Der Da Vinci Fluch

nadineskonetzki

„Menschen jagen Hexen – Hexen jagen die Zeit…“

Eine Welt voller Magie, eine Welt ohne die berühmte Mona-Lisa.

Als Carrie ihre magischen Kräfte verliert, muss sie auf eine französische Privatschule wechseln. Ab sofort bestimmen nicht mehr Zaubersprüche, sondern Zicken und Hausaufgaben ihren Alltag. Auch Francis, Sahneschnittchen Nummer eins, macht ihr das Leben alles andere als einfach. Doch als er erfährt, wer ihre Vorfahren sind, verwandelt sich sein Hass in verdächtig intensives Interesse.
Ist sie bereit ihm zu helfen? Vor allem wenn dabei eine Möglichkeit für sie herausspringt, ihre alten Kräfte wiederzuerlangen? Eine magische Reise in die Vergangenheit beginnt…

Katharina Sommer

Der Da Vinci Fluch


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Nadine Skonetzki

Konstanzer Str. 68

78315 Radolfzell am Bodensee

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1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Radolfzell 2018

Buchcoverdesign: Coverandbooks / Rica Aitzetmueller

Illustrationen: saje design Bonn, www.saje-design.de

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Satz: Grittany Design, www.grittany-design.de

Druck: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

ISBN Print: 978-3-946955-08-5

ISBN Ebook: 978-3-946955-90-0

Alle Rechte vorbehalten

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.


KATHARINA SOMMER

Der

DaVinCi

Fluch


Für meine zauberhafte Familie


InhaltsVerzeichniS

Prolog 9

Neuanfänge 12

Ahnenforschung 25

Überraschende Freundlichkeit 37

Dem Geheimnis auf der Spur 51

Durch den Stein, durch die Zeit 69

Neuer Tag, neues Jahrhundert 83

Schwimmen ist wie Zaubern 101

Die Stunde der Wahrheit 117

Der Schwur 129

Tanzunterricht 142

Vorbereitungen 153

Die Reise beginnt 163

Florenz 177

Frühstück mit Leonardo 191

Der Da Vinci Fluch 207

Rauschender Ball, rauschende Gefühle 224

Hinterhalt 238

Die Anklage 249

Der Prozess 258

Hexenfeuer 266

Klarheit 276

Veränderungen 285

Epilog 292

Danksagung 294

Die Autorin 296


ProloG

Es war ein lauer Sommertag. Madame Moreau saß an ihrem Schreibtisch

und sah durch das hohe Fenster des alten Arbeitszimmers hinaus

in den Garten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, die Kinder nutzten

die letzten warmen Sonnenstrahlen und tollten durch das hohe Gras. Die

Fenster standen offen, Vogelgezwitscher und Kindergeschrei drangen bis

zu Madame Moreaus Arbeitsplatz, auf deren Mahagonitischplatte sich die

Papiere bereits stapelten.

Sie strich eine Strähne ihres roten Haares hinters Ohr, tauchte die Spitze

der Feder in ein Tintenfass und streifte behutsam die überschüssige Tinte

am Rand des Gefäßes ab. Dann setzte sie den Federkiel auf das golden

schimmernde Papier.

3. September 2017

Creil, Frankreich

Lieber Albert,

es freut mich zu hören, wie gut es dir geht. Vermutlich hast du von den

Ereignissen der letzten Monate erfahren, anders kann ich mir deinen

Brief nicht erklären. Sein Tod kam viel zu früh und die ganze Nation

trauert. Aber was geschehen ist, kann man nicht mehr ändern. Caroline

erholt sich stetig, dennoch werden wir sie vor jeglicher, noch so

unbedeutenden, Gefahr beschützen, weshalb ich dir leider keinen Kon-

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takt zu ihr gestatten kann. Sollte dir diese Entscheidung ungerecht oder

egoistisch erscheinen, muss ich dir in Erinnerung rufen, dass du deine

Tochter verlassen hast. In dem Moment, als du der dunklen Magie den

Vorzug gegeben und das kleine Bündel in meinen Armen zurückgelassen

hast, wurde sie meine Tochter. Und ich schwöre dir, dass wir alles

tun werden, um sie vor jeder Bedrohung zu beschützen, wenn nötig

auch vor dir.

Hochachtungsvoll

Maggie

Schwungvoll setzte sie ihren Namen unter die Zeilen, dann legte sie Brief

und Schreibzeug beiseite und erhob sich aus dem gepolsterten Ohrensessel.

In Gedanken versunken lehnte sie sich gegen den Fensterrahmen und sah

nach draußen in den blühenden Garten, während Ajoly, der orangefarbene

Kater, gemächlich in den Raum trottete und sich laut schnurrend um Maggies

Beine schlängelte. Sie kraulte den Kater hinter den Ohren, während die

Sonnenstrahlen ihre, mit Sommersprossen besetzte, Nase kitzelten.

Draußen stürmten gerade die kleinen Zwillinge, Marie und Rosie, vorbei.

