastenausgleich beschränkt und

werden von der kantonalen Legislative

oder Exekutive festgesetzt. In fünf Kantonen

steht der Ausgleichsbetrag in Relation

zum Steuerertrag oder zum Ressourcenausgleichsbetrag.

Die meisten Kantone gestalten

beim interkommunalen Soziallastenausgleich

den Finanzfluss vertikal, vier

Kantone (AG, AR, NE und SH) horizontal.

Mit dem horizontalen Ausgleich wird das

Subsidiaritätsprinzip konsequent umgesetzt

und das Ausgleichsziel wird schneller

erreicht als beim vertikalen Ausgleich.

Der Artikel zeigt: So verschieden die

Kantone den Ausgleich der Last Sozialhilfe

ausgestalten – die «Typologie der Subventionen»

ermöglicht eine systematisierte

Auslegeordnung und erlaubt Vergleiche.

Interkommunale Soziallastenausgleichssysteme

sind ein wertvoller Schatz an Ideen

und Erfahrungen. Sie können und sollen

im Sinne des Laboratoriums des Föderalismus

für die Weiterentwicklung der kantonalen

Lösungen genutzt werden. •

Daniela Tschudi

Soziale Dienste Winterthur

Finanzausgleich 4/16 ZeSo

29


Arbeit und Praxisbezug – vom

ersten Tag an

Die Sozialfirma Réalise in Genf bildet Menschen, die Mühe auf dem ersten Arbeitsmarkt haben,

aus und vermittelt sie an Unternehmen. Sie sind vom ersten Tag an vollwertige Arbeitskräfte.

Tief hängt an diesem Herbsttag der Nebel

über den Genfer Dächern. Grau ist auch die

Fassade des Hauses an der Rue Viguet in

der Industriezone. Ein Mann wischt vor

dem Haus mit einem Besen die bunten

Blätter weg. «Sie wollen zu Réalise?», fragt

er die Besucherinnen mit einem freundlichen

Lächeln und weist ihnen unaufgefordert

den Weg ins Gebäude. Er führt die Besucherinnen

in ein Haus, auf dem über drei

Stockwerke verteilt Menschen daran arbeiten,

ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu

verbessern. Es sind Arbeitslose, Ausgesteuerte,

Migranten oder Menschen mit einer

Behinderung, die sich durch ihre Arbeit bei

der Sozialfirma Réalise den Ein- oder Wiedereinstieg

ins Berufsleben erhoffen.

Das Besondere bei Réalise ist, dass sie vom

ersten Tag an in einem bestimmten Gebiet

arbeiten, das von ihrer früheren Tätigkeit

abweichen kann – und sich so über die Praxis

neue Fertigkeiten aneignen (siehe Kasten).

Wichtig sei aber, dass die Person

wenn möglich bereits gearbeitet habe und

motiviert sei, betont Christophe Dunand,

Generaldirektor von Réalise. Zusammen

mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

in Ausbildung analysiere man, welche

Hindernisse sie vom Arbeitsmarkt abhielten

– und versuche sie gemeinsam zu beseitigen,

um wieder in den Arbeitsmarkt

einsteigen zu können. Christophe Dunand

betont, dass gerade auch Migrantinnen

und Migranten von dieser Integrationsmethode

profitierten. «Auch wenn sie die

Sprache nicht sprechen: Sie arbeiten vom

ersten Tag an und lernen sukzessive die für

ihre Arbeit notwendigen Wörter.»

Die Auszubildenden sind vom ersten

Tag an vollwertige Arbeitskräfte. Ob in

der Wäscherei, der Gartenarbeit, der

Elektronik, der Uhrenproduktion, im Reinigungsdienst

oder der Logistik: Sie erfüllen

konkrete Aufträge für Kundinnen

und Kunden. So zeichnet der Reinigungsdienst

von Réalise für rund 100 000

Quadratmeter Bürofläche in der Stadt

Genf verantwortlich. Und die Wäscherei

erfüllt Aufträge von Altersheimen, Banken,

Schönheitssalons oder Restaurants auf

dem ganzen Stadtgebiet.

«Wieder Mut gefasst, dass ich etwas

kann»

Florinda da Costa arbeitete bis vor sechs

Monaten in der Hotellerie. Jetzt beschäftigt

sie sich bei Réalise mit einer völlig anderen

Materie: der Uhrenproduktion. Sie füllt Alkohol,

der für die Reinigung der Einzelteile

benutzt wird, in Flaschen ab und beschriftet

sie. Eine untypische Arbeit,

gehören doch sonst kleinste Uhrenbestandteile

zu ihrem Arbeitsalltag. Hinter

ihr sitzt Lif Lufuankenda und schleift gerade

seine Werkzeuge nach. Er war bereits

mit der Uhrmacherei vertraut, als er zu

Réalise kam. Zwei Jahre lang hatte er eine

Uhrmacherschule besucht, bevor es zum

Zwist mit einem Lehrer kam und er die

Schule verliess. Der 25-Jährige suchte eine

neue Chance, fand sie jedoch nicht und

wurde Sozialhilfeempfänger. Dass er durch

die Sozialfirma wieder in seinem Beruf arbeiten

könne, bedeute ihm viel: «Ich habe

wieder Mut gefasst, dass ich etwas kann.»

