dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 70 (1/2018), Detroit

derive

Das Schicksal der Stadt Detroit erhält seit Jahren große, wenn auch meist oberflächliche Aufmerksamkeit: Von der Ästheti­sierung des Verfalls der Stadt, der sich so attraktiv in Coffee­table-Books darstellen lässt – Stichwort Ruin Porn –, über den Versuch mit Creative Industries oder Urban Farming ökonomische Impulse zu setzen bis zur Berichterstattung über den Konkurs der Stadt. Das dominante Narrativ von Detroit wiederholt sich in diesen Darstellungen und oszilliert zwischen den Polen Verfall und Wiederauferstehung. Der gesellschaftspolitische Kontext und die Ursachen für diese Entwicklungen sind im Detail weit weniger bekannt. Der Aufgabe, das zu ändern, stellt sich die dérive-Schwerpunktausgabe »Detroit«.

Jan — März 2018

N o 70

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

dérive

DETROIT

ISSN 1608-8131

8 euro

dérive


Editorial

100 Jahre Oktober Revolution, 100 Jahre Republik Österreich,

50 Jahre 1968, 200. Geburtstag von Karl Marx, 50 Jahre

Le droit à la ville (Recht auf Stadt) … Die letzten und die kommenden

Monate sind von zahlreichen Gedenk- und Jahrestagen

geprägt. Über ein Ereignis, das vor 50 Jahren stattfand, hat die

Regisseurin Kathrin Bygelow einen Film gedreht, der gerade

in unseren Kinos gelaufen ist: Detroit. Im Juli 1967 fanden in

Detroit Riots statt, bei denen sich nach einer Razzia in einer

illegalen Bar Frustration und Zorn gegen den tief verwurzelten

Rassismus, die immense Ungleichheit und die gesellschaftlich

tolerierte Polizeibrutalität ihren Weg bahnten. Die auch als

12th Street Riot in die Annalen der Stadt eingegangenen Ausschreitungen

kosteten 43 Menschen das Leben, über 1.000

Menschen wurden verletzt und mehr als 7.000 verhaftet. Die

Stadt hatte damals schon viel von ihrem Glanz verloren. Zigtausende

Arbeitsplätze in der Automobilindustrie waren aus der

Stadt verschwunden, Arbeitslosigkeit, Armut, elende Wohnverhältnisse

und Polizeibrutalität kennzeichneten den Alltag eines

großen Teils der Bevölkerung. Betroffen waren vor allem die

Schwarzen BewohnerInnen Detroits, die damals 40 Prozent

der Bevölkerung ausmachten, heute sind es 80.

Detroit ist das Thema des Schwerpunkts in diesem

Heft. Das Schicksal der Stadt erhält seit Jahren große, wenn

auch meist oberflächliche Aufmerksamkeit: Von der Ästhetisierung

des Verfalls der Stadt, der sich so attraktiv in Coffeetable-Books

darstellen lässt – Stichwort Ruin Porn –, über den

Versuch mit Creative Industries oder Urban Farming ökonomische

Impulse zu setzen bis zur Berichterstattung über den

Konkurs der Stadt. Das dominante Narrativ von Detroit wiederholt

sich in den Darstellungen und oszilliert zwischen den

Polen Verfall und Wiederauferstehung. Der gesellschaftspolitische

Kontext und die Erklärungen dafür, wie aus Detroit

Destroit werden konnte, wie die Stadt nicht ganz unpassend

gelegentlich genannt wird, sind im Detail weit weniger bekannt.

Dem Niedergang der Stadt liegt tatsächlich ein Akt der Zerstörung

zugrunde, der sich – wie in zahlreichen anderen

Städten auch – auf Rassismus gründet. Der so genannte White

Flight aus den heterogenen Innenstädten in die homogenen

Vorstädte wäre ohne rassistische Praktiken im Immobilienhandel

oder bei der Kreditvergabe, kombiniert mit einer spezifischen

Steuerpolitik, nicht möglich gewesen.

Der von Lucas Pohl betreute Schwerpunkt in dieser

Ausgabe von dérive versammelt Beiträge zu unterschiedlichen

Aspekten von Detroits urbaner Gesellschaft: Nach der Einleitung

zum Schwerpunkt stellt der Detroiter Geograf Joshua

Ackers die oben genannten gesellschaftlichen und ökonomischen

Entwicklungen in einem historischen Abriss der letzten

Jahrzehnte der Stadt dar und analysiert die aktuelle Situation

im Zeitalter der Austeritätspolitik.

Eine der sehr konkreten Auswirkungen der neoliberalen Sparprogramme

ist die Wasserversorgung der Bewohner und

Bewohnerinnen Detroits. Seit 2014 wurde über 100.000 Haushalten

das Wasser abgedreht, weil sich die BewohnerInnen

nicht mehr in der Lage sehen, ihre Rechnungen zu bezahlen.

(In Österreich wird übrigens jedes Jahr rund 28.000 Haushalten

wegen offener Rechnungen der Strom abgedreht.) Die

Community-Organisation We the People kämpft seit Jahren

gegen diese Politik und informiert in ihrem Beitrag für diesen

Schwerpunkt über die Situation.

Lucas Pohl wirft in seiner Auseinandersetzung mit

Detroit auch einen Blick auf einige der stadtprägenden Wolkenkratzer,

die für ihn den Fall und Wiederaufstieg sowie die

Machtverhältnisse in der Stadt beispielhaft verkörpern. Darüber

hinaus macht er sich Gedanken um Fragen nach Zeit und

Vergänglichkeit in einer Stadt, die sich wie kaum eine andere

mit ihrem Untergang konfrontiert sah und sieht.

Kerstin Niemann und Alexa Färber sprechen in einem

Interview mit dem Fotografen Camilo José Vergara, der Detroit

seit mehreren Jahrzehnten fotografisch dokumentiert. Durch

seine Arbeit ist er zu einem Chronisten der Stadt geworden, der

im Gegensatz zu anderen FotografInnen keine Ruin-Porn-

Coffeetable-Books produziert, indem er den Verfall ästhetisch

in Szene setzt, sondern mit seinem Schaffen einen stadtforscherischen

Zugang verfolgt.

Medial wird Detroit mit Blick auf die Kunstszene immer

wieder als neues New York oder neues Berlin gehandelt. Nora

Küttel zeigt in ihrem Beitrag, wie es um die Lebensrealität

der Künstler und Künstlerinnen zwischen Kommodifizierung,

Gentrifizierung, sozialem Engagement und Vereinnahmung

tatsächlich steht und wie viel – oder wie wenig – die nach Aufmerksamkeit

heischenden Das-Neue…-Schlagzeilen mit der

Realität der Stadt zu tun haben.