Sie sprangen wie Schmetterlinge in die Luft, um ihrer Mutter zuzuwinken,

während Liz, die ältere Schwester der zwei Wirbelwinde, ihnen

keuchend hinterherjagte. Lächelnd winkte die Rothaarige zurück. Timothy,

der Älteste lag in einer Hängematte, die zwischen zwei Kirschbäumen

gespannt war. Er wirkte vertieft in seine Lektüre und schien kaum

zu bemerken, dass seine Brille bereits mehrere Zentimeter die Nasenspitze

hinuntergerutscht war. Genauso wenig nahm der Junge Notiz von seinem

jüngeren Bruder Robin, der alles daran setzte, von dem Älteren beachtet

zu werden, jedoch ohne Erfolg. Doch dann blickte Maggie besorgt zu einem

Mädchen, das etwas abseits auf einer grauen Decke im Gras hockte

und mit leerem Blick auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft starrte, als

wäre sie gerade viele hunderte Kilometer entfernt. Rote, zerzauste Strähnen

hingen ihr ins blasse Gesicht, die graublauen Augen wirkten leblos

und leer.

Maggie machte sich Sorgen um sie, doch sie wusste nicht, was sie noch

versuchen sollte, um Caroline zu helfen. Sie konnte nur abwarten und

hoffen, dass sich bald alles zum Guten wenden würde. Doch was sie zu

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jenem Zeitpunkt weder ahnen noch wissen konnte: Es würden noch viel

schlechtere Zeiten auf sie zukommen, sodass sie diesen ruhigen Sommernachmittag

schneller zurückwünschen würde, als ihr lieb war.

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12


NeuanfänGe

E

s war zum Verrücktwerden! Ich hatte das erdrückende Gefühl, als

wäre ich ein Glas – ein leeres Glas. Früher mit Leben und Energie

gefüllt, nun jedoch bis zum letzten Tropfen geleert und damit kraftlos und

schwach. Wie merkwürdig das auch klang, ich hatte meine Kräfte ausgeleert

und verschüttet wie ein tollpatschiges Kind. Nichtsdestotrotz besaß

es ein Fünkchen Wahrheit, wenn nicht sogar einen großen Brocken davon,

der mich nun geradezu erdrückte. Ich seufzte schwer. Warum hatte das

auch ausgerechnet mir passieren müssen?

Eine Hexe ohne Kräfte, ohne Magie – einfach lächerlich. Ja genau, ich

war eine richtige Lachnummer. Verärgert warf ich meine Haarbürste auf

die weiße Frisierkommode und starrte mit meinem Spiegelbild um die

Wette. Eine Hälfte meiner roten Haare hing lang und glatt wie Schnittlauch

über meine Schultern hinab, die andere Hälfte stand in wilden

Ringeln von meinem Kopf ab. Das war natürlich kein Naturphänomen

meiner Haare. Vielmehr lag es an dem Eisenstab, der auf seinem Platz

vor mir auf der Kommode vor sich hin glühte und eine unangenehme

Hitze ausstrahlte – ein Lockenstab. Eine Erfindung der Menschen, mit

der ich absolut auf keinen grünen Zweig kam. Anstatt mir sanfte, schöne

Locken zu fabrizieren, wie es das Abbild einer braunhaarigen Frau auf der

Verpackung versprach, sah ich aus, als hätte ich mit meinem Finger in

eine Steckdose gegriffen. Ich seufzte erneut. Früher war das alles leichter.

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Statt Stunden für so ein miserables Resultat vor dem Spiegel zu stehen,

hatte ich die sanften Wellen, die ich mir wünschte, ganz einfach mit einem

kleinen Zauberspruch geschaffen. Eine Leichtigkeit war das gewesen. So

leicht wie auf einem Besen fliegen, würde meine Mutter dazu sagen. Etwas,

das man nie verlernt und selbst im Schlaf fabrizieren könnte. Genauso war

das Zaubern für mich gewesen. Natürlich hatte das nicht für alle Sprüche

und Formeln gegolten, immerhin war ich noch keine fertig ausgebildete

Hexe. Aber nicht einmal einen einfachen Zauberspruch zustande bringen,

der die Struktur meiner Haare verändern sollte, war einfach lächerlich.

Da hatten wir dieses deprimierende Wörtchen wieder. Wenn möglich war

meine Laune in den letzten paar Minuten noch weiter in den Keller gesunken

und als ich erneut eine Haarsträhne um den Lockenstab wickelte,

verbrannte ich mir prompt die Finger an dem heißen Eisen.

»Au!«, jaulte ich auf, wobei der Laut viel eher ein Frustrationsschrei war

als von wirklichem Schmerz hervorgerufen.

»Carrie?« Timothy streckte seinen roten Haarschopf zur Tür herein. »Alles

klar bei dir?« Sein Lächeln beinhaltete eine Mischung aus Besorgnis

und Neugier. Vermutlich wunderte er sich, was mich dazu veranlasste, wie

ein getretenes Kätzchen zu jaulen. Genau genommen so wie Ajoly, unser

manchmal sehr zur Dramatik neigender Kater, der nicht davor zurückschreckte,

sein lautestes Katzenjammern zum Besten zu geben, nur weil

jemand sein Körbchen einen Zentimeter in die falsche Richtung geschoben

hatte.

