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Die Existenz des Spekulativen

2.4 Die

2.4 Die Seelenlehre des Proklos als metaphysisches Differenzmodell 115 von Bestimmtheit in der Sinnenwelt. Das Verstandesdenken greift auf die Körper und auf vereinzelte Bestimmungen nur insofern aus, als diese als Bewegte durch die Seele aufden Grundaller Bewegtheit,das heißt den Geist,bezogen sind. Diese Geistbeziehung ist dann auch erst das eigentliche Leben: „Der Körper […] lebt durch die Seele“ (σῶμα […] ζῇ διὰ ψυχήν),¹²² bestimmt Proklos,was als Reflex des Geistlebens bis in die untersten Seinsbereiche hinein zu verstehen ist. Teilhabe als Ausdruck von Bestimmtheit kennzeichnet auch die Seele, die am ewigen reinen Geistdenken partizipiert: ἡ ψυχὴ διὰ νοῦν μετέχει τοῦ ἀεὶνοεῖν.¹²³ Vermittels des Geistes hat die Seele selbst Anteil am reinenDenken des Geistes, dasheißt: Sie ist durch den Geist selbst noetisch bestimmt, sowie den Körpern Bewegung und Bestimmtheit erst durch die Seele zukommen. Schon hier zeigt sich, dass die Seele nur durch den von ihr unterschiedenen Geist in die νόησις eintreten kann. Nicht das eigentliche Selbst der Seele,die geisthafte Seelenspitze,vermitteltGeistinhalte an die übrigen Seelenteile; der Geist als Prinzip ist der Seele transzendent und ermöglicht erst als jenseitiges Ziel ihre Aufstiegsbewegung. Die Vermittlung der Bewegtheit an die Körper lässt sich analog auf die Vermittlungvon Geistinhalten an die Seele übertragen: μέθεξις am Geist ist hier nicht wie bei Plotin die Geborgenheit im Prinzip,das sich in seinem Prinzipiat in einer Art Selbstbeziehung durchhält.Vielmehr ist die Seele ihrer eigenen φύσις gemäß erst einmal ungeistig, in vergleichbarer Weise wie die Körper trotz ihrer Beseeltheit von der Selbstbewegung und von dem reineren Leben der Seele unterschieden sind. Ein ἀεὶ νοεῖν als immerwährende Teilhabe der Seelenspitze am Geist wird von Proklos der Seele als solcher im Gegensatz zuPlotin also ausdrücklich abgesprochen.¹²⁴ Nichtalle Seelen haben am ewigen Denkakt teil, der zwar durch das Denken zugänglich, als Prinzip jedoch der Seele transzendent ist.Während bei Plotin die noetische Bestimmung der Seelenspitze, die ewig intellektuelle Anschauung vollzieht, der Grund jedes Seelenaktes und damit des rationalen Verstandesdenkens ist, ist die Selbstbewegtheit bei Proklos das Seinsmerkmal und der ontologische Status der Seele. Für sie ist die νόησις der Denkgrund und damit zugleich das jenseitig Seiende schlechthin. Der Geist ist das πρώτως νοητικόν¹²⁵ und als reines Sich-selbst-Denken vor dem seelischenDenken, das sich immer auf ein Anderes bezieht.Diesunterscheidet das Denken des Geistes vonder seelischen Elem. theol. prop. (S. ,–). Elem. theol. prop. (S. ,). Vgl. Elem. theol. prop. (S.,–): εἰ γὰρ ἦν ἐν ψυχῇ τὸ ἀεὶνοεῖν πρώτως, πάσαις ἄν ὑπῆρ χεψυχαῖς, ὥσπερ καὶ τὸ ἑαυτὴν κινεῖν. οὐκ ἄρα ψυχῇ τοῦτου πάρχει πρώτως· δεῖ ἄρα πρὸ αὐτῆςεἶναι τὰ πρώτως νοητικόν· πρὸ τῶνψυχῶν ἄρα ὁ νοῦς. – Man vergegenwärtige sich hier das plotinische νοοῦμεν μὲν ἀεί:Vgl. Enn. IV ,,–. Elem. theol. prop. (S.,).

