ZESO_2-2011_ganz

SkosZeso

ZeSo

Zeitschrift für Sozialhilfe

02/11

E-Government Elektronische Kommunikation holt die Bevölkerung

am Bildschirm ab Die Schweiz als Migrationsland Ängste blockieren

den Diskurs Spätes Glück Mit Selbstdisziplin zum Fachausweis


Solothurner SKOS-Tage 2011

Migration und Sozialhilfe

1./2. September 2011

Rund ein Drittel der Wohnbevölkerung in der Schweiz hat einen Migrationshintergrund. Wiederum ein Drittel

dieser Personen besitzt die Schweizer Staatsangehörigkeit.

Menschen mit einem Migrationshintergrund tragen ein erhöhtes Armutsrisiko. In der Sozialhilfe liegt ihr Anteil

bei fast 50 Prozent. Ihre Lebenssituationen werden massgeblich beeinflusst durch den Aufenthaltsstatus,

die Aufenthaltsdauer, die geografische und soziale Herkunft sowie den beruflichen und kulturellen Hintergrund.

Die Sozialhilfe unterscheidet in ihren Leistungen nicht zwischen ausländischen und inländischen Klientinnen

und Klienten. Da sich aber in der konkreten Arbeit besondere rechtliche, politische und soziale Fragen

stellen, drängt sich eine sorgfältige Analyse auf.

Tagungsschwerpunkte

Donnerstag, 1. September:

Migration im politischen, ökonomischen

und wissenschaftlichen Kontext

Freitag, 2. September:

Integration und die Anforderungen

an die Sozialhilfepraxis

Die Solothurner SKOS-Tage bieten Gelegenheit, sich vertieft mit dem aktuellen Thema Migration auseinanderzusetzen.

Die beiden Tage bieten in sich abgeschlossene Module, so dass auch eine eintägige Teilnahme

möglich ist.

Programm und Anmeldung: www.skos.ch Veranstaltungen


Dorothee Guggisberg

Geschäftsführerin der SKOS

Virtuelle Verwaltung

Heute geht ohne Internet kaum mehr etwas. Aber nicht nur

aus dem privaten Austausch ist das weltumspannende Netz

nicht mehr wegzudenken. Auch als Bürgerinnen und Bürger

werden wir zunehmend elektronisch angesprochen und erhalten

Zugang zu alltäglichen Informationen. E-Government

ist der Ausdruck für die über elektronische Kanäle abgewickelte

staatliche Dienstleistung und Kommunikation. Diese

virtuelle Welt der Verwaltung steht im Mittelpunkt der vorliegenden

Ausgabe der ZESO.

Zugang zu Informationen der öffentlichen Verwaltung benötigen

besonders auch Armutsbetroffene. Thomas Näf, Präsident

des Komitees der Arbeitsuchenden und Armutsbetroffenen

(KABBA) in Bern, erklärt im Interview, warum Soziale

Dienste auf ihren Webseiten mehr als nur ihre Schalteröffnungszeiten

publizieren sollten (S. 24).

Dass die Verwaltung nicht grau ist, zeigen viele Beispiele von

anregenden und äusserst informativen Webseiten öffentlicher

Dienste. Einige gehen auch gänzlich neue Wege: Die

Stadt St. Gallen zeigt, wie mit Twitter und Facebook der Einwegkommunikation

ein Ende gesetzt wird (S. 26).

Weniger virtuell, sondern sehr real ist die Welt von Rosmarie

Zapfl. Die Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F, die

sich lange Jahre für die CVP im Nationalrat engagierte, verrät

in der Rubrik «13 Fragen an ...», warum Gerechtigkeit stets

der Motor für ihr politisches und persönliches Engagement

war (S. 6).

Das politische Parkett kennt auch Michael Kreuzer – und er

beweist, dass rechts und links nicht immer widersprüchliche

Kategorien sind. Im Porträt auf S. 36 lesen Sie, wie der SVP-

Politiker und angehende Sozialarbeiter bürgerliche Gesinnung

und professionelle Sozialarbeit vereint. Wir wünschen

Ihnen eine anregende Lektüre.

editorial 2/11 ZeSo

1


SCHWERPUNKT16–27

E-Government

Der Postweg war einmal: Im Behördenalltag der

Zukunft sollen wichtige Geschäfte zwischen

Verwaltung, Bevölkerung und Wirtschaft effizient

auf elektronischem Weg erledigt werden. Im europäischen

Vergleich nehmen die Bestrebungen,

E-Government umzusetzen, zu – doch die Schweiz

hinkt im internationalen Vergleich noch hinterher.

In Sozialdiensten kommt E-Government zweifach

zum Zug: Einerseits in Form von elektronischen

Fallführungssystemen, andererseits in der Onlinekommunikation

mit ihren Anspruchsgruppen.

Welche Chancen und Herausforderungen Systeme

wie «Kiss», «Vis» und «Tutoris» mit sich bringen

und wie eine fortschrittliche Homepage eines

Sozialdienstes aussehen könnte, erfahren Sie im

Schwerpunkt der ZESO.

ZESO

zeitschrift für sozialhilfe

Herausgeberin Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS.

www.skos.ch Redaktionsadresse Redaktion ZESO, SKOS,

Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, Tel. 031 326 19

19, zeso@skos.ch Redaktion Monika Bachmann, Hanna Jordi

Redaktionelle begleitung Dorothee Guggisberg Autorinnen

und Autoren dieser Ausgabe Corina Bucher, Katja Cavalleri

Hug, Manfred Dachs, Jürg Gschwend, Roman Kohler, Thomas

Mussmann, Daniel Puntas Bernet, Reinhard Riedl, Stephan Röthlisberger,

Rahel Ruch, Herbert Ruckstuhl, Beat Rudin, Guido Schwarz,

Ueli Studer, Bernadette von Deschwanden, Christina Weber Khan,

Urs Weishaupt, Toni Wirz, Markus Zahno, Rosmarie Zapfl-Helbling

Titelbild Rudolf Steiner titelGestaltung pol, Konzeption &

Gestaltung GmbH, Bern Gestaltung mbdesign Zürich, Marco

Bernet, Tel. 044 362 76 77 Korrektorat Karin Meier Druck

und Aboverwaltung Rub Graf-Lehmann AG, Postfach, 3001 Bern,

Tel. 031 740 97 86, zeso@rubmedia.ch Abonnementspreise

Reguläres Jahresabo Inland Fr. 82.–, Jahresabo SKOS-Mitglieder

Fr. 69.–, Einzelnummer Fr. 25.–, Jahresabo ausland Fr. 120.–

© SKOS. Nachdruck nur mit genehmigung der Herausgeberin.

Die ZESO erscheint viermal jährlich.

ISSN 1422-0636 / 108. Jahrgang

Erscheinungsdatum: 1. Juni 2011

Die nächste Ausgabe erscheint im September 2011

2 ZeSo 2/11 inhalt


INHALT

4 Aktuell: Kantone interpretieren

Alimentenhilfe unterschiedlich

5 Generalvollmacht in der Sozialhilfe:

Pflicht oder Hetze?

6 13 Fragen an Rosmarie Zapfl

8 Praxis: Finanziert die Sozialhilfe

einen Sprachaufenthalt?

9 Mit Bildschirm und Wähltasten gegen

Schulden

10 In Ausbildung – und niemand zahlt

12 «Die Empathie für Menschen, die

Schutz brauchen, ist völlig abgeflacht»:

Interview mit Gianni D‘Amato

E-government

16 E-Government-Strategie Schweiz:

Die Behörde 2.0 hat durchgehend

geöffnet

18 Webseitengestaltung: Allzu schlicht

gehört sich nicht

21 Fallführungssysteme: Zwischen

Lebens- und Computerrealität

24 «Das Wissen entscheidet darüber,

ob die Hilfe auch wirklich ankommt»:

Interview mit Thomas Näf

26 Vorbildlich: St. Gallen zieht die

Strippen im Datennetz

Grande Dame

Die Schweiz Fremdet

Vergessene Kinder

Gradlinig, engagiert, konsequent: Dies sind

Attribute, die man der Alt-Nationalrätin

Rosmarie Zapfl zuschreibt. In der ZESO-

Rubrik «13 Fragen an ...» erklärt die CVP-

Politikerin, warum die Parteimeinung für sie

nie im Vordergrund stand. Und sie verrät,

was ihr gelegentlich den Schlaf raubt.

6

«Angst und Abwehr war schon immer eine

Grundstimmung in der Schweiz», sagt Gianni

D’Amato, Migrationsexperte der Universität

Neuchâtel. Ein kleiner Staat wie die Schweiz

könne aber nur durch Partizipation und

Inklusion überleben. Im Interview nimmt er

Stellung zu den Ereignissen in Nordafrika

und sagt, welche Auswirkungen diese auf die

Schweiz und Europa haben dürften.

12

Die aktuelle politische Debatte über die

gemeinsame elterliche Sorge erhitzt die

Gemüter. Weil man laut über die Rechte

der Eltern diskutiert, wird die Stimme

der betroffenen Kinder überhört. Die

Kinderanwaltschaft Schweiz setzt sich

gezielt dafür ein, dass die Rechte der Kinder

bei behördlichen und gerichtlichen Verfahren

wahrgenommen und verwirklicht werden.

28

28 Plattform: Geht es um ihr Wohl,

fühlen sich Kinder oft unwohl

30 Fachausweis statt Goldmedaille:

Wie Sulejman Sulejmani zu seinem

Abschluss kam

32 Armutsprävention: Kindern den

Aufstieg ermöglichen

34 Service: Lesen/Veranstaltungen

36 Der Grenzgänger: Porträt von Michael

Kreuzer

Sozialarbeiter (SVP)

Michael Kreuzer vereint, was scheinbar

nicht zusammenpasst: Der 22-jährige

Walliser politisiert in der SVP und bildet

sich beruflich zum Sozialarbeiter aus.

Diese «zwei Welten» verbindet er

gekonnt: Gelegentlich gewinnt er seine

Fraktionsmitglieder für sozialpolitische

Anliegen.

36

inhalt 2/11 ZeSo

3


NACHRICHTEN

Online-Beratung für

Behinderte

Für Menschen, die von einer körperlichen,

psychischen oder einer Sinnesbehinderung

betroffen sind, ist es oft schwierig, die Beratungsstelle

einer Behindertenorganisation

persönlich aufzusuchen. Pro Infirmis bietet

deshalb neu eine Online-Beratung an.

Fachleute aus der Sozialen Arbeit stehen

den Betroffenen zur Verfügung und beantworten

deren Fragen. Die Privatsphäre der

Ratsuchenden bleibt gewahrt: Sie errichten

ein Konto, zu welchem sie mit ihrem persönlichen

Passwort Zugang haben. Die Beratung

ist kostenlos und kann anonym erfolgen.

www.beratung4behinderte.ch

Mit Lotsen Termine

wahrnehmen

In einem Anfang April gestarteten Pilotprojekt

testet das Sozialamt der Stadt Luzern

den Einsatz von Ämterlotsen. Das Modell

stammt ursprünglich aus Hamburg: Ämterlotsen

sind Personen, die Klientinnen und Klienten

von Amtsstellen und Fachinstitutionen

zu wichtigen Gesprächsterminen begleiten.

Angesprochen sind Menschen, denen es aus

unterschiedlichen Gründen schwer fällt, Termine

allein wahrzunehmen. Auf diese Weise

sollen die Kommunikation im sozialen System

verbessert und die nötigen Abklärungsprozesse

beschleunigt werden.

www.sozialinforex.stadtluzern.ch

Sommaruga will

Asylverfahren straffen

Um sich auf die Zunahme von Flüchtlingen

aus Nordafrika einzustellen, hat Justizministerin

Simonetta Sommaruga (SP) Vorschläge

zur Straffung der Asylverfahren vorgelegt.

Die Migrantinnen und Migranten sollen dereinst

mehrheitlich in Zentren des Bundes

untergebracht werden, so dass in die kantonalen

Zentren nur noch Asylsuchende gelangen,

bei denen weiterführende Abklärungen

nötig sind. In rund 80 Prozent der Fälle sei

ohne weitere Abklärungen ersichtlich, ob es

sich um eine Person ohne Anspruch auf Asyl

oder um einen Flüchtling handle, macht Sommaruga

geltend. Auf diese Weise dürfte sich

das Verfahren von heute 1400 Tagen auf rund

120 Tage verkürzen. Die Sozialhilfe- und Unterbringungskosten,

welche die kantonalen

Sozialdienste ausrichten, würden folglich

sinken. Derzeit berät die Staatspolitische

Kommission des Ständerats (SPK) über den

Bericht.

Die Alimentenhilfe soll dazu beitragen, dass der Einkaufswagen nicht leer bleibt.

In manchen Kantonen kommt

der Unterhalt zu kurz

Am Anfang stand ein Postulat: Darin verlangte

die nationalrätliche Kommission für

soziale Sicherheit und Gesundheit vom

Bundesrat einen Bericht zur Harmonisierung

der Alimentenbevorschussung und

des Alimenteninkassos. Dieser Bericht

liegt nun vor. Er zeichnet das Bild zweier

Instrumente, die deutliches Verbesserungspotenzial

aufweisen.

Der Bundesrat kommt zum Schluss,

dass das Ziel, die Unterhaltsansprüche von

Kindern und Ehegatten zu sichern, in den

einzelnen Kantonen nur teilweise erreicht

wird. Grund dafür ist die föderalistische

Struktur der Schweiz: Die Inkassohilfe ist

im Zivilgesetzbuch festgehalten, doch die

Auslegung des Artikels durch die Kantone

erfolgt sehr unterschiedlich. Bei der

Alimentenbevorschussung stützen sich

die kantonalen Behörden auf je eigene

rechtliche Grundlagen: Ob die Gläubigerinnen

und Gläubiger Anspruch auf eine

Bild: Keystone

Bevorschussung haben, wie hoch die Beträge

pro Monat und Kind ausfallen und

wie lange die Vorschüsse geleistet werden,

wird von Kanton zu Kanton anders gehandhabt.

Die kantonalen Gesetze sind so

unterschiedlich, dass für die Betroffenen

grosse Rechtsungleichheiten bestehen und

Armut nach Scheidung je nach Wohnort

ganz unterschiedliche Facetten annimmt.

Der Bundesrat strebt deshalb die

Harmonisierung der Alimentenbevorschussung

und die Optimierung der Inkassohilfe

an. Ob die Vereinheitlichung

der Richtlinien zur Alimentenbevorschussung

dereinst durch den Bund oder die

Kantone selbst erfolgen soll, ist noch offen,

soll aber demnächst von der nationalrätlichen

Kommission für Gesundheit und

Soziales entschieden werden. Danach wird

der Bundesrat die notwendigen Anpassungen

der Inkassohilfe im Zivilrecht dem

Parlament unterbreiten. (hjo)

4 ZeSo 2/11 AKTUELL


KONTROVERSE

Generalvollmacht in

der Sozialhilfe:

Pflicht oder Hetze?

pro

Ueli Studer

Vorsteher der Direktion

Bildung und Soziales der

Gemeinde Köniz (SVP)

contra

Rahel Ruch

Stadträtin Junge Alternative

Bern

Wer einen Antrag auf Sozialhilfe

stellt, soll zeitgleich eine Vollmacht

unterschreiben – so sieht es das

revidierte Sozialhilfegesetz des

Kantons Bern vor. Die Vorlage provoziert:

Gegnerinnen sprechen von

«massiven Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte»,

währenddem

Befürworter in der Generalvollmacht

ein unverzichtbares Arbeitsinstrument

sehen.

Das Recht auf wirtschaftliche Existenzsicherung

ist durch die Bundesverfassung

gewährleistet. Die Bevölkerung verlangt

aber zu Recht, dass öffentliche Mittel nur

eingesetzt werden, wo diese nötig sind. In

der Sozialhilfe muss deshalb die Anspruchsberechtigung

genau geprüft werden. Dazu

sind Informationen und Bescheinigungen

nötig. In der Regel werden diese im Rahmen

der Mitwirkungspflicht von den Gesuchstellenden

selber beigebracht. Nicht alle

sind aber dazu in der Lage (fehlende

Sprachkenntnisse, Unzuverlässigkeit etc.)

und eine kleine Minderheit verweigert die

Mitwirkung.

Die für die Klientenarbeit zur Verfügung

stehende Zeit ist knapp bemessen. Sie

soll für persönliche Beratung eingesetzt

werden, damit die Integrationsziele erreicht

werden. Deshalb lehne ich mich an die seit

Jahren praxiserprobte Regelung der Ergänzungsleistungen,

wo mit der Gesuchsstellung

eine Vollmacht abgegeben wird. Sozialarbeitende

sollen ohne juristische Hürden

auf Dokumente zugreifen können, wenn

sie die Anspruchsberechtigung prüfen. Wer

ihnen unterstellt, sie würden eine Generalvollmacht

missbräuchlich zum Schnüffeln

einsetzen, verkennt ihre Professionalität.

Wenn die Vollmacht in das Unterstützungsgesuch

eingebaut wird, entfällt viel

administrativer Aufwand. Dieses Gesuch

mit Vollmacht ist mit der gesuchstellenden

Person zu besprechen. Wer in der Folge

nicht mitwirken will oder kann, weiss, dass

nicht beigebrachte Dokumente direkt eingefordert

werden. Von einem nicht abschätzbaren

Datenfluss kann keine Rede sein. Bei

der grossen Mehrheit unserer Unterstützten

können wir uns auf die Kooperation verlassen

und die Vollmacht kommt nie zum

Einsatz. Die Bevölkerung steht hinter den

sozialen Errungenschaften der Schweiz. Zu

diesem Bekenntnis müssen wir Sorge tragen.

Es setzt ein Gleichgewicht von Rechten

und Pflichten voraus. Vollmachten gehören

zu diesen Pflichten.

Was in einigen Gemeinden schon praktiziert

wird, soll nun auch im Kanton Bern

eingeführt werden: Der Zwang für zukünftige

Sozialhilfebeziehende, eine Generalvollmacht

zu unterschreiben, die den Behörden

Einsicht in sämtliche Bereiche des Lebens

garantieren soll. Damit können die Sozialämter

ohne Wissen der Klientinnen und

Klienten Informationen bei Ärzten, Banken

oder Versicherungen einholen.

Die Vollmachtspflicht hebelt gleich mehrere

zentrale Grundsätze unseres Rechtsstaates

und der Sozialen Arbeit aus: Erstens

setzt sie alle Menschen, die auf Sozialhilfe

angewiesen sind, einem Generalverdacht

aus. Statt vom legitimen Bedürfnis nach

finanzieller Unterstützung auszugehen,

steht der Verdacht auf Missbrauch am

Anfang der Zusammenarbeit. Mit dieser

Prämisse wird der ohnehin entwürdigende

Gang zur Sozialhilfe für die Betroffenen zum

Spiessrutenlauf.