»Ja, natürlich«, antwortete ich, obwohl ich es mir sehr verkneifen musste,

unglücklich das Gesicht zu verziehen. Natürlich war nicht alles okay,

gut, klar oder was einem sonst noch dafür einfallen mochte. Aber meine

schlechte Laune jedem auf die Nase zu binden, würde weder mir noch den

anderen weiterhelfen.

»Ich muss gleich los. Ein gewisser Monsieur Swentway stellt heute eine

neue Zauberformel vor, die es ermöglichen soll, sich mit 0,1 mal der Lichtgeschwindigkeit

zu bewegen. Einfach fabelhaft dieser Mann. Chef Carter

ist zwar noch skeptisch, dennoch möchte ich die Präsentation auf keinen

Fall verpassen, egal ob sich ein Bericht darüber für die nächste Ausgabe

lohnt.« Während er sprach, nahm er seine Brille ab und reinigte sie mit

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seinem Hemdzipfel. Dennoch schien er alles andere als zufrieden, als er sie

anschließend prüfend gegen das Licht hielt.

»Das klingt wirklich toll. Es freut mich, dass dir dein Praktikum so gut

gefällt«, antwortete ich. So schlecht ich mich auch fühlte und so sehr ich

im Moment im Selbstmitleid versank, ich konnte mir ein kleines Lächeln

nicht verkneifen.

Ebenfalls schmunzelnd nickte er, setzte die Brille wieder zurück auf seine

Nasenspitze und wandte sich zum Gehen. »Hab einen schönen ersten

Schultag. Wir sehen uns dann beim Abendessen.«

Und weg war mein Lächeln. Schmerzhaft überrumpelte mich die Tatsache,

dass heute mein erster Schultag an einer normalen Schule sein würde.

Für Robin war heute ebenfalls der erste Schultag, jedoch an der HML –

der Höheren Magischen Lehranstalt –, und damit auf einem ganz anderen

Niveau. Unsere Mutter wollte ihn zum Hafen bringen, von wo aus es mit

der Fähre weiter in den Norden ging. Dort besuchte er das Internat für

junge Hexen und Zauberer zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die ihr

Magiepotenzial an der HML weiter ausschöpfen wollten, um später einen

angesehenen Job in der magischen Welt zu bekommen. Es war Robins erstes

Jahr, wohingegen es mein vorletztes Schuljahr wäre. Die Betonung lag

jedoch auf wäre. Denn ohne Magie gab es auch keine Notwendigkeit, eine

magische Schule zu besuchen. Tränen traten mir bei diesem Gedanken in

die Augen, sodass ich mich schnell abwandte und mich, nach Ablenkung

suchend, stattdessen wieder meinen Haaren widmete. Sie sahen kaum besser

aus als wenige Minuten zuvor. Ein Grund mehr, mit einem resignierten

Seufzen, das Gesicht in den Händen zu vergraben und mir zu wünschen,

unsichtbar zu werden. Anstatt buchstäblich in Selbstmitleid zu ertrinken,

raffte ich meine Gedanken und meine wild vom Kopf abstehenden Haare

zusammen und band sie zu einem lockeren Knoten hoch. Natürlich nur

die Haare, nicht die Gedanken. Dann trat ich mit einer, mit Schulsachen

gefüllten, Tasche den Weg in die Küche an.

Polternd kam ich die Holztreppe hinunter, die bei jedem Schritt ein

lautes Knarren von sich gab, als hätte ich das Gewicht eines Sumo-Ringers.

»Mum«, rief ich, als ich an Familienfotos vorbei, welche die Wand tapezierten,

die Stiege, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten sprintete.

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»Bonjour, ma chérie«, antwortete mir meine Mutter, die, einen gefüllten

Wäschekorb unterm Arm, den Vorraum betrat, mit melodischer Stimme.

Strauchelnd kam ich auf der letzten Stufe zum Stehen.

»Ça va? Schon nervös? Heute ist wohl für alle ein großer Tag. Robin war

heute schon so aufgeregt, dass ich dachte, er würde nicht mal mehr den

einfachsten Zauber zustande bringen. Dabei sollte er doch nur die Socken

unter dem Bett hervorholen, stattdessen gingen sie in Flammen auf …«

Ihre Wangen waren gerötet und rote Haarsträhnen hingen ihr ins verschwitzte

Gesicht. Vermutlich war sie schon seit dem frühen Morgen auf

den Beinen und eilte von einer brennenden Socke zur nächsten. Sie wirkte

gestresst. Außerdem schien sie die Bedeutung ihrer Bemerkung nicht erkannt

zu haben.

