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Die Existenz des Spekulativen

2.4 Die

2.4 Die Seelenlehre des Proklos als metaphysisches Differenzmodell 125 (πρώτως γνωστικόν)¹⁶⁹ zeichnet sich vor dem seelischen Wissen dadurch aus, dass γνῶσις der Seele nur vom Geist her zukommen kann und dass Erkenntnis nicht durch die „Selbst-Lebendigkeit“ des Seelischen begründet wird. Während jede Seele qua Seele aus sich selbst heraus Lebendigkeit ist und „Leben“ ein Bestimmungsmoment der Hypostase Seele darstellt, werden Wissen und Erkenntnis immer nur durch den Ausgriff auf den Geist und auf die Geisteinheit erreicht.¹⁷⁰ Da sie kein reines Ideenwissen¹⁷¹ besitzen, werden die nicht-geisthaften Seelen wiederum von den göttlichen und auf den Ideenkosmos ausgerichteten Seelen unterschieden: Den menschlichen Seelen kommt zwar die Ewigkeit durch ihren Geistursprung zu, jedoch vollzieht sich ihr rationales Verstandesdenken trotzdem „in Zeit“.¹⁷² Diese Zuordnung der Seele zu den geisthaften und somit „ewigen“ Seienden begründet ihre Funktion als Prinzip des Hervorgangs von Bestimmungen in der Sinnenwelt.¹⁷³ Die Seele ist nämlich nur hinsichtlich ihrer Denkweise und Aktivität (κατʼ ἐνέργειαν)¹⁷⁴ in zeitlicher Weise aufdie Sinnenwelt ausgerichtet. Hinsichtlich ihres Seins bleibt die Seele auf ihr Prinzip bezogen und folglich dem Sinnlichen entrückt.¹⁷⁵ In dieser Unterscheidung der substantiellen Bestimmung der Seele von einer bloß akzidentiellen erscheint die Seele trotz aller Weltzugewandtheit ontologisch aufgewertet zu werden. Sie wird nur hinsichtlich eines einzigen Aspekts der nachrangigen Sinnenwelt zugeordnet und ist damit gegenüber allen Sinnendingen und vereinzelten Bestimmungen ausgezeichnet. Durch diese Einfachheit und Bezogenheit auf den geistigen Grund übernimmt die Seele eine ursächliche Funktion für den Hervorgang, die Entwicklung und die Entfaltung des Sinnlichen, an das ja nur durch die Seele eidetischeGehaltevermitteltwerden. In Elem. theol. prop. (S. ,). Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,–.) – Die Grundlegung der Seele im vollkommenen „Leben“, „Sein“ und „Wissen“ des Geistes bezieht sich also aufdie platonische Grundtrias οὐσία – ζωή – νοῦς (Soph. eff.), in der Proklos die ersten Bestimmungen des Geistigen erkennt. Im Sinne seiner differenzierten und zutiefst hierarchischen Noologie entwickelt Proklos aus dieser erstenTrias heraus paradigmatisch die Selbstentfaltung und Selbstbeziehung des νοῦς.Die Seele ist also in ihrem eigen Leben, Sein und Wissen abbildhaft auf die ursprünglicheren Geistbestimmungen bezogen. Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,): καὶ γὰρ ἀγνοεῖ τὰ ὄντα ψυχὴ τισ μένουσα ψυχὴ. Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ μεθεκτὴ τὴνμὲνοὐσίαν αἰώνιον ἔχει, τὴνδὲἐνέργειαν κατὰ χρόνον. Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ μεθεκτὴ τῶν τεἀεὶὄντων ἐστὶ καὶ πρώτη τῶν γενητῶν. Elem. theol. prop. (S. ,). Wieaus Elem. theol. prop hervorgeht,kommen der Seele auch νόησις und προνοεῖν zu – jedoch bloß κατὰ μέθεξιν (prop. [S. ,]) und somit nur durch ihre Geistbeziehung und nicht aus sich selbst heraus.

