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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 231 Dies,daß die Seele sich vomKörper zurückzieht, geschieht durch den reinen Gedanken; die Tätigkeit ist das Denken und ebenso der Gegenstand. Esist also ruhiges Verhalten ohne Aufwallung des Blutes, der Einbildungskraft.Und Ekstase ist ja nicht bloß Entzückung der Empfindung und Phantasie, sondern vielmehr ein Heraustreten aus dem Inhalt des sinnlichen Bewußtseins;esist reines Denken, das bei sich selbst ist, sich zum Gegenstand hat.¹⁴⁵ Der „reine Gedanke“ ist der Grund der seelischen Rückzugsbewegung und ihrer Selbstbestimmung, das heißt des auf die Intelligibilia gerichteten seelischen Denkens.Mit der Einheit von „Tätigkeit“ und „Gegenstand“ des Denkens verweist Hegel auf den triadischen Charakter der reinen Denkform, die von ihm als zentrales Moment der Bestimmung des Geistes bei Plotin erkannt wird. Hegel betont wiederum die für das Aufstiegsdenken wichtige Reinigung der Seele vonden nichtgeistigen Seelenteilen, die in letzter Konsequenz in die Ekstasis und die noetische Geist-Einheit führt. Die Seele wendet sich ab von der Außenwelt und sie richtet sich auf sich selbst inihrer höheren Seins- und Denkweise als Geist. Als Prinzip dieser Rückführungder Seele ist das „reine Denken“ laut Hegel selbstkonstitutiv, insofern als es die Seele als Moment des Geistes und als Ausdruck seiner zunehmenden Selbstbeziehungbegründet.Der absoluteGeist ist die Zielursache der seelischenAufstiegsbewegungund hält sich so in allen Entwicklungsschritten des seelischen Denkens durch. ImAufstieg zu der ihrem eigenen Denken zugrundeliegenden Denkform des reinen Geistes verliert die Seele ihren vorläufigen Charakter; Selbstbeziehung ist hier Selbstverwirklichung, das heißt eine Angleichung an das intelligible Urbild. Am Ende ist die Seele „ganz bei sich selbst“, sie ist Selbstdenkende und sie selbst Seiende in ausgezeichneter Weise. Die vorläufigen Denkformen der Seele („Einbildungskraft“, „Phantasie“, „sinnliches Bewußtsein“) werden zurückgelassen oder in der höheren Seins- und Denkweise des reinen Geistes aufgehoben. Wie inden letzten Abschnitten gezeigt wurde, hat Hegel Plotins Mystik und Ekstatik einer Umdeutung unterzogen, die dessen Aufstiegsdenken in eine unübersehbare Nähe zur Selbstvergewisserung und zunehmenden Selbstangleichung des subjektiven Geistes rückt. Durch die Überbetonung der noologischen Grundlegung der Entwicklung der Seele und das Ausblenden der henologischen Dimension von Plotins spekulativer Metaphysik gelangt Hegel zueiner Deutung der plotinischenMystik, die die höchste Form der Einheitserfahrung der Seele als Vernunfteinheitklassifiziert,das heißt als Selbsterkenntnis der Seele,die sich als reines Denken begreift. Dafür Hegel und laut Hegel auch für Plotin das Absolute der reine Geist ist, erscheint die Deutung der plotinischen Einheitserfahrung als der Eintritt des vorläufigen Denkens in das reine Denken des absoluten Geistes TWA , S.f.

232 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre und in das reine Sein als erste Intellektualbestimmung. Der ekstatische Abschluss der noetischen Aufstiegsbewegung des Plotin wird somit zur Vollendung und „Vereinfachung“ der Seele uminterpretiert,die in ihrer Denkentwicklungzustets einfacheren, das heißt grundlegenderen, Bestimmungen des Geistes vorstößt. Im Gegensatz zu dieser Interpretation transzendiert das Denken sich in der Ekstasis laut Plotin jedoch selbst¹⁴⁶ und stößtgerade nicht zu seinem eigentlichen Sein vor. Die „selige Ruhe“ des Geistes besteht bei Plotin also vielmehr darin, dass in der Einheit mit dem Absoluten die Intellektualbewegung des Ideendenkens selbst überwundenwird. Im Gegensatz zu Hegels Deutung kommt es bei Plotin also nicht zur Vollendung der Dialektik, sondern zu deren Selbstaufhebung.¹⁴⁷ Dass die Prinzipiierung des Seins durch das Übersein der jenseits aller Vernunft liegenden transzendenten Einen die spekulative Geist- und Seelenlehre Plotins kennzeichnet,wird von Hegel ausgeblendet und auch eine kritische Distanz zum von Plotin geschilderten Verhältnis zwischen Seele und Geist nicht eingehalten. Dieses Verhältnis scheint in Hegels Deutung offenkundig dem eigenen Modell der Selbstthematisierung der Seele in der voranschreitenden Geisterkenntnis zuentsprechen. Hegel übersieht, dass in der mystischen Einheit bei Plotin gerade nicht die Vernunfterkenntnis und die Einheit mit dem reinen Geist durch das menschliche Denken erreicht werden.Vielmehrist die Ekstasis bei Plotin über-, das heißt nicht-vernünftig:Das reine Sein und das Denken des Geistes werden in der transzendierenden Bewegung zum Absoluten zurückgelassen.¹⁴⁸ Die Einheit mit dem jenseitigen Prinzip übertrifft im plotinischen Systemdenken mithin jede reine Geist- und Vernunfteinheit. Hegel argumentiert durchaus in Plotins Sinne, wenn er die Verstandesmetaphysik der neuzeitlich-aufklärerischen Kritiker Plotins aushebelt,auch wenn er das plotinische Intellektualsystem dabei vor allem an die eigene Geistmetaphysik annähert. Der Aspekt des zugleich außerhalb der Geistlehre stehenden und diese begründenden Absoluten wird jedoch vonHegel nicht berücksichtigt und somit bleibt auch der eigentliche Grund für die Selbsterhebung der Seele unbeachtet. Ganz im Sinne dieser überbetont noologischen Sichtweise deutet Hegel auch Plotins frühestes Selbstzeugnis zur Vereinigung mit dem Göttlichen¹⁴⁹ wenigerals die Schilderung einer mystischen Einheitserfahrung denn als das Erlebnis eines vollendet geläuterten Seelenzustands. Allein in diesem könnten Vernunfteinsichten in höhere Wahrheiten erfolgen: Vgl. Enn. VI , , : ἔκστασις καὶ ἅπλωσις καὶ ἐπίδοσις αὑτοῦ. Vgl. Enn. VI ,,f. Vgl. etwa Enn. VI ,f. Vgl. Enn. IV ,, – .

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