ZESO_1-2011_ganz

SkosZeso

SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

ZeSo

Zeitschrift für Sozialhilfe

01/11

case management Wenn sich alles um einen fall dreht

junge türkische migrantinnen konflikte treiben sie in den suizid armut in

den usa ein markt verteilt lebensmittel nach mass


SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

Mitgliederversammlung

26. Mai 2011, Trafohalle in Baden

Die Kunst des Lebens

Psychisch Kranke in der Sozialhilfe

Psychisch kranke Menschen sind von wirtschaftlicher und sozialer Ausgrenzung besonders betroffen. Viele

erhalten aufgrund der aktuellen Praxis der Invalidenversicherung keine Rente und sind daher auf Sozialhilfe

angewiesen. Nicht alle psychischen Beeinträchtigungen lassen sich eindeutig diagnostizieren. Die Grenze

zwischen Auffälligkeit und Normalität ist oft schmal. In der Sozialhilfe stellt dies sowohl an die Klientinnen

und Klienten als auch an die Mitarbeitenden von Sozialdiensten und Behörden besondere Anforderungen.

Die Mitgliederversammlung der SKOS widmet sich der Situation von psychisch kranken Menschen in der

Sozialhilfe. Die Veranstaltung zeigt auf, welche Ressourcen und Strategien geeignet sind, um die Herausforderungen

professionell zu bewältigen.

Programm und Anmeldung: www.skos.ch Veranstaltungen

SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

Online-Datenbank zum Sozialhilferecht

Die Soziale Arbeit ist häufig mit rechtlichen Fragen konfrontiert. Hier hilft eine einzigartige Online-Datenbank

zum Sozialhilferecht weiter. Sie ermöglicht den Zugang zu kantonalen Entscheiden sowie zu allen

relevanten kantonalen Rechtsgrundlagen. Zudem ist sie mit der Rechtsprechung und den Gesetzen auf

Bundesebene vernetzt.

Profitieren Sie von den vielfältigen Recherchemöglichkeiten. Eine einfach zu bedienende Volltextsuche

ermöglicht Ihnen das rasche Auffinden von Entscheiden in der Datenbank.

Jahresabonnement

1 Person fr. 238.– / 190.– (SKOS-Mitglieder)

5 Personen fr. 427.– / 342.– (SKOS-Mitglieder)

10 Personen fr. 570.– / 456.– (SKOS-Mitglieder)

Ab 11 Personen Preis auf Anfrage

Weitere Infos und Abonnement: www.weblaw.ch


Monika Bachmann

Verantwortliche Redaktorin

so ist das leben: wirklich

Sagt Ihnen der Name Pierre Heusser etwas? Falls nicht, lade

ich Sie ein, diesen engagierten Rechtsanwalt aus Zürich kennenzulernen:

In der neuen ZESO-Rubrik «13 Fragen an ...»

gewährt der 41-Jährige Einblicke in sein Leben. Die Antworten

lassen tief blicken. Pierre Heussers Herz schlägt zwar

zweifellos links. Aber warum nur hat dieser Mann eine

Schwäche für Sepp Blatter? Lassen Sie sich überraschen –

mehr dazu gibts auf Seite 6.

Auf Neuigkeiten stossen Sie in dieser ZESO nicht nur im Inhalt,

sondern auch formal: Wir freuen uns sehr, Menschen

und Geschichten endlich genau so abzubilden, wie sie im

wirklichen Leben sind: nämlich rundum farbig. Diese Neugestaltung

dehnt sich auch auf die einzelnen Rubriken aus: Auf

den Seiten 4 und 5 lancieren wir neu Debatten zu aktuellen

Themen der Sozialhilfe und kommentieren brisante Themen

der Sozialpolitik. In dieser Ausgabe meldet sich eine Frau zu

Wort, die «nichts zu lachen» hat: Eva Aeschimann, Mitarbeiterin

der Behinderten-Selbsthilfe AGILE Schweiz. Sie sagt

ganz unverblümt, weshalb ihr die IV-Revision 6a Tränen in

die Augen treibt.

Im Mittelpunkt der ZESO steht nach wie vor der Schwerpunkt.

Und genau dort ist er neu auch zu finden: In der Mitte

– auf den Seiten 14 bis 25 – treffen Sie unter anderem auf

die Geschichte von Ruedi Kyburz. Der 59-Jährige erlitt vor

zwei Jahren eine Depression, verlor den Boden unter den

Füssen und wurde arbeitsunfähig. Weil die Krankentaggeldversicherung

seiner Arbeitgeberin umgehend ein Case Management

einleitete, steht Ruedi Kyburz heute wieder zu

40 Prozent im Betrieb. Der «Fall Ruedi Kyburz» illustriert,

was Case Management bewegen kann – oder besser: könnte.

Denn die Sozialhilfe und generell die Soziale Arbeit tun sich

mit diesem Handlungskonzept ziemlich schwer. Wenn Sie

weiterblättern, erfahren Sie mehr dazu. Wir wünschen Ihnen

gute Lektüre!

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SCHWERPUNKT14–25

case management

Es war Herbst 2008, als es ihm plötzlich den

Boden unter den Füssen wegzog: Ruedi Kyburz

(Bild Mitte), der 24 Jahre lang als stellvertretender

Chef in einem Heilsarmee-Brocki tätig war,

konnte wegen einer psychischen Krise nicht mehr

arbeiten. Dass er heute wieder mit einem Bein im

Brocki steht, verdankt Ruedi Kyburz einem Case

Management der Krankentaggeldversicherung.

Schritt für Schritt hat eine Gruppe von Menschen

seinen Wiedereinstieg geplant und unterstützt.

Case Management als Handlungskonzept eignet

sich ganz besonders für komplexe Fälle. Warum

diese Methode in der Sozialen Arbeit trotzdem

noch selten angewendet wird und was es braucht,

um als Case Managerin erfolgreich zu sein, erfahren

Sie im ZESO-Schwerpunkt.

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ZESO

zeitschrift für sozialhilfe

Herausgeberin Schweizerische konferenz für Sozialhilfe SKOS.

www.skos.ch Redaktionsadresse Redaktion ZESO, SKOS, Monbijoustrasse

22, Postfach, CH-3000 Bern 14, Tel. 031 326 19 19,

zeso@skos.ch Redaktion Monika Bachmann Redaktionelle

begleitung Dorothee Guggisberg Autorinnen und Autoren

dieser Ausgabe Eva Aeschimann, Franziska Ehrler (fe), Annette

Elbert, André Gattlen, Dieter Haller, Pierre Heusser, Hanna Jordi,

Sabine Rimmele, Renzo Ruf, Katharina Schubiger, Bettina Seebeck,

Maria Solèr, Barbara Spycher, Eva Weishaupt, Esther Wermuth,

Roland Woodtly Titelbild Rudolf Steiner titelGestaltung pol,

Konzeption & Gestaltung GmbH, Bern Gestaltung mbdesign

Zürich, Marco Bernet, Tel. 044 362 76 77 Korrektorat Karin

Meier Druck und Aboverwaltung Rub Graf-Lehmann AG,

Postfach, 3001 Bern, Tel. 031 740 97 86, zeso@rubmedia.ch

Abonnementspreise Reguläres Jahresabo Inland Fr. 82.–, Jahresabo

SKOS-Mitglieder Fr. 69.–, Einzelnummer Fr. 25.–, Jahresabo

ausland Fr. 120.–

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin. Die

ZESO erscheint viermal jährlich.

ISSN 1422-0636 / 108. Jahrgang

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Erscheinungsdatum: 1. März 2011

Die nächste Ausgabe erscheint im Juni 2011

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INHALT

4 Aktuell: Sozialhilfe besteuern oder

nicht?

6 13 Fragen an Pierre Heusser

8 Praxis: Rückerstattung verlangen

und gleichzeitig kürzen: Geht das?

9 Mittlere und kleine Sozialdienste

vergleichen ihr Management

10 «Junge türkische Frauen stehen

unter enormem Druck»: Interview

mit Anita Riecher-Rössler

case management

14 Case Management bei der Krankenversicherung:

Der Fall von Ruedi

Kyburz

18 Auf allen Ebenen wirksam sein: Case

Management als Handlungskonzept

20 Berührungsängste: Anwendung von

Case Management in der Sozialen

Arbeit

22 Kein Fall ist wie der andere: Case

Management in der Sozialhilfe

24 Von Beruf Case Managerin: Gefragt

sind Profis mit Profil

26 Plattform: Opferhilfe als Teil der

sozialen Sicherheit

28 Bern setzt finanzielle Anreize für

seine Sozialdienste

30 Billige Lebensmittel für arme US-

Amerikaner: Reportage aus Loudoun

County

34 Service: Lesen/Veranstaltungen

36 Die Initiantin: Porträt von Cécile

Malevez, ehrenamtliche Beraterin

gegen gewalt

Mathematik für sozialdienste

wenn das brot ausgeht

gefragte pensionärin

Junge türkische Frauen wollen sich dreimal

häufiger das Leben nehmen als Schweizerinnen.

Zu diesem Resultat kommt Anita Riecher-Rössler,

Chefärztin der Psychiatrischen

Universitätspoliklinik Basel in einer Studie.

Im Interview sagt sie, weshalb gezielte

Gewaltprävention angesagt ist und warum

dringend mehr medizinisches Fachpersonal

türkischer Herkunft gebraucht wird.

10

Im Kanton Bern werden Sozialdienste, die

kosteneffizient arbeiten, zukünftig mit

einem Bonus belohnt. Jene hingegen, die

schlecht haushalten, müssen einen Malus

entrichten. Das neue Bonus-Malus-System

wurde vom Kantonsparlament verabschiedet.

Es soll Anreize setzen und damit das

Vertrauen in die Sozialhilfe stärken.

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Die Wirtschaftskrise hat in den USA Spuren

hinterlassen. Die Zahl der Armen befindet

sich derzeit auf einem Höchststand. Im

Lebensmittelmarkt «Loudoun Interfaith

Relief» in der Agglomeration von Washington

sorgen viele Freiwillige dafür, dass auch

die Ärmsten täglich etwas zu essen auf den

Tisch stellen können.

30

«Was wird nach meiner Pensionierung

sein?», fragte sich Cécile Malevez vor

drei Jahren. Ihre Ängste haben sich bald

verflüchtigt. Die 67-Jährige engagiert sich

heute als Beraterin bei Innovage, einem

Netzwerk von Pensionierten, die ihre Führungs-

oder Beratungserfahrung ehrenamtlich

weitergeben.

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NACHRICHTEN

Unterhaltsrecht

neu regeln

Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin

des Eidgenössischen Justiz- und

Polizeidepartements (EJPD) will im Rahmen

der Vorlage über die gemeinsame elterliche

Sorge auch unterhaltsrechtliche Fragen neu

regeln. Deshalb wird die vom Bundesrat in

Auftrag gegebene Revision des Zivilgesetzbuches

erweitert. Die Revision sieht vor, dass

die gemeinsame elterliche Sorge zukünftig –

unabhängig vom Zivilstand der Eltern – zur

Regel werden soll. Im Rahmen der Revision

werden nun auch unterhaltsrechtliche Fragen

thematisiert. Nach geltendem Recht trägt der

unterhaltsberechtigte Ehegatte – meistens

die Frau – den Fehlbetrag, wenn die Mittel für

zwei Haushalte nicht ausreichen.

2009: Leichte Zunahme

der Sozialhilfequote

Gemäss der Schweizerischen Sozialhilfestatistik

haben im Jahr 2009 in der Schweiz

230 019 Personen Sozialhilfe bezogen, was

einer Sozialhilfequote von 3 Prozent entspricht.

Seit 2006 ist dies der erste – wenn

auch sehr moderate – Anstieg: Im Jahr

2008 betrug die Sozialhilfequote 2,9 Prozent.

Wie aus den Daten des Bundesamtes

für Statis-tik (BFS) hervorgeht, verlief die

Entwicklung in den Kantonen und bei den

Altersgruppen unterschiedlich.

Luzern: Armut vermindern

Die Luzerner Regierung will Systemfehler

bei den Sozialleistungen korrigieren, dies

gestützt auf den Expertenbericht zum Thema

«Arbeit muss sich lohnen». Der Bericht

deckt Ungerechtigkeiten im System auf.

2700 Haushaltungen im Kanton Luzern sind

betroffen. «Dieser Bericht soll dazu beitragen,

Menschen den Ausstieg aus der Sozialhilfe

zu ermöglichen», so der Gesundheitsund

Sozialdirektor Guido Graf. Der Kanton

Luzern hat im Rahmen der Untersuchung

Daten der Sozialleistungen mit Steuerdaten

verknüpft. Der Bericht deckt aber nicht nur

punktuelle Fehler im System auf: Er zeigt

auch, dass bestehende Sozialleistungen

wirksam sind und die Armut im Kanton Luzern

deutlich reduzieren.

Zum Bericht «Arbeit muss sich lohnen»:

www.disg.lu.ch

DEBATTE

Steuern oder nicht?

Bundesbern befasst sich zurzeit mit einer

brisanten Frage: Soll Sozialhilfe besteuert

werden? Zurückzuführen ist das Geschäft

auf eine Standesinitiative aus dem Kanton

Bern aus dem Jahr 2009. Will ein Kanton

die Sozialhilfe besteuern, braucht es dafür

nämlich eine Änderung des Bundesrechts.

National- und Ständerat haben die Initiative

inzwischen aufgenommen, sie beabsichtigen

aber, dass mit der Besteuerung der

Sozialhilfe gleichzeitig das Existenzminimum

steuerlich entlastet wird.

Die Befürworter der Vorlage argumentieren,

mit der Besteuerung sei gewährleistet,

dass Haushalte mit ähnlichen Einkommen

gleich viel Geld im Portemonnaie

haben. Heute kann es nämlich sein, dass

Sozialhilfebeziehende weniger Geld zur

Verfügung haben, wenn sie eine Erwerbstätigkeit

aufnehmen oder ihr Arbeitspensum

erhöhen. Es ist also möglich, dass es

sich für eine Person, die Sozialhilfe bezieht,

nicht lohnt, arbeiten zu gehen.

Die Gegner hingegen befürchten, dass

die Sozialhilfe unter Umständen erhöht

werden müsste, wenn sie steuerpflichtig

würde, damit das Existenzminimum

der Sozialhilfebeziehenden nicht gefährdet

ist. Die Gemeinden hätten dadurch

Mehrausgaben bei der Sozialhilfe, die anschliessend

dem Kanton in Form von Steuern

zufliessen. Deshalb wird gefordert,

dass gleichzeitig mit der Besteuerung der

Sozialhilfe das Existenzminimum von den

Steuern befreit werden müsse. Dies allerdings

ist Sache der Kantone.

Die Situation ist verzwickt, die Diskussion

kontrovers, die Debatte dürfte hitzig

werden. In einem nächsten Schritt geht die

Vorlage zurück in den Ständerat. (fe)

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Basel: Neue Leitung

für die Sozialhilfe

Nicole Wagner wird

neue Leiterin der

Basler Sozialhilfe

und damit Nachfolgerin

von Rolf

Maegli, der die Stelle

per Ende 2010

verlassen hat. Nicole

Wagner ist Juristin

und verfügt über Nicole Wagner

eine Weiterbildung

zum Master of Business Engineering Management

MBEM. Seit 2005 wirkt sie als

Geschäftsführerin des Wohnwerks Basel.

In früheren beruflichen Engagements befasste

sie sich unter anderem beim Verein

Nottelefon mit dem Aufbau und der Vernetzung

der Beratungsstelle sowie bei Pro

Natura als Projektleiterin und juristische

Beraterin. Die 51-Jährige wird ihre Stelle

bei der Basler Sozialhilfe Mitte Mai 2011

antreten. (pd)

Mindestens 22 Franken pro Stunde

Wer Vollzeit arbeitet, soll von diesem Lohn

leben können. Dieses Ziel möchten die Gewerkschaften

und die SP mit einem gesetzlichen

Mindestlohn erreichen. Ein entsprechender

Artikel soll in der Bundesverfassung

verankert werden. Die Unterschriftensammlung

für die Volksinitiative «Für

den Schutz fairer Löhne» wurde gestartet.

Die Volksinitiative sieht einen Mindestbruttolohn

von 22 Franken pro Stunde vor,

was einen monatlichen Mindestlohn von

3800 Franken bei einem 100-Prozent-

Pensum von 40 Stunden pro Woche respektive

4000 Franken bei 42 Wochenstunden

ergibt. Der Mindestlohn müsste

regelmässig der Lohn- und Preisentwicklung

angepasst werden, mindestens im

gleichen Ausmass wie die AHV-Rente.

In der Schweiz arbeite fast jede zehnte

arbeitnehmende Person zu einem viel

zu tiefen Lohn. Betroffen seien gegen

300 000 Frauen und über 100 000

Männer, hält das Initiativkomitee fest. Sie

verdienten Monatslöhne um die 3000

Franken. Den Druck auf die Tieflöhne

haben die Gewerkschaften nach eigener

Ansicht in den letzten zehn Jahren nicht

genügend eindämmen können. Zwar ist es

ihnen gelungen, mit der Kampagne «Keine

Löhne unter 3000 Franken» ab 1998 in

Tieflohnbranchen eine positive Lohnentwicklung

in Gang zu bringen. Profitiert

haben aber nur Branchen mit Gesamtarbeitsverträgen,

etwa die Gastronomie und

der Detailhandel. Von Mindestlöhnen

profitieren sollen nun auch Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmer aus Branchen,

in denen es keine Gesamtarbeitsverträge

gibt.

Die Initianten haben nun bis zum

25. Juli 2012 Zeit, die nötigen 100 000

Unterschriften zusammenzubringen. Unterstützt

wird das Anliegen der Gewerkschaften

von der SP, den Grünen, der CSP,

der Alternativen Liste sowie zahlreichen

linken Organisationen. (pd)

KOMMENTAR

Nichts zu lachen

Was haben wir nicht geschmunzelt über

den Bündnerfleisch-Lachanfall von alt

Bundesrat Merz im September 2010.

Auslöser des magistralen Lachanfalls war

unverständliches Amtsdeutsch der Eidgenössischen

Zollverwaltung. Das Wiehern

des Amtsschimmels auf höchstem Niveau

brachte Merz so aus der Fassung, dass ihm

vor Lachen die Tränen kamen.

Die neu formulierte und vom Bundesamt

für Sozialversicherungen (BSV) eingebrachte

Schlussbestimmung der 6a-IVG-

Revision wäre ebenfalls zum Totlachen.

Oder sie könnte Bundesrat Didier Burkhalter

wenigstens Tränen in die Augen treiben.

Aber wie heisst es doch im Volksmund:

«Man sieht manchen lachen, der weinen

sollte».

Die 6a-IVG-Revision, die Mitte März vom

Parlament verabschiedet werden dürfte,

enthält eine für die breite Bevölkerung

unverständliche Formulierung. Renten, die

«bei pathogenetisch-ätiologisch unklaren

syndromalen Beschwerdebildern ohne

nachweisbare organische Grundlage»

gesprochen wurden, können innerhalb von

drei Jahren nach Inkrafttreten der Revision

gestrichen werden. Diese Terminologie ist

für die meisten Bürgerinnen und Bürger

schlicht unverständlich. Das BSV hat sie

aus einem Bundesgerichtsurteil vom

August 2010 übernommen.

Kaum jemandem gelingt es, diese Formulierung

zu wiederholen, geschweige

denn, sie zu verstehen. Sogar die Neue

Zürcher Zeitung schrieb am 2. Februar

2011 nach der Medienkonferenz der Sozialund

Gesundheitskommission (SGK) des

Ständerats: «Punkto Formulierung will sich

die SGK dem Nationalrat anschliessen;

sie orientiert sich an der für medizinische

Laien nicht verständlichen bundesgerichtlichen

Terminologie».

Ob dem Schwyzer SVP-Ständerat und

SGK-Präsident Alex Kuprecht das Lachen

im Hals stecken geblieben ist, als er die

Formulierung vor Journalistinnen und

Journalisten als einen regelrechten

Eva Aeschimann

Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit,

AGILE Behinderten-Selbsthilfe

Schweiz

Zungenbrecher bezeichnete? Bloss, welche

konkreten Folgen hat dieser Zungenbrecher?