Ständig neue Arbeitsfelder suchen

Bei Réalise ist man ständig daran, bei den

Firmen Aufträge und zu vermittelnde Arbeitsstellen

aufzuspüren. In der kriselnden

Uhrenindustrie ist die Nachfrage zurückgegangen.

Alle Hände voll zu tun haben an diesem

Morgen die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter der Elektronikabteilung. Im

vorderen Teil des Ateliers kümmern sie

sich um gebrauchte PCs: Sie wechseln die

Harddisc aus und setzen die Computer

neu auf, um sie anschliessend im eigenen

Geschäft Occasion wiederverkaufen zu

können. Im hinteren Teil des Ateliers sitzen

die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

in einer Reihe, vor sich einen Computer

30 ZeSo 4/16 reportage


Bis zu 40 Prozent der Mitarbeitenden finden eine Stelle. Christophe Dunand, Generaldirektor bei

Réalise, ist mit diesem Erfolg noch nicht ganz zufrieden.

und auf der kleinen Arbeitsfläche ein gebrauchtes

Mobiltelefon. Wenn das Gerät

noch funktioniert, löschen sie sämtliche

auf dem Speicher verbliebenen Daten und

bereiten es entweder für den Weiterverkauf

nach Asien oder in die Balkanländer, oder

für den Occasion-Verkauf eines Kunden in

der Schweiz vor.

Rekrutierungsmethoden ändern

Bis zu 40 Prozent der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter finden nach ihrer Ausbildung

bei Réalise eine Festanstellung. «Diese

Zahl stimmt mich zufrieden – und doch

auch wieder nicht», sagt Christophe Dunand.

Réalise arbeite daran, noch mehr

Menschen in den Markt integrieren zu

können. Dunand gibt aber auch zu bedenken,

dass die Rekrutierungsmethoden in

den Unternehmen geändert werden sollten.

Wenn sich eine stellensuchende Person

auf herkömmliche Weise mit einem

Dossier bewerben müsse, so gehe diese Bewerbung

oftmals unter. Dunand schlägt

stattdessen vor, dass die Firmen die gesuchten,

konkreten Kompetenzen angeben

und Réalise die geeignete Person suchen

und nötigenfalls dafür ausbilden könne.

Seit zwei Jahren sei man bereits daran –

und mache mit dieser Methode gute Erfahrungen.


Catherine Arber

Learning on the job

Réalise mit Sitz in Genf wurde 1985

gegründet. 108 Personen arbeiten für

die Sozialfirma. Sie bilden Menschen, die

Mühe auf dem ersten Arbeitsmarkt haben,

praktisch on the job aus. Die «Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter in Ausbildung», wie

sie bei Réalise genannt werden, eignen

sich während vier bis sechs Monaten

berufliche Fähigkeiten in einem bestimmten

Gebiet an – mit dem Ziel, nach der

Zeit bei der Sozialfirma direkt auf dieser

Arbeit tätig sein zu können. Die Idee ist,

dass durch diese Ausbildungszeit ihre

Chancen auf den Ein- oder Wiedereinstieg

ins Arbeitsleben steigen. Sie werden via

Arbeitslosen- oder Sozialhilfestelle an

Réalise vermittelt.

Réalise bildet jährlich 300 Frauen und

Männer aus. Sie arbeiten in verschiedenen

Berufsfeldern und erlernen das dafür

spezifische Wissen: in der Elektronik,

der Uhrenproduktion, der Gartenarbeit,

im Reinigungsdienst, in der Wäscherei

und der Logistik. Réalise arbeitet eng mit

einem Netz von rund 300 Firmen zusammen.

Jährlich kommen 30 neue hinzu. Bei

Réalise werden dem Praxisbezug und der

tatsächlichen Nachfrage nach bestimmten

Arbeiten in den Unternehmen grosse

Wichtigkeit beigemessen. Am Schluss

ihrer Ausbildungszeit erhalten die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter in Ausbildung ein

Attest. Das soll ihnen bei der Stellensuche

zusätzlich helfen. (car)

Die Auszubildenden sind vom ersten

Tag an vollwertige Arbeitskräfte: in der

Uhrenproduktion, in der Elektronik oder in

der Wäscherei.