Zweitens wird Sozialhilfebeziehenden

damit das Grundrecht auf Schutz der

persönlichen Daten verwehrt – einzig und

allein, weil sie auf finanzielle Unterstützung

angewiesen sind. Das ist ein massiver, nicht

legitimer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte

einzelner Bürgerinnen und Bürger,

der kaum mit der Verfassung vereinbar ist.

Drittens zerstört die Vollmachtspflicht das

Vertrauensverhältnis zwischen Sozialarbeitenden

und Klientinnen und Klienten. Ohne

dialogische Verständigung ist zielführende

soziale Arbeit nicht mehr denkbar, weshalb

das Einfordern von Vollmachten nur in

begründeten Einzelfällen überhaupt zur

Diskussion stehen darf.

Die Hetze gegen Menschen, die auf

Unterstützung angewiesen sind, ist ein

Armutszeugnis eines Staates, in dem Steuerhinterziehung

als Kavaliersdelikt gilt. Diese

Entwicklung darf nicht stillschweigend

hingenommen werden. Es ist höchste Zeit

sich für einen Staat einzusetzen, der seine

Stärke wieder am Wohl der Schwachen

misst (Präambel der Bundesverfassung).

AKTUELL 2/11 ZeSo

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13 Fragen an Rosmarie Zapfl

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Sind Sie eher arm oder eher reich?

Im Verhältnis zu vielen anderen Menschen bin ich

sehr reich. Mit der AHV alleine könnten mein Mann

und ich nicht leben. Wir haben jedoch das Privileg,

im eigenen Haus zu wohnen. Da wir selbstständig

erwerbend waren, ist das Haus unsere Altersversicherung,

die zweite Säule. Daneben verdiene ich mit

verschiedenen Tätigkeiten in Organisationen und

Kommissionen etwas dazu.

Womit beschäftigen Sie sich gerade?

Als Präsidentin von Alliance F gibt es sehr viel zu

tun. Im Moment steht «2020 – der weibliche Blick

auf die Zukunft» im Vordergrund. Es handelt sich

dabei um die dritte Schweizerische Ausstellung

für Frauenarbeit (SAFFA) nach 1928 und 1958. Die

Schweizer Frauen haben in der Vergangenheit mit

zwei hochinteressanten Ausstellungen gezeigt, wie

sie arbeiten und was sie erschaffen. Beide Ausstellungen

standen unter der Führung von Alliance F.

Gemeinsam mit den Frauenorganisationen haben

wir uns entschieden, im Rahmen des Projekts nicht

nur zu informieren, sondern Frauen und Männern

aus der ganzen Schweiz den Blick auf die Zukunft

richten zu lassen. Nach einer erfolgreichen ersten

Phase stehen wir nun vor der schwierigen Aufgabe,

das Vorhaben zu finanzieren.

Glauben Sie an Chancengleichheit?

Chancengleichheit wird es nie geben. Nicht jeder

Mensch hat die Möglichkeit, seine Wünsche und Erwartungen

umzusetzen, schon gar nicht weltweit.

Frauen haben sich in unserem Land in den vergangenen

Jahrzehnten Chancengleichheit in Bildung,

Politik und Wirtschaft erkämpft und nehmen diese

wahr. Trotzdem werden immer wieder Männer und

Frauen wegen ihrer Herkunft und den finanziellen

Möglichkeiten benachteiligt sein.

Für welches Ereignis oder für welche Begegnung würden

Sie ans andere Ende der Welt reisen?

Wenn mein Mann oder eines meiner Kinder mit

Enkel dort weilen oder in Not wären.

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Wenn Sie in der Schweiz drei Änderungen einführen

könnten. Welche wären das?

Elternzeit für Mütter und Väter. Sie entlastet die

Eltern vorübergehend von Erwerbsarbeit, ohne dass

sie diese aufgeben müssen. Sie ermöglicht auch

den Vätern, mit ihren Kindern mehr Zeit zu verbringen.

Erst nach drei Anläufen hat das Schweizer

Stimmvolk 2004 die Vorlage der Mutterschaftsentschädigung

angenommen. Ein Vaterschaftsurlaub

ist in der Schweiz in keinem Bundesgesetz geregelt.

Eine schwedische Studie zeigt, dass in Familien, in

denen der Vater beim ersten Kind Elternurlaub genommen

hatte, die Scheidungsrate um 30 Prozent

niedriger war als bei den andern.

Die Schwierigkeit Familie und Beruf zu vereinbaren,

ist mit ein Grund, warum Paare auf Kinder

verzichten. Alle Frauen, über alle Bildungsstufen

hinweg, wünschen sich mehr Kinder, als sie zur Welt

bringen. Es braucht deshalb angepasste Krankenkassenprämien,

flexible Arbeitszeiten, Steuerentlastung

für Familien und Angebote für die ausserfamiliäre

Kinderbetreuung.

Steuergerechtigkeit: Regelungen auf Bundesebene

und damit Abschaffung des Kampfes unter den

Kantonen um möglichst finanzkräftige Einwohner.

Womit beeindrucken Sie Ihre Mitmenschen und Ihre

Umwelt am meisten?

Mit meiner politischen Haltung. Ich argumentiere

immer mit meiner persönlichen Überzeugung, in

der die Menschenrechte im Vordergrund stehen und

nicht die Parteimeinung.

Bügeln Sie Ihre Blusen selbst?

Selbstverständlich. Ich habe das immer gemacht

und hoffe auch, dass ich sie noch lange selber bügeln

kann.

Welcher Begriff ist für Sie ein Reizwort?

Populismus und Fundamentalismus in Kirche

und Politik.

An welches Ereignis in Ihrem Leben erinnern Sie sich

besonders gerne?

In meiner Jugend war es die Besteigung des ersten

Viertausenders, zusammen mit meinem Vater

im Wallis. Damals ging es noch zu Fuss vom Tal

hinauf in die Berghütte. Die Nähe des Himmels versetzte

mich in ein Glücksgefühl, das ich nie vergessen

werde.

Unvergessliche Momente sind auch die Stunden

nach der Geburt meiner Töchter. Als junge Mutter ein

6 ZeSo 2/11 13 fragen an


Rosmarie Zapfl-Helbling

Bild: zvg

Rosmarie Zapfl-Helbling ist Präsidentin des Frauendachverbands Alliance F.

Die 72-Jährige gehört der CVP an, für welche sie von 1995 bis 2006 im

Nationalrat und gleichzeitig im Europarat politisierte. Rosmarie Zapfl ist

Vorsitzende der Eidgenössischen Kommission für Alkoholfragen und

Präsidentin eines Friedensdorfes in Israel (SWAS), in dem Kinder von Israeli

und Palästinensern zusammen in die Schule gehen. Rosmarie Zapfl lebt

zusammen mit ihrem Mann in Dübendorf. Sie ist Mutter von drei erwachsenen

Kindern.

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neues Leben in den Armen zu halten, das aus mir

geboren wurde, ist unbeschreiblich.

Jahrelang konnten wir mit Familie und Freunden

auf einer griechischen Insel Sommerferien geniessen

– ohne Hotel, Touristen und Komfort, nur mit

den Bewohnern des Fischerdorfes. Wir haben auf

diese Weise ein einfaches Leben erfahren und Menschen

kennen gelernt, mit denen uns noch heute

eine Freundschaft verbindet.

Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine einsame

Insel mitnehmen?

Genug Bücher, Malutensilien und eine warme Decke.

Nach ein paar Wochen brauche ich aber wieder

Menschen um mich.

Haben Sie eine persönliche Vision?

Als ich vor beinahe 40 Jahren am Anfang meiner

politischen Laufbahn stand, wurde ich gefragt, aus

welchem Grund ich mich für die Politik interessiere.

Meine Antwort lautete: Für mehr Gerechtigkeit. Damals

bekamen wir Frauen eben erst das Stimmrecht.

Mein ganzes Leben lang steht bei mir die Vision

von Gerechtigkeit und Frieden im Vordergrund.

Diese kann nur Wirklichkeit werden, wenn wir Hunger

und Armut weltweit beseitigen, den Menschen

die Möglichkeit geben, die Schätze ihres Landes

selbst zu nutzen und Rechtsstaatlichkeit anstelle

von Diktatur und Korruption setzen.

Gibt es Dinge, die Ihnen den Schlaf rauben?

Die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Frauen

und deren Zurschaustellung im Internet. Wenn in

meiner Familie oder im Bekanntenkreis jemand

leidet, habe ich auch schlaflose Nächte. Den Schlaf

rauben kann mir unser Projekt 2020, wenn es nicht

rund läuft. Zum Glück kann ich ohne Schlaftabletten

leben.

Mit wem möchten Sie gerne per Du sein?

Durch meine Tätigkeit in der Politik und im Europarat

konnte ich sehr viele interessante Menschen

kennen lernen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Starke, interessante Persönlichkeiten sind für mich

Dimitri oder Peter Bichsel. Mit ihnen möchte ich

mich über Gott und die Welt unterhalten und dabei

ihre Sicht zu Politik und Gesellschaft erfahren.

13 fragen an 2/11 ZeSo

7


Finanziert die Sozialhilfe einen

Sprachaufenthalt?

Eine Gymnasiastin, deren Mutter von der Sozialhilfe unterstützt wird, muss einen obligatorischen

Sprachaufenthalt absolvieren. Übernimmt die Sozialhilfe die anfallenden Kosten?

Frage

Die 17-jährige Tochter einer unterstützten

alleinerziehenden Frau besucht das Gymnasium.

Dem Stipendiengesuch wurde

entsprochen, die Schülerin erhält 3000

Franken für ein Schuljahr. Bei der Stipendienberechnung

wurden knapp 2000

Franken als Schulkosten anerkannt. Im

zweitletzten Schuljahr ist ein Sprachaufenthalt

mit Besuch einer anerkannten

Sprachschule von mindestens drei Wochen

obligatorisch. Diese Aufenthalte sind

enorm teuer. Das von der Schülerin favorisierte

Angebot kostet zirka 3000 Franken.

Teilweise, aber nicht immer, steht es den

Schülerinnen und Schülern auch frei, ein

Praktikum zu absolvieren. Diese Variante

wäre erheblich günstiger. Übernimmt die

Sozialhilfe die Kosten für solche Sprachaufenthalte?

Wenn ja, in welcher Höhe?

Grundlagen

Zweck der Sozialhilfe ist die Existenzsicherung,

Ziel die berufliche und soziale Integration

(SKOS-Richtlinien A.1). Eine gute

Ausbildung schafft die besten Voraussetzungen

für die berufliche Integration und

für die künftige finanzielle Unabhängigkeit.

Das Absolvieren einer Ausbildung ist

deshalb aus Sicht der Sozialhilfe unterstützenswert.

Die Finanzierung von Erstausbildungen

ist allerdings nicht primär

Aufgabe der Sozialhilfe. In erster Linie

haben die Eltern ihren Kindern eine angemessene

Ausbildung zu ermöglichen (Art.

PRAXIS

Die Rubrik « Praxis » beantwortet Fragen der

Sozialhilfe praxis. SKOS-Mitglieder haben die

Möglichkeit, konkrete Fragen an die SKOS-Line

zu richten (www.skos.ch, einloggen ins Intranet,

Rubrik «SKOS-Line» wählen). Ihre Fragen werden

von Fachpersonen beantwortet, und ausgewählte

Beispiele werden in der ZESO publiziert.

277 ff. ZGB). Subsidiär, wenn alle anderen

Einnahmen wie Unterhaltszahlungen,

Stipendien und Beiträge von Fonds und

Stiftungen nicht ausreichen, um Unterhalt

und ausbildungsspezifische Auslagen

zu decken, kann Sozialhilfe ausgerichtet

werden (SKOS-Richtlinien Praxishilfe

H.6).

Bezüglich der Finanzierung von Ausbildungen

ist Folgendes zu berücksichtigen:

Es muss sich um ein realistisches, den

Fähigkeiten der jungen Person angepasstes

Berufsziel handeln, die Ausbildung muss

von der Stipendienstelle anerkannt sein

und finanziell unterstützt werden, es soll

eine kostengünstige Ausbildungsvariante

gewählt werden, die auch eine Familie in

bescheidenen finanziellen Verhältnissen

(zusammen mit Stipendien) finanzieren

könnte.

Einerseits ist die Sozialhilfe also nicht

verpflichtet, Ausbildungen und damit

zusammenhängende Auslagen zu finanzieren.

Andererseits würde eine grundsätzliche

Verweigerung den Zielen der

Sozialhilfe zuwiderlaufen. Es ist deshalb

sinnvoll, im Einzelfall die oben beschriebenen

Abklärungen zu treffen. Kommt es

zu einer entsprechenden Unterstützung,

umfasst diese auch die anfallenden (einmaligen

und wiederkehrenden) Auslagen,

soweit diese nicht im Grundbedarf enthalten

sind (SKOS-Richtlinien C.1.4).

Wenn spezifische, mit der Ausbildung

zwingend zusammenhängende Kosten

anstehen, gilt das oben Ausgeführte uneingeschränkt.

Wenn eine Schülerin oder

ein Schüler jedoch den Wunsch nach einer

kostenintensiveren Variante hat, sind Sozialarbeitende,

Eltern und die betroffenen

Jugendlichen besonders gefordert. Es gilt,

Wünsche, Möglichkeiten und Grenzen

auszuloten und adäquate Lösungen zu

finden. Wenn die Auszubildenden bereit

sind, einen eigenen Beitrag zu leisten, wie

beispielsweise die Aufnahme eines Ferienjobs

oder das eigenständige Anfragen von

Fonds und Stiftungen, ist die Wahl einer

bevorzugten, aber teureren Variante denkbar.

Antwort

Der Besuch des Gymnasiums wird im konkreten

Fall nicht in Frage gestellt. Es handelt

sich um eine Schule, die eine solide

Basis für eine Berufsausbildung schafft

und von der Stipendienstelle anerkannt

und unterstützt wird.

Der Sprachaufenthalt ist obligatorisch.

Die Sozialhilfe übernimmt deshalb subsidiär

die Kosten, wenn sie weder durch Beiträge

von Fonds oder Stiftungen noch ganz

oder teilweise aus den Stipendien gedeckt

werden können. Es handelt sich um eine

einmalige situationsbedingte Aufwendung

im Zusammenhang mit dem Schulbesuch

(SKOS-Richtlinien C.1.4).

Schliesslich ist zu beachten, dass eine

zweckmässige und kostengünstige Variante

gewählt wird, die sich auch eine Familie

in bescheidenen finanziellen Verhältnissen

leisten könnte. Es ist empfehlenswert, die

Diskussion über die Wahl des Sprachaufenthaltes

mit der Jugendlichen und der

Mutter zusammen zu führen. Sollte die Jugendliche

bereit sein, für allfällige Mehrkosten,

die durch die Wahl einer teureren Variante

entstehen, selbst aufzukommen,

kann dem Wunsch entsprochen werden.

Von der Sozialhilfe wären dann subsidiär

lediglich die Kosten für die Minimalvariante

zu übernehmen.


Bernadette von Deschwanden

Mitglied der Rete

(Arbeitsgruppe der Richtlinienkommission

der SKOS)

8 ZeSo 2/11 PRAXIS


Mit Bildschirm und Wähltasten

gegen Schulden

Wer Schuldenprobleme hat, tut sich oft schwer, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Um Betroffene besser

zu erreichen, probiert die Caritas neue Kanäle aus – und bietet Schuldenberatung per Telefon und

Internet an. Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend.

Eine breite

Trägerschaft

Die Website, Beratungshotline und Kurse

sind Teilprojekte des Vereins Plan B, welcher

aus der Caritas Schweiz, Pro Juventute, der

Aduno Gruppe und neu Alphapay besteht.

Die Caritas ist die Zusammenarbeit im Rahmen

des Vereins Plan B eingegangen, weil

sie soziale Probleme gemeinsam mit anderen

gesellschaftlichen Akteuren – dazu

gehören besonders auch Unternehmen aus

der Privatwirtschaft – lösen will.

Eine erste Hürde nehmen – und anrufen: Das will die SOS-Schulden-Hotline erreichen. Bild: ex-press

Der Gang zur Schuldenberatung kostet viele

Betroffene grosse Überwindung. Mithilfe

neuer Angebote will die Caritas die Hürde

für eine Erstberatung senken. Dazu gehören

die kostenlose Beratungshotline

SOS Schulden, eine eigens eingerichtete

Webseite sowie ein Kurs, der sich an Migrantinnen

und Migranten richtet.

Hilfe über das Internet

Das Internet ist ein wichtiges Medium für

die Vermittlung von Erstinformationen an

Betroffene. Mit der Schuldenberatungs-

Webseite hat die Caritas ein Angebot realisiert,

das sich gezielt an Betroffene richtet.

Sie bietet Inhalte in zehn Sprachen, interaktive

Tests zu Budget, Schulden, Privatkonkurs

und betreibungsrechtlichem Existenzminimum

sowie eine Onlineberatung

an. Ziel ist es, Betroffene bestmöglich zu erreichen

und ihnen auf einfache Art und

Weise eine erste Auseinandersetzung mit

dem Thema zu ermöglichen.

Aus Sicht des Beratungserfolgs ist es

wichtig, dass sich Betroffene frühzeitig beraten

lassen. Die kostenlose Hotline SOS

Schulden bietet hierzu Hand. Seit dem

3. Januar 2011 beantworten Expertinnen

und Experten der Caritas-Schuldenberatung

und anderer Fachstellen unter der

nationalen Gratisnummer rechtliche Fragen,

beraten im Umgang mit Gläubigern

und vermitteln bei Bedarf eine weiterführende

Beratung. Erreichbar ist der Dienst

von Montag bis Donnerstag von 10 bis

13 Uhr. Der Service ist gut angelaufen:

Erste Rückmeldungen von Ratsuchenden

zeigen, dass das Angebot sehr geschätzt

wird.

Fachtagung zum Thema

Am 23. November 2011 veranstalten die

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, die

Caritas Schweiz und die SKOS in Basel

eine Fachtagung zum Thema «Armutsbekämpfung

mit Schuldenberatung». Die

Veranstaltung richtet sich unter anderem

an Fachkräfte kommunaler Sozialdienste.

Anmeldung und Information unter

www.forum-schulden.ch

800 absolvierten schon Kurse

Die Kurse für Erwachsene zum Thema

«Schulden vermeiden – Umgang mit

Schulden» richten sich eigens an Migrantinnen

und Migranten. Sie werden auf diese

Weise einfacher erreicht als über Beratungsstellen.