Mir hingegen zog sich der Magen schmerzhaft zusammen. Nicht mal

mehr den einfachsten Zauber zustande bringen. Genauso ging es mir, leider

nicht nur sprich-, sondern auch wortwörtlich. Meine Stimmung sank

noch tiefer. »Ist Robin schon in der Küche? Ich möchte mich noch von

ihm verabschieden«, wechselte ich rasch das Thema.

»Oui, bien sûr. Der Bus kommt bald, ich muss noch in den Garten. Also

wünsche ich dir bereits jetzt einen zauberhaften Tag, ma chérie.«

Sie schloss mich über den Wäschekorb hinweg in eine Umarmung und

drückte mir einen schmatzenden Kuss auf die Wange.

»À tout à l‘heure!«, rief sie mir noch nach, dann verschwand sie durch

eine angrenzende Tür nach draußen.

»Tschüss, Mum.« Lächelnd trat ich in die Küche und ließ meinen Rucksack

auf einen Stuhl fallen. Entgegen Mums Vermutung war Robin noch

nicht in der Küche. Um die Zeit zu überbrücken, schenkte ich mir Orangensaft

in ein Glas und versank, mit dem Blick aus dem Küchenfenster, in

meine Gedanken. Genau genommen war meine Mum nicht meine richtige

Mutter, sondern eine Tante mütterlicherseits, weshalb ich mit meinen

roten Haaren und den graublauen Augen nicht weiter aus der Reihe

tanzte. Meine leibliche Mutter starb vor Jahren bei einem Einsatz. Sie war

Geisterjägerin gewesen und setzte dabei ihr Leben tagtäglich aufs Spiel. Als

sie starb, war ich gerade mal ein Jahr und ich kann mich nur noch durch

Erzählungen an sie erinnern. Die Trauer um meine Mutter ließ meinen

Vater verkümmern und er war nicht länger fähig gewesen, für mich zu

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sorgen. Also gab er mich zu meiner Tante, die mich wie ein eigenes Kind

aufnahm. Manchmal fragte ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn

meine Mutter nach meiner Geburt ihren gefährlichen Job aufgegeben

hätte. Vielleicht würde ich dann nicht in Frankreich in einer Großfamilie

leben. Aber Grübeln half auch nicht weiter. Außerdem liebte ich Maggie

und René wie meine eigenen Eltern. Nachdem sie mir die Wahrheit über

meine leiblichen Eltern gesagt hatten, wäre es mir nie in den Sinn gekommen,

sie nicht mehr Mum und Dad zu nennen. Sie waren für mich meine

Eltern, genauso wie Timothy, Robin, Liz und die Zwillinge meine Geschwister

waren. Um nichts in der Welt würde ich sie eintauschen wollen.

Ich vernahm ein lautes Poltern, wenige Sekunden später schwang die

Küchentür auf und Robin stürmte herein. Seine Wangen waren beinahe

so rot wie zuvor Mums. Die Röte verdeckte damit beinahe die zahlreichen

Sommersprossen, die er so verabscheute. Meiner Meinung nach ließen sie

ihn knuffig wirken, doch welcher kleine Bruder wollte das von seiner großen

Schwester hören?

»Ich kann meine Brille nicht finden«, rief er aufgebracht. Die Aufregung

schien ihn ganz hibbelig zu machen und zugleich auch ziemlich durcheinander.

»Halt!« Ich hielt ihn an der Schulter zurück. »Du hast sie auf der Nase.«

Fahrig tastete er danach und wurde nur noch röter, als er das vertraute

Metallgestell zwischen seinen Fingern spürte. »Ups!«, sagte er beinahe kleinlaut,

schien jedoch erleichtert. Zufrieden ließ er sich auf einen Küchenstuhl

fallen, während ich ihm ebenfalls einen Orangensaft eingoss und einen

Teller mit einem Schokoladencroissant vor seine Nase auf den Tisch stellte.

»Schon sehr aufgeregt?«, fragte ich, wobei ich das Offensichtliche aussprach.

Er sah mich mit großen Augen an und nickte.

»Das schaffst du schon. Es wird eine großartige Zeit werden, glaub mir.«

Lächelnd drückte ich ihm einen Kuss auf den roten Haarschopf. »Ich hab

dich lieb, das weißt du.«

»Ich hab dich auch lieb«, murmelte er an meiner Schulter.

Ich vermisste ihn bereits jetzt.

»Du, Carrie?«

»Ja?« Neugierig sah ich auf.

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Mit einem, mit Schokolade bekleckerten, Finger deutete er durch die

Fensterscheibe nach draußen. »War das nicht dein Bus?

In Sekundenschnelle war ich am Fenster und blickte die hügelige Auffahrt

hinunter. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um einen gelb leuchtenden

Schulbus hinter dem nächsten grünen Hügel verschwinden zu sehen.

»Merde!«, fluchte ich laut.

