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10 I Titelthema

10 I Titelthema Berlin-Brandenburgisches Handwerk 1-2 I 2018 Damit die Aufträge für die gehörlose Zahntechnikerin Swetlana Göritz verständlich sind, schreibt ihr Chef, Christoph Kazmierczak, die Anweisungen für sie auf. Fotos (3): Marijke Lass Integriert: Fachkräfte mit Handicap Inklusion ist keine Frage der Betriebsgröße. Christoph Kazmierczak beschäftigt in seinem Betrieb CK-Dental mehrere Mitarbeiter mit Handicap. Dafür erhielt der Zahntechnikermeister 2017 den Inklusionspreis des Landes Berlin. Kaussar Hijazi hat im vergangenen Jahr ihre Ausbildung bei CK-Dental erfolgreich beendet und arbeitet nun als Zahntechniker-Gesellin. Weil sie eine gehörlose Schwester hat, beherrscht sie die Gebärdensprache und kann sich mit ihrer gehörlosen Kollegin Swetlana Göritz ohne Stift und Papier verständigen. Trotz mehrerer Bandscheibenvorfälle in der Halswirbelsäule arbeitet die Zahntechnikermeisterin Cordula Walter auch heute noch bei CK-Dental. „Cordula Walter kam als erste Angestellte kurz nach Beginn meiner Selbstständigkeit im Jahr 2012 in den Betrieb, und wir haben uns wunderbar ergänzt. Ich will auf keinen Fall auf diese Fachkraft verzichten, denn sie bringt wertvolle Erfahrungen mit ins Unternehmen“, sagt Christoph Kazmierczak, Inhaber des Dentallabors in Berlin-Buchholz. Der 38-jährige Meister hat zu seiner Mitarbeiterin gehalten, obwohl sie aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nur noch zwei Stunden am Tag als Zahntechnikerin arbeiten kann. Für diese sitzenden Tätigkeiten hat sie einen speziellen Bandscheiben-unterstützenden Arbeitsstuhl vom Rententräger erhalten. Walter absolvierte eine Fortbildung im Verwaltungsmanagement und kümmert sich heute unter anderem um Lehrlingsausbildung, Qualitätskontrolle und Kundenbetreuung. Das ermöglicht ihr, sich mehr zu bewegen und nicht nur in einseitiger Haltung zu sitzen. Genug zu tun gibt es in diesen Bereichen durchaus, denn bei CK-Dental arbeiten noch mehr Mitarbeiter mit Handicap. Swetlana Göritz ist eine von ihnen. Die 31-Jährige ist gehörlos. 2013 bewarb sie sich bei Christoph Kazmierczak, der dringend Fachkräfte für die zunehmenden Reparatur- und Kunststoffarbeiten suchte. „Natürlich war ich skeptisch, ob das funktioniert“, sagt der Firmeninhaber. Denn bis dahin hatte er noch keine Erfahrungen mit Gehörlosen. „Aber Swetlana Göritz war uns sofort sympathisch und ich habe mich dafür entschieden, es zu