Migrationsspezifische Bedürfnisse

werden bei der Konzeption der

Kurse berücksichtigt. Die Kurse richten

sich insbesondere an Schlüsselpersonen

mit Migrationshintergrund mit dem Ziel,

diese für die Durchführung von Kursen im

Kreise ihrer Landsleute zu befähigen. Von

Mai 2010 bis Ende Februar 2011 fanden

bereits mehr als 100 Kurse in zwölf Sprachen

mit 800 Teilnehmenden statt. •

Jürg Gschwend

Fachstelle Schuldenberatung

Weitere Infos: www.caritas-schuldenberatung.ch

Hotline: 0800 708 708

Kurse: www.caritas-schuldenberatung.ch/kurse

beratung 2/11 ZeSo

9


Noch ein Jahr bis zur Berufsmatur – doch der Vater findet, er habe seine Pflicht getan. Das Beobachter Beratungszentrum kennt sich in solchen Fällen aus.

In Ausbildung – und niemand zahlt

Sozialarbeitende identifizieren die rechtlichen Probleme ihrer Klientinnen und Klienten meist

problemlos. Die Lösungssuche ist allerdings schwieriger. Im konkreten Fall helfen Fachleute des

Beobachters weiter.

«Jetzt ist Schluss mit den Alimenten.» Der

geschiedene Vater gibt sich überzeugt,

nichts mehr für seine Tochter bezahlen zu

müssen. Die Lehre sei abgeschlossen und

die Volljährigkeit erreicht. Die Tochter –

und vor allem deren Mutter, bei der sie

noch wohnt – sehen das anders. Verständlich:

Ohne die Unterstützung des Vaters ist

im schmalen Budget kein Geld übrig, um

der jungen Frau die einjährige Vollzeitausbildung

zur Berufsmatur zu ermöglichen.

Nun stellen sich brisante Fragen: Gehört

der geplante Abschluss noch zur Erstausbildung?

Muss der Vater weiter zahlen oder

nicht? Und wenn ja, wie kann man ihn dazu

zwingen?

Rechtliche Fallfragen

Diese Themen gehören zum Alltag von Sozialarbeitenden.

Sie beschäftigen sich mit

Voraussetzungen und Dauer der Unterhaltspflicht

für die Kinder geschiedener Eltern

oder mit zahlungsunfähigen oder -unwilligen

Vätern und Müttern. Auch Sozialbehörden,

welche die Alimentenbevorschussung

immer restriktiver handhaben,

sind für Fachleute ein Thema. Und wenn

die Alimente ganz ausbleiben, geraten viele

Alleinerziehende in Not – es zieht ihnen

den Boden unter den Füssen weg. Häufig

tauchen im Zusammenhang mit konkreten

Fällen rechtliche Fragen auf: Wie fordern

Betroffene ihre Rechte ein? Wie wehren sie

10 ZeSo 2/11 beratung


Bild: Keystone

sich gegen obrigkeitliche Entscheide? Und

wie ist die Gerichtspraxis?

Komplexität nimmt zu

Auch das Team der Sozialberatung der Caritas

Thurgau ist mit solchen Fragen konfrontiert.

Die Stelle verfügt nun seit zwei Jahren

über ein Beratungsabonnement des Beobachters

(s. Box). Susanne Nobs-Rageth, Leiterin

des Bereichs Soziale Aufgaben, ist vom

Nutzen dieser Dienstleistung überzeugt:

«Wir nehmen das Angebot regelmässig in

Anspruch und sind sehr zufrieden damit.»

Susanne Nobs-Rageth betont, dass die

rechtlichen Fragen, die sich in der Sozialarbeit

für sie und ihre Mitarbeitenden stellen,

immer komplexer werden. Vor allem im Bereich

des Sozial- und Familienrechts, aber

auch im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht

nehmen die rechtlichen Probleme zu.

Zwar reicht nach ihrer Erfahrung das juristische

Wissen der Sozialarbeitenden aus, um

die Probleme zu erkennen. Die vertiefte Beurteilung

und die Lösungen holen sie und

ihr Team sich nun bei den spezialisierten

Fachleuten des Beobachters. Wie im Fall

der jungen Frau mit dem zahlungsunwilligen

Vater.

Was die Expertin rät

Was hält die Familienrechtlerin des Beobachters

von der geschilderten Situation –

und was rät sie? «Das kommt darauf an.»

Dieser Satz ist klassisch bei der Beurteilung

juristischer Fragen und steht oft am

Anfang rechtlicher Beratungen. Dann fragt

die Beraterin: «Hat die junge Frau ihre ‹höheren›

Berufsabsichten zumindest in den

Grundzügen bereits vor der Volljährigkeit

geäussert und geplant?» Das sei wesentlich

für die Fortdauer der Zahlungspflicht. Gegenstand

des Ausbildungsunterhalts sei

nämlich die «Verwirklichung eines beruflichen

Lebensplans», wie es das Bundesgericht

mehrfach betont hat. Wenn ja, gilt

auch die an die Lehre anschliessende Berufsmatur

aus rechtlicher Sicht als Erstausbildung

– dann muss der Vater weiterhin

zahlen. Und wenn die Tochter geplant hat,

nach der Berufsmatur an der Hochschule

ihre Ausbildung fortzusetzen, dann gilt die

Zahlungspflicht des Vaters sogar noch für

die folgenden Jahre. Was rät die Juristin,

wenn sich der Vater weiterhin weigert, zu

zahlen? Empfehlenswert sei, das Gespräch

mit dem Vater zu suchen und ihm die

Rechtslage zu erklären. Gibt es keine Einigung

und bleibt das Geld trotzdem aus,

kann die Tochter den Vater betreiben. Wie

im Fall einer solchen Betreibung vorzugehen

ist, ist auf der Internetplattform

HelpOnline beschrieben (s. Box).

Auf Kernaufgabe konzentrieren

Damit Sozialarbeitende die breite Palette

an Fragen und Themen bearbeiten können,

müssen sie über ein vielfältiges Wissen

und bewährte Handlungsmethoden

verfügen. Sie können aber nicht alles wissen.

Die Rechtsberatung des Beobachters

kann sie von aufwendigen juristischen Recherchen

entlasten und Lösungsstrategien

vermitteln. So können sich Sozialarbeitende

wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.


Toni Wirz

Leiter Beobachter Beratungszentrum

Rechtsberatung für

soziale Institutionen

Das Beobachter Beratungszentrum stellt

den Fachleuten sozialer Institutionen

Dienstleistungen im Rahmen eines

speziellen Beratungsabonnements zur

Verfügung. Die Beratungsleistungen des

Beobachters umfassen praktisch alle

Rechtsgebiete. Zudem wird auch Beratung

in Finanz- und Steuerfragen sowie pädagogischen

Fragestellungen angeboten. Das

Angebot wurde in Zusammenarbeit mit der

SKOS entwickelt.

Angebot und Preise

Die Tarife orientieren sich an der Anzahl

gewünschter Beratungsleistungen.


12 vertiefte Beratungsleistungen,

unlimitierter Zugang zur Wissensdatenbank

HelpOnline, je ein Abonnement der Zeitschriften

Beobachter und BeobachterNatur

für 660 Franken im Jahr (780 Franken ohne

SKOS-Mitgliedschaft)


24 vertiefte Beratungsleistungen,

unlimitierter Zugang zur Wissensdatenbank

HelpOnline, je zwei Abonnemente der Zeitschriften

Beobachter und BeobachterNatur

für 1272 Franken pro Jahr (1512 Franken

ohne SKOS-Mitgliedschaft).


36 vertiefte Beratungsleistungen,

unlimitierter Zugang zur Wissensdatenbank

HelpOnline, je drei Abonnemente der Zeitschriften

Beobachter und BeobachterNatur

für 1836 Franken pro Jahr (2196 Franken

ohne SKOS-Mitgliedschaft).


48 vertiefte Beratungsleistungen,

unlimitierter Zugang zur Wissensdatenbank

HelpOnline, je vier Abonnemente der Zeitschriften

Beobachter und BeobachterNatur

für 2352 Franken pro Jahr (2832 Franken

ohne SKOS-Mitgliedschaft).

Weitere Infos zum Beratungspaket:

www.beobachter.ch/skos

Profitieren Sie jetzt vom Probeabo (bis Ende

Juli 2011): www.helponline.ch

Name: Beobachter Sozial / Mitgliedsnummer:

200106609

beratung 2/11 ZeSo

11


«Die Empathie für

Menschen, die Schutz

brauchen, ist völlig

abgeflacht»

Ist die Migration ein Problem oder eine Lösung? Migrationsexperte

Gianni D’Amato analysiert das Verhältnis zwischen der EU und

Nordafrika. Und er sagt, warum die Schweizer Migrationspolitik

nicht vom Fleck kommt.

Herr D’Amato, in Nordafrika beobachten

wir grosse Umwälzungen. Können

die Ereignisse als «historisch» bezeichnet

werden?

Die aktuelle Entwicklung hat sicher

eine historische Dimension. Wir sehen,

dass die Menschen in dieser Region, die

als relativ kompakt wahrgenommen wurde,

sich plötzlich für ihre Bürger- und für Menschenrechte

einsetzen. Sie wollen vom Staat

ernst genommen werden. Es bildet sich

dort eine Art Individuum heraus, das aus

Selbstachtung handeln und als moralische

Instanz im Gemeinwesen wirken will.

Wie reagiert der Westen auf diese

Entwicklung?

Die westliche Welt wurde von den Geschehnissen

völlig überrascht. Leider wird

die Botschaft, welche die Menschen aus

den betroffenen Ländern aussenden, nicht

wirklich wahrgenommen. Im Zentrum

steht nicht die Frage, wie man diese Menschen

in ihren Bestrebungen nach mehr

Rechten unterstützen kann, sondern die

Angst vor einer bedrohlichen Migrationsbewegung.

Ich finde es betrüblich, dass

der Westen so ängstlich und sprachlos darauf

reagiert.

Tatsächlich ist eine grosse Migrationsbewegung

zu beobachten.

Man muss das eingrenzen. In den ersten

drei Monaten dieses Jahres sind rund

25 000 Personen in Italien angekommen,

so viele, wie sonst im ganzen Jahr. Italien hat

sofort versucht, diese Migrationsbewegung

zu «europäisieren», damit Italien die Last

nicht selbst tragen muss. Frankreich und

die Europäische Union (EU) haben sich

herzlich für das Geschenk bedankt … und

die Leute wieder an Italien zurückgewiesen.

Finden Sie, es ist ein «italienisches»

Problem?

Ich meine, das neue Verhältnis zu

einem sich zart demokratisierenden Maghreb

ist ein europäisches Problem, aber

die gegenwärtige italienische Regierung

hat es jämmerlich angepackt.

Wie soll die EU damit umgehen?

Es ist bedenklich, dass die EU die betroffenen

Regionen in Nordafrika nicht

als strategisch wichtige Gegend betrachtet.

Man müsste stark auf Kooperation mit

diesen Ländern setzen und nicht nur im

Bereich der Entwicklungshilfe tätig sein.

Wenn sich diese Länder tatsächlich demo-

kratisieren, könnte um Europa herum erstmals

eine Zone entstehen, die offen ist für

den Rechtsstaat. Die Frage ist nun, ob man

dort investieren will, oder ob man das anderen

Regimes wie etwa Iran oder Saudi-

Arabien überlässt.

An welche Form von Investitionen

denken Sie?

Gefragt sind nicht nur Investitionen

vor Ort, sondern auch Beziehungsaufbau.

Es bräuchte ein offensives Austauschpro-

12 ZeSo 2/11 Interview


Gianni D’Amato

Gianni D’Amato ist Professor für Migration

und Staatsbürgerschaft an der Universität

Neuchâtel und Direktor des Schweizerischen

Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien

(SFM) der Universität Neuchâtel.

Der 48-jährige Politologe ist als Sohn von

italienischen Migranten in der Schweiz aufgewachsen.

D’Amato ist verheiratet und Vater

von zwei Kindern. Er lebt mit seiner Familie

in Zürich.

gramm mit dieser Region, um sie für uns

zu gewinnen. Insbesondere nachdem wir

sie 40 Jahre lang in Ruhe gelassen und somit

die Diktaturen begünstigt haben. Die

EU könnte zum Beispiel die Möglichkeit

schaffen, temporär Arbeitsmigranten aufzunehmen

oder den Austausch mit Studierenden

fördern.

Die öffentliche Debatte zeigt aber,

dass die Bevölkerung und auch die Politik

mit Angst und Abwehr reagieren.

Bilder: Béatrice Devènes

Angst und Abwehr war schon immer

eine Grundstimmung in der Schweiz. Sie

ist demografisch genährt: Die Schweiz ist

angeblich ein kleines Land, das nicht unbegrenzt

Menschen aufnehmen kann. Die

Leute fürchten sich davor, plötzlich im eigenen

Land eine Minderheit zu sein. Die

Grundstimmung drückt sich aber auch in

der Angst vor kultureller Überfremdung

aus: Die Fremden stellen demnach eine

Gefahr dar, weil sie so anders sind als wir.

Diese Denkstruktur geht in der Schweiz

zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Migration wird als Bedrohung wahrgenommen

und nicht als Lösung eines

Problems.

Die Schweiz hat eine humanitäre

Tradition. Was bedeutet humanitäres

Handeln im Kontext der aktuellen

Entwicklung?

In diesem Zusammenhang bedeutet es,

die Schutzbedürftigen für eine bestimmte

Zeit aufzunehmen, weil sie verfolgt werden.

Diese Tradition ist – wie auch die

Neutralität – eine Form der Aussenpolitik.

Sie ist manchmal umstritten. Nach dem

Zweiten Weltkrieg musste sie erneuert

werden, weil sie während dieser Zeit nicht

funktioniert hat.

Wann hat diese Tradition wirklich

funktioniert? Können Sie ein Beispiel

nennen?

Während des Kalten Kriegs konnte man

sich darauf verlassen – ganz besonders, als

die Ungarn in die Schweiz kamen. Die einheimische

Bevölkerung hat grosses Einfühlungsvermögen

gezeigt, und viele haben es

als persönliches Bedürfnis empfunden,

den Betroffenen zu helfen. Dieses Phäno-


interview 2/11 ZeSo

13


men gab es seither nie mehr. Das haben

insbesondere die Chilenen 1973/1974

zu spüren bekommen: Ihre sogenannte

Fremdheit wurde viel stärker thematisiert.

Sie kamen aus einem anderen politischen

Lager und waren deshalb vielen Leuten suspekt.

Seit den 1980er-Jahren ist hierzulande

die Empathie für Leute, die Schutz

brauchen, völlig abgeflacht. Weder die Tamilen

und schon gar nicht die Menschen

aus dem Balkan konnten hier auf Sympathien

zählen.

Ist die Schweiz kein empathisches

Volk?

Man darf das nicht zu schwarzsehen …

Es gibt verschiedene Einstellungen: Die

einen haben vor allem ökonomische Interessen,

für die anderen stehen nationale

Werte im Vordergrund, und die dritten engagieren

sich für eine humanitäre Schweiz.

Es ist diese dritte Gruppe, die sich dafür

einsetzt, dass sich die Schweiz im internationalen

Rahmen verpflichtet, schutzbedürftigen

Menschen zu helfen. Dieser Bevölkerungsteil

ist in der Schweiz häufig in der

Minderheit – aber es gibt ihn.

Ist die Angst vor Überfremdung

berechtigt?

Die Angst ist das eine, die Ideologie

das andere. Es ist ganz klar: Wenn die eigene

Position durch den Wettbewerb mit

anderen eingeschränkt wird, möchte man

darauf reagieren. Man sagt sich dann: Je

weniger Wettbewerb, desto sicherer ist

meine Position. Es ist aber eine Tatsache,

dass der Wettbewerb heute in unserem Leben

eine zentrale Rolle spielt. Die Frage ist

nun, für wen dieser Wettbewerb gilt: Nur

für die unteren Schichten – so wie das in

den 1950er- und 1960er-Jahren war –

oder für alle? Wenn er für alle gilt, dann

sollte Kompetenz in unseren internationalisierten

Arbeitsmärkten entscheidend sein

und die Nationalität eine untergeordnete

Rolle spielen. Viele Leute erwarten heute

aber, dass sie vor der Qualifikation anderer

geschützt werden. Das ist ein Paradox in

einer liberalen Marktwirtschaft.

«In unseren internationalen

Arbeitsmärkten

sollte

Kompetenz entscheidend

sein und

die Nationalität eine

untergeordnete Rolle

spielen.»

Wir stehen uns also selbst im Weg?

Die Schweiz befindet sich in einer Blockade:

Etwa die Hälfte der Bevölkerung

unterstützt das System der liberalen Marktwirtschaft,

die andere Hälfte wünscht sich

Schutzmassnahmen. Das Land ist somit

nicht entscheidungsfähig oder hängt von

veränderlichen Mehrheiten ab.

Was macht eine Migrantin zur

Bürgerin?

Gute Frage – die Einbürgerung einerseits

und die Partizipation andererseits.

Das heisst, die volle Bürgerschaft?

Ja – und damit verbunden auch den

Schutz vor Diskriminierung. Es gibt in der

Schweiz bisher wenige Möglichkeiten, um

sich vor Diskriminierung zu schützen. Die

Bürgerrechte erlauben, dass man sich öffentlich

artikulieren kann, und sie bieten

Schutz vor Ausweisung. Wie wir ja wissen,

versuchen bestimmte politische Gruppierungen,

diese Schutzvorkehrungen zu

torpedieren: Sie wollen, dass man quasi

«auf Quarantäne» Schweizer wird und die

Einbürgerung wieder rückgängig gemacht

werden kann, wenn man sich nicht als

würdiger Schweizer erweist. Das ist in der

heutigen Zeit doch sehr erstaunlich. Diese

Praxis der Ausbürgerung kennen wir von

der damaligen Vichy-Regierung in Frankreich.

Ich staune immer wieder, auf welche

historischen Referenzen man teilweise zurückgreift.

Im Oktober finden eidgenössische

Wahlen statt. Welchen Einfluss

wird das Thema Migration auf den

Wahlkampf haben?

Einen sehr grossen! Migration ist ein

Thema, das nichts kostet und stark mobilisiert.

Es gibt keine andere Gruppe, gegen

die man so mobilisieren kann, ohne mit

Verlusten im Bereich von Wählerstimmen

rechnen zu müssen. Wer also nicht mit Migrationsfragen

mobilisiert, hat vom Wahlkampf

nichts verstanden. Es gibt im Zusammenhang

mit Migration verschiedene

Themen, die sich für den Wahlkampf eignen:

Einbürgerung, Missbrauchsbekämpfung

etc. – je nachdem, welche Themen im

Sommer Konjunktur haben, werden sich

die Parteien das Passende herauspicken.

