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Die Existenz des Spekulativen

2.4 Die

2.4 Die Seelenlehre des Proklos als metaphysisches Differenzmodell 123 Seele von den vereinzelten Sinnendingen weg- und auf die Einheit zustrebt, geht einher miteinem Wissen um das Ungenügendes seelischen Denkvermögens:Dieses kann zwar die Sinnendinge aufeine hinter der erscheinenden Vielfaltliegende Einheit zurückführen, vollzieht aber nicht die Selbst-Anschauung des Geistes mit und ist somit vom reinen Ideendenken getrennt. Auch hinsichtlich der Lebendigkeit nimmt die Seele eine mittlere und vermittelnde Rolle ein: Sie ist einerseits selbst lebendig, insofern ihr durch den Geist Bestimmtheit und die Teilhabe ander Ideenfülle zukommen. Die Seele ist andererseits aber auch selbst Prinzipdes Lebens undder Lebendigkeit, indemsie geistige Bestimmungen andie beseelten Körper weitergibt.¹⁵⁷ Selbst als Leben (ζωή) bestimmt,bewirkt die Seele durch denkende Vermittlung,dassdas ἔμψυχον aufden Geist bezogen wird: Das Beseelte ist nur als an der Seele Teilhabendes (τὸψυχῆς μετέχον)lebendig.¹⁵⁸ Da dieSeele auch Prinzipdes Lebens ist, istsie nicht, wiedie körperlichen Lebewesen, ausLebendemund Totemzusammengesetzt.¹⁵⁹ Sieist auf die absolute Lebendigkeit des Geistes und somit auf das Prinzip des Lebens ausgerichtet, sodass die Geisteinheit als Ausdruck reinen Lebens in ihr abbildhaft wiederholt wird. Die Seele ist somit zugleich selbst Lebensprinzip und Abbild des höheren Lebens des Geistes. In ihrer dem Denkvollzug des Geistes angenäherten Weise von Selbstreflexion ist dieSeele „aus sich selbstheraus Lebendiges“,¹⁶⁰ das heißt sie ist nicht erst als Prinzipiat eines Lebensspenders lebendig (wie die beseeltenKörper).Vielmehrist dieSeele alsAbbilddes Geistesmit einereigenen Weise vonLebendigkeitausgestattet, aufderen Grundlage sieden Ausgriff aufsichselbst undauf höhere Denkinhaltevollzieht. DieLebendigkeit derSeele istungleichreiner als diejenige der beseelten Lebewesen, dasich die Seele auf die hypostasierte Einheit des Seelischen und somit auf ihren monadischen Grund bezieht. Dadurch kommtauchder SeeleSelbstreflexivitätals Merkmalihres Denkenszu. DieSeele ist ein αὐθυπόστατον,¹⁶¹ gerade weil sie dieses Vermögen zur Selbstbeziehung beals Grenze undNichtsvon dessen Bestimmtheit.Die ersteterminologische Bestimmung derSeele als „Horizont“ der Natur findet sich in der lateinischen Übersetzung des Liber decausis, zudessen Hauptquellen bekanntermaßen die Elementatio desProklos gehört. Vgl. Liber de causisprop. II, : „Esse vero quod estpostaeternitatem et supratempusest anima, quoniamest in horizonteaeternitatis inferius et supratempus.“;sowie a.a.O.VIII (IX), f.: „Et intelligentia quidem comprehenditgenerata et naturamethorizontemnaturae scilicet animam,nam ipsa estsupra naturam. Quod estquianatura continet generationem et anima continet naturam et intelligentia continet animam.“ Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ καὶ ζωή ἐστι καὶ ζῶν. Elem. theol. prop. (S. ,). Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,–). Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ αὐτόζως ἐστίν. Zur Seele als αὐθυπόστατον vgl. Steel: „Proklos über Selbstreflexion und Selbstbegründung“, in: Perkams und Piccione (Hg.): Proklos. Methode, Seelenlehre, Metaphysik, S.–;

