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Die Existenz des Spekulativen

2.4 Die

2.4 Die Seelenlehre des Proklos als metaphysisches Differenzmodell 117 heit ist eben nichtmit der Beziehung der Seele zur Geisteinheitidentisch.Vielmehr entstammt die Vielheit der vereinzelten Seelen der einen Seele, das heißt der ursprünglichen Einheit alles Seelischen in der aus dem Geist entfalteten Seelenhypostase. Der nächstgelegene Einheitsgrund der einzelnen Seele ist die Hypostase Seele und nicht der Geist. Esgeht Proklos hier nicht um eine Geborgenheit der Seele in ihrem Grund, sondern um die Prinzipiierung alles Seienden – und damit auch der Seele – durch das Eine,die sich aufallen Ebenen der Betrachtung strukturell wiederholt. Die Hierarchisierung der Seinsebenen zeigt sich auch in der zunehmenden numerischenVielheit einzelner Seiender in den aufeinander folgenden Stufen des Hypostasensystems.¹³¹ Nur die ersten und der monadischen Allgemeinheit ihrer Hypostase nächsten Glieder haben durch ihre vollkommenere Teilhabe an der Monade Zugang zum nächsthöheren Seinsbereich, wie die propp. 109 – 111 deutlich machen:Während auf der Ebene des Geistes nur bestimmte θεῖοι νόες direkt an den Henaden teilhaben, stehen in der τάξις der Seelen nur die geisthaften Seelen in direkter Verbindung mit einem ihnen zugeordneten νοῦς (νοεραὶ ψυχαὶ εἰς νοῦςἀνηρτημέναι οἰκείους). Demgegenüber verharren die vielen übrigen Seelen als „bloße Seelen“ (ψυχαὶ μόνον) ineinem gegenüber den „göttlichen“ Seelen niedrigeren Seinsstatus, da sie vonder Monade bestimmtwerden und nicht direkt von einem dieser vorausgehenden Geist (prop. 111). Den „geisthaftesten Seelen“ ist also ein privilegierter Zugangzum Geist vergönnt,¹³² während das Gros der Seelenwesen,und darunter muss vorrangigdie große Mengeder menschlichen Individualseelen gerechnet werden,¹³³ zum νοῦς in einer asymmetrischen Beziehung steht: Obwohl der Geist ihr Seinsgrund ist und ihnen Bestimmtheit verleiht, ist diese Geistbeziehung der einzelnen Seele aktual nicht bewusst. Zudem erfolgt aufgrund des Abstiegs der Seelenspitze auch unbewusst kein Ausgriff auf den Geist,sodassder Seele in ihrer Weltzugewandtheit der Zugriff aufdie reinen Ideen erst einmal verwehrt ist. Durch diese Vermittlungsstruktur ist die Seele als Prinzipiat von ihrem geistigen Prinzip deutlich getrennt und unterschieden. Genuin seelische Akte sind deshalb zunächst einmal ungeistig. Die vereinzelten Seelen sind nur durch ihre Beziehung zur Monade bestimmt, wobei diese Bestimmtheit für nachrangigere Vgl. zur Anzahl als Kriterium des ontologischen Rangs der göttlichen, dämonischen und menschlichen Seelen auch In Tim. III . Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,f.): πᾶσα μερικὴ ψυχὴ τοῦ ὅλου μετέχει νοῦ διά τε τῆς ὅλης ψυχῆς καὶτοῦ μερικοῦ νοῦ […] und prop. (S. ,f): οὔτε πάσαι ψυχαὶ μετέχουσι νοῦ τοῦ μεθεκτοῦ ἀλλ’ ὅσαι νοερώταται […]. Vgl. Elem. theol.prop. ; In Tim. I ,ff.; sowie hierzu Dodds: Proclus. TheElements of Theology, S..

118 2Die proklische Seelenlehre Seelen immer durch vorzüglichere Seelen vermittelt ist. „Göttliche Seelen“ sind göttlich durch ihre Teilhabe an den göttlichenGeistern. Die nachfolgendenSeelen haben an ihnen teil, da die göttlichen Seelen an sie geistige Bestimmtheit vermitteln.¹³⁴ Den θεῖαι ψυχαί direkt nachgeordnet, doch immer noch näher ander Monade als die Individualseelen, sind diejenigen Seelen, die durch Teilhabe an nicht-göttlichen, noerischen Geistern auf den Ideenkosmos ausgreifen, ohne dabei vom „Umschlag“ vonder geistigen Schauindas „Nicht-Wissen“ (ἄνοια), alsoin das rationale Verstandesdenken, betroffen zu sein.¹³⁵ Diese interne Gliederung bietet komplexe Teilhabebeziehungen, die gegenüber Plotins Lehre von der Geborgenheit der Seelenspitze aller Seelen in der Geisteinheit den generell niedrigeren Status der Seele zum Ausdruckbringen: Die menschlichenIndividualseelen sind durch ihre rationale Verstandestätigkeit vom reinen Denken des Geistes vollkommen getrennt. Das seelische Denken vollzieht sich folglich nicht auf der Grundlage des triadischen Geistdenkens und durch die Vermittlung der Seelenspitze, sondern durch die Teilhabe am göttlichen Seelischen, das sich wiederum auf den νοῦς,und damit auf den Grund der Seelenhypostase, bezieht. In prop.184 machtProklos seineDreigliederung des Seelischen explizit: Dieam Göttlichen direkt teilhabenden Seelen sind zu unterscheiden von den stets νόησις vollziehenden geisthaften Seelen und denjenigen, deren Denken vonder νόησις in die διάνοια umschlagen kann (und vice versa).¹³⁶ Letztere sind dabei hinsichtlich ihrer Seinsweise veränderlich und nicht, wie bei Plotin, hinsichtlich ihrer Bewusstseinsweise. Gegenüber dem Umschlag indas Verstandesdenken steht der noetische Ausgriff aufdie Totalität der Denkinhalte am Ende einer Aufstiegsbewegung, die vom Hinter-Sich-Lassen desSeelischen und vomStreben nach der ursprünglichen Einheit gekennzeichnet ist. Der vollendete Ausgriff auf den Geist erfolgt aber für die nach- Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶς θεῖος νοῦς μετεχόμενος ὑπὸ ψυχῶν μετέχεται θεῖων. Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶς νοῦςμετεχόμενος μὲν, νοερὸς δὲμόνον ὤν, μετέχεται ὑπὸ ψυχῶν οὔτε θεῖων οὔτε νοῦ καὶ ἀνοίας ἐν μεταβολῇ γιγνομένων. Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,f.): αἱ ποτὲ μὲν εἰς νοῦν, ποτὲ δὲ εἰς ἄνοιαν μεταβάλλουσαι. – Vgl. hinsichtlich der hierarchischen Dreigliederung der Seelenwesen auch prop. : Während die „göttlichen“ Seelen auf drei Denk-Ebenen agieren („seelische“, „intellektuelle“ und „göttliche“ ἐνέργεια)kommt den „Intellektual“-Seelen durch den Ausgriff auf νοῦς- Gehalte und die Weitergabevon Leben (die Intellektualseele ist bestimmt als ζωοποιός, prop. [S. ,]) eine doppelte Wirkweise zu, während die nicht-geisthaften Seelen nur das spezifisch seelische ἐνέργημα besitzen, Leben zu spenden (prop. [S. ,–]). Jeder Akt, der darüber hinausgeht,kommtSeelischemnur durch die Teilhabe an ὑπερκείμενα zu. – Vgl. hinsichtlich der Explikation und genaueren Unterscheidung der drei Seelenordnungen auch prop. .

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