Wie werden sich die Parteien

positionieren?

Die meisten Parteien gehen davon aus,

dass die SVP mit ihrer Position grundsätzlich

echte Bedürfnisse der Bevölkerung aufnimmt,

jedoch die falschen Lösungen dazu

anbietet. Die SP wird sicher versuchen,

den Aspekt der humanitären Tradition

einzubringen, die liberalen Kräfte werden

die Migration mit ökonomischen Fragen

verbinden, aber indirekt geben sie ihrem

politischen Gegner Recht. So gesehen hat

die SVP schon einen Sieg errungen, weil

sich ihre Betrachtung durchgesetzt hat, die

quasi im Fremden ein Problem sieht.

Die SP und die Linke allgemein stehen

seit Jahren in der Kritik. Man wirft

ihnen vor, sie hätten die Migrationsdebatte

verschlafen oder sie seien zu

lieb. Was sagen sie dazu?

Diese Kritik ist parteiisch. Sie unterstellt

der Linken, dass sie das Thema falsch einordnet.

Dem gegenüber steht die SVP. Sie

hat mit ihrer Politik jahrelang das Ziel verfolgt,

keine Reformen zu ermöglichen und

hat so die Blockade, die wir seit 30 Jahren

haben, zementiert. Bei der Minarettinitiative

2009 ist es ihr erstmals gelungen, das

Ausländerthema als Bedrohung öffentlich

durchzusetzen. Ein kleiner Staat wie die

Schweiz kann aber nur durch Partizipation

der verschiedenen Teile und durch Inklusion

überleben – weil die Schweiz auf Beteiligung

der Leute baut.

Nochmals zur Frage der Linken …

Wie gesagt, es geht um die Interpretation.

Die Linken sehen aus ihrer Perspektive

vor allem die humanitäre Tradition:

14 ZeSo 2/11 interview


«Wer nicht mit

Migrationsfragen

mobilisiert, hat vom

Wahlkampf nichts

verstanden.»

Wir müssen helfen. Sie sehen aber nicht,

dass die betroffenen Migrantinnen und

Migranten sich selbst helfen wollen. Sie

wollen nicht Klienten sein.

Die Kritik an der linken Migrationspolitik

kommt aber nicht primär von den

Migranten, sondern vor allem von potenziellen

Wählerinnen und Wählern.

Die SP befindet sich in einem Dilemma.

Sie vertritt eine breite Wählerschaft,

dazu gehören auch Segmente der Bevölkerung,

die nach Schutz verlangen – und

genau diese Gruppe fühlt sich zunehmend

von der SVP angesprochen. Die SP hat es

nicht geschafft, alternative Analysen zu

liefern. In der linken Bewegung gibt es

aber bereits seit dem 19. Jahrhundert eine

Spaltung in dieser Frage: Die einen sehen

im Fremden eine Chance und sehen sich

der internationalen Solidarität verpflichtet.

Die anderen haben Angst und wollen

sich gegen die Zuwanderung zur Wehr

setzen.

Gibt es für Sie ein Land, das im

Bereich Migrationspolitik Vorzeigecharakter

hat?

Nein, das gibt es nicht. Im Bereich Migration

ist zurzeit Kanada «le dernier cri».

Ich denke aber, jeder Staat hat sich mit

den gleichen Fragen auseinanderzusetzen:

Anerkennen wir das Phänomen der Migration?

Was machen wir, damit die Situation

für alle besser wird? Und wie gehen wir

mit uns selbst um? An diesen Fragen zeigt

sich schlussendlich, wer wir sind, wie unser

System auf Herausforderungen reagiert

und wie wir Menschen- und Bürgerrechte

wirklich praktizieren. Entscheidende gesellschaftliche

Fragen stellen sich anhand

von Minderheiten, und nicht anhand des

Mainstreams.

Drehen wir das Zeitrad 50 Jahre nach

vorne: Wie sieht dann die Zusammensetzung

unserer Gesellschaft bezüglich

Nationalitäten und Religionen aus?

Die Gesellschaft wird pluralistischer

sein. Ich gehe davon aus, dass vermehrt

Menschen aus Deutschland in die Schweiz

kommen werden. Ob sie dann bleiben und

sich auf diesen Staat und unsere Gesellschaft

einlassen, wird sich zeigen. Die ganze

europäische Migration wird man mehr

und mehr als Mobilität erfahren. Migration

ist also nicht mehr als definitiver Wechsel

zu verstehen. Wenn der europäische

Einigungsprozess weitergeht, wird es zu

Verschiebungen kommen, die vergleichbar

sind mit einem heutigen Kantonswechsel

in der Schweiz.

Wird es ein nationales Stimmrecht

für Ausländer geben?

Wenn die Schweiz in 50 Jahren Mitglied

der EU ist, dann auf jeden Fall. Erfahrungen

aus den umliegenden Ländern

zeigen, dass das Ausländerstimmrecht keine

dramatische Angelegenheit ist! Warum

sollen Leute, die Schulen und das Gemeinwesen

mitfinanzieren, nicht mitwirken

können? Diese Form von nationalem Ausschluss

entspricht eigentlich gar nicht dem

Selbstverständnis der Schweiz. •

Das Gespräch führte

Monika Bachmann

interview 2/11 ZeSo

15


Die Behörde 2.0

hat durchgehend

geöffnet

Sie stellen Anfragen, tauschen Daten aus,

wickeln Geschäfte ab: Damit die Gesellschaft

funktioniert, stehen Behörden, Bevölkerung

und Unternehmen in engem Kontakt. Um diese

Prozesse effizienter zu gestalten, bietet sich der

schnelle elektronische Weg an: E-Government.

E-Government erfordert umfassendes IT-Wissen. Der Bund gibt die Strategie vor.

In ganz Europa häufen sich die Bestrebungen, E-Government

nicht nur national, sondern über alle Verwaltungsebenen hinweg

stärker zu koordinieren. Das Vorhaben stellt auch die Schweiz vor

grosse Herausforderungen: Gerade kleinere Gemeinden können

sich das erforderliche IT-Fachwissen nicht in der Qualität leisten,

die nötig wäre, um umfassende E-Government-Projekte in Eigenregie

durchzuführen. Hierzu braucht es klare nationale Vorgaben

und Unterstützung. Im Januar 2007 hat der Bundesrat die

E-Government-Strategie Schweiz verabschiedet. Diese nationale

Strategie wurde unter der Federführung des Informatikstrategieorgans

Bund (ISB) in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen und

Gemeinden entwickelt. Die Strategie verfolgt drei Ziele:

– Die Wirtschaft wickelt den Verkehr mit den Behörden elektronisch

ab.

– Die Behörden haben ihre Geschäftsprozesse modernisiert und

verkehren untereinander elektronisch.

– Die Bevölkerung kann die wichtigen Geschäfte mit den Behörden

elektronisch erledigen.

Die Vorhaben, die es im Rahmen der E-Government-Strategie

umzusetzen gilt, sind im «Katalog priorisierter Vorhaben» erfasst.

Der Katalog umfasst Leistungen, die aus Sicht der Zielgruppen

und der Verwaltung ein besonders gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis

ausweisen, wenn sie elektronisch erbracht werden. Ein Beispiel

für ein solches Vorhaben ist die Abwicklung der Geschäfte

zwischen den Ausgleichskassen und deren Mitgliedern: Wenn die

Unternehmen die Anmeldung ihrer Mitarbeitenden bei den Ausgleichskassen

elektronisch erledigen können, erhöht das die Effizienz

und die Datenqualität auf beiden Seiten. Ein anderes Beispiel

ist die Standardisierung von Personendaten in der Verwaltung:

Werden Datenerfassungssysteme vereinheitlicht, erleichtert dies

die administrativen Abläufe erheblich.

Widmer-Schlumpf hat den Vorsitz

Verantwortlich für die koordinierte Umsetzung der E-Government-Strategie

Schweiz ist der Steuerungsausschuss E-Government

Schweiz. Er besteht aus neun Mitgliedern: Je drei Vertreterinnen

oder Vertreter des Bundes, der Kantone und der Städte und

Gemeinden bilden den Ausschuss. Den Vorsitz hat als Vorsteherin

des Eidgenössischen Finanzdepartementes (EFD) derzeit Bundesrätin

Eveline Widmer-Schlumpf inne. Der Steuerungsausschuss

entscheidet über die wichtigsten Vorhaben im Katalog und bestimmt

die Organisationen, welche diese umsetzen sollen.

Als Stabsorgan des Steuerungsausschusses und des Expertenrates

dient die Geschäftsstelle. Sie wird durch den Bund finanziert

und ist beim Informatikstrategieorgan Bund (ISB) angesiedelt,

welches zum Eidgenössischen Finanzdepartement gehört.

Die Bevölkerung schätzt das Angebot

Die Fortschritte der E-Government-Strategie Schweiz misst die Geschäftsstelle

mithilfe eines Controllingprozesses. Wenn Korrekturen

16 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


ZESO-SCHWERPUNKT

Weitere Beiträge zum Thema

E-Government:

18 Allzu schlicht gehört sich

nicht: Tipps für den gelungenen

Webauftritt

21 Fallführungssysteme: Zwischen

Lebens- und Computerrealität

24 Informationsbedürfnisse von

Klienten: Fehlt das Wissen,

kommt die Hilfe nicht an

26 Vorbildlich: St. Gallen zieht

die Strippen im Datennetz

Bild: pixsil

nötig sind, werden die entsprechenden Massnahmen aus den Daten

abgeleitet. Gemäss der aktuellen Planung werden per Ende 2011

19 und per Ende 2013 gar 37 der 45 priorisierten Vorhaben aus

dem Katalog schweizweit zu über 80 Prozent in Betrieb sein.

Ein wichtiges Merkmal von E-Government Schweiz ist die Ausrichtung

auf die Bedürfnisse der Zielgruppen Wirtschaft, Verwaltung

und Bevölkerung. Um diese Bedürfnisse der Bevölkerung

zu eruieren, werden alle ein bis zwei Jahre 1000 Personen befragt.

Die aktuellste Studie von 2009 zeigt, dass mit 86 Prozent

ein hoher Anteil der Befragten mit dem Internetangebot der

Verwaltung insgesamt «eher zufrieden» oder sogar «sehr zufrieden»

ist.

Noch sind Aufgaben zu lösen

Die öffentlich-rechtliche Rahmenvereinbarung über die E-Government-Zusammenarbeit

gilt bis Ende 2011. Um die Kontinuität

der E-Government-Strategie Schweiz und die weitere Umsetzung

zu gewährleisten, hat der Steuerungsausschuss die Geschäftsstelle

beauftragt, Varianten über die Erneuerung der Rahmenvereinbarung

auszuarbeiten. Ziel ist es, die Geschwindigkeit bei der Realisierung

von E-Government zu erhöhen und die Führungsrolle des

Bundes zu stärken, ohne dabei die Kantone und Kommunen von

ihrer Umsetzungsverantwortung zu entbinden.


Stephan Röthlisberger

Leiter Geschäftsstelle E-Government Schweiz

E-Government

E-Government steht für «Elektronische Behörde». Mit

E-Government sollen die Wirtschaft und die Bevölkerung

wichtige Geschäfte mit den Behörden elektronisch

abwickeln. Die Behörden ihrerseits modernisieren

ihre Geschäftsprozesse und verkehren untereinander

elektronisch. Um E-Government in der Schweiz voranzutreiben,

haben Bund, Kantone und Gemeinden ihre

gemeinsamen Ziele in der «E-Government-Strategie

Schweiz» definiert. E-Government kann nur dann

erfolgreich sein, wenn alle drei Staatsebenen vernetzt

zusammenarbeiten.

Weitere Infos: www.egovernment.ch

Die Schweiz holt auf

Seit 2001 werden mit dem E-Government-Benchmark-

Bericht Dienstleistungen in verschiedenen europäischen

Verwaltungen untersucht. Beteiligt sind die 27

EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Kroatien, Norwegen,

die Schweiz und die Türkei. Untersucht werden unter

anderem die Verfügbarkeit und der Ausbaustand von

elektronischen Dienstleistungen. Die Resultate zeigen,

dass E-Government in Europa auch im letzten Jahr zugenommen

hat. Die Schweiz figurierte in den Bewertungen

der letzten Jahre deutlich unter dem Durchschnittswert.

Grund dafür sind hauptsächlich die föderalen Strukturen:

Sie erschweren das Ziel, elektronische Dienstleistungen

flächendeckend verfügbar zu machen. Im

vergangenen Jahr konnte die Schweiz ihr Angebot aber

deutlich verbessern. Sie liegt aktuell nur noch knapp

unter dem europäischen Durchschnitt.

SCHWERPUNKT 2/11 ZeSo


Allzu schlicht gehört sich nicht

Ein qualitativ hochstehender Webauftritt

ist längst kein Fakultativum mehr:

Onlineportale mit einer umfassenden,

adressatenbezogenen Information sind

gefordert. Sozialdienste als Teil des

Behördenapparats haben hier noch grossen

Nachholbedarf.

Die Qualitätskriterien für Webauftritte der Sozialhilfe sind grundsätzlich

die gleichen wie für alle E-Government-Portale: Wichtig

ist in erster Linie die Qualität der Information, die zur Verfügung

steht. Zweitens müssen Interaktions- und Transaktionsmöglichkeiten

vorhanden sein. Drittens sollten Optionen zur Anpassung

an die persönlichen Nutzungsbedürfnisse existieren. Haben die

Surferinnen und Surfer zusätzlich die Möglichkeit, Inhalte selbst

zu produzieren und das Portal aktiv mitzugestalten, ist auch die

vierte Qualitätsstufe erreicht.

Was die Benutzerin erwartet

Zuallererst sollte sich der Sozialdienst fragen, welche Adressaten mit

der Webseite überhaupt erreicht werden sollen: Nur die potenziellen

Sozialhilfe-Bedürftigen? Oder müssen weitere Anspruchsgruppen

mit Informationen versorgt werden? Welche Informationsbedürfnisse

haben die Angesprochenen? Wie ist es um ihre Fähigkeiten

bei der Nutzung von Webportalen bestellt? Die Antworten auf

diese Fragen geben den Verantwortlichen einen Hinweis darauf,

welche Informationen online zugänglich gemacht werden müssen.

Diese Auswahl an Informationen gilt es dann benutzerfreundlich

zu gestalten. In der Regel sind die Bedürfnisse der Angesprochenen

den Behördenmitarbeitenden gut bekannt. Zusätzliche

Informationen können allenfalls Experimente liefern, bei denen

Testpersonen aus dem Adressatenkreis beim Benutzen existie-

webseite zürich

webseite schaffhausen

18 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


Fragen zu stellen und eventuell Anträge elektronisch einzureichen.

Auch hier gilt es, die adressaten- und kontextgerechte Gestaltung

zu berücksichtigen. Anders als bei anderen E-Government-Diensten

ist eine vollumfängliche Online-Abwicklung von Sozialhilfe-

Anträgen in der Regel kaum wünschenswert. Sinnvoller wäre es,

den Austausch von Fragen und Zusatzinformationen zwischen

Bevölkerung und Behörde auf elektronischem Weg grundsätzlich

zu erleichtern.

Wird online die Möglichkeit geboten, Fragen zu stellen, so

sollten die Mitarbeitenden der Sozialbehörde diese Dienstleistung

gut bewirtschaften. Damit erhalten die Fragestellenden innert vernünftiger

Frist eine Antwort. Bei Onlineforen müssen missbräuchliche

Nutzungen konsequent und rasch entfernt werden. Dies

kann bisweilen einen beträchtlichen Aufwand bedeuten. Anderseits

bietet die Anknüpfung von Portalen an digitale soziale Netze

neue Möglichkeiten für direkte Online-Kommunikation.

Zugeschnittene Information

Die dritte Maturitätsstufe besteht im Bereitstellen von Personalisierungsmöglichkeiten

für die Nutzerinnen und Nutzer, die es ihnen

erlauben, das Portal nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Beispielsweise

dadurch, dass sie ihre Informationspräferenzen angeben

können. Das erleichtert besonders bei Portalen mit sehr vielen

Informationen die Suche.

Im Idealfall kann sich ein Nutzer im Rahmen der Personalisierung

einen persönlichen Datensafe anlegen, in dem er alle von

ihm benötigten und erhaltenen Dokumente ablegt. Von hier aus

reicht er dann die Dokumente bei Behörden ein – und die Behörde

schickt ihre Bescheide an den Datensafe zurück. Mithilfe dieser

virtuellen Akte könnten in der Folge alle Behördenkontakte abgewickelt

werden. Bisher gab es bereits verschiedene Implementierungsversuche

des Systems, einige weitere sind in Planung. Allerdings

sind Datensafes noch in keinem europäischen Land wirklich

zufriedenstellend realisiert.

webseite thun

Mehr Mut ist gefragt

Die vierte Maturitätsstufe besteht im Bereitstellen von Web-2.0-

Instrumenten, die es den Portalnutzerinnen und -nutzern erlauben,

selber Inhalte zu veröffentlichen. Dabei spielen die Anknüpfungen

an digitale soziale Medien eine wichtige Rolle. Behörden,

die solche zusätzlichen Dienstleistungen anbieten wollen, müssen

anfangs oft über ihren Schatten springen: Wenn Sie ihrer Klientel

Gestaltungsmöglichkeiten offen lassen, geht ein Teil ihrer Kontrolle

verloren – beziehungsweise an die Nutzer über. Viel Erfahrung

mit kollaborativen Behördenwebseiten existiert bisher noch nicht.

Es weist aber alles darauf hin, dass sich der Trend hin zur Interaktion

in Zukunft noch verstärken wird.


Reinhard Riedl

Leiter Schwerpunkt E-Government an der Berner Fachhochschule und

Mitglied des Expertenrats E-Government Schweiz

20 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


Computersysteme können Sozialarbeitende nicht ersetzen – sie können sie aber bei der technischen Fallführung unterstützen.

Bild: zvg

Fallführungssysteme: Zwischen

Lebens- und Computerrealität

Daten erfassen, Kennzahlen lesen, Entwicklungen erkennen: Dies sind Eigenschaften von

elektronischen Fallführungssystemen. Sie sind zweifellos intelligent. Doch in der Sozialhilfe stossen

sie manchmal an Grenzen. Dies zeigt ein Blick in die Stadt Zürich, wo «Kiss» im Einsatz ist.

Wer schon einmal die virtuelle Welt von «Second Life» besucht hat,

der weiss, wie schwierig es ist, die Realität in einem Computerprogramm

abzubilden. Egal, wie gut die Programmierung ist: Eine

Blume wird kaum je so aussehen, geschweige denn so duften, wie

in der Wirklichkeit. Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass «Second

Life» nach einem Hype in die Bedeutungslosigkeit abgesunken

ist.

