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Die Existenz des Spekulativen

4.1 Der Neuplatonismus

4.1 Der Neuplatonismus in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie 195 physik³⁵ bringendanndie triadische Selbstbeziehungdes Absolutenzum Ausdruck; mitder νόησις νοήσεως schließlichwirdder Ausgriff desGeistes aufsichselbstals aufdie erfüllte Ideentotalitätkonstituiert.³⁶ Hier zeigen sich in Hegels Deutungbei Aristoteles bereits Ansätze einer neuzeitlich anmutenden Subjektivitätstheorie,³⁷ doch erst der Neuplatonismus wird indieser Geist-Totalität des Denkens die vollkommene Bestimmung des Seienden selbst begreifen.³⁸ Platon und Aristoteles betonendemgegenüberzwardie prinzipientheoretische Begründungsfunktion,die die Einheit von Denken und Sein für die Sinnen- und Erfahrungswelt besitzt, erkennen jedoch nicht jene auf sich bezogene Einheit inihrer geschichtlichen und natürlichenExplikation,bringen mithin nichtdie spekulativeEinheit vonWeltund Geistzustande.³⁹ Dasmenschliche Denken,aberauchdie Natur, sind alsPrinzipiate in derklassischen griechischen Metaphysik noch außerhalbder Idee,zwarauf diese bezogen, doch noch nicht inihrer Wirklichkeit durch diese erfasst und in ihr aufgehoben worden. Im Stoizismus und imEpikureismus hingegen werden das Verstandesdenkenbzw.das natürliche Sein verabsolutiert.⁴⁰ DieIdeegehthieralsoin Hegel-Studien ,S.–;Bubner: „Dialogund Dialektik oder Plato und Hegel“,in: Ders.: Zur Sache der Dialektik, S.–; Delhomme: „Hegel etPlaton“, in: d’Hondt (Hg.): Hegel et la pensée grecque, S.–; Düsing: „Ontologie und Dialektik bei Plato und Hegel“, in: Hegel- Studien ,S.–;Ders.: Hegel und die Geschichte der Philosophie,S.–;Ders.: „Formen der Dialektik bei Plato und Hegel“, in: Riedel (Hg.): Hegel und die antike Dialektik, S.–; Mesch: „Hegel und die Bewegung der Idee. Zur platonischen Vorgeschichte der spekulativen Dialektik“, in: Bubner und Hindrichs (Hg.): Vonder Logik zur Sprache, S.–;Trienes: Das Problem der Dialektik in Platons Parmenides unter Berücksichtigung von Hegels Interpretation. Zu Hegels Rezeption der aristotelischen Noologie vgl. Aubenque: „Hegel etAristote“, in: d’Hondt (Hg.): Hegel et la pensée grecque, S.–; Düsing: Hegel und die Geschichte der Philosophie, S.–; Ders.: „Ontologie bei Hegel und Aristoteles“, in: Hegel-Studien ; Ders.: „Noesis Noeseos und absoluter Geist in Hegels Bestimmung der ‚Philosophie‘“, in: Lucas u.a. (Hg.): Hegels enzyklopädisches System der Philosophie, S.–; Ferrarin: Hegel and Aristotle; Picht: Aristoteles’ De anima, bes. S.–; sowie vor allem die umfassende und grundlegende neuere Monographie zum Thema von Dangel: Hegel und die Geistmetaphysik des Aristoteles. Vgl. hierzu etwa TWA ,S.;sowieTWA ,S. und f. – Vgl. zu Hegels Deutungder νόησις νοήσεως Düsing: „Noesis Noeseos und absoluter Geist in Hegels Bestimmung der ‚Philosophie‘“, in: Lucas u.a.(Hg.): Hegels enzyklopädisches System der Philosophie,bes. S.–. Vgl. etwa TWA , S.: „Das Denken ist das Denken des Denkens […].“ und S. : „[Im] wahren Denken ist wahrhafte Übereinstimmung des Objektiven und Subjektivenvorhanden; das bin ich. Aristoteles findet sich also auf dem höchsten Standpunkt […].“ Allerdings rügt Hegel vor allem an Plotin, dass dieser mit der Annahme des transzendenten Einen trotz seiner Gleichsetzungdes Geistes und des wahren Seins den Geist vonseinem Rangals Höchstes und Absolutes vertreibe. Vgl. TWA , S.f. und . Vgl. TWA , S.ff. und ;TWA , S.ff.; sowie TWA , S..

