Toraja - die Kunst des Lebens mit dem Tod

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Die Toraja leben im Hochland Sulawesis. Ihr Verhältnis zum Tod und den Verstorbenen ist ungewöhnlich, vielleicht einzigartig.

Toraja

Die Kunst des Lebens mit dem Tod

von Collin Key


Toraja - Die Kunst des Lebens mit dem Tod

Das ist Gonna. Gonna ist ein Toraja-Mädchen und lebt in Tana Toraja, dem zentralen

Hochland im Süden Sulawesis. Als ich so klein war wie Goona, hieß diese indonesische

Insel noch Celebes und lag - aus unserer Sicht - am Ende der Welt. Keine

Touristen verirrten sich in dieses tropische Reich, nur ein paar Ethnologen und

Abenteurer hatten die Toraja besucht. Etwa

die französische Weltreisende Élisabeth Sauvy,

die 1934 ihren Reisebericht „Eine Frau

unter Kopfjägern“ veröffentlichte. Sie alle berichteten

von bizarren Riten und Totenkulten.

Aber inzwischen wissen wir, dass die Welt

rund ist und kein Ende hat. Gonna wird wie

Kinder überall mit Smartphone und Internet

aufwachsen. In der Schule wird sie Mathe-


matik und fremde Sprachen lernen. Gonna ist ein kleiner Wirbelwind voller Energie

und Neugierde. Das Kind einer modernen Welt.

Und doch ist ihre Heimat etwas ganz besonderes. Die Abenteurer von einst haben

sich ihre Geschichten nicht gänzlich ausgedacht. Gonna lebt in einem Haus namens

Maruang, dessen Giebel geformt sind wie die beiden Enden eines Büffelhorns.

Die Toraja nennen diese Häuser

tongkonan und halten sie in höchsten

Ehren, denn es sind die Häuser

der Ahnen. Das Umschlagbild zeigt

Gonna unter den Dächern ihres heimischen

tongkonan, gleichsam unter

dem Schutz all ihrer Vorfahren.

Auch wenn diese längst verstorben

sind, so sind die Toten doch immer

noch ganz nah und ein Teil des Lebens

von Gonna und ihrer Familie.

Von Ne‘ Yayu, dem Ältesten aus


Gonnas Familie, haben wir - mein Sohn Robert und ich - die Erlaubnis erhalten, für

einige Zeit im tongkonan zu wohnen und Maruang als Basis für unsere Erkundungen

der wundersamen Welt der Toraja zu nutzen.

Oft wartet Gonna schon auf uns, wenn wir am späten Nachmittag von unseren Exkursionen

nach Maruang zurückkehren. Freudig und aufgeregt empfängt sie uns,

voller Erwartung auf die neuen Fotos, die ich heute mitgebracht habe. Gemeinsam

setzen wir uns auf die Veranda unseres tongkonan und betrachten die Bilder.

Zu jeder Szene weiß Gonna etwas zu erzählen, sie plappert ohne Pause - in einer

Sprache, die ich leider noch nicht verstehe. Was das kleine Mädchen aber am meisten

fasziniert, sind nicht die Landschaften, Dörfer und Menschen, sondern die Bilder der

Friedhöfe, der Felsen- und Höhlengräber ihrer Ahnen.

„tongkonan orang mati“ ruft sie - die Häuser der Toten.

Särge, Schädel, Knochen - für Gonna hat dies offensichtlich alles keinen Schrecken.

Immer wieder drängt sie mich, ihr diese Aufnahmen zu zeigen.

Und so beginnen wir diese fotografische Reise im Reich der Toten.


Tongkonan Orang Mati

Die Ahnen empfangen uns am Eingang der Begräbnisgrotte von Tampangallo als

ein wilder Haufen von Knochen und Totenschädeln. Den Besucher, der hier unvorbereitet

eintritt, mag wohl ein kalter Schauder befallen und die Erinnerung an Berichte

von Kopfjagd

und anderen grausigen Praktiken.

Bestattet man so seine

eigenen Toten? Oder nicht

eher die Feinde?

Aber es sind tatsächlich

die eigenen Ahnen. Und

wie sehr man sich ihnen immer noch verbunden fühlt, zeigen die Zigaretten,

die verstreut zwischen den Knochen liegen. Es sind Gaben der Besucher, damit

die Verstorbenen auch im Jenseits nicht auf den typischen aromatischen Nelkenduft

indonesischer Kretek-Zigaretten verzichten müssen.

