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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 225 fasstheit des menschlichen Denkens,wobei diese ja eine wesentliche Grundlage der plotinischen und seiner eigenen Philosophie darstellt. Die Ehrenrettung des plotinischen Denkens lässt zwar erneut Hegels geringes Verständnis für Plotins Einheitsmetaphysik erkennen – die absolute Einheitserfahrung am Ende des Aufstiegs des Denkens zum überseienden jenseitigen Einen wird ausgespart oder auf den einen Geist und das reine Denken bezogen¹³¹ – doch liefert Hegel mit der Beschreibung der „Erhebung zu spekulativen Wahrheiten“¹³² bei Plotin eine eindrückliche Schilderung der Selbsterhebung der menschlichen Seele in die ursprünglich reine Denkform des Geistes. Auch wenn er den abschließenden Schritt dieser Erhebung ignoriert oder missversteht – nämlich den Schritt indie mystische Einheit mit dem jenseitigen Absoluten –,kann Hegel doch die Rückkehr der Seele in die Triadik der Einheit von Denken, Denkendem und Gedachtem in einer Plotin adäquaten Weise schildern und damit zugleich die Grundlage des seelischenVerstandesdenkens und des Aufstiegs der Seele in ihr geistiges Prinzip zum Ausdruck bringen.¹³³ Die Rückkehr in den der Seele zugrundeliegenden reinen Geist wird vonHegel in der Philosophie des subjektiven Geistes als Verwirklichung einer Vernunfteinheit am Ende der prozesshaften Selbstbewusstwerdung des menschlichen Densetzt die Wahrheit in ein Wesen, das zwischen der Wirklichkeit und dem Begriffe steht,das nicht Wirklichkeit ist, noch auch begriffen, – ein Wesen der Einbildung. Hiervon aber ist Plotin weit entfernt.“ Die entscheidenden Umdeutungen und Einsichten Hegels hinsichtlich der plotinischen Mystik sind vonHalfwassen herausgestellt worden: „[D]ie beiden auffälligsten und am schwersten wiegenden [Umdeutungensind die] des über Sein und Denken erhabenen Absoluten zum reinen Sein und die Umdeutungseiner mystischen Erfahrung in der übervernünftigenEkstasis zu einem ‚reinen Denken, das bei sich selbst ist, sich zum Gegenstand hat‘ […].“ (Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.); „Hegels ‚intellektualistische‘ Deutung der Mystik Plotins trifft somit durchaus einen wesentlichen Zug, nämlich die intellektuelle Erhebungdes Denkens zum wahren Selbst des Denkenden in der Einheit von Denken und Sein im Nous.Was Hegels Deutung jedoch nicht bewahrt – oder garnicht sieht – ist das eigentliche Ziel und die Vollendungder Mystik Plotins in der übervernünftigen Vereinigung mit dem Einen selbst, inder Denken, Sein und Selbst in das Übersein des Absoluten aufgehoben sind […].“ (a.a.O.,S.). – Hegelfolgt in seiner Deutungder ekstatischen Mystik Plotins im Übrigenweitgehend und bis in die Formulierung hinein Tiedemann und Buhle, auch wenn er deren Verriss der plotinischen Mystik natürlich nicht mitmacht und gerade der ekstatischen Selbstüberwindung der Seele und der vermeintlich höhepunktartigen Schau des göttlichen Geistes affirmativ gegenübersteht. Vgl. dazu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.,FN und ,FN mit Verweis aufdie entsprechenden Textstellen bei Tiedemann und Buhle. TWA , S.. Vgl. hinsichtlich einer vergleichenden Zusammenschau der Triadik Plotins und Hegels Halfwassen: „Hegel und Plotin über Selbsterkenntnis und Denken seiner selbst“, in: Arndt u.a. (Hg.): Hegel-Jahrbuch : Geist?, S.–.

226 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre kens bestimmt. Dies entspricht der Grundtendenz seiner rein intellektualistischen Plotin-Interpretation, wie sie in der den Abschnitt über „Schwärmerei“ beschließenden Charakterisierung Plotins deutlich wird: „Die Idee der plotinischen Philosophie ist Intellektualismus oder ein hoher Idealismus, der aber von seiten des Begriffs noch nicht vollendeter Idealismus ist.“¹³⁴ Zugleich deckt sich die Einheit des Bewusstseinsmit dem reinen Denken in der vollendeten Selbsterkenntnis,wie sie in dem zu untersuchenden Abschnitt geschildert wird, mit der in der Enzyklopädie dargelegten Entwicklungdes subjektivenGeistes zum Bewusstseinseiner geistigen Seinsweise. Ein solches Entwicklungsdenken geht einher mit Hegels (selbst ein wenig mystifizierender) Rede vom „Versinken der Seele in ihre Innerlichkeit“,¹³⁵ durch das sich „[d]er Geist […] zur Wahrheit der Seele und des Bewußtseins bestimmt“.¹³⁶ Im Folgenden wird Hegels intellektualistische Deutung der Mystik Plotins in einen inhaltlichen Zusammenhang mit dem Entwicklungsdenken der Enzyklopädie gebracht. Dabei wird sich zeigen, dass Hegel grundlegende Momente seines Systemdenkens in der zur Geistmetaphysik umgedeuteten plotinischen Einheitsmystik vorformuliert findet.Indiesem Zusammenhang stellt gerade die Darstellung einer durch die Selbstbewusstwerdung eingeleiteten Einung vonSeele und Geist nicht die Rückprojektion eines Philosophems Hegels in die Lehren Plotins dar, sondern eine genuine Einsicht in dessen spekulative Seelenlehre. Gerade hierin liegt der Hauptanknüpfungspunkt für eine vergleichende Zusammenschau der hegelschen und der plotinischen Psychologie. Hegel wendet die im Vorwurf der Schwärmerei gipfelnde aufklärerische Verstandeskritik an Plotin und am Neuplatonismus gleichsam wieder gegen ihre Urheber, indem er gerade Plotin und nicht seinen neuzeitlichen Kritikern Vernunfteinsichten in die wahre Verfasstheit des Geistes zubilligt: Werfreilich jede Erhebung des Geistes zum Unsinnlichen, jeden Glauben des Menschen an Tugend, Edles, Göttliches, Ewiges, alle religiösen Überzeugungen Schwärmerei nennt, der TWA , S.. Enz.³ § , Zus. – Die letzten beiden Zitate verweisen schon, unabhängig von Hegels Neuplatonikerdeutung, auf die genuin hegelsche Mystik. Hegel geht in seinen religionsgeschichtlichen Vorlesungen, ähnlich wie Meister Eckart,von dem er zumindest einschlägige Passagenaus den deutschen Predigtengekannt hat und zitiert (TWA ,S.), vomaristotelischen aktivenGeist aus. Diesen deuteterals eine Art Seelengrund, der sich in der Seele des Denkenden / Gläubigen selbst realisiert: „Es handeltsich eben um die bewußte Gegenwärtigkeit Gottes, Einheit mit Gott, die unio mystica, das Selbstgefühl Gottes“ (TWA , S.). Bezeichnenderweise bestimmt Hegel auch am Höhepunkt und Ende der Enzyklopädie die Selbsterkenntnisweise des absoluten Geistes als „Selbstgenuß“ (Enz.³ § ). – Zu Hegels Eckart-Rezeption vgl. Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, bes. S.– und – (mit Fußnoten). Enz.³ § .

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