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AUSGABE 1 6. FEBRUAR 2018

O F F I Z I E L L E S M A G A Z I N D E R K U R T L A N D A U E R S T I F T U N G

DAS FLUGZEUGUNGLÜCK

VON MÜNCHEN 1958

MUNICH AIR DISASTER 1958


ZUR ERINNERUNG AN DIE OPFER

DES FLUGZEUGUNGLÜCKS 1958 –

IN MEMORY OF THE VICTIMS IN

THE MUNICH AIR DISASTER 1958

Am Dienstag jährt sich zum 60. Mal die Flugzeugkatastrophe vom 6. Februar

1958, bei der 23 der 43 Flugzeuginsassen - unter ihnen acht Spieler vom

Manchester United FC - den Tod fanden.

Wir, die Kurt Landauer Stiftung, haben uns unter anderem zur Aufgabe

gesetzt, die Fußballgeschichte erlebbar zu machen und in Erinnerung zu

halten. Daher haben wir die Geschichte um die Tragödie zum Jahrestag

nochmals ausführlich recherchiert und hier festgehalten, aus der sich eine

besondere Freundschaft zwischen Manchester United und dem FC Bayern

entwickelte - doch der Reihe nach…


„Busby Babes“ vor Spielbeginn in Belgrad

Nach dem erneuten Gewinn der englischen Meisterschaft, lief es in der

darauffolgenden Spielzeit 1957/58 im Landesmeister-Wettbewerb für

die als Favoriten geltenden Busby Babes erneut gut an.

Manchester United schaltete die Shamrock Rovers (6:0 und 3:2) und

Dukla Prag (3:0 und 0:1) aus, bevor es im Viertelfinale zum

Aufeinandertreffen mit Roter Stern Belgrad kam. Das Hinspiel im Old

Trafford gewannen die Hausherren mit 2:1.

DIE VORGESCHICHTE

Für den 1878 gegründeten Verein Manchester United begann im Jahre

1945 mit der Berufung von Matt Busby als Trainer eine neue Ära. In den

ersten Nachkriegsjahren spielte United um die Meisterschaft stets oben

mit und holte 1948 mit dem FA Cup den ersten Titel nach vielen Jahren.

Die letzte Meisterschaft konnte Manchester United zuvor 1911

gewinnen, den FA Cup gewann man zum damaligen Zeitpunkt erstmals

und letztmals im Jahre 1909.

1952 folgte der englische Meistertitel. Matt Busby setzte auf eine

konsequente Jugendarbeit, was seiner Mannschaft den Spitznamen

„Busby Babes“ bescherte. 1956 gelange der erneute Gewinn der

Meisterschaft bei einem Durchschnitts-alter seines Teams von nur 22

Jahren.

Als amtierender Meister nahm Manchester United als erster englischer

Vertreter im Europapokal der Landesmeister teil. Nach Siegen gegen den

RSC Anderlecht (2:0 und 10:0 !!!), Borussia Dortmund (3:2 und 0:0) und

Atlético Bilbao (3:5 und 3:0) erreichten die Busby Babes direkt das

Halbfinale.

Gegen den späteren Europokalsieger Real Madrid mit Alfredo di Stéfano

schied Manchester United knapp aus (1:3 und 2:2).

Die heimischen Ligaspiele wurden wie gewohnt am Wochenende

ausgetragen und die Europapokalspiele fanden innerhalb der Woche

statt. Obwohl der Flugverkehr zu dieser Zeit noch als riskant galt, bestand

bei der Wahl des Flugzeugs als Reisevehikel die einzige praktikable

Lösung, damit die Busby Babes beide Wettbewerbe miteinander

kombinieren konnten. Bereits im

Vorjahr beim Europapokalspiel in

Bilbao hatten die MUFC-Spieler

am eigenen Leib erfahren mit

welchen Widrigkeiten die Luftfahrt

zu kämpfen hatte. So

mussten die Spieler die Tragflächen der

Flugzeuge eigenhändig vom Eis befreien,

um diese flugtauglich zu machen.

Eintrittskarte zum Europapokalspiel

zwischen Roter Stern

Belgrad und Man United

Das Viertelfinal-Rückspiel in Belgrad ging am 5. Februar 1958 über die

Bühne. Manchester United ging durch Treffer von Dennis Violett und

Bobby Charlton (2) nach nur 31 Minuten mit 3:0 in Führung. Roter Stern

Belgrad schaffte in der zweiten Halbzeit noch den Ausgleich zum 3:3.

