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Die Existenz des Spekulativen

2.2 Jamblich und der

2.2 Jamblich und der vollkommene Abstieg der Seele 101 Seele steigt in Gänze ab.⁶⁶ Der Seele kommt ihr Leben somit vom Geist zu, ihre Wirkmächtigkeit entfaltet sich in einer Außenwelt, die ihr ebenfalls vom Geist vorgegeben ist.Die Seele produziert nichtimrationalen Verstandesdenken selbst die Welt,indem sie die nacheinander durchdachten λόγοι als Abbilder der Ideenin ein raum-zeitliches Außen projiziert. Die hierarchische Gliederung unterschiedlicher Seelen negiert den einheitlichen ontologischen Status alles Seelischen. Statt wie Plotin den gemeinsamen geistigen Grund der Seelenhypostase und jeder einzelnen Seele zu betonen, konstruiert Jamblich auf diese Weise ein Differenzmodell, indem die Seele durch Geistferne bestimmt ist: Je nach ihrer Nähe zum Geist wird der ontologische Rang einer jeden Seele bestimmt und ihr produktives Vermögen sowie ihr Zugang zum reinen Denken beschränkt. Heilserwartungen bedient Jamblich in De anima, inder Form in der die Schrift auf uns gekommen ist,nicht.Alle diese Momente weisen aufProklos voraus, der Jamblich und dessenWendunggegen Plotin in entscheidenden Punkten gefolgt ist.Proklos gebührt der Verdienst, diese Kritikpunkte, die zunächst einmal nicht viel mehr darstellen als die pauschale Ablehnung entscheidender Lehrsätze Plotins, systematisiert und ausdifferenziert zu haben und sie dialektisch in sein eigenes System und seine Seelenlehre integriert zu haben. Auch wenn Proklos’ Seelenlehre gerade im Verhältnis der Seele zum Geist letztlich auch nicht befriedigend ausfallen und den Interpreten mit Fragen zurücklassen wird, so erhebt er doch auf der Grundlageeiner starkbetonten Trennung vonSeele und Geist Jamblichs Kritik an Plotin in den Rang einer systematisch entfalteten Metaphysik. Als Ausdruck dieser bedeutungsvollen grundsätzlichen Unterscheidungwird der den Abschluss der Stoicheiosis theologike bildende vollständige Abstieg der Seele aus dem Geist dienen. Hierdurch wird ein ontologischer Unterschied zwischen der Geist-und der Seelenhypostase und damit die Beschränkung des seelischen Erkenntnisvermögens postuliert. Vor diesem Hintergrund stellt die proklische Psychologie den großen spätantikenGegenentwurf zu Plotins noologischer Bestimmung der Seele und ihrer ewigen Teilhabe am reinenDenken des Geistes dar.Dies gründet aufder Vorarbeit Jamblichs, der, ohne selbst eine Plotin überbietende Seelenlehre hinterlassen zu haben, diejenigen Philosopheme innerhalb der plotinischen Psy- Der gänzliche Abstieg der Seele bei Jamblich wirdauch bei Pseudo-Simplikios bezeugt: In De Anima ,–,, bes. ,–: εὔλογον ἄρα μᾶλλον δὲ ἀναγκαῖον οὐ τὴν ἐνέργειαν μόνην, ἀλλὰ καὶ τὴνοὐσίαν τῆςψυχῆςκαὶαὐτὴντὴνἀκροτάτην, τῆς ἡμετέρας φημί, διαφορεῖσθαι πως καὶ χαλᾶσθαι καὶ οἷον ὑφιζάνειν ἐν τῇπρὸς τὰδεύτεραν εύσει […]. – Pseudo-Simplikios verneint, dass selbst der geisthafteste Teil der Individualseele noch Geist ist und folgt in dieser AbgrenzungJamblich. Die Seele ist dann nicht mehr „rein“ wie der Geist,sondern gleichermaßen „rein“ und „unrein“, indem sie zugleich zum Geist und zur Sinnenwelt in Beziehunggesetzt und von beiden jeweils unterschieden und getrennt ist.

102 2 Die proklische Seelenlehre chologie benennen konnte, an denen sich die Geister bis heute scheiden, und dabei Probleme aufwarf, deren Untersuchung für die Bestimmung des Rangs des seelischen Denkens weiterhin zentral bleiben wird. 2.3 Der ontologische Status der Seele Die Seele wird vonProklos in ihrer intellektuellen Bewegtheit gedacht und damit im Zusammenhang mit dem dialektisch-triadischen Voranschreiten des Denkens in die höchste Bestimmtheit.⁶⁷ Der Grundder Seele ist,wie bei Plotin, der Geist,der dem Prinzipiat Seele stets gegenwärtig bleibt: Das Prinzip hält sich in seinen Prinzipiaten ontologisch durch.⁶⁸ Selbst geistig, insofern der Geist ihr Bestimmungsgrundist,ist die Seele der in eineranderen, nachrangigeren, Seinsordnung „wiederaufgenommene Geist“ (νοῦς ἀνειλημμένος).⁶⁹ Die Seele ist das Auseinander des Geistes, das heißt das Auseinander der in ihm eingefalteten Bestimmungs- und Seinsfülle in die Vielheit.⁷⁰ Dabei stellt die Seele die Explikation einheitlicher νοήματα in einer abbildhaften und von den Vorbildern der Ideen abhängigen Weise dar. Die Vielheit der vereinzelten Bestimmungen kann dabei durch den auf den Geist gerichteten Denkakt wieder indie Einheit zurückgeführt werden.⁷¹Proklos betont also gut neuplatonisch den Abbildcharakter des Seelischen: Diesem kommt ein gegenüber der eingefalteten Geist-Einheit und dem reinen Sein des vollbestimmten Ideen-Kosmos defizitäres Sein zu, da sie das Entfaltet-Sein in die Bestimmungsvielfalt des πλήρωμα εἰδῶν darstellt.⁷² Dieses Auseinander-Treten liegt der Unterscheidung zwischen dem Denkenden, dem Gedachten und dem auf beide bezogenen Denkakt in der Seele zugrunde. Die Vgl. Elem. theol. prop. und zur intellektuellen Bewegung bei Proklos Beierwaltes: Proklos, S. ff.; sowie Gersh: ΚΙΝΗΣΙΣ ΑΚΙΝΗΤΟΣ. Vgl. hierzu In Tim. II ,. In Parm. ,f. Eine vereinfachte Sicht auf die Seele bei Proklos, die insbesondere diesen explikativen Charakter übersieht und die Seele in nicht nach vollziehbarer Weise als „personal mind“ bestimmt, liefert Siorvanes: Proklos, S.–. Vgl. In Tim. II ,ff. Vgl. In. Eucl. , und Elem. theol. prop. (allerdings hier als Bestimmungsfülle jedes einzelnen νοῦς). Der Ausdruck πλήρωμα εἰδῶν scheint inhaltlich wie terminologisch aufJamblich zurückzugehen, der in De anima , die Seele als τὸ πλήρωμα τῶν καθόλου λόγων charakterisiert.Der Begriff πλήρωμα im Sinne von „Fülle vonBestimmungen“ wurde wohl überhaupt erst vonJamblich in den Platonismus eingeführt (vgl. De mysteriis,I,), nachdemerzuvor vorallem in gnostischen und christlichen Texten eine Rolle spielte.

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