Einschneidende, denn er verschleiert

das eigentliche Ausmass des vom Bundesrat

geplanten Sozialabbaus bei der IV!

Verschiedene Behindertenorganisationen

haben sich die Schlussbestimmung und

ihre möglichen Auswirkungen von Fachleuten

ausdeutschen lassen. Sie stellen

fest: Die Bestimmung trifft zehntausende

IV-Rentnerinnen und –Rentner mit Diagnosen,

die organisch nicht erklärbar sind. Sie

trifft ganz besonders Rentnerinnen und

Renter mit psychischen Krankheiten.

Die auf höchstem Niveau verklausulierte

Bestimmung ermöglicht es, künftig einzelne

Krankheitsgruppen von der Invalidenversicherung

auszuschliessen. Ausser, der

Sozialminister schickt mit einem Lachanfall

das Geschäft zwecks Präzisierung

an die Verwaltung zurück.

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13 Fragen an Pierre Heusser

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Sind Sie eher arm oder eher reich?

Eher reich. Wenn man die Verhältnisse in der

Schweiz im globalen Kontext betrachtet, dann sind

wir alle eher reich. Und als Anwalt habe ich das

grosse Privileg, mit einem Teilzeitpensum und zusammen

mit meiner Frau genügend Einkommen für

mich und meine Familie zu erzielen.

Womit beschäftigen Sie sich gerade?

Mit einem Fall aus dem Kanton Schwyz, wo das

Sozialamt von einem Mann verlangt hat, in eine

völlig verschimmelte Wohnung umzuziehen, weil

diese billiger war als die bisherige. Obwohl der Mann

mit einem Arztbericht nachweisen konnte, dass er

schwerer Asthmatiker ist, wurde ihm die Sozialhilfe

per sofort eingestellt, mit Entzug der aufschiebenden

Wirkung. Zum Glück hat der Regierungsrat

die Beschwerde gutgeheissen. Das ist ein typisches

Beispiel für die teilweise erschreckende Behördenwillkür

auf den Sozialämtern. Wohlverstanden, solche

Geschichten sind zum Glück seltene Ausnahmefälle,

aber auch diese dürfte es nicht geben.

Glauben Sie an Chancengleichheit?

Nein. Wer in einem Kriegsgebiet in Afrika aufwächst,

hat nicht dieselben Chancen, Millionär zu

werden wie zum Beispiel die Tochter von Christoph

Blocher oder der Sohn von Nicolas Hayek. Aber in der

Schweiz haben wir immerhin ein sehr gutes Schulsystem,

mit dem ernsthaft versucht wird, diese

Ungleichheit so gut als möglich zu korrigieren. Ich

selber hätte in einem Drittweltland als Sohn eines

Kochs und einer ungelernten Hilfsarbeiterin wohl

kaum studieren können.

Für welches Ereignis oder für welche Begegnung würden

Sie ans andere Ende der Welt reisen?

Für einen Sitzplatz im Finalspiel der Fussball-WM

im Jahr 2014 in Rio de Janeiro. Aber bitte nicht neben

Sepp Blatter, sondern neben Zinédine Zidane.

Und als Halbspanier wünsche ich mir natürlich die

Paarung Spanien – Schweiz.

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Wenn Sie in der Schweiz drei Änderungen einführen

könnten, welche wären das?

Es wären vier Änderungen:

1) Schaffung eines Bundesverfassungsgerichts.

Mir ist nicht wohl dabei, wie heute im Jahrestakt

menschenrechtswidrige Initiativen angenommen

werden, ohne dass jemand «Stopp» sagen kann.

Und wer glaubt, das Volk habe immer Recht, soll sich

doch bitte wieder mal daran erinnern, dass seinerzeit

auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

vom Volk gewählt wurde und dass die

Ermächtigungsgesetze von Volksvertretern erlassen

wurden. Sorry, aber das Volk und seine Vertreter

haben nicht immer Recht.

2) Einführung eines griffigen Parteienfinanzierungsgesetzes.

Es gibt seit Jahren in der Schweiz

nur eine wirklich professionelle Partei, welche den

Rest der politischen Schweiz mit perfektem Polit-

Marketing an die Wand spielt. Dies ist nur möglich

durch praktisch grenzenlose finanzielle Mittel. Das

ist, wie wenn im Fussball eine Profimannschaft gegen

lauter Amateurmannschaften um die Meisterschaft

spielen kann. Wir brauchen wieder echte Fairness

in der Politik und die beginnt wie immer beim

Geld.

3) In jedem Schweizer Kanton eine Gratis-Rechtsberatungsstelle

für Sozialhilfeempfänger. Es gibt

solche Stellen für Arbeitnehmer, Mieter, Invalide,

Firmengründer und Steuerzahler. Warum nicht für

Armutsbetroffene?

4) Jedes Sommer-Wochenende wird ein Schweizer

Alpenpass für den motorisierten Verkehr gesperrt

und steht ausschliesslich Velofahrern und

anderen Nichtmotorisierten offen. Wer so eine Idee

auch toll findet, soll sich einmal die Website www.

freipass.ch anschauen.

Womit beeindrucken Sie Ihre Mitmenschen und Ihre

Umwelt am meisten?

Mir wird immer gesagt, mit meiner ruhigen Art.

Ich bin ein guter Zuhörer.

Bügeln Sie Ihre Hemden selbst?

Autsch, da haben Sie mich erwischt! Meine

Hemden bügelt meine Frau. Aber ich trage nur einbis

zweimal pro Monat Hemden, wenn ich vor Gericht

auftreten muss. Ich hasse Hemden und liebe

dafür T-Shirts.

Welcher Begriff ist für Sie ein Reizwort?

Alle diese Neukreationen, die mit «Schein-» beginnen.

Politiker, die damit operieren, sind für mich

Scheinpolitiker.

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6 ZeSo 1/11 13 fragen an


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PIERRE HEUSSER

Pierre Heusser ist Rechtsanwalt und Teilhaber einer sozial ausgerichteten

Anwaltskanzlei in Zürich. Seine Spezialgebiete sind Haftpflicht-, Versicherungs-

und Arbeitsrecht. Zudem betreut er zahlreiche Mandate im Sozialhilfebereich.

Der 41-Jährige ist Vorstandsmitglied des Vereins «Rechtsberatung

Anwaltskollektiv», Mitglied in der Rechtsberatung für Unfallopfer und

Patienten, Vertrauensanwalt des Schleudertraumaverbandes und des VPOD

sowie Mitglied der IG Sozialhilfe. Er lebt zusammen mit seiner Frau, drei

Kindern und drei Kaninchen in Zürich-Affoltern.

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Bild: Meinrad Schade 12

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An welches Ereignis in Ihrem Leben erinnern Sie sich

besonders gerne?

Ich habe dreimal in meinem Leben ein echtes

Wunder erlebt: Die Geburt meiner Kinder. Dass wir

Menschen in der Lage sind, unser Leben weiterzugeben,

ist etwas vom Schönsten.

Welche drei Gegenstände würden Sie auf eine einsame

Insel mitnehmen?

«Ulysses» von James Joyce, ein Buch, das

hundert andere ersetzt. Ein Schweizer Sackmesser

mit allen Schikanen, man weiss ja nie. Und

mein Velo, vorausgesetzt, auf der einsamen Insel

hat es Berge und schöne Passstrassen. Aber ehrlich

gesagt wäre die einsame Insel für mich auch

mit hundert Gegenständen eine Horrorvorstellung.

Haben Sie eine persönliche Vision?

Ich habe keine grossen gesellschaftlichen Visionen

und bin kein Revolutionär. Wenn überhaupt,

dann sind es vielleicht die Visionen von Rousseau

und Kant: Wir Menschen leben eben nicht auf einer

einsamen Insel, sondern sitzen alle im gemeinsamen

Boot namens Erde. Also müssten wir doch

vernünftigerweise miteinander so umgehen, wie

wir es von den anderen uns gegenüber erwarten

würden.

Gibt es Dinge, die Ihnen den Schlaf rauben?

Meine Kinder sind zum Glück aus dem Alter

raus! Ich habe das grosse Glück, dass ich die

schlimmen Geschichten und traurigen Schicksale,

von denen ich in meiner Kanzlei höre, emotional

nicht mit nach Hause nehme. Und ich gehöre zu

den Menschen, die schon eingeschlafen sind, bevor

der Kopf das Kissen berührt.

Mit wem möchten Sie gerne per Du sein?

Vielleicht doch mit Sepp Blatter, damit ich an

Gratis-Fussballtickets komme? Nein, im Ernst: Ry

Cooder, mein absoluter Lieblingsmusiker. Suzanne

Vega, meine Lieblingsmusikerin. Ricardo Darin,

mein Lieblingsschauspieler. Ich bin aber nicht sicher,

ob grossartige Künstler auch immer interessante

Gesprächspartner sind. Nelson Mandela und

Tony Blair würde ich auch gerne einiges fragen.

13 fragen an 1/11 ZeSo

7


Rückerstattung verlangen und

gleichzeitig kürzen: Geht das?

Wer unrechtmässig bezogene Sozialhilfeleistungen zurückerstatten muss, kann gleichzeitig

mit einer Kürzung von Leistungen sanktioniert werden. Allerdings muss die Existenzsicherung

gewährleistet sein. Dies zeigt ein aktueller Fall aus der Sozialhilfepraxis.

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Frage

Das Ehepaar M. bezieht Sozialhilfe und hat

Einkünfte aus unregelmässigen Arbeitseinsätzen

nicht deklariert. Das Paar wurde

zur Rückerstattung der unrechtmässig bezogenen

Sozialhilfeleistungen verpflichtet.

Der gesamte Betrag wird nun in Raten von

15 Prozent des Grundbedarfs mit der laufenden

Unterstützung verrechnet. Nun hat

sich Herr M. bereits mehrmals geweigert,

an einer Arbeitsintegrationsmassnahme

teilzunehmen. Ihm wurde deshalb die Integrationszulage

nicht mehr ausbezahlt.

Ausserdem verfügte der Sozialdienst aufgrund

des unkooperativen Verhaltens des

Klienten zusätzlich eine Kürzung des

Grundbedarfs. Ist das korrekt?

Grundlagen

Zur Beurteilung des vorliegenden Falls

muss zwischen Rückerstattung und Leistungskürzung

klar unterschieden werden:

– Rückerstattung: Unrechtmässig bezogene

Unterstützungsleistungen sind rückerstattungspflichtig

(SKOS-Richtlinien

E.3.2). Die Rückerstattung kann bei laufender

Unterstützung mit maximal 15

Prozent des Grundbedarfs verrechnet werden.

Sind im Budget ein Einkommens-

Freibetrag (EFB) oder eine Integrationszulage

(IZU) eingerechnet, können diese anstelle

der Auszahlung zusätzlich an die

Rückerstattung angerechnet werden. Wird

keine Integrationsleistung erbracht, ent-

PRAXIS

Die Rubrik « Praxis » beantwortet Fragen der

Sozialhilfe praxis. SKOS-Mitglieder haben die

Möglichkeit, konkrete Fragen an die SKOS-Line

zu richten (www.skos.ch, einloggen ins Intranet,

Rubrik «SKOS-Line» wählen). Ihre Fragen werden

von Fachpersonen beantwortet, und ausgewählte

Beispiele werden in der ZESO publiziert.

fällt die entsprechende Zulage (IZU), da

diese ausdrücklich an das Erbringen einer

entsprechenden Leistung zur Arbeitsintegration

gebunden ist.

Die Rückerstattungsverpflichtung besteht

solange, bis der gesamte geschuldete

Betrag zurückerstattet ist. Das heisst, sie

erlischt auch dann nicht, wenn die Klientel

von der Sozialhilfe abgelöst werden kann.

Die Rückerstattungsverpflichtung wird

schriftlich in Form einer Vereinbarung

oder Verfügung erlassen.

– Leistungskürzung (Sanktion): Verletzt eine

sozialhilfebeziehende Person ihre

Pflicht, kann sie mit einer Leistungskürzung

sanktioniert werden. Als Pflichtverletzung

gilt zum Beispiel die grundsätzliche

oder mehrmalige Verweigerung einer Teilnahme

an Arbeitsintegrationsmassnahmen

(SKOS-Richtlinien A.8). In diesem

Fall kann der Grundbedarf um maximal

15 Prozent gekürzt werden (bei schwerer

Pflichtverletzung). Diese Kürzung muss

der betroffenen Person in Form einer beschwerdefähigen

Verfügung eröffnet und

entsprechend begründet werden. Die Klientin

oder der Klient muss ausserdem die

Möglichkeit haben, sich vorgängig zum

Sachverhalt zu äussern.

Gemäss Kapitel A.8.2 der SKOS-Richtlinien

muss eine Leistungskürzung verhältnismässig

sein. Das heisst, sie muss sowohl

dem Fehlverhalten der betroffenen Person

angemessen sein als auch der Situation

mitbetroffener Familienmitglieder gerecht

werden. In der Regel soll der Budgetanteil

von minderjährigen Kindern nicht gekürzt

werden. Eine Sanktion kann maximal für

die Dauer von 12 Monaten ausgesprochen

werden und wird aufgehoben, sobald die

Klientel ihre Pflichten erfüllt.

Die Leistungskürzung sanktioniert ein

aktuelles Verhalten des Klienten oder der

Klientin. Sie hat deshalb gegenüber einer

Rückerstattungspflicht Vorrang. Fallen

Kürzung und Rückerstattungspflicht zusammen,

ist in jedem Fall zu beachten,

dass das absolute Existenzminimum nicht

unterschritten wird (SKOS-Richtlinien

A.8.2). Die Rückerstattung wird in einem

solchen Fall bis Ende der Sanktion ausgesetzt.

Somit verlängert sich die Frist,

während der die Klientel mit einem eingeschränkten

Budget leben muss.

Antwort

Auch bei laufender Rückerstattung kann eine

Kürzung der Sozialhilfe verfügt werden,

diese hat Vorrang und gilt als Sanktion des

pflichtwidrigen Verhaltens. Im Falle des

Ehepaars M. wird die Rückerstattung während

der Dauer der Kürzung sistiert. Der zuständige

Sozialdienst muss beurteilen, ob

im Falle von Herrn M. eine maximale Kürzung

sinnvoll ist. Deshalb wird eine Beurteilung

der Gesamtsituation des Klienten vorgenommen,

wobei der Integrationsauftrag

der Sozialhilfe besonders berücksichtigt

werden muss. Leben Sozialhilfebeziehende

mit einem maximal gekürzten Budget, so

entfällt die Möglichkeit, mittels finanzieller

Anreize ihre Motivation und ihr Mitwirken

zu aktivieren. In diesen Fällen ist ein differenziertes,

fallspezifisches Vorgehen unerlässlich.


Katharina Schubiger

Mitglied der Rete

(Arbeitsgruppe der Richtlinienkommission

der SKOS)

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8 ZeSo 1/11 PRAXIS


Mittlere und kleine Sozialdienste

vergleichen ihr Management

Kleine Sozialdienste haben andere Probleme als grosse. Also benötigen sie auch entsprechende

Lösungen. 19 regionale und kommunale Sozialdienste haben ihre Organisation miteinander

verglichen – mit dem Ziel, voneinander zu lernen.

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Ein grosser Teil der Sozialhilfe in der

Deutschschweiz wird von kleinen und mittelgrossen

Sozialdiensten erbracht, die Einzugsgebiete

mit bis zu 20 000 Einwohnerinnen

und Einwohnern umfassen. Die

Anforderungen an diese Dienste steigen:

zunehmende Fallzahlen, wachsende Komplexität

der Fälle und ein erhöhter Legitimationsdruck

– ausgelöst durch politische

Auseinandersetzungen. Die Arbeit, welche

diese Dienste leisten, ist vielerorts noch wenig

erfasst und beschrieben. Eine Studie

der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, die

in Zusammenarbeit mit der SKOS und der

eidgenössischen Kommission für Technologie

und Innovation (KTI) durchgeführt

wird, schliesst hier eine erste Lücke. Im

Rahmen der Untersuchung wurden kleine

und mittelgrosse Sozialdienste zu einem

Vergleich eingeladen, und zwar in den Bereichen

der Leistungserbringung und der

Organisation von wirtschaftlicher und persönlicher

Sozialhilfe.

Vergleichen und erkennen

19 regionale und kommunale Sozialdienste

aus acht Kantonen haben sich diesem

Vergleich gestellt. Ziel davon ist, Kennzahlen

zu identifizieren, die der Führung

von kleinen und mittelgrossen Sozialdiensten

als Massstab (Benchmark) dienen. Das

Vorgehen wurde als Bench-Learning konzipiert:

Die Daten wurden schriftlich erhoben

und anschliessend in einem Zwischenbericht

aufbereitet, der den Beteiligten zur

Verfügung gestellt wurde. Die Ergebnisse

wurden danach in einem Workshop mit allen

Beteiligten interpretiert und auf ihre

Tauglichkeit überprüft. Nachfolgend einige

zentrale Erkenntnisse aus dem Vergleich:

– Organisation: Auffallend war, dass bereits

mittelgrosse Sozialdienste eine Ausdifferenzierung

der Aufbauorganisation

zeigen. 63 Prozent aller Dienste haben eine

Abteilungsleitung, der mehrere Bereiche

unterstellt sind. Bemerkenswert ist die

hohe Fluktuation auf der Leitungsebene:

Bei mehr als einem Fünftel der Sozialdienste

hat im Untersuchungszeitraum die

Leitung gewechselt. Ebenso fällt die grosse

Zahl an Restrukturierungen auf, die in den

Sozialdiensten durchgeführt werden.

– Personal: Die Sozialdienste setzen durchschnittlich

11 Prozent ihrer Personalressourcen

für die Führung ein. 58 Prozent

der beteiligten Dienste konnten präzise Angaben

zum Leitungsanteil für das Geschäftsfeld

wirtschaftliche und persönliche

Sozialhilfe machen. Für die Administration

setzen die Sozialdienste 37 Prozent ihrer

Personalressourcen ein. Die Höhe der

Administrationsquote entspricht den Ergebnissen

anderer Studien.

– Fallbelastung: Die Mehrheit der beteiligten

Sozialdienste kennt eine Fallbelastung

von 80 bis 90 Dossiers pro 100-Prozent-

Stelle Sozialarbeit. Damit liegen die meisten

Dienste im Bereich ihrer internen

Richtwerte. Für die Berechnung der Fallbelastung

nicht berücksichtigt wurden

Kurzberatungen und präventive Beratungen

ohne wirtschaftliche Unterstützung.

Faktisch liegt die Fallbelastung deshalb höher

als ausgewiesen. Sie ist abhängig davon,

wie intensiv ein Sozialdienst im Bereich

der präventiven Beratung arbeitet.

Hier bestehen grosse Unterschiede zwischen

den Sozialdiensten.

Fachtagung zum Thema

«Management als Herausforderung»: Unter

diesem Titel hat die Hochschule Luzern – Soziale

Arbeit in Zusammenarbeit mit der SKOS am

23. Februar 2011 eine Fachtagung für kleinere

und mittlere Sozialdienste durchgeführt. Die

Themen strategisches Management, Sozialberichterstattung,

Fallsteuerung und Controlling

standen dabei im Zentrum.

Unterlagen zur Tagung: www.skos.ch

Weitere Infos: dorothee.guggisberg@skos.ch

– Präventive Beratung: In diesem Bereich

weisen die Sozialdienste sehr unterschiedliche

Profile auf. Es gibt Dienste, die keine

präventive Beratung anbieten, im Mittel

setzen die Sozialdienste jedoch 20 Prozent

der Sozialarbeit dafür ein. Die höchste Quote

liegt gar bei 55 Prozent. Der unterschiedliche

Stellenwert der präventiven Beratung

überrascht und wird auch dadurch akzentuiert,

dass er im Beobachtungszeitraum

2007 bis 2009 konstant geblieben ist.

