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Die Existenz des Spekulativen

4.1 Der Neuplatonismus

4.1 Der Neuplatonismus in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie 209 daß die Bestimmungen in allen Formen entwickelt sind“.⁸⁵ Andererseits bleibt das Subjektive hier noch ein Einzelnes, ein Individuum, das sich noch nicht zur Allgemeinheit und zum Wissen dieser Allgemeinheit erhoben hat: Dies, daß das Selbstbewußtsein das absolute Wesen oder das absolute Wesen Selbstbewußtsein ist, dies Wissen ist jetzt der Weltgeist. Erist dies Wissen, aber weiß dies Wissen nicht; er schaut es nur an, oder er weiß es nur unmittelbar, nicht im Gedanken. Er weiß es unmittelbar, d.h.dieses Wesen ist ihm wohl absolutes Selbstbewußtsein, aber es ist in seiender Unmittelbarkeit ein einzelner Mensch.⁸⁶ Aufder Stufe der „Vernunft“ als Abschluss der Philosophie des subjektiven Geistes und in der neuplatonischen Philosophie der Spätantike, in der die Einheit von Selbstbewusstsein und Geist laut Hegel philosophiegeschichtlich greifbar wird, weiß die Seele das Absolute zwar als ihr innerstes Wesen. Jedoch ist diese Erkenntnis vor allem eine Objektivierung des Geistes und des Geistdenkens,⁸⁷ ohne dass dabei die weiterhin bestehende Unterscheidung zwischen Subjektivität und Objektivität im reinen Selbstbewusstsein aufgelöst würde: „Dieser einzelne Mensch, der zu einerbestimmten Zeit gelebt hat und an einem bestimmten Orte, ist ihm dieser absolute Geist,abernicht der Begriff des Selbstbewußtseins;oder das Selbstbewußtsein ist noch nicht erkannt.“⁸⁸ Das Nicht-Erkennen des Selbstbewusstseins rührt daher, dass die Geistbeziehung des selbstbewussten Individuums noch nicht als Absolutheitsbeziehung gewusst wird. Zwar ist sich der Geist selbst Objekt, doch noch nicht so, dass das Denken dieser Selbstbeziehung von ihm als Vollzug des Absoluten begriffen würde. Der Neuplatonismus bezeichnet also philosophiegeschichtlich den Schritt über die bloße Subjektivität hinaus, ohne jedoch selbst eine Rückkehr in die absolute Subjektivität zu leisten. Die neuplatonische Philosophie ist eine vonHegel prozedural gedeutete „Rückkehr in Gott“, nicht jedoch das Zurückgekehrt-Sein als absolutes Selbstwissen. Trotz aller dieser Einwände liegt, soHegel, der große Verdienst des Neuplatonismus in der systematischen Ausbildung des κόσμος νοητός.Wenn Hegel am Ende des einleitenden Teils seiner philosophiegeschichtlichen Vorlesungen zum Neuplatonismus erneut aufPlotins berühmtes Diktumverweist,wonach jeder von uns eine intellektuelle Welt ist,⁸⁹ wird der Kontext der plotinischen Lehrevon der TWA , S.. TWA , S.. Vgl. TWA , S.: „Als gedachte Unmittelbarkeit,Unmittelbarkeit des Gedankens, ist das absolute Wesen unmittelbar im Selbstbewußtsein, oder als innere Anschauung – eine Anschauung, wie wir Bilder gegenwärtig imGeiste haben.“ TWA , S.. Vgl. Enn. III ,,–.

210 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Geborgenheit der Geistseele in ihrem intellektuellen Bestimmungsgrund mehr als deutlich. Hegel beschreibt hier das Auffinden Gottes im Inneren des menschlichen Geistes.Der Seele gelingt es, den Bezugauf das Äußere zu überwindenund somit auch Gott nicht mehr in einem anderen zu wissen, sondern die konkrete Totalität der intellektuellen Bestimmungen in sich selbstzuerkennen: „Der Mensch hat sie [sc. die Gestaltungendes Wahren, Göttlichen] vondem Wahren, dem Gottgetrennt und hat so Gott im Geist erkannt; er hat erkannt,daß die natürlichen Dingeund der Staat nicht die Weise sei,inder Gottdasei,sondern die Weise sei in ihm selbst,eine intelligible Welt.“⁹⁰ Gerade an dieser Stelle ist der Verweis auf Plotin mehr als offenkundig. Die Seele überwindet ihre Beziehung auf die Außenwelt und dabei auch solche Abstrakta wie „Staat“ und „Natur“, die nur in der Innerlichkeit des menschlichen Geistes als konkrete Ideen gedacht werden können. Im Neuplatonismus wird laut Hegel die unmittelbare Einheit von Mensch und Welt aufgehoben, das heißt eine Bestimmung, die den Entwicklungsgang der Seele auch während des Voranschreitens des subjektiven Geistes prägt: „Die Einheit des Menschenmit der Welt ist so gebrochen, damit sie aufhöhere Weisewiedergesetzt werde, daß die Welt in Gott aufgenommen werde als intelligible Welt.“⁹¹ Hegels wiederholter Bezugauf die vonPlotin in die individuelle Seele gelegte intelligible Welt macht eines sehr deutlich: Die neuplatonische Geist-Metaphysik und Hegels subjektiver Geist gelangen beide in die konkrete Gotteserkenntnis und damit in eine im seelischen Denken geschaute Totalität des Intelligiblen. Im neuplatonischen Denkenerfolgt die Rückkehr des denkenden Individuums in Gott;esbezieht sich in seinem Denken konkretauf die intelligible Welt,weiß diese als Gott und somit zugleich als ihre eigene innere Bestimmung. Hegel betont durch seinen Verweisauf die Geistlehre des Plotin,dass die intellektuelle Bewegung,die der Neuplatonismus als geschichtliche Erscheinungsform des Geistes darstellt, dem prozeduralen Aufstieg zur Selbsterkenntnis in derPhilosophiedes subjektivenGeistes entspricht. Imgeistesgeschichtlichen Moment des Neuplatonismus wird also das in der Enzyklopädie systematisch ausformulierte Sich-selbst-Wissen des Geistes geradezu vorweggenommen. Vordem Hintergrund dieser Entsprechung attestiert Hegel der neuplatonischen Metaphysik letztlich dasselbe Projekt wie seiner eigenen: „Das Sichbestimmen Gottes macht hier einen Hauptpunkt des Interesses aus“.⁹² Der Bestimmungdieses Hauptpunkts wirdein Großteil der Darstellung desplotinischen und des proklischen Intellektualsystems gelten. Indem Hegel schon zu Beginn auf diese grundlegende Übereinstimmung des eigenen und des neuplatonischen Denkens TWA , S.. TWA , S.. TWA , S..

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