Bilder: Magali Girardin

reportage 4/16 ZeSo

31


DOJ will Dachverband der Kinder- und

Jugendförderung werden

Der Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) vernetzt seit 15 Jahren

Kantonalverbände und lokale Fachstellen der offenen Jugendarbeit. Er unterstützt, positioniert und

repräsentiert diese mit einer Reihe von Aktivitäten, Dienstleistungen, Publikationen und Projekten.

Ob Hip - Hop, Elektro oder Rock und Pop,

so unterschiedlich im Musikgeschmack, so

unterschiedlich sind Jugendliche auch in

vielen anderen Bereichen. Die offene Jugendarbeit

bietet allen Jugendlichen niederschwellige

Angebote. Diese können den

Heranwachsenden helfen, die Schlüsselkompetenzen

zu erhalten, die sie für den

Eintritt ins Erwachsenenleben benötigen.

Das Ziel der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

(OKJA) ist es, dass Kinder, Jugendliche

und junge Erwachsene über Selbstwertgefühl

sowie Handlungs- und

Sozialkompetenzen verfügen, gesund sind

und sich wohl fühlen, altersgemäss in die

Gesellschaft integriert sind und sich aktiv

und partnerschaftlich an der Gemeinschaft

beteiligen. Insbesondere für bildungs- und

sozial benachteiligte junge Menschen leistet

die Offene Kinder- und Jugendarbeit einen

wichtigen Beitrag, damit diese sozial

integriert sind und nicht ausgegrenzt werden.

Konkret bietet die Offene Jugendarbeit

den Jugendlichen Raum in Form von Jugendtreffs

und Jugendzentren, aber auch

Projektarbeit, sportliche Aktivitäten, Unterhaltung

oder anderes. Träger der Offenen

Jugendarbeit sind vielerorts die politischen

Gemeinden, teilweise in Kooperation

mit den lokalen Kirchgemeinden und Pfarreien.

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit

grenzt sich von der verbandlichen dadurch

ab, dass ihre Angebote ohne

Mitgliedschaft oder andere Bedingungen

von allen Kindern und Jugendlichen freiwillig

genutzt werden können.

PLATTFORM

Die ZESO bietet ihren Partnerorganisationen

diese Rubrik als Plattform an, auf der sie sich

und ihre Tätigkeit vorstellen können: in dieser

Ausgabe dem Dachverband Offene Kinder- und

Jugendarbeit Schweiz (DOJ).

Jugendliche sollen selbstsicher, sozialkompetent, gesund sein, sich wohl fühlen und sich aktiv

und partnerschaftlich an der Gemeinschaft beteiligen.

Bild: Keystone

Die OKJA war zwar seit den 1990er

Jahren professionell geführt, strukturell

blieb sie jedoch schwach. 2001 ergriff

Markus Gander vom Verein «infoklick.ch

- Kinder- und Jugendförderung Schweiz»

die Initiative und kontaktierte sämtliche

Jugendarbeitsstellen der Deutschschweiz.

Es entstand eine Basisbewegung, welche

2002 ihren Dachverband gründete. Bald

folgten die ersten Tagungen, es wurden

Fachgruppen gebildet und Publikationen

erarbeitet. 2004 konnte eine Geschäftsstelle

gegründet werden. «Die bescheidenen

Erwartungen wurden dank dem

riesigen Engagement der Basis mehr als

übertroffen», stellt Gander rückblickend

fest. Heute vereint der DOJ 17 kantonale

und regionale Verbände, welche wiederum

etwa 800 lokale Fachstellen vernetzen.

Zum Netzwerk gehört zudem eine Reihe

von Partnerorganisationen und Ausbildungsinstitutionen.

Die Aktivitäten des DOJ können in drei

Bereiche gegliedert werden:

- Unterstützung der Offenen Kinderund

Jugendarbeit: Der DOJ informiert

über Projekte, Veranstaltungen, aktuelle

Entwicklungen etc. Dazu führt er

eine zweisprachige Website, gibt einen

dreisprachigen Newsletter und eine

zweisprachige Fachzeitschrift heraus.

Er organisiert Tagungen und Weiterbildungen,

setzt Projekte um, entwickelt

Instrumente und koordiniert Fachgruppen.

- Positionierung der Offenen Kinderund

Jugendarbeit: Der DOJ entwickelt

Positionen und klärt Begriffe. Auf nati-

32 ZeSo 4/16 plattform


onaler Ebene vertritt er die Interessen

der OKJA, indem er zum Beispiel in

Gremien wie der Konferenz der kantonalen

Kinder- und Jugendbeauftragten

als Gast Einsitz nimmt. Mit seinem

Fachwissen trägt er zu Strategien und

Projekten von Partnerorganisationen

bei und ermöglicht diesen den Zugang

zu lokalen Jugendarbeitsstellen. Durch

die Zusammenarbeit mit Ausbildungsstätten

ermöglicht der DOJ den Transfer

von Erkenntnissen aus der Praxis in

die Aus- und Weiterbildung sowie von

der Forschung in die Praxis.

