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JOHANN SCHNEIDER-AMMANN

JOHANN SCHNEIDER-AMMANN Von ihnen hörte ich immer die Klage, der Kanton Bern höre hinter dem Tunnel von Burgdorf auf, und alles, was weiter östlich sei, werde vergessen. Irgendwann sagte ich dann diesen Grossräten, dass ich dieses Gejammere satt hätte. Ich engagierte mich. Heute bin ich der Meinung, dass sich in den letzten 30 Jahren einiges geändert hat. War dies damals der Zeitpunkt, als Sie in die Politik einstiegen? Nein. Ich kam damals aus Paris zurück und stieg in die Firma ein (Ammann AG in Langenthal / Red.) und führte diese bald darauf. Bevor Sie Bundesrat wurden, waren Sie ein grosser Wirtschaftskapitän im Oberaargau. Wie beurteilen Sie die Wirtschaftskraft dieser Region heute? Der Oberaargau ist gut unterwegs. Die aktuellen Zahlen sind mir heute zwar nicht mehr so geläufig, aber als WVO-Präsident liess ich dies seinerzeit einmal genau untersuchen. Die Wirtschaft ist mit kleineren, mittleren und grossen Unternehmen in allen Bereichen der Technologie – z. B. Medtech, Maschinenbau, Textil – gut strukturiert. So haben wir einen guten Risikoausgleich. Bei negativen Zyklen sind nie alle gleichzeitig betroffen. Den einen geht es gut, den anderen weniger. Der Oberaargau trägt überdurchschnittlich viel zum Export bei. Wir sind eine 17-Prozent-Region. Das heisst, dass 17 Prozent des Added Value (Wertschöpfung / die Red.) in den Export gehen. Im ganzen Kanton Bern sind es durchschnittlich lediglich 12 Prozent. Wir tragen also viel zur Internationalität der bernischen Wirtschaft bei. Die Wirtschaft im Oberaargau muss sich mit dem internationalen Kostenniveau messen und bewährt sich. Wir sind mit der Spitze unterwegs. Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven? Wir haben im Oberaargau eine gute Basis mit den Mittelschulen. Die Region ist verkehrstechnisch günstig gelegen, was allerdings das Risiko birgt, dass der Oberaargau zur Schlafregion verkommt. Es ist ja einfach, beispielsweise in Langenthal zu leben und in Luzern, Basel, Zürich oder Bern zu arbeiten. Doch wenn eine neue Firma mit neuen Ideen kommt, ist es möglich, die Fachkräfte in der Region zu rekrutieren. Zudem ist der Arbeitsmarkt in der Region aufnahmefähig. Ist irgendwo ein Abbau nötig, finden die betroffenen Arbeitnehmer verhältnismässig leicht wieder eine Stelle. Wir erinnern uns daran, dass Sie für die Einigkeit der Region eingetreten sind und die Handels- und Industrievereine Langenthal und Huttwil zusammengeführt haben. Ich war der erste Präsident des Wirtschaftsverbandes Oberaargau und führte damals die beiden regionalen Wirtschaftsverbände «Handels- und Industrieverein» und «Arbeitgeberverband» zusammen. Gleichzeitig nahmen wir die Huttwiler dazu, um die Region ganzheitlich abzudecken. Damit sind wir wieder dort, wo Sie eingangs sagten: nicht jammern, sondern handeln. Die Huttwiler wurden damals nicht dazugenommen, um ihnen eine neue Heimat zu geben. Sondern, weil wir der Meinung waren, dass Huttwil zu dieser Region gehört, die über die Grenze zum Kanton Luzern hinaus bis nach Willisau geht. Wenn es eine Möglichkeit gibt, unsere Kräfte zu bündeln, uns besser kennen zu lernen und uns gegenseitig zu unterstützen, dann sollten wir das tun. Aber die Huttwiler sind dabei nie ganz glücklich geworden. Warum nicht? Wie kommen Sie darauf? Kürzlich habe ich wieder zur Kenntnis genommen, dass die Huttwiler ihren eigenen kleinen Wirtschaftsgipfel weiterhin ohne uns organisieren. Als Zeichen des Trotzes und um die Unabhängigkeit von den mächtigen Langenthalern zu demonstrieren? Ich weiss nicht, ob es ein Zeichen des Trotzes ist. Aber es ist gut so. Es kann nicht so falsch sein, wenn sich die Huttwiler eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Wie sehen Sie die Entwicklung im Oberaargau? Eher in Richtung einer stärkeren Regionalisierung oder in einer Auflösung der regionalen Strukturen? Die Redaktoren Klaus Zaugg und Bruno Wüthrich (r.) interviewen den Bundesrat. 6 s’Positive 1 / 2018

