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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 215 ausragende Stellung, die der Seele in der hierarchischen Stufenfolge des plotinischen Hypostasensystems zukommt,und dies, und nicht die Fehleinschätzung der Henologie des Plotin, wird für die Auseinandersetzung mit der Rolle der Geistseele schließlich entscheidend sein: Die Hauptsache, das Charakteristische in Plotin ist die hohe, reine Begeisterung für die Erhebung des Geistes zum Guten und Wahren, zu dem, was an und für sich ist. […]Seine ganze Philosophie ist einerseits Metaphysik, aber nicht so, daß ein Trieb, eine Tendenz darin vorherrscht zur Erklärung, zum Auslegen […], sondern sie ist Zurückführung der Seele von den besonderen Gegenständen zur Anschauungdes Einen, des Wahrhaften und Ewigen, zum Nachdenken über die Wahrheit, – daß die Seele gebracht werde zur Seligkeit dieser Betrachtung und des Lebens in ihr.¹⁰¹ Die „Erhebung des Geistes“, die Hegel bei Plotin ausmacht, ist hier nicht der Selbstüberstieg des Denkens zum überseienden Einen, sondern sie ist in Hegels Deutung die Bezugnahme des menschlichen Geistes, also der Seele, auf den Ideenkosmos, das „Gute und Wahre“ und das, „was an und für sich ist.“ Hegel unterscheidet nicht eigens zwischenden beiden Transzendenzschritten bei Plotin: (1) dem durch die Seele zu leistenden von der Welt des Werdens und Vergehens zum Geist und (2)dem eigentlichen Transzensus,nämlich der Selbstüberwindung des Seienden und dem Ausgriff auf das nicht mehr denkbare und überseiende Eine.¹⁰² Da der Aspekt der Seinstranszendenz des absoluten Prinzips ausgeblendet wird, erscheint Hegels Beschreibung des plotinischen Denkens nicht so sehr als umfassende Würdigung des Systems seines spätantiken Vorgängers, sondern vielmehr als eine ausschnittsweise Betrachtung des die Außenwelt transzendierenden und sich aufdas wahrhafte Sein beziehenden Denkens.Indem es sich auf des Seienden und dem Sein selbst vorausgeht.Vgl. zu diesen für Plotin entscheidenden Stellen Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen, S.ff. sowie Ders.: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.: „Alles Seiende – und zwar sowohl das wahrhaft Seiende im Sinne der Idee als auch die werdenden und vergehenden Erscheinungen sowie die zwischen Ideen und Erscheinungen vermittelnde Seele – verdankt sein Sein, und das bedeutet sowohl seine Existenz als auch sein bestimmtes Wesen, seinem Einheitscharakter.“ Halfwassen verweist auf die besondere Rolle, die die letzte Hypothesis des platonischen Parmenides (e-c) für die Konzeption dieses dem Sein vorangehenden Einen besitzt. TWA , S.. Hegelnimmt also letztlich beide Transzendenzschritte zusammen, indem er den Aufstieg der Seele zum einen und reinen Geist an die Stelle der Rückführung des Geistes aufdas absolute Eine treten lässt. Anders formuliert: Hegel lässt das seiende Eine der zweiten Hypothesis des platonischen Parmenides mit dem „absoluten Einen“ (τὸἁπλῶς ἕν [Enn. III ,,]; τὸ πάντη ἕν [Enn. V ,,]; τὸ παντῶς ἕν [Enn.VI ,,]), dem „Einen selbst“ (τὸ αὐτοέν [Enn.V ,,; , und ,]) Plotins zusammenfallen.

216 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre das Sein als solchesbezieht,macht sich dasDenken selbstthematisch, und eben dieser Eintritt in das Sich-selbst-Denken ist die Hauptbewegung, die, wie oben dargestelltwurde, auch der enzyklopädische subjektive Geist vollzieht.Der in die Philosophie des Plotin einleitende Passus verdeutlicht zugleich, welcher Systemstelle der Rückbezug des Denkens auf sein Prinzip bei Hegel zugeordnet werden muss.Für „die Erhebung des Geistes“ teilt Hegel ja selbst und im wahrsten Sinne des Wortes die „hohe, reine Begeisterung“ des Neuplatonikers; erbezeichnet mit dieser Erhebung schließlich das Hauptmoment des plotinischen Denkens. Inseiner Ausrichtung auf das wahrhaft Seiende entspricht dieser sich erhebende Geist der höchsten und abschließenden Stufe des subjektiven Geistes, der, indem er sich selbst thematisiert, sich mithin objektiviert, inden objektiven Geist übergeht und in die Schau der konkreten Totalität der Ideenwelt eintritt. Dieser dem menschlichen Geist und all seinem Denken zugrundeliegende κόσμος νοητός,die geeinte Totalität der intelligiblen Bestimmungen, ist das „Eine, Wahrhafte und Ewige“ für Plotin wie auch für Hegel selbst.¹⁰³ Der Geist,inden die Seele eintritt, ist das seiende Eine im Sinne des platonischen Parmenides und somit die vollbestimmte intellektuelle Fülle des Ideenkosmos und des reinen Seins bei Plotin.¹⁰⁴ Er ist weiterhin als Totalität der Bestimmungen das Wahrhafte schlechthin und als Grund des menschlichen Geistesund der erscheinenden Welt In dieser Bestimmungdes Geistes stimmt Hegelvollkommen mit Plotin überein, auch wenn Hegel imGeist das Absolute und somit das erste Prinzip erblickt. Letztlich geht eine Charakterisierung des Ideenkosmos als einer, wahr, ewig und gut natürlich auf Platon zurück. Die aristotelischen Berichteüber Platons mündliche Lehre wie auch entscheidende Dialogstellen markieren eindrücklich den Beginn einer Tradition des Denkens des Geistes, das bei Plotin und Hegel zwar verschiedene Akzentsetzungen erfährt, inseiner Betonung des reinen, göttlichen und die Erscheinungsformen des Seienden begründenden νοῦς jedoch grundsätzlich übereinstimmt.Vgl. Metaph. b und ; a und ; Anal. post. a; bei Platon bes.: Politeia a; a; a; Parm. bf.; a-c; b; b-d; Phileb. af.; Krat. c; c; Men.cd; a; Eutyphr. d; d. Zu dieser Bestimmung des platonischen Ideenkosmos vgl. vor allem Reale: Zu einer neuen Interpretation Platons, S.–. Hegel vermengt das seiende Eine als ursprüngliche intellektuelle Bestimmtheit, also die Grundlage, auf der sich alles Denken abspielt, mit dem ursprünglichsten und absoluten Prinzip des jenseitigen Einen. Das seiende Eine ist schon allein als Zweiheit von Einheit und Sein eine Vielheit,ein ἓν ἐκπολλῶν (Parm. c)und ist als solches „Einheit in der Vielheit oder als geeinte Vielheit Einheit aus Vielem […,] keine absolute und ursprüngliche Einheit, sondern hat den Charakter abgeleiteter Einheit“ (Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.). Der Einheitscharakter des Seienden gründet also gerade nicht im absoluten Sein im Sinne Hegels, sondern im absoluten Übersein, das allem Sein vorausgeht.Diese Modifizierungder plotinischen Einheitsmetaphysik bringt klar zum Ausdruck, dass Hegel das System Plotins auf das eigene hin umdeutet und damit wichtige Implikationen des plotinischen Denkens des Einen durch das Sichselbst-Denken des Geistes unbeachtet lässt.

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