Seit 2008 arbeiten die Sozialen Dienste der Stadt Zürich

(SOD) mit dem neuen Fallmanagementsystem Kiss (Klienten-

Informationssystem für Sozialarbeit). Für die Verantwortlichen

stellte sich ebenfalls die Frage, wie weit die Realität der sozialen

Arbeit in einem Computerprogramm abgebildet werden soll. Die

Erwartungen an das neue System waren gross.

Von fünf auf ein System

Zur Erinnerung: Nach dem Jahrtausendwechsel befand sich das

Zürcher Sozialdepartement in einem fundamentalen Umbruch.

Waren zu Beginn die Quartierberatungsstellen, die Jugendsekretariate

und die Amtsvormundschaft noch über die ganze Stadt Zürich

verteilt, so wurden sie neu in fünf Sozialzentren zusammengefasst,

die alle Angebote unter einem Dach vereinten. Die Zusammenfassung

hatte zur Folge, dass die neuen Teams plötzlich mehrere

Funktionen erfüllen mussten, die zuvor unabhängig

voneinander ausgeführt worden sind.

Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten die SOD parallel mit fünf

Fallführungssystemen; mit Proleist, das für die Zahlungen in der

Sozialhilfe genutzt wurde, mit Case, das für in der Jugend und

Familienhilfe und für Kindesschutzmassnahmen zur Verfügung

stand, mit Baav, das für vormundschaftliche Massnahmen eingesetzt

worden ist, mit Alim, das von der Alimentenstelle verwendet

wurde, sowie mit Reso, das für buchhalterische Bearbeitung im

Einsatz stand. Schnell war klar, dass dies keine Dauerlösung sein

kann, denn es gab das Bedürfnis, die Daten zu verknüpfen und

Doppelspurigkeiten aufzuheben.

SCHWERPUNKT 2/11 ZeSo


21


Nach einer öffentlichen Ausschreibung entschieden sich die

Verantwortlichen für das Fallmanagementsystem Kiss in Kombination

mit Sap, die beide bereits auf dem Markt waren. Mit ein

paar Modifikationen sollte die Standard-Software an die Bedürfnisse

der Fallarbeit nach dem Modell Zürich angepasst werden.

Nach einer Konzeptphase nahm das Projekt Ende 2006 die Arbeit

auf. Per 1. Januar 2008 konnten die Daten für die Fallführung

und die Klientenkonten aus den alten Systemen ins Kiss migriert

werden und das System konnte für die Arbeit freigegeben werden.

Vier Monate später wurde auch das Modul für wirtschaftliche Hilfe

– der für die Arbeit wichtigste Teil – in Betrieb genommen.

Aufwändige Lösungen

Dass eine neu entwickelte Software bei der Einführung Probleme

verursacht, ist längst bekannt. Doch im täglichen Einsatz zeigte

sich nach und nach, dass viele der unterschiedlichen Fallkonstellationen,

mit denen Sozialarbeitende in ihrer Arbeit konfrontiert

sind, mit dem neuen System nicht geeignet bearbeitet werden können.

Ein Beispiel: Ein Klient, dem der Grundbedarf direkt ausbezahlt

wird und dessen Miete direkt an den Vermieter überwiesen

wird, erwirtschaftet einen einmaligen Verdienst, der die Sozialhilfeleistung

übersteigt. In dieser Situation blockierte das neue System

sämtliche Zahlungen – so auch die Überweisung an den Vermieter,

was die ordnungsgemässe Abwicklung der Geschäfte plötzlich

behinderte.

Im Alltag jedoch musste die Arbeit erledigt werden, weshalb die

Sozialarbeitenden zunehmend kreative – aber auch aufwändige –

Umgehungslösungen entwickelten. Derweil nahm die Zahl der

Sonderfälle stetig zu, mit denen die IT-Kräfte nicht gerechnet hatten.

Verlangten die Sozialen Dienste anfänglich nach programmtechnischen

Lösungen, so stand je länger je mehr das «Second

Life»-Problem im Raum. Die Projektverantwortlichen mussten

sich die vermeintlich banale Frage stellen: Was kann und darf von

einem Computersystem für die Fallführung erwartet werden?

Zu hohe Erwartungen

In einem Folgeprojekt (Famoz 2) beschäftigte man sich intensiv

mit dieser Frage. Es sollte aufgezeigt werden, welche programmtechnischen

Erwartungen sinnvoll sind und innert nützlicher Frist

erfüllt werden können und in welchen Bereichen keine Softwarelösung

zu erwarten ist.

Aus heutiger Sicht ist klar, dass man zu viel in das ursprüngliche

Projekt packen wollte. Die Verführung war gross, ein System

zu kreieren, das den Fallführenden die Lösung für sämtliche sozialarbeiterischen

Fragen pfannenfertig präsentiert. Computersysteme

können Sozialarbeitende aber nicht ersetzen, sondern

lediglich in der technischen Fallführung unterstützen. Denn im

Gegensatz zum Beispiel zu einer Autoversicherung, wo alles klar

normiert ist, gibt es in der Sozialen Arbeit zu viele Ausnahmefälle

– unter anderem aufgrund des Ermessensspielraums und der individuellen,

bedarfsgerechten Ausrichtung der Sozialhilfe.

Ein System mit klaren Grenzen

Trotz der ernüchternden Erkenntnisse steht fest: Mit Kiss verfügen

die Sozialen Dienste Zürich heute über ein einziges, stabiles und

zuverlässiges Programm. Es gibt eine gute Übersicht über alle Ereignisse

im Klientensystem und man sieht schnell, wer was im Fall

«Ich muss die Dinge nicht jeden

Tag neu erfinden»

«Ich erinnere mich an das Hochwasser

von 2005. Für einige Tage war die

Stromversorgung unterbrochen und

weder Telefon noch EDV funktionierten.

Es war zwar möglich, Gespräche mit

Klientinnen und Klienten zu führen,

aber alles andere – Zahlungen, Korrespondenz,

Aktennotizen – musste warten. In dieser Zeit

habe ich nicht bloss erfahren, wie abhängig ich als Sozialarbeiter

von verlässlicher Technik und funktionierendem

Fallführungssystem bin, sondern auch wie wertvoll, ja

unentbehrlich es für meine Arbeit ist. Ich schätze das

Fallführungssystem Tutoris, weil es mich klientenbezogene

Informationen schnell erfassen und abrufen sowie

auf Vorlagen zurückgreifen lässt. Ich muss die Dinge

nicht jeden Tag neu erfinden. Das Programm entlastet,

weil es mir Aufgaben abnimmt, etwa für mich rechnet,

und bei Abwesenheit meine Stellvertretung über die Situation

von Klientinnen und Klienten und den Verlauf von

Unterstützungsprozessen umfassend ins Bild setzt.

Als Leiter eines Sozialdienstes schätze ich Tutoris auch,

weil es innerhalb unserer Stelle eine gewisse Einheitlichkeit

herstellt und uns nach aussen mit einer Stimme

auftreten lässt. Durch den Rückgriff auf gemeinsam

bearbeitete Vorlagen schaffen wir bei Abrechnungen, Korrespondenz,

Verfügungen und Beschlüssen einheitliche

Standards. Auch der Abgleich mit der Finanzverwaltung

sowie das inner- und interkantonale Abrechnen werden

vereinfacht.

Markus Zahno

Sozialarbeiter, Leiter Sozialdienst, Sarnen

bearbeitet. Die Klientinnen und Klienten können darauf vertrauen,

dass ihr Fall korrekt geführt wird und die Zahlungen regelmässig

erfolgen. In der Datenauswertung stehen solide Werkzeuge zur

Verfügung, welche die Sozialarbeitenden bei ihrer Arbeit unterstützen.

Dies, indem Daten, die früher mühsam von Hand ausgewertet

werden mussten, heute wesentlich einfacher aus dem System

gefiltert werden. Damit lassen sich auch aussagekräftige Führungskennzahlen

lesen, so dass Entwicklungen frühzeitig erkannt

werden können.

Eine künftige Version des Programms soll sich noch mehr

vom Fallführungssystem hin in Richtung Fallsupportsystem entwickeln.

Dieses muss einerseits alle gesetzlichen Anforderungen

effektiv und effizient erfüllen (zum Beispiel Revisionstauglichkeit,

ordnungsgemässe Buchführung) und andererseits die Sozialarbeitenden

in der Administration und der Ausrichtung der

wirtschaftlichen Sozialhilfe unterstützen, so dass diese genügend

Zeit für ihre beraterische, zielgerichtete und lösungsorientierte

Sozialarbeit haben.


Guido Schwarz

Leiter Kommunikation, Soziale Dienste Stadt Zürich

22 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


«Auch Kiss macht Fehler»

«In der gesetzlichen Sozialarbeit hat der

Anteil an schriftlichen, administrativen

und buchhalterischen Aufgaben stark

zugenommen. Ich benötige daher in der

täglichen Arbeit effiziente Unterstützung

durch die Informatik. Dank dem System

Kiss bin ich zum ‹Multi-Tasker› avanciert:

Die Applikation vereint die Fachbereiche

Sozialhilfe, zivilrechtliche Mandatsführung sowie Jugendund

Familienhilfe in elektronischer Form. Kiss hilft mir,

die mir zugeordneten Dossiers zu verwalten und eine

zeitgerechte Aktendokumentation zu führen. Es stellt die

finanzielle Unterstützung von mittellosen Personen sicher

und bietet mir eine einfache Übersicht in der Verwaltung

von Klientinnen- und Klientengeldern. Kiss macht aber

auch Fehler, wie wir Menschen auch. Es fordert mich daher

täglich, es richtig zu bedienen!»

Manfred Dachs

Sozialberater, Sozialzentrum Ausstellungsstrasse, Stadt Zürich

«Manchmal wird meine Geduld

strapaziert»

«Im Grossen und Ganzen schätze ich unser

Aktenführungssystem Vis. Es vereinfacht

Abläufe, hilft Vorlagen zu finden und diese

übersichtlich zu speichern. Zudem unterstützt

es mich dabei, Pendenzen zu überblicken.

Falls ich nach Wochen oder Monaten wieder

Entscheide, Verläufe oder Abmachungen

nachvollziehen muss, hilft es mir, die nötigen Informationen in

kurzer Zeit wieder zu finden. Das Gleiche gilt, wenn eine Kollegin

stellvertretend für mich tätig ist. Dies alles ist einfacher geworden

als früher. Es bedingt jedoch beim Ablegen aller Daten eine

gewisse teamübergreifende und zeitüberdauernde Logik. In der

Praxis klappt dies in der Regel nicht schlecht. Allerdings sind für

das Einhalten der Ablageordnung mehrere Schritte notwendig,

die manchmal meine Geduld strapazieren. Es gilt, mehrere Entscheide

zu treffen und Knöpfchen zu drücken: Handelt es sich

beim Eintrag um eine Besprechung, Abmachung oder Pendenz?

Wie viel Zeit habe ich dafür benötigt? Wie fand der Kontakt

statt und wer war beteiligt? Dies sind nur einige von vielen

verschiedenen Fragen, die das System stellt. Drücke ich dann

ungeduldig und zu früh die Entertaste, ertönt ein nervender Ton,

der mich auffordert, gefälligst die Regeln einzuhalten. Einiges

ist auch gleich geblieben wie früher: Ich knorze an den Einträgen

herum, warte zu lange, bis ich sie mache, und komme mit

meinen Gesprächsnotizen manchmal nicht zurecht.»

Corina Bucher

Sozialarbeiterin, Soziale Dienste, Aarau

Fallführungssysteme im Dienst der Statistik

Es steht den Sozialdiensten frei, welches System sie für die Fallführung

anwenden. Das Bundesamt für Statistik muss aber die Daten

für die Statistik verwenden können. Die Basis für die Schweizerische

Sozialhilfestatistik sind die Sozialhilfedossiers der einzelnen Sozialdienste.

Sie liefern demografische Angaben über die Antragstellenden

und enthalten Informationen bezüglich Einkommen, Bedarf, Bezugsdauer

sowie weitere für die Statistik relevante Daten. Zur Erhebung

und Bearbeitung der Fälle werden sogenannte Fallführungssysteme

eingesetzt. Diese haben ganz unterschiedliche Ausprägungen.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Einerseits gibt es die stark integrierten Systeme, die vor allem in

grossen Städten eingesetzt werden oder in Kantonen, wo die Datenerhebung

auf Kantonsebene erfolgt. Diese Systeme sind üblicherweise

mit Schnittstellen zur zentralen Buchhaltung, zur Einwohnerkontrolle

und zu weiteren EDV-Applikationen ausgestattet. Diese erste

Kategorie ist typischerweise individuell entwickelt oder ist eine

kommerziell verfügbare Applikation mit individuellen Anpassungen.

Bei der zweiten Kategorie handelt es sich um kommerziell verfügbare

Standard-Fallführungssysteme. Das sind Applikationen, die für

allgemeine Bedürfnisse entwickelt worden sind und für individuelle

Bedürfnisse in beschränktem Masse konfiguriert werden können.

Zudem sind diese Applikationen meist in weitere Module integrierbar,

zum Beispiel in die Buchhaltung oder in die Einwohnerkontrolle des

gleichen Anbieters. Eine dritte Kategorie ist die Applikation Sostat,

ein einfaches Fallführungssystem, das vom Bundesamt für Statistik

(BFS) entwickelt wurde und den kleinen und mittleren Sozialdiensten

unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird.

Gesamtschweizerische Anforderungen

Sozialhilfe wird gestützt auf die SKOS-Richtlinien sowie auf kantonale

und kommunale Bestimmungen ausgerichtet. Seitens der Schweizerischen

Sozialhilfestatistik werden gesamtschweizerische Anforderungen

an den Dateninhalt, den -umfang, die -qualität und die Form

der Datenübermittlung gestellt. Ob und wie die Daten erfasst oder aus

bestehenden Datenquellen übernommen werden, wird nicht vom BFS

vorgegeben. Auch schreibt das BFS nicht vor, mit welchem Fallführungssystem

die einzelnen Sozialdienste arbeiten.

Von allen Fallführungssystemen wird landesweit ein identisches

Modul genutzt, das die Dossiers verschlüsselt und plausibilisiert. Die

Verschlüsselung der Daten erlaubt es, die einmal jährlich ans BFS

übermittelten Daten auch per E-Mail, FTP oder andere Services zu

versenden. Die Plausibilisierung bedeutet, dass die Daten eines Falles

auf Vollständigkeit und Konsistenz geprüft werden.

Das BFS arbeitet eng mit den Herstellern der verschiedenen Fallführungssysteme

zusammen. Das ermöglicht, dass Statistikdaten aus

bestehenden Systemen herausgenommen werden können und nicht

separat erfasst werden müssen.

Herbert Ruckstuhl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BFS

SCHWERPUNKT 2/11 ZeSo


Thomas Näf: «Um sein Recht geltend machen zu können, muss man aufgeklärt sein.»

Bild: Béatrice Devènes

«Das Wissen entscheidet darüber,

ob die Hilfe auch wirklich ankommt»

Wie informieren sich Hilfesuchende über ihre Rechte und Pflichten im Sozialhilfesystem?

KABBA-Präsident Thomas Näf über bürokratische Hürden, drängende Fragen und ungenügende

Informationsangebote.

Herr Näf, das KABBA fordert eine zentrale Dokumentationsstelle,

bei der sich Armutsbetroffene über Dienstleistungen

und Angebote informieren können. Heisst das, dass es für

Menschen in Notsituationen schwierig ist, an die nötigen

Informationen zu gelangen?

Es ist zumindest sehr anspruchsvoll. Das Angebot an Beschäftigungs-

und Integrationsprogrammen ist selbst für Experten – etwa

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sozialdiensten –schwer zu

überblicken. Wie soll man da von Laien erwarten, dass sie sich in

diesem Angebotsdschungel zurechtfinden können. Deshalb fordern

wir eine zentrale Datenbank, die einen Überblick über alle

Angebote an armutsbetroffene, hilfesuchende Menschen in einer

Region bietet. Denn das beste Programm bringt nichts, wenn die

Betroffenen nichts davon wissen.

Eine akute Notsituation wird doch am einfachsten mit finanzieller

Hilfe gelindert. Was spielt etwas so Unkonkretes

wie Information für eine Rolle bei der Armutsbekämpfung?

Information befähigt die Leute, sich an die richtigen Stellen zu

wenden und die Hilfe einzuholen, die sie brauchen. Um da hin zu

kommen, braucht es zwei Dinge. Erstens muss die Infrastruktur

vorhanden sein, um sich Informationen beschaffen zu können:

Wenn jemand keinen Computer hat oder sich kein Internet leisten

kann, wird er Mühe haben, sich das Wissen anzueignen, welches

ihm hilft, sich aus der Notsituation zu befreien. Zweitens müssen

Informationen auch abrufbar sein: Man muss erfahren können,

welche Regeln im System Sozialhilfe oder der Arbeitslosenversicherung

gelten. Denn das Wissen über die Prozesse in der Sozialhilfe

entscheidet darüber, ob die Hilfe auch wirklich ankommt.

24 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


«Die Homepage eines Dienstes

sollte schon ein bisschen mehr

offenlegen als bloss die Schalteröffnungszeiten.»

Der Umgang mit Behörden ist ja für niemanden ganz einfach.

Glauben Sie denn, dass das Sozialhilfesystem höhere

Anforderungen an seine Klienten stellt, als dies andere

Lebensbereiche tun?

Das System der Sozialhilfe wird immer komplexer, immer bürokratischer.

Und doch muss man es beherrschen. Denn anders

als bei der AHV erhält man das Geld nicht einfach so – man muss

sich aktiv darum kümmern: Es ist eine Holschuld. Um sein Recht

geltend machen zu können, muss man aufgeklärt sein.

Gesetzt den Fall, der Bildschirm ist vorhanden und die

Absicht des Hilfesuchenden, sich über seine Möglichkeiten

zu informieren, auch. Wie gut schätzen Sie seine Chancen

ein, auf die nötigen Informationen zu stossen, wenn er sich

durch die verschiedenen Seiten von Sozialdiensten und

Hilfsangeboten klickt?