Auch Scott Hocking ist Künstler in Detroit und hat für

dérive einen Essay verfasst, in dem er erzählt, wie er in der

Stadt aufgewachsen ist, sie immer wieder durchwandert hat,

wie er begonnen hat sich künstlerisch mit ihr auseinanderzusetzen

und sie nachts fotografisch dokumentiert.

Der Magazinteil bringt einen Beitrag des Hamburger

Urbanisten Michael Ziehl, der sich am Beispiel des Hamburger

Gängeviertels, in dem er selbst seit langer Zeit aktiv ist, ansieht,

wie es um die äußerst schwierigen Kooperationen zwischen

BürgerInnen und Stadtverwaltungen steht.

Das Kunstinsert von Cäcilia Brown trägt den schönen

Titel Ausschweifendes Reden ist ein schöner Laster und zeigt

u.a. einen raketenförmigen Anhänger, der dem Wiener Wagenplatz

Treibstoff als Toilette dient.

Christoph Laimer

01


»Das Durchstreifen

von Wolkenkratzern steht

somit sinnbildlich für das Erleben

dessen, wie sich Machtverhältnisse in der Architektur

einer Stadt niederschlagen.«

Lucas Pohl auf S. 13 in dieser Ausgabe.

ANGEBOT: ABONNEMENT + BUCH*

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inkl. ein Exemplar von:

Situationistische Internationale

Der Beginn einer Epoche

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David Graeber

Direkte Aktion

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Diesmal stehen zwei Bücher der Edition Nautilus zur Auswahl. David Graebers

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wie Die Theorie des Umherschweifens oder Formular für einen neuen Urbanismus.

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hohen Portokosten nur in Österreich.

dérive

Zeitschrift für Stadtforschung

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Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

Schwerpunkt

04 — 05

Eine STADT im Zerfall

Vorwort zum Schwerpunkt Detroit

LUCAS POHL

06 — 12

The DECLINE of Detroit in Three ACTS

JOSHUA ACKERS

13 — 18

Die unsterbliche STADT: Das UNBEHAGEN

in den Wolkenkratzern von Detroit

LUCAS POHL

19 — 26

TRACKING the Transformation of Detroit’s

Cultural Heritage

Interview with the photographer CAMILO

JOSÉ VERGARA

ALEXA FÄRBER,

KERSTIN NIEMANN

27 — 31

ART for whose SAKE? Zwischen

Kommodifizerung, Gentrification und

sozialem Engagement

NORA KÜTTEL

37 — 42

Detroit Nights

SCOTT HOCKING

43 — 45

MAPPING the Water CRISIS

WE THE PEOPLE OF DETROIT

COMMUNITY RESEARCH COLLECTIVE

Kunstinsert

32 — 36

CÄCILIA BROWN

Ausschweifendes Reden ist ein

schöner Laster

Magazin

46 — 50

Zukunftsfähigkeit durch Kooperation –

Ein Laborbericht aus dem Gängeviertel

MICHAEL ZIEHL

Besprechungen

51 — 55

Die neuen Munizipalismen. Soziale

Bewegungen und die Regierung der Städte.

All that is Solid Melts into Air — An Alternative

S. 52

History of the City

Dos Naye Lebn – Birobidschan, das Jerusalem

S. 53

am fernöstlichen Amur

S. 54

Diese Wildnis hat Kultur

S. 55

Das Ringen um die nackte Existenz

60

IMPRESSUM


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

S. 51

03


LUCAS POHL

Eine STADT

im Zerfall

Vorwort zum Schwerpunkt Detroit

»Das Phänomen Stadt zerfällt, indem es sich entfaltet«

— Henri Lefebvre

Foto — Scott Hocking

Das Vorwort zu einem Themenheft über Detroit zu schreiben gestaltet sich in etwa so schwer,

wie die Gestaltung eines solchen Schwerpunktes. Schließlich wurde kaum eine Stadt innerhalb

und außerhalb der Stadtforschung aus so vielen Gründen herangezogen, um urbane Phänomene

in der Geschichte und Gegenwart zu erörtern, dass sich bei einer Zusammenstellung an

Beiträgen über Detroit notwendig die Frage stellt, wie sich die einzelnen Texte zu einem großen

Ganzen verknüpfen lassen.

Als Hochburg der Automobilindustrie avancierte Detroit unter der Federführung von

Henri Ford im 20. Jahrhundert zu einer der prosperierendsten und wohlhabendsten Städte der

USA. Im Zuge der Krise des Fordismus und politischen Unruhen schrumpfte Detroit seit den

1950er Jahren schließlich sukzessive um über die Hälfte der Bevölkerung. Zeitweise verließ alle

48 Minuten eine Familie die Stadt, wie Joshua Akers in seinem überblicksartigen Abriss von Detroits

Entwicklung für diesen Schwerpunkt festhält. Nachdem das Bild der Stadt für einige Zeit

vor allem durch ausgestorbene Wohnviertel, leere Straßenzüge und verfallene Wolkenkratzer

geprägt war, sorgte der Zuzug von jungen Kreativen für einen erneuten Imagewandel. Die Stadt

erfindet sich neu und wird zu einem Anziehungspunkt des Do-It-Yourself-Urbanismus. Dieses

Comeback bringt jedoch einige millionenschwere Investments und Spekulationsvorhaben mit

sich. Ganze Viertel werden abgerissen, neugebaut und saniert, um Platz zu machen für ein neues

04

dérive N o 70Detroit


Detroit, dessen Ausmaße sich zum jetzigen Zeitpunkt zwar noch nicht vorhersagen lassen, doch

von Nora Mariella Küttel in ihrem Beitrag bereits passend mit der Frage Whose Detroit? infrage

gestellt werden.