Berlin-Brandenburgisches Handwerk 1-2 I 2018 I 11 probieren“, erinnert sich Kazmierczak. Aller Anfang war schwer. Denn selbstverständlich kam es zu Missverständnissen und Kommunikationsproblemen. „Was ein hörender Lehrling in seiner Ausbildung nebenbei mitbekommt, wie zum Beispiel die vielen lateinischen Begriffe, das kennt eine Gehörlose nicht. Ihr Wortschatz ist viel kleiner, daher ist es für sie auch viel schwieriger, Auftragsscheine zu verstehen“, beschreibt der Meister die Anfangsschwierigkeiten. Also mussten er und Cordula Walter erst einmal lernen, Begriffe zu umschreiben. Und trotzdem gab es immer wieder Missverständnisse, mussten Arbeiten doppelt gemacht werden. „Ohne den Lohnkostenzuschuss vom Arbeitsamt, der über drei Jahre gezahlt wurde, wäre das in dieser Form nicht möglich gewesen“, gibt Kazmierczak zu. Nach diesen drei Jahren gibt es für die personelle Unterstützung von Göritz nun noch einen kleinen Zuschuss. Mittlerweile sind sie ein eingespieltes Team im Labor, auch wenn es gelegentlich immer noch Verständigungsschwierigkeiten gibt. Swetlana Göritz kann zwar einiges von den Lippen ablesen, aber Stift und Zettel sind immer und überall im Labor wertvolle Hilfsmittel zur Verständigung. Der Innungsbetrieb CK-Dental leidet wie viele andere Handwerksbetriebe auch an Fachkräftemangel. „Folglich müssen wir uns unsere Fachkräfte selbst heranziehen“, so der Pragmatiker Kazmierczak. Daher stellte er weitere Auszubildende ein. Derzeit beschäftigt Christoph Kazmierczak sechs Angestellte und einen Lehrling. Im März 2018 kommt eine neue Zahntechnikerin dazu. Neben Mutter Sylvia, die die Büroarbeiten erledigt, arbeitet auch Vater Lothar im Betrieb. Er hatte Ende der 1990er Jahre einen Schlaganfall und ist jetzt für die Auslieferungen und die Gerätewartung zuständig. Zwischenzeitlich arbeitete auch ein weiterer gehörloser Zahntechniker bei CK-Dental. Vor Kurzem absolvierte ein syrischer Geflüchteter ein Praktikum. Kazmierczak ist davon überzeugt, dass er gut ins Team passt. Im März wird er daher mit einer Einstiegsqualifizierung und – sobald seine Deutschkenntnisse ausreichen – mit einer Lehre als Zahntechniker beginnen. » Ohne den Lohnkostenzuschuss hätten wir uns eine gehörlose Mitarbeiterin nicht leisten können. Er federt den Mehraufwand etwas ab. « christoph Kazmierczak, Zahntechnikermeister im Monat eine Teamsitzung. Dort können alle ihre Anliegen, Wünsche und Anregungen vorbringen und diskutieren. Zwei Mitarbeiterinnen im Betrieb beherrschen die Gebärdensprache, zumindest auf alltagstauglichem Niveau. Dazu kommt ein Gebärdensprachendolmetscher und übersetzt, damit auch alle Mitarbeiter alles verstehen. Die Kosten dafür werden vom Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (LAGeSo) übernommen. Wie schafft es ein Kleinunternehmen, das ökonomisch wirtschaften muss, so viel soziales Engagement zu praktizieren? „Wir können nicht die gleichen Gehälter zahlen, wie die großen Labore“, erklärt Kazmierczak. „Wir arbeiten mit Behinderten. Das bedeutet, dass auch viel Arbeitszeit und Geld von uns hineinfließen. Das müssen wir irgendwie ausgleichen.“ Dafür bietet CK-Dental etwas Wertvolles: „Ein tolles Team und sehr viel Spaß bei der Zusammenarbeit“, so der engagierte Chef. Das Haus, in dem sich das Dentallabor befindet, gehört seinem Großvater. Aufgrund der familiären Beziehung ist die Miete moderat. Im Dezember 2017 erhielt Christoph Kazmierczak für sein Engagement den Inklusionspreis des Landes Berlin in der Kategorie „Kleinunternehmen“. Bereits im Jahr 2015 gewann er einen Sonderpreis. Der Inklusionspreis wird seit 2003 jährlich vom Land Berlin an Arbeitgeber vergeben, die schwerbehinderte Menschen beschäftigen oder ausbilden. Mit dem Preis verbunden sind 10 000 Euro Preisgeld. „Damit wurde die Jahresendprämie aller Mitarbeiter etwas aufgestockt und vom Rest wird die Küche im neuen Pausenraum gekauft“, sagt der Meister schmunzelnd. Und wie sieht die Perspektive aus? „Ich habe mich weitergebildet und wir sind nun ein Dentallabor für Umwelt-Zahntechnik.“ Swetlana Göritz soll in Zukunft diesen Bereich unterstützen. „Viele Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für Gehörlose im Zahntechniker-Handwerk nicht, aber mit dieser Spezialisierung bekommt auch Swetlana eine berufliche Herausforderung“, sagt der Meister. Marijke Lass CK-Dental, Inh. Christoph Kazmierczak, Hauptstraße 4, 13127 Berlin, Telefon (030) 91514227 www.ck-dental.de Bei so einer Vielfalt ist der regelmäßige Austausch wichtig. Daher gibt es einmal Hi Tam Lam übt noch: Der Abiturient macht gerade ein Praktikum bei CK-Dental und wird im März 2018 seine Ausbildung zum Zahntechniker beginnen.

Berlin-Brandenburgisches Handwerk 10/2015