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Die Existenz des Spekulativen

2.3 Der ontologische

2.3 Der ontologische Status der Seele 109 Beierwaltes muss die „gestaltschaffende oder verbildlichende“ Funktion der φαντασία betont werden, wie sie im Euklid-Kommentar erörtert wird.¹⁰⁰ Die Denkbewegung transzendiert die Sinnendinge, die geometrischen Körperusw.auf ein höheres Maß an Abstraktheit und schafft sie nicht etwa. Was sie schließlich erschafft, sind die von der Seele zu begreifenden Bilder der Ideen, die noch nicht die Bestimmungsfülle ihrer Urbilder besitzen. Hier muss aber das genuin Proklische bei dieser Bestimmung der Seele betont werden: Die Seele nimmt Eindrücke aus der Welt auf und befindet sich so weiterhin in der Zweiheit einer Entgegensetzung mit dieser Welt. Das aktive Moment liegt dann nicht so sehr in der Seele als solcher als vielmehr in dem hier als Denkakt verstandenen νοῦς,der an den der Seele zur Verfügung stehenden λόγοι Ordnung vollzieht. Die Ideen- Abbilder entwerfende φαντασία muss durch die Seele überwunden werden, um die Rückkehr in den Geist zu bewerkstelligen. Als Seelenvermögen ist die φαντασία nur die operative Grundlage der Abstraktionstätigkeit des Denkens, indem sie die Denkinhalteauf ihren Grund zurückführt.Die Seele entwirft räumliche und zeitliche Ordnungsvorstellungen aus der Disparatheit der erfahrbaren Welt, sie gelangt damit aber noch nicht in die Unräumlichkeit und Zeitlosigkeit der Ideen. Dennoch liegen die Ideen ihrem Denken als Urbilder zugrunde; die passive Verfassung des Seelen-νοῦς gründet darin, dass das seelische Denken sich in seiner höchsten Form auf diese Urbilder beziehen und so auch die Bildhaftigkeit ihrer Denkgegenstände transzendieren kann. Der schließlich in die Geisteinheit führende Wegbesteht in der Dialektik, die nach der Abstraktion der Außenwelt mit reineren Denkbestimmungen operiert.¹⁰¹ Die Dialektik ist dabei Methode des dianoetischen Denkens und damit der Seele, also ein Voranschreiten in die höhere geistige Selbstbestimmung, die Proklos als „Einübung“¹⁰² in die noetische Ideenschau bestimmt. Die die aufsteigende Denkbewegung abschließende Überwindung der Dialektik, die als Denk-Methode immer nochauf das reine Denken als Ziel bezogen ist, muss als selbstranszendierender Akt einer insich selbst gekehrten Seele verstanden werden. Durch die Kontemplation und den Ausgriff aufden Geist bezieht sich die Seele auf ihren ontologischen Grund. Das Transzendieren des gegenständlichen Denkens führt schließlich zur Geistwerdung der Seele, die im Über- Alexander von Aphrodisias und die Aristoteleskritik Plotins bezüglich der Lehre vom Geist“, in: Archiv für Geschichte der Philosophie , S. –. Beierwaltes: „Erkenntnis bei Proklos“, in: Dörrie (Hg.): De Jamblique aProclus, S. und . – Vgl. hierzu vor allem In Euc. –. Vgl. In Alc. , und ,ff.; De prov. , f. und ,f.; sowie hierzu Beierwaltes: „Erkenntnis bei Proklos“, in: Dörrie (Hg.): De Jamblique aProclus, S.f. γυμνάσιον (In Parm. ,), γυμνασία (a.a.O., ,–).

110 2Die proklische Seelenlehre gang vom Wissen einzelner Denkobjekte – also von der ἐπιστήμη – zum reinen selbstreflexivenDenken besteht.Wie oben bereits gesagt wurde, ist hier nicht wie bei Plotin eine Reduktion der Seele aufihr innerstes Wesen gemeint, sondern ein zeitlich vorzustellender Zusammenfall von Geist und Seele: anima fit et ipsa intellectus.¹⁰³ Dieser Sprachgebrauch ist nicht allzu metaphorisch zu verstehen: Die Seele wird eben nicht,was sie eigentlich immer schon ist,sondern sie wird zeitlich und prozesshaft νοῦς,indem sie sich bestmöglich an ihr Prinzip annähert.Dies ist die Erleuchtung (ἔλλαμψις), die vom νοῦς her stammt und die dennoch nicht ein In-eins-Fallen der Seele mit dem Geist bedeutet.Vielmehr ist die Erkenntnis als Ideenwissen die für die Seele größtmögliche Annäherung an das reine Sich-selbst- Denken, ohne dass sie selbstindieses erhoben und ein Moment des Denkvollzugs und der Selbstreflexivität des Geistes würde.¹⁰⁴ In diesem Sinne polemisiert Proklos gegen Plotins Schlüsselsatz „Jeder von uns ist eine intelligible Welt“,¹⁰⁵ indemerdie Geisthaftigkeit der Seele nicht als die Wesenseinheit von Seele und Geist durch das immerwährende Geistsein der Seelenspitze deutet,sondern als das Vom-Geist-her-Sein des seelischen Denkens, das die Bedingung der Möglichkeit aller Denk- und Erkenntnisakte darstellt.¹⁰⁶ Indem hier ein anderer Akzent gesetzt werden soll als vonWerner Beierwaltes, der Plotin und Proklos in diesem Zusammenhang letztlich dieselbe Intention zuschreibt, möchte ich diese Kritik ander Seelenkonzeption Plotins als bewusste Abgrenzung von einer als Geisteinheit der Seele gedachten Geistursprünglichkeit verstanden wissen.¹⁰⁷ Tatsächlich legt Plotin ja besonderen Wert auf die Immanenz des Intelligiblen in der Seele, während Proklosʼ betont henologische Begründung der Seelenakte die durch die Seele zu leistende Abstraktionstätigkeit hervorhebt,welche das unmittelbareGegenüber der beziehungslosen Vielheit auf die Einheit zurückführt und dadurch die Welt dem Denken überhaupt erst zugänglich macht. Stark vereinfacht könnte man sagen: Proklos geht es bei der Exposition seiner Seelenlehre um das „Eine in uns“ (τὸ ἐνἡμῖνἕνund τὸ ἕντῆς ψυχῆς),¹⁰⁸ während Plotin den Geist in uns dem Denken zugänglich oder vielmehr De prov. ,. Vgl. In Alc. , und hierzu Beierwaltes: „Erkenntnis bei Proklos“, in: Dörrie (Hg.): De Jamblique aProclus, S.f. Elem. theol. prop. und ; sowie In Parm. mit Bezug auf Plotin: Enn. III ,,. Vgl. In Parm. ,–. Vgl. Beierwaltes: „Erkenntnis bei Proklos“,in: Dörrie (Hg.): De Jamblique aProclus,S.f. Vgl. etwa In Parm. , oder In Parm. VII, in: Plato Latinus III, ,.

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