Da ein Heft zu Detroit eventuell nahelegt, dass hier ein repräsentatives Bild von der Stadt

gezeichnet werden würde, möchte ich eingangs dafür sensibilisieren, wie unmöglich es ist, ein

solches Bild zu entwerfen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen Synonyme, wie Motor City

oder Motown herhalten konnten, um Detroit hinlänglich zu bezeichnen und auch das Gerede

von Detroit als sterbender Stadt hat ausgedient. Detroit Is No Dry Bones, um den Titel des

neuen Buchs von Camilo José Vergara zu zitieren. Vergara, der in einem Interview mit Alexa

Färber und Kerstin Niemann in dieser Ausgabe darüber reflektiert, wie er die Stadt seit über 25

Jahren dokumentarisch begleitet, gehörte zu den ersten Fotografen, die den Ruinen Detroits ihre

Aufmerksamkeit schenkten. Doch auch wenn der Verfall immer noch omnipräsent das Stadtbild

prägt und bis heute ganze Viertel verfallen und weggerissen werden, stehen gerade in der Innenstadt

Detroits frisch sanierte Hochhäuser und Wohnbauten bereit, um Zugezogene willkommen

zu heißen. Wo vor ein paar Jahren noch Wohnviertel waren, finden sich nun großzügige Grünflächen

und zwischen Ateliers, Cafés und urbanen Gärten wirken Armut und Obdachlosigkeit, die

vor einiger Zeit noch ausschlaggebend für die Debatten rund um Detroit waren, heute eher wie

Randerscheinungen. Diesen zunehmend unsichtbar werdenden AkteurInnen der Stadt widmet

sich Scott Hocking in seinem essayistischen Beitrag. Der Künstler baut seit Jahren Skulpturen

an verlassenen Orten Detroits und gibt einen einzigartigen Einblick in seine nächtliche Arbeit in

den Ruinen.

Detroit ist die Stadt der Widersprüche. Vielleicht ist sie gerade deshalb in den letzten Jahren

zu einem Spielfeld für die kritische Stadtforschung geworden. Während die Geisterstadt zu

einem ikonischen Beweis für die Endlichkeit der kapitalistischen Stadtentwicklung wurde, liefern

die großangelegten Gentrifizierungsprozesse und neoliberale Austeritätspolitik gegenwärtig vor

allem das Material für kritische Reflexionen über aktuelle Trends der kapitalistischen Stadtentwicklung.

Wo sich gestern noch wie nirgends sonst über die Postapokalypse fantasieren ließ,

schreitet heute bereits mit aller Beharrlichkeit die Wiederherstellung des Status Quo voran – ein

Gegensatz, dem ich mich in meinem Beitrag zu diesem Heft durch einen Blick auf die Wolkenkratzerarchitektur

Detroits gewidmet habe.

Über die Schwierigkeit, eine einheitliche Erzählung von der Stadt zu liefern, löst Detroit

damit auf eindrucksvolle Weise ein, was Henri Lefebvre in seiner programmatischen Schrift

La Révolution urbaine aus den 1970er Jahren als Ausgangspunkt für das künftige Denken der

Stadtforschung in Aussicht stellte: die Annahme einer Unmöglichkeit von der Stadt als Ding

sprechen zu können. Während Lefebvres These jedoch vor allem darauf zielte, die Stadt nicht

mehr als lokal abgrenzbaren Gegenstand, sondern als global wirkmächtigen Urbanisierungsprozess

zu verstehen, sensibilisiert Detroit für eine andere Tragweite dieser Unmöglichkeit. Die

Stadt wird zum Unding, doch nicht, weil sie sich grenzenlos ausbreitet, sondern weil sie keine

Einheit darstellt – weder heute noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.

Was uns Detroit lehrt, ist die inhärente Widersprüchlichkeit des Urbanen. In Detroit zerfallen

mehr als die Gebäude, das Phänomen Stadt selbst zerfällt. Sobald man versucht die Stadt

auf den Begriff zu bringen, entzieht sich ein Teil von ihr dieses Zugriffs. Von Detroit sprechen

heißt demnach immer auch nicht von Detroit zu sprechen. Wie eine glibberige Masse lässt sich

die Stadt nicht festhalten, sodass sie keine zusammenhängende Geschichte, sondern nur einen

Flickenteppich an inkompatiblen Versatzstücken liefert. Anstelle eines übergeordneten Rahmens,

geben die Texte zum Schwerpunkt Detroit einen Einblick in die unterschiedlichen und

teils paradoxen Wirklichkeiten der Stadt, versammelt von ForscherInnen und KünstlerInnen aus

Detroit und anderswo. Und weil kein Bild und kein Text repräsentativ dafürsteht, was Detroit im

Kern ausmacht – weil jedes Narrativ vernachlässigt, ausblendet oder schlicht vergisst – lässt die

Zusammenstellung von Texten, die dieses Themenheft vereint, auch keinen anderen Rahmen zu

als den Namen der Stadt selbst.

Lucas Pohl ist Doktorand am Institut für Humangeographie der Goethe Universität Frankfurt

am Main. Er promoviert zum Leerstand und Verfall von Wolkenkratzern und analysiert in

diesem Zusammenhang, welche Konsequenzen von solchen Objekten in unterschiedlichen

Städten ausgehen. Allgemeiner interessiert er sich für eine Vermittlung von Philosophie,

Psychoanalyse und Stadtforschung mit Fokus auf den Arbeiten von Jacques Lacan, Henri

Lefebvre, Alain Badiou und Slavoj Žižek.

Lucas Pohl — Eine STADT im Zerfall

05


JOSHUA AKERS

The DECLINE

of Detroit in

Three ACTS

housing, austerity, deindustrialization,

subsidies, eviction, racism, suburbs, speculation

Series: Hope starts here;

All photos — Romain Blanquart

On a hot humid day in the middle of August, seven members of Detroit Eviction

Defense quickly packed boxes and loaded a moving truck on the east side of Detroit.

They were aiding a single-mother and her three children who were losing their home

less than seven months after agreeing to purchase it on a land contract. This house, a

three-bedroom colonial in the rough and tumble wilds of a long-neglected neighborhood,

was to be a home for the Morgan family. A site of stability, as Ms. Morgan’s

children chased their aspirations for higher education and a better life. Instead, they

now had no place to live just three weeks before the start of the school year. As the

truck was being loaded it was unclear where they would go.

06

dérive N o 70Detroit


LUCAS POHL

Architektur, Stadtgeschichte, Ruin Porn, Wolkenkratzer,

Unsterblichkeit, Machtverhältnisse

Die unsterbliche

STADT

Das UNBEHAGEN in

den Wolkenkratzern von Detroit

Der Book Tower wurde 1926 als Detroits höchstes Gebäude

eröffnet. Foto: Scott Hocking.

1

Inwiefern Lefebvres

Lesart mit einer

psychoanalytischen

Sichtweise auf (vertikale)

Architektur korrespondiert,

habe ich in einem anderen

Beitrag näher erläutert

(Pohl 2018).

Die Psyche der Stadt

Kaum etwas zeugt derart eindrucksvoll vom Aufstieg,

Fall und Wiederaufstieg Detroits wie dessen Wolkenkratzer.