Dank des gewonnenen Hinspiels stand Manchester United aber erneut

im Halbfinale um den Europapokal der Landesmeister.

Die Mannschaft von Manchester

United vor dem Hinflug zum

Auswärtsspiel bei Roter Stern

Belgrad.


unregelmäßigen Druck in den Triebwerken feststellte. Alle Passagiere

mussten das Flugzeug verlassen und in der Lounge des Flughafens

warten. Zwischenzeitlich setzte in München ein heftiges Schneetreiben

ein.

Um 15:03 Uhr wird der dritte Startversuch unternommen, die Startbahn

ist mittlerweile von Schneematsch bedeckt. Die „Lord Burghley“ erreicht

eine Geschwindigkeit von 117 Knoten, die aber plötzlich auf 105 Knoten

abfällt. Für einen sicheren Start sind normalerweise 119 Knoten

erforderlich.

Es ist zu wenig, um die Maschine richtig zum Abheben zu bringen und

gleichzeitig ein zu hohes Tempo um das Flugzeug auf den verbleibenden

Metern der Startbahn noch zum Stoppen bringen zu können.

Das Flugzeug durschlägt den Zaun am Ende der Rollbahn, rast durch die

angrenzende Gärtnerei und direkt auf eine Baracke eines

Fuhrunternehmens zu. An zwei großen Betonblöcken zerschellt das

Flugzeug. Durch das auslaufende Kerosin gerät die Baracke in Brand, vier

Passagiere verbrennen sofort.

DAS UNGLÜCK

Am 6. Februar 1958, einen Tag nach der sogenannten „Schlacht von

Belgrad“ tritt Manchester United die Heimreise an. Die „Red Devils“

gelten spätestens jetzt als kommende Übermannschaft.

Da der MUFC-Spieler Johnny Berry seinen Reisepass nicht finden kann,

startet die vom Verein gecharterte Maschine „Lord Burghley“ mit einer

Stunde Verspätung. Dieser Flug 609 der British Airways von Belgrad nach

Manchester führte über den Flughafen München-Riem, wo die Maschine

einen planmäßigen Stopp zum Auftanken einlegte.

Der Pilot James Thain bricht zwei Startversuche ab, als er einen

Die Maschine der British Airways ist in zwei Teile zerbrochen. Torwart

Harry Gregg wird zum Helden von München. Der damals 18-jährige

Bobby Charlton wurde mit seinem Sitz aus dem Flugzeug geschleudert

und war bewusstlos. Gregg ging davon aus, dass sein

Mannschaftskamerad tot sei. Er fasste Charlton am Hosenbund und

zerrte ihn weg von der Unglücksmaschine aus Furcht dass diese bald

explodieren würde. Auch Dennis Violett, Torschütze des gestrigen

Europapokal-Abends, wird von Torhüter Gregg aus der Gefahrenzone

gebracht.


Harry Gregg geht selbst zurück in das Wrack und rettete die schwangere

Jugoslawin Verena Luki und deren Tochter Vesna.

Geoff Bent, Roger Byrne, Eddie Colman, Mark Jones, David Pegg, Tommy

Taylor und Liam Whelan – diese sieben United-Spieler sterben noch an

der Unglücksstelle. Duncan Edwards erliegt als achtes Opfer seinen

Verletzungen 15 Tage später.

MÜNCHEN HILFT

Matt Busby wird mit den anderen Verletzten ins Münchner Klinikum

Rechts der Isar eingeliefert, wo sich Professor Dr. Georg Maurer ihrer

annimmt. Busby erhält zweimal die letzte Ölung, aber der legendäre

Trainer überlebt.

Die Rücksicht der Ärzte reichte so weit, dass sie Matt Busby keinen Ersatz

für die zerstörte Brille besorgten. Er sollte die Berichte über den Tod

seiner Spieler nicht lesen. Auch der Tod seines hoffnungsvollen Spielers

Duncan Edwards wird ihm zunächst verschwiegen.

Bei der Beisetzung in seiner Heimatstadt Dudley folgen 50.000

Menschen seinem Sarg.

