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Die Existenz des Spekulativen

4.1 Der Neuplatonismus

4.1 Der Neuplatonismus in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie 197 „Vernichtung der bestimmten Prinzipien“,⁴⁵ das heißt der dogmatischen Verstandesphilosophien des Stoizismus und Epikureismus. Während im ersteren ein abstrakter Geist sich in einer pantheistischen λόγος-Spekulation gegen die Natur zur Totalität erhebt,verabsolutiert der zweite das äußerliche Sein der Natur.⁴⁶ Indemder Skeptizismus die Gewissheiten zerstört,mit denenbloß einzelneAspektedes Wahren dogmatisch als das Wesen des Absoluten gesetzt werden, bereitet er den Neuplatonismus vor, der die negativeBezugnahme aufalleäußeren Bestimmungenaffirmativ überwindet, indem er den Geist in sich selbst ausbildet. Programmatisch bestimmt Hegel die Aufhebung des Skeptizismus als Moment der Bewusstwerdung des denkenden Subjekts: „Die Idee mußjetzt [sc. nach dem Skeptizismus] alsinsich konkrete zum Bewußtsein kommen.“⁴⁷ Das Denken greift also im Neuplatonismus auf den GeistinseinerKonkretheit aus, muss aber dieseBeziehung noch vom Bewusstsein der Innerlichkeit des Geistes und von einem vorläufigen Selbstbewusstsein zum wahrhaften Selbstbewusstsein steigern,umsichselbstals dieseKonkretheit zu erkennen. Während sich das Denken im Skeptizismus durch die negative Bezugnahme auf äußere Bestimmtheiten schon selbst zu verabsolutieren beginnt, kommt es erst im Neuplatonismus zu einer Selbstbeziehungdes Geistes,der nun keines Äußeren mehr bedarf: Es ist die Rückkehr zu Gott einerseits, aber andererseits das Verhältnis, die Manifestation, Erscheinung Gottes für den Menschen,aber wie er an und für sich ist in der Wahrheit,wie er für den Geist ist.Dies ist der Übergang, daß das Objektive sich, der Geist,wiederherstellt, daß die Unendlichkeit des Denkens, das sich nur subjektiverfaßthat,sich gegenständlich wird.⁴⁸ Das Denken erfasst sich hier selbst als die Idee, welche die in sich konkreteTotalität der Bestimmungenist undsichnur aufsich selbst bezieht. Somit erfolgt die Einsicht in das innerste Wesen des menschlichen Geistes, das heißt indas absolute Selbstbewusstsein. Indem Hegel mit dem Neuplatonismus und dessen Synthese platoni- TWA , S.. TWA , S.ff. und f. TWA ,S.. – Vgl. hierzu auch VL ,S.ff.: „Das letzte, was wir betrachtet haben, war die Rückkehr des Selbstbewußtseins in sich, diese unendliche Subjektivität ohne Objektivität – der Skeptizismus, dieses rein negative Verhalten gegen alles äußerliche Dasein, Erkenntnis, gegen alles,was als fest,wahr gilt.Diese Rückkehr in das subjektive Bewußtsein ist eine Befriedigung in sich selbst, aber eine Befriedigung durch die Flucht, durch das Aufgeben alles Objektiven, eine Befriedigung des Bewußtseins durch die reine, unendliche Abstraktion in sich. […]Von hier nun ist es, daß der Geist weitergeht,einen Bruch in sich macht,aus seiner Subjektivität wieder herausgeht zur Objektivität, zueiner Objektivität, die im Geist und in der Wahrheit ist, welche eine intellektuelle ist […].“ VL , S..

198 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre scher und aristotelischer Bestimmungen⁴⁹ des νοῦς „die Welt der Geistigkeit“ beginnen lässt,⁵⁰ bringt er zum Ausdruck, dass der Geist in der neuplatonischen Spekulation in sich produktiv wird und mit dem noetischen Ideenkosmos und mit der konkretenTotalitätintelligiblerBestimmungendas Wahrhafte selbst ausbildet.Diese Ausbildung des Intelligiblen im Subjektiven bzw. imDenken der Seele besitzt eine großeinhaltliche Nähe zu PlotinsBestimmung der individuellen Seeleals intelligibler Welt. Dessen Terminologie greift Hegelinder folgenden Passage eindeutig auf, sodass der hier beschriebeneund emphatisch gelobteStandpunkt des Denkens sicherlichals derjenige Plotins zu identifizieren ist: Die Philosophie hatte den Standpunkt erreicht, dass sich das Selbstbewußtsein in seinem Denken als das Absolute wußte; aber sie verwarf nunmehr dessen subjektive, endliche Stellung und Differenz gegen ein nichtiges äußeres Objekt, erfaßte in sich selbst den Unterschied und bildete das Wahre als intelligible Welt aus. Das Bewußtsein hiervon, das im Geiste der Welt sich ausdrückte, macht jetzt den Gegenstand der Philosophie aus.⁵¹ Die Ausbildungder „intelligible[n]Welt“⁵² wird somit als das größte Verdienstdes neuplatonischen Denkens anerkannt.⁵³ Der Neuplatonismus erreicht demnach denselben Standpunkt wie der enzyklopädische subjektive Geist, der ebenfalls aus der Diskursivität heraustritt und die konkrete Totalität der intelligiblen Bestimmungen schaut. Der subjektive Geist begreift diese vor allem als sich selbst, Hegel verwehrt sich auch entschieden gegen diejenigen zeitgenössischen Neuplatonismus- Kritiker, die dem Neuplatonismus und seiner Verbindung platonischer, aristotelischer und pythagoreischer Denkinhalte einen systematischen Eklektizismus unterstellen. Damit rückt er den Neuplatonismus unverkennbar auch in die Nähe seiner eigenen philosophiegeschichtlichen Grundüberzeugungen: „Man hat die Neuplatoniker eklektisch genannt […]. Sie sind aber nicht Eklektiker, sondern hatten bewußte Einsicht in die Notwendigkeit und Wahrheit dieser Philosophien.“ (TWA , S.) TWA , S.f.: „Dies ist der allgemeine Standpunkt, aus dem Verluste der Welt sich eine Welt zu erzeugen, die zugleich in ihrer Äußerlichkeit eine innerlichebleibt und so eine versöhnte ist; und dies ist so die Welt der Geistigkeit, die hier beginnt. Wir sehen in dieser Periode die platonische Philosophie hervorkommen, die aber als eins mit der aristotelischen gewußtwurde.“ TWA , S.. Vgl. hierzu auch VL , S.: „Der Mensch hat diese Gestaltung getrennt vom Wahren, von Gott und hat so Gott im Geist erkannt; er hat erkannt,daß die natürlichen Dinge und der Staat nicht die Weise sei, in der Gott da sei, sondern, daß seine wahrhafteBestimmungeine intelligible Welt war. Die Einheit Gottes mit der Natur ist so gebrochen, damit sie aber auf höhere Weise wieder gesetzt werde – daß die Welt in Gott aufgenommen werde als intelligible Welt.“ Vgl. dazu auch TWA , S.: „Diese Innerlichkeit des Geistes bei sich selbst hat sich eine Idealwelt aufgebaut, den Grund und Boden der Intellektualwelt gelegt, eines Reichs Gottes, – Herabkommen zur Wirklichkeit,Einheit mit ihr;und das ist der Standpunkt der alexandrinischen Philosophie.“

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