Leitfaden für das Management

Durch die Datenauswertung und die Diskussionen

mit den Sozialdienstleitenden

konnten Themen identifiziert werden, die in

einem nächsten Teilprojekt aufgegriffen

werden. Dabei geht es um die fachliche und

organisatorische Führung von kleinen und

mittelgrossen Sozialdiensten und um den

entsprechenden Bedarf an Weiterentwicklung.

Die Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

und Wirtschaft entwickelt nun Managementleitfäden

zu fünf Themenbereichen

und verbindet dabei Expertenwissen mit

konkreten Fragestellungen aus der Praxis

von kleinen und mittelgrossen Sozialdiensten.

Im Zentrum stehen folgende Handlungsfelder:

strategisches Management in

der Sozialhilfe, Organisation und Kernprozesse,

Sozialberichterstattung, Internes Kontrollsystem

(IKS) und Fallsteuerung. •

Sabine Rimmele

Dozentin und Projektleiterin,

Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

management 1/11 ZeSo

9


«Junge türkische Frauen

stehen unter enormem Druck»

Ihr Streben nach Autonomie treibt sie in einen unlösbaren familiären und kulturellen Konflikt: Junge

türkische Frauen wollen sich dreimal häufiger das Leben nehmen als Schweizerinnen. Anita Riecher-

Rössler, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel, fordert einen schärferen Blick

auf das Thema Gewalt gegenüber Frauen.

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10 ZeSo 1/11 Interview


Frau Riecher-Rössler, Sie belegen mit

einer Studie, dass junge Türkinnen

der zweiten Generation fast dreimal so

oft Suizid begehen wollen wie Schweizerinnen

im gleichen Alter. Sind Sie

alarmiert?

Ich habe das Resultat eigentlich so erwartet:

Wir sehen diese jungen türkischen

Frauen häufig in der Krisenintervention

auf der Notfallstation. Insofern hat mich

das Ergebnis nicht überrascht, aber trotzdem

finde ich es alarmierend.

Unterscheiden sich junge Türkinnen

von anderen Nationalitäten, die in die

Schweiz immigrieren – zum Beispiel

von jungen Frauen aus Ex-Jugoslawien?

Das haben wir nicht untersucht.

PROF. DR. MED. ANITA RIECHER-RÖSSLER

Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler ist Ordinaria

für Psychiatrie an der Universität Basel und

Chefärztin der Psychiatrischen Poliklinik der

Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Die 57-Jährige ist Fachärztin für Psychiatrie

und Psychotherapie und Psychoanalytikerin

(DGPPT). Anita Riecher-Rössler war 1998 die

erste Frau, die in einem deutschsprachigen

Land auf einen Lehrstuhl für Psychiatrie

berufen wurde. 1999 hat sie die «Gesellschaft

für die psychische Gesundheit von

Frauen» gegründet. Sie ist Vize-Präsidentin

der «International Association for Women’s

Mental Health», die vom 16. bis 19. März

2011 in Madrid den vierten internationalen

Kongress zum Thema psychische Gesundheit

bei Frauen durchführt.

Weitere Infos:

Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel:

www.upkbs.ch

World Congress on Women’s Mental Health:

www.iawmh2011.com

Warum sind diese Frauen so massiv

höher gefährdet als junge Schweizerinnen?

Die betroffenen Frauen geben hauptsächlich

Beziehungsprobleme und Probleme mit

den Eltern als Gründe an: Über 60 Prozent

der Betroffenen leiden unter Partnerproblemen,

rund 20 Prozent haben Schwierigkeiten

mit den Eltern. Es sind häufig

Generationenkonflikte, welche die Frauen

zu diesem Schritt treiben. Die jungen türkischen

Mädchen werden zu Hause oft streng

traditionell erzogen. Von ihnen wird verlangt,

dass sie sich unterordnen. In der Schule und

im Freundeskreis sind sie aber mit westlichen

Rollenvorstellungen von Autonomie und

Selbstverwirklichung konfrontiert. Diesen

Spagat schaffen viele nur schwer.

Ist die Zwangsverheiratung ein Thema?

Ja, manche junge Frauen stehen unter

einem enormen kulturellen und familiären

Druck. Im Extremfall geht es um die Verheiratung

mit einem fremden Mann aus

der Türkei, dem sie versprochen wurden.

Für die Betroffenen eine ausweglose

Situation?

Ich habe zum Teil hautnah miterlebt, in

welch unlösbarem Konflikt sich diese jungen

Frauen befinden: Ihre Väter sind häufig

sehr autoritär. Wenn die Tochter eine

gewisse Autonomie für sich beansprucht,

kommt sie doppelt unter Druck, denn sie

weiss: Wenn ich mich löse, muss meine

Mutter darunter leiden. Auch die Brüder

üben oft Druck aus. Für sie gilt es zu verhindern,

dass die Schwester die Familienehre

«beschmutzt». Sie müssen unter allen

Umständen verhindern, dass sich die

Schwester mit einem Mann einlässt, vor

allem wenn es sich um einen Nicht-Türken

oder Nicht-Muslim handelt.

Gewalt scheint bei suizidalen Immigrantinnen

offenbar ein generationenübergreifendes

Problem zu sein.

In unserer klinischen Studie haben

20 Prozent derer, die als Erwachsene eingewandert

waren, und 15 Prozent derer,

die als Kind oder Jugendliche eingewandert

waren, Gewalt in der Partnerschaft oder

Familie als Hauptproblem angegeben. Mit

Gewalt ist aber nicht unbedingt körperliche,

sondern auch psychische Gewalt gemeint.

Die betroffenen Frauen sind mit ihren

Problemen offenbar alleine. Sie sehen

keinen Ausweg mehr. Was läuft hier

falsch?

Wir müssen uns bewusst sein, dass

häusliche Gewalt nicht nur bei den türkischen

Migranten ein Problem ist, sondern

auch bei Schweizern, Deutschen

– bei wem auch immer. Es gibt verschiedene

Angebote, die Hilfe leisten. In Basel

zum Beispiel gibt es die Initiative «Halt

Gewalt». Ich zweifle aber, ob die Gruppe

der jungen Türkinnen wirklich genügend

gut über solche Hilfsangebote informiert

ist: Ich denke, man müsste diese Mädchen


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und Frauen gezielter und vor allem in ihrer

Muttersprache zu erreichen versuchen. In

Berlin zum Beispiel gibt es bereits entsprechende

Initiativen.

Sie sprechen die politische Ebene an.

Fordern Sie konkrete Massnahmen?

Programme zur Prävention von Gewalt

und auch zur Integration müssten den Fokus

noch stärker auf die Frauen und vor

allem auf die jungen Frauen legen. Auch

müssten junge türkische Frauen in die

Gremien einbezogen werden, welche die

Integrations- und Präventionsmassnahmen

planen.

Woran denken Sie?

Ich sehe, dass türkische Mädchen und

junge Frauen sich vor allem Fachleuten gegenüber

öffnen, die aus der gleichen Kultur

kommen, die ihre Sprache sprechen

und dadurch kultursensitiv arbeiten können.

Ich habe als Ärztin immer wieder festgestellt,

dass die Patientinnen zwar mit mir

reden, die wahren Probleme aber meinem

Anita Riecher-Rössler, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel Bilder: Béatrice Devènes

türkischen Arztkollegen anvertrauen. Wir

hatten eine Assistenzärztin bei uns, die

«fit im Koran» war. Sie hat die Familien –

und vor allem die Väter – der Patientinnen

stark in die Gespräche miteinbezogen und

Stellen aus dem Koran zitiert, wo es um die

Rechte der Frauen geht.

Sie fordern mehr türkische Ärzte in

der Psychiatrie. Meinen Sie damit vor

allem Frauen?

Wir benötigen ganz generell mehr medizinisches

Fachpersonal türkischer Herkunft.

Es müssen nicht unbedingt Frauen

sein. Im Gegenteil: Ein türkischer Oberarzt,

der bei uns gearbeitet hat, wurde von

den Vätern der betroffenen jungen Frauen

eher als Autoritätsfigur akzeptiert. Wir

haben übrigens hier an der Klinik immer

versucht, türkischstämmige Ärzte psychiatrisch-psychotherapeutisch

auszubilden.

Wenn sie dann in die Praxis gehen, haben

wir die Möglichkeit, die Patientinnen für

eine längerfristige Behandlung an sie zu

überweisen.

Haben türkische Ärzte – also Männer –

als Ansprechperson für die jungen türkischen

Frauen nicht gewisse Grenzen

in ihrer Rolle als Vermittler?

Sie haben sicherlich ihre Grenzen, da

auch sie traditionelle Rollenbilder verinnerlicht

haben. Man muss sich aber vergegenwärtigen,

dass es auch in der Türkei

ganz unterschiedliche Kulturen gibt: Zwischen

einem Bauern aus Ostanatolien und

einem Akademiker aus Istanbul können

Welten liegen. Grundsätzlich stelle ich

aber fest, dass unsere türkischen Ärzte im

Mittel viel stärker familienorientiert sind

als wir. Westliche Begriffe wie Autonomie

und Selbstverwirklichung spielen in

diesem Kulturkreis eine untergeordnete

Rolle. Wir sollten deshalb vorsichtig sein

und den jungen Frauen nicht unsere westlichen

Autonomieideale aufoktroyieren.

Klare Grenzen gilt es aber dort zu ziehen,

wo Menschenrechte verletzt werden: Und

wenn eine Frau etwas wirklich will, dann

haben die Familie und das Umfeld dies zu

akzeptieren.

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«Ich habe als Ärztin immer wieder festgestellt,

dass die Patientinnen zwar mit mir reden, die

wahren Probleme aber meinem türkischen

Arztkollegen anvertrauen.»

Welche Lösungen gibt es für solche

kulturell bedingten Konflikte?

Meistens müssen Kompromisse ausgehandelt

werden. Zunächst geht es oft

darum, die verschiedenen Vorstellungen

überhaupt einmal auszusprechen. Häufig

wurde innerhalb der Familie überhaupt

nicht offen geredet. Die Betroffenen lernen

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also, den Konflikt zu benennen und einen

Lösungsweg zu definieren, der für alle

machbar ist.

Das klingt ziemlich einfach.

Die Behandlung ist oft erfolgreich, aber

es gibt auch Fälle, wo die Fronten so verhärtet

sind, dass wir nicht viel erreichen.

Unsere Intervention kommt erst am Ende

einer langen Kette. Die Eltern der jungen

Frauen leben nicht selten isoliert. Vor

allem die Mütter, die nicht erwerbstätig

sind, sprechen oft kaum Deutsch und haben

Kontakte vor allem innerhalb des Familienclans.

Wie sollen sie da die modernen

Vorstellungen, mit denen ihre Töchter

konfrontiert sind, verstehen?

Äussert sich seelisches Leiden bei

Frauen anders als bei Männern?

Ja, das ist tatsächlich so – nicht nur bei

Migrantinnen. Frauen nehmen ihre Beschwerden

im Allgemeinen stärker wahr

als Männer. Sie hören mehr auf ihre Gefühle

und können diese auch besser verbalisieren.

Sie suchen zudem eher Hilfe als

Männer. Wir sehen gerade bei türkischen

Männern viele, die ihre Beschwerden eher

somatisieren, das heisst körperlich ausdrücken.

Wie erklären Sie sich das?

Männern, und vielleicht besonders

türkischen Männern, scheint es – zum

Beispiel nach einer Kränkung oder Verletzung

– schwer zu fallen, sich eine Depression

einzugestehen. Die Betroffenen entwickeln

dann eher körperliche Beschwerden

und Schmerzen. Häufig entstehen daraus

lange Leidensgeschichten. Man fokussiert

auf die Schmerzen, bewegt sich kaum noch

und bekommt Verspannungen und noch

mehr Schmerzen. In diesem Bereich wäre

eine Früherkennung und -intervention

sehr wichtig.

Sie haben verschiedene Studien zu den

geschlechtsspezifischen Unterschieden

bei psychischen Störungen durchgeführt.

Was hat sie dazu bewogen?

Ich habe während meiner Ausbildung

verschiedentlich in England gearbeitet

und dabei festgestellt, dass die angloamerikanischen

Länder dieses Problem

viel umfassender untersucht hatten als dies

im deutschsprachigen Raum der Fall war.

Themen wie etwa postnatale Depression

und Mutter-Kind-Behandlung wurden bei

uns früher kaum beachtet. Um ihnen mehr

Gewicht zu verleihen, haben wir schon

1998 die deutschsprachige «Gesellschaft

für die psychische Gesundheit von Frauen»

gegründet.

Welche Rolle spielen die Geschlechtsunterschiede

bei psychischen Krankheiten?

Das Risiko, im Verlaufe des Lebens psychisch

krank zu werden, liegt bei Frauen

und Männern bei knapp 50 Prozent –

es ist also für beide Geschlechter gleich

hoch. Die Krankheiten sind aber unterschiedlich:

Frauen leiden viel häufiger an

Depressionen und Angsterkrankungen,

während Männer öfter suchtkrank sind

oder dissoziale Verhaltensstörungen aufweisen.

Das zeigt ja auch die Belegung der

Gefängnisse: Männer sind dort absolut in

der Mehrzahl.

Sie plädieren für mehr frauenspezifische

Behandlungskonzepte. Wie

sehen diese aus?

Es braucht generell mehr «gender-sensitive»

Sprechstunden und Angebote, die

sich gezielt auf die spezifischen Probleme

der Geschlechter ausrichten. Grossen

Handlungsbedarf sehe ich zum Beispiel

im Bereich Mutter-Kind. Hier braucht es

Spezialsprechstunden, aber auch stationäre

Mutter-Kind-Behandlungsangebote,

damit zum Beispiel bei einer postnatalen

Depression das Kind nicht von der Mutter

getrennt wird. Wenn Frauen in einer solchen

Situation stationär behandelt werden

müssen und von ihrem neu geborenen

Kind getrennt werden, dann löst das bei

den Müttern starke Schuldgefühle aus

und verstärkt die Depression. Auch wird

die Mutter-Kind-Beziehung beeinträchtigt,

die Probleme der nächsten Generation

sind praktisch vorprogrammiert. Auch im

Bereich der Rehabilitation gibt es kaum

Angebote für Mütter mit Kindern.

Sie blicken auf eine breite Forschungstätigkeit

zurück. Welches ist Ihr nächstes

Projekt?

Politisch möchte ich als Präsidentin

der «International Association of Women’s

Mental Health» das Thema Gewalt gegen

Frauen stärker auf die Agenden bringen.

Diese drückt sich weltweit in verschiedenen

Formen aus: von häuslicher Gewalt über

Genitalverstümmelung bis zur Gewalt gegen

Frauen in Kriegsgebieten und vielem

mehr. Der Schwerpunkt meiner Forschungstätigkeit

liegt im Moment aber im

Bereich der Früherkennung von Psychosen.

In sehr vielen Fällen werden schizophrene

Psychosen viel zu spät erkannt. Die

Betroffenen erhalten somit keine adäquate,

schnelle Behandlung – mit der Folge, dass

viele Erkrankungen unnötig chronifizieren

und die Betroffenen früher oder später Sozialhilfe

beziehen müssen.


Suizid von jungen türkischen Frauen

Das Gespräch führte

Monika Bachmann

Junge Türkinnen, die in Basel aufgewachsen sind, wollen sich dreimal häufiger das Leben

nehmen als Schweizerinnen gleichen Alters. Das zeigen verschiedene Studien der Psychiatrischen

Universitätspoliklinik (UPK) Basel. Die Untersuchungen kommen zum Schluss, dass

unter 19-jährige türkische Migrantinnen ein viermal höheres Suizidversuchsrisiko tragen als

gleichaltrige Schweizerinnen. Bei den Türkinnen, die zwischen 20 und 24 Jahre alt sind, ist

das Suizidversuchsrisiko doppelt so hoch. Im Durchschnitt ist das Risiko also dreimal höher

als bei den gleichaltrigen Schweizerinnen. Die UPK Basel hat sich an einer weltweiten Studie

der Weltgesundheitsorganisation WHO zum gleichen Thema beteiligt, die zu einem ähnlichen

Ergebnis gekommen ist. Bereits 2010 hat eine Untersuchung in Berlin gezeigt, dass junge

Türkinnen mit Migrationshintergrund doppelt so oft Suizid begehen als gleichaltrige Frauen

aus deutschen Familien.

Weitere Infos:

- T. A. Yilmaz, A. Riecher-Rössler. Suizidversuche in der ersten und zweiten Generation der

ImmigrantInnnen aus der Türkei. Neuropsychiatrie (4/2008).

- B. Brückner, F. Flavio Muheim, P. Berger, A. Riecher-Rössler. Charakteristika von Suizidversuchen

türkischer Migranten im Kanton Basel-Stadt: Resultate der WHO/EURO-Multizenter-

Studie – Characteristics of suicide attempts among Turkish immigrants living in Basel-

City: Results from the WHO/EURO-Multicentre Study. Nervenheilkunde (2011).

interview 1/11 ZeSo

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Ruedi Kyburz (rechts) und seine «Bergführer» : Case Manager Paul Bürgler und Karin Wüthrich, Sozialpädagogin der Heilsarmee. Bilder: Rudolf Steiner

Seilschaften bilden, Höhe gewinnen

Als Angestellter der Heilsarmee war Ruedi Kyburz bei der CSS Versicherung taggeldversichert, als er

2008 für acht Monate arbeitsunfähig wurde. Dass er nicht in die gefährliche Spirale aus Stillstand

und beruflicher Desintegration geriet, führt er unter anderem auf das Case Management seiner

Versicherung zurück.

Wenn der 59-jährige Ruedi Kyburz heute an einem Sitzungstisch

im Hauptsitz der Heilsarmee in Bern sitzt, um die Geschichte der

letzten zwei Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen, dann ist

seine Dankbarkeit spürbar. Die Dankbarkeit dafür, nicht «durch

sämtliche Maschen gefallen» zu sein. «Selbst als es schlecht aussah,

hatte ich das Gefühl, dass etwas am Laufen ist, dass sich jemand

für meine Geschichte interessiert», sagt er.

Talsohle

«Jemand», das waren in seinem Fall vornehmlich drei Leute: Karin

Wüthrich, Sozialpädagogin bei der Heilsarmee, Paul Bürgler,

Case Manager der CSS, und seine Hausärztin und Therapeutin in

Rheinfelden. Sie nennt der Aargauer seine «Bergführer»: Sie begleiteten

ihn, als er sich Schritt für Schritt seinen Weg zurück in die

Arbeitswelt bahnte, nachdem ihn eine Krankheit für mehrere

Monate aus dem Beruf gedrängt hatte. Als es Ruedi Kyburz «den

Boden unter den Füssen wegzog», war es Herbst 2008. Zwar hatte

er seit seiner Jugend immer wieder mit Depressionen zu kämpfen

gehabt. Doch bis in jenem Herbst war er «kompensiert» gewesen,

wie die Mediziner sagen würden: Er hatte über die nötigen

Ressourcen verfügt, um seinen Alltag zu bewältigen. Seine 90-Prozent-Stelle

als stellvertretender Chef im Heilsarmee-Brocki in

Wöschnau bei Aarau war ihm eher Berufung als Beruf, und gute

Menschen – Familie, Freunde und Kollegen – stärkten ihm den

Rücken. Die Dekompensation folgte schleichend: Nach einem

Wechsel im Heilsarmee-Management gab es auch in «seinem»

Brocki Personalwechsel. Kyburz, seit 24 Jahren im Betrieb, fand

sich in einem veränderten Arbeitsumfeld wieder. Immer stärker

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begann seine depressive Veranlagung zu greifen: «Ich merkte, wie

ich die Verantwortung nicht mehr tragen konnte», erinnert er sich.

An einem Tag im November, eine seiner drei Töchter hatte gerade

Geburtstag, wusste er, dass etwas passieren musste. Während seine

Frau zum Geburtstagsfest der Ältesten fuhr, machte sich Kyburz

auf den Weg zur Hausärztin. Und wurde bis auf weiteres arbeitsunfähig

geschrieben.

