KoenigGuu_Leseprobe

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KAPITEL 3

Hauptstraße weg, bis er sich gründlich

verlaufen hatte.

Seine Beine fühlten sich wie

Pudding an, als er geduckt in ein

finsteres, dreckiges Gässchen hineinrannte.

Gleich darauf wurde

ihm klar, dass er einen furcht baren

Fehler gemacht hatte.

Noch bevor Monty und seine Bande begriffen hatten,

was los war, war Ben schnell wie der Blitz

durchs Schultor und die halbe Straße hinuntergeflitzt.

Hinter ihm kreischte Monty vor Wut. »Chteht da

doch nicht tcho rum! Chnappt ihn!«

Der lange Tom und die Zwillinge rissen allen armen

Zwergen in Reichweite die Roller weg. Monty führte

die wilde Jagd an, und so bretterten sie die Straße entlang.

»Ich komme, POPEL!«, brüllte Monty. Die Luft pfiff

durch seine Zahnlücke, während er wie eine pummelige

Rakete hinter Ben herschoss.

Wimmernd hetzte Ben durch ein Labyrinth aus kleinen

Gassen. Jede Abbiegung führte ihn weiter von der

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Es war eine

Sackgasse!

Er saß in

der Falle!


Das war’s, dachte Ben. Heute ist der Tag, an dem ich

sterbe. Ein Mittwoch. Ich hab immer gedacht, es könnte

vielleicht an einem sonnigen Wochenende passieren, wenn

ich 96 bin und gerade eine großartige Heldentat vollbringe,

zum Beispiel mit einem Wahnsinnsmotorrad über den Grand

Canyon springe. Aber nein, es wird an einem Mittwoch

sein, in einer schmuddeligen Sackgasse. Und Hunger hab

ich auch.

Verzweifelt schaute er sich um. Nirgends waren Fenster

oder Türen zu sehen, da stand bloß ein großer,

schmutziger Müllcontainer auf Rädern. Der war seine

einzige Chance. Darin musste er sich verstecken.

Im trüben Licht machte Ben zwei Schritte vorwärts

und …

… verschwand!

Er landete mit einem Plumps und guckte erstaunt

zu der Öffnung hoch, durch die er gerade gefallen

war.

Während Ben sich wieder aufrappelte, kam ihm

plötzlich eine Idee. Er packte den Müllcontainer von

unten und zerrte ihn mit einem kräftigen Ruck über

seinen Kopf. Gerade als er sich wieder im Loch zusammenkauerte,

hörte er, wie Monty, der lange Tom

und die beiden Planks schleudernd und schlitternd

um die Ecke fuhren und in die Sackgasse einbogen.

Ben hielt den Atem an.

»Hier ist er nicht, Monty«, schnaufte Gertie.

»Im Container.« Monty zeigte auf den Müllcontainer.

»Da muss er drin sein.«

Ben beobachtete, wie die Füße der Bande näher

kamen.


»Po-pel!«, rief Monty. »Komm raus! Komm raus aus

deinem Versteck!« Er schob den Deckel auf und guckte

in den Container.

»Ist leer«, sagte der lange Tom.

»Ja, danke, du Genie«, spottete Monty. »Also weiter,

ihr Knalltüten. Er kann noch nicht weit sein.«

Als Ben hörte, wie sie wieder losrollerten, atmete er

auf. Aber was jetzt? Er wagte es nicht, sich zu rühren.

Was, wenn Monty zurückkam?

Ben fröstelte. Um die Knöchel herum spürte er einen

Luftzug. Verwundert duckte er sich tief in das Loch, um

zu sehen, wo die kühle Luft herkam.

Da war ein Tunnel! Ben legte sich auf den Bauch.

Fast rechnete er damit, einem riesengroßen Maulwurf

ins Gesicht zu blicken, doch der Tunnel war leer, und

am anderen Ende sah er einen schwachen Lichtschimmer.

Vielleicht ist das wirklich ein Weg hier raus, dachte Ben

und fing an, sich zum Licht hinzuschlängeln.

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Es war ein bisschen eng, aber Ben hatte gerade genug

Platz, um auf den Ellbogen vorwärtszurobben und herabhängenden

Wurzeln auszuweichen. Dabei bemühte

er sich, nicht zu viele Käfer zu schlucken.

Als er das Ende den Tunnels erreichte, kroch er ins

Freie und drehte sich keuchend auf den Rücken.

Hustend und spuckend strich er sich Erdklümpchen

und Ohrenkneifer aus dem Haar

und wischte sich Dreck aus den Augen.

Dann setzte er sich auf und blinzelte.

Stopp mal, dachte er, das kann nicht sein!

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Ringsherum standen überall mächtige Bäume. Vögel

zwitscherten, Blätter raschelten im Wind, und die Sonne

warf helle Tupfen auf das dichte Moos und das Farnkraut

auf dem Waldboden.

Es war so ruhig, so friedlich. Ben lächelte.

Aber vielleicht ist es ZU ruhig, dachte er plötzlich und

wurde nervös. Schließlich war das alles doch ziemlich

merkwürdig.