- Repräsentation und Vernetzung der Offenen

Kinder- und Jugendarbeit: Der

DOJ schafft Plattformen für die gemeinsame

fachliche und strategische Entwicklung

in seinem Netzwerk. Durch

den Zusammenschluss im DOJ sind

die kantonalen Verbände und mit ihnen

die lokalen Stellen auf nationaler Ebene

direkt ansprechbar. Bei relevanten Gesetzesvorlagen,

wie dem Bundesgesetz

über die Förderung der ausserschulischen

Arbeit mit Kindern und Jugendlicher

beteiligt sich der DOJ.

Im Rahmen der nationalen Zusammenarbeit

des DOJ resultierte eine Reihe

von Tools für die Praxis, beispielsweise das

Quali-Tool, das Fachleute aus der Kinderund

Jugendarbeit bei der Qualitätssicherung

unterstützt. Die Fachstelle Jugendarbeit

Flims/GR testete einen Prototyp des

Quali-Tools. Die Erfahrungen aus Flims

sowie aus zwei weiteren Pilotgemeinden

flossen in die Endversion des Instruments

ein. Die Idee zum Quali-Tool entstand an

einer Fachkonferenz der DOJ-Mitglieder,

erarbeitet wurde es vom DOJ zusammen

mit Interface Politikstudien und anderen

Partnern. Ein weiteres Projekt des DOJ ist

Kebab+. Die Abkürzung steht für Kochen –

Essen – Begegnen – Ausspannen – Bewegen.

Der DOJ unterstützt in Kooperation

mit dem Migros-Kulturprozent Projekte,

die die Partizipation von Kindern und Jugendlichen

fördern und dabei mindestens

drei der fünf Faktoren von Kebab berücksichtigen.

Das Ziel ist, Kebab+ im Tessin

zu etablieren und auch das Quali-Tool in

der italienischsprachigen Schweiz einzuführen.

Weitere Projekte sollen in den nächsten

Monaten umgesetzt werden. Eine Grundlagenbroschüre

für Entscheidungsträger

in Gemeinden ist in Erarbeitung. Es laufen

Bestrebungen, sich vom Dachverband

der Kinder- und Jugendarbeit zu einem

Dachverband der Kinder- und Jugendförderung

weiterzuentwickeln.

Zuversicht trotz finanziellem Engpass

Ob der DOJ seine Projekte verwirklichen

kann, hängt vom Erfolg der Bemühungen

um finanzielle Überbrückung und um eine

neue Leistungsvereinbarung mit dem Bundesamt

für Sozialversicherungen BSV. Der

DOJ finanziert sich über Mitgliederbeiträge

und Projektgelder. Mit dem BSV hat der

DOJ eine Leistungsvereinbarung, doch

läuft diese Ende 2016 aus. Den Antrag für

eine neue Leistungsvereinbarung ab 2017

lehnte das BSV überraschend ab. Es begründete

den Entscheid damit, dass der

DOJ das Kriterium einer gesamtschweizerischen

Geschäftstätigkeit nicht erfülle.

Dieser für den DOJ nicht nachvollziehbare

Entscheid hat kurzfristig eine massive Finanzierungslücke

verursacht, werden doch

jährlich 200‘000 Franken wegfallen, welche

ca. 40% des Budgets entsprechen. Gegen

den Entscheid rekurriert der DOJ. Der

DOJ hat bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt

und bleibt zuversichtlich, dass er seine

Arbeit weiterführen kann.


Katrin Haltmeier

DOJ

Dachverband Offene

Kinder- und Jugendarbeit

Schweiz (DOJ)

Im Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit

Schweiz (DOJ) sind 17 kantonale und

regionale Verbände der Offenen Kinder- und

Jugendarbeit zusammengeschlossen, welche

wiederum ca. 800 lokale Fachstellen vernetzen.

Zum Netzwerk des DOJ gehören zudem eine

Reihe von Partnerorganisationen aus dem

Kinder- und Jugendbereich sowie die wichtigen

Ausbildungsinstitutionen der Sozialen Arbeit

und Soziokulturellen Animation.

Der DOJ führt in Bern eine Geschäftsstelle mit

120 Stellenprozenten und ist in drei Bereichen

aktiv:

- Offene Kinder- und Jugendarbeit

unterstützen

- Offene Kinder- und Jugendarbeit

positionieren

- Offene Kinder- und Jugendarbeit

repräsentieren und vernetzen

www.doj.ch

www.quali-tool.ch

plattform 4/16 ZeSo

33


FORUM

Gemeinsam gegen die

«Verrentung» der Sozialhilfe?