124 2 Die proklische Seelenlehre sitzt.¹⁶² DieWeitergabevon Geistinhaltenandie beseeltenKörpererfolgt kraft dieser substanzhaften Wirkmächtigkeit der Seele,¹⁶³ jedoch besitzt die Seele nicht die Bestimmungsfülle des reinen Lebens (ζωή μόνον):¹⁶⁴ Da die Seele „am geisthaften Leben“ bloß „teilhat“ (μεθέζειτῆςνοερᾶςζωῆς)¹⁶⁵ unddiesesmithinnicht in ihrer höchsten Bestimmtheitselbst ist,hältsichdie grundsätzlichste allerBestimmungen des Seelischen, nämlich als Prinzipiat von ihrem Prinzip Geist unterschieden zu sein, auch inihrer Rolle als Lebensprinzip durch. Die Seele ist nur durch ihre Teilhabe an derGeisteinheitselbstgeeint, also indemsie sich aufdie vollkommene Bestimmungsfülle des Ideenkosmos bezieht. Noerische Akte, die sie durchaus zu vollziehen vermag unddurch diesie ihre lebensstiftendeFunktionausübt, kommen eben nicht der noetischen Aktivität des Ideenkosmos gleich. Somit wird wiederum deutlich, dass jede ontologische Bestimmtheit in der Körperwelt auf den Geist zurückgeht.Die Seeleist vonProklos zwar alsMittlerin eingeführtworden, erfülltdiese Mittlerfunktion jedoch nicht wie die plotinische Geistseele, die, indem sie sich bewusstsowohlauf sich selbst undauf denGeist bezieht, diegeistigeSeinsweiseim Bereich des Seelischen wiederholt. Jede Seele wird von Proklos als „selbst-konstitutives Sein und aus sich selbst herauslebendiges Lebensprinzip, ein sich selbst wissendes Wissen“¹⁶⁶ bestimmt; die Seele ist aber diese οὐσία und diese γνῶσις nur,indem sie sich aufihr Prinzip bezieht, also nur durch die Teilhabe am geistigen Bestimmungsgrund.¹⁶⁷ Dieser Grund ist das aufdie reine Einheit gerichtete „nicht-partizipierte Leben und nichtpartizipierte Sein“ (ἡ ἀμέθεκτος ζωὴ καὶ ἡἀμέθεκτος οὐσία),¹⁶⁸ das heißt die Einheit und die Bestimmungstotalität des Ideenkosmos. Dieses „erste Wissende“ zur proklischen Theorie des αὐθυπόστατον im Allgemeinen vgl. Beierwaltes: „Proklos’ Theorie des authypostaton“, in: Ders.: Das wahre Selbst, S.–; sowie Whittaker: „The Historical Background of Proclus’ Doctrine of the αὐθυπόστατα“, in: Dörrie (Hg.): De Jamblique áProclus, S. –. Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,–): τὸ δὲ πρὸς ἑαυτὸ ἐπιστρεπτικὸν πᾶναὐθυπόστατον, καὶ ἡψυχὴ ἄρα αὐθυπόστατος καὶ ἑαυτὴν ὑφίστησιν und prop. (S. ,): ἀφʼ ἑαυτοῦ προϊόν. – Vgl. hinsichtlich der Bestimmung des αὐθυπόστατον als das der Selbstreflexion Fähigen prop. . Vgl. Elem. theol. prop. (S. , –): καὶ γὰροἷςἂνπαρῇ ζωῆςμεταδίδωσιν τῷ εἶναι, κἂν ἡ τὸ μετέχον ἐπι τήδειον, εὐθὺς ἔμψυχον γίνεται καὶ ζῶν, οὐ λογισαμένης τῆς ψυχῆς καὶ προελομένης, οὐδὲ λογισμῷ καὶ κρίσει ζωοποιούσης, αλλʼ αὐτῷ τῷ εὶναι ὅἐστι τὴν ζωὴντῷ μεθεκτικῷ χορηγούσης. Elem. theol. prop. (S. ,). Elem. theol. prop. (S. ,). Elem. theol. prop. (S. ,f.): οὐσίααὐθυπόστατος καὶ ζωὴ αὐτόζῶς, καὶ γνῶσις ἑαυτῆς γνωστική. Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,–). Elem. theol. prop. (S. ,f.)

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