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Die Existenz des Spekulativen

3.2 Die

3.2 Die Seele als Moment der absoluten Selbstreflexion des Geistes 157 Neben Hegels Anlehnung an Aristoteles kann an dieser Stelle bereits eine weitgehende Übereinstimmung zwischen der zitierten Betrachtung der Seele und der Bestimmung der Seelenhypostase durch Plotin festgestellt werden. Hegel konstatiert eine doppelte Abhängigkeit, das heißt ein Begründungsverhältnis, da einerseits die Seele in eine ontologische Beziehungzum Geist und andererseits die belebte Welt in eine ontologische Beziehung zur Seele gesetzt wird. Als „Grundlage aller Besonderung und Vereinzelung des Geistes“ ist es die Seele, durch die die Welt Bestimmtheit als Seiendes vomGeist her empfängt.Etwas platonisierend, aber der hegelschen Philosophie an dieser Stelle durchaus angemessen, kann man hier ein doppeltes Urbild-Abbild-Verhältnis erkennen, das die Seele in ihrer Prinzipfunktion für die belebteNatur als Vermittlerin vongeistiger Bestimmtheit – also vonSein – erweist: So wie die Seele Prinzipiat des Geistesist,Explikation und Abbild von dessen reiner und totaler Vollbestimmtheit, soist die Welt das Prinzipiat der Seele; die Seele ist der Grund vonLeben und Bestimmtheit in der Welt.In der Definition der Seele als „Immaterialität“⁷² und „Leben“ der Natur kommt dieser Prinzipcharakter klar zum Ausdruck. Allerdings ist die Seele nicht nur eine notwendige Entfaltungs- und Explikationsstufe des Geistes, die Sein, Leben und Bestimmtheit von oben herab vermittelt, sondern, im Sinne des hegelschen Entwicklungsgedankens auch eine Vermittlerin, die auf den Geist als das ihr selbst vorausgehende Prinzip verweist. Bereits die abstrahierende Denkbewegung, die die besonderen und vereinzelten Denk- und Wahrnehmungsobjekte der menschlichen Seele auf die allgemeinen geistigen Bestimmungen bezieht, ist ein Schritt in Richtung der vollbestimmten und am Ende rein selbstreflexiven Denkweise des Geistes. Schon bei der die Anthropologie einleitenden Untersuchung der Seele in ihrem Außenwelt- und Geistverhältnis wird also deutlich, dass die noch endliche Subjektivität, der subjektive Geist in der Gestalt des menschlichen Individuums, die Überwindung des Außenweltbezugs der Seele leistet und die einzelnen Bestimmungen der SinnenweltimAusgriff aufdie Totalität des Geistes⁷³ aufhebt: „In der Tatist in der Vgl. hinsichtlich der Immaterialität der Seele auch Enz.³ § , Zus.: „Indem […] alles Materielle durch den in der Natur wirkenden an sich seienden Geist aufgehoben wird und diese Aufhebunginder Substanz der Seele sich vollendet,tritt die Seele als die Idealität allesMateriellen, als alle Immaterialität hervor, sodaß alles, was Materie heißt, sosehr es der Vorstellung Selbständigkeit vorspiegelt,als ein gegenden Geist Unselbständiges erkannt wird.“ Vgl. des Weiteren Enz.³ § , Zus.: „Die Lebendigkeit dieses meines Körpers besteht darin, daß seine Materialität nicht für sich zu sein vermag, mir keinen Widerstand leisten kann, sondern mir unterworfen, von meiner Seele überall durchdrungen und für dieselbe ein Ideelles ist.“ Vgl. hierzu auch TWA ,S.: „Mit der Reproduktion, als dem Momenteder Einzelheit,setzt sich das Lebendige als wirkliche Individualität,ein sich aufsich beziehendesFürsichsein, ist aber zugleich reelle Beziehung nach außen, – die Reflexion des Besonderheit oder Irritablität gegen ein

158 3 „Das erkennende Begreifen des Ewigen“ Idee des Lebens schon an sich das Außersichsein der Natur aufgehoben, und der Begriff,die Substanz des Lebens ist als Subjektivität“.⁷⁴ In der Seele manifestiert sich die Idee des Lebens,die Seele ist das Lebensprinzip der belebten Welt,indem sie die Objekte ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens auf das reine Geistleben bezieht.⁷⁵ Ganz in diesem Sinne bezeichnet die denkende Tätigkeit der Seele die „Rückkehr aus der Welt der Bestimmtheiten“ in das allgemein-geistige Denken und es ist „das allgemeine Wesen der Subjektivität [die] Substanz jener Bestimmtheiten und deren absolute Macht“.⁷⁶ Dem subjektivenGeist kommtsomit in der Gestalt der Seele als „Begriff“ und „Substanz“ eine prinzipiierende Aufgabe gegenüber der Welt zu, die Seele leistet eine Belebungimontologischen Sinne und sie ist die Voraussetzung der Denkbarkeit der Welt. Diese Beschreibung des systematischen Orts des Seelischen verweist bereits deutlich aufdas selbstreflexive Geistdenken. Aufeiner niedrigeren Ebene vollzieht die Seele das immaterielle Leben des Geistes mit und bezieht sich auf die triadische Vollbestimmtheit des Absoluten. Die Seele ist als Entfaltung des Geistes in die Welt und in die einzelnen Bestimmungen zugleich die Aktualisierung des produktiven Vermögens des Geistes. Sie ist einerseits die Weltaneignung und Weltzuwendung des Geistes. Andererseits ist sie aber als Geistwesen dazu in der Lage, die Außenweltund die Vereinzelung des zu Denkenden aufzuhebenund sie im Ausgriff aufdie konkrete Bestimmungstotalität des Geistes zu transzendieren: Wenn wir Hegels Verweis aufden aristotelischen passiven νοῦς und die sich darin offenbarende (Um‐)Deutung der Noologie des Aristoteles beiseitelassen und nur den hier geschilderten systematischenStatus der Seele betrachten, zeigt sich, dass Hegel die Möglichkeit der Aktualisierung der Seins- und Denkweise des Geistes schon in der Seele angelegt sieht. Damit kommt er Plotins in ihrem Urgrund ruhenden Geistseele bereits sehr nahe, ohne hier freilich auf den Neuplatonismus als Inspirationsquelle zu verweisen. Die Seele ist „der Möglichkeit nach Alles“,wie er sagt, sie besitzt mithin das Vermögen, in die Selbstreflexion des Geistes ein- Anderes, gegen die objektive Welt. Der innerhalb des Individuums eingeschlossene Prozeß des Lebens geht in die Beziehungzur vorausgesetzten Objektivität als solcher dadurch über,daß das Individuum, indem es sich als subjektive Totalität setzt,auch das Moment seiner Bestimmtheit als Beziehung auf die Äußerlichkeit zur Totalität wird.“ Enz.³ § , Anm. Vgl. hierzu Enz.³ § : „Der Geist lebt […] inseiner Substanz, der natürlichen Seele […].“ Folglich kommt geistige Bestimmung bereits auf der ersten und unentwickelten Stufe des subjektiven Geistes als Leben zum Tragen. Dieses Mitleben einer niedrigeren Weise von Leben ist abbildhaft gegenüber dem wahren Leben des Geistes: „Aus dem vorhergehenden Paragraphen und aus dem Zusatze zu demselben erhellt, daß das allgemeine Naturleben auch das Leben der Seele ist, daß sympathetisch jenes allgemeine Leben mitlebt.“ (ebd., Zus.) Enz.³ § .

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