Ursprünglich lagen die Toten einbalsamiert in Tropenholzsärgen. Aber wenn die

Mumien nach vielen Jahren verwest sind, werden die restlichen Gebeine in der Höhle

verteilt um neuen Platz für die zu schaffen, die noch kommen werden.…


Und dann treffen wir die Toten auch ganz persönlich: In einer Nische stehen sie und

blicken mit runden und scheinbar staunenden Augen auf uns herab. Es sind die tautau,

lebensgroße Holzfiguren der Verstorbenen.

Unter ihnen - ein Franzose! Kurze Hose, Schnurbart, helle gescheitelte Haare - fehlt

nur das Baguette. Oder täusche ich mich total? (2. Figur von rechts)

Die amerikanische Ethnologin Kathleen Adams beschreibt in ihrem Buch (Art as

Politics, 2006 University of Hawai‘i Press) ihre erste Begegnung mit den tau-tau in

Begleitung zweier Jungs aus dem Dorf Ke‘te‘ Kesu‘:

„Während Siu einen Knochen aufhob und ihn gedankenlos in seinen Händen drehte

wies Lendu auf eine der Figuren... ‚Das ist Großmutter Ne‘ Lele. ... Sie tat uns leid, so

in alte Lumpen gehüllt mit halb nackten Brüsten, drum hat Mama ihr einen Pullover

übergezogen.“

Lendu stellte der Ethnologin noch viele weitere seiner längst verstorbenen Vorfahren

mit Namen vor. Für ihn war der Besuch dieser Grotte eine Art Familientreffen,

mit den (Ur-)Großeltern.

Nach traditioneller Ansicht der Toraja beherbergen die tau-tau den Geist der Toten,


sie sind bombo dikita, sichtbare Seelen. Regelmäßig werden sie von ihren lebenden

Verwandten besucht, man bringt ihnen Zigaretten und auch den ein oder anderen

Geldschein, berichtet von den neuesten Ereignissen in der Familie.

95% der Toraja aber sind Christen, eine Folge der Mission durch die einstigen holländischen

Kolonialherren. Die vorwiegend calvinistisch geprägte Kirche argwöhnt,

es könne sich bei diesen Plauderein um ganz unchristlichen Aberglauben, ja Götzendienst

handeln und so wurden die tau-tau verdammt. Priester weigerten sich Begräbnisse

zu besuchen, wenn dort eine der Holzfiguren aufgestellt wurde. Die Toraja

konterten, dass es dabei nicht um religiösen Glauben (aluk) gehe, sondern um eine

alte Tradition (adat), die sie nicht aufgeben würden. Schließlich einigte man sich darauf,

sie Statuen lediglich zur Erinnerungen an die Verstorbenen zu nutzen

In einem auf Hundefleisch spezialisierten Lokal kommen wir mit einem einheimischen

Priester ins Gespräch. Als Katholik hat er mit Statuen kein großes Problem,

wohl aber mit den ausufernden Begräbnissen. „Die können eine Familie finanziell

ruinieren und trotzdem halten die meisten daran fest. Meine Brüder und Schwestern

sind eben äußerst dickköpfig.“ Eine Eigenschaft, denke ich, die zum Überleben der

Toraja Kultur nicht unwesentlich beigetragen haben dürfte.


Einer der eindrucksvollsten

Anblicke in Tana

Toraja ist der Begräbnisfelsen

von Lemo. Zahlreiche

Grabkammern sind in

den Stein gehauen, davor

stehen still und in langen

Reihen die tau-tau und

blicken ins Tal hinab.

An anderen Orten aber

kamen die Ahnen hinter

Gitter, eine Art postmortale

Sicherungsverwahrung:

Diebstahl ist zum Problem

geworden, seit auch der

Antiquitätenhandel den

Wert der tau-tau entdeckt

hat.


Das bizarrste Ritual der Toraja ist - jedenfalls aus unserer fremden Sicht - zweifellos

ma‘nene‘, die Neueinkleidung der Toten und ihrer tau-tau. Hierfür werden die Gräber

geöffnet und die mumifizierten Verstorbenen aus ihren Särgen geholt. Gemeinsam

mit ihren noch lebenden Verwandten dürfen sie dann feiern, ein fröhliches Wiedersehen

der Familien. Der Tod ist ein Teil des Lebens - hier gilt dies ganz konkret. In

sauberen neuen Kleidern werden die Ahnen in ihr Grab zurückgelegt. Am folgenden

Tag werden auch die tau-tau neu eingekleidet.