Routenplanung

Während sich Kyburz um seine Genesung kümmerte, eine Therapie

besuchte und fürs erste vollständig von der Arbeit fernblieb, begannen

hinter den Kulissen seiner Arbeitswelt die ersten Rädchen

zu schnurren. Das persönliche Schicksal des Aargauers landete

nach zwei Monaten krankheitsbedingter Abwesenheit als einer von

jährlich fast 80 Fällen auf dem Schreibtisch von CSS-Mitarbeiter

und Case Manager Paul Bürgler. Der ausgebildete Sozialarbeiter

identifiziert komplexe Taggeldfälle, um gegebenenfalls ein Case

Management in die Wege zu leiten. Das Ziel: Den Arbeitsplatz zu

sichern und den Wiedereinstieg des Ausgeschiedenen zu planen.

Kyburz‘ Fall war ein «Potenzialfall» (vgl. Interview S. 17): In den

Krankenberichten, welche die Taggeldexperten zuvor von Kyburz‘

Ärztin eingefordert hatten, war zu lesen, dass ein Wiedereinstieg

des Patienten in absehbarer Zukunft möglich sei. Niedrigprozentig,

versteht sich. «Eine Fallführung unter Anwesenden bot sich

an», sagt Bürgler: «Herr Kyburz hatte eine psychische Diagnose

und war bereits mehrere Monate arbeitsunfähig. In solchen Fällen

ist es von Vorteil, wenn die Reintegration begleitet wird.» Um die

«Desintegrationsfalle» zu umgehen, schlug Bürgler der Ärztin ein

«Roundtable-Gespräch» mit allen Beteiligten vor. Mit von der Partie

sollte auch Karin Wüthrich sein, die mit Kyburz‘ Fall und seiner

Arbeitssituation vertraut war.

Marschtempo finden

Den Begriff des Case Managements hatte Kyburz zu diesem Zeitpunkt

noch nie gehört. Dem Vorschlag der Ärztin, ein Gespräch

am runden Tisch zur Standortbestimmung zu veranstalten, stimmte

er aber sofort zu. Es ist Mai 2009, als sich alle treffen. Das

Sprechzimmer, ansonsten ein Ort für Gespräche unter vier Augen,

wird zum Sitzungszimmer für eine Gruppe von Menschen, die Kyburz‘

Wiedereinstieg in die Arbeitswelt planen. «Ich fand es gut,

dass endlich etwas in Gang kommt und ich nicht alleine schauen

muss, wie es weitergeht», erinnert sich Kyburz. Die Gesprächsleitung

übernimmt Bürgler. Ihm ist es wichtig, bei der Planung der

Rückkehr an den Arbeitsplatz möglichst konkret zu sein. Denn eine

gut geplante Reintegration bedeutet nicht zuletzt auch gesparte

Versicherungsleistungen. Dass er als Vertreter der Versicherung

auch deren Interessen im Blick hat, legt er im Gespräch offen.

«Meine Aufgabe ist es, die Grenzen der Arbeitsfähigkeit auszuloten»,

sagt er zum Beispiel. Die Anwesenden vereinbaren einen

Wiedereinstieg ab Juli 2009 zu 20 Prozent. Und definieren die

Bereiche, in denen Kyburz nach dem Wiedereinstieg vorläufig arbeiten

soll. Denn er soll sich nicht überfordern: «Es war wichtig, zu

berücksichtigen, wo Herr Kyburz seine Ressourcen hatte und welche

Aspekte der Arbeit ihn eher belasten würden», reflektiert Wüthrich.

Sie vereinbaren, dass der Kundenkontakt minimiert und die

Stellvertreterfunktion gestrichen werden soll. Die Sozialpädagogin

trägt diese Vereinbarungen nach dem Gespräch auch in den Betrieb.

Und ruft sie den Vorgesetzten von Kyburz wann immer nötig

in Erinnerung. Etwa, wenn an der Kasse Not am Mann ist und Ky-


ZESO-SCHWERPUNKT

Weitere Beiträge zum Thema

Case Management:

18 Auf allen Ebenen wirksam

sein: Case Management als

Handlungskonzept

20 Berührungsängste: Anwendung

von Case Management

in der Sozialen Arbeit

22 Kein Fall ist wie der andere:

Case Management in der

Sozialhilfe.

24 Von Beruf Case Managerin:

Gefragt sind Profis mit Profil

Richtung bestimmen, den Weg weisen: Case Management.

SCHWERPUNKT 1/11 ZeSo


urz gerade der rechte wäre, um auszuhelfen. «Mehr als einmal

musste ich mich hinstellen und sagen: ‚Nein, das gehört jetzt nicht

mehr zu Ruedis Aufgaben‘», sagt sie.

Gratwandern

Doch nicht nur den Arbeitgebern gegenüber muss Wüthrich Grenzen

setzen. Als Kyburz im Juli 2009 sein 20-Prozent-Pensum im

Betrieb antritt, fällt es ihm nicht ganz leicht, seine Kräfte zu schonen.

«Meine Funktion war neu definiert worden, ich musste alte Verantwortungen

und Aufgaben loslassen», erinnert er sich. Immer

wieder muss er ausholen, um seine neue Situation zu erklären. Etwa,

wenn Lieferanten ihn wie früher mit «Chef» anreden. In regelmässigen

Gesprächen mit Wüthrich spiegelt er seinen Alltag und wie er

damit zurande kommt. Zu diesem Zeitpunkt besteht ihre Funktion

darin, ihn zu bremsen, wenn er zu schnell vorwärtspreschen will.

«Ich musste umdenken», gibt Kyburz zu, «mich fragen, ob eine

übereilte Steigerung mich auf längere Sicht nicht noch kränker machen

würde. » Bis im Januar 2010 steigert Kyburz sein Pensum auf

40 Prozent. Nach wie vor besucht er die Therapie. Daneben gibt es

für ihn immer etwas zu tun: Herrn Bürgler den neuesten Stand der

«Das Sprechzimmer, ansonsten

ein Ort für Gespräche unter vier

Augen, wird zum Sitzungszimmer

für eine Gruppe von Menschen,

die Kyburz' Wiedereinstieg in die

Arbeitswelt planen.»

Dinge mitteilen. Bei der Ärztin eine Information einholen. Frau

Wüthrich zum Gespräch treffen. Bei der IV vorstellig werden, wie

dies im Roundtable-Gespräch vereinbart wurde. Kyburz‘ Gefühl,

dass «etwas im Gange» ist, wird am zweiten Roundtable-Gespräch

im Februar 2010 noch verstärkt. Inzwischen sitzt auch die IV im

Sprechzimmer der Ärztin, an den Tisch geholt hat sie Bürgler. Dieser

schlägt eine weitere Steigerung des Pensums auf 50 Prozent vor.

Zu diesem Zeitpunkt fühlt Kyburz bereits, dass er sich mit 40 Prozent

seiner momentanen Leistungsgrenze annähert. Dennoch willigt

er ein. Und bricht den Versuch kurz darauf wieder ab: «Die Luft

war mir bei 50 Prozent einfach zu dünn geworden», sagt Kyburz.

Der Ausblick

Heute arbeitet Kyburz zu 40 Prozent im Brockenhaus, zusätzlich

erhält er eine halbe IV-Rente. «Es ist zwar noch ein täglicher Kampf,

doch ich habe das Gefühl, dass es vorwärts geht», resümiert er.

Nach zwei Jahren Taggeldleistungen hat sich die CSS vergangenen

Herbst aus dem Fall zurückgezogen, für sie ist der Fall abgeschlossen.

Wenn sie zum Interviewtermin wieder in vertrauter Runde zusammensitzen,

Kyburz und seine «Bergführer», dann wirken sie

noch immer vertraut, wie eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam

etwas geschafft hat. Wie eine Seilschaft, die sich an einer

schweren Bergetappe bewährt hat.


Hanna Jordi

Zuhören, beraten, intervenieren: Case Management.

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«Case Management kann gewisse

Veränderungen anstossen»

Für Doris Fankhauser Vogel liegen die Vorteile eines Case Managements auf der Hand: Arbeitsplätze

können erhalten und Kosten gespart werden. Natürlich vorausgesetzt, dass die Case Manager auf

kooperative Partner stossen.

Bei der CSS sind rund 15 000 Unternehmen krankentaggeldversichert.

Die Mitarbeitenden dieser Betriebe sind im

Krankheitsfall alle potenzielle Leistungsbeziehende der

CSS. Dieser immensen Zahl stehen die sechs Case Manager

Ihrer Abteilung gegenüber – sind Ihre Mitarbeitenden konstant

überarbeitet?

So dramatisch ist es nicht. Ein Case Management kommt ja nur

für sogenannte Potenzialfälle in Frage: Das bedeutet einerseits,

dass versicherungsmedizinisch eine Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen

ist und andererseits, dass eine potenzielle Wiedereingliederbarkeit

besteht. Diese muss sowohl vom Arzt prognostiziert sein als

auch vom Arbeitgeber, der uns signalisiert, dass er am Arbeitnehmer

festhalten möchte – selbst wenn dieser mit kleinem Pensum

einsteigt. Ist dieses Integrationspotenzial gegeben, bestehen die

Voraussetzungen für ein Case Management. Von der Gesamtmenge

von rund 3500 Falleinschätzungen pro Jahr bleiben so rund

11 Prozent als Potenzialfälle für die Case Manager übrig.

Wenn der Case-Management-Prozess einmal eingeleitet

wurde, bindet er Ressourcen. Wieso lohnt sich der Aufwand

für die CSS?

Case Management ist längst keine Bonusleistung mehr, sondern

ein Service, den die Kunden erwarten. Insofern hat eine Taggeldversicherung

ohne Case Management auf dem Markt schlechte

Karten. Zudem ist eine enge Fallsteuerung ein Instrument zur

Kostenlenkung. Wir haben als Case Managerinnen keine Einsparungsziele,

die wir einhalten müssen – doch wenn Kostenstrukturen

optimiert werden können, indem man Prozesse koordiniert,

ist das für jeden Betrieb erfreulich.

Bild: zvg

Doris fankhauser Vogel

Doris Fankhauser Vogel, dipl.

Sozialarbeiterin FH, ist seit

2008 Leiterin des Fachbereichs

Case Management im

Unternehmensgeschäft der

CSS.

Wie profitiert ein versicherter Betrieb von Ihrem Case-

Management-Angebot, abgesehen davon, dass er eine Stelle

nicht neu besetzen muss?

Der Service des Case Managements ist in der Versicherungspolice

inbegriffen, insofern muss sich der Betrieb diese Frage nicht

stellen – aus Kostengründen braucht er auf ein Case Management

nicht zu verzichten. Wenn ein Arbeitnehmer länger als dreissig

Tage arbeitsunfähig ist, wird es für den Arbeitgeber schnell

komplex. Ein Case Manager kann ihn in der sensiblen Phase der

Reintegration unterstützen, etwa Informationen von Ärzten einholen

oder die IV ins Spiel bringen. Manchmal stösst eine Case

Managerin auch Veränderungen an, von denen das Unternehmen

nachhaltig profitiert: Wenn etwa deutlich wird, dass wiederholt

ähnliche Diagnosen zu Arbeitsunfähigkeit führen – zum Beispiel

Muskel-Skelett-Erkrankungen – kann die Case Mangerin anregen,

die ergonomischen Bedingungen am Arbeitsplatz generell zu

überprüfen. Ob solche Denkanstösse umgesetzt werden, kommt

dann auf die Unternehmenskultur an.

Woran kann ein Case-Management-Prozess scheitern?

Eine Wiedereingliederung ist oft davon abhängig, wie viel Kooperation

bei den Beteiligten vorhanden ist. Oft müssen die Case

Manager zu Beginn eines Prozesses einen gewissen Widerstand

überwinden. Ihre Haltung gegenüber den Versicherten ist notgedrungen

eine leicht fordernde im Sinne von: ‚So, jetzt wollen wir

langsam mal versuchen, wieder einzusteigen‘. Da kann Abwehr

wach werden. Denn ein Wiedereinstieg ist häufig mit Ängsten verbunden:

‚Was denkt mein Chef jetzt von mir, was meine Kollegen‘.

Solche Vorbehalte zu entkräften, gelingt nicht immer. Und ohne

Kooperation funktioniert Case Management de facto nicht.

Eine Case Managerin muss planen, motivieren und fordern

können – woher schöpfen Ihre Mitarbeitenden diese Fähigkeiten?

Wir schicken keine Schreibtischtäter ins Feld, sondern Leute,

die über eine tertiäre Ausbildung verfügen. Die meisten kommen

aus der Psychologie oder der Sozialarbeit und verfügen über Erfahrung

im Bereich beruflicher Integration. Wie man Fälle führt,

kann man nicht in einem halbtägigen Seminar lernen. •

SCHWERPUNKT 1/11 ZeSo

Das Gespräch führte

Hanna Jordi


Auf allen Ebenen

wirksam sein

Case Management ist dann gefragt, wenn

verschiedene Leistungen auf die komplexen

Bedürfnisse der Klientel abgestimmt werden

sollen. Damit ist es aber nicht getan: Ein Case

Management, das den Namen verdient hat,

will auch die Prozesse auf Organisations- und

Institutionsebene optimieren.

Case Management schafft die Voraussetzungen, um komplexe Problemlagen

auf der Ebene des Klienten- wie des Versorgersystems

zu lösen. Case Manager und Case Managerinnen bearbeiten die

Probleme ihrer Klienten und Klientinnen nicht direkt, sondern

klären ihren Hilfebedarf ab und sorgen dafür, dass die erforderlichen

Hilfeleistungen miteinander koordiniert und in der erforderlichen

Qualität erbracht werden. Da Case Management nicht ausschliesslich

im Sozialwesen, sondern auch im Gesundheits- und

Versicherungswesen eingesetzt wird, sind je nach den Bedürfnissen

(soziale, sozioökonomische, medizinische, psychische) der Klientel

Angehörige verschiedener Berufsgruppen als Case Manager

und Case Managerinnen tätig. Case Management verfügt deshalb

nicht über eine einheitliche Wissens- und Wertebasis: Die Akteure

stützen sich jeweils auf das entsprechende Wissen und die berufsethischen

Richtlinien ihrer Profession ab.

Vom Klienten bis zur Institution

Case Management ist dann angezeigt, wenn es gilt, Versorgungssysteme

auf die komplexen Bedürfnisse des Klienten auszurichten.

Auf der Einzelfallebene ergibt sich dies bei komplexen Bedarfslagen,

etwa, wenn mehrere Leistungsanbietende aufeinander abgestimmt

werden müssen, um eine passgenaue Hilfeleistung erbringen

zu können. Ein weiterer Grund für den Einsatz von Case Management

kann im besonderen Einzelfall der erschwerte Zugang

zu Hilfestellungen sein. Dabei setzt eine Fallführung immer die

Einwilligung des Klienten oder der Klientin voraus. Aufgabe der

Case Manager ist es, ein individuell angepasstes Unterstützungsarrangement

für den Klienten zu entwickeln, die Akteure im Hilfssystem

organisationsübergreifend zu koordinieren und Lücken in

der sozialplanerischen Ebene aufzudecken und zu beseitigen. Case

Management konzentriert sich also nicht nur auf die Mikroebene:

Es verknüpft die Methoden der verschiedenen sozialen Ebenen

zu einem Handlungskonzept:

– Einzelfallebene: Methoden zum Aufbau und zur Gestaltung einer

Arbeitsbeziehung mit dem Klienten, Methoden der Situationserfassung

und -klärung sowie der Zielbestimmung und Hilfeplanung,

Methoden der koordinierten Ressourcenerschliessung, der

Qualitätssicherung und der Evaluation.

Die Strukturen der Organisation sind im Case Management ebenso

bedeutsam wie die institutionellen Netzwerke und der Einzelfall.

– Organisationsebene: Methoden der Angebots- und Bestandsanalyse

sowie der Angebotsentwicklung, Methoden zur Entwicklung

adäquater betrieblicher Strukturen und Abläufe zur Umsetzung

von Case Management (Sozialmanagement, Organisationsentwicklung).

– Institutionelle Netzwerkebene: Methoden des Netzwerkaufbaus

und der Netzwerkpflege, Öffentlichkeitsarbeit und sozialpolitische

Arbeit.

Mangelnde Umsetzung

Case Management soll den Klientinnen und Klienten im Wesentlichen

«die Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft, den gesellschaftlichen

und kulturellen Errungenschaften, die sich auf das

Wohlbefinden und die Lebensgestaltung auswirken» (Löcherbach

1998: 104), ermöglichen. Aus der Perspektive der Organisationen

des Sozial- oder Gesundheitswesens liegt der Nutzen darin,

dass eine verbesserte Leistungserstellung auf der Klientenebene

das Netz der sozialen Hilfeorganisationen als Ganzes zu optimieren

vermag (Brinkmann 2010: 11). Eine vollständige, der Definition

entsprechende Einführung von Case Management ist heute

gemäss verschiedener Autoren und Autorinnen in der Praxis jed

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Anwendung von Case Management

in der Sozialen Arbeit

Im Kontext der Sozialen Arbeit wird Case Management in der Kinderund

Jugendhilfe, der Beschäftigungsförderung, der Familienhilfe,

der Sozialhilfe, der Altersarbeit, der Behindertenhilfe, der Straffälligen-

und Bewährungshilfe sowie, häufig in Überschneidung mit

dem Gesundheitswesen, der Suchtkranken- und Drogenhilfe, der

AIDS-Arbeit, der Rehabilitation, in psychiatrischen Kliniken und

Spitälern eingesetzt.

Literatur

- Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management e. V. (Hrsg.)

(2009): Rahmenempfehlungen zum Handlungskonzept Case Management.

- Peter Löcherbach (1998): Altes und Neues zum Case-Management.

Soziale Unterstützungsarbeit zwischen persönlicher Hilfe und Dienstleistungsservice.

In: Mrochen et al. (Hrsg.): Standortbestimmung sozialpädagogischer

und sozialarbeiterischer Methoden, 104-122.

- Volker Brinkmann (2010): Sozioökonomische Funktionen und Systemfragen

des Case Management. In: Brinkmann (Hrsg.): Case Management.

Organisationsentwicklung und Change Management in Gesundheits- und

Sozialunternehmen, 3-20.

- Michael Galuske (2009): Methoden der Sozialen Arbeit. Eine Einführung.

- Manfred Neuffer (2010): Benötigt Case Management in der Sozialen

Arbeit einen eigenen Weg? Aus- und Weiterbildung im Rahmen von Case

Management für Sozialarbeiter/innen. Case Management 4/2010. Sonderheft

Soziale Arbeit, 15-18.

- Martin Schmid, Martina Schu (2006): Forschung zu Case Management:

Stand und Perspektiven. In: Wendt & Löcherbach (Hrsg.): Case Management

in der Entwicklung. Stand und Perspektiven in der Praxis, 285-298.

Bild: Keystone

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doch selten gegeben. In der Fachliteratur wird nicht nur die Reduktion

von Case Management ausschliesslich auf die Fallführungsebene

kritisiert, sondern auch die Reduktion auf die Systemsteuerungsebene

unter dem Label «Case Management». Im ersten

Fall unterscheidet sich die Fallführung nicht mehr von der herkömmlichen

Einzel- und Familienhilfe in der Sozialen Arbeit, was

zu Missverständnissen führt. Schwerer wiegt die Kritik im zweiten

Fall: Der Begriff «Case Management» werde für einseitig aus der

Organisationsebene gesteuerte Fallführungsmodelle verwendet,

welche einseitig und entgegen den Interessen der Klientel eine Anpassung

an vorgefasste Bearbeitungskategorien voraussetzten und

mit Zwang und Sanktionen operierten (Galuske 2009).

Es besteht Handlungsbedarf

Mit einer solchen Diskriminierung der Klientel geht nicht zuletzt

eine Deprofessionalisierung Sozialer Arbeit einher, da unter diesen

Bedingungen professionelles und wertebasiertes Handeln

nicht gefragt ist.