Für den Bus war es definitiv zu spät. Ich brauchte nur eine Sekunde,

dann hatte ich meine Entscheidung getroffen. »Schreib, sobald du in

der Schule angekommen bist«, rief ich meinem Bruder zu, während ich

nach dem Autoschlüssel griff, der neben der Tür, zusammen mit anderen

Schlüsseln, an einem dafür vorgesehenen Brett hing. »Erzähl Mum und

Dad nichts davon!« Dann war ich aus der Tür.

Zwar war ich bereits einige Male hinter dem Steuer gesessen – sogar mit

Erlaubnis. Dad war ein wahrer Autofreak, deshalb hatte er auch uns Kinder,

sobald wir das richtige Alter erreicht hatten, mit seiner Leidenschaft

vertraut werden lassen.

Dennoch zitterten meine Knie wie Wackelpudding, als ich meinen

Rucksack schulterte und zu Dads Wagen lief. Der rote Flitzer, wie ihn

Dad gern nannte, stand hinter dem Haus in einem Schuppen, gut versteckt

und vor Unwettern und Witterung geschützt. Der rote Flitzer. Nun,

dabei handelte es sich um ein schickes Cabrio, das Dad von seinem Vater

übernommen hatte. Sein Vater war kein Zauberer, sondern ein einfacher

Automechaniker gewesen. Ein lustiger Mann, der gut mit uns Kindern

hatte umgehen können. Leider war er viel zu früh an einem Herzinfarkt

verstorben. Seitdem hielt Dad die alte Rostlaube am Leben. Er konnte sich

einfach nicht davon trennen. Mum hingegen verstand sein Festhalten an

materiellen Dingen nicht. Oft hatte sie ihn schon zum Verkauf des Wagens

überreden wollen. Vermutlich weil das Auto nicht genug Platz für die

ganze Familie bot und letztendlich nur unnötig Platz verbrauchte. Rostlaube

– das war noch einer der netten Ausdrücke, denn würde Dad sich

von der rostroten Karre trennen, würde sie mit ziemlicher Sicherheit auf

dem Schrottplatz landen. Dad hatte seinen Vater sehr geliebt und der alte

Wagen erinnerte ihn unweigerlich an ihn, weshalb das rote Schmuckstück

einen eigenen Platz erhalten hatte. Doch gerade das machte es mir nun

einfacher. Wenn alles gut ging, würden sie sein Fehlen gar nicht bemerken.

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Mit klopfendem Herzen schloss ich die Schuppentür auf und öffnete

von innen das Tor. Zitternd setzte ich mich auf den Fahrersitz und verfrachtete

den Rucksack auf den Beifahrersitz neben mir. Dann startete ich

den Motor und betete zu Gott, dass Mum nicht mehr im Garten war und

somit das verdächtige Aufheulen nicht hören konnte.

Schnurrend erwachte das metallene Gefährt zum Leben. Aus der Garage

auszuparken, stellte die größte Schwierigkeit dar. Sobald ich es, ohne eine

einzige Schramme in dem roten Lack, durch das enge Tor geschafft hatte,

atmete ich erleichtert aus. Immer schneller rollte der Wagen den Hügel

hinunter und mich erfasste ein unbändiges Glücksgefühl. Ich kurbelte das

Fenster nach unten und der Fahrtwind pfiff mir durch das zerzauste Haar.

So frei hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Adrenalin strömte

durch meine Adern. Doch es war nicht vergleichbar mit dem knisternden

Pulsieren der Magie, die ich nicht mehr beherrschte. Der Gedanke versetzte

meinem Überschwang einen gehörigen Dämpfer. Geknickt kurbelte

ich die Fensterscheibe wieder nach oben.

Ich erreichte den Schulparkplatz ohne Probleme und lenkte den Wagen

durch die Reihen der Autos. Wie nicht anders zu erwarten, waren die

meisten Schüler am ersten Schultag pünktlich gekommen und folglich

ließ sich ein freier Parkplatz nur schwer finden. Die Zahlen der digitalen

Uhranzeige rückten unaufhörlich auf halb neun zu und ich wurde zunehmend

nervös. Am ersten Tag zu spät zu kommen, hinterließ wohl keinen

guten Eindruck. Erleichtert erkannte ich in einigen Metern Entfernung

eine freie Parklücke neben einem grünen VW. Ich stieg aufs Gas und steuerte

darauf zu. Im letzten Moment erkannte ich jedoch hinter dem hohen

Dach des VWs einen Kopf und trat auf die Bremse. Quietschend kam der

Wagen zum Stehen. Gerade rechtzeitig, um den Jungen, der soeben von

seinem Motorrad stieg, nicht zu Brei zu verarbeiten. Mir stockte der Atem,

das Herz schlug panisch gegen meine Rippen.

»Merde!«, entkam es mir, als ich das wutverzerrte Gesicht des Jungen

erblickte. Mit dem Helm unter dem Arm kam er mit großen Schritten auf

meinen Wagen zu.

Ängstlich blickte ich durch die Scheibe. Die blonden Haare standen ihm

in zerzausten Locken vom Kopf ab und die dunklen Augen funkelten zor-

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nig, als er die Fahrertür aufriss. Aber Wow, diese Augen waren umwerfend.