Man sagte uns, in Londa werde ma‘nene‘ gefeiert, aber als wir eintreffen, ist der spektakuläre

erste Tag schon vorbei. Ein Versehen oder Absicht, um dem Ansturm der

Kameras zu entgehen - ich weiß es nicht. In

der Regel sind Besucher und auch Touristen

bei allen Festen willkommen.

Die Journalistin Amanda Bennett hatte zur

selben Zeit, im Herbst 2015, die Gelegenheit

ein ma‘nene‘ zu besuchen. Ihren Bericht

kann man in der online-Ausgabe von National

Geographic nachlesen.


Das Kindergrab

Für die Allerkleinsten haben die Toraja eine ganz eigene Art der Bestattung: im

Stamm eines großen Baumes.

Für die Toraja sind die Bereiche der Götter, der Menschen und der Geister ganz reale

Räume in dieser Welt und keine abstrakten, transzendenten Orte wie Himmel und

Hölle für moderne Christen. Im Osten ist das Reich der Götter, im Norden das der

lebenden Menschen, im Westen sind die Toten und im Süden die unsichtbaren Geister.

Bei seiner Geburt kommt der Mensch vom Osten in den Norden, wenn er stirbt,

ist er im Westen und durch das Fest der Beerdigung geleiten seine Angehörigen ihn

schließlich nach Süden.

Stirbt ein Baby aber, bevor ihm Milchzähne gewachsen sind, so ist es noch gar nicht

ganz im Norden angekommen und folglich schickt man es nicht auf die lange Reise

in den Süden, sondern legt es in einen Baum, damit dieser es sanft zurückführe ins

östliche Land der Götterwesen.


Die Beerdigung

Sein Lieblingsbüffel wurde ihm zum Verhängnis. Irgendetwas musste das Tier irritiert

haben. Ein Moment der Unachtsamkeit, eine plötzliche Bewegung und das

spitze Horn des Tieres traf ihn tödlich. So erzählte es uns Lisa, unser Führer, der uns

auf die Beerdigung begleitete, bei der – morbide Ironie der Geschichte – zahlreiche

Wasserbüffeln nun ihrerseits das Leben verlieren würden.

Drei Monate waren seit jenem Unfall vergangen, ein viertel Jahr, das der Tote zu

Hause in seinem Bett verbrachte. Man hatte ihn mumifiziert um den Verwesungsprozess

zu stoppen. Ansonsten aber behandelte man ihn wie einen Kranken, einen,

der zwischen dem Norden und dem Westen steht, dem Bereichen des Lebens und

des Todes.

Daran ist nichts ungewöhnlich in Tana Toraja, manche Toten verweilen Jahre im

Haus der Familie, bevor diese bereit zu einer Beerdigung ist, welche in der Rege zwischen

drei und sieben Tage währt und enorme finanzielle Mittel erfordert. Es braucht

Zeit, bis diese beschafft sind. Oft braucht es aber auch einfach Zeit um bereit zu sein,


den Verstorbenen auf seine weite Reise zu verabschieden.

Und so liegt der Tote noch lange in seinem Bett, man bringt

ihm Essen und Trinken, plaudert mit ihm, lässt ihn Teil haben

am alltäglichen Leben der Familie.

Wenn der Termin der Beerdigung aber schließlich gekommen

ist, dann bahrt man den Leichnam vor dem heimischen

tongkonan auf und richtet ein rauschendes Fest aus. Tagelang

werden Gäste empfangen, wird gegessen, gesungen, getrauert

und gefeiert.

Nun ist der Verstorbene für alle sichtbar tatsächlich im

Westen, dem Ort des Todes, angekommen und die Feier ist

der Geleitzug, der ihn sicher von dort nach puya bringen

soll, dem südlichen Reich der Geister und aller Wesen, die

nicht von dieser Welt sind. Von dort mag er – so er denn wie

die Mehrheit aller modernen Toraja die Religion der einstigen

holländischen Kolonialherren angenommen hat – dann

auch aufsteigen in einen christlichen Himmel.


Als erstes werden die Geschenke auf den Platz getragen: Schweine, an lange Bambusstäbe

gefesselt. Noch leben sie und ahnen nichts Gutes, doch ihr angstvolles Quieken

wird von der lautsprecherverstärkten Stimme des Zeremonienmeisters übertönt,

der mit professioneller Dramatik die Ankunft der wichtigen Gäste vermeldet und

detailliert deren Beitrag zur Feier aufzählt. Alles wird ordentlich in einem großen

Buch vermerkt, damit die Trauerfamilie sich zu späterer Gelegenheit angemessen revanchieren

kann. Beamte sind anwesend, um die nötigen Steuerpapiere auszufüllen.