Unter den insgesamt 23 Todesopfern befinden sich auch der Sekretär

von Manchester United, Walter Crickmer, Trainer-Assistent Bert Whalley

und MUFC-Ausbilder Tom Curry. Außer ihnen sterben acht Journalisten,

darunter einige sehr bekannte Sportberichterstatter.

Professor Dr. Maurer mit seinem Ärzteteam sowie die vielen

Krankenschwestern kümmerten sich im Klinikum aufopferungsvoll Tag

und Nacht um die Verletzten. Sie waren erschöpft und übernächtigt im

englischen Fernsehen zu sehen, was dort mehr als bleibenden Eindruck

hinterließ. Auch die Stadt München und der FC Bayern halfen und

standen dem Manchester United FC zur Seite.

Wie sehr man in Manchester den Einsatz schätzte kann man einem

Dokument der Stadt Manchester gut entnehmen: (nächste Seite)


Darin heißt es übersetzt:

City of Manchester

In einer am 19. Februar 1958 abgehaltenen Sitzung hat der Stadtrat zur

Sache des Flugzeugunglücks in München einstimmig beschlossen den

Oberbürgermeister von München, den Chirurgen und Ärzten, den

Schwestern und dem sonstigen Personal des Krankenhauses Rechts der

Isar seinen herzlichen Dank für die großartige Hilfe und Güte

auszusprechen, die den Spielern und Funktionären von Manchester

United, den Journalisten und den anderen Verletzten des

Flugzeugunglücks auf dem Münchner Flughafen am 6. Februar gewährt

wurden.

Der Stadtrat ist dankbar für die schnelle und wirksame Art, auf die die

Krankenhausbehörden ihre gesamten Hilfsmittel in den Dienst der

Patienten stellten, und möchte seiner Anerkennung für die sachkundige

und unermüdliche Betreuung, die jedem einzelnen von ihnen in

überreichem Maße zuteil wurde, als er ihrer bedurfte, dauernden

Ausdruck verleihen.

Der Stadtrat drückt dem Krankenhauspersonal seine Hochachtung für

die bisherigen Ergebnisse seiner Anstrengungen aus und wünscht

seinen künftigen Bemühungen besten Erfolg.

Lesie Lever (Lord Mayor/Oberbürgermeister)

Philip B. Dingle (Town Clerk/Stadtdirektor)

Dokument der

Stadt Manchester

zum Dank an die

Münchner Helfer


Münchner Helfer vor dem Abflug nach Manchester

63.000 Zuschauern auf dem Platz von United-Chairman Harold Hardman

bei herzlichem Beifall geehrt. Vor dem Spiel fand bereits ein offizielles

von Manchester United ausgerichtetes Mittagsessen mit den Ärzten um

Professor Dr. Maurer, den Krankenschwestern sowie Vertretern der

Stadt München statt.

Bereits drei Tage zuvor hatte Queen Elizabeth II. Professor Dr. Maurer in

den Buckingham Palast eingeladen und ihn zum Ehrenkommandeur des

Ordens des Britischen Empire ernannt.

ERSTE SPIELE

NACH DEM UNGLÜCK

Ergreifend beim Manchester Besuch war ebenso die Rede von

Oberbürgermeister Leslie Lever. Er sprach davon, dass die Fußballer von

Manchester United „nirgendwo in der Welt eine bessere und edlere

Behandlung hätten finden können als in München. Das wird im Herzen

des englischen Volkes bleiben“.

Am 19. Februar 1958, nur knapp zwei Wochen nach dem

Flugzeugunglück, trat die Mannschaft von United zum ersten Spiel

„danach“ an. Sheffield Wednesday kam zum FA-Cup Spiel nach

Manchester. 62.000 Zuschauer empfingen die Elf von United mit

Begeisterung und wurden Zeugen eines 3:0 Erfolgs.

Von den Überlebenden traten nur Bill Foulkes und Torhüter Harry Gregg

an, beiden waren selbst beim Flugzeugunglück verletzt worden. Im

Übrigen setzte sich die Mannschaft aus Spielern der Reserve und neuen

Spielern zusammen.

Trainer Matt Busby und die noch in der Münchner Klinik liegenden

Spieler durften den Sieg ihrer Elf miterleben. Alle Viertelstunde erhielten

sie aus der Pressezelle des Old Trafford einen telefonischen Bericht von

Jean Busby, der Frau des Trainers.

