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Die Existenz des Spekulativen

4.1 Der Neuplatonismus

4.1 Der Neuplatonismus in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie 189 entspricht der Selbstüberwindungdes seelischen Denkens und dem Eintritt in die noetische Selbstbeziehung des Geistes bei den beiden antiken Denkern.⁴ Es lassen sich mithin imHinblick auf die Geistseele bedeutende Übereinstimmungen zwischen dem Denken Hegels und demjenigen der zwei wichtigsten Neuplatoniker aufzeigen, was nicht nur einem ähnlichen geistmetaphysischen Ansatz geschuldet ist, sondern sich auch auf Hegels Auseinandersetzung mit seinen spätantiken Vorläufern zurückführen lässt. Da in der vorliegenden Arbeit keine bloße Kongenialitätsthese vertreten wird, ist im Folgenden zu zeigen, dass Hegels historische und systematische Neuplatonismus-Deutung ein besonderes Verständnis der seelischen Aufstiegsbewegung voraussetzt und dass der Standpunkt der aufsteigenden, also der in sich selbst zurückkehrenden Seele, inHegels eigener Geistphilosophie produktiv wird. Das laut Hegel dem Neuplatonismus zugrundeliegende Bedürfnis, „in den Geist sich zurückzuziehen“ und „sich in sich selbst zurückzuziehen“,⁵ kennzeichnet ja zugleichentscheidende Aspekteder Hauptbewegungdes hegelschen subjektiven Geistes. Der Thematisierung des absoluten Geistes als höchster Bestimmungdes subjektivenGeistes wiederumentspricht „das Verhältnis des Menschen zu diesem seinen Gegenstande, dem absoluten Wahren“,⁶ wie es nach Hegel inder neuplatonischen Philosophie spekulativerkannt wird.DerartigeÜbereinstimmungen legen die Aussicht nahe, dass eine Betrachtung dieser historisch wie systematisch besondersinteressanten Beziehungzwischen dem subjektiven Geist Hegels und der neuplatonischen Seelenlehreauchzueinem größeren Verständnisvon Hegels eigener Geistlehre beitragen kann. Zunächst soll nun dargestellt werden, inwiefern der Neuplatonismus in Hegels Deutungeinen philosophiegeschichtlichen Standpunkt des Geistes darstellt, der mit der systematischen Einsicht des subjektiven Geistes in sich selbst korrespondiert. Denn auch innerhalb der Philosophiegeschichte erkennt Hegel die Überwindung einer vorläufigen Selbstbezüglichkeit des Denkens: Inder neuplatonischen spekulativen Seelenlehre erfolgt sozusagen überhaupt erst der Ausgriff des subjektiven Geistes auf sein innerstes Selbst. Esist zu zeigen, dass die systematische Interpretationder neuplatonischenNoologie durchHegel in vielen für das Verständnis seiner Seelenlehre entscheidenden Punkten der abschließenden Selbstüberwindung des subjektiven Geistes in der Enzyklopädie entspricht. Diese Parallelisierung soll dazu dienen, die besondere Beziehung der Philosophie des subjektiven Geistes zur See- Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantikeNeuplatonismus,S.: „Der Neuplatonismus als die höchste Stufe der antiken Philosophie erreicht die Erkenntnis der Idee als konkreter Totalität,deren unterschiedene Momente selber konkret und Totalitäten sind und die sich in ihnen als erfüllte absolute Einheit selbst bestimmt.“ TWA , S.. TWA , S.f.

190 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre lenkonzeption der Neuplatoniker und besonders zu dem von diesen thematisierten Verhältnis zwischen der Geistseele und dem wahrhaften Sein herauszustellen. Auf dieser Grundlage kann untersucht werden, wie Hegel selbst die neuplatonische Seelenlehre(vorallem diejenige Plotins)deutet und diesezum Entwicklungsgang des subjektiven Geistes und zur Explikation und Manifestation des absoluten Geistes in der Philosophiegeschichte inBeziehung setzt. Bekanntermaßen besteht bei Hegel eine Einheit des systematischen und des historischen Interesses an der Geschichte der Philosophie⁷ und seine ausführliche, pointierte und durchaus enthusiastische Beschäftigung mit dem Neuplatonismus in den philosophiegeschichtlichen Vorlesungen lässt deshalb eine große Bedeutung der neuplatonischen Metaphysik für Hegels eigene Geistphilosophie erwarten.⁸ So steht bei Hegels Neuplatonismus-Deutung die Noologie eindeutig im Mittelpunkt, während der henologische Standpunkt Plotins und Proklos’ mehr oder weniger unberücksichtigt bleibt bzw. inHegels Interpretation des reinen Seins als Einheitsgrund und Absolutes umgedeutet wird.⁹ Der Neuplatonismus entwickelt laut Hegelgrundlegende,wenn auch nicht abschließende Einsichten in das Wesen des Geistes.Als Vollendungsform und höhepunktartiger Abschluss der antiken Metaphysik¹⁰ kommt ihm in Hegels prozeduraler Konzeption der Philosophiegeschichte eine ausgezeichnete Stellung zu.¹¹ Der Grund dafür besteht vor Grundlage jeder Beschäftigung mit Hegels Philosophiegeschichte und Philosophie der Geschichtebleibt Düsing: Hegel und die Geschichte der Philosophie,bes. S. –. – Eine reflektierte Analyse,wie Hegels Grundannahme einer innigenVerbindung vonPhilosophiegeschichteund der systematischen Entwicklung des Begriffs zu verstehen ist, ohne Hegel einen bloßen „Systemzwang“ attestieren zu müssen, findet sich bei Fulda: „Hegels These, dass die Aufeinanderfolge von philosophischen Systemen dieselbe sei wie die von Stufen logischer Gedankenentwicklung“, in: Heidemann und Krijnen (Hg.): Hegel und die Geschichte der Philosophie. Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.: „In Hegels Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus setzen sich […] die Intellektualsysteme der beiden Hauptepochen der Philosophie zueinander in Beziehung.“ Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.–. Vgl. zu Hegels Verständnis der Philosophie der Antike imGegensatz zur modernen Stenzel: „Hegels Auffassungder griechischen Philosophie“,in: Bertha Stenzel (Hg.): Julius Stenzel: Kleine Schriften zurgriechischenPhilosophie;Sichirollo: „SurHegel et le monde grec“,in: d’Hondt (Hg.): Hegel et la pensée grecque; Pöggeler: „Die Ausbildung der spekulativen Dialektik in Hegels Begegnung mit der Antike“, in: Riedel (Hg.): Hegel und die antike Dialektik, S.–; Vgl. hinsichtlich der Verortung des Neuplatonismus innerhalb der Philosophiegeschichte in Hegels historisch-systematischer DeutungHalfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S. –. – Die Vorstellung, dass der Höhepunkt der antiken Philosophie nicht in der klassichen platonisch-aristotelischen Metaphysik besteht, sondern im spät- und spätestantiken Platonismus, erscheint vor dem Hintergrund von Hegels Epochen-Verständnis auch geschichtsphilosophisch bedeutsam. Hegel folgt hier wohl Herders Lebensaltermetapher und der angenommenen Notwendigkeit eines historischen „Bruchs“. Vgl. Düsing: „Dialektik und Ge-

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