126 2Die proklische Seelenlehre ihrem diskursiven Denken ist die Seele dem genetischen Nacheinander selbst unterworfen, aber als Geistwesen bringt sie jedes γενητόν als etwas prozesshaft Erscheinendes selbst hervor. Zur Bestimmung der Seinsweise der Seele ist ihr Verhältnis zum Geist entscheidend. Der ontologische Grund jeder Seele ist zunächst einmal ein νοῦς, auf den sie sich bezieht und aus dem sie als bestimmtes Denken hervorgeht.¹⁷⁶ Ihr Prinzip muss „unbewegt“,das heißt eine ideale Fülle von Bestimmungen sein,¹⁷⁷ und auf eben diese Fülle bezieht sich die Seele in ihrem Denken.¹⁷⁸ Die geistige Bestimmungsfülle,Wissen und Erkenntnis sind ihr nur durch die Vermittlungdes νοῦς zugänglich,wobei die Einsicht inhöhere Denkinhalte als Ziel der Denkbewegung der Seele darstellt.¹⁷⁹ Diese Fremdbeziehung auf den Geist impliziert zugleich die Selbstbeziehung der geisthaften Seele. Da diese Selbstreflexion aber nicht, wie bei Plotin, mit dem Aufstieg in den Geist zusammenfällt, zeigt sich erneut, dass sich die Seele in einer weniger reinen Geistbeziehung befindet und deutlicher von ihrem Grund getrennt ist. Da die Seele auf den ihr vorausgehenden Geist ausgreift, hat sie auch die Objekte des reinen Denkens nur in einer vermittelten Weise und nicht so wie der νοῦς sie hat. Dieser besitzt sie „in ursprünglicher Weise“¹⁸⁰ und vermittelt sie an sein Prinzipiat Seele so, dass sie die Ideen als vereinzelte Abbilder und als Reflexe der Bestimmungstotalität des Geistes denkt.¹⁸¹ So wie die Seele kraftihrer eigenen οὐσία Leben andas Beseelte vermittelt, gibt der νοῦς durch seine eidetische Vollbestimmtheit Geistgehalte ansein Prinzipiat weiter und begründet so die Geistigkeit der Seele. Ohne dass die Seele ein reines geisthaftes Denken in einer vonaller Fremdreferentialität freien Selbstreflexivität vollzöge, ist sie doch geistig, insofern als sich all ihre Denkakte auf vom Geist her stammende λόγοι beziehen. Die Seele besitzt die Objekte des intellektuellen Denkens, wie Proklos sagt, in „emphatischer“,das heißt hier in „ausgesprochener“, „abbildhafter“ Weise. Bloß Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ προσεχῶς ἀπὸ νοῦ ὑφέστηκεν. Elem. theol. prop. (S. ,f.): ἀπὸ ἀκινήτου πρόεισιν αἰτίας […]. Elem. theol. prop. (S. ,f.): εἰ δὲ προσεχῶς ὑπὸ νοῦ τελειοῦ ται, καὶ ἐπιστρέφεται πρὸς νοῦν[…]. Elem. theol. prop. (S. , ): μετέχει τῆς γνώσεως. Vgl. Elem. theol. prop. : Πᾶσα ψυχὴ πάντα ἔχει τὰ εἴδη, ἃὁνοῦς πρώτως ἔχει. Vgl. Elem. theol. prop. (S. ,f.): δώσει καὶ[sc. ὁ νοῦς] τῇ ψυχῇ τῇ ὑφισταμένῃ τῶν ἐν αὑτῷ πάντων οὐσιώδεις λόγους […]. – Vgl. hiermit auch prop. (S. ,–): τὰ δὲ νοητὰ εἰκονικῶς [sc. ἔχει], καὶ τὰ εἴδη τὰ εκείνων μεριστῶς μὲντῶν ἀμερίστων, πεπληθυσμένως δὲ τῶν ἑνιαίων, αὐτοκινήτωςδὲτῶνἀκινήτων ὑπεδέξατο. – Währenddie Seele die nachrangige Bestimmung der Sinnendinge und derbelebtenAußenwelt geisthaftvorwegnimmt (prop. [S. ,–]), hat sie die reinen geistigen Bestimmungen, das heißt die wahrhaft Seienden als noetisch zu Denkende, selbst nur ineiner nachrangigen und dem Status der Seele adäquaten Weise.

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