Während zehntausende Gebäude in den letzten Jahren verfallen,

verbrannt und weggerissen worden sind, verweilen sie als

Zeugen einer Stadt, die einmal zu den reichsten und prosperierenden

Metropolen der Welt gehörte; die durch Schlagzeilen als

ärmste, kriminellste und schließlich sterbende Stadt weltweit

Berühmtheit erlangt hat; und die vielleicht eines Tages als

umfangreichstes Projekt einer städtischen Wiederauferstehung

in die Stadtentwicklungsgeschichte eingehen wird.

Während sich ein Großteil der gebauten Umwelt stetig

verändert, wohnt Wolkenkratzern eine eigenartige Zeitlosigkeit

inne. Doch nur, weil wir uns durch sie einen Zugang zur

Geschichte einer Stadt verschaffen können, sollte nicht vergessen

werden, dass uns solch schlafende Giganten nicht einfach

die Geschichte der Stadt erzählen. Weder erhalten wir durch sie

einen allgemeinen Blick auf die städtische Geschichte, noch ist

es eine beliebige Geschichte, die Wolkenkratzer erzählen. Wolkenkratzer

sind architektonische Manifestationen von Größe

und Imposanz und somit von Grund auf Ausdruck und

Zeugnis eines politischen Stadtverhältnisses. Henri Lefebvre

führt an einer Stelle seines Hauptwerkes La production de

l‘espace in einem psychoanalytisch inspirierten Vokabular aus:

»Die arrogante Vertikalität von Wolkenkratzern ... führt ein

phallisches oder genauer ein phallokratisches Element in den

Bereich des Visuellen ein; der Zweck dieser Darstellung,

diesem Bedürfnis zu beeindrucken, ist, den Zuschauenden

einen Eindruck von Autorität zu vermitteln. Vertikalität und

Höhe waren schon immer der räumliche Ausdruck von potentiell

gewaltiger Macht.« (Lefebvre 1974, S. 117) 1

Das Durchstreifen von Wolkenkratzern steht somit

sinnbildlich für das Erleben dessen, wie sich Machtverhältnisse

in der Architektur einer Stadt niederschlagen. Wolkenkratzer

sind der materialisierte Ausdruck dessen, wie sich Macht in

einer Stadt wortwörtlich zur Schau stellt – eine »Bühne aus

Beton, Stahl und Glas«, um es mit den Worten des Soziologen

Lucas Pohl — Die unsterbliche STADT: Das UNBEHAGEN in den Wolkenkratzern von Detroit

13


ALEXA FÄRBER, KERSTIN NIEMANN

documenting, photography, image-making, historization,

ruin porn, segregation, investment

TRACKING the

Transformation of

Detroit’s Cultural Heritage

Interview with the photographer

Camilo José Vergara

Tribute to street artist Nekst, by New Zealand artist Askew One;

Photo — Camilo José Vergara

The slow decay of urban architectures and infrastructures, derelict buildings,

wasteland, urban wilderness, and scrapped homes in Detroit’s city center

contributes to the common image of the deindustrialized city. Yet citizens

have adapted to and survived this long-term process of depopulation

and economic downfall over the last six decades. Derelict buildings and

structures become landmarks, gradually approaching the status of historical

monuments and points of orientation over time. A new building boom

driven by investment in private developments has led to the (re)building of

some downtown areas. This process of (re)invention, known as the New

Renaissance, is giving way to yet another future for the city, which has been

in a constant state of renewal since its Golden Age in the 1940s and 1950s.

Alexa Färber & Kerstin Niemann — TRACKING the Transformation of Detroit’s Cultural Heritage

19


NORA KÜTTEL

Visual arts, Gentrifizierung, socially engaged art,

Instrumentalisierung, Prekariat

ART for

whose SAKE?

Zwischen Kommodifizierung,

Gentrification und sozialem

Engagement

Blick auf einen südlichen Teil der

Packard Automotive Plant; Foto — Nora Küttel

Motor City, Motown, The D – Detroit trägt nicht

nur viele Namen, um die Stadt kursieren auch

zahlreiche Narrative. Während die erste Hälfte

des 20. Jahrhunderts vor allem vom wirtschaftlichen

Aufstieg Detroits geprägt gewesen ist –

Detroit als Synonym des American Dream, Detroit

als Arsenal of Democracy –, nehmen in den darauffolgenden

Jahren vor allem Erzählungen vom

Niedergang den Platz ein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts

münden diese in Artikeln, Büchern und

Zeitungsberichten mit den eingängigen Titeln wie Is

Detroit Dead? (Eisinger 2013), If Detroit is Dead,

Some Things Need to Be Said at the Funeral (Tabb

2015) oder Detroit – An American Autopsy (LeDuff

2013). Wie passend es ist, im Kontext einer Stadt,

in der immer noch Menschen leben, wohnen und

arbeiten, von Tod zu sprechen, sei an dieser Stelle

einmal dahingestellt. Viel mehr ist hier interessant,

dass etwa seit den 2010er Jahren wiederum eine

neue Richtung der Erzählung eingesetzt hat. Sie

dreht sich um die Zukunft Detroits und darum,

welche Rolle KünstlerInnen in ihr einnehmen.

Hierbei wird immer wieder ein Zusammenhang

hergestellt zwischen KünstlerInnen und einer

Renaissance oder einem Comeback Detroits. Das

geschieht einerseits eher fragend: »Can Detroit’s

Vibrant Arts Scene Save the City?« (La Force

2014), »Can the Arts Save Detroit?« (Tolf 2014),

andererseits mit einer klareren Aussage: »Detroit

The Dream is Now. The Design, Art and Resurgence

of an American City« (Arnaud 2017). Doch

solche Artikel werfen meist eher Fragen auf als

dass sie Antworten finden. Wer sind also diese

KünstlerInnen, die vielleicht in der Lage wären,

Detroit zu retten? Wie sähe solch eine Rettung

überhaupt aus? Und welche Spannungen und

Widersprüche verbergen sich in Detroit hinter der

vielleicht auch glorifizierten Rolle von KünstlerInnen

und Kunst in der Stadtentwicklung?

Outdoor Gallery des Grand River Creative Corridor,

diverse KünstlerInnen; Foto — Nora Küttel

Nora Küttel — ART for whose SAKE?

27


Kunstinsert:

Cäcilia Brown

Ausschweifendes Reden

ist ein schöner Laster

Cäcilia Brown beschäftigt sich mit dem öffentlichen Raum und seinen Ordnungen und Hierarchien.