Mir ist vor allem die Homepage des Sozialamtes Bern bekannt:

Das Informationsangebot dort ist meiner Meinung nach gut. Es

gibt eine Broschüre zum Herunterladen, in der die drängendsten

Fragen beantwortet werden – gut verständlich und in verschiedenen

Sprachen. Wer nach weiteren Informationen sucht, zum

Beispiel die Richtlinien der SKOS, findet die Links auf einen

Blick. Was allerdings schwieriger zu finden ist, ist die Antwort auf

die Frage, wie viel Geld eine Person für welche Bereiche des Lebens

beanspruchen kann. Ein Sozialhilferechner, wie sie ihn im

Kanton Zürich online zur Verfügung stellen, finde ich hilfreich: Da

lässt sich ausrechnen, ob ein bestimmtes Haushaltsbudget einen

Anspruch auf Sozialhilfe legitimiert oder nicht.

Was für ein Informationsangebot zielt demgegenüber am

Wissensbedarf der Betroffenen vorbei?

Die Homepage eines Dienstes sollte schon ein bisschen mehr

offenlegen als bloss die Schalteröffnungszeiten. Die Leute müssen

erfahren können, was auf sie zukommt, wenn sie einen Antrag auf

Sozialhilfe stellen.


thomas näf

Thomas Näf (49) ist Präsident des Komitees

der Arbeitsuchenden und Armutsbetroffenen

(KABBA) in Bern. Der Verein hat

vergangenen April das erste kostenlose

Internetcafe in Bern eröffnet: Im «Power-

Point» an der Monbijoustrasse 16 in

3011 Bern finden Userinnen und User 10

Arbeitsstationen mit Internetzugang und

Textverarbeitungsprogrammen.

Das Gespräch führte

Hanna Jordi

KOMMENTAR

Beat Rudin

Datenschutzbeauftragter

des Kantons Basel-Stadt

Achtung Datenschutz

Staatliches Handeln und damit auch staatliches

Datenbearbeiten muss rechtmässig und verhältnismässig

sein. Das verlangt die Bundesverfassung und das

fordern auch alle neueren Kantonsverfassungen. Rechtmässig

ist ein staatliches Datenbearbeiten, wenn es auf

einer gesetzlichen Grundlage basiert. Verhältnismässig

ist es dann, wenn die gesetzlichen Aufgaben ohne das

Bearbeiten von personenbezogenen Daten nicht erfüllt

werden können und wenn es für die Betroffenen zumutbar

ist. Vereinfacht ausgedrückt: Keine Behörde besitzt

mehr Daten, heiklere Daten oder länger Daten, als dies

zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgabe erforderlich ist.

Die Sozialhilfegesetze erlauben eine sehr weitgehende

Datenbearbeitung. Die Selbstdeklarationspflicht, die

Mitwirkungspflicht und die Auskunftspflichten von

anderen Amtsstellen und Dritten sorgen dafür, dass viele

Personendaten aus zum Teil sehr sensitiven Bereichen

anfallen. Die gesetzlichen Grundlagen setzen der Bearbeitung

von Daten über die finanziellen und persönlichen

Verhältnisse der bedürftigen Personen und zum Teil auch

ihrer Angehörigen kaum mehr Schranken. Die Schrankensetzung

bei der Datenbearbeitung lastet praktisch

gänzlich auf dem Verhältnismässigkeitsprinzip.

Wie ist das nun bei E-Government? Nicht anders.

E-Government dispensiert nicht von der Einhaltung der

Gesetze und befreit nicht von der Berücksichtigung des

Verhältnismässigkeitsprinzips. Auch hier darf keine

Mitarbeiterin Zugang zu Daten haben, die sie zur Aufgabenerfüllung

nicht braucht.

Am Beispiel eines Online-Zugriffes heisst das: Wenn die

Sozialhilfe im Rahmen einer E-Government-Anwendung

durch eine andere Behörde abklären lassen will, ob ein

Klient Anspruch auf Ergänzungsleistungen hat, dann

darf sie – die erforderlichen gesetzlichen Grundlagen für

diese Amtshilfe vorausgesetzt – der anderen Amtsstelle

Zugang zu ihrem Fallführungssystem gewähren. Aber

nur zu den Daten des Klienten, um den es geht – nicht

zu den Daten aller Klienten der Sozialhilfe. Informatiksysteme,

bei welchen Berechtigungen nicht differenziert

und skalierbar vergeben werden können, genügen den

gesetzlichen Anforderungen in keinster Weise.

E-Government ist dringend auf das Vertrauen der Bürgerinnen

und Bürger angewiesen. Das kann E-Government

nur gewinnen und erhalten, wenn die Rechte der

Bürgerinnen und Bürger geachtet werden. Datenschutz

heisst Achtung vor den Personen, über die wir Daten

bearbeiten. Sie haben Achtung verdient – wie auch wir

Achtung verdient haben bei all jenen Behörden, welche

Daten über uns bearbeiten!

SCHWERPUNKT 2/11 ZeSo


St. Gallen zieht die Strippen

im Datennetz

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Xing eröffnen Verwaltungen viele neue Möglichkeiten,

um mit ihren Anspruchsgruppen zu kommunizieren. Die Stadt St. Gallen nutzt die neuen Kanäle –

und lädt ihre Bürgerinnen und Bürger dazu ein, sich einzumischen. Eine Bestandesaufnahme.

Kommunikation befindet sich in ständigem Wandel. Mit der Entstehung

des World Wide Web in den 1990er-Jahren stand plötzlich

ein neues Medium zur Verfügung, welches die bestehenden

Kommunikationsmöglichkeiten und damit auch die Kommunikation

von Verwaltungen stark und nachhaltig beeinflussen sollte.

Noch vor der Jahrtausendwende konnten Verwaltungen erste Informationen

online anbieten. Das World Wide Web hatte zu diesem

Zeitpunkt aber noch kaum Einfluss auf die Informationshoheit

in Organisationen: Diese blieb weitgehend in den Händen

einzelner dafür bestimmter Mitarbeitenden. Das hat sich inzwischen

geändert.

Demokratischer kommunizieren

Web 2.0 konfrontiert Verwaltungen seit einiger Zeit mit einem

neuen Wandel, der wohl noch tiefgreifender ist als jene erste Ära

des Internetzeitalters in den 1990er-Jahren. Mit Kommunika-

Cartoon: Max Spring

26 ZeSo 2/11 SCHWERPUNKT


tions- und Medienplattformen wie Facebook, Twitter, Foursquare,

Youtube und Xing sind Tools aufgekommen, welche die Kommunikation

– wenn sie es nicht schon getan haben – grundlegend verändern

werden. Social Media sind mehr als ein neuer Kanal für die

Kommunikationsabteilungen von Unternehmen und Verwaltungen.

Sie sind Auslöser eines Kulturwandels, der in der Demokratisierung

der Kommunikation gipfeln wird.

Seit sich Web 2.0 etabliert hat, wird Kommunikation nicht

mehr allein von Kommunikationsabteilungen – in der Rolle von

Solisten – kontrolliert. Während diese früher als Sprachrohr einer

Organisation fungierten, kann heute jede und jeder über einen

Blog, Facebook, Twitter oder eine der unzähligen weiteren

Sozialen Netzwerke die eigene Meinung kundtun. Das Kommunikationsmonopol,

wie wir es seit Jahrzehnten kennen, wird es in

Zukunft also nicht mehr geben. Das gilt sowohl gegen aussen wie

auch innerhalb der Organisation für Mitarbeitende. Als logische

Folge verwandeln sich Kommunikationsabteilungen von Solisten

hin zu Orchesterleitern. Kommunikation leiten statt kontrollieren

ist die Zukunftsdevise.

Den Dialog fördern

Die Stadt St.Gallen bewegt sich bewusst aktiv im Web 2.0. Sie betreibt

neben diversen Facebook-Seiten, zwei Twitter-Konten, einem

virtuellen Stadtführer auf dem sozialen Netzwerk Foursquare,

einem Bildarchiv auf der Fotoplattform Flickr und einem Stadtratsblog

auch eine eigene Partizipationsplattform auf der Webseite

www.mysg.ch, auf der Menschen aus St. Gallen miteinander in

Kontakt treten können. Ziel dieser Anstrengungen sind ein verstärkter

Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie die Förderung

von Partizipation.

Die eigene Plattform www.mysg.ch ist Mitte April 2011 nach

sechs Monaten Versuchsbetrieb grafisch und inhaltlich überarbeitet

worden. Neu verfügt MySG über eine Rubrik «Aktuell», unter

welcher monatlich ein Thema aus der Stadt St. Gallen aufbereitet

wird. Nutzerinnen und Nutzer sollen sich informieren, diskutieren

und sich eine Meinung bilden. Um den Dialog zwischen Stadt

und Bürgern zusätzlich zu fördern, werden auch News von der

offiziellen Webseite der Stadt mit einem Link zum MySG-Forum

versehen.

Nutzerinnen und Nutzer sollen

sich informieren, diskutieren

und sich eine Meinung bilden.

Social Media leben

Wie für alle Unternehmen gilt auch für Verwaltungen: Social Media

kann nicht verordnet werden, Social Media muss in der Organisation

gelebt werden. Das bedeutet, dass interne Strukturen und

Prozesse den neuen Anforderungen der schnellen, direkten, einfachen

und demokratisierten Kommunikationswelt angepasst werden

müssen. Kompetenzen müssen neu geregelt werden. Eine Anfrage

via Twitter verlangt nach einer raschen Antwort – doch sind

Mitarbeitende, welche die Social-Media-Kanäle betreuen, nicht

immer in der Lage, alle Fragen aus dem Stehgreif zu beantworten.

Welche Kompetenzen haben sie? Wie kommen sie schnell und unkompliziert

zu den nötigen Informationen, um auf eine Anfrage reagieren

zu können? Fragen wie diese sollten im Rahmen eines Strategiepapiers

im Vorfeld geklärt werden.

Bei Social Media steht nicht die Technik, sondern der Mensch

im Vordergrund. Das heisst, dass Mitarbeitende bezüglich Social

Media sensibilisiert und geschult werden müssen. Eine Grundlage

dafür sind Social-Media-Richtlinien, welche Mitarbeitende an

den Umgang mit den neuen Medien heranführen. Schulungen

sind wichtig, denn auch wenn sich viele Mitarbeitende privat

schon mehr oder weniger intensiv in sozialen Netzwerken bewegen,

gibt es oft noch viele Fragen, wenn es darum geht, diese Tools

im Rahmen der Arbeit professionell zu nutzen.

Trend hin zu Mobilität

Mit der Nutzung von Plattformen wie Twitter, Foursquare und Facebook

ist ein klarer Trend hin zu mobilen Endgeräten wie Smartphones

oder Tablets wie dem iPad erkennbar. Die Stadt St. Gallen

hat diesen Trend erkannt und eine mobile Webseite sowie eine Applikation

für iPhone und iPad entwickelt. Neben News, verschiedenen

Standorten und einem Amtsstellenverzeichnis wird auch ein

Veranstaltungskalender angeboten, welcher von der Agenda des

Tagblatts (www.ostevent.ch) importiert wird. Die mobile Webseite

und die Applikation sollen demnächst durch eine Android-Version

ergänzt und inhaltlich laufend ausgebaut werden.


Roman Kohler

Fachstelle Kommunikation der Stadt St. Gallen, Bereich Social Media

Urs Weishaupt

Leiter Fachstelle Kommunikation der Stadt St. Gallen


Geht es um ihr Wohl, fühlen sich

Kinder oft unwohl

Die laufende Reform zur gemeinsamen elterlichen Verantwortung sorgt bei Mütter- und

Väterorganisationen sowie bei Fachpersonen für hitzige Debatten. Die Wünsche und Meinungen der

Kinder werden im Trennungs- oder Scheidungsfall oft überhört. Die Kinderanwaltschaft Schweiz setzt

sich gezielt für ihre Interessen ein.

PLATTFORM

Die ZESO bietet ihren Partnerorganisationen

diese Doppelseite als Plattform an: in dieser

Ausgabe dem Verein Kinderanwaltschaft

Schweiz.

Die aktuelle gesellschaftliche und politische

Debatte über die gemeinsame elterliche

Sorge wird in erster Linie als eine Diskussion

über Elternrechte geführt. Zwar argumentieren

alle betroffenen Erwachsenen

und Interessengruppen auch damit,

dass bei der gemeinsamen elterlichen Sorge

das Wohl des Kindes im Zentrum stehen

sollte. Um den laufenden gesetzlichen Reformvorschlag

zur elterlichen Verantwortung

nach der Scheidung zu diskutieren,

hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga

am 15. April 2011 rund 30 Vertreterinnen

und Vertreter von Mütter-, Väter-, Familien-

und Kinderschutz-Organisationen

zu einem runden Tisch über die gemeinsame

elterliche Verantwortung nach Bern

eingeladen. Der Verein Kinderanwaltschaft

Schweiz nahm ebenfalls an dieser

Veranstaltung teil und konnte damit die

Perspektive und die Rechte des Kindes bei

der familialen Neuorganisation während

und nach dem Scheidungsverfahren einbringen.

Ziel des Vereins ist, dass die betroffenen

Kinder und Jugendlichen beim

Thema der gemeinsamen elterlichen Sorge

von den Behörden und Gerichten in allen

juristischen und administrativen Verfahren

aktiv miteinbezogen werden.

Aktiv zuhören

Was ist konkret unter dem Wohl des Kindes

im Zusammenhang mit der gemeinsamen

elterlichen Verantwortung (Sorge) zu

verstehen? Und wie sehen das Kinder und

Jugendliche, deren Eltern sich trennen?

Leider ist darüber noch wenig bekannt.

Einzelne Resultate aus der Nationalen Forschungsstudie

Kinder und Scheidung

(NFP 52) zeigen, dass nur jedes zehnte

Kind in einem Scheidungsverfahren vom

Gericht angehört wird (Büchler/Simoni,

Kinder und Scheidung. Der Einfluss auf

die Rechtspraxis auf familiale Übergänge,

2009). Im Weiteren ist nachgewiesen,

dass es Kindern und Jugendlichen wichtig

ist, über den Verlauf der Trennung und

Scheidung gut informiert zu sein. Die

NFP-52-Studie zeigt weiter, dass diejenigen

Kinder und Jugendlichen, die über ihre

Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation

informiert sind, gegenüber einer

Anhörung durch das Gericht positiv eingestellt

sind (Cantieni, Gemeinsame elterliche

Sorge. Eine empirische Untersuchung,

2007). Fachleute aus den verschiedenen

Disziplinen sind sich heute einig, dass der

aktive Einbezug von Kindern und Jugendlichen

für eine umfassende Abklärung «ihres

Wohls» zentral ist. Natürlich gibt es

auch Grenzen des Einbezugs und der Willensäusserung,

jedoch sind diese Grenzen

in der Regel viel weiter gesteckt als wir annehmen.

Es braucht vor allem von Erwachsenen

die entsprechenden Fähigkeiten, zuzuhören

und offen zu sein für andere Kommunikationsformen

als nur die Sprache.

Einbeziehen und mitwirken lassen

Der Einbezug von Kindern und Jugendlichen

betrifft jedoch nicht nur die punktuelle

Anhörung durch das Gericht, sondern

auch das Mitwirken im gesamten Prozess

einer Trennung und Scheidung – bis hin

zur Zeit nach der Scheidung. Die Bedürfnisse

und damit auch die Bedingungen für

das Wohl eines Kindes verändern sich laufend:

Was im Alter von fünf Jahren wichtig

ist, sieht mit 12 oder 16 Jahren anders aus.

Was sich für die betroffenen Kinder und

Jugendlichen jedoch nicht ändert, ist das

Bedürfnis, bei diesen laufenden Anpassungen

und Aushandlungen aktiv einbezogen

zu werden.

Die Geschäftsstelle der Kinderanwaltschaft

Schweiz ist mit zahlreichen Anrufen

von Betroffenen in Trennungs- und Scheidungsverfahren

und nach der Scheidung

28 ZeSo 2/11 plattform


Die Interessen der Kinder nicht aus den Augen lassen, wenn sich die Eltern scheiden.

konfrontiert. Sie zeigen, dass Kinder und

Jugendliche in diesen Prozessen viel zu

wenig einbezogen werden. Auch wenn sie

durch das Gericht angehört wurden, fühlen

sie sich oft nicht ernst genommen oder

verstanden. Ebenfalls wissen sie kaum,

welchen Einfluss ihre Meinung auf die

Entscheide hat.

Bild: pixsil

die Urteilsfähigkeit individuell geprüft

werden. Zudem ist es unverständlich, dass

jüngeren Kindern in einem Scheidungsverfahren

keine Vertretung zugesprochen

wird, auch wenn sie diesen Wunsch äussern.

Was heisst dies nun für die gemeinsame

elterliche Sorge aus Sicht der Kinder und

Jugendlichen? Kinder und Jugendliche

möchten im Rahmen von Trennungs- und

Scheidungsverfahren einbezogen und informiert

werden und sie wünschen sich,

selbst eine Stimme zu haben. Ob die gemeinsame

elterliche Sorge diesen Effekt

haben wird, wird sich zeigen. In dem

Zusammenhang ist es auch absolut wünschenswert,

die Meinungen und Wünsche

der Kinder zu erfahren. •

Christina Weber Khan

Katja Cavalleri Hug

Co-Leiterinnen Geschäftsstelle

Kinderanwaltschaft Schweiz

Mit eigener Stimme sprechen

Fast alle betroffenen Jugendlichen wenden

sich mit dem Wunsch an die Kinderanwaltschaft,

dass ihnen eine Kindesverfahrensvertretung

(«Anwalt des Kindes») vermittelt

wird. Diese Vertretung soll sie dabei

unterstützen, ihre Bedürfnisse anzumelden

und ihren Willen dem Gericht oder

der Behörde gegenüber mitzuteilen. Meistens

möchten die Kinder und Jugendlichen

die Besuchsrechtsregelungen ändern

oder beim andern Elternteil leben. Kinder

haben zwar das vom Bundesgericht bestätigte

Recht, ab sechs Jahren vom Gericht

angehört zu werden. Gemäss geltender Gerichtspraxis

können jedoch nur urteilsfähige

Kinder eine eigene Rechtsvertretung

mit einem Mandat beauftragen. Die Urteilsfähigkeit

wird in der Regel mit 12 Jahren

angenommen, was dem Einzelfall allerdings

nicht gerecht wird. Deshalb sollte

Der Verein Kinderanwaltschaft Schweiz wurde 2006 gegründet. Er bezweckt die

Förderung und Verwirklichung der Kinderrechte bei gerichtlichen und behördlichen

Verfahren in der Schweiz. Hauptanliegen ist die Förderung des Instituts der unabhängigen

und qualifizierten Kindesverfahrensvertretung («Anwalt des Kindes») sowie die

allgemeine Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Rechtsverfahren. Der Verein

engagiert sich für die Schaffung kindgerechter gesetzlicher Grundlagen und für die

Bekanntmachung des Instituts in der Fachöffentlichkeit und der breiten Gesellschaft.