Ein strahlendes Grau wie flüssiges Quecksilber – eine Augenfarbe, die mir

bisher noch bei keinem Menschen untergekommen war.

»Hast du sie nicht mehr alle?«, fauchte er und Locken fielen ihm ins

Gesicht.

»Je suis désolée«, murmelte ich eingeschüchtert. »Aber ist ja nichts passiert.«

»Nichts passiert? Du hättest mich beinahe umgebrettert!«

Dieser Junge war definitiv eine Dramaqueen.

»Ich kann nicht mehr sagen, als es tut mir leid«, erwiderte ich genervt

und versuchte, die Tür wieder zu schließen, doch er hielt sie eisern fest.

»Lass los«, sagte ich verärgert und wollte rückwärts ausparken, wenn

man das überhaupt so nennen konnte, um mir einen neuen Platz zu suchen,

bevor die Schulglocke läutete. Immerhin stand mein Wagen quer

mit der Schnauze voraus in der kleinen Parklücke, die er sich auch noch

mit einem halbverrosteten Motorrad teilte. Doch wie sollte es auch anders

sein, der Motor starb ab. Ich konnte so etwas wie Genugtuung in der Mimik

des Jungen erkennen.

»Wer dich durch die Führerscheinprüfung gelassen hat, hatte wohl nicht

mehr alle Tassen im Schrank«, rief er, ließ aber endlich von meiner Tür ab.

»Tja«, antwortete ich mit beißendem Sarkasmus in meiner Stimme,

»vielleicht habe ich ja gar keinen Führerschein.« Warum auch, ich bin eine

Hexe – vollendete ich in meinem Kopf. Nur stimmte das mittlerweile wohl

auch nicht mehr.

Der Junge lachte ungläubig, als hielt er nun nicht den Prüfer, sondern

mich für diejenige, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

Mit einem Ruck, gefolgt von einem lauten Knall, zog ich die Tür zu. Der

Junge stolperte überrascht aus dem Weg, während ich rückwärts aus der

Parklücke, welche mir bisher mehr Ärger als Nutzen gebracht hatte, fuhr.

Nicht gerade der beste Start für den ersten Schultag. Den ersten Feind

hatte ich mir damit wohl bereits gemacht.

»Du hast sie ja nicht mehr alle«, rief er noch und hob die Hand in einer

rüden Geste. Dann legte ich den ersten Gang ein und fuhr weg.

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Es waren nur noch wenige Minuten, bis es läuten würde, und ich stürmte

mit dem Tempo einer wild gewordenen Furie in das Hauptgebäude. Abgesehen

vom Namen meines Klassenlehrers hatte ich noch keine Informationen

und da mir die Zeit fehlte, um das Sekretariat aufzusuchen, wandte

ich mich wohl oder übel an die nächstbeste Schülergruppe, die sich mir

bot. Wäre ich noch Herr meiner Kräfte, würde ich einfach meinem magischen

Orientierungssinn folgen, doch dann wäre ich auch nicht hier.

»Pardon. Könnt ihr mir vielleicht sagen, wo ich Monsieur Marchands

Klassenraum finde?«, fragte ich, ganz aus der Puste, und zog den Riemen

meiner Schultasche, der über meine Schulter gerutscht war, ein Stück in

die Höhe.

Abwartend starrte ich in die Runde, der aus vier Schülern bestehenden

Gruppe, ein Junge umzingelt von drei Mädchen. Niemand schien gewillt,

zu antworten, und ich musste gegen den Drang ankämpfen, mit meiner

Hand vor ihren regungslosen Gesichtern zu wedeln.

Hallo, jemand da?

Entnervt stöhnte ich auf. »Monsieur Marchands Klassenraum«, wiederholte

ich. »Kann mir jemand sagen, wo ich ihn finde?«

»Monsieur Marchand oder den Klassenraum«, fragte eines der Mädchen

und tippte mit einem ihrer dunkelrot lackierten Fingernägel gegen die

ebenfalls rot bemalten Lippen.

»Ist das nicht offensichtlich«, antwortete ich schnippisch.

Ein laszives Lächeln breitete sich auf ihrem breiten Mund aus, und mit

den Gebärden eines angriffslustigen Panthers warf sie ihr rabenschwarzes

Haar in den Nacken.

»Mit unhöflichen Leuten rede ich nicht«, verkündete sie mit einer Ernsthaftigkeit,

als hätte ich ihr gerade ein Bein gestellt und sie anschließend

mit Tomaten beworfen.

Ungläubig starrte ich sie an. Eine Antwort blieb mir im Hals stecken.

»Ach Val, sei doch nicht immer so«, sagte der Junge, wobei in seiner

Stimme ein leicht gereizter Unterton mitschwang.