Sie wählt dafür das Medium der Skulptur mit dessen ihm ganz eigenen Ordnungen und

Hierarchien. Manche davon sind ganz profan – Gewicht, Volumen, Können, Farbe, Schmutz –

und manche Luxusprobleme, wie sie unlängst eine Einzelausstellung betitelt hat. Die Werktitel in

jener Ausstellung lauteten dementsprechend: Aktivbürger, Aktivbürger (Kopie), Innerstädtischer

Grillgeruch, Er zieht ein und ich zieh aus und auch Ohne Titel (ein typisches Luxusproblem der

Gegenwartskunst in ihrem Bemühen die Welt zu fassen und für prekäre Momente ein organischer

Teil von ihr zu werden).

Cäcilia Brown schweißt und gießt Stahl, Beton und Gips zu teilweise beweglichen Objekten,

die Elementen des städtischen Raumes ähneln, wie Mistkübeln, Zäunen, Toren und Mauern.

Doch auch destruktive Akte wie Verbrennen oder Aus-dem-Fenster-Werfen sind Teil ihrer

Methoden, ebenso wie die Kopie (s.o.) und die Sammlung.

Ihr Beitrag für dérive startet mit einer Installationsansicht aus dem Leopold Museum in

Wien, wo derzeit eine umfangreiche Installation von ihr zu sehen ist. Im Bildvordergrund sehen

wir Auftürmungen gebogener Wachsobjekte, die hängend Raum okkupieren und den Spanngewichten

von Stromleitungen nachempfunden sind. Dahinter einen raketenförmigen Anhänger,

der dem Wiener Wagenplatz Treibstoff als Toilette dient. Als letztes Bild ihres Beitrags sehen

wir Cäcilia Brown selbst, die ein halbfertiges Traggerüst in Augenschein nimmt. Derzeit hat der

Wagenplatz Treibstoff bestehend aus rund einem Dutzend Wagen einen temporären Platz (mit

Toiletten) im 12. Bezirk gefunden. Auf Betreiben des Bezirksvorstehers wohl nur für kurze Zeit,

obwohl der Grundstückseigentümer einer längeren Zwischennutzung zustimmen würde. Daher

die museale Zwischennutzung des voll funktionalen Objekts, das in größtmöglichem Kontrast

zu den gediegenen Museumsräumen steht, deren dunkler Holzboden und steinverkleidete Foyers

den Geist des Wiener Fin de Siècle evozieren sollen.

Holzverkleidungen ganz anderer Art verwendet Brown für eine weitere aktuelle Arbeit,

deren Nahsicht sie für die folgende Doppelseite gewählt hat. Ihre Sammlung von Fotos öffentlicher

Toiletten in Tokio ist auf Sperrholzplatten montiert, die als Träger von Wahlkampfplakaten

dienten. Deren teils idealisierte, teils gehässige Botschaften sind zur Wand gedreht, die im Raum

der Zeitschrift illusorisch und papierdünn erscheint. Auf der Folgeseite schließlich sind Fragmente

von Gesprächen zu lesen, die Brown mit befreundeten KünstlerInnen zu Themen wie Pünktlichkeit,

Politik und Alltagsritualen führte.

Cäcilia Browns Arbeit ist noch bis 26. Februar 2018 im Rahmen der Ausstellung Spuren

der Zeit im Leopold Museum in Wien zu sehen.

Andreas Fogarasi

32

dérive N o 70Detroit


SCOTT HOCKING

Detroit Nights

abandonment, sounds, walking, sculpture,

locations, materials

Photos — Scott Hocking

For the first 12 years of my life, I lived on a dirt street. Trucks would periodically

come by and oil it, to keep the dust down. We had ditches, a rotating

assortment of broke down cars being repaired that covered both the driveway

and lawn, and a couple of big trees in the front yard – the bigger one

was whitewashed at the trunk. It was a working-class neighborhood; kids

everywhere. Our parents would yell our names at dinnertime, or at dark, or

whenever we had to come home – because we were always outside, somewhere.

We lived in an 800-square foot house, which sold for 800 bucks a

couple of years ago. A handful of houses down the street, running perpendicular

to it, was the industry-lined C & O Railroad. Ziebart Rustproofing, Profile

Steel and Wire – whose giant front lawn we used for baseball games; the

signpost that read »No Ball Playing« was home plate – and further east, a

sprawling 7-Up Bottling Plant. There was a pedestrian walkway between

the steel and pop factories, allowing people to walk to and from the railroad.

On the other side of the tracks, the streets were paved.

Scott Hocking — Detroit Nights

37


WE THE PEOPLE OF DETROIT COMMUNITY RESEARCH COLLECTIVE

MAPPING the

Water CRISIS

The We the People of Detroit Community Research Collective

was formed in 2015 by a group of academics, community

members, and community activists from We the People of

Detroit, a community-led organization that has assisted Detroiters

in their struggles for a right to the city and its resources.

The impetus for the formation of our research collective was

the severe impacts of austerity policies on Detroit’s communities

and, in particular, on the working-class and disadvantaged

African-American communities that comprise the majority of

the city’s population. Our collective has been dedicated to documenting

the social consequences of austerity policies, focusing

on the racial inequities of those policies and the way in which

those policies have perpetuated systematic and structural forms

of racism that shape the allocation of wealth, jobs, security,

education, health, and many other social and economic rewards

and resources.

Our work started with one of the most basic of those

resources: water. We started with water because the communities

we work in, work with, and work for are currently contending

with a water crisis instigated by a campaign to shut off

water to households with unpaid water bills. The narrative of

the Detroit Water and Sewerage Department (DWSD) and

municipal officials is that water is shut off at homes where

water bills aren’t being paid. Water shut-offs, for the DWSD

and these officials, are not a crisis, but simply a responsible

business practice. The research of our collective, however, tells

a different story.

Our research shows how water bills in Detroit go unpaid

not because water customers are irresponsible, but because

water is unaffordable. While the U.S. Environmental Protection

Agency recommends that access to water and sewers should

cost no more than 2.5% of a family’s income, we show that many

Detroiters are faced with bills that amount to 10% or even more

of their income. We also document how water rates in Detroit

have increased even as public assistance to the city’s most impoverished

residents has been cut and even as unemployment levels

in the city have rose—both factors leading to water bills consuming

ever and ever greater shares of the income of the city’s

most disadvantaged families and communities.