In langen Reihen betreten die geladenen Familien den Platz, fein herausgeputzt und

angeführt von den wichtigsten Mitgliedern umrunden sie in würdevollen Schritten

den Kreis der Schweine. Der Zug ist streng hierarchisch geordnet. Ganz am Schluss

folgen die Arbeiter, wie man heute sagt. Früher, bevor die Regierung das Wort und

die Sitte verbat, nannte man sie Sklaven. Die Gesellschaft der Toraja ist keineswegs

egalitär, sondern in drei Stände - Adel, Freie und Arbeiter - unterteilt.

Einige Männer haben sich in einer großen Runde formiert und stimmen einen klagenden

Trauergesang an, der aber ebenfalls im dramatisierenden Gebrüll des Ansagers

unterzugehen droht. Trauer und ausgelassene Fröhlichkeit gehen eine für uns

ungewohnte Verbindung ein. Ein höchst lebendiger Jahrmarkt des Todes.


In Ermangelung eines Schweins oder gar eines Büffels überreichten wir eine Stange

indonesischer Nelkenzigaretten als Gastgeschenk, woraufhin wir auf eines der den

Platz umgebenden Bambuspodeste eingeladen wurden. Die dort versammelten Besucher

rücken freundlich zusammen um uns Platz zu verschaffen. Gleich werden wir

mit Tee, Bananenchips und Zigaretten bewirtet, Reis und in Bambusrohren gegartes

Schweinefleisch wird folgen.

Alle um uns herum sind vergnügt

und freundlich und geben

uns das Gefühl, hier wie jeder

Gast willkommen zu sein. Man

ermuntert uns sogar, uns in eine

der förmlichen Prozessionen

einzureihen und der trauernden

Familie zu kondolieren.

Die Toraja lieben ihre Beerdigungen.


Der Höhepunkt einer jeden Beerdigung ist das Opfer der Wasserbüffel.

Die Hörner der geopferten Tiere werden später das

heimische tongkonan zieren und zu dessen Ansehen und Würde

beitragen.

Das Dorf Bori ist berühmt für seine Steinkreise, die hier wohl

bis ins 19. Jhrh. zur Erinnerung an große rituelle Ereignisse aufgestellt

wurden. Zufällig trafen wir hier auf die Trauerfamilie einer

Beerdigung und nach einem netten Gespräch und ein paar

Portraitaufnahmen wurden wir für den nächsten Tag zum Büffelopfer

eingeladen.

Natürlich haben wir die obligatorische Stange Zigaretten dabei,

als wir eintreffen, was sich jedoch als überflüssig erweist: Wie

alle Touristen werden wir an eine Kasse geleitet, um unsere Eintrittskarten

zu kaufen!

Das heißt aber keineswegs, dass Touristen nicht willkommen

wären auf Beerdigungen. Eine gelungene Feier erhöht ganz wesentlich

das Prestige des tongkonan der Familie des Verstorbenen,


und gelungen ist ein Fest, wenn viele

Gäste kommen, auch fremde Reisende.

1986 fand im Dorf Ke‘te‘ Kesu‘ die Beerdigung

Ne‘ Dumas statt, einer weithin

bekannten Autorität der Toraja. Zehntausende

Menschen namen damals an

den Feierlichkeiten teil, die sich über

zehn Tage hinzogen. Auf dem 300 km

entfernten Flughafen von Makassar

verteilte das Tourismusministerium

Flugblätter an Reisende, auf denen in

mehreren Sprachen auf das „einmalig

Ereignis“ hingewiesen wurde.

Kathleen Adams hatte lange bei Ne‘

Duma gelebt und wurde als Tochter des

Hauses angesehen. Anlässlich der Be-

Ne‘ Dumas tau-tau in Ke‘te‘ Kesu‘


erdigung bat man sie, den fremden Gästen die kulturelle Bedeutung des Büffelopfers

zu erklären, denn man war sich wohl bewusst, dass moderne Menschen Tieropfern

meist mit Abscheu begegnen. Das Wort einer Anthropologin, so die Hoffnung, würde

Gewicht haben und verhindern, dass man selbst als rückständig angesehen werde.

