Aufrufe
vor 11 Monaten

Norderland Ausgabe 01 | 2018

NORDERLAND Text: Anna

NORDERLAND Text: Anna Sophie Inden, Fotos: wikipedia / SKN-Archiv FLUCHT ÜBERS MEER Ende 1978 kamen 151 vietnamesische Flüchtlinge in Ostfriesland an, denen Tausende folgen sollten. In Norden-Norddeich fanden sie eine zweite Heimat – ihre Inte gration gilt als beispielhaft in Deutschland. Bis zum 8. April lässt eine Sonderausstellung im Ostfriesischen Teemuseum Norden Zeitzeugen zu Wort kommen und zieht Vergleiche zur aktuellen Flüchtlingskrise. Am 11. Dezember 1978 kommen die ersten Boatpeople im Haus Nazareth in Norden-Norddeich an. Zuvor hatte Ministerpräsident Ernst Albrecht beschlossen, 1000 Flüchtlinge aus Südvietnam in Niedersachsen aufzunehmen. Links: Eines von vielen erschreckenden Bildern, die um die Welt gingen, stammt von Phil Eggman. Es zeigt 35 Flüchtlinge auf einem Fischerboot 350 Meilen nordöstlich von Cam Ranh Bay. Nach acht Tagen auf See werden sie von der „USS Blue Ridge“ gerettet. Was ist das Wichtigste in Ihrer Fluchttasche?“, steht mit Kreide auf der Tafel im Ausstellungsraum geschrieben. Es ist kaum vorstellbar, was man mitnehmen würde, auf eine Reise ins Ungewisse, ohne Chance auf Rückkehr. Was ist notwendig? Was erinnert in der Fremde an zu Hause? Und vor allem: was passt überhaupt in die eilig gepackte Tasche? Unter der Frage sind die Antworten der Besucher zu lesen. Ausweis und Geld. Fotos. Taschenmesser. Handy. Kekse. Mein Hamster. Zahnbürste. Ein Wörterbuch. Die Familie. Wechselkleidung. Medikamente. Tee und Sahne. Bier. Ganz unten auf der Liste steht, was wohl jeder Flüchtling mit sich trägt: Hoffnung auf Sicherheit. Als Kim Tan Dinh sich entschließt, mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern Südvietnam zu verlassen, hat er einen kleinen Spiegel dabei. Es ist keine eilige Flucht, sondern eine wohlüberlegte. Rund ein Jahr haben die Vorbereitungen gedauert. Das Boot, das die Familie an sichere Ufer bringen soll, ist selbstgebaut. Kim Tan Dinh flieht nicht das erste Mal. Schon 1954, als er vier Jahre alt ist, ziehen seine Eltern wie 800 000 andere Katholiken vom kommunistischen Norden in den Süden Vietnams. Als im April 1975 nordvietnamesische Truppen Saigon einnehmen, ist es das Ende des zehn Jahre währenden Vietnamkriegs, das Ende der letzten, besonders grausamen Phase eines rund dreißigjährigen bewaffneten Konflikts. Doch den vermeintlichen oder tatsächlichen Anhängern des südvietnamesischen Regimes droht jetzt Verhaftung, Folter und Hinrichtung. Kim Tan Dinh, der in der Armee Südvietnams gedient hatte, kommt in ein Umerziehungslager, ebenso wie sein Vater und sein Bruder. Die Familie wird enteignet, verliert ihr Haus. Nach drei Monaten darf er das Lager verlassen, die Entscheidung zur Flucht steht längst fest. Und die Entscheidung, einen kleinen Spiegel einzupacken, wird Leben retten. Nach vier Tagen auf See gelingt es Kim Tan Dinh, einen Piloten der amerikanischen Pazifikflotte auf sich aufmerksam zu machen, indem er mit dem Spiegel die Sonne reflektiert. Er, seine Frau und seine Kinder werden von der Cap Anamur aufgenommen, einem zum Hospitalschiff umgebauten Frachter. 1980 erreicht die Familie Deutschland und findet im Sozialwerk Nazareth in Norddeich Zuflucht. „Von Vietnam nach Ostfriesland – Ankunft und Aufnahme der Boatpeople in Norden-Norddeich“ lautet der Titel der aktuellen Sonderausstellung im Ostfriesischen Teemuseum in Norden. Sie erzählt die Geschichten jener Menschen, die vor Verfolgung, Unterdrückung, Gewalt und Hunger aus Südvietnam flohen. Der Spiegel von Kim Tan Dinh ist Teil der Ausstellung – eines von vielen besonderen Stücken, die für ihre Besitzer von unschätzbarem Wert sind. 4