116 2 Die proklische Seelenlehre Denktätigkeit, die sich auf das von ihr Unterschiedene richtet, nämlich auf die Außenwelt als das Andere des Denkens und auf den Geist als das vollkommene Sein in seiner in sich ruhenden Selbstbeziehung. Diese Selbstbezüglichkeit des Geistes transzendiert die Fremdbezüglichkeit der Seele und ist für ihr diskursives Denken uneinholbar. Der Bezug der Seele auf den Geist ist zugleich ein Einheitsbezug. Die Geisteinheit geht der seelischen Einheit voraus; die interne Gliederung der Seelenhypostase entspringt der Ausrichtung der Seele auf die Einheit als Strukturprinzip, wie Proklos in prop. 21ausführt.¹²⁶ „Ordnung“ (τάξις) inden verschiedenen hierarchisch gegliederten Seinsbereichen ist das Verhältnis der seins- und bestimmungsstiftenden Einheit (μόνας) zu einer Vielheit besonderer Seiender (πλῆθος), die sich auf ihre monadische Allgemeinheit richten. Das triadische Modell vonursprünglicher Einheit, Entfaltung in die Vielheit und Rückwendung auf die Monade gilt für das Verhältnis der Henaden zum absoluten Einen,¹²⁷ der geisthaften Wesenheiten (νοερά οὐσία) zur Geisteinheit,¹²⁸ der physischen Vereinzelung zur einen φύσις, der vereinzelten Körper zur Gesamtheit der Sinnenwelt¹²⁹ und eben auch auf der Ebene des Seelischen: Hier geht die Vielheit der individuierten Seelen aus der einen Seele hervor und in einem einheitlichen Denken in diese zurück.¹³⁰ Diese analoge Reihung nach dem Schema von μονή, πρόοδος und ἐπιστροφή, die letztlich auf die ursprünglichste Einheitsbeziehung und den Hervorgang des Seienden ausdem Einen zurückgeht,bringt dabei jedoch stets eine ontologische Nachrangigkeit der jeweils niedrigeren Ebene gegenüber der vorangehenden zum Ausdruck. Die spezifische Beziehung der Seele zur Ein- Πᾶσα τάξις ἀπὸ μονάδος ἀρχομένη πρόεισιν εἰς πλῆθος τῇ μονάδι σύστοιχον, καὶ πάσης τάξεως τὸ πλῆθος είς μίαν ἀνάγεται μονάδα. Elem. theol. prop. (S. ,f.). Elem. theol. prop. (S. ,–). Elem. theol. prop. (S. ,–). Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,–): […] καὶ τῇ τάξει τῶν ψυχῶν πάρεστιν ἐκ μιᾶςτε ἄρχεσθαι ψυχῆςτῆςπρώτης καὶ εἰςπλῆθος ψυχῶν ὐποβαίνειν καὶ τὸ πλῆθοςεἰςτὴνμίαν ἀνάγειν, […]. – Vgl. hierzu auch prop. ,wodie „eine“ Seele, das heißt die ursprüngliche, einheitliche Hypostasierung der Entfaltungder Geisteinheit als ein ἀρχικῶς ὂν beschrieben wird. Durch diese Einführung der πρωτίστη ψυχὴ μία (prop. [S. ,]) wird die Seelenhypostase zum Prinzip erhoben; die vielen Seelen haben ihren Grund in dieser einen Seele als Nachhall der ursprünglichen Geisteinheit, sodass auch ihr jeweiliges Selbst auf diese erste Seele zurückgeführt werden kannund muss.Imweiteren Verlauf rechtfertigt dies die Rede von der Seele und ihrerBestimmung als vom Geist Verschiedener: Andie Stelle der Geistseele tritt die erste Seele als Ausdruck der Wesensfülle des Seelischen;die Geistseele bei Proklos ist dann dasjenige Seelenvermögen,das den Wiederaufstieg zum Geist zu leistenvermagund nicht reine ἐνέργεια als vollkommener Denkakt und Grund aller seelischen Denktätigkeit.

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