Tatsächlich sind Wasserbüffel die absoluten Lieblingstiere aller Toraja. Sie werden

gehegt und gepflegt und müssen keinerlei Feldarbeit verrichten. Der durchschnittliche

Preis liegt bei 1.500 US Dollar, besondere Prachtexemplare werden zum Wert

eines Luxusautos gehandelt. Allein die

Tieropfer einer Beerdigung können ein

Vermögen kosten.

„Ihr gebt euer Geld für Reisen aus, wir

sparen es für unsere Beerdigungen,“ sagte

mir eine junge, gebildete Frau. Mit fast

denselben Worten, so berichtet Adams,

warb auch ihre Familie um Verständnis

für den enormen finanziellen Aufwand

für Ne‘ Dumas Begräbnis.


Das Büffelopfer ist eine blutige Angelegenheit. Die Tiere werden mit einem glatten

Schnitt durch die Kehle getötet. Danach vergehen lange Sekunden, bevor das Tier

schließlich begreift, was geschieht. Manche Büffel werden dann wütend und beginnen,

sich mit all ihrer Kraft gegen das Schicksal aufzubäumen. Ein riskanter Moment

für den Tierführer, aber auch für die sich dicht herandrängenden Zuschauer. Die werden

sogar durch eine

Durchsage auf Englisch

vor der Gefahr

gewarnt.

Weder dies noch die

Abscheu vor blutigen

Tieropfern aber

können

verhindern,

dass sich die Touristen

nach vorne drängen

und schubsen um

das beste Foto zu erhaschen.


Tongkonan

Das tongkonan ist weit mehr als ein Haus. Es

ist der Kristallisationspunkt der sozialen Strukturen

der Toraja Gesellschaft. Man definiert sich

und seine Stellung über die Zugehörigkeit zu einem

tongkonan.

Eine tatsächliche Blutsverwandtschaft ist dafür

nicht einmal zwingend nötig. Kathleen Adams,

die Ethnologin, wurde während ihrer Forschungsaufenthalte

in Ne‘ Dumas tongkonan in

Ke‘te‘ Kesu‘ aufgenommen. Jahre später traf sie

in Amerika einen Toraja. Die beiden versuchten

zu klären, ob sie gemeinsame „familiäre“ Beziehungen

hatten. Dabei, so berichtet sie, fielen

keine Namen von Personen, sondern sie klärten


ausschließlich, mit welchen tongkonan sie verbunden waren.

Das tongkonan steht auch im Mittelpunkt vieler Riten und Feste. Wie die Beerdigungen

sind diese häufig mit hohem finanziellen und organisatiorischen Aufwand

verbunden, die von allen nahen und fernen Angehörigen des tongkonan nur gemeinsam

bewältigt werden können. Dieser Einsatz ist für die Zugehörigkeit mindestens

so wichtig wie verwandtschaftliche Beziehungen.


Somit schafft das tongkonan eine Gemeinschaft unter den Menschen, und mehr

noch: es verbindet die Lebenden mit ihren Toten. Denn jedes tongkonan hat eine eigene

Ahnenreihe und die ältesten und angesehensten können diese zurückführen

bis zu jener Zeit, als die ersten Toraja auf einer riesigen Leiter aus Stein vom Himmel

herabstiegen um in den tropischen Bergwäldern Sulawesis zu siedeln.

„Wir werden unsere Kultur nur dann nicht verlieren, wenn wir wissen, wer wir sind,“

sagte Lisa gleich auf unserer ersten Exkursion. Lisa lebt davon, den Touristen seine

Welt zu erklären und es wird schnell deutlich, dass ihm dies ein sehr persönliches

Anliegen ist. „Mindestens sechs Generationen zurück musst du alle Namen und Beziehungen

kennen. Das war ein schweres Stück Arbeit für mich, aber nur so kannst

du deine Identität bewahren, gerade heute, wo so vieles neu ist und sich alles ändert.“

Neu dürfte auch der Begriff „Identität“ sein, ein Lieblingsthema der ethnologischen

Literatur. Dass Lisa ihn verwendet zeigt wohl, wie die Theorien der (zahlreichen)

Ethnologen in Tana Toraja zurückwirken auf die Kultur, welche sie zu beschreiben

versuchen.

Ein typisches Toraja Dorf besteht aus zwei Häuserreihen mit einem freien Platz dazwischen. Die Reihe der tongkonan,

deren Giebel stets nach Norden weisen, wird gespiegelt von den kleineren alang, den Reisscheunen.