Die Sozialhilfe hat jüngst positive

Entwicklungen erfahren: Die Konferenz

der Sozialdirektorinnen und -direktoren

(SODK) und die SKOS haben sich auf

einen gemeinsamen Weg geeinigt; die

Richtlinien sind jetzt überarbeitet. Damit

ist etwas Ruhe in die Sozialhilfe-Debatte

eingekehrt. Doch sie war nicht von langer

Dauer. Schon stehen neue medienträchtige

Forderungen im Raum: All die Flüchtlinge

seien subito in die Erwerbsarbeit zu

integrieren. Sie als in der Praxis Tätige fluchen

ob solcher Debatten vielleicht gelegentlich

vor sich hin und denken sich, die

Arbeitgeber sollen doch einfach vorwärts

machen und Ihre Klienten anstellen. Doch

so einfach ist es nicht – auch dann nicht,

wenn es um Menschen geht, die aufgrund

von gesundheitlichen Beeinträchtigungen

bei Ihnen auf dem Sozialamt landen.

Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie schon

über die IV gewettert, weil sie Ihnen

ausgemusterte IV-Rentner abschiebt?

Bestimmt kennen Sie solche Einzelfälle.

Doch handelt es sich hierbei wirklich

um einen systemischen Effekt? Die IV

behauptet das Gegenteil und hat mit einer

Studie nachgelegt, die aufgezeigt: Fast

die Hälfte der rund 13 000 Neurentner

pro Jahr werden der IV aus den RAV oder

der Sozialhilfe zugespielt. Die Dauer des

Sozialhilfebezugs betrug in diesen Fällen

Martin Kaiser,

Leiter Sozialpolitik

und Mitglied der

Geschäftsleitung

des Schweizerischen

Arbeitgeberverbands

SAV sowie Präsident

Compasso

Bild: zvg

häufig mehrere Jahre. Die Sozialhilfeleitung

ist eigentlich darauf ausgelegt,

vorübergehende Krisen aufzufangen. Nun

verkommt sie jedoch oft zu einer eigentlichen

Ersatzrente. Diese «Verrentung» der

Sozialhilfe ist der falsche Weg – gerade

auch deshalb, weil die IV anschliessend

entsprechende IV-Neurentner mit viel Aufwand

wieder arbeitsmarktfähig machen

muss. Als weitere Sündenböcke bieten

sich die Arbeitgeber an, die entsprechende

IV-Rentner gefälligst wieder einzugliedern

haben. Diese Schwarzpeterspiele sind

destruktiv und nicht zielführend.

Fast die Hälfte der

rund 13 000 Neurentner

pro Jahr

werden der IV aus

den RAV oder der

Sozialhilfe zugespielt.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband

hält sich nicht mit Schuldzuweisungen

auf. Er hat deshalb das Patronat des

Vereins Compasso (www.compasso.ch)

inne. Compasso bedient Arbeitgeber mit

gezielten und praxistauglichen Informationen

zum Umgang mit gesundheitlich

beeinträchtigten Mitarbeitenden. Der

Verein motiviert Arbeitgeber, gesundheitliche

Probleme von Mitarbeitenden

möglichst frühzeitig zu erfassen und die

richtigen Massnahmen einzuleiten. Die

Erfolgschancen auf den Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit

sind dann am grössten.

Dies trägt langfristig vielleicht auch zur

Entlastung der Sozialhilfe bei.

Demnächst stellt Compasso neue Instrumente

für eine erfolgreichere Eingliederung

von Menschen vor, die aus

gesundheitlichen Gründen aus dem

Erwerbsleben ausgeschieden sind. Dies ist

ein wichtiger Schritt, denn immer wieder

stossen die Träger von Compasso (IV-

Stellenkonferenz, Verband der Privatversicherer,

SUVA, Behinderten- und Eingliederungsorganisationen

sowie kleinere

und grössere Arbeitgeber) im Rahmen

der Weiterentwicklung von Prozessen

aufgrund von scheinbar gegensätzlichen

Interessen der Akteure auf Widerstand.

Diese Partikularinteressen kommen sich

dann in die Quere, wenn jeder Akteur nur

auf die Bewirtschaftung des eigenen Gärtchens

fokussiert. Im Rahmen konkreter

zielorientierter Projektarbeit gelingt es

aber, die gemeinsamen Interessen aufzuzeigen

und Stolpersteine aus dem Weg

zu räumen. Voneinander zu lernen, um

konkrete Optimierungen vorzunehmen,

steht dabei im Fokus. Dies lohnt sich.

Auch für ein Engagement von SODK und

SKOS bietet Compasso Hand, sofern sie

dies wünschen. Wer weiss, vielleicht wird

der Kampf gegen die «Verrentung» der

Sozialhilfe bald ein gemeinsamer? •

In dieser Rubrik schafft die ZESO Raum für Debatten

und Meinungen. Der Inhalt gibt die Meinung des

Autors resp. der Autorin wieder.

