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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 227 freilich wird auch die Neuplatoniker hierher rechnen dürfen […]. Nennen wir aber die Erhebung zuspekulativen Wahrheiten, welche den Kategorien des endlichen Verstandes widersprechen, Schwärmereien, nun, dann haben sich auch die Alexandriner derselben schuldig gemacht; aber mit demselben Recht wird auch die platonische und aristotelische Philosophie Schwärmerei sein. Denn Plotin spricht allerdingsvon der Erhebungdes Geistes in das Denken mit Begeisterung; oder vielmehr dies ist die eigentliche und platonische Begeisterung, sich zu erheben in die Sphäre der Bewegung des Gedankens.¹³⁷ Dem Neuplatonismus und besonders Plotin schreibt Hegel hier die Überwindung einer diskursiven Verstandesphilosophie zu,wobei sich das spekulative Denken der Neuplatoniker direkt aufdie Geistlehren vonPlatonund Aristoteles berufen kann.Das bedeutetet,dass gerade im Neuplatonismus die AufhebungeinerDenkweise erfolgt, die alsdiejenige einerbloß der AußenweltzugewandtenSeele bestimmt ist,die sich noch nicht in die „Bewegung des Gedankens“, also in das Sich-selbst-Denken des Geistes, erhoben hat. Die „Erhebungdes Geistes zum Unsinnlichen“ bezeichnet die Abwendung der Seele von den Erscheinungsformen der Außenwelt und die Hinwendungauf den Geist und somit aufden Grund der erfahrbaren Welt.Wie zu sehen war, geht diese Umkehr von der „Tugend“ aus, also von der Selbstbestimmung der Seele alsGeistseele, sodass sie überhaupterst auf „Edles,Göttliches,Ewiges“,mithin auf den Ideenkosmos, ausgreifen kann. Letztlich nimmt Hegel mit „Erhebung“ und „Begeisterung“ die neuplatonische Redeweise auf, die den Selbstüberstieg des menschlichen Geistes in der Hinwendung zum reinen Geist und schließlich zum Absoluten auszudrücken versucht. Hegel beschreibt hier also eine im Neuplatonismus des Plotin entfaltete und aufPlaton und Aristoteles zurückgehende spekulative Noologie, die den Aufstieg des Denkens der Seele in die Wahrheit der Intelligibilia zu ihrem Inhalt hat.Darin folgt er der Selbstdeutungder Neuplatoniker und deren Projekt,eine spekulative Seelenlehre innerhalb des größeren Zusammenhangseiner prinzipientheoretisch TWA , S.. –Vermutlich geht es Hegel andieser Stelle nicht nur um eine Widerlegung aufklärerischer philosophiehistorischer Lehrmeinungen über die vermeintlichen neuplatonischen Schwärmer. Eswird sich bei der zitierten Stelle auch um eine nicht weiter ausgeführte Invektive gegen Kant handeln: Hegel nimmt Plotins Ausgriff auf die „Wahrheiten, die sich den Kategorien des endlichen Verstandes widersprechen“ für sich in Anspruch und offenbart darin einen Überbietungsgestus, der sich gegen die kantische Auffassung von den Möglichkeiten der Erkenntnis richtet, die, wie Hegel ananderer Stelle sagt, dem „Menschenverstand plausibel ist“ und „ein Fund für den Menschenverstand ist“ (TWA ,S.f.).Während also Plotin (und damit auch Hegel) spekulativ zu den höchsten Wahrheiten der Philosophie vorstößt,verharrt Kant auf halbem Wege, indem er sich über das Instrumentarium des Verstandes und dessen Erkenntnismöglichkeitenvergewissert: „Das Erkennen wirdvorgestellt als ein Instrument, die Art und Weise, wie wir uns der Wahrheit bemächtigenwollen; ehe man also an die Wahrheit selbst gehen könnte, müsse man erst die Natur, die Art seines Instruments erkennen.“ (a.a.O., S.)

228 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre fundierten Geistlehre zu entfalten. Diese „eigentliche und platonische Begeisterung“ entspricht der von Hegel selbst im prozesshaften Eintritt des subjektiven Geistes in das reine Sich-selbst-Denken geschilderten Selbstbewusstwerdungder Seele. Erneutgeht es hier wörtlich um „Begeisterung“,nämlich die Geistwerdung des unentwickelten Geistes,der menschlichen Seele,die sich in der Angleichung an ihr Prinzip vollendet. Hegel verdeutlicht diesen Zusammenhang und sein besonderes Interesse an der seelischen Aufstiegsbewegung, indem er fortfährt: Gleich dies hat dem Plotin den Vorwurf der Schwärmerei zugezogen,wie er das Verhältnis des einzelnen Bewußtseins zur Erkenntnis des absoluten Wesens bestimmt oder beschreibt: daß die Seele, die sich von dem Körperlichen zurückziehe und alle Vorstellungenverliere außer der Vorstellung des reinen Wesens, sich der Gottheit nähere.¹³⁸ An dieser Stelle wird der von Hegel zu entkräftende Vorwurf gegen Plotin so formuliert, als richte ersich implizit auch gegen die hegelsche Geistmetaphysik: Die Rückzugsbewegung der Seele in ihr eigentliches Wesen und indie Einheit mit dem Geist bei Plotin entspricht in Hegels Deutung der eigenen Lehre vom subjektiven Geist, der sich über das Verstandesdenken und die Beziehung zur unmittelbar zugänglichen Außenwelt erhebt und indas Sich-selbst-Denken des reinen Geistes eintritt. Hegel schildert die Überwindung der Existenz der Seele und deren Ausgriff auf den Geist und auf das Eine in einer Weise, die ganz der Linie seiner eigenen spekulativen Seelenlehre entspricht. Erverteidigt folglich an dieser Stelle zugleich entscheidende Momente seiner Konzeption der sich selbst alsGeistdenkendenSeele. Die menschliche Seele trittbei Hegelmittelsder philosophischen Spekulation in die vollendete triadische Denkbewegung der reinen Subjektivität ein; sie wandelt sich also vom endlichen zum unendlichen Geist. Das menschliche Individuum als besondereSeele geht hierbei in die Allgemeinheit desGeistes über und beziehtsich auf das Absolute selbst. Hegel erkennt diese Bewegung auch bei Plotin wieder,wie aus den beiden zuletzt zitierten Passagen eindeutig hervorgeht. Auch wenn zu bedenken ist, dass Hegel und Plotin verschiedene Absolutheitskonzepte vertreten, so beschreibt doch der gerade zitierte Passustreffend das plotinische Denken, das nach der Vereinigung des „einzelnen Bewußtseins“ mit dem Einen in der „Erkenntnis des absoluten Wesens“ strebt.Genauso könnte diese Passage auch Hegels Philosophie des subjektiven Geistes kennzeichnen, die als spekulative Selbstbestimmungdes Individuums inder Allgemeinheit des Geistes und dem reinenDenken des Absoluten zu lesen ist.Genaudies ist gemeint,wenn Hegel der Seele bei Plotin attestiert, sie nähere sich der Gottheit: „Gottheit“ ist nicht nur ein Name, eine Umschreibung des absoluten und reinen Geistes, sie ist TWA , S..

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