Es gibt keinen Grund, warum der Oberaargau an Kraft verlieren sollte. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen darf. Ich würde mich freuen, wenn wir die Aufbruchsstimmung bewahren könnten, die seit den 1980er-Jahren zu spüren ist, wenn wir uns weiterhin selber helfen, wenn wir weiterhin im gleichen Ausmass zum Exportvolumen der bernischen Wirtschaft beitragen und Arbeitslosigkeit vermeiden können. Dann haben wir unsere Hausaufgaben gemacht. In welcher Position haben Sie eigentlich mehr Gestaltungskraft? Als Wirtschaftskapitän oder als Bundesrat? Wenn ich als Unternehmer in Schanghai eine Firma aufbauen will, dann muss ich fünf Verwaltungsräte überzeugen. Wenn ich als Wirtschaftsminister etwas will, dann muss ich ein Geschäft zuerst durch den Bundesrat, dann durch die Kommissionen und schliesslich durch beide Räte bringen. Und manchmal hat ja auch die Bevölkerung etwas dazu zu sagen, wenn es eine Abstimmung gibt. So gesehen ist der Weg für einen Unternehmer einfacher und effizienter. Als Unternehmer arbeite ich mit meinem Geld. Und wenn ich eine Dummheit mache, ist mein Geld weg. Ich kann mit einer Fehleinschätzung Pech haben und dann ist es wichtig, dass ich mich nicht entmutigen lasse und die nächste Chance nutze. Das ist die Faszination des Unternehmers. In die Politik wechselte ich, um zu verhindern, dass Wirtschaft und Politik auseinanderdriften. Als Politiker geht es mir darum, den Unternehmern Freiraum zu schaffen und sie nicht mit allzu vielen administrativen Massnahmen zu belasten. Verlieren Sie als Politiker manchmal die Geduld? Diesen Vorwurf habe ich noch nie gehört. Doch ich würde lügen, würde ich Ihnen sagen, dass ich nicht ab und zu das Gefühl habe: So, jetzt reicht es aber! Sie führten ein international ausgerichtetes Unternehmen. Jetzt führen Sie eine Administration. Was ist schwieriger? Der Stil ist anders. Johann Schneider Ammann 1981 trat der studierte Elektrotechniker Johann Schneider-Ammann ins Maschinenbauunternehmen der Familie seiner Ehefrau Katharina ein, wirkte dort zunächst als Prokurist, bevor er 1990 das Präsidium der Ammann Group übernahm. Es folgten weitere Verwaltungsrat-Mandate, unter anderen der Mikron Technology Group, bei welcher er 2003 ebenfalls das Präsidium übernahm, der Swatch Group SA und der Glas Trösch AG in Langenthal. Seit 1999 präsidierte Schneider- Ammann auch den Verband der schweizerischen Maschinen-, Elektround Metallindustrie Swissmem; zudem war er Vizepräsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Er engagierte sich auch in der Vereinigung Schweizer Unternehmer in Deutschland (VSUD) und in der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern. 1999 wurde Johann Schneider- Ammann in den Nationalrat gewählt und bei den Wahlen 2003 und 2007 bestätigt. Er gehörte dort der parlamentarischen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) an. Am 22. September 2010 stand die Ersatzwahl für Hans- Rudolf Merz im Bundesrat an. Schneider-Ammann wurde mit 144 Stimmen im fünften Wahlgang in den Bundesrat gewählt, wo ihm das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement (EVD) zugeteilt wurde, das zuvor von Bundesrätin Doris Leuthard geführt worden war. 2016 war er Bundespräsident. Schneider-Ammann ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Langenthal. Er war Oberst im Generalstab der Schweizer Armee. Langenthal verlieh ihm 2010 das Ehrenbürgerrecht. s’Positive 1 / 2018 7