34 ZeSo 4/16 FORUM


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MIGRATIONSLAND SCHWEIZ

Christine Abbt

Johan Rochel

HIER UND JETZT

MIGRATIONS-

LAND

SCHWEIZ

15 Vorschläge

für die Zukunft

Christine Abbt (Hg.)

Johan Rochel (Hg.)

Migrationsland

Schweiz

Wie sieht die Zukunft der Schweiz aus? Wie begegnen

wir den Herausforderungen der Migration?

Und wie verbinden wir die humanitäre Tradition

mit dem Interesse an Prosperität? Diesen Fragen

geht das Buch in 15 Essays nach. Expertinnen

und Experten aus Wissenschaft, Kultur und Politik

präsentieren konstruktive Standpunkte und

konkrete Lösungsansätze. Unter den Vorschlägen sind beispielsweise

die Ausweitung der demokratischen Rechte auf Nicht-Staatsbürger, die

einfachere Anerkennung von Berufsqualifikationen oder ein Modell für

eine dynamische Schutzklausel.

Abbt, Christine, Rochel Johan (Hrsg.), Migrationsland Schweiz, 15 Vorschläge für

die Zukunft, Hier und Jetzt, 2016, CHF 34.−, ISBN 978-3-03919-410-0

Löhne in der Sozialarbeit

Der Berufsverband Avenir Social trägt in seiner

neuen Publikation Antworten auf wichtige

arbeitsrechtliche Fragen und Grundlagen zu

Lohnfragen im Kontext der Sozialen Arbeit

zusammen. Es werden Themen wie Kündigung,

Rechte und Pflichten in einem Arbeitsverhältnis,

Arbeitszeiten und Versicherungen erläutert.

Der Verband legt seine Position betreffend Löhne

dar, weist auf Lohnreferenzen hin und gibt Tipps für ein erfolgreiches

Lohngespräch. Die Publikation dient somit allen interessierten Sozialarbeiterinnen

und Sozialarbeitern als nützliches Nachschlagewerk.

Avenir Social (Hrsg.), Arbeitsrecht und Löhne in der Sozialen Arbeit in der Schweiz,

2016, 36 Seiten, CHF 20.−, Bezug über www.avenirsocial.ch

Migranten in Schweizer

Integrationsprojekten

Schweizer Integrationsprojekte tragen dazu bei,

dass sich Stereotypen von Migranten verfestigen.

Zu diesem Schluss kommt die Autorin

anhand von vier Fallstudien, in denen sie analysierte,

wie Vorannahmen und Zuschreibungen

in den Projekten die beruflichen Optionen

der Migranten beeinflussen. Oft passen die

Teilnehmenden ihre Ziele den für sie anvisierten Möglichkeiten an. Weil

die Integrationsprojekte vorrangig auf gering qualifizierte und traditionell

lebende Migranten fokussieren, drohen andere Lebensrealitäten aus

dem Blick zu geraten.

Susanne Bachmann, Diskurse über MigrantInnen in Schweizer Integrationsprojekten,

Zwischen Normalisierung von Prekarität und Konditionierung zur

Markttauglichkeit, Springer VS; 2016, 250 Seiten, CHF 42.−

ISBN 978-3-658-13922-3

Wenn das Geld nicht reicht

Es braucht wenig, damit jemand in eine finanzielle

Notlage gerät: ein Stellenverlust, ein Unfall,

ein Exmann, der die Alimente nicht bezahlt. Der

neue Beobachter-Ratgeber, der in Zusammenarbeit

mit der Schweizerischen Gemeinnützigen

Gesellschaft entstanden ist, gibt einen

Überblick über das Netz der sozialen Sicherheit

in der Schweiz und erklärt, wer Anspruch auf

Sozialhilfe hat. Die Autorin zeigt Wege auf, um aus einem finanziellen

Engpass wieder herauszukommen, und gibt Tipps, wie man mit wenig

Geld den Alltag finanzieren kann.

Corinne Strebel Schlatter, Wenn das Geld nicht reicht, So funktionieren die Sozialversicherungen

und die Sozialhilfe, Beobachter-Edition, 2016, 160 Seiten, CHF 19.−

ISBN 978-3-85569-997-1

veranstaltungen

Plattform

Fremdplatzierung

Fremdplatzierte Kinder und Jugendliche, die

ein Heim oder eine Pflegefamilie verlassen, um

in ihre Familie zurückzukehren oder selbstständig

zu leben, stehen meist vor einem sehr

anspruchsvollen Übergang. An der Tagung des

Fachverbands Sozial- und Sonderpädagogik wird

diskutiert, wie Pädagogen und andere Verantwortliche

die Betroffenen in diesem Übergang

unterstützen können und wie Massnahmen

des stationären Settings in die neue Situation

einfliessen sollen.