Über die Wirkung von Case Management bestehen noch wenig

gesicherte Erkenntnisse. Schmid/Schu (2006) stellen fest, dass

sich ein komplexes und in Teilen auch widersprüchliches Bild abzeichne.

Die Frage, ob Case Management überhaupt oder zumin-

dest besser wirke als andere Methoden, lasse sich aufgrund der

Forschungsbefunde nicht eindeutig beantworten. Positive Effekte

seien aber insbesondere dann zu erwarten, wenn Case Management

auf allen Ebenen der Organisation verankert sei und den

Entscheidungs- und Gestaltungsraum der Fachkräfte ausdehne.

Die Autoren betonen, dass anspruchsvollere Forschungsdesigns

für das Case Management in der Sozialen Arbeit notwendig seien,

um zu aussagekräftigeren Resultaten zu gelangen.

Da die Wissensbasis von Case Management als Methode noch

wenig aufgearbeitet ist, besteht neben Forschungs- auch Entwicklungsbedarf:

Die Verfahren müssen (sozialarbeits-)wissenschaftlich

fundiert werden. Um Case Management professionell

einsetzen zu können, ist eine gesicherte Erklärungs- und Begründungsbasis

unverzichtbar – und diese sind heute erst in Ansätzen

vorhanden (Neuffer 2010: 17).


Maria Solèr

Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

SCHWERPUNKT 1/11 ZeSo


Steht sich die Soziale Arbeit

selbst im Weg?

Case Management befindet sich als Problemlösungsansatz im Aufwind – allerdings vornehmlich

ausserhalb der Sozialen Arbeit. Weshalb diese Berührungsängste? Vier Thesen.

Zertifizierung von

Institutionen, die Case

Management anwenden

Der Verein Netzwerk Case Management Schweiz hat es

sich in den Statuten zur Aufgabe gemacht, die Anerkennung,

Zertifizierung und Registrierung von Case

Management voranzutreiben. Bei der Umsetzung dieses

Auftrags stellte sich die grundsätzliche Frage, ob sich

der Fokus der Zertifizierung auf die Anwendung des

Verfahrens in der Institution, auf die Anbieter von Weiterbildungsprogrammen

oder auf die einzelne Person, die

Case Managerin oder den Case Manager, richten soll. Aus

verschiedenen Gründen haben sich die Verantwortlichen

des Netzwerkes schliesslich entschieden, ein Zertifikat

für Institutionen zu realisieren, die Case Management

anwenden.

Die Entwicklung dieses Zertifikats ist abgeschlossen und

wurde im Herbst 2010 in die Verantwortung der Schweizerischen

Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme

(SQS) übergeben, welche nun die Auditierung und

Ausstellung des Zertifikats übernimmt. Institutionen, die

zertifiziert werden möchten, wenden sich deshalb direkt

an die SQS.

Roland Woodtly

Weiterführende Informationen unter:

www.netzwerk-cm.ch

www.sqs.ch

Gesellschaftliche Veränderungen führten in den letzten Jahren zu

einer Zunahme von Fallzahlen und steigender Fallkomplexität in sozialen

Einrichtungen. Helfende Institutionen differenzieren und

spezialisieren sich immer stärker, was ein immer höher werdendes

Mass an Koordination und Kooperation unter den Akteuren zur Folge

hat. Das Handlungskonzept Case Management beansprucht für

sich, auf diese Entwicklungen zu reagieren, indem es die personenbezogene

Unterstützung mit der Systemsteuerung verknüpft. In der

Praxis hat sich Case Management als Konzept für die Bewältigung

komplexer Unterstützungsprozesse empfohlen und sich in den vergangenen

Jahren in der Schweiz rasant verbreitet und weiterentwickelt.

Neue – den jeweiligen Kontextbedingungen angepasste –

Programme wurden entwickelt, und die Nachfrage nach Weiterbildung

sowie Beratung bei Implementierungsprozessen war (und ist

weiterhin) gross. Aus Sicht von Vertreterinnen und Vertretern des

Case Managements ist dies eine durchaus erfreuliche Entwicklung;

die Tatsache, dass dieser Boom weitgehend ausserhalb der Sozialen

Arbeit stattfindet, stimmt jedoch zugleich nachdenklich.

Drängende Fragen

Woran liegt es, dass Professionelle der Sozialen Arbeit dem Konzept

häufig mit Zurückhaltung oder gar mit Ablehnung begegnen?

Weshalb wird Case Management von sozialen Einrichtungen

nicht vermehrt genutzt, um ihre jeweiligen, meist hoch spezialisierten

Angebote und Dienstleistungen aufeinander abzustimmen

und miteinander in eine sinnvolle Verbindung zu bringen?

Mit diesen und weiteren Fragen hat sich eine Gruppe von Dozierenden

und Assistierenden an der Hochschule Luzern – Soziale

Arbeit in den vergangenen Monaten auseinandergesetzt. In den

Diskurs miteinbezogen wurden mittels Befragungen Expertinnen

und Experten aus anderen Fachhochschulen, Vertreterinnen und

Vertreter des Berufsverbandes Avenirsocial sowie Praktikerinnen

und Praktiker, welche sich in der Vergangenheit intensiv mit

dem Case Management auseinandergesetzt hatten oder dieses in

ihrer Organisation bereits umsetzen. Entstanden sind vier Thesen

zum Stand und zu Perspektiven des Case Management in der Sozialen

Arbeit, welche zur Diskussion und zum Nachdenken anregen

sollen.

1. Kaum Vorbilder vorhanden

Eine zentrale Innovation des Case Management liegt in der bereits

erwähnten Verbindung von Fallsteuerung und Systemsteuerung.

Konkret bedeutet dies, dass sich Case Management nicht auf eine

fallbezogene Koordination relevanter informeller und formeller Akteure

im Einzelfall beschränkt. Es sollen darüber hinaus fallübergreifende

Kooperationen und Netzwerke zwischen Organisationen über

die eigene berufliche Zuständigkeit hinaus herbeigeführt werden,

welche zur Klärung von Zuständigkeiten und Strukturen beitragen

und die zielgerichtete und kontinuierliche Versorgung im Einzelfall

sicherstellen. Dieser Anspruch ist in bestehenden Case-Management-Programmen

in- und ausserhalb der Sozialen Arbeit noch wenig

realisiert, weshalb ein wesentlicher möglicher Nutzen des Handlungskonzeptes

für die Soziale Arbeit wenig ersichtlich wird.

2. Der vermeintliche Widerspruch

Dem Case Management wird von Kritikern unterstellt, primär

ökonomischen Interessen zu dienen und nicht dem tatsächlich

vorhandenen Unterstützungsbedarf von Klientinnen und Klienten

in prekären und komplexen Lebenslagen. In der theoretischen

Konzeption ist Case Management bestrebt, fallbezogene Unterst

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stützungsprozesse unter Nutzung von vorhandenen oder erschliessbaren

Ressourcen sowohl effektiv als auch zeit- und kosteneffizient

zu gestalten. Dabei müssen Klienteninteressen und

Kostenbewusstsein nicht notwendigerweise im Widerspruch stehen.

Sofern der Ausgangspunkt für das Handeln der im konkreten

Fall systematisch erhobene Bedarf beziehungsweise die mit den

Klientinnen und Klienten ausgehandelten Ziele bleibt, darf von

einem zielgerichteten Einsatz der immer knapper werdenden

Mittel und Ressourcen ein Mehrwert sowohl für die Betroffenen

als auch für die Organisationen und letztlich die Volkswirtschaft

erwartet werden.

3. Angst vor der Zusammenarbeit

Um Doppelspurigkeiten oder einer Diskontinuität in der Versorgung

vorzubeugen, strebt Case Management die Überwindung

von institutionellen und organisatorischen Grenzen und eine kontinuierliche

Fallsteuerung «aus einer Hand» an. Für die beteiligten

Fachkräfte heisst dies, dass sie sich als Teil eines «Ausführungsteams»

verstehen. Für die gelingende Zusammenarbeit in

diesen Teams ist die transparente und verbindliche Vereinbarung

von Zielen und Arbeitsweisen unabdingbare Voraussetzung. Dies

löst bei einigen Professionellen der Sozialen Arbeit – wie auch bei

anderen Fachkräften – die Befürchtung aus, in der eigenen Entscheidungskompetenz

eingeschränkt zu werden. Tatsächlich erfordert

Case Management die Bereitschaft, sich «in die Karten blicken

zu lassen» und die Fähigkeit, die eigene fachliche Position in

der interdisziplinären Zusammenarbeit kompetent zu vertreten.

Gelingt dies der Sozialen Arbeit, so könnte Case Management zu

einer Stärkung der Profession beitragen.

4. Befürchteter Statusverlust

Die Tatsache, dass das Case Management in gesellschaftlichen Teilsystemen

ausserhalb der Sozialen Arbeit (zum Beispiel in Versicherungen,

im Gesundheitswesen und in Unternehmen) häufig von

Angehörigen anderer Berufsgruppen ausgeübt und vor dem Hintergrund

der jeweiligen funktionalen Logik weiterentwickelt wird,

wird von Sozialarbeitenden als Bedrohung für die eigene Profession

wahrgenommen. Durch die zum Teil grundsätzlich ablehnende

Haltung gegenüber dem Konzept Case Management vergibt sich

die Soziale Arbeit möglicherweise die Chance, sich als kompetente

Profession für die Gestaltung von komplexen Unterstützungsprozessen

zu empfehlen und zu einer reflektierten, fachlich und berufsethisch

begründeten Weiterentwicklung des Handlungskonzeptes

beizutragen.


Esther Wermuth

Dozentin und Projektleiterin Hochschule Luzern – Soziale Arbeit

Case Management: bessere resultate

für betroffene erzielen

Geschichte

Case Management ist ein Konzept der Sozialen Arbeit. Im

Amerika der frühen 70er-Jahre erfolgte die Betreuung von betagten,

sozial auffälligen, psychisch kranken und behinderten

Menschen meist in stationären Einrichtungen. In diesen

Jahren fand im Sozialbereich ein entscheidender Paradigmenwechsel

statt. Die Überzeugung, dass diese Menschen

ambulant ebenso gut versorgt werden können und dass ihre

Probleme in ihrem eigenen sozialen Umfeld häufig besser

zu lösen sind, begann sich durchzusetzen. Soziale Dienste

sahen sich in der Folge mit einer grossen Anzahl Menschen

konfrontiert, die ambulant betreut werden mussten. Rasch

war die Grenze der Leistungsfähigkeit dieser Institutionen

erreicht. Eine Vielzahl von neuen Stellen wurde eröffnet,

womit eine stetig wachsende Zahl von Hilfeleistenden in das

Unterstützungssystem involviert wurde. Um dieses System

möglichst gezielt zu koordinieren, wurde das Case-Management-Verfahren

entwickelt. Inzwischen wurde Case Management

längst als Konzept erkannt, das in verschiedenen

Berufsfeldern sinnvoll angewendet werden kann. Nämlich

überall dort, wo eine Koordination der Leistungserbringung

und eine Kooperation unter den Leistungserbringenden

bessere Resultate für die Betroffenen verheisst und sich eine

systematische und zielorientierte Vorgehensweise anbietet.

Definition

Case Management ist ein spezifisches Verfahren zur koordinierten

Bearbeitung komplexer Fragestellungen im Sozial-,

Gesundheits- und Versicherungsbereich. In einem systematisch

geführten, kooperativen Prozess wird eine auf den individuellen

Bedarf abgestimmte Dienstleistung erbracht bzw.

unterstützt, um gemeinsam vereinbarte Ziele und Wirkungen

mit hoher Qualität effizient zu erreichen. Case Management

stellt einen Versorgungszusammenhang über professionelle

und institutionelle Grenzen hinweg her. Es respektiert die

Autonomie der Klientinnen und Klienten, nutzt und schont

die Ressourcen im Klient- sowie im Unterstützungssystem.

Roland Woodtly

Dozent und Projektleiter Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und

Präsident des Netzwerkes Case Management Schweiz

Quelle: Netzwerk Case Management Schweiz

SCHWERPUNKT 1/11 ZeSo


Kein Fall ist wie der andere: Case

Management in der Sozialhilfe

Würden Sozialdienste vermehrt auf Case Management setzen, könnten Prozesse optimiert werden.

Das Potenzial der Klientinnen und Klienten spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Viele Klientinnen und Klienten der Sozialhilfe sind von einer

Mehrfachproblematik betroffen. So zeigt eine Untersuchung der

Berner Fachhochschule*, dass in den Städten Basel, Luzern und

Winterthur um die 80 Prozent der 45- bis 65-jährigen Sozialhilfebeziehenden

gesundheitliche Probleme deklarieren. Diese quantitativen

Hinweise stützen die Hypothese, dass die Mehrheit der

Klientel in der Sozialhilfe in mehreren Lebensbereichen Defizite

aufweist.

Was meint der Begriff Mehrfachproblematik genau? Gestützt

auf Forschungsergebnisse und theoretische Überlegungen können

fünf Lebensbereiche «problematisch» werden: Ausbildung

und Arbeit, soziale und kulturelle Vernetzung, Gesundheit, materielle

Existenzsicherung sowie Wohnen. Auch der Lebensentwurf

kann ein zentraler Faktor sein. Mehrfach problematisch ist die

Situation von Einzelpersonen, Paaren und Familien in der Sozialhilfe

dann, wenn nebst einem materiellen Problem Defizite in

einem oder mehreren weiteren Lebensbereichen manifest sind.

Dies konfrontiert die Sozialhilfe mit Widersprüchlichkeiten: Das

Primat der Aktivierung im Hinblick auf die Integration in Arbeitsund

Erwerbsarbeitsprozesse, das von der Politik gefordert und von

der Sozialhilfe umgesetzt wird, ist im Kontext von Mehrfachproblematiken

zu eindimensional.

Normalfall in der Sozialhilfe

Welche Chancen bietet das Case-Management-Verfahren in der

Sozialhilfe? Damit Unterstützungsprozesse in komplexen Situationen

von Klientinnen und Klienten untersucht werden können, hat

die Berner Fachhochschule verschiedene Strategien definiert. Diese

verknüpfen die Analyse von standardisierten Schlüsselmerkmalen

(zum Beispiel Dauer der Unterstützung oder Ablösungsgrund)

mit der detaillierten Prozessanalyse von Einzelfällen. Erst auf der

Basis solcher Fallstudien lässt sich die oben gestellte Frage beantworten.

Im Folgenden wird eine der bislang 30 analysierten Fallstudien

vorgestellt:

Der 44-jährige A. war bis vor drei Jahren beruflich gut integriert

und führte ein Leben, das dem Mittelstand zuzuordnen

ist. Zuletzt ging A. fünf Jahre lang derselben Arbeit nach, bevor

Ermüdungs- und Erschöpfungszustände zu Leistungseinbrüchen

führten. Er entschloss sich, eine Phase der Neuorientierung einzuleiten.

Auch ohne die Belastung der Erwerbsarbeit wurden die

Erschöpfungszustände stärker. Erst ein Jahr später wurden sie als

Symptome einer seltenen chronischen Krankheit erkannt. Seither

führt die passende medizinische Behandlung zu einer langsamen

Verbesserung des Gesundheitszustandes. Als A. Leistungen der

Arbeitslosenversicherung bezog, litt er noch stark unter den gesundheitlichen

Symptomen und fand keine neue Anstellung.

Das Gleichgewicht wieder finden: Mittels Case Management könnte die

Sozialhilfe Menschen auf dem Weg zurück ins Erwerbsleben wirksam

unterstützen.

Bild: ex-press

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Nach der Aussteuerung meldete er sich bei der Sozialhilfe an. A.

ist zunächst froh, dass die materielle Existenz weiterhin gesichert

ist. Er beginnt rasch in einem Arbeitsintegrationsprojekt zu arbeiten.

Die zugewiesene, berufsfremde Arbeit eröffnet ihm aber

keine zusätzlichen Perspektiven für den Wiedereinstieg. Um sich

diesem, für ihn wichtigen Ziel zu widmen, fehlen ihm die Zeit und

die Mittel (Internetzugang). Die Abhängigkeit von der Sozialhilfe

verletzt sein Selbstwertgefühl und löst Schamgefühle aus. Dazu

tragen auch Spielregeln bei, die A. als restriktiv empfindet (Streichung

der Integrationszulage bei Krankheit oder der Umstand,

dass die Auszahlung der Sozialhilfe wöchentlich unter Sichtkontakt

erfolgt). Im Angehörigen- und Freundeskreis stösst A. zurzeit

noch auf Verständnis für seine Situation; in freizeitlichen Kontakten

versucht A. den Sozialhilfebezug zu verheimlichen, was einem

kontinuierlichen sozialen Rückzug gleichkommt.

Die Leistungen des Hausarztes, der spezialisierten Medizin,

der Arbeitslosenversicherung und schliesslich der Sozialhilfe erfolgen

im Fall von A. ohne Abstimmung und in diesem Sinne wenig

zielorientiert. Die Sozialhilfe leistet seit sechs Monaten materielle

Unterstützung und setzt ansonsten auf das Rezept Aktivierung

und Disziplinierung mittels der Zuweisung ins Arbeitsprogramm.

Alternative mit Case Management

Wäre A. in ein Case Management eingebunden, würde die fallführende

Person in seinem Auftrag den Unterstützungsprozess steuern

und koordinieren. Idealerweise wären eine Situationsanalyse

in den eingangs erwähnten Lebensbereichen erfolgt (Assessment)

und mit dem Klienten erreichbare Ziele formuliert worden. Der

Case Manager würde – mit Einwilligung von A – den Informationsfluss

zwischen den involvierten Diensten sicherstellen. Die

Teilunterstützungssysteme könnten ihre spezialisierten Leistungen

untereinander absprechen und koordiniert auf gemeinsame

Ziele hin arbeiten.

Die Medizin speist ihre Information gezielt und dennoch kontrolliert

durch den Klienten ins Unterstützungssystem ein; die

anderen Unterstützenden können die Gesundheitssituation objektiver

einschätzen und besser verstehen.

Dadurch kann sich die Sozialhilfe mit ihrer Forderung nach Aktivierung

und Arbeitsintegration inhaltlich und zeitlich mehr am

Bedarf des Klienten ausrichten und sie kann ihm zur Neuorientierung

Spielräume gewähren.

Der Case Manager steuert die Prozesse zur Arbeitsintegration

des Klienten. Aufgrund des Assessments und der vereinbarten

Ziele wird ein möglichst passender Programmplatz gesucht, der

auch dem Qualifizierungsbedarf des Klienten und seinem Zeitbedarf

für Stellenbewerbungen entspricht.

Forschungsprojekte

Die Berner Fachhochschule (BFH) führt

verschiedene Begleitforschungs- und

Evaluationsprojekte zum Thema Case

Management in den Praxisfeldern Sozialhilfe,

Berufsbildung Jugendlicher, ambulante

Gesundheitsversorgung und Drogenhilfe

durch. In einer Studie für die Sozialhilfe

Basel-Stadt werden Fallverläufe mit tiefer

und hoher Interventionsdichte – das heisst

Unterstützungsprozesse mit und ohne Case

Management – miteinander verglichen. Die

Studie ist im Längsschnitt über die Jahre

2008 – 2012 angelegt.

Weitere Infos: dieter.haller@bfh.ch

Schliesslich orientiert sich die Unterstützung insgesamt stärker

am Klienten: A. ist ein vergleichsweise selbstbewusster und reflektierender

Mensch. Das Case Management bietet ihm die Gelegenheit,

diese Fähigkeiten viel stärker einzubringen. Im Assessment

hat er seine Situation systematisch ausbreiten und besser verstehen

lernen können. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit viel grösser,

dass A. realistische Zukunftspläne und eine Lebensperspektive

entwickelt.