Our research shows that, in Southeastern Michigan, the

severity of policie affecting customers who are late on their

water bills corresponds to the race of a water authority’s customers,

so that water authorities in white-majority suburban

municipalities offer much more lenient late-payment options

Detroit Light Brigade protest against

mass water shut-offs in front of

Michigan Central Station, Detroit.

Photograph by Shanna Merola.

than the DWSD offers its customers. Our research also shows

that some suburban water authorities do not even allow water

to be shut off at all—almost as if they understand that water is

a human right as well as a commodity.

Our research shows that the DWSD, a public agency

paid for by the citizens of Detroit, has for decades funded water

infrastructure that has supported the growth of white-majority

suburban municipalities around Detroit. Officials in these

municipalities have consistently accused African-American

majority Detroit of overcharging for water, even as the DWSD

sells water at reduced rates to suburban water authorities, who

then mark up that water, sell it to their customers, and retain

the price difference.

Our research shows how the regionalization of Southeastern

Michigan’s water system is shifting control of

the DWSD from African-American majority Detroit to the

white-majority suburban region that the department has ended

up serving, how suburban officials initially resisted regionalization

because of what they called the delinquency of Detroit’s

water customers, how the DWSD responded to these concerns

by accelerating water shut-offs to delinquent customers, and

how these accelerated shut-offs apparently convinced suburban

municipalities to agree to a regional water authority.

Perhaps most consequentially, our research shows that

what the DWSD and suburban officials present as sound business

practice is, on the ground, a practice that is displacing

working-class and disadvantaged African-American families

and communities for whom water bills are unaffordable

expenses. We document how the DWSD’s program to put

unpaid water bills on property taxes is materially contributing

We the People of Detroit Community Research Collective — MAPPING the Water CRISIS

43


MICHAEL ZIEHL

Kooperation in

der KRISE

Das Gängeviertel in Hamburg

als Reallabor zur Koproduktion

urbaner Resilienz

Kooperation, Selbstverwaltung, Resilienz,

Paternalismus, Projektentwicklung, Reallabor,

Governance, Gängeviertel

Magazin

Hamburg, 22. August 2009. Rund 200 KünstlerInnen und AktivistInnen

besetzen das Gängeviertel, ein denkmalgeschütztes Ensemble

aus zwölf leerstehenden Gebäuden in der Hamburger Innenstadt.

Zuvor war es nach zehnjährigem Leerstand von der Freien und Hansestadt

Hamburg (FHH) an einen Investor verkauft worden, der es

entwickeln sollte. Für rund 50 Millionen Euro sollten Wohnungen,

Büros und Gewerbeflächen entstehen, wofür die FHH den Abriss

von großen Teilen der Bausubstanz genehmigte. Doch diese »neoliberale

Erneuerungsstrategie« (Breckner 2016, S. 192) scheiterte. Der

Investor geriet in Folge der um sich greifenden Finanzkrise ab 2009

in Zahlungsschwierigkeiten. Diese Situation nutzten die AktivistInnen

um mit der Besetzung gegen den geplanten Abriss zu protestieren.

In diesem Zuge kritisierten sie auch die Stadtentwicklungspolitik des

Hamburger Senats, denn sie sahen darin die zentrale Ursache für

eine weitgehende Verödung der Innenstadt und für die Gentrifizierung

von Wohnquartieren. Vor allem die Verdrängung von KünstlerInnen

und Kulturschaffenden bei gleichzeitiger Selbstdarstellung der

FHH als kreative und tolerante Stadt standen in der Kritik. Viele der

BesetzerInnen waren selbst von steigenden Mietpreisen oder Verdrängung

in Folge von Projektentwicklungen betroffen. Daher forderten

sie die Entwicklung des Gängeviertels als selbstorganisiertes

Quartier für künstlerische Nutzungen mit günstigen Mieten. Um ihren

Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurde die Besetzungsaktion

künstlerisch inszeniert und stadtweit mit dem Slogan Komm in die

Gänge beworben (Gängeviertel e.V. 2012, S. 45ff.).

Fabrique im Gängeviertel nach der

Sanierung 2015.

Alle Fotos — Franzi Holz

46

dérive N o 70Detroit


Besprechungen

Die Neuerfindung der

Demokratie

Elke Rauth

Munizipalismus lautet das aktuelle Buzz-

Word für viele an einem tiefgreifenden

Wandel der urbanen Gesellschaft interessierte

linke Bewegungen, die unter den

Auswirkungen der Dauerkrise seit 2007 an

einer solidarischen Praxis für den städtischen

Alltag arbeiten. Gemeint ist damit

eine neue Form des Regierens, die den

leeren Hallen der Demokratie wieder

echtes Leben einhauchen möchte. Entstanden

aus den Bewegungsinitiativen und in

den Nachbarschaften betrachten die

munizipalistischen Regierungen auch nach

der Eroberung der institutionellen Macht

eben diese als ihre PartnerInnen in der

Formung und Umsetzung ihrer politischen

Agenda einer offenen, solidarischen und

gerechten Gesellschaft.

Viele der munizipalistischen Ansätze

fußen dabei auf weiter zurückreichende

Theorien wie etwa Murray Bookchins

System eines libertären Kommunalismus,

doch für die Praxis fungiert insbesondere

Spanien mit den Aushängeschildern

Barcelona und Madrid als leuchtende Inspirationsquelle.

Bei den spanischen

Kommunalwahlen 2015 führten – nach

den Platzbesetzungen der 15M-Bewegung

2011 und den Erfolgen der Bewegung

gegen Zwangsräumungen PAH – zahlreiche

Wahlkämpfe munizipalistischer Plattformen

in einer ganzen Reihe spanischer

Städte zum Sieg. Seither befinden sich die

Bewegungs-Plattformen, die ganz im

Gegensatz zu Podemos keine hierarchische

Parteienstruktur anstreben, in einem ebenso

schwierigen wie hoffnungsvollen Prozess

der Aneignung der Institutionen des Politischen

und der »Erprobung einer neuen Institutionalität«

durch das Zusammendenken

von sozialen urbanen Bewegungen, Nachbarschaften

und politischen Institutionen.

Einiges ist dazu im Netz bereits publiziert

worden und auch die dérive-Ausgabe

69 zum urbanize! Festival Demokratie und

Stadt im Herbst 2017 hat sich intensiv mit

der munizipalistischen Idee beschäftigt.

