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Die Existenz des Spekulativen

2.3 Der ontologische

2.3 Der ontologische Status der Seele 111 diesen Zugang bewusst machen möchte.¹⁰⁹ Vondiesem Standpunkt aus führt die Abstraktionstätigkeit der Seele letztlich auch zur Freiheit von jedem Denken, das auf etwas anderes ausgerichtet ist. Mithin zielt auch die proklische Seelenlehre nicht nur aufeine Denkeinheit,die die Entgegensetzung zwischen dem rationalen Denken und dem wahrhaften Sein überwindet, sondern darauf, dass das Sein selbst im Sinne einer mystischen Einheitserfahrung auf das absolute Eine hin überstiegen wird.¹¹⁰ Die Aufhebung der grundsätzlichsten aller Differenzen erfordert Hingabeund Selbstüberwindung. Sie kann deshalb nur ekstatisch erreicht werden: In der ἔκστασις gelangt die Seele aber nicht in ihr eigentliches Selbst, sondern in das ihr und allem Denken vollkommen Jenseitige des bestimmungslosen Einen. Auch wenn die Transzendenz des Einen natürlich auch Plotins Seelenlehre zugrundeliegt, so ist doch die Konzeption des seelischenDenkens bei Proklos wesentlich deutlicher auf die Seinstranszendenz des Absoluten ausgerichtet.Während Plotin den Aufstieg der Seele in den Geist als Vollendung ihrer Seinsweise denkt, denkt ihn Proklos als deren Selbstüberwindung und damit als Vorstufe zur absoluten Selbstüberwindung des Seins. Die Seele befindetsich ontologisch zwischen der vereinzeltenVielheit und der eingefalteten Bestimmungstotalität des Geistes, ineinem Seinsbereich zwischen Sinnenfälligem und Intelligiblem. Typisch für das proklische Denken, das nach Differenzierungund Hierarchisierung, aber auch nach Radikalisierung strebt,gibt es hier eine doppelte Unterscheidung und eine Dreiheit von Seinsebenen. Während bei Plotin die Seele als Geistige sich das ihr Andere setzt, gegenüber der totalen Produktivität des Geistes abbildhaft selbstproduktivist und die Außenwelt in ihrem Denken überhaupt erst hervorbringt, rangiertsie bei Proklos zwischen den Seinsebenen, hat an beiden in je unterschiedlicher Weise teil und bezieht sich doch so aufbeide, dass sich ausdieser Doppelungihr eigener ontologischer Status ableiten lässt.Gegenüber Plotin ist die Seele hinsichtlichihres Denkens somit auf den Verstand zurückgeworfen und bleibt als Seele sozusagenindiesem gefangen. Die Seele bringt nicht, indem sie die Entfaltung der ursprünglichen Geisteinheit fortführte, die Welt hervor, sondern denkt diese als etwas, das ihr durch die Schöpfungstätigkeit des Geistes vorgegeben ist. Die Seelenspitze des Menschen, als „höchster Teil“¹¹¹ und „Blüte“¹¹² der Seele,strebt erst danach, an den Geist zu Vgl. Enn. I ,,ff.: „Wir besitzen aber auch diesen uns transzendenten [sc. Geist] […,] da jeder einzelne ihn ganz im erstenTeil der Seele besitzt.“ (Ἢἔχομεν καὶ τοῦτον [sc. νοῦν] ὑπεράνω ἡμῶν […] ὅτι ἔχει καὶ ἕκαστος αὐτὸν ὅλον ἐν ψυχῇ τῇ πρώτῇ.) Vgl. hierzu etwa Theol. Plat. I ,. In Tim. I .

112 2Die proklische Seelenlehre rühren,was ihr nur im Akt des Philosophierens gelingen kann. Dieses Streben setzt jedoch eine ursprüngliche und ontologisch entscheidende Trennung zwischen den Seinsebenen des Geistes und der Seele voraus: Die Seele ist gänzlich ausdem Geist abgestiegen und befindet sich in keinem ihrer Momente in Einheit mit ihrem Denkgrund. Die Seele muss sich, um das Geistdenken nachvollziehen zu können, vollkommen selbst überwinden und sich nicht nur in das Geisthafteste inihr zurückziehen. Sie tritt darum auch nicht wieder in die ursprüngliche Einheit des Denkens mitsich selbstein,wenn sie in eine höhere und reinereWeise vonDenken vordringt.Vielmehrüberwindetsie ihre eigene spezifische Seinsweiseund nimmt damit die absolute Selbstaufhebung des Denkens vorweg,das sich in die Einheit mit seinem jenseitigen Prinzip begibt. Die Seelenspitze gelangt am Ende der Denkentwicklung der Seele zwar in Kontakt mit dem Geist, bestimmt sich in der intellektuellen Anschauung aber nicht selbst als Momentseiner Selbstbeziehung und Selbstreflexion. Auch die Seelenspitze hat also nicht fortwährend am reinen Denkvollzug teil.¹¹³ Jedoch kann die Seele auf dem Wege der Kontemplation die Einheitschauen, was das Ziel der elaborierten Mystik des Proklos darstellt. Diese Vereinigung mit dem ersten Prinzip besteht aber im vollkommenen Hinter-sich- Lassen des Geistes und somit auch des Denkgrundes der Seele. 2.4 Die Seelenlehre des Proklos als metaphysisches Differenzmodell Nachdem nun in einer Art Blütenlese wichtige improklischen Œuvre verstreute Bestimmungen der Seele referiert wurden, um gegenüber Plotin die grundsätzlich stärkere Trennung der Seele vom Geist zu betonen, soll im Folgenden ein Haupttext des Proklos, der auch in aller Ausführlichkeit dessen Seelenlehre umfasst, daraufhin untersucht werden, wie sich diese Trennung ontologisch begreifen lässt und welche systematischen Implikationen sich daraus für die proklische Metaphysik ergeben. Während sich das System des Plotin nur aus den einzelnen Traktaten rekonstruieren lässt, die sich jeweils bestimmten Sachfragen widmen und dabei doch zugleich den Blick auf das Ganze der Metaphysik erfordern, gewährt uns Proklos mit seiner Stoicheiosis theologike einen – obgleich voraussetzungsreichen Phil. chald.,. – Zu diesem Bild und seiner Bedeutung für die proklische Seelenlehre vgl. Guérard: „L’ὕπαρις de l’ame et la fleur de l’intellect dans la mystagogie de Proclus“,in: Pépinund Saffrey (Hg.): Proclus, lecteur et interprète des anciens, S. –. Vgl. In Tim. I ,ff.

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