Das Angebot differenzieren

Der hypothetisch skizzierte Alternativverlauf zeigt die Chancen eines

Case Management in der Sozialhilfe: Der Klient «floated» nicht

mehr unkoordiniert durchs Netzwerk, sondern die Informationen

werden gezielt ausgetauscht und die Leistungen der beteiligten Institutionen

koordiniert. Da viele Klientinnen und Klienten der Sozialhilfe

Mehrfachprobleme haben, greift das aktuelle Aktivierungsparadigma

der Sozialhilfe zu kurz. Die Sozialdienste müssten

ihre Angebote weiter differenzieren. Dabei ist Case Management

ein vielversprechender Ansatz.


Dieter Haller

Dozent der Berner Fachhochschule BFH

*Sarah Neukomm, Renate Salzgeber. Diagnose nicht vermittelbar.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen bei älteren Sozialhilfebeziehenden.

SozialAktuell 2011 (2). S. 28-29.

SCHWERPUNKT 1/11 ZeSo


Von Beruf Case Managerin:

Gefragt sind Profis mit Profil

Sie sind Teil eines Systems und trotzdem ganz für die Klienten da. Ihre Dienstleistungen sind von

hoher Qualität und trotzdem niederschwellig. Case Managerinnen und Case Manager sind Allrounder

auf höchstem Niveau.

Case Management im Kontext der Sozialhilfe stellt an die Case Managerinnen

und Case Manager ganz besondere Anforderungen. Es

handelt sich dabei zwar nicht um einen eigenständigen Beruf, aber

um eine Erweiterung und Vertiefung des methodischen Handlungsrepertoires

und um eine Weiterentwicklung der beruflichen

Kompetenzen. Die Beratung ist das Kerngeschäft der Sozialen Arbeit.

Gleichzeitig ist sie eine Grundvoraussetzung, um das Case-

Management-Verfahren durchführen zu können. Die Case-Management-Beratung

in der Sozialhilfe wird parallel zur wirtschaftlichen

Hilfe und unabhängig von ihr durchgeführt.

Der Erfolg von Case Management hängt wesentlich davon ob,

ob ein Vertrauensverhältnis zwischen der fallführenden und der

betroffenen Person hergestellt werden kann. Wer Fallverantwortung

trägt, muss auch Beziehungsarbeit leisten – dies ist eine

wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Prozess emotional und

inhaltlich reflektiert werden kann. Der Klient oder die Klientin

bringt sich idealerweise aktiv in den Unterstützungsprozess ein

und entwickelt Eigenkräfte (Empowerment).

Prinzipien der Case-

Management-Beratung

- Der Klient wird vollumfänglich in seinem

Mensch-Sein akzeptiert. Sein Verhalten

und seine Handlungen müssen aber nicht

unbedingt gebilligt werden – insbesondere

dann nicht, wenn diese Verhaltensweisen

andere schädigen.

- Die Beratung erfolgt immer mit der Grundhaltung,

dass sich die Klientin ändern

kann, möglicherweise muss dafür ein

anderer Rahmen geschaffen werden.

- Der Klient deutet und interpretiert seinen

Alltag und die darin liegenden Handlungen

nach eigenen Kriterien.

- Die Klientin ist in Bezug auf ihre belastende

Situation und Problemlage ihre eigene

Expertin. Sie weiss am besten, was in

ihrer Situation wirkt.

Der bewusste Entscheid

Wer Sozialhilfe bezieht, befindet sich in einer Situation des Mangels,

der Benachteiligung und der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Daher ist es unabdingbar, dass diese Menschen in ihrem Bestreben

unterstützt werden, ihre Angelegenheiten wieder selbst in

die Hand zu nehmen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Mittels professioneller Beziehung und methodischem Verfahren

des Case Management erfahren die Klientinnen und Klienten individuelle

Hilfe in einer für sie belastenden Situation. Grundsätzlich

hat die ratsuchende Person das Recht, über die Umsetzung

von Beratungsinhalten selbst zu entscheiden. Dies ist sozusagen

die Voraussetzung für den erfolgreichen Verlauf des Beratungsprozesses.

Sowohl die Case Managerin als auch der Klient treffen den

bewussten Entscheid, in den Beratungsprozess einzusteigen.

Die professionelle Rolle

Case Management stellt hohe Anforderungen an Fachleute. Sie

sind in ihrer Haltung und in ihrem Handeln kooperativ, proaktiv

und klientenzentriert. Ziel ist es, dass die betroffene Person eine

Verbesserung ihrer Situation erfährt. In diesem Verfahren nimmt

die Case Managerin eine Schlüsselfunktion ein: Sie ist für den Klienten

Ansprech- und Bezugsperson und setzt sich unabhängig

und anwaltschaftlich für die Klärung des Bedarfs ein. Als Koordinatorin

plant und steuert sie zudem den Case-Management-Prozess

mit allen beteiligten Akteurinnen und Akteuren. Demnach

werden Case Managerinnen und Case Managager drei Grundfunktionen

zugeschrieben: Sie sind Systemagenten, Kundenanwalt

und Versorgungsmanager. Die drei Rollen werden nachfolgend

kurz ausgeführt:

1. Systemagent

In dieser Funktion sorgt der Case Manager im Auftrag des Leistungsanbieters

dafür, dass die mit der Klientin vertraglich vereinbarten

Aufgaben ausgeführt werden. Der Case Manager ist Ansprechpartner

für die Klientin, er koordiniert den Einsatz und er ist

für die Qualitätssicherung zuständig. Er vertritt die Institution,

welche das Case Management anbietet, in allen Angelegenheiten,

welche die Klientin betreffen. Er übernimmt einerseits Informations-

und Vermittlungsaufgaben und andererseits Betreuungsund

Beratungsfunktionen.

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2. Kundenanwalt

Die Case Managerin übernimmt in dieser Rolle eine unterstützende

Funktion für den Klienten: Sie klärt seinen Versorgungsbedarf

ab und hilft ihm beim Beantragen von Leistungen. Die Case Managerin

weiss, wie an Behörden oder Versicherungen heranzutreten

ist. Das kann bedeuten, dass die Case Managerin berechtigte

Wünsche des Klienten gegen aussen vertritt oder sogar Beschwerd

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Hand bieten, damit der Klient wieder selbst über sein Leben bestimmen kann.

Bild: Keystone

Anforderungsprofil für

Case Manager und Case

Managerinnen

- Fähigkeit, komplexe Situationen zu erkennen,

zu erfassen, zu analysieren und

daraus adäquate Schlüsse zu ziehen

- Fähigkeit zum systematischen und

zielorientierten Denken und Handeln

(Festlegen von Prioritäten, Erstellen der

Hilfepläne)

- Differenzierte Kenntnisse über das

Verfahren Case Management und die

institutionellen Rahmenbedingungen,

damit die Verfahrensschritte umgesetzt

werden können

- Gute Kenntnisse über das soziale und

sozialversicherungsrechtliche Dienstleistungssystem

- Ausgeprägte Kommunikationskompetenz

und gutes Verhandlungsgeschick

- Erfahrung in professioneller Beratung

- Fähigkeit, Ressourcen zu erkennen und

wirksam einzusetzen

- Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit

- Fähigkeit, interdisziplinäre Kooperationen

zu planen und zu gestalten

- Administrative Kompetenzen, um den

Prozess und die Falldokumentation zu

bewältigen

- Kompetenz in Projektmanagement (Planung

und Steuerung von Prozessen)

- Durchsetzungsvermögen (verhandeln,

anwaltschaftliches Mandat)

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den des Klienten nachgeht. Die Case Managerin hat aber auch die

Interessen anderer Parteien zu vertreten.

3. Versorgungsmanager

Die fallführende Person ist verantwortlich dafür, dass die Leistung

ordnungsgemäss und erfolgreich erbracht wird. Wenn der Case

Manager als Agent im Auftrag eines Leistungsträgers arbeitet,

muss er in dessen Auftrag dafür sorgen, dass das Versorgungsangebot

angemessen ist und die Dienstleistung zweckmässig und kostengünstig

ist. Ist der Case Manager in einem Dienstleistungsbetrieb

angestellt, dann fungiert er auch als Qualitätsmanager.

Die bunte Praxis

Das umfassende Anforderungsprofil (s. oben) ist erforderlich, um

die generalistische Case-Management-Funktion wahrnehmen zu

können. In der Sozialhilfe der Stadt Basel arbeiten derzeit Case

Manager und Case Managerinnen mit einem abgeschlossenen

Studium in Sozialer Arbeit, mit einem Case-Management-Diplom

und Zusatzausbildungen in Mediation, Systemischer Beratung,

Gemeinwesenarbeit, Projekt- und Betriebsmanagement oder Supervision.

Darüber hinaus verfügen alle Mitarbeitenden über langjährige

Berufserfahrungen in der Beratungsarbeit mit unterschiedlichen

Zielgruppen. Damit konnte die Sozialhilfe der Stadt Basel

ein hoch professionelles Case Management implementieren, das

derzeit einem Monitoring durch die Fachhochschule Bern unterzogen

wird. Ziel ist es, die Wirkung des Case Management wissenschaftlich

darlegen zu können.


Annette Elbert

Teamleitung Case Management, Sozialhilfe der Stadt Basel

Literatur

- Roland Woodtly. Managed Care Nr. 2. 2005. S. 8ff.

- Löcherbach, Klug, Remmel-Fassbender, Wendt (Hrsg.). Case Management.

Fall- und Systemsteuerung in der Sozialen Arbeit. München. 2005

- Rolf Rainer Wendt. Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen.

Freiburg im Breisgau. 2001.


Opferhilfe als Teil

der sozialen Sicherheit

Wer durch eine Straftat körperlich, psychisch oder sexuell beeinträchtigt wird, hat Anspruch auf

Opferhilfe. Wo steht die finanzielle Opferhilfe im Gefüge der sozialen Sicherheit? Und wer erhält in

welchen Fällen Leistungen? Ein Überblick.

PLATTFORM

Die ZESO bietet ihren Partnerorganisationen

diese Doppelseite als Plattform an: in dieser

Ausgabe der Schweizerischen Verbindungsstellen-Konferenz

Opferhilfegesetz (SVK-OHG).

Opfer von Gewalttaten haben Anspruch

auf Beratung und finanzielle Leistungen.

Im Strafverfahren haben sie besondere Informations-

und Schutzrechte. Die Beratungshilfe

und die Ansprüche auf finanzielle

Leistungen sind im Opferhilfegesetz

geregelt, die Besserstellung des Opfers im

Strafverfahren in der Schweizerischen

Strafprozessordnung.

Der Anspruch auf Beratung beinhaltet

die Unterstützung des Opfers bei der Verarbeitung

der Straftat. Im Wesentlichen

geht es um psychosoziale Unterstützung,

um Informationen über seine Rechte und

um Unterstützung bei der Wahrnehmung

dieser Rechte. Die Beratungen sind kostenlos

und vertraulich – die Opferberatungsstellen

unterstehen einer speziellen

Schweigepflicht. Die finanzielle Opferhilfe

hat zum Ziel, dass Opfer, die durch eine

Straftat in wirtschaftliche Schwierigkeiten

geraten, angemessen entschädigt werden.

Finanzielle Opferhilfe

Bei den finanziellen Leistungen der Opferhilfe

handelt es sich um staatliche Leistungen,

die aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit

und Solidarität erfolgen. Hilfe erhalten

Personen, die durch eine Straftat in

ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen

Integrität beeinträchtigt worden sind.

Im Wesentlichen kommen Leistungen der

Opferhilfe bei Straftaten gegen Leib und

Leben (Tötungs- und Körperverletzungsdelikte)

und gegen die Freiheit (zum Beispiel

Nötigung, Freiheitsberaubung) sowie

bei Sexualdelikten zur Anwendung. Anders

als die Sozialhilfe, bei der die Behebung

einer Bedürftigkeit und nicht deren

Ursache entscheidend ist für den Anspruch,

ist die finanzielle Opferhilfe als

kausales Schadenausgleichssystem ausgestaltet.

Die Opferstellung allein vermag

keinen Anspruch auf finanzielle Opferhilfeleistungen

zu begründen. Vorausgesetzt

werden der Eintritt eines Schadens sowie

ein Kausalzusammenhang zwischen opferhilferechtlich

relevanter Beeinträchtigung

und Schaden. Leistungen der finanziellen

Opferhilfe orientieren sich deshalb am

konkreten, infolge der Straftat entstandenen

Schaden des Opfers. Die Leistungen

sind im Opferhilfegesetz umschrieben, bei

Vorliegen der Voraussetzungen besteht ein

gesetzlicher Anspruch darauf.

Opferhilferechtliche Leistungen sind

subsidiär. Sie sollen primär Lücken im

System der sozialen Sicherheit schliessen.

Die Leistungen von Dritten gehen deshalb

den opferhilferechtlichen Leistungen

vor. Im Verhältnis zu den verschiedenen

sozialversicherungsrechtlichen Schadenausgleichs-

und Hilfssystemen kommen

opferhilferechtliche Leistungen an letzter

Stelle. Relevant ist darum in der Opferhilfe

nur der von dritter Seite nicht gedeckte

Schaden.

Die Opferhilfe wird – gleich wie die

Sozialhilfe und die Ergänzungsleistungen

– ausschliesslich aus allgemeinen öffentlichen

Mitteln finanziert. Opferhilferechtliche

Leistungen orientieren sich deshalb

grundsätzlich am finanziellen Bedarf einer

Person.

Verhältnis zur Sozialhilfe

Sowohl die Opferhilfe als auch die Sozialhilfe

sind in einem besonderen Masse subsidiär.

Welche Hilfe der anderen vorgeht,

kann nicht generell beantwortet werden.

Massgebend für die Abgrenzung von Opferhilfe

und Sozialhilfe ist die unterschiedliche

Ausgestaltung beider Hilfssysteme

bezüglich ihrer Zielsetzungen, des Anspruchs

an sich und der Anspruchsinhalte.

Weil sich Opferhilfe und Sozialhilfe hier in

vielem unterscheiden, gibt es nur wenig Berührungspunkte.

So kommt der Opferhilfe

zum Beispiel im wichtigsten Anwendungsbereich

der Sozialhilfe – im Bereich der

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Opfer, die durch eine Straftat in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sollen entschädigt werden.

Bild: Keystone

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materiellen Grundsicherung – keine Rolle

zu. Mangels direktem Zusammenhang mit

der Straftat kann die Opferhilfe nicht für

den Lebensunterhalt oder für Wohnkosten

einer Person aufkommen. Ein opferhilferechtlicher

Beitrag an den Lebensunterhalt

ist grundsätzlich nur im Rahmen einer Entschädigung

für Erwerbsausfall möglich. Im

Bereich der häuslichen Gewalt übernimmt

die Opferhilfe zwar in einem zeitlich beschränkten

Rahmen die Kosten für Notaufenthalte.

Sobald aber für den Aufenthalt

nicht mehr primär der aufgrund der Straftat

entstandene Betreuungsbedarf, sondern

soziale Gründe wie etwa Wohnungsnot

oder mangelnde Integration in der Schweiz

im Vordergrund stehen, ist ein opferhilferechtlicher

Beitrag nicht mehr möglich.

Soziales Entschädigungssystem

Im Bereich der zivilrechtlichen Kindesschutzmassnahmen

besteht grundsätzlich

weder Raum noch Bedarf für finanzielle

Opferhilfeleistungen. Es geht dabei in der

Regel um die Verhinderung von künftigen

Gefährdungen mit mannigfaltigen Ursachen

und nicht – wie dies opferhilferechtliche

Leistungen voraussetzen würden – um

Massnahmen ausschliesslich zur Verarbeitung

der Folgen einer bereits verübten

Straftat. Zu berücksichtigen ist auch, dass

sowohl die Zuständigkeiten zur Anordnung

von Kindesschutzmassnahmen als auch deren

Finanzierung geregelt ist. Da für diese

Leistungen keine Rückerstattungspflicht

besteht, erleiden die Kinder keinen finanziellen

Schaden.

Bei der finanziellen Opferhilfe handelt

es sich um ein soziales Entschädigungssystem,

das im Schnittpunkt zwischen Haftpflicht-

und Sozialversicherungsrecht steht

und zu beiden Gebieten diverse Parallelen

aufweist. Mit der finanziellen Opferhilfe

sollen bestehende soziale Schadenausgleichssysteme

ergänzt und Lücken gefüllt

werden. Anders als teilweise bei Sozialversicherungen

und der Sozialhilfe ist der

Schweizerische Verbindungsstelle

Die Schweizerische Verbindungsstellen-Konferenz Opferhilfegesetz (SVK-

OHG) unterstützt die einheitliche Anwendung des Opferhilfegesetzes in den

Kantonen und ist Ansprechpartnerin für Behörden bei opferhilferechtlichen

Fragen von gesamtschweizerischer Bedeutung. Sie fördert die Zusammenarbeit

und den Erfahrungsaustausch zwischen den Kantonen wie zwischen

Bund und Kantonen. Damit das Gesetz einheitlich angewendet wird, hat

die SVK-OHG Empfehlungen verfasst, die als praxisorientiertes Instrument

für die mit dem Vollzug betrauten Stellen konzipiert sind. Die SVK-OHG ist

eine ständige Fachkommission der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen

und -direktoren (SODK) und setzt sich zusammen aus acht Delegierten

der kantonalen Entschädigungsbehörden, aus vier Mitgliedern des

Fachausschusses der Schweizerischen Opferhilfe-Beratungsstellen sowie

aus je einer Vertretung der SODK, der Konferenz der kantonalen Justiz- und

Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) sowie dem Bundesamt für

Justiz.

Weitere Infos: www.opferhilfe-schweiz.ch

Kreis der Berechtigten in der Opferhilfe

aber begrenzt. Die Leistungen beschränken

sich auf den Ausgleich der unmittelbar

im Zusammenhang mit der Straftat

stehenden Schäden und sind teilweise

betragsmässig limitiert. Mit der Sozialhilfe

hat die Opferhilfe die Ausgestaltung als

besonders subsidiäres, bedarfsabhängiges

Hilfssystem gemein.


Eva Weishaupt

Mitglied der SVK-OHG

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Bern setzt finanzielle Anreize

für seine Sozialdienste

Im Kanton Bern können Sozialdienste zukünftig mit einem Bonus belohnt oder mit einem Malus

sanktioniert werden. Entscheidend ist, wie sie haushalten. Dieses einzigartige System soll die

Sozialdienste dazu anhalten, kostenbewusster zu handeln.

Zwei Berner Sozialberichte

Im Dezember 2010 veröffentlichte die Gesundheits- und Fürsorgedirektion

des Kantons Bern den zweiten Berner Sozialbericht: Die beiden erschienenen

Bände setzen sich zu einem Gesamtbild zusammen, das eine gute

Annäherung an die soziale Realität des Kantons Bern erlaubt: Im ersten

Band wird die Entwicklung der wirtschaftlichen Situation der Berner Bevölkerung

von 2001 bis 2008 aufgezeigt: Die Auswertung der kantonalen

Steuerdaten zeigt, dass die Armut im Kanton Bern in dieser Zeit stetig, also

auch in den wirtschaftlich guten Jahren, von 10,8 auf 12,5 Prozent gestiegen

ist. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2008 waren 97 000

Personen arm oder armutsgefährdet. Besonders verschlechtert hat sich

die Situation der ärmsten 10 Prozent der Haushalte: Ihre Einkommen vor

dem Bezug von Bedarfsleistungen sind im Mittel um 20 Prozent gesunken.

Eine Erklärung dafür ist die zunehmend schlechte Integration der ärmsten

Bevölkerungsschicht in den Arbeitsmarkt. Der erste Band rückt zudem die

Situation Jugendlicher und junger Erwachsener in den Vordergrund, die

besonders häufig auf die Unterstützung der Sozialhilfe angewiesen sind,

wobei die Hälfte von ihnen erwerbstätig ist oder eine Ausbildung absolviert.

Das Gesetz über den Finanz- und Lastenausgleich

(FILAG) des Kantons Bern, das

seit Januar 2002 in Kraft ist, wird per Anfang

2012 teilrevidiert. Der Grosse Rat,

die Legislative des Kantons, hat das revidierte

Gesetz im Februar verabschiedet.

Von diesen Änderungen ist auch die Sozialhilfe

betroffen: Für den Bereich der wirtschaftlichen

Sozialhilfe wird ein neuartiges

Bonus-Malus-System eingeführt, das eine

Lenkungswirkung aufweisen soll.