Ob er damit meinte, dass sie mit ihrem nervenaufreibenden Spielchen

mir gegenüber aufhören sollte oder damit, ihn förmlich zu erwürgen, war

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mir zu diesem Zeitpunkt schleierhaft. Tatsächlich waren ihre dünnen Finger

beängstigend fest um die Enden seines Schals geschlungen. Aber auf

mich machte ihr Verhalten ganz den Eindruck, als würde es für sie zur

Gewohnheit gehören, neue Schülerinnen zu ärgern, weshalb ich eine vernünftige

Antwort ihrerseits gar nicht mehr erwartete und stattdessen den

Jungen möglichst freundlich musterte.

»Im zweiten Stock«, ergriff zu meiner Überraschung Val das Wort. Besonders

lange hielt sie es offenbar nicht aus, ohne im Rampenlicht zu stehen.

»Es läutet gleich, also müssen wir auch los. Wir zeigen dir den Weg.«

Sie drehte sich hoch erhobenen Hauptes um und ging los. Verblüfft sah

ich ihr hinterher. Wer hätte da noch mit einer so hilfsbereiten Antwort

gerechnet?

»Kommst du?«, fragte sie und drehte genervt den Kopf.

»Ja, klar«, murmelte ich und folgte der seltsamen Gruppe zu Monsieur

Marchands Klassenraum.

Unter den laut plaudernden Schülern, die sich nach den Ferienmonaten

zum ersten Mal wieder sahen, fiel ich nicht weiter auf.

Erst als Monsieur Marchand die Klassenliste durchging, wurde ich als

Fremde im Nest erkannt und das Getuschel richtete sich gegen mich.

Ich hatte mich auf den freien Platz hinter Val gesetzt.

»Und Caroline Moreau, fühlst du dich schon wie eine Attraktion?«,

fragte sie, während sie sich zu mir umdrehte und Lipgloss auf ihre gespitzten

Lippen tupfte. Dann lächelte sie schelmisch.

»Wie ein Nilpferd im Zoo«, antwortete ich und verdrehte die Augen.

»Du bist nicht die erste neue Schülerin, das geht vorüber.«

»Valerie Périgord«, las Monsieur Marchand vor. Sein Blick hob sich von

der Liste und er sah über den Rand seiner Halbmondbrille durch den

Klassenraum.

Val wandte sich wieder nach vorn, hob leicht die Hand und Monsieur

Marchand setzte nickend ein Häkchen neben Valeries Namen.

So ging die Prozedur weiter, während ich die Zeit nutzte, um die Klasse

genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Klassenraum wich nicht besonders

von denen ab, die ich bisher kennengelernt hatte. Tische, Stühle und

Schüler, nichts Ungewöhnliches. Auch die Schüler wirkten, abgesehen

davon, dass sie keine Hexen und Zauberer waren, wie eine gewöhnliche

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Klasse mit ihren Zicken, Strebern und Badboys. Lediglich die obligatorische

Schuluniform fehlte, was die Klasse zu einem bunten Haufen machte.

Nun fragte ich mich erst recht, ob ich mir mit meinem Aussehen für heute

nicht mehr Mühe hätte geben sollen. Doch sobald meine Gedanken zu

dem mörderischen Lockenstab wanderten, stellte ich mit absoluter Sicherheit

fest, dass das keine gute Option gewesen wäre.

Der Rest des Schultages verlief in einer geradezu verdächtigen Langeweile.

Ich lernte die anderen Schüler kennen und folgte Valerie und ihrem

Grüppchen von einem Unterricht zum anderen. Welchen Grund auch

immer sie dafür hatte, die Modequeen der Schule hatte mich offenbar

ausgewählt, ein neues Mitglied ihrer Anhängerschaft zu werden. Wenn

ich auch nicht sagen konnte, dass mir sie oder eine ihrer treu folgenden

Barbiepuppen sympathisch gewesen wäre, schloss ich mich ihnen an. So

saß ich beim Mittagessen wenigstens nicht allein am Tisch.

»Heute ist Brokkoli-Tag. Ich empfehle dir, iss ja nichts davon«, erklärte

mir Val und ihr Gefolge, bestehend aus zwei Blondinen, nickte unisono,

wobei sie theatralisch die Augen aufrissen, um ihre Zustimmung zu bekunden.

»Letztes Jahr habe ich darin ein Haar gefunden – einfach nur

eklig.« Pikiert verzog sie den Mund, als hätte sie in einen besonders sauren

Apfel gebissen.

»Werde ich mir merken.« Ich konnte mir gerade noch ein Lächeln verkneifen.

Ob sie wohl auf der Stelle in Ohnmacht fallen würde, wenn sie

wüsste, dass ich erst zum letzten Vollmond für ein Ritual das Blut einer

Kröte trinken musste. Oh ja, sie würde augenblicklich einen hysterischen

Anfall bekommen. In Gedanken kichernd, folgte ich ihnen gut gelaunt zu

einem Tisch und setzte mich.

»Ich habe einfach ständig das Gefühl, ich sehe ein Haar«, murmelte Val

und stocherte mit der Gabel in ihrem Salat herum.

Mum hatte mir ein Lunchpaket eingepackt, weswegen ich ohne Angst

und mit gutem Gewissen in mein Käsesandwich beißen konnte.

