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Gesundheit Sommer ade

Gesundheit Sommer ade — Winter oh weh — wie das Licht unsere „innere Uhr“ beeinflusst Die Zeit lauer verträumter und kurzer Sommernächte sowie erfrischender Cocktails draußen in Straßencafés ist vorbei. Stattdessen beherrschen Nebel, Dunkelheit und Melancholie unsere Stimmung in den kalten und tristen Wintermonaten. D ie Ursache für diesen Stimmungswandel basiert auf dem Vorhandensein biologischer Rhythmen. Jeder Mensch trägt in sich eine „innere Uhr“, die vorwiegend über das Licht von außen immer wieder neu eingestellt wird. Über die Augen gelangen dabei die Lichtsignale über Nervenbahnen in eine bestimmte Region unseres Gehirns. Die kleine zapfenförmigen Zirbeldrüse produziert daraufhin „auf Befehl“ das Hormon, Melatonin, das dann unsere Körperfunktionen letztendlich mit der Außenwelt in Einklang bringt. Melatonin wird überwiegend nachts gebildet. Melatonin ist auch ein beruhigendes Hormon, wodurch sich die allgemeine Mattigkeit und Lustlosigkeit während der langen und dunklen Wintermonate erklären lassen könnte. Lichtunabhängig ist die Frage nach der richtigen Ernährung im Winter. Die innere Uhr Ganz zu Anfang in der Schöpfungsgeschichte „… schied Gott das Licht von der Finsternis.“ Der erste Rhythmus zwischen Tag und Nacht ist entstanden. Vor allem in den 90er Jahren hat sich eine neue Wissenschaft enorm weiterentwickelt, die Chronobiologie, die sich mit rhythmisch biologischen Abläufen in der Natur beschäftigt. Beim Menschen sind vor allem rhythmische Veränderungen im Laufe eines Tages von Bedeutung: die Veränderungen der Körpertemperatur, der Wechsel von schlafendem und wachem Zustand oder die Veränderung der Leistungsfähigkeit. Wissenschaftler der Max-Planck- Gesellschaft in Andechs haben in einem inzwischen berühmten Experiment herausgefunden, dass die Triebfeder für solche periodischen Veränderungen in uns selbst liegt. Freiwillige wurden für diese Studie von ihrer Umwelt isoliert und in einen „Bunker“ mit künstlichem Licht geringer Intensität gebracht. Ergebnis: Auch ohne äußere Einflüsse zeigten sich bei den Versuchsteilnehmern im Laufe eines Tages rhythmische Veränderungen. Doch tickte dabei ihre „innere Uhr“ im 25 Stunden-Takt. Ein Beweis auch dafür, dass wir mit unserer Umwelt in einem ständigen Austausch stehen und uns dem natürlichen Tag/Nacht Rhythmus von 24 Stunden über das Licht anpassen. Das tickende Uhrwerk selbst liegt innerhalb einer bestimmten Region des Zwischenhirns (Hypothalamus) und wird „suprachiasmatischer Nucleus“ (SCN) genannt. Als kleiner Zellhaufen reguliert er Blutdruck, Atmung, Wärmehaushalt, Stoffwechsel, Hunger, Durst und Sex. Das Besondere am SCN ist, dass er direkt über Nervenbahnen mit der Netzhaut unseres Auges verbunden ist. Damit kann er quasi „sehen“, ob es draußen dunkel oder hell ist. Melatonin - „das Hormon der Finsternis“ Bei Dunkelheit bekommt die Zirbeldrüse vom SCN den Befehl, das Hormon Melatonin auszuschütten. Melatonin gelangt anschließend in die Blutbahn und darüber in jede Zelle des Körpers. Damit soll es in seiner Funktion als Uhrzeiger gewährleisten, dass der richtige Takt des Uhrwerks im ganzen Körper schlägt. Licht signalisiert die Einstellung der Melatoninproduktion. Allerdings bedarf es dafür mindestens einer Intensität von etwa 2.500 Lichteinheiten (Lux). Diese Stärke wird etwa an einem sonnigen Frühlingsmorgen erreicht. Während der Nacht verhilft Melatonin zu einem erholsamen Schlaf, indem es die Körpertemperatur senkt und die wache Erregtheit des Gehirns dämpft. In Amerika ist es deshalb in höheren Dosen als mildes und natürliches Schlafmittel anerkannt und frei erhältlich. Die schlaffördernde Wirkung dieses Hormons scheint somit auch für die winterliche Lustlosigkeit und Müdigkeit aufgrund seiner erhöhten Ausschüttung in den dunklen Wintermonaten verantwortlich zu sein. Fest steht, dass das Licht auf alle Fälle den Körper und die Psyche im Winter positiv beeinflusst. Deshalb empfehlen die Wissenschaftler im Herbst und Winter, sich lange im Freien aufzuhalten, da die Stärke des künstlichen Lichtes in der Wohnung nicht zur Verbesserung des Allgemeinbefindens ausreicht. Dr. Zulley aus Regensburg weist jedoch darauf hin, dass neben Licht als wichtigster Zeitgeber für unsere innere Uhr auch weitere wichtige Komponenten entscheidend sind: soziale Kontakte, Aktivität sowie der Zeitpunkt der Mahlzeiten. Fotos: Pixabay 54