Plattform Fremdplatzierung 2017

Dienstag, 24. Januar 2017; Kultur-Casino Bern

www.integras.ch

Recht

auf Arbeit

Arbeit bedeutet in der Schweiz nicht nur ökonomische

Lebensgrundlage, sondern ist Quelle der

sozialen Integration sowie Garant gegen Armut.

Eine hohe Zahl von Working Poor, Langzeitarbeitslosen

und Ausgesteuerten stellen dieses

Selbstverständnis jedoch immer mehr in Frage.

Am Forum setzt sich die Caritas mit den Veränderungen

auf dem Arbeitsmarkt auseinander und

stellt zur Diskussion, ob die integrative Rolle der

Arbeit erhalten werden kann oder ob der Strukturwandel

das Recht auf Arbeit aushöhlt.

Caritas-Forum

Freitag, 27. Januar 2017, Kultur-Casino Bern

www.caritas.ch

SKOS: Bieler Tagung 2017

Bildung statt Sozialhilfe

Mangelnde Berufsbildung ist in der Schweiz

einer der wichtigsten Risikofaktoren für Armut.

Der technologische Fortschritt führt dazu, dass

eine grosse Nachfrage nach gut ausgebildeten

Fachkräften besteht, einfache repetitive Arbeiten

hingegen meist maschinell verrichtet werden und

somit gering qualifizierte Personen zunehmend

Mühe haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Es ist

daher absolut entscheidend, dass Personen ohne

Berufsbildung auch noch im Erwachsenenalter

Zugang haben zu Nachholbildung.

Bieler Tagung 2017

Mittwoch, 8. März 2017, Kongresshaus Biel

www.skos.ch

service 4/16 ZeSo

35


Ein Zeitungsbericht hat Heinz von Arb überzeugt, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufzunehmen. Bild: Daniel Desborough

Der Superhost

Eine Trennung, ein Todesfall und ein zu grosses Haus: Die unfreiwillig veränderte Lebenssituation

von Heinz von Arb führte dazu, dass er ein Bed & Breakfast eröffnete und die Pflegschaft für einen

unbegleiteten 14-jährigen Flüchtling übernahm.

Im grossen Haus von Heinz von Arb war es

leer geworden. Nachdem er und seine Frau

sich getrennt hatten und der fast erwachsene

Sohn ausgezogen war, verstarb innert

kurzer Zeit auch noch von Arbs Mutter, die

in der Einliegerwohnung gelebt hatte. Für

Heinz von Arb und seine damals 14-jährige

Tochter standen die Zeiger auf Veränderung.

«Ich wollte am liebsten weg aus der

Schweiz – mich irgendwo sozial engagieren,

wo ein Bedürfnis besteht», erzählt von

Arb. Doch er blieb. Heute, zwei Jahre später,

haben Vater und Tochter einen neuen

Mitbewohner: Mahdi ist 14 Jahre alt und

kam als unbegleiteter Flüchtling in die

Schweiz. Von Arb übernahm die Pflegschaft

für den jungen Afghanen.

ach gegen hundert unbegleitete Minderjährige

(MNA) angekommen waren, stand

für ihn sofort fest: «Ich will einem Jugendlichen

eine Chance geben!» Auch die Tochter

war schnell überzeugt.

Nachdem Heinz von Arb das administrative

Verfahren durchlaufen hatte, erhielt

er einen Anruf vom Amt für Soziale

Sicherheit, das im Kanton Solothurn für

die Platzierung der MNA in Pflegefamilien

zuständig ist. Mahdi werde für ein Testwochenende

vorbeikommen. Bald darauf

stand der 14-Jährige mit Sack und Pack

vor dem Gartentor des schmucken Hauses

in Balsthal – und ist seither geblieben.

Die ersten Tage verbrachte der Jugendliche

mehrheitlich in seinem Zimmer, die

sprachliche Verständigung war schwierig.

Von Arb, das merkt man, ist einer, der die

Dinge nimmt, wie sie kommen. Und so

ging er die Situation ohne grosse Erwartungen

an. «Ich dachte mir, wir können

auch ohne viel zu sprechen etwas unternehmen»,

sagt er. So machten sie bald den

ersten gemeinsamen Ausflug in die Berge.

Innert kurzer Zeit ging Mahdi in die

Schule und hatte somit eine Tagesstruktur.

Auch Deutsch lernte er schnell. «Vom

zeitlichen Aufwand, der die Betreuung

mit sich bringt, war ich anfangs aber überrascht»,

erzählt von Arb. Zeit kann er glücklicherweise

bieten: Vor einigen Jahren hat

Keine grossen Erwartungen

Geplant war dies nicht. Eigentlich hatte

sich der 63-Jährige unterdessen gut mit

der neuen Lebenssituation arrangiert. Die

ehemalige Wohnung der Mutter hatte er zu

einem kleinen Bed & Breakfast umfunktioniert,

das er über Airbnb vermietete.