»Nimm dir doch einfach was von zu Hause mit«, sagte ich zwischen

zwei Bissen und sah hoch, wobei ich direkt in zwei stechend graue Augen

blickte.

Der Junge vom Parkplatz.

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»Oh«, machte ich erschrocken und verschluckte mich prompt an einer

Radieschenscheibe.

Hustend wandte ich mich ab, wobei ich ihn aus den Augenwinkeln genauer

betrachtete.

Er hatte sein Tablett abgestellt und stützte sich an der Tischkante ab,

wobei er sich bedrohlich nach vorn beugte. »Was macht die da?«, fragte er

und bedachte mich mit einem abschätzigen Blick. Die Abscheu in seiner

Stimme war so offensichtlich, mir blieb gar nichts anderes übrig, als empört

aufzuschnaufen.

Val sah überrascht von ihrem Salat auf.

Das bedeutete dann wohl, dass dieses unhöfliche Verhalten vermutlich

nicht zu seiner Norm gehörte.

»Das ist Carrie. Sie ist neu hier«, erklärte sie und zog verwirrt eine der

perfekt gezupften Augenbrauen hoch.

»Und warum sitzt sie bei uns?« Genervt ließ er sich auf den Stuhl gegenüber

fallen und blickte mich, über den Tisch hinweg, verärgert an, als hätte

ich ihn gerade persönlich beleidigt.

»Da hat aber jemand schlechte Laune«, antwortete ich und lachte leise

auf. Sein unhöfliches Verhalten wirkte so seltsam, ich konnte nicht anders

darauf reagieren.

»Das kommt vielleicht davon, dass man fast überfahren wurde. Nahtoderfahrung

könnte man dazu sagen. Nicht jeder geht so super damit um«,

fuhr er mich an.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Das ist doch lächerlich.« Sein Verhalten

war einfach unmöglich und brachte mich zur Weißglut.

Val und ihre Freundinnen sahen zwischen uns hin und her, als wäre

unser Schlagabtausch ein Tischtennisball, der zwischen ihm und mir hin

und her sprang.

Der Junge holte Luft für eine neue Erwiderung, da entschied Val offenbar,

dass es an der Zeit war, einzugreifen.

»Francis«, fuhr sie ihn an. »Lass es gut sein. Ich weiß nicht, was heute

dein Problem ist, aber lass Carrie in Frieden. Sie isst mit uns und nun

Schluss damit.«

Entgegen meiner Vermutung ließ er es tatsächlich auf sich beruhen, zog

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lediglich einen Schmollmund, widmete sich seinem Essen und schwieg

daraufhin eisern.

Valerie war eine erstaunlich offene, extrovertierte Person und nach dem

Ende des Essens hatte ich das Gefühl, inzwischen mehr über sie erfahren

zu haben, als ich über mich selbst wusste. Nur eines schien sie ausgelassen

zu haben, erkannte ich schnell, als das Mittagessen zu Ende war und wir

unsere Tabletts zurücktrugen. Val und Francis waren bereits am Eingang

und warteten auf Larry, Angelina, Miles und mich.

Angelina biss ein letztes Mal in ihren Apfel, öffnete den Deckel des

Mülleimers und schmiss ihn hinein. Während der Apfelbutzen mit einem

dumpfen Geräusch im Müllkübel landete, packte Francis Val an der Taille,

zog sie an sich und steckte ihr seine Zunge in den Hals.

Wie erstarrt beobachtete ich, wie sie den Kuss intensiv erwiderte.

»Sind die beiden etwa ein Paar?«, fragte ich und versuchte, wenig erfolgreich,

die Überraschung aus meiner Stimme zu verbannen.

Larry wandte sich zu mir um, während die anderen weitergingen. Ein

kleines, amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen. »Es braucht dir nicht

peinlich zu sein. Gut zwei Drittel der gesamten Mädchen würden sich

wünschen, Francis sei Single, aber wie das Leben so spielt …«

Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte, während ich spürte, wie

mir die Röte ins Gesicht schoss.

»Ich … Nein … also… das war anders gemeint …«, stammelte ich mit

glühenden Wangen.

Aber Larry winkte ab, als wäre ihr meine Reaktion schon tausendmal

untergekommen. »Manchmal glaube ich, sie sind nur zusammen, weil es

jeder von ihnen erwartet. Keine Ahnung, ist nur so ein Gefühl. Aber jetzt

komm, wir sind spät dran – schon wieder.«

Wie Valerie am Morgen Miles betatscht hatte, dachte ich eher, dass die

beiden ein Paar wären. Doch wie so oft täuschte der erste Eindruck. Es

sollte mich nicht groß aus der Bahn werfen, dass Francis offenbar vergeben

war. Immerhin mochte ich diesen arroganten Schnösel nicht einmal.

Und auch wenn er unbestreitbar heiß aussah und Larry mit ihrer Daumen

mal Pi Schätzung vermutlich sogar recht hatte, ich war definitiv nicht an

Francis interessiert.

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