Menschliche Fortpflanzung im Winter Obwohl der Mensch sich im Gegensatz zu vielen Tieren das ganze Jahr fortpflanzen kann, gibt es offensichtlich statistisch gesehen eine jahreszeitliche Steuerung der menschlichen Fruchtbarkeit. Die Zirbeldrüse und ihr Lichthormon, das Melatonin, scheinen auch daran beteiligt zu sein. Die Wissenschaftler Timonen und Carpen untersuchten in ihrer Studie die Häufigkeit von eintretenden Schwangerschaften finnischer Frauen. Sie wählten den Norden Finnlands, da die jahreszeitlichen Lichtverhältnisse hier extrem verschieden sind. Im Sommer zum Zeitpunkt des längsten Tages, stellten sie tatsächlich deutlich erhöhte Empfängnisraten fest. Während der extrem langen Dunkelperiode des Winters hingegen, kam es bei den Frauen häufig zu unfruchtbaren Zyklen. Diese Befunde lassen nach Dr. Ch. Bartsch von der Universitäts- Frauenklinik Tübingen darauf schließen, dass Melatonin das Hormonsystem reguliert und somit auch die jahreszeitliche Fruchtbarkeit des Menschen. In Deutschland verschob sich allerdings zwischen 1950 und 1990 das Maximum der Empfängnisrate von Mai/Juni auf November/Dezember. Als Ursache sehen die Wissenschaftler eine abnehmende Bedeutung natürlicher Einflüsse. Soziale Faktoren insbesondere künstliche Befruchtungen treten immer mehr in den Vordergrund. Paradoxerweise kommen jedoch auch hierbei im November die meisten Befruchtungen zustande. Das könnte nach Meinung von Dr. Hella Bartsch von der Universitäts-Frauenklinik an den Fruchtbarkeitsschwankungen des Mannes liegen. Vitamine im Winter Weitere Auswirkungen des Winters sind häufig auftretende Grippe- Erkältungskrankheiten. Körper oder einzelne Körperteile kühlen ab, wodurch Haut und Schleimhäute weniger durchblutet werden. Das schwächt die Abwehrbereitschaft. Bakterien und Viren können leichter in unseren Körper eindringen. Mit "Vitaminbomben" die Abwehrkräfte zu steigern, hält Dr. Helmut Oberritter, wissenschaftlicher Leiter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), nicht für sinnvoll: „Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Einnahme hoher Vitamingaben bei Grippe und Erkältung notwendig ist.“ Viel wichtiger sei eine vollwertige, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung. Zur Stärkung des Immunsystems rät die DGE im Rahmen einer vollwertigen Ernährung täglich mindestens 200 g Gemüse, etwa 75 g Rohkost und mindestens ein Stück rohes Obst zu essen. Ideal für eine gesunde Ernährung seien auch Eintöpfe, da von allem etwas drin ist. Im Grunde reiche die Vitaminversorgung in Deutschland in den kalten Wintermonaten entgegen aller Behauptungen sehr wohl aus. Nicht nur die ständig verbesserte Qualität der Lebensmittel hat dazu beigetragen, sondern auch, dass man jederzeit Obst aus aller Welt kaufen kann. Viele Menschen kommen in unserer hektischen Zeit immer mehr aus dem Gleichgewicht, verpassen, sich natürlichen Rhythmen anzupassen, und werden krank. Die Schichtarbeit ist hierfür ein Paradebeispiel. Im Einklang mit der Natur zu leben, ist und bleibt ein unumgängliches Naturgesetz. Konkret: Nicht den Winter hinter'm Ofen verbringen, sondern warm eingepackt im Freien das winterliche Licht einfangen! HS 55

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