Die Fans von United hatten ihre rot-weißen Schals zum ersten Spiel nach

dem Unglück mit schwarzem Trauerflor geschmückt. Seit diesem

Zeitpunkt ergänzt die Vereinsfarben rot-weiß um die Farbe schwarz – die

Erinnerung wird zum zentralen Bestandteil der Identität.

Neun Wochen nach dem Unglück kann der 48-

jährige Busby das Krankenhaus endlich

verlassen und nach Manchester zurückkehren.

Er verließ das Krankenhaus mit Tränen in den

Augen.

Nur sieben der 17 mitgereisten Spieler spielten

anschließend wieder professionell Fußball.

Charlton, Gregg, Viollet und Foulkes bleiben

Manchester United als Leistungsträger

erhalten.

Die beiden Stürmer Ken Morgans und Albert

Scanlon verschwinden in den unteren

Divisionen der Football League. Ersatztorwart

Ray Wood schließt sich dem Zweitligisten

Huddersfield an, Jackie Blanchflower und

Johnny Berry, der zwei Monate im Koma lag,

mussten ihre Karriere beenden.

Dr. Mauerer

mit Ärzten

und Krankenschwestern

im Old Trafford

Vor dem MUFC-Heimspiel gegen West Bromwich Albion am 8. März 1958

kam es im Old Trafford zu einer Feierstunde. Die eingeladenen Ärzte und

Krankenschwestern, die in den englischen Zeitungen als „The Angels of

Munich“ betitelt wurden, aus dem Münchner Klinikum wurden vor

Manchester jubelt

den Helfern zu


Stadionzeitung zum Gastspiel von

United gegen die Münchner Stadtauswahl

Zweikampf zwischen Foulkes (li.) und Kölbl (re.)

13. August 1958

Kombination FC Bayern/1860 München – Manchester United FC 4:3

Grünwalder Stadion, München

Nur sechs Monate nach der schrecklichen Katastrophe betreten die

Spieler, Trainer und Betreuer von United wieder die bayrische

Landeshauptstadt. Die Anreise nach München erfolgte nicht mit dem

Flugzeug, sondern mit dem Schiff und Eisenbahn.

Matt Busby und seine Mannschaft besuchten zunächst das Klinikum

„Rechts der Isar“ mit Blumen, keiner hatte vergessen wie rührend sich die

Angestellten des Krankenhauses um sie kümmerten. Doch United ist

nicht nur in München um „Danke“ zu sagen, sondern auch um Busby's

Team vor dem Start in die Saison 1958/59 zu formen.

DIE FREUNDSCHAFT

Bei dem Unglück darf man natürlich auch nicht vergessen, dass das

Kriegsende gerade erst 13 Jahre her war – aber es trug sicherlich zur

Verbesserung der englisch-deutschen Beziehungen bei. Die breite

Anteilnahme in Deutschland, die Arbeit der Ärzte sowie die große

Hilfsbereitschaft – zwei deutsche Journalisten retteten den MUFC-Spieler

Morgans als die Bergungsarbeiten eigentlich bereits abgeschlossen

waren - hinterließen auf der Insel einen nachhaltigen Eindruck.

Auch mit dem FC Bayern München entwickelte sich eine besondere

Freundschaft. Bereits vor dem Unglück war man in Verhandlungen zu

einem Freundschaftsspiel mit Manchester United getreten, was

natürlich nun erstmal in den Hintergrund rückte. Alfred Reitlinger,

Präsident des FC Bayern, besuchte die Verletzten im Krankenhaus

zusammen mit FCB-Geschäftsführer Walter Fembeck und überbrachte

die besten Wünsche des Clubs.

Noch im Unglückjahr 1958 kam es dann aber tatsächlich schon zum

Freundschaftsspiel in München.