Ende 2017 ist dazu nun eine weitere Publikation

erschienen, die sich unter dem Titel

Die neuen Munizipalismen. Soziale Bewegungen

und die Regierung der Städte aufmacht,

eine kritische Analyse der munizipalistischen

Praxen in Spanien, ihrer

Erfolge und Fallstricke zu liefern. Gut zwei

Jahre nach dem unerwarteten David-gegen-Goliath-Sieg

der munizipalistischen

Plattformen betrachtet der schmale Band,

erschienen bei transversal texts, in acht

Beiträgen den Status Quo: Was ist bisher

geschehen, welche Erfahrungen – und

welche Fehler – wurden gemacht und

welche Erkenntnisse und Notwendigkeiten

ergeben sich daraus? Die HerausgeberInnen

Christoph Brunner, Niki Kubaczek,

Kelly Mulvaney und Gerald Raunig lassen

dabei die PraktikerInnen in den neuen

Stadtregierungen ebenso zu Wort

kommen, wie sie einen Blick von außen

liefern, der die Entwicklungen zu theoretisieren

versucht.

Gleich mit dem Einführungsartikel Die

politische Neuerfindung der Stadt liefern

Niki Kubaczek und Gerald Raunig einen

spannenden Überblick, der von den un mittelbaren

Wurzeln der munizipalistischen

Bewegungen und ihrem urbanen Terrain

bis zu den Prozessen, Ansprüchen, Forderungen

und Zielen reicht. Das Munizipalistische

Manifest versammelt gemeinsame

Positionen, die im Juli 2016 auf der

1. Tagung zu Munizipalismus, Selbstverwaltung

und Gegenmacht diskutiert

wurden. Dabei wird auch klar, dass mit der

Verlagerung des Politischen auf die Ebene

von Städten und Gemeinden keineswegs

der Rückzug ins Lokale gemeint ist; ganz

im Gegenteil verfolgt der Munizipalismus

die globale Vernetzung solidarischer

Städte als gemeinsames Bollwerk gegen

die EU-weite Austeritätspolitik des Sozialabbaus

und der geschlossenen Grenzen

sowie die Macht der Konzerne.

Wie anders sich das munizipalistische

Politikverständnis gestaltet, wird insbesondere

in den Artikeln aus der Praxis klar:

Übersetzt von Gerald Raunig erläutert

etwa Montserrat Galcerán Huguet, Philosophie-Professorin

und seit 2015 Gemeinderätin

in Madrid, die Erfolge und Schwierigkeiten

im »Kampf für den sozialen

Wandel und seine Ankunft in den Institutionen«,

während sie gemeinsam mit ihrem

Ahora Madrid-Kollegen, dem Geschichtswissenschafter,

Aktivisten und Gemeinderat

Pablo Carmona Pascual, Die Zukünfte

des Munizipalismus entlang von Feminisierung

der Politik und demokratischer Radikalisierung

analysiert. Auch Manuela

Zechner arbeitet nah an der Praxis und

liefert mit Let‘s play wichtige Überlegungen

zu neuen Formen von Subjektivität

und Kollektivität, sowie den Ein- und Ausschlüssen

eines behaupteten Wir.

Insgesamt schafft der Band eine wertvolle

Bestandsaufnahme für das Echtzeit-Labor

Munizipalismus, in dem Theorie

und Praxis tastend entwickelt und erprobt

werden. Dazu gehört wohl ebenso, dass es

für die Zukunft einer Sprache und Übersetzungsleistung

bedarf, die auch den theoretischen

Diskurs für unterschiedliche

Milieus zugänglich macht. Aber noch ist

das letzte Wort ja nicht geschrieben.


Christoph Brunner, Niki Kubaczek, Kelly Mulvaney,

Gerald Raunig (Hg.)

Die neuen Munizipalismen. Soziale Bewegungen und die

Regierung der Städte.

transversal texts, 2017

140 Seiten, 10 Euro.

Auch erhältlich als Gratisdownload unter transversal.at

Besprechungen

51


Zeitschrift für Stadtforschung

ISSN 1608-8131

8 euro

dérive

Okt — Dez 2017

N o 69

BACKISSUES

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oder an bestellung(at)derive.at.

Alle Inhaltsverzeichnisse und zahlreiche Texte sind auf der dérive-Website nachzulesen.

dérive

dérive

dérive Nr. 1 (01/2000)

Schwerpunkte: Gürtelsanierung: Sicherheitsdiskurs,

Konzept – und Umsetzungskritik, Transparenzbegriff;

Institutionalisierter Rassismus am Beispiel der »Operation

Spring«

dérive Nr. 2 (02/2000)

Schwerpunkte: Wohnsituation von MigrantInnen und

Kritik des Integrationsbegriffes; Reclaim the Streets/

Politik und Straße

dérive Nr. 3 (01/2001) (vergriffen)

Schwerpunkt: Spektaktelgesellschaft

dérive Nr. 4 (02/2001)

Schwerpunkte: Gentrification, Stadtökologie

dérive Nr. 5 (03/2001)

Sampler: Salzburger Speckgürtel, Museumsquartier,

räumen und gendern, Kulturwissenschaften und Stadtforschung,

Virtual Landscapes, Petrzalka,

Juden/Jüdinnen in Bratislava

dérive Nr. 6 (04/2001)

Schwerpunkt: Argument Kultur

dérive Nr. 7 (01/2002)

Sampler: Ökonomie der Aufmerksamkeit, Plattenbauten,

Feministische Stadtplanung,

Manchester, Augarten/Hakoah

dérive Nr. 8 (02/2002)

Sampler: Trznica Arizona, Dresden, Ottakring,

Tokio, Antwerpen, Graffiti

dérive Nr. 9 (03/2002)

Schwerpunkt in Kooperation mit dem

Tanzquartier Wien: Wien umgehen

dérive Nr. 10 (04/2002) (vergriffen)

Schwerpunkt: Produkt Wohnen

dérive Nr. 11 (01/2003)

Schwerpunkt: Adressierung

dérive Nr. 12 (02/2003)

Schwerpunkt: Angst

dérive Nr. 13 (03/2003)

Sampler: Nikepark, Mumbai,

Radfahren, Belfast

dérive Nr. 14 (04/2003) (vergriffen)

Schwerpunkt: Temporäre Nutzungen

dérive Nr. 15 (01/2004)

Schwerpunkt: Frauenöffentlichkeiten

dérive Nr. 16 (02/2004)

Sampler: Frankfurt am Arsch, Ghetto Realness,

Hier entsteht, (Un)Sicherheit, Reverse Imagineering,

Ein Ort des Gegen

dérive Nr. 17 (03/2004)

Schwerpunkt: Stadterneuerung

dérive Nr. 18 (01/2005)