Schnell wurde von Arb zum «Superhost» –

eine Auszeichnung, die man auf der Internetplattform

erhält, wenn die Gäste besonders

zufrieden sind und gute Bewertungen

abgeben. Platz im Haus gab es aber immer

noch genug. Und als von Arb eines Tages in

der Zeitung las, dass im Asylzentrum Selzer

seine feste Stelle als Erwachsenenbildner

aufgegeben.

Zusammenleben wie in einer WG

Seit einem Dreivierteljahr lebt Mahdi

nun bei von Arbs. «Wir wohnen wie in

einer WG zusammen, auch wenn ich natürlich

die Verantwortung trage», sagt der

Pflegevater und fügt hinzu, vielleicht werde

sich mit der Zeit schon eine Art Vater-

Sohn-Beziehung entwickeln. Es gibt aber

auch schwierige Momente. Von der Fluchtgeschichte

und vom früheren Leben des

Jugendlichen weiss von Arb wenig: «Ich

möchte ihm nicht zu nahe treten, aber hie

und da erzählt er mir davon.»

Dass von Arb seinen Schützling mag, ist

nicht zu überhören: «Er hat so eine freundliche

Art und wir lachen gern zusammen.»

Oft müsse er den Jugendlichen fast bremsen,

weil er immer bei der Gartenarbeit

oder im Bed & Breakfast mithelfen wolle.

«Er dürfte doch auch mal sagen: Henä, das

ist dein Job!» An der Superhost-Auszeichnung

ist Mahdi jedenfalls nicht unbeteiligt.

Für das in den AirBnB-Bewertungen

viel gelobte Frühstück macht er jeweils den

Butterzopfteig, Heinz von Arb übernimmt

dann das Flechten.


Regine Gerber

36 ZeSo 4/16 porträt


Certificate of Advanced Studies

CAS Sozialhilferecht

CAS Soziale Sicherheit

CAS Sozialversicherungsrecht

Fachkurse

Sachbearbeiter/in im Sozialwesen

Sozialhilfeverfahren

Weitere Informationen unter www.hslu.ch/weiterbildung-sozialearbeit

Aktuelle Fachseminare zu Sozialer Sicherheit: www.hslu.ch/s164

Weiterbildung für die Kompetenzen von morgen

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW bietet wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Weiterbildungen

mit hohem Qualitätsstandard an. Sie verbindet Praxisnähe und Anwendungsorientierung mit

theoretischer Fundierung und gezieltem Einbezug von aktuellen Forschungsergebnissen. Ziel ist eine

optimale Qualifikationsmöglichkeit für berufliche Herausforderungen in:

– Behinderung und Integration – Gesundheit – Praxisausbildende in der Sozialen Arbeit

– Beratung und Coaching – Joint Master – Recht

– Change Management – Kinder- und Jugendhilfe – Sozialmanagement

– Eingliederungsmanagement – Methoden – Sozialplanung

– Ethik – Migration – Stadtentwicklung

– Forschung

Kontakt und Information

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW | 4053 Basel und 4600 Olten

weiterbildung.sozialearbeit@fhnw.ch | T +41 848 821 011

www.fhnw.ch/sozialearbeit/weiterbildung


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Weiterbildung, die wirkt!

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Sozialversicherungsrecht

4 Tage, Januar bis Februar 2017, Web-Code: K-REC-1

Fachkurs Case Management

13 Tage, Januar bis Juni 2017, Web-Code: K-CM-20

Fachkurs Arbeitsintegration

8 Tage, März bis Mai 2017, Web-Code: K-SOZ-28

Fachkurs Systemische Kompetenz in Veränderungsprozessen

8 Tage, März bis Juni 2017, Web-Code: K-BER-7

Fachkurs Mediation

12 Tage, März bis Juli 2017, Web-Code: K-MED-1

Ansprüche gegenüber der Invalidenversicherung [neu]

2 Tage, 25./26. April 2017, Web-Code: K-SOZ-32

Für detaillierte Informationen geben Sie auf unserer Website

den Web-Code ein und Sie gelangen direkt zum gewünschten

Angebot. soziale-arbeit.bfh.ch

Inspiriert und immer up to date:

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‣ Soziale Arbeit

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Weiterbildungen in

Sozialer Arbeit

Informationsanlass

Dienstag, 10. Januar 2017

Fachhochschulzentrum St.Gallen

Roman Bernhard

Geschäftsführer, Absolvent

CAS Case Management und

Supported Employment

Details und Anmeldung:

www.fhsg.ch/infoanlass

FHO Fachhochschule Ostschweiz

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