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Die Existenz des Spekulativen

4.1 Der Neuplatonismus

4.1 Der Neuplatonismus in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie 207 Selbstbewusstwerdung der Seele jedoch auf das dem Geist wie dem Sein transzendente Eine als absoluten Ursprung der geistigen Aufstiegsbewegung. Dieser Ursprung wird im Denken nicht erreicht,während der reine νοῦς in der geistigen Anschauung von der Seele gedacht werden kann. Zwar geht der zweite Transzendenzschritt des Denkens bei den Neuplatonikern über das Denken hinaus auf das undenkbare und überseiende Eine, doch besitzt der erste, seelische, Transzendenzschritt durchaus eine Entsprechung in Hegels System. Sowohl die neuplatonische Einsicht indie Geisteinheit der Seele als auch der abschließende Entwicklungsschritt des subjektiven Geistes bei Hegel bezeichnen einen Selbstüberstieg des seelischen Denkens, das in den höheren Modus einer denkenden Selbstbeziehung eintritt.⁸¹ Im Neuplatonismus geschieht dies, indem das denkende Subjekt „das Verhältnis, die Manifestation, Erscheinung Gottes für den Menschen,wie er an und für sich ist in seiner Wahrheit,wie er für den Geist ist“, erkennt.⁸² Gemeinsam mit dem Christentum bezeichnet der Neuplatonismus den Eintritt in den wahrhaften „Glauben an Gott“, der als selbstbewusste Beziehung des Subjektiven zuseinem geistigen Prinzip gedeutet wird: Hegel bescheinigt dem Neuplatonismus, daß dies subjektivgewordene Bewußtsein das Absolute als das Wahre sich zum Gegenstand macht, dies Anundfürsichseiende aus sich heraussetzt; oder daß es zum Glauben an Gott kommt […]. Damit tritt das Verhältnis des Menschen zu diesem seinen Gegenstande, dem absoluten Wahren ein.⁸³ Folglich ist hier das Verhältnis Mensch–Gott am Ende noch ein Gegenstandsverhältnis wegen der Objektivierung des Geistes durch das Subjektive. Zwar setzt das Subjektive Gott aus sich selbst heraus, ist also imZuge der Konstitution der Intellektualwelt produktivund damit vomGeist nicht mehr getrennt.Jedoch stellt die Thematisierung des Geistes hier keine wahrhafte Selbstthematisierung dar; das Absoluteals Prinzipist noch das Jenseitige des menschlichen Geistes und als Prinzip von der Seele und ihrem Denken unterschieden. Zwar gesteht Hegeldem Christentum zu, die endgültigeÜberwindung der Geistbeziehung als Fremdbeziehungzusein, doch ist auch der Neuplatonismus Ausdruck der geistigenBewegung „in sich selbst zurück“.Vgl. TWA ,S.: „Diese Philosophien sind so Momente, nicht bloß vonder Entwicklungder Vernunft,sondern auch vonder Menschheitüberhaupt; es sind Formen, in denen sich der ganze Weltzustand durch das Denken ausspricht. Die götterlose, rechtlose und unsittliche Welt treibt den Geist in sich zurück. [… A]ber die echte Befreiung des Geistes ist im Christentum erschienen, in ihm kommt der Geist zu sich und zu seinem Wesen.“ TWA , S.. TWA , S.f.

208 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Die neuplatonische Geistlehre und Hegels subjektiver Geist verweisen beide – zumindest stellt essich für Hegel so dar – als Momente der voranschreitenden Erkenntnis des Geistes auf das absolute Prinzip und sind dadurch konkrete Manifestationen der geistigen Selbstbeziehung. Sie sind jeweils in ihrer höchsten Stufe die Überwindungihrer selbst und ihrer defizitären Beziehung aufden Geist. Doch wird in beiden noch nicht die absolute Selbstbeziehung des reinen Geistes erreicht,sondern Seele und subjektiverGeist unterscheiden sich in der Weise ihres Selbstbewusstseins vondiesem. Ein notwendigerZwischenschritt aufdem Wegzur absoluten Subjektivität ist es, dass der Geist, der als Seele noch endliche Subjektivität ist, sich selbst objektiviert, also sein innerstes Wesen als Objekt einer selbstbewussten Geistbeziehung erkennt. Imobjektiven Geist ist das Denken vollkommen artikuliert in sich und findet in der konkreten Totalität die Ideenwelt als objektivierte Seinsfülle vor. Der Überganginden objektivenGeist erfolgt mithin vordem Hintergrund des Selbstüberstiegs des Subjektiveninder philosophischen Selbsterkenntnis, die Hegel in den zitierten Passagen deutlich mit dem Neuplatonismus assoziiert. Hegel bedient sich der Terminologie und des begrifflichen Instrumentariums der enzyklopädischen Geistlehre, um die seiner Meinung nach abschließende Denkbewegung des Neuplatonismus zu schildern, die diesen zur Vollendungsgestalt der antiken Philosophie macht: Vonhier nun ist es, daß der Geist weitergeht, einen Bruch in sich macht, aus seiner Subjektivität wieder herausgeht zum Objektiven, aber zugleich zu einer intellektuellen Objektivität, zueiner Objektivität,die im Geist und in der Wahrheit ist […]. Dies ist der Übergang, daß das Objektive,der Geist,sich wiederherstellt, daß die Objektivität des Denkens, die sich nur subjektiv erfaßt hat, sich gegenständlich wird.⁸⁴ Obwohl sich der Geist in das konkrete Ideenwissen erhebt und im Neuplatonismus ein Intellektualsystem ausbildet, besteht laut Hegel der prinzipielle Mangel des Neuplatonismus in dem nicht erfolgten Aufstieg des Subjektiven indie absolute Subjektivität. Auch im Übergang zum objektiven Geist durch die Selbstthematisierung des menschlichen Geistes wird der entscheidende Schritt über die „nur“ subjektive Selbstbeziehung noch nicht geleistet. Einerseits gelangt der menschliche Geist zum Wissen der „Unendlichkeit des Selbstbewußtseins in sich“ und somit zur „reine[n] Identität des Denkens,das sich weiß, sich in sich unterscheidet und nach der Seite dieses Unterschiedes sich bestimmt, darin aber vollkommen durchsichtige Einheit mit sich selbst bleibt“. Erist somit „wirkliches Selbstbewußtsein“,das „das Absolutejetzt in der Weise des Selbstbewußtseins“ weiß, „so TWA , S..

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