196 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre einen bestimmten Gegensatz auseinander, in dem das Absolute positiv bestimmt wird: entweder als Geist (Stoa) oder als Natur (Epikureismus). Diese einfache Identifikation, die einzelne Momente der Idee absolut setzt, nicht jedoch diese selbst als das Absolute erkennt, bedarf der negativen Überwindung durch den Skeptizismus.⁴¹ Erst in ihmgelangt dermenschlicheVerstandzum reinen Denken: Er trittinden Geistein,und besitztals Denken desGeistes keineBeziehung mehr auf ein dem Geist Äußeres.⁴² In einer Art Rückzugsbewegung bestimmt sich der menschliche Geist hier als subjektive Innerlichkeit. Der Skeptizismus negiert alle äußerlichen und endlichen Prinzipien und Kategorien; das Denken geht auf den Geistzurück, wenn auch dieFormdiesesDenkens abstrakt und negativbleibt: Der Geist vernichtet hier zwar alle Prinzipien, bildet sich aber noch nicht selbst zum konkreten Prinzip aus.⁴³ Der Neuplatonismus wird in Hegels historischer Darstellung zunächst als die intellektuelle Überwindungdieses Skeptizismus eingeführt.Vor dem Hintergrund von Hegels Konzeption einerAbfolge vonEpocheninnerhalbder Philosophiegeschichte, die mit den Entwicklungsschritten des Geistes korrespondieren, bedeutet dies, dass einmangelhaftes Selbstverhältniszugunsteneinerweiter voranschreitenden Einsicht in das innerste Wesen des Geistes aufgehoben wird.⁴⁴ Der Skeptizismus ist die Vgl. TWA , S.: „Die letzte Stufe, die wir gehabt haben, war jene Rückkehr des Selbstbewußtseins in sich, diese unendliche Subjektivität ohne Objektivität, der Skeptizismus, dies rein negative Verhalten gegen alles äußerliche Dasein, Erkenntnis, gegen alles Bestimmte, Geltende, Feste, Wahre. Diese Rückkehr in das subjektive Bewußtsein ist eine Befriedigung in sich selbst, aber eine Befriedigung durch das Aufgeben alles Bestimmten, durch die Flucht in die reine unendliche Abstraktion in sich. […I]m Skeptizismus ist diese Entäußerung alles Bestimmten vollendet […].“ Vgl. hierzu auch VL , S.: „Dies ist nun der Skeptizismus überhaupt. Das skeptische Bewußtsein, das Verfahren ist von großer Wichtigkeit: von allem unmittelbar Aufgenommenen, aber Endlichen aufzuzeigen, daß es nichts Haltbares, nichts Festes, nichts Absolutes, nichts Wahres ist; es zeigt, daß die Empfindungen sich widersprechen. Sextus Empiricus und andere haben sich die Mühe genommen, alle besonderen Bestimmungen der einzelnen Wissenschaften vorzunehmenund zu zeigen, daß sie nichts Festes,Wahres sind; er zeigt ihr Anderes an ihnen auf.“ Hegel relativiert in seinen philosophiegeschichtlichen Vorlesungen die große Bedeutung, die der Skeptizismus für ihn in jungenJahrenals negativeSeiteder Erkenntnis des Absoluten besaß. Vgl. zum Verhältnis Hegels zum Skeptizismus Düsing: Hegel und die Geschichte der Philosophie, S. ;Ders.: „Theorie der Subjektivität und Geschichtedes Selbstbewußtseins im Frühidealismus und in Hegels ‚Phänomenologie‘“, in: Düsing und Klein (Hg.): Geist und Psyche, bes. S.ff.; Buchner: „Zur Bedeutung des Skeptizismus beim jungen Hegel“, in: Gadamer (Hg.): Hegel-Tage Urbino, S.–; sowie Heidemann: Der Begriff des Skeptizimus, bes. S. –. Vgl. hierzu auch VL , S.: „Dieses Dritte nun – als das Dritte – das Resultat des ganzen Vorgergehenden. Mit diesem Dritten, was das Konkrete ist,geht eine ganzneue Epoche an. Es ist dieses Dritte die Gestaltder Philosophie, die mit dem Christentum, mit dieser Revolution, die sich in der Welt gemacht hat, auf das Engste zusammenhängt.“

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