NORDERLAND Heute wie damals kommen Boatpeople übers Meer. Beim Einsatz des Seenotkreuzers Minden vor der Küste Mytilinis werden 57 Menschen von einemSchlauchboot etwa 1,5 Seemeilen von der Küste entfernt gerettet – davon 20 Kinder. Beim Einsatz in der Ägäis helfen auch Ostfriesen. 1,6 Millionen Menschen versuchten nach Ende des Vietnamkrieges und verstärkt seit 1978 einen der Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres über den Seeweg zu erreichen. In viel zu kleinen, unter der Last zu vieler Menschen schwankenden Booten wollten sie in die USA, nach Kanada oder Australien gelangen. Damals wurde der Name „Boatpeople“ geprägt, er ist bis heute auch im deutschen Sprachgebrauch verankert. Fast 250 000 Vietnamesen überlebten die Flucht nicht. Sie ertranken, verdursteten oder wurden von Piraten angegriffen, blieben mitsamt der Hoffnung im Gepäck auf See. Die Bilder der Verzweifelten gingen um die Welt. So wie das des Frachters Hai Hong, der im Oktober 1978 mit 2517 Flüchtlingen an Bord nach wochenlanger Irrfahrt vor Malaysia lag. In Indonesien und Singapur waren die Hilfesuchenden bereits abgewiesen worden. Es war auch jenes Bild, das im Dezember 1978 den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht veranlasste, die Aufnahme von 1000 Vietnamesen in seinem Bundesland zu organisieren. Schnell und unbürokratisch. Einer der wichtigsten Orte für die Betreuung wurde die Freizeit- und Heimstätte Nazareth in Norddeich. Am 11. Dezember 1978 kamen die ersten Flüchtlinge dort an; bis September 1999 sollten 3155 Vietnamesen in Norddeich Zuflucht finden – und eine neue Heimat auf Zeit. Und warum jetzt, Jahrzehnte später, diese Ausstellung? „Auslöser waren einige Spiegel-Titel aus dem Jahr 2015“, sagt Dr. Matthias Stenger, Leiter des Ostfriesischen Teemuseums in Norden. Diese hängen gerahmt am Eingang der Ausstellung. Die Schlagzeilen: „Erbarmungslos – das tödliche Geschäft der Schlepper-Mafia“, „Mutter Angela – ihre Politik entzweit Letzte Handgriffe vor der Eröffnung Ende September 2017: Museumsleiter Dr. Matthias Stenger und Cornelia Kruse von der Conerus- Schule haben die Ausstellung gemeinsam mit Schülern erarbeitet. Deutschland“ und schließlich „Kontrollverlust – Deutschland im Ausnahmezustand“. Das Magazin Focus ergänzt die Reihe mit „Die Wahrheit über falsche Flüchtlinge“. 2014 stieg die Zahl jener, die auf der Mittelmeerroute nach Europa flüchteten, dramatisch an. Im Folgejahr kamen noch mehr Flüchtlinge, nun vor allem über den Balkan. 2015 suchten mehr Menschen denn je aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern in Deutschland Asyl. „Die Flüchtlingskrise ist bis heute beherrschendes politisches Thema“, sagt Matthias Stenger. Auch beobachtet er, dass es den hitzig geführten Diskussionen in dieser Sache oft an Sachlichkeit fehlt. „Ich habe mich gefragt: Wie können wir als Museum einen Beitrag leisten, das zu ändern?“ Da lag es nahe, als Norder Museum die Geschichte der Boatpeople zu erzählen. Von allen im Zeitraum von 1978 bis 1999 in Niedersachsen aufgenommenen Vietnamesen fanden deutlich mehr als die Hälfte zunächst in Norddeich Zuflucht. „Die Integration dieser Flüchtlingsgruppe gilt als die erfolgreichste in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, sagt Stenger. „Nach dem ersten Jahrzehnt konnten die meisten Exilanten ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, standen fest im Berufsleben, die Kinder besuchten oft Gymnasien.“ Gradmesser für Integrationserfolg sind Erwerbssituation und Bildungsteilhabe. Sperrige Begriffe, denen die Interviews mit 2016 war die Flüchtlingskrise beherrschendes Thema in Politik und Medien. So waren einige Zeitschriften-Titel der Auslöser für die Ausstellung im Teemuseum. Das Ziel des Museumsleiters Dr. Matthias Stenger: die Diskussion um Flüchtlinge in der Bundesrepublik zu versachlichen. Die Auseinandersetzung mit dem Beispiel gelungener Integration soll Anregungen bieten für aktuelle Herausforderungen. Geflüchteteten Leben einhauchen: Da ist zum Beispiel Van Quang Hong, dessen Vater 1981 aus Vietnam nach Norden floh. Van Quang Hong wurde hier geboren, hat Abitur gemacht und eine Ausbildung bei der Sparkasse. Seit der Kommunalwahl 2016 ist er Mandatsträger im Rat der Stadt Norden. „Eine Ehre, dass ich gewählt worden bin“, sagt er. Zweimal ist er bisher in Vietnam gewesen, um seine Wurzeln kennenzulernen. Die Interviews sind Kern der Sonderausstellung. Neben den Geflüchteten kommen nachgezogene Familienangehörige, Mitarbeiter des Sozialwerks Nazareth, Deutschlehrer, ehrenamtliche Helfer und andere Zeitzeugen zu Wort. „Die Aufnahme der Boatpeople war ein Jobmotor“, sagt Matthias Stenger. Die Kreisvolkshochschule Norden zum Beispiel profitierte vom Vietnamprojekt, schuf unbefristete Stellen für Deutschlehrer und übernahm nicht nur den Bereich der Erwachsenenbildung sondern auch den Unterricht schulpflichtiger Kinder. „Wir haben längst nicht nur Unterricht gemacht, sondern ganz viel soziale Arbeit, wir haben ganz viel mit den Menschen zusammen gelebt“, erinnert sich Irene Steffens, die damals die Projektleitung für den Deutschunterricht inne hatte. Und wie so viele hat sie die Arbeit mit den Flüchtlingen aus Vietnam als große Bereicherung empfunden. 5

Norderland
NORDERLAND
Norderland 1 | 2014
Heimatverein Norderland e. V. - Tee Museum
PREGARTEN präsent Ausgabe 01/2018
hier daheim - Ausgabe 01/2018
KURT 01/2018