Zudem setzt er sich dafür ein, dass Fachpersonen befähigt und gestärkt werden,

Kinder im Rahmen von Gerichtsverfahren zu vertreten. Kinderanwaltschaft Schweiz betreibt

in Winterthur eine Geschäftsstelle, die sowohl Kindern und Jugendlichen selber

als auch deren Bezugspersonen und involvierten Fachpersonen telefonische Beratung

zu Fragen der Partizipationsrechte von Kindern in Verfahren anbietet und bei Bedarf

spezialisierte Vertreterinnen und Vertreter vermittelt.

Weitere Infos: www.kinderanwaltschaft.ch

plattform 2/11 ZeSo

29


Fachausweis statt Goldmedaille

Sulejman Sulejmani wollte Profi-Thai-Boxer werden und vernachlässigte dabei die Ausbildung.

Nach dem Rücktritt vom Spitzensport ermöglicht ihm das staatliche Programm «Validierung von

Bildungsleistungen» doch noch, einen Fachausweis zu erlangen.

Hätte der Thai-Boxer Sulejman Sulejmani

nicht den einen oder anderen Kampf verloren,

stünde er heute kaum als eidg. dipl.

Printmedienverarbeiter an seinem Arbeitsplatz

in einer Zürcher Druckerei. Denn erst

die harten Momente im Sport zeigten ihm

auf, dass man nach einem Schlag ins Gesicht

weiterkämpfen – und dabei sogar lachen

kann. Und zu kämpfen hatte Sulejmani,

ein 33-jähriger Schweizer mit albanischen

Wurzeln aus dem südserbischen

Dorf Presevo, auf dem Weg zur staatlich

anerkannten Berufsbildung einiges.

Nur Sport im Kopf

Mit 13 Jahren kommt Sulejmani zusammen

mit seinen drei Geschwistern und seiner

Mutter in die Schweiz. Der Vater arbeitete

schon seit 1970 im Land, als Bauarbeiter

und später als Magaziner. Jetzt, 1990,

darf die Familie endlich nachziehen. Sie

lässt sich in Winterthur nieder, wo Sulejmani

die Oberschule und das 10. Schuljahr

absolviert. Doch eine Lehrstelle findet

Sulejmani nicht: «Zu Sulzer wäre ich gerne

gegangen, bei der Prüfung nach einer

Schnupperlehre erreichte ich aber nur die

Note 4,5 – und die wollten nur Fünfer»,

sagt er. Da ihm der Kopf ohnehin nach

Sport steht, lässt Sulejmani eine berufliche

Ausbildung gleich ganz bleiben. Für den

Lebensunterhalt arbeitet er an den Maschinen

einer Buchbinderei, abends und an

den Wochenenden trainiert der Teenager

fortan für seine Profikarriere. «Andere

gleichaltrige Kollegen suchten eine Bestätigung

im Rauchen oder dem Erleben rauschender

Partys», sagt Sulejmani. «Ich war

ebenfalls getrieben vom Bedürfnis nach

Anerkennung – und fand sie im Sport.»

Und das sehr erfolgreich: Sulejmani wird

in der Schwergewichtsklasse bis 63 kg

fünfmal Schweizer Meister im Thaiboxen.

Erste Zweifel

Insgesamt bestreitet der junge Mann mit

dem frohen Gemüt und einem unverkennbaren

Balkan-Akzent 25 Wettkämpfe, von

Viel Fachwissen führte endlich zum Fachausweis: Sulejman Sulejmani ist heute eidg. dipl.

Printmedienverarbeiter.

Bilder: Meinrad Schade

30 ZeSo 2/11 Reportage


Validierung von Bildungsleistungen

Mit dem Verfahren «Validierung von Bildungsleistungen» des Bundesamtes

für Berufsbildung und Technologie (BBT) ist es möglich, einen Berufsabschluss

nachzuholen. Dies kann nachträglich als Erstausbildung geschehen

oder als Zweitausbildung. Voraussetzung für die Erlangung des Fachausweises

sind eine aktive Berufstätigkeit und mindestens fünf Jahre Berufserfahrung.

Dieser Berufsabschluss ermöglicht erfahrenen Arbeitern in ihrem

Bereich neue Funktionen zu übernehmen, wie zum Beispiel Führungsaufgaben

oder die Ausbildung von Lernenden. Ausserdem dient er als Grundlage für

eine spätere Weiterbildung.

Das Angebot wird in jedem Kanton vom entsprechenden Bildungsamt

koordiniert. Am meisten Zuspruch erfahren Berufe aus den Bereichen Pflege,

Hauswirtschaft, Detailhandel, Mechanik, Druckgewerbe und Kaufmann/Kauffrau.

Die Validierung von Bildungsleistungen ist im Berufsbildungsgesetz von

2004 verankert.

denen er 22 gewinnt. Der Traum vom Profisport

wird greifbar, nur einmal bricht er

sich die Nase. Noch immer arbeitet Sulejmani

in der Buchbinderei – «Ich habe 100

Prozent gearbeitet und 150 Prozent trainiert»

– und unternimmt zwischendurch

Reisen in die ganze Welt. 1997 darf er in

Tokio gegen den amtierenden Weltmeister

Kensaku Maeda kämpfen. Nach der dritten

Runde muss Sulejmani verletzt aufgeben

und erstmals stellt sich das Gefühl ein, dass

es vielleicht doch nicht reicht.

Disziplin und Selbststudium

Zurück in der Schweiz, hinter den Fabrikmaschinen,

reift Sulejmani zu einem versierten

Arbeiter, der zunehmend auch Führungsrollen

übernimmt. Ihm gefällt der

Job, er fühlt sich wohl an der Seite seiner

Arbeitskollegen und spürt weder Ausländerfeindlichkeit

noch Diskriminierung.

Einzig ein Fachausweis fehlt dem bald

zweifachen Familienvater; und deshalb

empfiehlt ihm sein Vorgesetzter, dies nachzuholen.

Möglich machen sollte dies das

Programm «Validierung von Bildungsleistungen»

des Bundesamtes für Berufsbildung

und Technologie (s. Box).

Sulejmani ist schnell von der Idee überzeugt

und pendelt nun einen Samstag pro

Monat nach Bern zur Schule. Neben dem

Unterricht von Fächern wie Mathematik,

Physik oder Sprache geht es in der Ausbildung

vor allem darum, seine praktische Tätigkeit

an den Maschinen der Buchbinderei

theoretisch zu erfassen. Dafür sind im

Selbststudium verschiedene Dossiers zu

erstellen, welche dann in Zusammenarbeit

mit den Experten kontinuierlich verbessert

werden. «Ich habe sicher über 100 Blätter

geschrieben», sagt Sulejmani mit Stolz.

«Das Aufarbeiten der Dossiers fordert

von den Kandidaten viel Selbstdisziplin

und verlangt strukturiertes Arbeiten», sagt

Margrit Dünz, Projektleiterin Validierung

von Bildungsleistungen des Kantons Bern.

Zudem spiele die Sprache eine wichtige

Rolle, denn das Beschreiben der eigenen

Tätigkeit für Nicht-Muttersprachige ist besonders

schwierig.

Einmalige Chance

Sulejmani investiert viele Abende, für die

erste Prüfung 2009 reicht es trotzdem

nicht. Physik und Chemie waren Stolpersteine,

doch vor allem die Sprache und das

ganze Fachvokabular seien die grösste Herausforderung

gewesen. Der Satz des Experten,

«Es längt nöd», hallt ihm noch heute in

den Ohren. «Hätte ich damals nicht doch

besser eine Lehre machen sollen?», ging es

ihm durch den Kopf. Doch Sulejmani besann

sich seiner sportlichen Erfahrungen

und liess nicht locker. «Die Chance, trotz

fehlender Ausbildung einen Fachausweis

zu erlangen, durfte ich mir nicht entgehen

lassen.»

Im Anlauf zur zweiten Prüfung drohte

neues Ungemach: Nach einem Managementwechsel

bläst auf einmal ein anderer

Wind in der Buchbinderei, die Arbeiter

werden immer mehr zu Wochenend- und

Nachtschichten angehalten, einmal müssen

sie gar 21 Tage am Stück arbeiten.

Sulejmani, mittlerweile dank seiner Erfahrung

und Fachkenntnisse als Maschinenführer

so etwas wie der Vorarbeiter im

Betrieb, wehrte sich – und musste gehen.

«Die Prüfung zu bestehen wurde auf einmal

noch sehr viel wichtiger», erklärt er.

Fünf Pokale, ein Fachausweis

Nur einen Monat nach dem Erhalt der

Kündigung ist es endlich soweit. Sulejmani

besteht und ist nun eidg. dipl. Printmedienverarbeiter.

Gerade noch rechtzeitig.

Von drei Bewerbungen, die er daraufhin

verschickt, erhält er gleich zwei Zusagen.

«Ohne mein noch frisches Diplom, auf das

mein früherer Chef so gepocht hatte, wäre

es wohl nicht so schnell gegangen», ist Sulejmani

überzeugt.

Und Sulejmani hatte Glück. Sein neuer

Arbeitgeber, die Firma PMC in Oettwil am

See, entpuppte sich als Perle: «Ich wurde

sehr herzlich empfangen, wir bekommen

Arbeitsuniform und -schuhe, die Maschinen

sind sehr schnell – und einmal pro

Jahr gibt es sogar einen Skitag!» Es erstaunt

deshalb kaum, dass zuhause bei Sulejmanis

zwischen den fünf Pokalen für den Schweizer

Meister im Thaiboxen der eidg. dipl.

Fachausweis steht. Und auch das Träumen

hat wieder Platz: Sulejmani ist daran, eine

Kampfsportschule zu gründen, um seine

Wettkampferfahrung weiterzugeben. •

Daniel Puntas Bernet

reportage 2/11 ZeSo

31


Kindern den Aufstieg ermöglichen

Kinder von Sozialhilfebeziehenden tragen ein grosses Risiko, später selbst von der Sozialhilfe abhängig

zu werden. Hier setzt das Projekt AUF (abklärende und unterstützende Familienarbeit Uster) an:

Kinder und Jugendliche werden spezifisch unterstützt und erhalten so die Chance auf eine finanziell

unabhängige Zukunft.

Studien aus der Sozialhilfe zeigen, dass immer

wieder Kinder von Sozialhilfe beziehenden

Familien später als Erwachsene

auch Sozialhilfe beziehen. Die Sozialberatung

der Stadt Uster hatte bislang nur wenig

strukturierte Kenntnisse über die Situation

von Kindern und Jugendlichen aus

von der Sozialhilfe abhängigen Familien.

Ein Anliegen war es deshalb, den Personengruppen,

die auf dem Papier zwar zum

Fall gehören, in der Realität der Sozialberatung

aber meist nicht in Erscheinung treten,

auch einen Klienten-Status und damit

spezifische Unterstützung zukommen zu

lassen.

Im Auftrag der Sozialbehörde Uster

und unter der Projektleitung der Zürcher

Hochschule für Angewandte Wissenschaften

(ZHAW) entwickelte eine interne Arbeitsgruppe

zusammen mit dem Amt für

Jugend und Berufsberatung Ost zwischen

2008 und 2009 das Konzept AUF. Es

soll einen Weg aufzeigen, wie Kindern von

Sozialhilfe beziehenden Familien durch

geeignete Unterstützung und Intervention

eine eigenständige Zukunft ermöglicht

werden kann: Eine Zukunft ohne den Automatismus

des Sozialhilfebezugs.

Abklärung schliesst das Umfeld ein

Eine AUF-Abklärung kann aus verschiedenen

Gründen indiziert sein: Wenn die beraterische

Unterstützung der Kinder und

Jugendlichen aufgrund der Kenntnisse der

Sozialberatung nicht ausreichend ist, der

konkrete Sachverhalt im Gespräch mit den

Kindern und Jugendlichen nicht geklärt

oder keine Veränderungen der Situation

festgestellt werden kann, ist eine Abklärung

angebracht. AUF soll jedoch nicht nur

durchgeführt werden, wenn ein Verdacht

auf Schwierigkeiten in der Familie besteht:

Das bestmögliche Ergebnis der Abklärung

ist die Erkenntnis, dass die Kinder und Jugendlichen

in einem guten Umfeld auf-

Ein Sicherheitsnetz auf dem Weg in eine finanziell unabhängige Zukunft: AUF fördert Kinder aus

armutsbetroffenen Familien.

Bild: Keystone

wachsen, ausreichend gefördert werden

und somit kein Bedarf nach zusätzlicher

Unterstützung vorhanden ist. Die Abklärung

soll das gesamte Umfeld des Kindes

oder des Jugendlichen berücksichtigen,

samt ihrer Situation in Kindergarten und

32

ZeSo 2/11 armutsprävention


Schule, Ausbildung, Freizeit, Krippe oder

Hort. AUF-Leistungen können im Rahmen

der Möglichkeiten des Sozialhilfegesetzes

mittels präventiver Massnahmen (etwa geeignete

Wohnung und Wohnumfeld ermöglichen)

oder auch mit spezifischen Interventionen

(individuelle Stütz- und Fördermassnahmen)

erbracht werden.

Eltern müssen dahinter stehen

Zielgruppe dieser AUF-Leistungen sind

Kinder und Jugendliche von Sozialhilfe beziehenden

Familien, bei welchen weder

der Verdacht auf eine Kindswohlgefährdung

vorliegt noch bereits eine Kindesschutzmassnahme

besteht. Zentrale Voraussetzung

für eine AUF-Abklärung bildet

das Interesse der Eltern und ihre Bereitschaft

zur Kooperation.

Für das Konzept AUF ist die Fokussierung

auf abklärend-unterstützende Tätigkeiten

der Sozialberatung, welche sich auf

das Wohl der Kinder und Jugendlichen

richten, zentral. So werden die AUF-Abklärungen

durch externe Fachpersonen getätigt,

um Eltern vom Gefühl des «Kontrolliertwerdens»

durch die Sozialberatung der

Stadt Uster zu entlasten und sie für eine

Zusammenarbeit zugunsten ihrer Kinder

zu motivieren. In Uster besteht ein Leistungsvertrag

mit der Stiftung Netzwerk,

deren Mitarbeiter die Abklärung professionell

durchführen.

In der Regel dient ein erster Hausbesuch

der Erhebung von Daten und dauert

zwei bis drei Stunden. Der zweite und

eventuell dritte Besuch beinhaltet die Teilnahme

am Alltag und dauert zwischen drei

und sechs Stunden. Die abklärende Person

entscheidet über einen allfälligen weiteren

Bedarf – die Hausbesuche sollen aber insgesamt

nicht länger als 20 Stunden dauern.

Die Abklärungen erfolgen anhand

von Interviews und teilnehmender Beobachtung.

Dazu liegt ein standardisiertes

Instrumentarium vor, welches für die spezifischen

Zwecke des Konzeptes AUF angepasst

und ergänzt wurde.* Während der

Hausbesuche erfolgen keine Beratungen

und Massnahmen durch die abklärende

Person. Die Analyse der Familiensituation

wird in einem standardisierten Bericht

festgehalten. Anschliessend schlägt die

abklärende Stelle Massnahmen vor und

begründet diese kurz. Die oder der fallführende

Mitarbeitende des Sozialdienstes

entscheidet dann über die umzusetzenden

Massnahmen und stellt deren Finanzierung

sicher.

Erste Praxiserfahrungen sind positiv

2009 wurden im Rahmen der Pilotphase

des Projekts erste Erfahrungen gesammelt.

Infolge eines Beschlusses der Sozialbehörde

Uster wurde AUF ab 2010 als festes Angebot

aufgenommen. Seither erfolgten

zwei Abklärungen. Eine grosse Herausforderung

bestand für die Sozialarbeiterinnen

und Sozialarbeiter jeweils darin, die Familien

für die Abklärung zu gewinnen. Waren

die Klienten vom positiven, unterstützenden

Charakter des Projekts aber einmal

überzeugt, liessen sich durchwegs positive

Ergebnisse erzielen: Neue Handlungs- und

Unterstützungsansätze wurden gefunden

und installiert. Dazu gehörten etwa das Erschliessen

von neuen Angeboten wie Logo-

Literatur

pädie oder die Unterstützung bei der Suche

nach einer grösseren Wohnung. Auch

– Kitty Cassée. Kompetenzorientierung. Eine

Methodik für die Kinder- und Jugendhilfe.

Haupt Verlag 2007.

eine Vereinsmitgliedschaft im Fussballclub

oder die Betreuung in der Kinderkrip-

Spanjaard. KOFA-Manual. Handbuch für die

– Kitty Cassée, Barbara Los-Schneider, Han

pe an zusätzlichen Tagen erwiesen sich als kompetenzorientierte Arbeit mit Familien.

sinnvolle Massnahmen.

• Haupt Verlag 2008.


– Kitty Cassée, Barbara Baumeister, Silvia Gavez,

Barbara Los-Schneider. Zwischenbericht


Thomas Mussmann

Leiter Sozialberatung Uster

der KTI-Studie: Evaluation der Kompetenzorientierten

Familienarbeit. Zürcher Hochschule

für Angewandte Forschung 2008.

*Interessierte Gemeinden können das

– Thomas Mussmann. «Die Armutsspirale in

Konzept AUF in Form einer CD bei der Stadt Uster, Familien durchbrechen». In: SozialAktuell

Sekretariat Sozialhilfebehörde, erwerben. 2/2011: 25-27.

armutsprävention 2/11 ZeSo 33


Lesetipps

Zurück zum

grünen ideal

Die gesunde

Gesellschaft

hin zu einem

offenen sozialismus

Sozial versichern

in der Schweiz

Grüne Parteien blicken auf eine

noch relativ junge Parteigeschichte

zurück. Dennoch haben sie

bereits diverse Entwicklungsstufen

durchgemacht. Die Mitgründerin

und ehemalige Bundesvorsitzende

der Grünen in Deutschland, Jutta

Ditfurth, beschreibt im vorliegenden

Werk den Wandel der Grünen in den

letzten dreissig Jahren. Ihre Thesen

sind provokant: Die Grünen würden,

gefesselt von Kapitalinteressen und

Sachzwängen des Machterhalts, in

Aufsichtsräten, Regierungen und

Parlamenten die Ausbeutung von

Mensch und Natur verschärfen. Als

rot-grüne Regierungspartei seien

sie konservativ, mitunter reaktionär

geworden – lediglich auf der Strasse

zelebrierten sie manchmal noch die

Opposition. Ditfurths ernüchternde

Bilanz kann auch als Aufruf gelesen

werden – als Aufruf, zurückzukehren

zum grünen Ideal.