Im Vorwort der Stadionzeitung „Die Blaue Sportschau“ heißt es: „Eine

schwere Unglücksstunde ist der Anlass zu dem heutigen Besuch der

Fußballmannschaft von Manchester United in München. Über

schmerzliche Verluste und Trauer hinweg reichen uns die englischen

Sportsleute die Hände. Eine Schicksalsfreundschaft ist geschlossen

worden, in die ganz München eingeschlossen ist. Englands Abgesandte

sind uns ein Zeichen dafür, wie uns die tragischen Tage von München-

Riem und nachher daran mahnen, dass die Menschen der Länder

zueinander gehören sollten. Möge es der Gewinn des Geschehenen für

heute und ferne Zeiten sein, diese Erkenntnis fortzupflegen, unter uns

Sportsleuten wie unter uns allen. Wir erweisen auf solche Art den

Gewesenen die aufrichtigste Ehre und unseren heutigen Gästen das

ehrlichste Willkommen.“

Die Münchner Stadtauswahl gewinnt mit 4:3. FCB-Stürmer Erich

„Witsche“ Hahn machte das Spiel seines Lebens und erzielte bereits in

der 6. Spielminute das 1:0. Bobby Charlton glich nur vier Minuten später

aus. Weitere vier Minuten später Albert (1860) für die Stadtauswahl zum

2:1, der Ausgleich erfolfte im direkten Gegenzug durch Taylor. Doch das

sollte es in der ersten Halbzeit noch lange nicht gewesen sein. Die 30.00

Zuschauer im ausverkauften Stadion an der Grünwalder Straße sahen

noch das 3:2 und 4:2 durch Kölbl (1860).

In der 83. Minute schoss Taylor per Elfmeter noch ein Tor für die Gäste

zum Endstand von 4:3.


Ein Jahr später kommt United wieder nach München:

08. August 1959

FC Bayern München – Manchester United FC 1:2

Grünwalder Stadion, München

Das erste Mal seit dem Unglückstag besteigt die Mannschaft von Matt

Busby wieder ein Flugzeug. Der MUFC kommt als Vizemeister nach

München, was man wirklich als Wunder bezeichnen kann, wenn man an

die durch das Unglück so stark dezimierte Mannschaft denkt. Nur die

Wolverhampton Wanderers stehen vor United.

Die Vereinsführung hat dafür die ganze Erfahrung von Trainer Matt

Busby und eine ordentliche Stange Geld benötigt. Einer der neuen

Spieler, die im Sommer 1958 in Old Trafford begrüßt werden, heißt Albert

Quixall. Eric Taylor, dem Manager von Sheffield Wednesday und engem

Freund Busbys, ist es zu verdanken, dass der Wechsel überhaupt zu

Stande kommt. Als die Anfrage aus Manchester eintrudelt, stellen sich

die Vereinsoberen in Sheffield quer. Taylor redet ihnen ins Gewissen:

„Stellen sie sich bitte einmal vor, das Unglück von Manchester United

wäre über uns hereingebrochen, und wir müssten von vorne anfangen.“

Für das Schmerzensgeld von 45.000 Pfund, die damalige Rekordsumme

im britischen Fußball, geht Quixall schließlich zu Man United.

Doch die frische Freundschaft zwischen München und Manchester wird

auf die Probe gestellt, als Schiedsrichter Otto Fischer 25 Minuten vor dem

Ende United-Verteidiger Joe Carolan vom Feld wirft. Mehr als einmal war

der junge Ire Münchens Josef Zsamboki rüde in die Beine gefahren. Auf

der Insel als gesunde Härte akzeptiert, bringt das raue Spiel der

Engländer die Zuschauer in Giesing auf die Palme. Fischer also verweist

Carolan des Feldes – nur wenige Momente später muss auch Albert

Quixall vom Platz. „Quix“ soll den Ungarn Zsamboki nach dem

Platzverweis für seinen Mannschaftskollegen getreten haben. Das

behauptet jedenfalls ein Kameramann, der seine Beobachtung dem

Linienrichter steckt und somit Manchesters zweiten Platzverweis in 60

Sekunden provoziert. Später spricht Quixall von einem „leichten

Schubser“, doch in diesem Moment scheint er den Freundschaftskick

gegen die Münchener mit seiner Tätlichkeit zu konterkarieren.

Nach dem Schlusspfiff ist es allerdings nicht Quixall, der den Unmut der

Gastgeber auf sich zieht, sondern Schiedsrichter Otto Fischer. Weil er mit

seinen überflüssigen Platzverweisen den Gast aus Manchester beleidigt

habe, wird er zum offiziellen Dinner der Mannschaften kurzerhand

ausgeladen.

