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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 211 verweist, unterstreicht er erneut die außerordentliche Nähe, die zwischen der Selbstüberwindungder SeeleimNeuplatonismus und damit zwischen dessen Eintritt in „die Welt derGeistigkeit“⁹³ und der hegelschen Konzeptionder Selbsttranszendenz des menschlichen Geistes besteht. Dem Neuplatonismus kommt dabei die doppelte Bedeutung zu, einerseits der historische Vorläufer des hegelschen Geist- und Absolutheitsdenkens zu sein und andererseits den Standpunkt des sich zu sich selbst entwickelnden menschlichen Geistes, also der Seele, in eine systematische Form gebracht zu haben. In der historischen Analyse schildert Hegel dabei die durch die Seele zu leistende Selbsterkenntnis alsErkenntnis desabsolutenGeistes,wie sieinder für ihn höhepunktartig das antike Geist-Denken beschließenden Noologie des Neuplatonismus zum Vorschein kommt. Esgeht Hegel also bei der Betrachtung der neuplatonischen Philosophie vor allem auch um die Bestimmungdes Verhältnisses des menschlichen Individuums,das heißtder einzelnen Seele, zu Gott.Hegel erkennt hiereine zunehmende Selbstangleichung des Geistes; der Geist kommt zu einer der Selbstbestimmung des subjektiven Geistes entsprechenden Vollendungsform, die zwar vorläufig bleiben muss, doch gerade in ihrer Vorläufigkeit den höchsten Standpunkt der antiken Geistphilosophie darstellt, der erst inHegels Absolutheitsdenken im klassischen Dreifachsinne aufgehoben werden wird. 4.2 „Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“: Hegels intellektualistische Plotindeutung und die Entwicklungsgeschichte des subjektiven Geistes 4.2.1 Die Aneignung der plotinischen Geistlehre Hegel betrachtet die Seelenlehre Plotins in seinen philosophiegeschichtlichen Vorlesungen im Zusammenhang mit der Untersuchung vondessen Metaphysik des Einen.⁹⁴ Der Aufstieg des Denkens zum Einen wird hierbei als Hauptbewegung der plotinischen Philosophie charakterisiert.⁹⁵ Dadurch erscheint die Ausrichtung der TWA , S.. Plotins Einheitsmetaphysik als Grundmoment seiner Geistlehre wird ausführlich dargestellt bei Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen, bes. S. ff. und ff.; Beierwaltes: Denken des Einen; Ders.: Selbsterkenntnis und Erfahrung der Einheit. In der älteren Forschung sind zu nennen Trouillard: La Purification Plotinienne; Ders.: La Procession Plotinienne; sowie Hadot: Plotin ou la simplicité du regard. Plotin selbst charakterisiert sein Denken als περὶ τὸἓνφιλοσοφήσειν (Enn.VI ,,). Enn.VI (Über das Gute oder das Eine) war Hegel mit Sicherheit vertraut; er zitiert daraus in den philo-

212 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Geistseele aufdas wahre Sein und das reine Denken der Ideen in Hegels Deutung als Ausdruck des Einheitsbezugs alles Seienden auf das absolute Prinzip. Das bedeutet, dass Hegel die plotinische Psychologie ganz richtig als Moment einer sich vor dem Hintergrund des Absoluten entfaltenden Ontologie bestimmt.⁹⁶ Jedoch werden entscheidende Aspekte von Plotins Transzendenzmetaphysik ausgeblendet: Hegel, der Plotins umfassende Henologie nicht in all ihrer Tragweite erkennt und würdigt⁹⁷ und das Absolute der plotinischen Einheitsmetaphysik in seinem eigenen Sinne als absolutes und reines Sein deutet,⁹⁸ bestimmt auch die seelische Denkbewegung als Moment der Selbstreflexion des Geistes, der als absoluter Geist sein eigenes Prinzip ist. Unter dieser Prämisse geht in Hegels Deutung die Henologie Plotins in einer νοῦς-Lehre auf, die in eine unübersehbare Nähe zum eigenen Systemdenken gerückt ist.⁹⁹ Somit prägt ein – in gewissem sophiegeschichtlichen Vorlesungen mehrfach. Vgl. dazu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S., Fußnote . Vgl. hierzu wie zum folgenden Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.– . Vgl. zur Beschäftigung Hegels mit Plotins negativer Theologie Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.–; sowie Ders.: „Hegels Auseinandersetzung mit dem Absoluten der negativen Theologie“, in: Koch u.a. (Hg.): Der Begriff als die Wahrheit, S.–. Vgl. etwa die Schilderung des ersten „Hauptgedanken[s]“ Plotins (TWA ,S.): „Nämlich das Erste, Absolute, die Grundlage ist auch hier, wie bei Philon, das reine Sein, das Unveränderliche, das Grund und Ursache alles erscheinenden Seins ist, dessen Möglichkeit nicht von seiner Wirklichkeit getrennt ist, sondern die absolute Wirklichkeit an ihm selbst ist. Esist die ebenso wesentliche Einheit, oder die Einheit, sie das Wesen aller Wesen.“ Vgl. auch TWA , S. : „Vomabsoluten Sein sagtenun Plotin, daß es unerkennbar ist,wie auch Philonsagte, – das Insichbleibende. Hierüber ist dann Plotin weitläufig, häufig wiederkehrend, daß die Seele sich aber das Denken dieser Einheit wesentlich verschaffenmüsse erst durch die negativeBewegung, die etwas anderes ist als nur Sagen, – alle Prädikatedurchmachen, skeptische Bewegung,nichts außer diesem Eins.Und das Ziel für das subjektive Denken sowohl als für das Praktische ist das Gute; die Bestimmungdes Einen ist die Hauptsache.“ Während das reine Sein für Plotin eigentlich das Erkennbare,Denkbare, dem schauenden Denken Zugängliche schlechthin ist,werdenhier von Hegel die negativen Bestimmungen des plotinischen jenseitigen Einen auf das reine Sein des Geistes übertragen. Vgl. hierzu und zur Bestimmung des plotinischen Absoluten durch Hegel Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.–. Ähnlichesgilt – mit einer größeren Betonung des Einheitscharakters des Absoluten – auch für Hegels Proklos-Deutung. Der grundlegende Unterschied zwischen dem hegelschen und dem neuplatonischen – plotinischen wie proklischen – Denken des Absoluten besteht jedoch in der fundamentalen Differenz zwischen einer subjektivitätstheoretischen und einer einheitstheoretischen Absolutheitskonzeption. Diese Differenz wird von Halfwassen (Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S..) folgendermaßenzusammengefasst: „Damit sind Übereinstimmung und Differenz von Hegelscher und neuplatonischer Dialektik des Absoluten präzise bezeichnet: Für beide ist die Entfaltung der Bestimmungen des Seienden die Darstellungoder Manifestation des Absoluten. Für Hegel aber kommt das Absolute durch diese Darstellung allererst zu sich selbst

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