Er stand auf und griff nach seiner Schultasche, doch

die war nicht mehr da. Ben hatte keine Lust, wieder in

den düsteren Tunnel hineinzukriechen und danach zu

suchen, also beschloss er, sie zurückzulassen, und wanderte

los.

Während er tiefer in den Wald hineinging, wurden

die Schatten immer dunkler, Zwitschern und Rascheln

klangen immer unheimlicher, und Ben bekam das Gefühl,

dass er beobachtet wurde. Sei kein Idiot, Popp, sagte

er sich, aber auf einmal fand er die Idee, durch den Tunnel

zurück in die finstere Sackgasse zu kriechen, gar

nicht mehr so schlecht.

Er wollte gerade umkehren, da entdeckte er eine kleine,

sonnige Lichtung. Als er näher kam, sah er mitten

auf der Lichtung etwas liegen.

Ben rannte los, um sie zu holen. Er war schon auf der

Lichtung, da spürte er, wie unter seinem Fuß etwas

klickte. Irgendwo hoch über ihm surrte es plötzlich, und

noch bevor er denken konnte, Kacke, das ist EINDEU-

TIG eine Falle, hatte sich schon eine Schlinge um seinen

Knöchel gelegt und zog ihn – wusch! – nach oben.

»Nein! Das kann doch NICHT WAHR sein!«,

schrie er verzweifelt.

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Hilflos baumelte Ben in der Luft. Aus dem Augenwinkel

sah er hoch oben in den Baumkronen ein seltsames

behaartes Wesen. Es war flink und kam auf ihn zu.

Na toll, dachte Ben. Der Tag heute entwickelt sich wirklich

zu einem von meinen fünf ALLERSCHLIMMSTEN

Tagen.

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KAPITEL 4

Über ihm raschelte es. Das Seil zitterte. Ben wimmerte.

Dann hörte er einen Ast knarren, etwas sauste durch

die Luft und …

WUMMS!

Das Wesen landete genau vor ihm.

Ben kreischte.

Das Wesen kam näher. Es stupste Ben hier und da mit

der Spitze seines Speers an, tappte einmal ganz um ihn

herum und beschnupperte ihn dann.

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»B-B-Bitte friss mich nicht!«, stieß Ben hervor. »Ich

bin nur Haut und Knochen, guck doch! Und ich hab

mich heute Morgen nicht gewaschen! Ich schmecke

nach Schimmelkäse!«

Das Wesen stand still, drückte die Brust heraus und

sagte würdevoll: »Ich bin KÖNIG GUU. Wer bist du?

Und was machst du hier in MEINEM Wald?«

»Ich bin Ben Popp«, fing Ben an. »Aber … Moment

mal!« Er kniff die Augen zusammen. »Du hast ja einen

Bart. Ich hab noch nie einen Jungen mit BART gesehen!«

»Was FÄLLT dir ein!«, erwiderte König Guu empört.

»Ich bin ein MÄDCHEN mit Bart!«

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Ben runzelte die Stirn. Während er sich langsam in

der Luft drehte, sagte er: »Aber müsstest du dann nicht

KÖNIGIN Guu heißen?«

»Sei doch nicht so blöd!«, sagte Guu. »Hat man jemals

von einer Königin mit Bart gehört?«

Ben fand es am vernünftigsten, nicht zu diskutieren.

Schließlich hatte sie einen Speer und vielleicht war sie

total verrückt.

»Also?«, fragte König Guu noch einmal und machte

mit gesträubtem Schnurrbart einen Schritt auf Ben zu.

»Was MACHST du hier?«

»Ich verstecke mich vor Monty Grabbe«, sagte Ben

verlegen.

»Wer ist das?«, fragte Guu. »Ein Freund von dir?«

»NEIN!«, protestierte Ben. »Der ist nicht mein

Freund! Freunde schubsen einen nicht rum und klauen

einem die Sachen, oder? Ich will doch einfach nur in

Ruhe gelassen werden! Ich hab ihn nicht gebeten, mich

zu jagen! Ich wollte mich nicht verlaufen und auch nicht

wer weiß wo landen, und in deiner blöden Falle festhängen.

Also los, mach mit mir, was du vorhast! Aber mach

bitte schnell, damit ich nicht noch länger hier rumhängen

muss, wie das nutzloseste Klangspiel der Welt!«

Er schaukelte hin und her und japste nach Luft. Guu

betrachtete ihn ein Weilchen, ohne ein Wort zu sagen.

Ben bereute seinen kleinen Ausbruch sofort, denn

plötzlich stürzte Guu sich auf ihn und ließ dabei ihren

Speer über dem Kopf herumwirbeln.

Ben kniff die Augen zu.

Er hörte ein SCHNICK! – genau das Geräusch, das

entsteht, wenn ein Speer ein straff gespanntes Seil

durchschneidet – und fiel auf die Erde, wo er wie ein

Häufchen Elend liegen blieb.

»Du siehst aus, als könntest du Hilfe gebrauchen«,

sagte Guu ruhig.

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