Für seinen Trainer ist Albert Quixall trotzdem der Sündenbock. „Das ihm

so etwas ausgerechnet in einem Freundschaftsspiel passiert, ist

natürlich extrem unglücklich. München und Manchester verbindet mehr

als nur eine Freundschaft, und jeder von uns ist aufgefordert, das zu

berücksichtigen.“

Eintrittskarte vom ersten Bayern-

Freundschaftspiel gegen United

Programmheft zum

Freundschaftsspiel 1959

Am 8. August 1959 ist er einer der elf Spieler, die beim Freundschaftsspiel

gegen Bayern München im Grünwalder Stadion auf dem Rasen stehen.

Mit 1:0 war United gegen die Bayern in die Pause gegangen, Dennis

Viollet, einer der Überlebenden des „Munich Air Crash“ hatte mit einem

fulminanten Solo die Führung für die Engländer erzielt. Auf dem Weg in

die Kabinen wird Quixall plötzlich von riesigen Händen gepackt und zur

Seite gezogen. Torwart Harry Gregg, der 18 Monate zuvor in

heldenhafter Manier mehreren Mitspielern das Leben gerettet hatte,


teilt seinem Stürmer eine äußerst interessante Beobachtung mit. Sein

Kollege auf der anderen Seite, der ungarische Internationale Arpad

Fazekas, hat einen besonders gewagten Torwartstil. Meterweit steht

Fazekas auch im Spiel gegen Manchester vor seinem Tor, Gregg hat das

schon die ganze erste Hälfte mit Verwunderung zur Kenntnis

genommen, jetzt endlich erfahren es auch seine Vorderleute.

„Es war verrückt“, erinnert sich Quixall später an den Anpfiff zur zweiten

Halbzeit, „ich stand mit Dennis Viollet am Anstoßpunkt und wir konnten

sehen, wie Fazekas nur wenige Meter hinter seinem Stopper stand und

auf den Spielbeginn wartete. Ich sagte zu Dennis: Gib mir den Ball, ich

versuche es.“ Quixall versucht es. Und wie. 53 Meter weit fliegt der Ball,

vier Sekunden nach Wiederanpfiff liegt der Ball hinter dem verdutzten

Fazekas im Tor der Bayern. Ein neuer Weltrekord.

Werner Huber erzielte den Treffer für den FC Bayern. In der Clubzeitung

wurde erneut die Freundschaft zu Manchester United betont.

Ein gutes Jahr später ging es für Bayern München auf eine für damalige

Zeit große Reise auf die Insel:

21.11.1960

Manchester United FC – FC Bayern München 3:1

Old Trafford, Manchester

Mit großen Respekt ging es los, schließlich war

der FC Bayern nicht in bester Verfassung und

Ablösesummen in England von 45.000 Pfund

waren in Deutschland unvorstellbar – eine ganz

interessante Parallele auf den jetzigen

Transferwahnsinn, wenn auch in einem ganz

anderen Maße.

„Bei ausgezeichnetem Flugwetter überquerten

wir Kempten und den Bodensee. Die Stunden

Aufenthalt in der modernen Halle des Züricher

Flughafens boten ausgezeichnete Gelegenheit,

sich aufeinander einzuspielen – beim Skat,

Schafkopf und Sechsundsechzig. […]

Stadionzeitung zum

Freundschaftsspiel 1960 in Manchester

„Von Zürich ging es dann mit einer Viscount-Turboprop weiter Richtung

England. Über dem Kanal wurde die Maschine zum ersten Male gehörig

durchgeschüttelt und Peter Grosser war gar nicht damit einverstanden.

Er, der auf dem Rasen die Schlangenlinien über alles liebt, hatte in der

Luft nichts dafür übrig. Mit bleichem Gesicht saß er in seinem Sessel, die

Augen starr auf die berühmte Tüte gerichtet.

In Birmingham betraten wir englischen Boden. Reibungslos gingen Passund

Zollformalitäten vorüber und bald erreichten wir Manchester,

unsere erste Station der Fußballreise auf die Insel. Zur Begrüßung hatte

sich United-Manager Matt Busby eingefunden. Busby, den in England

praktisch jedes Kind kennt, verbindet mit München und besonders mit

FCB-Präsident Roland Endler seit dem schrecklichen Flugzeugunglück im

Februar 1958 eine herzliche Freundschaft. […]

Auch das Stadion von Manchester United, der Old Trafford, liegt inmitten

gewaltiger Fabrikanlagen und ist ja fast selbst auch eine Fußball-

Fabrikationsstätte. Über den Tribüneneingang des Stadions ist die

Erinnerungstafel an die Toten des Unglücks von München angebracht.

