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WISSEN Der Esel, der

WISSEN Der Esel, der wahre König der Tiere Wer seinen Mitmenschen beleidigen will, nennt ihn einen Esel. Das ist ganz und gar unsinnig. Ein Plädoyer gegen Vorurteile und für den Esel, das wichtigste Tier in der Kultur des christlichen Abendlandes. TEXT: KLAUS ZAUGG Eigensinn und störrisches Wesen – beides Charakterzüge des Esels – haben in den letzten 50 Jahren zwar eine gehörige Aufwertung erfahren. Spätestens seit 1968 ist der eigensinnige, störrische Querdenker salonfähig geworden. Aber das Image des Esels hat sich trotzdem nicht gebessert. Er gilt nach wie vor als dumm. Ein Esel bleibt ein Esel. Jahrhundertelang waren die Narrenkappen mit Eselsohren ausstaffiert. Langohrigkeit gilt als Makel. Das gute Gehör der Langohrigen wird als Zeichen der Feigheit und Furchtsamkeit gesehen. Mutige Angreifer, stellt man sich anders vor – nicht mit langen Ohren. Und des Esels Neigung zum Stehenbleiben, kombiniert mit fehlender Angriffslust wird ebenfalls negativ ausgelegt. Dabei muss noch lange nicht einem Angreifer zum Opfer fallen, wer stur stehen bleibt und nicht durchbrennt wie ein Pferd. Frühe zoologische Schriften berichten immer wieder von Eseln, die Wölfe und Bären mit Huftritten und Bissen in die Flucht geschlagen haben. Aber auch das hilft nichts. Esel bleibt Esel. Das ist umso erstaunlicher, weil wir mit gutem Recht behaupten dürfen, der Esel sei das wichtigste Tier der abendländisch-christlichen Kultur. Viel wichtiger als Löwe oder Pferd, Adler oder Taube. Der Esel spielt nämlich in der Bibel im Alten und Neuen Testament eine zentrale, eine faszinierende Rolle. Ein König auf einem Esel ist vor 2000 Jahren für die Menschen so wenig denkbar ZUSATZINFO Sprache der Ohren Esel haben nach der Geburt abgeknickte Ohren, deshalb nennt man geknickte Buchseiten auch Eselsohren. Seine Ohren zeigen seine Stimmung an. Hängende Ohren bedeuten Entspannung. Aufrechte Ohren signalisieren Wachsamkeit und Neugierde. Zur Seite gelegte Ohren zeigen Angst und Gefahr. Angelegte Ohren bedeuten Kampfbereitschaft, Drohung und Unzufriedenheit. wie heute ein Bonze auf dem Velo statt im Benz. Könige sind in diesen Zeiten mächtige Krieger hoch zu Ross. Jesus aber zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Nicht auf einem Pferd. Es ist am Palmsonntag der spektakulärste, vielleicht sogar der folgenschwerste Ritt der letzten zwei Jahrtausende. Was an der Verbindung von Reiter und Reittier liegt. Ein Friedensfürst, der auf einem friedlichen Tier reitet. Der gerechte, hilfreiche und demütige König – so beschreibt ihn der Prophet Zacharias im Alten Testament – braucht eben kein schnaubendes Streitross wie die anderen, die kriegstreibenden Herrscher und Feldherren seiner Zeit. Jesus wählt einen Esel und damit deutlich sichtbar ein Nicht- Streitross. Er ist kein Eroberer, zumindest keiner, der auf übliches Kriegsgerät zurückgreifen muss. Es ist der grösstmögliche Gegensatz zum grössten Feldherren, zu Alexander dem Grossen auf dem Streitross. Die Bibel und die christliche Tradition sind ohne Krafttiere wie Löwe, Bär, Adler, Stier oder Pferd denkbar – aber nicht ohne Esel. Die weihnächtliche Krippe ist nur mit dem Esel vollständig. Bei Lukas und Matthäus lesen wir: «Am dritten Tag nach der Geburt des Herrn verliess Maria die Höhle und ging in einen Stall. Sie legte den Knaben in eine Krippe und ein Ochse und ein Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.» Es ist dies eine Anspielung auf eine Textstelle aus dem Buch Jesaja, die moniert, dass das Volk Israel seinen Gott vergessen habe. Sie lautet: «Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe eines Herrn, Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht» Fotos: shutterstock.com/Rachele Totaro IT/Budimir Jevtic 14 s’Positive 1 / 2018

Esel haben eine besondere Stellung in der christlichen Kultur. Die frühen Kirchenväter haben diese Worte aus dem Buch Jesaja verbunden mit der Frage, ob Jesus von den Menschen erkannt wird oder nicht. Die scheinbar dummen Tiere Ochse und Esel haben Jesus erkannt und sind klüger als die Menschen, die trotz ihrer Vernunft dafür blind sind. Erst ab dem 5. Jahrhundert – nach dem Konzil von Ephesos – erscheint in den Darstellungen Maria an der Krippe. Ochse und Esel treten in den Hintergrund. Maria und das Kind werden zum Mittelpunkt des Weihnachtsbildes. Die Flucht von Maria und Josef nach Ägypten, die auch zur Weihnachtsgeschichte gehört, liess sich nur mit einem Esel bewerkstelligen. Und in den zehn Geboten wird der Esel ausdrücklich als Eigentum erwähnt, das es nicht vom Nächsten zu begehren gilt. In der Version im 2. Buch Mose heisst es: «Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.» ESELSMESSEN IM MITTELALTER Bis ins hohe Mittelalter wurden Eselsmessen gefeiert, bei denen der Priester auf einem Esel in die Kirche einzog und im Wechsel mit der Gemeinde «I-Ah» rief. Es wurde eine Hymne auf Esel gesungen. «Orientis partibus/adventavit asinus/pulcher et fortissimus». Der Esel also als «schön und äusserst stark» («pulcher et fortissimus») verehrt. Die Rolle des Esels im Alten Testament ist erstaunlich. Dort hat der Esel mehrere Auftritte, oft in Verbindung mit Angaben zu grossem Wohlstand: «Er besass siebentausend Stück Kleinvieh, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Esel, dazu zahlreiches Gesinde», lesen wir über den frommen Hiob. Der Esel war ein wertvolles Tier, ein Zeichen des Reichtums. Die bekannteste Eselstelle des Alten Testamentes ist die Geschichte des Sehers Bileam und seiner sprechenden Eselin im 4. Buch Mose, das uns über den Weg des Volkes Isreal von Ägypten durch die Wüste ins gelobte Land berichtet. Bileam wird von Balak, dem König der Moabiter, aufgefordert, das heranziehende Volk der Isrealiten zu verfluchen. Nach anfänglichem Zögern macht sich Bileam auf den Weg. Aber Gott, zornig geworden, schickt ihm einen feindlichen Engel mit Schwert entgegen – den allerdings nur der Esel sehen kann. Zweimal s’Positive 1/ 2018 15