Sampler: Elektronische Stadt, Erdgeschoßzonen,

Kathmandu, Architektur in Bratislava

dérive Nr. 19 (02/2005)

Schwerpunkt: Wiederaufbau des Wiederaufbaus

dérive Nr. 20 (03/2005)

Schwerpunkt: Candidates and Hosts

dérive Nr. 21/22 (01-02/2006)

Schwerpunkt: Urbane Räume – öffentliche Kunst

dérive Nr. 23 (03/2006) (vergriffen)

Schwerpunkt: Visuelle Identität

dérive Nr. 24 (04/2006)

Schwerpunkt: Sicherheit: Ideologie und Ware

dérive Nr. 25 (05/2006) (vergriffen)

Schwerpunkt: Stadt mobil

dérive Nr. 26 (01/2007)

Sampler: Stadtaußenpolitik, Sofia, Frank Lloyd Wright,

Banlieus, Kreative Milieus, Reflexionen der phantastischen

Stadt, Spatial Practices as a Blueprint for

Human Rights Violations

dérive Nr. 27 (02/2007)

Schwerpunkt: Stadt hören

dérive Nr. 28 (03/2007)

Sampler: Total Living Industry Tokyo, Neoliberale Technokratie

und Stadtpolitik, Planung in der Stadtlandschaft,

Entzivilisierung und Dämonisierung, Stadt-Beschreibung,

Die Unversöhnten

dérive Nr. 29 (04/2007)

Schwerpunkt: Transformation der Produktion

dérive Nr. 30 (01/2008) (vergriffen)

Schwerpunkt: Cinematic Cities – Stadt im Film

dérive Nr. 31 (02/2008) (vergriffen)

Schwerpunkt: Gouvernementalität

dérive Nr. 32 (03/2008)

Schwerpunkt: Die Stadt als Stadion

dérive Nr. 33 (04/2008)

Sampler: Quito, Identität und Kultur des Neuen Kapitalismus,

Pavillonprojekte, Hochschullehre,

Altern, Pliensauvorstadt, Istanbul, privater Städtebau,

Keller, James Ballard

dérive Nr. 34 (01/2009)

Schwerpunkt: Arbeit Leben

dérive Nr. 35 (02/2009)

Schwerpunkt: Stadt und Comic

dérive Nr. 36 (03/2009)

Schwerpunkt: Aufwertung

dérive Nr. 37 (04/2009)

Schwerpunkt: Urbanität durch Migration

dérive Nr. 38 (01/2010)

Schwerpunkt: Rekonstruktion

und Dekonstruktion

dérive Nr. 39 (02/2010) (vergriffen)

Schwerpunkt: Kunst und urbane Entwicklung

dérive Nr. 40/41 (03+04/2010)

Schwerpunkt: Understanding Stadtforschung

dérive Nr. 42 (01/2011)

Sampler

dérive Nr. 43 (02/2011)

Sampler

dérive Nr. 44 (03/2011)

Schwerpunkt: Urban Nightscapes

dérive Nr. 45 (04/2011)

Schwerpunkt: Urbane Vergnügungen

dérive Nr. 46 (01/2012)

Das Modell Wiener Wohnbau

dérive Nr. 47 (02/2012)

Ex-Zentrische Normalität:

Zwischenstädtische Lebensräume

dérive Nr. 48 (03/2012)

Stadt Klima Wandel

dérive Nr. 49 (04/2012)

Stadt selber machen

dérive Nr. 50 (01/2013) (vergriffen)

Schwerpunkt Straße

dérive Nr. 51 (02/2013)

Schwerpunkt: Verstädterung der Arten

dérive Nr. 52 (03/2013)

Sampler

dérive Nr. 53 (04/2013)

Citopia Now

dérive Nr. 54 (01/2014)

Public Spaces. Resilience & Rhythm

dérive Nr. 55 (02/2014)

Scarcity: Austerity Urbanism

dérive Nr. 56 (03/2014) (vergriffen)

Smart Cities

dérive Nr. 57 (04/2014)

Safe City

dérive Nr. 58 (01/2015)

Urbanes Labor Ruhr

dérive Nr. 59 (02/2015)

Sampler

dérive Nr. 60 (03/2015)

Schwerpunkt: Henri Levebvre und das Recht aus Stadt

dérive Nr. 61 (04/2015)

Perspektiven eines kooperativen Urbanismus

dérive Nr. 62 (01/2016)

Sampler

dérive Nr. 63 (02/2016)

Korridore der Mobilität

dérive Nr. 64 (03/2016)

Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung

dérive Nr. 65 (04/2016)

housing the many Stadt der Vielen

dérive Nr. 66 (01/2017)

Judentum und Urbanität

dérive Nr. 67 (02/2017)

Nahrungsraum Stadt

dérive Nr. 68 (03/2017)

Sampler

dérive Nr. 69 (04/2017)

Demokratie

57


Impressum

ABONNEMENT

dériveZeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

dérive – Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung sollen dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze finden.

Grundlegende Richtung:

dériveZeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Tel.: +43 (01) 946 35 21

E-Mail: mail@derive.at

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Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr

in Wien live auf ORANGE 94.0

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Anzeigenleitung & Medienkooperationen:

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Wir danken für die Unterstützung:

Bundeskanzleramt – Kunstsektion,

MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung.

Chefredaktion: Christoph Laimer

Schwerpunktredaktion: Lucas Pohl

Redaktion / Mitarbeit: Thomas Ballhausen, Johanna Betz, Andreas

Fogarasi, Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Axel Laimer, Iris Meder, Erik Meinharter, Sabina

Prudic-Hartl, Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo.

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen dieser

Ausgabe: Joshua Ackers, Thomas Ballhausen, Alexa Färber,

Andreas Fogarasi, Rixta Hoekstra Scott Hocking, Nora Küttel,

Kerstin Niemann, Lucas Pohl, Ursula Maria Probst, Paul

Rajakovic, Elke Rauth, Camilo José Vergara, We the People of

Detroit Community Research Collective, Michael Ziehl.

Mitgliedschaften, Netzwerke:

Eurozine – Verein zur Vernetzung von Kulturmedien,

IG Kultur, INURA – International Network for Urban

Research and Action, Recht auf Stadt – Wien.

Die Veröffentlichung von Artikeln aus dérive ist nur mit

Genehmigung des Herausgebers gestattet.

Coverfoto: Camilo José Vergara; Outdoor service, Free Indeed

Outreach Ministries. 3323 Gratiot Avenue, Detroit, 2015.

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