70.000 Zuschauer fasst die Sportanlage, fast ein Drittel der Plätze ist

überdacht. Matt Busby hat 30 Profis zur Verfügung, den ausgezeichnete

Clubräume zur Verfügung stehen. Wir bewunderten die modernst

eingerichteten Ordinationsraum des Clubarztes.“ – berichtete die

Clubzeitung.

16.000 Zuschauer sahen eine stark überlegene Heimmannschaft, die

Bayern mit 3:1 besiegten.

„Turm in der Schlacht und Held des Abends wurde Arpad Fazekas, dessen

Fangparaden die Engländer uneingeschränkt verfolgten“, so die

Clubzeitung weiter. In der Stadionzeitung zum Freundschaftsspiel wird

gleich an mehreren Stellen die Bedeutung der Freundschaft zwischen

Manchester United und Bayern München betont. Matt Busby's

Schlussworte zum Spiel („As usual, we hope that the better team will

taste the fruits of victory and, perhaps even more important, that this

game will further cement the bonds of friendship between Munich and

Manchester.”) machen dies genauso deutlich wie der Willkommensgruß

von United Chairman Hardmann (“This evening it is my pleasant duty to

welcome our football friends from Munich in West Germany, the FC

Bayern and their President Roland Endler.”.


Auch die Rückseite des Programmhefts mit der Überschrift “An incident

that became an institution” zeigt dies auf: „The origin of the friendship

that has developed between our two clubs is now part of football history.


Nach dem Spiel lud die Clubleitung von Man United „in herzlichster

Gastfreundschaft“ zu einem Bankett.

Ein genauerer Blick auf die Ehrengabe von Man United zur Erinnerung an

das Freundschaftsspiel weist ebenfalls eine besondere Geste auf, die zu

dieser Zeit - nun 15 Jahre nach Kriegsende – alles andere als

selbstverständlich war. In deutscher Sprache ist hier zu lesen „Geschenkt

von Manchester United F.C. für F.C. Bayern als Zeichen aufrichtiger

Freundschaft anlässlich des Wettspiels in Old Trafford am 21. Nov. 1960“

Die Serie an Freundschaftsspielen ging im Folgejahr weiter, diesmal

kamen die Red Devils wieder nach München.

09.08.1961

FC Bayern München – Manchester United FC 0:2

Grünwalder Stadion, München

Stadionzeitung zum

Freundschaftsspiel 1961 in München

„Manchester United traditioneller Münchner Gast“ titelte die

Stadionzeitung und blickte auf die Spiele der letzten Jahre zurück. Auch

diesmal gewann United mit 2:0 und ließ dem FC Bayern keine Chance.

Fünf Jahre später kamen die Freunde aus England wieder nach Bayern…

10.08.1966

FC Bayern München – Manchester United FC 4:1

Grünwalder Stadion, München

Ehrengabe vom MUFC an den FC Bayern

Nach den drei Niederlagen gegen Manchester United gab es einen

Generationenwechsel beim FC Bayern. Die starke Elf von Trainer Tschik

Cajkovski und Präsident Wilhelm Neudecker war vor einem Jahr in die

Bundesliga aufgestiegen.


Nun war der FC Bayern an der Reihe und gewann klar und deutlich mit

4:1 gegen United. Franz Beckenbauer, Gerd Müller (2) und Dieter

Brenninger trugen sich die die Liste der Torschützen ein.

WARUM WIR NIEMALS

MANU SAGEN

Die auch in Deutschland oft in den Medien oder unter Fans genutzte

Abkürzung „ManU“ hat eine widerliche Geschichte, die eng mit dem

Flugzeugunglück in Zusammenhang steht.

Übergabewimpel von United an

die Freunde vom FC Bayern

Stadionzeitung zum Freundschaftsspiel

1966

Es sollte die letzte Partie zwischen den beiden befreundeten Vereinen für

eine längere Zeit sein.