Die Diskussionen wurden im Jahr

2007 aufgenommen. Die Zielsetzungen

für den Bereich der Sozialhilfe waren,

mehr Transparenz und zusätzliche Anreize

zu wirtschaftlichem Handeln zu schaffen.

Insbesondere der Lastenausgleich Sozialhilfe

wurde unter die Lupe genommen: Die

Kosten der Sozialhilfe werden im Kanton

Bern grundsätzlich hälftig zwischen dem

Kanton und der Gesamtheit der Gemeinden

geteilt. Die Beitragshöhe der einzelnen

Gemeinden an den Lastenausgleich richtet

sich nach ihrer Einwohnerzahl. Dieser Modus

hat einerseits zur Folge, dass Abschiebungen

von Sozialhilfebeziehenden oder

gar eine «Armenjagd» kein Thema sind,

andererseits aber bestehen für die Gemeinden

wenig finanzielle Anreize, um Kosten

zu sparen.

Drei entscheidende Faktoren

Entsprechend wurde 2007 ein parlamentarischer

Vorstoss eingereicht, wonach der

Lastenausgleich abzuschaffen sei. Zudem

wurden auch Selbstbehaltmodelle geprüft.

Die Gemeinden müssten in diesem Modell

einen Selbstbehalt tragen und könnten somit

lediglich einen Teil ihrer Kosten über

den Lastenausgleich abrechnen. Als Alternative

zu diesen beiden radikalen Modellen

wurde ein Bonus-Malus-System entwickelt:

Kosteneffiziente Sozialdienste sollen

honoriert, kostenineffiziente Sozialdienste

hingegen sanktioniert werden. Unter Einbezug

von Fachleuten aus der Praxis und

des aktuellen Standes der Forschung hat

die Gesundheits- und Fürsorgedirektion

(GEF) ein Modell erarbeitet, das nun vom

Grossen Rat verabschiedet worden ist.

Bei jedem der 67 Sozialdienste im Kanton

Bern wird jährlich ermittelt, wie hoch

seine «nicht beeinflussbaren Soziallasten»

sind. Die Berechnung erfolgt gestützt auf

folgende drei Faktoren: Anzahl EL-Beziehende,

Anzahl Arbeitslose, Anzahl Ausländerinnen

und Ausländer. Wenn diese

drei Faktoren pro Gemeinde bekannt sind,

können die zu erwartenden Kosten pro Sozialdienst

ziemlich präzise geschätzt werden.

Die Kosten werden somit in Relation

zur Ausgangslage oder eben zur Soziallast

gesetzt. Für denjenigen Sozialdienst mit

der unproblematischsten Ausgangslage

im Kanton Bern wurden beispielsweise

erwartete Kosten pro Einwohner von 130

Franken errechnet. Für einen grossen

städtischen Sozialdienst mit komplexen

Herausforderungen hingegen betragen

die erwarteten Kosten pro Einwohner 720

Franken. Diese Bandbreite verdeutlicht,

wie gross der Einfluss der durch die Sozi-

Im zweiten Band kommen armutsbetroffene Menschen zu Wort, die über

ihre alltäglichen Erfahrungen mit Armut erzählen. Diese Zeugnisse zeigen,

was es heisst, über längere Zeit in Armut zu leben, mit all den Zweifeln,

Ängsten, Freuden, aber auch Hoffnungen. Ergänzt wird der zweite Band

mit einer Reportage über Jugendliche bei ihrem Einsatz gegen Elend und

Not im Rahmen des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und

sozialer Ausgrenzung 2010. In seiner Gesamtaussage zeigt der Bericht

Armut als nicht bloss konjunkturelles, sondern auch als strukturelles Problem,

das nur in einer Gesamtpolitik von Wirtschafts-, Bildungs-, Familien-,

Gesundheits- oder Steuerpolitik gelöst werden kann.

Bettina Seebeck

Generalsekretariat der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons

Bern

Sozialbericht herunterladen: www.be.ch/sozialbericht

Sozialbericht bestellen: info.rekure@gef.be.ch

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Sozialdienste, die

einen Malus entrichten

müssen, sind

angehalten, ihre

Organisation zu optimieren.

Bild: Daniel Desborough

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alhilfe nicht beeinflussbaren Faktoren auf

die Kosten ist.

Mathematisches Modell

Diesen mittels eines mathematischen Modells

geschätzten Kosten werden in einem

nächsten Schritt die effektiven Kosten pro

Sozialdienst gegenüber gestellt. Wenn die

effektiven Kosten tiefer als die geschätzten

Kosten sind, ist der Sozialdienst kosteneffizient,

wenn die effektiven Kosten indessen

höher als die geschätzten Kosten sind, ist

der Sozialdienst nicht kosteneffizient. Beträgt

die Abweichung der effektiven Kosten

pro Einwohner von den erwarteten Kosten

pro Einwohner über 30 Prozent, erhält der

Sozialdienst einen Bonus respektive er

muss einen Malus entrichten. Die Höhe

des Bonus oder des Malus bemisst sich daran,

wie weit die effektiven Kosten von den

erwarteten Kosten abweichen. Die jährlichen

Boni oder Mali werden sich theoretisch

pro Sozialdienst zwischen ein paar

tausend Franken und maximal 2,5 Millionen

Franken für den grössten Sozialdienst

im Kanton Bern bewegen. Wie viele Sozial-

dienste finanziell betroffen sein werden,

lässt sich zurzeit noch nicht genau beziffern,

da das neue System erstmals im Jahr

2014 für die Rechnungsjahre 2012 und

2013 angewendet wird.

Beratung für «Ausreisser»

Der Grosse Rat erhofft sich vom Bonus-Malus-System

eine Lenkungswirkung: Sozialdienste

werden angehalten, ihre Kosteneffizienz

künftig noch stärker zu beachten und

«Ausreisser» sollen finanziell tangiert werden.

Selbstverständlich wird damit nicht eine

einseitig auf die Kosteneffizienz ausgerichtete

Sozialhilfe eingeführt. Die GEF

achtet darauf, dass mit dem neuen Bonus-

Malus-System keine neuen Fehlanreize gesetzt

werden. So gelten bei der Ausrichtung

der Sozialhilfe weiterhin das Abschiebungsverbot

sowie die einheitliche und

rechtsgleiche Unterstützung der Sozialhilfebeziehenden.

Die GEF wird ebenfalls die

Abläufe und Integrationsbemühungen von

Sozialdiensten, die einen Bonus erhalten

werden, im Sinne einer «best practice» analysieren

und bei Bedarf weitergeben.

Sozialdienste, die einen Malus entrichten

müssen, können eine Beratung durch

die GEF beziehen. Diese Sozialdienste

müssen analysieren, was bei ihnen im Vergleich

mit «Best-practice-Sozialdiensten»

optimiert werden kann. Beispielsweise

sind die internen Abläufe, das Qualitätsmanagement,

das Controlling, die Kostenkontrolle,

die Integrationsanstrengungen

oder die Wirkungen in den Bereichen familienergänzende

Kinderbetreuung und

Beschäftigungs- und Integrationsangebote

zu überprüfen und notfalls anzupassen.

Mit dem Bonus-Malus-System müssen

nun erste Erfahrungen im Kanton Bern

gesammelt und die Wirkungen evaluiert

werden. Die GEF ist überzeugt, dass dieses

System die richtigen Anreize setzt, vertrauensbildend

wirkt und somit die Stärken

der heute bestehenden Regelungen untermauert.



André Gattlen

Sozialamt der Gesundheits- und

Fürsorgedirektion des Kantons Bern

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«Ich wüsste nicht, wie ich mich

sonst über Wasser halten würde»

Selbst in einem der reichsten Flecken Amerikas hat die Wirtschaftskrise tiefe Wunden gerissen:

In der Tafel «Loudoun Interfaith Relief» erhalten deshalb jeden Tag Dutzende von Familien mit

niedrigem Haushaltseinkommen kostenlose Lebensmittel.

Glaubt man der Statistik, dann ist Loudoun

County eine Art Paradies auf Erden. Im Verwaltungsbezirk

– ausgesprochen: «Lauden»

– in der Agglomeration der Hauptstadt

Washington beläuft sich das durchschnittliche

Haushaltseinkommen auf

114 204 Dollar – ein absoluter Rekord für

die USA. Jeder sechste Haushalt verdient

mehr als 200 000 Dollar. Auch dies ist ein

nationaler Spitzenwert. Und die Arbeitslosenrate,

die sich landesweit der 9-Prozent-

Marke annähert, beträgt im 300 000 Einwohner

zählenden Verwaltungsbezirk nur

gerade 4,4 Prozent. Kein Wunder, gehört

Loudoun County mit seinen idyllischen

Farmen zu den am schnellsten wachsenden

Regionen.

Viele junge Frauen

Doch diese Statistik erzählt nur die halbe

Wahrheit. «Die Rezession hat auch bei uns

tiefe Wunden gerissen», sagt Bonnie Inman.

Sie muss es wissen: Inman ist seit

sechs Jahren Geschäftsführerin von «Loudoun

Interfaith Relief», einer gemeinnützigen

Organisation mit religiösen Wurzeln,

die unentgeltlich Lebensmittel verteilt.

Auch an diesem kalten Wintermorgen sind

die Geschäftsräumlichkeiten beim Flugplatz

des Städtchens Leesburg gut gefüllt.

«Rund 60 Kunden hatten wir heute bereits»,

sagt Inman, darunter auffallend viele

junge Frauen mit süd- oder mittelamerikanischen

Wurzeln. Und immer noch warten

Dutzende auf Nahrungsmittel.

Wunschliste statt Einkaufszettel

Die Tafel ist unbürokratisch organisiert:

Die Kunden, Inman besteht auf dieser Bezeichnung,

müssen bei ihrem ersten Besuch

am Schalter belegen können, dass sie

in Loudoun wohnen. (Dies geschieht meist

mit der Vorweisung eines Fahrausweises.)

Auch werden sie nach der Grösse des Haushaltes

gefragt und sie müssen angeben, wie

Volle Regale für Menschen mit leerem Portemonnaie: «Loudoun Interfaith Relief» .

30 ZeSo 1/11 reportage


hoch ihr steuerbares Einkommen ist. «Wir

überprüfen diese Angaben aber nicht»,

fügt Inman an, «sondern vertrauen dem gesunden

Menschenverstand.» Sind die Personalien

im Computer erfasst, erhalten die

Kunden eine «Wunschliste». Auf einem

schmalen Formular können sie aufschreiben,

für wie viele Menschen sie Lebensmittel

brauchen und auf welche drei Nahrungsmittel

sie nicht verzichten möchten.

Der Zettel wird von Wanda Moloney entgegen

genommen, die viele Wartende persönlich

zu kennen scheint. Sie steht den

Kunden auch bei, wenn sie Hilfe bei einem

Behördengang benötigen oder wenn sie

gesundheitliche Probleme haben.

4,5 Kilo pro Kunde

Hinter dem Schalter, in drei nebeneinander

liegenden Lagerräumen, arbeiten derweil

rund ein Dutzend Freiwillige auf Hochtouren:

Sie stellen die eigentlichen Lebensmittelpakete

für die Kunden zusammen. Diese

sollen jeweils für drei Tage ausreichen. Jedem

Haushalt stehen maximal zwei Besuche

pro Monat zu. Das Personal von «Interfaith

Relief» achtet sorgsam darauf, dass die

Kunden möglichst gesundes Essen erhalten,

wie Inman betont. In den Regalen des Lagerraums

stapeln sich deshalb nebst haltbarer

Kost aus der Tiefkühltruhe auch Milch,

Gemüsedosen, Früchte, Frühstücksflocken

und Frischfleisch aus den Beständen lokaler

Supermärkte. Selbst Truthähne, die weder

an Thanksgiving noch an Weihnachten verkauft

werden konnten, warten auf einen Abnehmer.

Gemäss einer internen Faustregel

erhält jeder Kunde pro Besuch und Haushaltsmitglied

umgerechnet 4,5 Kilo Nahrungsmittel

– was mit Hilfe einer Waage bis

aufs letzte Gramm überprüft wird.

Bild: gettyimages

Opfer der Krise

67 000 Menschen – ein Fünftel der Bewohner

des reichsten Verwaltungsbezirks


reportage 1/11 ZeSo

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«Unsere Kunden stammen aus allen Schichten», sagt Bonnie Inman (Bild rechts aussen), Geschäftsführerin von «Loudoun Interfaith Relief».


Amerikas – versorgt «Loudoun Interfaith

Relief» pro Jahr mit Lebensmitteln. Umgerechnet

entspreche dies einem Bargeldwert

von einer Million Dollar, sagt die Geschäftsführerin.

«Unsere Kunden stammen

aus allen Schichten», sagt Inman, «darunter

auch Menschen, die wohl nie

damit gerechnet hätten, dass sie einmal

unsere Hilfe benötigen würden.» Einer

dieser Menschen ist die 54-jährige Lisa

Jorgensen, die an diesem Morgen zum

nunmehr dritten Mal die Reise zum

Flugplatz von Leesburg unternommen hat.

Vor der Krise, sagt die drahtig wirkende

Frau, habe sie als selbstständige Computer-Ausbilderin

gearbeitet, «viel Geld» verdient

und ein Haus und eine Eigentumswohnung

besessen. Es sei ihr sehr gut geg

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Leere Staatskassen setzen arme Amerikaner unter Druck

Im Zuge der Wirtschaftskrise ist die

Zahl der armen Amerikaner auf einen

neuen Höchstwert gestiegen. Auch

beantragen immer mehr Menschen

Nahrungsmittel-Zuschüsse.

Angesichts des klaffenden Loches

im Staatshaushalt sorgt dies in

der Hauptstadt Washington für

Sorgenfalten.

Nicht nur Sozialpolitiker schlagen angesichts

solcher Zahlen Alarm: 43,2 Millionen Amerikanerinnen

und Amerikaner oder 14 Prozent der

Bevölkerung erhalten gemäss den neusten

verfügbaren Zahlen staatliche Unterstützungszahlungen

für den Kauf von Nahrungsmitteln.

Durchschnittlich 133,76 Dollar pro

Person schüttet der Staat monatlich über das

«Supplemental Nutrition Assistance Program»

(SNAP) aus; auch das ist ein neuer Höchstwert.

Angesichts leerer Kassen – das Defizit der

US-Bundesregierung im ersten Quartal des Fis-

kaljahres 2011 beläuft sich auf 371 Milliarden

Dollar – kommt auch dieser Budgetposten nun

unter massiven Druck. Washington könne sich

immer höhere Ausgaben bei Sozialprogrammen

wie den «Food Stamps», so heissen die

Nahrungsmittel-Zuschüsse umgangssprachlich

immer noch, nicht mehr leisten, lassen die

Republikaner verlauten. Seit ihrem Wahlsieg

im Herbst 2010 stellen die Konservativen im

Repräsentantenhaus, der grossen Parlamentskammer,

die Mehrheit. Im Senat und im Weissen

Haus geben immer noch die Demokraten den

Ton an, die aber auch einer Sanierung des

Staatshaushaltes das Wort reden. Dies wird

den Druck auf die Bundesstaaten erhöhen, in

die Lücke zu springen – in deren Kassen aber

ebenfalls grosse Löcher klaffen.

Die Schwächsten gefährdet

Viele minderbemittelte Amerikanerinnen

und Amerikaner fragen sich, warum solche

Sparmassnahmen just die schwächsten Glieder

der Gesellschaft treffen sollen. Ein Rechnungsbeispiel

zeigt: Eine vier Personen umfassende

amerikanische Familie hat Anrecht auf «Food

Stamps», wenn das monatliche Netto-Haushalts-

einkommen 1838 Dollar nicht übersteigt – ein

Betrag, der gemäss den nationalen Statistikern

der Armutsgrenze entspricht. Die Nahrungsmittelhilfe

beläuft sich auf maximal 668 Dollar

und wird heutzutage meistens in Form von

Plastikgeld ausbezahlt. Sollte die Beispielsfamilie

abseits der grossen Städte an der West- und

Ostküste leben, dann reichen diese 2500 Dollar

für mehr, als der für Schweizer Verhältnisse

kümmerliche Betrag vermuten lässt. So findet

man in Columbus, Ohio, eine Vier-Zimmer-

Wohnung bereits für einen monatlichen Mietzins

von 700 Dollar. In Leesburg, dem Hauptort des

Verwaltungsbezirks Loudoun bei Washington

(siehe Haupttext), ist für denselben Betrag aber

höchstens eine schäbige Absteige erhältlich.

Auch sind in der Agglomeration der Hauptstadt

die Lebenshaltungskosten deutlich höher als im

Landesinneren.

Ein Siebtel unter der Armutsgrenze

Zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner

haben in der vergangenen Dekade ihren Gürtel

enger schnallen müssen; sie hangeln sich von

Lohnüberweisung zu Lohnüberweisung durch,

leben auf Pump oder ziehen mit Familienmitglied

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32 ZeSo 1/11 Reportage


Bild links: gettyimages / Bild Mitte und rechts: zvg

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gangen. «Und nun bin ich eines der unzähligen

Opfer dieser furchtbaren Krise.» Ihre

Firma ging Konkurs, die Liegenschaften

wurden zwangsversteigert und jetzt vermag

Jorgensen nicht einmal das Geld für

die gesamte Monatsmiete ihrer Wohnung

dern zusammen. Zwar sagen die Statistiker,

dass chronische Armut in den USA recht selten

sei: In den Jahren 2004 bis 2007 lebten bloss

2,2 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikanern

stets unter der offiziellen Armutsschwelle.

(Dies entspricht in etwa der Einwohnerzahl der

Schweiz.)

Aufgrund der tiefen Rezession und

der hartnäckigen Langzeitarbeitslosigkeit

verschärfte sich das Problem allerdings: 2009

befanden sich 44 Millionen Amerikaner, oder

rund ein Siebtel der Bevölkerung, unter der

statistischen Armutsgrenze. Eine ähnlich

grosse Zahl leide unter «einer niedrigen Nahrungsmittelsicherheit»,

wie die gemeinnützige

Organisation Food Research and Action Center

herausfand. Und Peter Edelman, Professor

an der Georgetown University in Washington,

berechnete jüngst, dass sich mittlerweile

17 Millionen Amerikaner mit einem Jahreseinkommen

von weniger als 11 000 Dollar

durchschlagen müssen.

Zahlenschieberei ändert nichts

Angesichts solcher Statistiken haben Sozialwissenschaftler

den Begriff «Kultur der

zusammenzukratzen. «Ich arbeite als Kassiererin»,

sagt sie, in einem Supermarkt für

Tierfutter, und verdiene den staatlich festgesetzten

Minimal-Lohn von 7,25 Dollar

pro Stunde. Selbst wenn sie Überstunden

leistet, verdient die Alleinstehende damit

Armut» reaktiviert, um die Denk- und Handlungsmuster

von minderbemittelten Amerikanerinnen

und Amerikaner im Allgemeinen

und von Angehörigen von Bevölkerungsminderheiten

wie Afroamerikanern im Speziellen

zu beschreiben. Andere Fachleute geben sich

aber skeptisch. Sie verweisen darauf, dass

die Berechnung der Armutsschwelle überholt

sei, weil Transferzahlungen wie Steuerkredite,

Mietzuschüsse, Prämienverbilligungen

oder Geld für die Bezahlung der Heizkostenrechnung

nicht einbezogen würden. «Die

Sozialprogramme, die in den vergangenen 20

Jahren zur Reduktion der Armut geschaffen

wurden, finden keine Berücksichtigung», sagt

Bruce Meyer, Wirtschaftswissenschafter an

der University of Chicago.

Das Statistikamt reagierte überraschend

schnell auf diese Kritik. Zu Jahresbeginn veröffentlichten

die Zahlenschieber der Verwaltung

acht alternative Methoden für die Berechnung

der Armut in den USA. Am grossen Ganzen

änderte sich dadurch aber wenig: Die Zahl

der armen Amerikanerinnen und Amerikaner

beträgt immer noch zwischen 39 und 53

Millionen. (rr)

nur einige Hundert Dollar pro Woche.