Und ähnlich gilt dies auch

für uns Touristen. Die Gesellschaft

der Toraja ist feudal

und gliedert sich in drei

Stände: Adel, Freie und Arbeiter.

Die großen Beerdigungen

mit ihren Büffelopfern

waren stets eine Sache

des Adels und der Freien.

Ebenso der Bau von tongkonan,

wohingegen tau-tau

ebenso wie die üppigen Ornamentverzierungen

der

Häuser dem Adel vorbehalten

blieben.

Für die touristische Vermarktung

aber ist all dies

„typisch Toraja“, was unter


anderem zur Folge hat, dass sich heutzutage

wohl die meisten Toraja gleich welchen Standes

mit diesen Symbolen identifizieren. Führt

dies zu einem Bruch der Tradition, wird dadurch

die Kultur zur Folklore verwässert?

Kathleen Adams verneint dies. In ihrem

Buch weist sie vielmehr darauf hin, dass die

Offenheit für neue Einflüsse und der dynamische

Umgang mit der Tradition es den Toraja

gerade ermöglichen, ihre Kultur auch in

modernen Zeiten zu bewahren und zu leben.

Und nur so konnte das Christentum umarmt

werden, ohne die Religion und Tradition der

Ahnen zu verlieren.

Ein besonders altes und prächtiges tongkonan. Die vielen Hörner

stammen von Büffelopfern und erhöhen das Prestige des Hauses.

Der Wandschmuck zeigt, dass es sich um eine adlige Familie handelt,

deren Vorfahren wohl auch bei der Kopfjagd aktiv waren: Menschenschädel

liegen aufgereiht auf dem Sims unterm Giebel.


Die Hochzeit

Bei weitem nicht alles dreht sich bei den Toraja um den Tod und die Ahnen. Wir

haben von einer anstehenden Hochzeit gehört und fahren auf gut Glück in das Dorf.

Obwohl uns keiner kennt oder gar eingeladen hat, werden wir freundlich empfangen

und dürfen uns unter die übrigen Gäste mischen. Unser obligatorisches Geschenk allerdings

wurde mit einer Mischung aus Belustigung und Spott betrachtet: Zigaretten

sind offensichtlich den Beerdigungen vorbehalten.

Die Hochzeit ist zweifellos farbenprächtig, doch insgesamt recht formell, ja geradezu

steif. Nichts von der turbulenten Stimmung der Beerdigungen. Dem Einzug

des würdevoll gekleideten Brautpaars folgt eine kurze musikalische und tänzerische

Einlage und dann werden endlose Reden gehalten. Zum Abschluss werden die Gäste

bewirtet.

Mich erinnert mein Bild des stehenden Brautpaars immer an Fotos - man möge mir

verzeihen - vom jährlichen Kongress der chinesischen kommunistischen Partei.


Maruang Tongkonan

Als Lisa, unser Führer der ersten Tage, seine Verwandten in Maruang fragt, ob wir

für einige Zeit dort im tongkonan wohnen dürfen, ist die Meinung zunächst keineswegs

einheitlich. Fremde im Haus der Ahnen? Schließlich ist es Ne‘ Yayu, der Älteste,

der entscheidet, dass wir willkommen sind.


Wie auch viele andere tongkonan steht Maruang teilweise leer. Im unteren Bereich

hinter der Veranda wohnt Novita mit ihrer Tochter Gonna. Die übrige Familie aber

hat sich neue, komfortablere Häuser neben das alte Ahnenhaus gebaut, in denen es

sich besser, moderner leben lässt.

Wir können uns im oberen Stock des Tongkonan einrichten, dem traditionellen

Wohnbereich: ein großer, zentraler Raum, an den sich zu jeder Seite eine kleine Kammer

anschließt. Das schlichte Innere des Hauses steht in krassem Gegensatz zur reich

verzierten Fassade.

Niemand in Maruang spricht englisch,

auch nicht Novita, die als

Lehrerin für Japanisch an der örtlichen

Schule arbeitet. Die einzige,

die sich davon überhaupt nicht beeindrucken

lässt, ist Gonna, die ungehemmt

mit uns plappert.

Schade, dass ich ihre Geschichten

nicht aufschreiben kann.


Die Kinder beim Ballspiel.

Ab in die Schule


Lisa im Plausch mit

seinen Verwandten.

Großmutter röstet frischen

Kaffee


Danke

an Ne‘ Yayu‘ und die Familie

von Maruang Tongkonan


Toraja

Die Kunst des

Lebens mit

dem Tod

copyright 2016

Collin Key

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