Erst 1998, 32 Jahre nach dem letzten Freundschaftsspiel kam es zum

nächsten Aufeinandertreffen, diesmal in der Champions League. Von

nun an kreuzten sich die Wege wieder öfter, das Finale in Barcelona 1999

war für den FC Bayern eine der schmerzhaftesten Niederlagen in der

Vereinsgeschichte.

Fans von West Bromwich Albion besangen „ManU“ wenige Tage

nachdem der MUFC-Spieler Duncan Edwards als achter Spieler in Folge

des Unglücks verstarb, um United und die Verstorbenen zu verhöhnen.

„Duncan Edards is manure, rotting in his grave, ManU are Manure, rotting

in your grave“, übersetzt also besangen die West Bromwich Albion

Anhänger den Verstorbenen United Spieler als „Dünger“, der in „seinem

Grab verrottet“. Geschmacklos.

Auch Fans von Leeds United und Liverpool übernahmen das Lied und

dichteten weitere Zeilen hinzu: „ManU went on a plane, ManU never

came back again“, „Man U never intended coming home.“ Die letzte Zeile

ergibt mit den Anfangsbuchstaben den Unglücksort Munich – ein

weiterer Beleg dafür diese Abkürzung nicht in den Mund zu nehmen.

Es heißt Manchester United Football Club! Oder auch abgekürzt United,

Man United, Man Utd oder MUFC!


erühmt was sie zum Zeitpunkt des Unglücks waren, sondern für das

was sie hätten werden können.

ZUR ERINNERUNG

Am Unfallort im Münchner Stadtteil Trudering wird seit dem 22.

September 2004 mit einem Gedenkstein an das Unglück vom 6. Februar

1958 erinnert. Dies geht auf die Initiative des langjährigen

ehrenamtlichen Münchner Stadtrats und FCB-Verwaltungsbeiratsmitglieds

Hermann Memmel zurück. Dieser Ort wird immer

wieder von United Anhängern besucht und wurde zu einer Art

Wallfahrtsstätte.

2008 wird der Platz, auf dem der Gedenkstein steht aus Anlass des 50.

Jahrestags des Unglücks in Manchesterplatz umbenannt.

Am 57. Jahrestag des Unglücks weihte Bobby Charlton im

Vereinsmuseum des FC Bayern eine weitere Erinnerungsstätte mit dem

Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern Karl-Heinz Rummenigge und

Oberbürgermeister Dieter Reiter ein.Ein weiteres Zeichen der engen

Verbundenheit beider Vereine.

Der Mythos lebt – einige „Babes“ überlebten das Unglück, unter ihnen

mit Busby der Architekt der Mannschaft. Der Club steigt nach und nach

auf und gewinnt zehn Jahre später unter Busby doch noch den

Europapokal der Landesmeister.

Ryan Giggs, langjähriger verdienter Spieler

von United sagte. „Die Menschen vergessen

nie, was mit den Busby Babes passierte, sie

würdigen diese und zollen Respekt. Das ist

etwas, worauf Manchster United immer stolz

war – auf die Geschichte und das Weitertragen

des Vermächtnisses.“

Auch uns als Kurt Landauer Stiftung ist es

wichtig dass dieses Unglück niemals in

Vergessenheit gerät, der verbindende

Charakter des Fußballs immer wieder klar wird

und auch die historische Freundschaft beider

Vereine weiter gelebt wird.

„Ich bin stolz, dass ich so viele Freunde bei Bayern München und in

München habe“, sagte der sichtlich bewegte Bobby Charlton.

Am vergangenen Samstag spielte United im Old Trafford gegen

Huddersfield. Vor Spielbeginn gedachte man den Opfern der

Flugzeugtragödie von 1958 und die Fans organisierten eine Choreografie

zur Erinnerung an die Busby Babes. auf jedem Platz im Stadion lag ein

kostenloses Programmheft sowie ein Buch, worin die Geschichte

ebenfalls nochmals ausführlich aufgearbeitet wurde.

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München 1958 ist nicht die größte, aber die bekannteste Katastrophe in

der Geschichte des Fußballs. Die Busby Babes wurden nicht dafür

WE WILL NEVER FORGET!


Kurt Landauer Stiftung e.V. Ganghoferstraße 41 80339 München

www.kurt-landauer-stiftung.de

Münchner Bank e.G. IBAN: DE36 7019 0000 0002 1837 49 SWIFT (BIC): GENODEF1M01

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