Gesundheit steht grundsätzlich in

einem besonderen Verhältnis zu

individueller Selbstbestimmung, allgemeiner

Fürsorgeverpflichtung und

solidarischem Handeln. Gesundheitliche

Leistungen werden zunehmend

nach ökonomischen Massstäben

bereitgestellt. Das wirft neue Fragen

zum gesellschaftlichen Umgang mit

Gesundheit auf. Das neu erschienene

Buch bietet hierzu eine kritische

Annährung. Dabei werden zunächst

aktuelle Gestaltungs- und Entwicklungsansätze

im Gesundheitswesen

behandelt und deren sozioökonomische

Bedeutung diskutiert.

In einem zweiten Teil erörtern die

Autoren anhand ausgewählter Themen

sozialethische Fragestellungen

im Kontext gesamtgesellschaftlicher

Herausforderungen. Das Buch richtet

sich insbesondere an Fachleute aus

dem gesundheits- und sozialpolitischen

Bereich.

Die Überwindung des Kapitalismus

verorten die meisten Menschen

bei Karl Marx. Oder seit Kurzem im

Parteiprogramm der sozialdemokratischen

Partei der Schweiz. Für Beat

Ringger, Generalsekretär des Vpod,

ist es ein zeitgemässer Aufruf. Er

fordert einen «offenen Sozialismus,

für dessen Gelingen es keine Garantien

gibt und der trotzdem gewagt

werden muss». Ringger diskutiert,

ob und wie die Grundbedingungen

des Menschseins in eine offene

Fortsetzung der Geschichte münden

können. Er charakterisiert die akute

Krise des Kapitalismus als fundamentale

Krise der gesellschaftlichen

Investitionsfunktion, fragt nach den

Gründen für die Stalinisierung der

Sowjetgesellschaft, entwirft die Skizze

einer demokratisch gesteuerten

Bedarfswirtschaft und erörtert das

Verhältnis von Demokratie, Staat und

gesellschaftlichen Bedürfnissen.

Das Krankenversicherungssystem

ist ein Dauerthema auf der reformpolitischen

Agenda der Schweiz. Dabei

spielen zwei politische Motive die

Hauptrolle: das Bemühen um eine Eindämmung

der enormen Kostensteigerungen

und die Verwirklichung sozialpolitischer

Gesundheitsziele, etwa

einer sozial gerechten Verteilung der

Kosten. Beide Motive stehen in einem

Spannungsverhältnis und bilden das

argumentative Konfliktmuster bei den

parlamentarischen Debatten um den

Einsatz einer Vielzahl von unterschiedlichsten

Politikinstrumenten.

In dieser Studie werden die politischen

Auseinandersetzungen der

vier grossen Bundesratsparteien mit

ihren divergierenden Interessen nicht

nur genau nachgezeichnet, sondern

auch die Kompromissmöglichkeiten,

das Gelingen und das Scheitern der

Reformpolitik in diesem Bereich

aufgezeigt.

Jutta Ditfurth. Krieg, Atom, Armut. Was sie

reden, was sie tun: Die Grünen. Rotbuch

Verlag 2011. 288 S., Fr. 24.90.

ISBN 978-3-86789-125-7

Peter Hensen, Christian Kölzer (Hrsg.).

Die gesunde Gesellschaft. Sozioökonomische

Perspektiven und sozialethische

Herausforderungen. VS-Verlag 2011.

301 S., Fr. 64.90.

ISBN: 978-3-531-17258-3

Beat Ringger. Masst euch an! Auf dem

Weg zu einem offenen Sozialismus. Verlag

westfälisches Dampfboot 2011. 217 S., Fr.

39.90. ISBN: 978-3-8969-1875-8

Björn Uhlmann, Dietmar Braun. Die

schweizerische Krankenversicherungspolitik

zwischen Veränderung und Stillstand.

Rüegger Verlag 2011. 240 S., Fr. 54.-.

ISBN: 978-3-7253-0954-2

34 ZeSo 2/11 SERVICE


veranstaltungen

Gespräche führen in

der sozialen arbeit

Gespräche kompetent führen zu

können, ist in allen Arbeitsfeldern

der Sozialen Arbeit eine Kernaufgabe.

Gleichzeitig stellt die kommunikative

Seite sozialer Berufe die Mitarbeitenden

vor grosse Herausforderungen.

Von Fachkräften der Sozialen Arbeit

wird verlangt, dass sie täglich eine

Vielzahl verschiedener Aufgaben in

Gesprächen bewältigen. Die Spannweite

klientenbezogener Gespräche

reicht vom Gespräch zwischen Tür

und Angel über die psychosoziale

Beratung bis hin zu allen Formen

von Gesprächen in Institutionen

und in der Kooperation mit anderen

Fachpersonen. Das Buch vermittelt

Grundlagen der Gesprächsformen in

der Sozialen Arbeit vom Erstgespräch

bis zur Teamsitzung. Die vorliegende

Publikation richtet sich vor allem an

Studierende in Sozialer Arbeit und

Sozialpädagogik sowie deren Dozentinnen

und Dozenten.

Wolfgang Widulle. Gesprächsführung

in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und

Gestaltungshilfen. VS-Verlag 2011. 239 S.,

Fr. 30.50.

ISBN: 978-3-5311-7480-8

das ende des

ölzeitalters

Die Gesellschaft, wie wir sie kennen,

basiert auf billiger Energie. Doch das

Zeitalter der billigen Energie steht vor

seinem Ende. Die Gewinnung von Erdöl,

Erdgas, Kohle und Uran wird immer

aufwändiger und der Klimawandel

und andere Umweltprobleme zwingen

uns, diese Energieträger aufzugeben.

Katastrophen wie jene im Golf von

Mexiko oder in Fukushima schärfen

den Blick der Öffentlichkeit für die Gefahren

exzessiven Energiekonsums.

Das kann eine Chance sein, findet

der Wissenschaftsjournalist Marcel

Hänggi. In seiner Publikation geht er

der Frage nach, wie eine Gesellschaft

aussehen könnte, die mit weniger

Energie auskommt, als sie es im 20.

Jahrhundert noch tat. Gleichzeitig

zeigt er auf, wie Wirtschaftswachstum

und soziale Gerechtigkeit

gekoppelt sind: Denn überall, wo

Grosses erreicht werden will, werden

Ressourcen ausgebeutet.

Marcel Hänggi. Ausgepowert. Das Ende

des Ölzeitalters als Chance. Rotpunktverlag

Zürich 2011. 364 S., Fr. 38.-.

ISBN: 978-3-85869-446-1

Soziale Arbeit und Partizipation

Mitdenken und Mitgestalten, Mitwirken und Mitentscheiden: Das

will, soll und muss die Soziale Arbeit ihren Anspruchsgruppen

ermöglichen. Egal, ob der Anspruch eher auf gesetzlichen Anforderungen

beruht, auf berufsethischen Überlegungen gründet

oder der Ressourcenoptimierung dient: Damit Beteiligungsprozesse

nachhaltig sind, bedarf es fachlicher Konzeptionen und

Vorüberlegungen. Die Tagung hat zum Ziel, mit Fachpersonen

der Sozialen Arbeit, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern,

mit Behördenmitgliedern und Studierenden zu

klären, welchen Stellenwert die Partizipation in Theorie und

Alltag der Sozialen Arbeit heute beanspruchen darf – und wie die

damit verbundenen Fallstricke zu umgehen sind.

Beteiligung ermöglichen – Beteiligung leben. Partizipation

und Soziale Arbeit.

8./9. September 2011 in Zürich

Infos und Anmeldung: www.sozialearbeit.zhaw.ch/partizipation

Junge Mütter und Ausbildung

Junge Frauen, die vor Abschluss einer Erstausbildung schwanger

geworden sind und einen geringen oder keinen Schulabschluss

haben, können leicht langfristig vom Staat abhängig

werden. Mit dem Projekt «AMIE» begleitet der Basler Gewerbeverband

seit 2007 sozialhilfebeziehende Mütter zwischen 16

und 26 Jahren auf dem Weg zu mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit:

In mehrmonatigen Kursen werden die Teilnehmerinnen

bei der Berufsfindung und Lehrstellensuche unterstützt. An der

Fachtagung zum Thema erhalten die teilnehmenden Fachpersonen

die Gelegenheit, mit versierten Expertinnen und Experten

sowie betroffenen Frauen die Thematik zu vertiefen und Informationen

zum Basler Pilotprojekt aus erster Hand zu erhalten.

Junge Mutter sucht Arbeit

2. November 2011 in Basel

Infos und Anmeldung: n.margelist@gewerbe-basel.ch oder auf

www.amie-basel.ch

Jugendliche und Sucht

Die Fachtagung will einen Beitrag dazu leisten, dass Jugendliche

mit Risikoverhalten in der Adoleszenz und der Ablösung

vom Elternhaus von Fachstellen frühzeitiger erreicht und noch

adäquater beraten werden können. Mit Fachleuten aus Wissenschaft

und Praxis gehen die Teilnehmenden der Frage nach,

welche Möglichkeiten und Grenzen im Arbeitsansatz der lebensweltorientierten

Jugend- und Suchtarbeit liegen. Angesprochen

sind nicht nur Fachleute aus der Präventionsarbeit, sondern

auch Vertreter und Vertreterinnen kommunaler und kantonaler

Behörden aus dem Bereich des Sozialwesens.

Lebensweltorientierte Jugend- und Suchtarbeit

22. September in Bern

Information und Anmeldung: www.contactnetz.ch/fachtagung

SERVICE 2/11 ZeSo

35


Zwischen seinem Beruf und seiner politischen Couleur sieht er keinen Widerspruch: Michael Kreuzer.

Bild: Béatrice Devènes

Der Grenzgänger

Er ist sich erstaunte Blicke gewohnt: Michael Kreuzer(22) ist

Präsident der jungen SVP Oberwallis und befindet sich in der

Ausbildung zum Sozialarbeiter. Einen Widerspruch sieht er darin

nicht.

Wie viel Politiker in ihm steckt und wie viel

Sozialarbeiter, kommt immer ein bisschen

auf seinen Stundenplan an. Wenn an der

Fachhochschule für Soziale Arbeit in Siders

gerade keine Prüfungen anstehen, gewinnt

der Politiker in Michael Kreuzer

schon mal die Überhand. Im Moment aber

absolviert der junge Mann ein Praktikum –

und ist von morgens bis abends im kantonalen

Amt für Kindesschutz beschäftigt.

Für die Politik bleibt da nur noch spätabends

Zeit: Gestern etwa hat er bis ein

Uhr noch E-Mails beantwortet.

Polizist, Anwalt, Sozialarbeiter

Falls er jetzt, nach einer kurzen Nacht und

einem langen Arbeitstag, müde sein sollte,

so lässt er sich das zumindest nicht anmerken.

Gutgelaunt und in der behäbigen Tonalität

des Walliser Dialekts gibt er Auskunft

über seinen Beruf und seine politische

Einstellung.

Was denn nun zuerst da war, die SVP

oder die Sozialarbeit, wird er zum Beispiel

jetzt gefragt. «Schon in der Oberstufe war

mir klar, dass ich mit Menschen arbeiten

wollte», antwortet der 22-Jährige. Zuerst

wollte er Polizist werden, später Anwalt.

«Gegen Ende der Fachmittelschule dann

kam mir die Idee, in die Sozialarbeit einzusteigen.»

Gerade als sich die ersten Berufswünsche

abzuzeichnen begannen, erwachte

auch Kreuzers Interesse an der Politik.

Wenn die Eltern in der heimischen Stube

in Naters die «Arena» schauten, setzte

er sich immer häufiger dazu. Und wusste

bald, bei welcher Partei er politisch beheimatet

ist: «Die SVP weigert sich, unangenehme

Themen unter den Teppich zu kehren»,

sagt Kreuzer. Sein Lieblingsbeispiel:

Der Sozialhilfemissbrauch. «Die SVP hat

aus dem Tabuthema ein Gesprächsthema

gemacht.» Zwar bestehe die Gefahr, dass

Sozialgeldbezüger unter Generalverdacht

gestellt würden, räumt er ein. Doch eine

genaue Überprüfung könne auch eine

Chance sein: «Ist der Missbrauch einmal

reduziert, ist die Gesellschaft vielleicht

wieder vermehrt bereit, das Sozialwesen zu

stützen», sagt er.

Die übliche Ochsentour

Als der SVP-Novize 16 war, unterstützte ihn

die Mutterpartei bei der Gründung einer

Sektion der Jung-SVP im Oberwallis. Kreuzer

ist ihr Präsident. Auch wenn er seit

2009 als Grossratssuppleant – also Stell-

vertreter eines Grossrats – die im Wallis übliche

politische Ochsentour absolviert, kann

er sich gut vorstellen, sein Leben dereinst

abseits des politischen Parketts zu führen:

Wenn er im Sommer den Bachelor abschliesst,

will er sich jedenfalls erst mal auf

Jobsuche machen. Etwas in der Region, vielleicht

etwas mit Kindern und Jugendlichen.

Experte für soziale Fragen

Auch wenn manche Kommilitonen erstaunt

reagieren, wenn Kreuzer sein politisches

Engagement offenlegt – zwischen

seinem Beruf und seiner Couleur sieht er

keinen Widerspruch: «Es ist ja nicht so,

dass die Sozialarbeit von linken Dogmen

durchtränkt ist», sagt er. «Gerade in der Arbeit

mit verhaltensauffälligen Jugendlichen

kommt nicht weit, wer nur lieb und

verständnisvoll ist», sagt er in Anspielung

auf das Klischee des linken und netten Sozialarbeiters.

Überdies gehe er nicht arbeiten,

um zu politisieren, sondern um Menschen

zu helfen.

Ob es denn Bereiche gebe, in denen

sich die beiden Welten gegenseitig beeinflussten?

Kreuzer überlegt. Und sagt: «Ich

profitiere von meinem Wissen aus der Sozialen

Arbeit – auch im Grossen Rat». Da

war etwa jener Vorstoss im Parlament, der

ein Case Management für Lehrerinnen

und Lehrer forderte. Der Begriff aus der

Sozialarbeit war den meisten seiner Fraktionsmitglieder

nicht vertraut. Nachdem der

Nachwuchspolitiker das Konzept kurz vorgestellt

hatte, fand eine beachtliche Zahl

seiner Parteikollegen Gefallen daran. Und

folgte dem fraktionsinternen Experten für

soziale Fragen mit einem Ja. •

Hanna Jordi

36 ZeSo 2/11 porträt


Herzliche Gratulation

zum Diplom!

MASTER

IN

SOZIALER

ARBEIT

BERN | LUZERN

ST.GALLEN | ZÜRICH

Unsere Absolventinnen Frühling 2011:

Simone Hengartner, FHS St.Gallen

Anita Nelson, ZHAW

Maria Kongsted, ZHAW

Download Abschlussarbeiten:

www.masterinsozialerarbeit.ch/master-thesis

Berner Fachhochschule BFH, Fachbereich Soziale Arbeit

Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit

Alle Infos zum Studium:

www.masterinsozialerarbeit.ch

Weiterbildung für die Kompetenzen von morgen

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW bietet wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Weiterbildungen

mit hohem Qualitätsstandard an. Sie verbindet Praxisnähe und Anwendungsorientierung mit

theoretischer Fundierung und gezieltem Einbezug von aktuellen Forschungsergebnissen. Ziel ist eine

optimale Qualifikationsmöglichkeit für berufliche Herausforderungen.

Die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Angebote sind vielfältig:

– Behinderung und Integration – Gesundheit – Praxisausbildende in der Sozialen Arbeit

– Beratung und Coaching – Kinder und Jugendliche – Recht

– Ethik – Methoden – Sozialmanagement

– Forschung – Migration – Stadtentwicklung

Kontakt und Information

weiterbildung.sozialearbeit@fhnw.ch | T +41 (0)848 821 011 | www.fhnw.ch/sozialearbeit/weiterbildung

Fachhochschule Nordwestschweiz | Hochschule für Soziale Arbeit | Riggenbachstr. 16 | CH-4600 Olten


Berner Fachhochschule

Soziale Arbeit

Weiterbildung, die wirkt!

Flexible und praxisorientierte Kurse und Studiengänge für Fachkräfte und Management

in der öffentlichen Verwaltung und in Nonprofit-Organisationen

Certificate of Advanced Studies CAS Kindesschutz

Professionelle Hilfe für Kinder, Jugendliche und ihre Familien in schwierigen Lebenslagen

Durchführung: 24 Studientage, August 2011 bis Juli 2012, Code: C-KIS-1

Certificate of Advanced Studies CAS Opfergerechte Täterarbeit

Grundlagen der opfergerechten Täterarbeit

Durchführung: 20 Studientage, September 2011 bis April 2012, Code: C-OHT-1

Ausführliche Informationen zu diesen und weiteren Angeboten finden Sie auf unserer Website.

Geben Sie die Code-Nummer ein, und Sie gelangen direkt zum betreffenden Weiterbildungsangebot.

www.soziale-arbeit.bfh.ch/weiterbildung

Weiterdenken? Weiterbilden!

Inspirationen aus unserem Weiterbildungsprogramm:

MASTER OF ADVANCED STUDIES/MAS

MAS in Management of Social Services

Der MAS besteht aus drei Zertifikatslehrgängen/

CAS, die auch einzeln besucht werden können:

• CAS Sozialmanagement, Oktober 2011

• CAS Führung im Kontext des psychosozialen

Bereichs, April 2012

• CAS Sozialpolitik, Oktober 2012

MAS in Social Informatics

Der MAS besteht aus drei Zertifikatslehrgängen/

CAS, die auch einzeln oder in Modulen als Seminare

besucht werden können:

• CAS Medienpädagogik, November 2011

• CAS Online Services, September 2012

• CAS Informatik-Projektleitung, August 2013

WEITERE ANGEBOTE

• CAS Leiten von Teams, August 2011

• CAS Sozialpädagogische Familienbegleitung,

September 2011

• CAS Case Management, November 2011

• Neu! CAS Gemeindeentwicklung,

November 2011

• Neu! CAS Coaching, Dezember 2011

• CAS Soziale Arbeit mit gesetzlichem Auftrag,

März 2012

• CAS Kreativ Beraten, März 2012

• Seminar Sozialversicherungen, August 2011

• Seminar Kommunikation, September 2011

• Seminar Fundraising, Oktober 2011

• Neu! Trainingswerkstatt Konfliktvermittlung,

November 2011

Weitere Angaben zu unseren MAS, CAS und Seminaren finden Sie unter www.fhsg.ch/wbsa.

FHS St.Gallen, Weiterbildungszentrum Soziale Arbeit IFSA-FHS, Industriestrasse 35, CH-9401 Rorschach,

Tel. +41 71 844 48 88, wbsa@fhsg.ch

FHO Fachhochschule Ostschweiz www.fhsg.ch

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