Nach dem Besuch bei der Tafel werde sie

deshalb einen Gang zum Sozialamt machen

müssen, um einen Antrag auf Lebensmittelmarken

zu stellen.

Früher Spenderin, jetzt Bezügerin

Jorgensen erzählt, sie habe anfänglich gehofft,

dass sich ihre Situation rasch wieder

verbessern werde. Schliesslich wurde

die grösste Volkswirtschaft der Welt auch

in der Vergangenheit regelmässig von

Wirtschaftskrisen geschüttelt; im Unterschied

zu früheren Rezessionen erhole

sich die Wirtschaft aber dieses Mal nur

sehr schleppend. «Ich sehe schwarz für

meine Zukunft», sagt die Frau, «da sich

die wenigsten Firmen derzeit externe

Kursleiter leisten können.» Gefragt, ob sie

sich eine Umschulung vorstellen könne,

zuckt die 54-Jährige bloss mit den Schultern.

Eine besondere Ironie des Schicksals:

«Loudoun Interfaith Relief» ist für Lisa

Jorgensen schon lange ein Begriff. «In meiner

Kirche gab es regelmässig Spendenaufrufe»

für die Tafel, und sie habe zu den

grössten Spendern gehört. «Es ist so beschämend

für mich, dass ich mich nun auf

der anderen Seite befinde», sagt sie. Andererseits

sei sie «unglaublich dankbar»,

dass es im Verwaltungsbezirk Loudoun

Institutionen gebe, in denen sie das Notwendigste

erhalte. «Ich wüsste nicht, wie

ich mich sonst über Wasser halten würde.»



Renzo Ruf

reportage 1/11 ZeSo

33


Lesetipps

Schluss mit dem

Wachstumswahn

Migration macht

Stress im Beruf

Das Opfer im

Strafrecht

Steuern leicht

gemacht

W

u

Das Wachstum der Wirtschaft ist ein

Wahn, dem die führenden Leute aus

Wirtschaft und Politik verfallen sind.

Um das Wachstum zu retten, häufen

die Staaten immer mehr Schulden

an. Gleichzeitig beschleunigen sie die

Plünderung der Natur. Dabei leben

wir schon heute von der Substanz:

Die Vorräte auf unserem Planeten

schrumpfen. Die Vielfalt an Tier- und

Pflanzenarten nimmt ab. Das materielle

Wachstum stösst an Grenzen. Finanz-

und Immobilienblasen platzen.

Um den globalen Natur- und Finanzkollaps

zu vermeiden, braucht es eine

Neuorientierung: Die Verschwendung

muss ein Ende finden. Lebensqualität

muss Vorrang haben gegenüber

dem Wachstum von Konsum und

Bevölkerung. Die grössten, also die

reichen Industriestaaten, müssen ihr

Wachstum als erste beenden. Dafür

plädiert dieses Buch. Und es zeigt

Auswege aus der Wachstums- und

Verschuldungsfalle.

Wenn Migrantinnen und Migranten

die Erfahrung machen, aufgrund ihrer

Herkunft abgelehnt zu werden, kann

das zu Stress im Berufsleben führen.

Wie erleben Menschen mit Migrationshintergrund

Ablehnung auf dem

Arbeitsmarkt? Und wie bewältigen sie

diesen Stress? Die Soziologin Nkechi

Madubuko hat diese Fragen anhand

von berufsbiografischen Erlebnissen

von in Deutschland lebenden

Akademikerinnen und Akademikern

mit europäischem und afrikanischem

Migrationshintergrund untersucht. Ablehnung

durch das deutsche Umfeld

kann sich in Skepsis und Vorbehalten

bei der Bewerbung, in Zweifeln an der

Kompetenz, in ausländerfeindlichen

Witzen oder durch Benachteiligungen

in Beförderung und Entlöhnung

ausdrücken. Die Autorin zeigt Erfahrungen

der Migranten in Kindheit,

Jugend und Beruf sowie Strategien

zur Bewältigung des Akkulturationsstresses

auf.

Die vorliegende Publikation befasst

sich umfassend mit dem Opfer im

Strafrecht. In einem ersten Teil werden

aus einem rechtlichen, psychologischen

und gesellschaftspolitischen

Blickwinkel Fragen zur Stellung des

aktuellen und potenziellen Opfers

im Strafrecht und Strafprozessrecht,

in der Kriminologie und Viktimologie

sowie in der Kriminalpolitik erörtert.

In einem zweiten Teil werden spezifische

Straftatbestände untersucht.

Empirische Befunde belegen, dass

ganz besonders Opfer von häuslicher

Gewalt, Prostitution, Menschenhandel

und Pornografie erheblichen

physischen, sexuellen und psychischen

Gefährdungen ausgesetzt sind.

Deshalb stellt sich die Frage, ob das

schweizerische Täter- bzw. Täterinnenstrafrecht

der jeweilig spezifischen

Opfergruppe gerecht werden

kann und ob das Strafrecht überhaupt

die richtige Antwort auf diese spezifischen

Opferkonstellationen ist.

Lästige Steuererklärung? Nicht

mit dem Beobachter-Standardwerk

«Steuern leicht gemacht». Das

Buch liefert umfassende Informationen

und Tipps im Umgang mit der

Steuererklärung. Wie viel kann jetzt

für die Fremdbetreuung der Kinder

abgezogen werden? Und wie stehts

mit Spenden und Ausbildungskosten?

Schritt für Schritt führen die beiden

Spezialisten durch die Steuerformulare

und zeigen, welche Abzüge in den

einzelnen Kantonen zugelassen sind

– Berufsauslagen, Spesen, Weiterbildung

oder Unterhalt fürs Eigenheim.

Der Ratgeber informiert über die

wichtigen Änderungen: Entlastung für

Familien, Unternehmenssteuerreform

II, neue Sätze bei der Mehrwertsteuer,

Abschaffung der kalten

Progression auf Bundesebene.

Die beiden Autoren zeigen leicht

verständlich und kompetent, wie man

mit der Steuererklärung umgeht und

Steuern spart.

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Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl.

Schluss mit dem Wachstumswahn. Plädoyer

für eine Umkehr. Rüegger-Verlag 2010.

134 S., Fr. 19.50.

ISBN 978-3-7253-0965-8

Nkechi Madubuko. Akkulturationsstress

von Migranten. Berufsbiographische

Akzeptanzerfahrungen und angewandte

Bewältigungsstrategien. VS-Verlag 2011.

287 S., EUR 39.95.

ISBN 978-3-531-17960-5

Marianne Schwander. Das Opfer im Strafrecht.

Aktuelles und potenzielles Opfer

zwischen Recht, Psychologie und Politik.

Haupt-Verlag 2010. 305 S., Fr. 49.–.

ISBN 978-3-258-07534-1

Claude Chatelain, Bernhard Kislig. Steuern

leicht gemacht. Praktisches Handbuch für

Angestellte, Selbständige und Eigenheimbesitzer.

Beobachter-Buchverlag 2011.

240 S., Fr. 36.–.

ISBN 978-3-85569-448-8

M

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S

Fr

IS

34 ZeSo 1/11 SERVICE


Was Kirchen kosten

und nutzen

Das Projekt «Finanzanalyse Kirchen»

hat für ausgewählte Religionsgemeinschaften

in der Schweiz

untersucht, welche Dienstleistungen

sie erbringen, welchen Nutzen diese

für die Gesellschaft stiften und wie

sie finanziert werden. Erstmals liegt

damit eine Gesamtübersicht über die

komplexe Finanzierung der Landeskirchen

vor. Mit einer Befragung der

Zahlungsbereitschaft für kirchliche

Angebote hat das Team von Autorinnen

und Autoren methodisch

Neuland betreten und kann interessante

Ergebnisse zum Nutzen

kirchlicher Leistungen aus Sicht der

Bevölkerung vorlegen. Das vorliegende

Buch liefert einerseits neue

Grundlagen für die Diskussion der

Finanzierung innerhalb der Landeskirchen

und andererseits auch für die

Debatte um die Kirchensteuern und

die öffentliche Unterstützung und

Anerkennung von anderen Religionsgemeinschaften.

Michael Marti, Eliane Kraft, Felix Walter.

Dienstleistungen, Nutzen und Finanzierung

von Religionsgemeinschaften in der

Schweiz. Rüegger-Verlag 2010. 88 S.,

Fr. 34.–.

ISBN 978-3-7253-0961-0

Wenn Erfolg

krank macht

Was macht Manager, Politikerinnen,

Studierende depressiv? Was lässt

Weltklassesportler an ihrer Seele

leiden? Der ständige Erfolgszwang

und Eigendrill in der Gesellschaft

schafft krankmachende Bedingungen

und führt zu einer rasant

wachsenden Zahl an Depressionen.

Wie ein Blitz trifft uns die Nachricht,

wenn einer der Erfolgreichen und

Berühmten das Leben plötzlich nicht

mehr erträgt. Der Suizid als letzte

Konsequenz beleuchtet für einen

grellen Augenblick die Widersprüche

zwischen glänzender Oberfläche und

innerer Verzweiflung. Die ehemalige

Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel hat

Gespräche mit führenden Psychologen

und Seelenexperten geführt. Sie

zeigen auf, dass wir alle letztendlich

dem Wirbelsturm eines neuen Welttempos

ausgesetzt sind und deshalb

die Gefahr besteht, dass wir – mit

olympischer Rasanz – unser inneres

Gleichgewicht verlieren.

Ines Geipel. Seelenriss. Depression und

Leistungsdruck. Klett-Cotta 2010. 240 S.,

Fr. 29.90.

ISBN 978-3-608-94659-8

veranstaltungen

Invalidenversicherung und Sozialhilfe

Fachpersonen der Sozialhilfe verweisen darauf, dass Sozialhilfebeziehende

von einer zunehmend restriktiven Praxis der

Invalidenversicherung betroffen sind. Diese Praxis führt dazu,

dass die Fallzahlen in der Sozialhilfe steigen. Daher stellt sich

die Frage, wie die Sozialhilfe ihren Klientinnen und Klienten

mit sorgfältiger Beratung und Unterstützung den Zugang zu IV-

Leistungen verbessern kann. Die Tagung verschafft aus der Perspektive

der Sozialhilfe eine Übersicht über die Entwicklungen

der rechtlichen Rahmenbedingungen und der Rechtsprechung

in der Invalidenversicherung und zeigt praxisbezogen auf, was

im Verfahren mit der Invalidenversicherung zu beachten ist.

Luzerner Tagung zum Sozialhilferecht – Invalidenversicherung und

Sozialhilfe

18. Mai 2011 in Luzern

Infos und Anmeldung: www.hslu.ch/sozialhilferecht

Familie und Gesundheit

Familie und Gesundheit beeinflussen sich gegenseitig. Familie

kann sowohl Wohlbefinden als auch Unwohlsein generieren.

Innerhalb der Familie werden Denk-, Verhaltens- und Handlungsmuster

angeeignet, die Gesundheit aber auch Krankheit fördern.

Solche Muster sind zum Beispiel Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsverhalten,

Wahrnehmung und Umgang mit Gesundheit

und Krankheit. Sie werden verinnerlicht und später weitergegeben.

Das Forum Familienfragen, das von der Eidgenössischen

Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) organisiert

wird, widmet sich vollumfänglich den Zusammenhängen

von Familie und Gesundheit.

Forum Familienfragen zum Thema Familie und Gesundheit

21. Juni 2011 in Bern

Infos und Anmeldung: www.ekff.ch

Europäische Konferenz des

Sozialwesens

Vom 4. bis 6. Juli 2011 findet in Warschau die 19. Europäische

Konferenz des Sozialwesens statt. Die Veranstaltung wird vom

European Social Network in Zusammenarbeit mit der polnischen

Präsidentschaft der Europäischen Union organisiert. Im Europäischen

Jahr der Freiwilligentätigkeit steht sie unter dem Motto

«Aufbau einer aktiven und sozialen Gesellschaft: Innovation,

Beteiligung, Gemeinschaft». Der Kongress bietet hochwertige

Plenarvorträge und ein breites Workshop-Angebot.

19. Europäische Konferenz des Sozialwesens

4. bis 6. Juli 2011 in Warschau

Infos und Anmeldung: www.esn-eu.org

SERVICE 1/11 ZeSo

35


«Es ist fast wie früher. Mit dem Unterschied, dass ich am Morgen nicht vom Wecker geweckt werde.» Cécile Malevez.

Bild: Daniel Desborough

Die Initiantin

Als ehrenamtliche Innovage-Beraterin kann die 67-jährige Cécile

Malevez trotz Pensionierung jeden Morgen ihren Computer

aufstarten und arbeiten: Von zu Hause aus, in Sarnen.

Da war die Angst, in ein Loch zu fallen.

Nicht mehr gebraucht zu werden. Denn

die Innerschweizerin Cécile Malevez weiss:

«Ich muss am Morgen einen Kaffee trinken

und dann den Computer aufstarten und arbeiten.»

Würde das auch nach ihrer Pensionierung

noch möglich sein? Das fragte sie

sich vor drei Jahren – bis sie ein Inserat von

Innovage entdeckte, einem neu gegründeten

schweizweiten Netzwerk von Pensionierten.

Diese geben ihre Führungs- oder

Beratungserfahrung ehrenamtlich weiter,

indem sie gemeinnützigen Organisationen

und öffentlichen Projekten unentgeltlich

beratend zur Seite stehen.

men in Berührung kommt. Sie verdanke es

auch ihrem Engagement bei Innovage,

dass sie jetzt zu ihrem Alter stehen könne.

Zuvor assoziierte sie Altwerden mit Passivität.

Bei Innovage traf sie dann aber auf andere

Seniorinnen und Senioren, die interessiert,

engagiert und vif waren.

Humanere Geburtsvorbereitung

Das ist auch Cécile Malevez: Ihre Augen

sind wach, sie redet schnell, gestikuliert dabei

mit Händen und Armen, manchmal

verwirft sie die Hände in der Luft. Etwa

dann, wenn sie von den «unvorstellbaren,

menschenunwürdigen» Zuständen erzählt,

die sie vor Jahren auf Geburtsabteilungen

in Bosniens Spitälern angetroffen hat: Gebärende

Frauen, die nebeneinander liegen,

ohne Sichtschutz zu vorbeilaufendem

Personal. Hebammen, die sich der Gebärenden

gar nicht erst vorstellen. Im Auftrag

der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit

(DEZA) und in Kooperation mit

einer lokalen Organisation hat Cécile Malevez

daraufhin in Bosnien eine Weiterbildung

für Hebammen aufgebaut. Dem Thema

Geburtsvorbereitung hatte sich Malevez

bereits vor dreissig Jahren in der

Schweiz angenommen. Denn als sie in den

70er Jahren selber schwanger war, wollte

sie ihren Partner in der Geburtsvorberei-

Zum Alter stehen

Die Idee gefiel Cécile Malevez: Die ausgebildete

Sozialarbeiterin liebt das Innovative

und Kreative, das Projektarbeit mit sich

bringt. Das kann sie nun als ehrenamtliche

Innovage-Beraterin in den unterschiedlichsten

Sparten anwenden. So denkt die

67-Jährige mit einer Interessengemeinschaft

über neue Modelle der Freiwilligenarbeit

von Senioren für Senioren nach.

Zum Beispiel über den Aufbau einer Genossenschaft,

in der man als fitte Seniorin

ältere, plegebedürftige Genossenschafterinnen

unterstützt. Cécile Malevez schätzt

es, dass sie durch Innovage mit neuen Thetung

dabei haben und dort «nicht bloss die

Bauchmuskeln trainieren». Dazu musste

sie von Sarnen nach Zürich reisen. Im dortigen

Geburtsvorbereitungskurs thematisierte

eine Hebamme auch die Veränderungen

in der Partnerschaft, dem Körper,

der Psyche. «Das ist es, was es braucht»,

fand Cécile Malevez. Sie liess sich zur Geburtsvorbereiterin

ausbilden – «damit die

Innerschweizerinnen dafür nicht länger

nach Zürich reisen müssen». Im Verlaufe

der Jahre bereitete Malevez dann selber

über 2000 Paare auf die Geburt ihres Kindes

vor. Später initiierte sie eine zweijährige

Ausbildung zur Geburtsvorbereiterin.

Diese wurde an der Fachschule Frau und

Gesundheit in Luzern angeboten, welche

Cécile Malevez mitgründete und fünfzehn

Jahre lang leitete.

Projekt in Bosnien

Diese initiative Art hat die 67-Jährige auch

nach ihrer Pensionierung nicht abgelegt.

«Schon wieder habe ich ein neues Projekt

am Hals». Lachfältchen überziehen ihr Gesicht,

als sie das sagt. Aus ihren Kontakten

in Bosnien etwa ist das Projekt «Phoenix»

entstanden: Frauen im bosnischen Sanski

Most häkeln, stricken oder nähen Produkte,

die vor Ort, aber auch in der Schweiz

verkauft werden, um ihr bescheidenes Einkommen

zu verbessern. Als Innovage-Beraterin

reist Cécile Malevez zweimal im Jahr

nach Bosnien, um die Projektleiterin zu

treffen. Sonst arbeitet sie meist von zuhause

aus. Fast wie früher. «Mit dem Unterschied,

dass ich am Morgen nicht vom Wecker

geweckt werde. Das ist herrlich.» •

Barbara Spycher

www.innovage.ch

36 ZeSo 1/11 porträt


Jetzt aktuell











MAS Prävention und Gesundheitsförderung – Start September 2011

CAS Arbeitsintegration Grundlagen und Modelle – Start Mai 2011

CAS Mediation Grundlagen – Start Mai 2011

CAS Jugendstrafverfolgung – Start August 2011

CAS Kindesschutz im freiwilligen und gesetzlichen Kontext – Start Oktober 2011

Abend der Weiterbildung – 21. März 2011

Verantwortung als Chance – Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und

Non-Profit-Organisationen – 30. März 2011

Kongress Lösungsorientierung – Alles neu gelöst? – 7./8. April 2011

Tagung Europa Forum Luzern – 9. Mai 2011

Luzerner Tagung zum Sozialhilferecht – 18. Mai 2011

Alle Informationen und Angebote unter www.hslu.ch/weiterbildung-sozialearbeit

Immer aktuell informiert: www.hslu.ch/newsletter-sozialearbeit

Master of Arts in Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Soziale Innovation

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Sehen Sie sich künftig in der forschungsbasierten Entwicklung und praktischen Umsetzung von

innovativen Methoden, Verfahren und Programmen in der Sozialen Arbeit und der Sozialpolitik?

Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW macht Ihnen das Angebot, sich in einem konsekutiven Master-

Studium die dafür notwendigen Kompetenzen anzueignen. Dieses Master-Studium wird in Kooperation

mit der Evangelischen Hochschule Freiburg i. Br. und der Universität Basel angeboten.

Vollzeitstudium (3 Semester) und Teilzeitstudium (bis 6 Semester) möglich. Semestergebühr: CHF 700.–.

Bestellen Sie den Studienführer unter masterstudium.sozialearbeit@fhnw.ch

Tel. +41 (0)62 311 95 27 oder unter www.masterstudium-sozialearbeit.ch

Fachhochschule Nordwestschweiz | Hochschule für Soziale Arbeit | Riggenbachstrasse 16 | CH-4600 Olten


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in der öffentlichen Verwaltung und in Nonprofit-Organisationen

Certificate of Advanced Studies CAS Kindesschutz

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Durchführung: 24 Studientage, August 2011 bis Juli 2012, Code: C-KIS-1

Certificate of Advanced Studies CAS Systemische Beratung mit Einzelnen und Gruppen

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Durchführung: 25 Studientage, August 2011 bis Juli 2012, Code: C-MET-3

Ausführliche Informationen zu diesem und weiteren Angeboten finden Sie auf unserer Website.

Geben Sie die Code-Nummer ein, und Sie gelangen direkt zum betreffenden Weiterbildungsangebot.

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FHS St.Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit

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