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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 235 ontologischen Abhängigkeit vom Geist bestimmt.¹⁵⁴ In den Entwicklungsschritten und einander folgenden Momenten des seelischen Sich-selbst-Denkens, also der Aufstiegsbewegung des endlichen Geistes,ist der absolute Geistdoch immer präsent. Umgekehrt sind die Schritte seiner Entwicklung wiederum konstitutiv für den Fortgang des Denkens und die Rückkehr des Geistes in sich selbst. Hegel benötigt kein dem Geist transzendentes Prinzip und während die Seele im reinen Denken des absoluten Geistes gründet, auf den hin ihr Denken sich entwickelt und den sie letztlich alsihr eigenes Wesen erkennt und denkt, konstituiertsich der Geistdurch die auf sich selbst bezogene voranschreitende Geisterkenntnis. Die Grundlage dieser Bewegung ist die aufihreInnerlichkeit ausgerichteteSeele.Wenn deren Besonderung durchdie Rückkehrindas Allgemeineaufgehoben wirdund das einzelne Denken in den Geist,inGott undindas reineSein eintritt,sokann auch Hegelselbst in mystische Metaphern verfallen und enthusiastisch diese Vernunfteinheit als abschließende Selbsterkenntnis der Seele feiern. Doch steckt dahinter stets der Übergang indie Triadik der Einheit von Denken, Denkendem und Gedachtem und somit die noologische Grundfigur, die Hegel bei Plotin besonders im Übergang von der Seins- und Denkweise der Seele in diejenige des reinen Geistes wiedererkennt. Hegels Plotin- Deutungtrifft also gerade in der fürHegel selbst wichtigstenHinsichtins Schwarze: Die intellektuelle Bewegung des Denkens zu sich selbst, das heißt zuder sie begründenden Geisteinheit, und somit der durch die Seelenspitze vermittelte Ausgriff der Seele auf den noetischen Ideenkosmos,wirdvon Hegel zutreffend gedeutet. Hegel bringt den Schwärmerei-Vorwurf am Ende in einem für den Zusammenhang der plotinischen Seelenlehre zentralen Satz auf den Punkt und hebt dabei zugleich die besondere Bedeutung hervor, die die plotinische Noologie für sein eigenes Denken besitzt: „Dies ist es, warum Plotin Schwärmer ist, daß er diesen Gedanken hatte, daß das Wesen Gottes das Denken selbst und gegenwärtig im Denken ist.“¹⁵⁵ Hegels Gott ist reines Denken und reiner Geist in seiner vollkommenen Triadik.Dieser Gott hält sich auch in den unvollkommenen Weisen des Denkens durch. Als Prinzip und Ziel ist er die Grundlage aller Seelenakte; alles Vgl. hierzu Halfwassen: „Plotin und Hegelüber Selbsterkenntnis und Denken seiner selbst“, in: Arndt u.a.(Hg.): Hegel-Jahrbuch : Geist?, S.: „Zugleich zeigen die Unterschiede, […] daß Hegels Begreifen des Geistes auch über Plotin hinausgeht: die Einbeziehungder Diskursivität des Denkens und die Einbeziehung der Geschichtlichkeit des Geistes in die Selbsterkenntnis des absoluten Geistes sind unbestreitbare Vorzüge, denn sie beziehen Dimensionen ein, die auch schon Plotin als Manifestationen des Geistes begriffen hat: diskursiv denkende Seele, Natur und Geschichte sind für Plotin Entäußerungen des Nus, in denen dieser sich sucht, aber ohne sich wahrhaft zu finden. Hegel begreift sie als Stufen zum erfüllten Sich-Wissen des Geistes, die in diesem aufbewahrt sind. In dieser Perspektive erscheint Plotins Nusmetaphysik als eine bei aller Genialität noch vorläufige Vorgestalt der Hegelʼschen Metaphysik.“ TWA , S..

236 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Denken, das sich aufetwas Bestimmtes richtet,bezieht sich ultimativauch aufihn. Hegel verleiht seiner Bemerkung eine zusätzliche subjektivitätstheoretische Dimension, indem er bestimmt, „daß das absolute Wesen im Denken des Selbstbewußtseins gegenwärtig und darin als Wesen ist oder das Denken selbst das Göttliche ist.“¹⁵⁶ Die absolute Subjektivität ist für die endliche Subjektivität des einzelnen seelischen Selbstbewusstseins konstitutiv. Somit löst Hegel die Gotteserfahrung und Gotteserkenntnis aus dem speziellen Zusammenhang der ekstatischen Überwindung der seelischen Denkweise heraus und legt die Göttlichkeit in die Seele als Grund all ihrer Akte und aller Erscheinungsformen ihres Denkens.Wie in der hegelschenPhilosophie des subjektivenGeistesgehe es in der Metaphysik Plotins laut Hegel somit um die Überwindung des vereinzelten Bewusstseins imDenken seiner selbst als des Geistes. Das reine Denken des Geistes und die konkrete Allgemeinheit der intellektuellen Bestimmungen liegen bei Plotin wie bei Hegel der vereinzelten Besonderheit des seelischen Individuums und dessen diskursiver Denktätigkeit zugrunde. Die Seele erhebt sich in ihr Prinzip durch das sich zunehmend selbst thematischwerdende Denken und die philosophische Spekulation.¹⁵⁷ Das Denken der Seele ist als Eintritt indie Selbstbeziehung des Geistes immer schon momenthaft und vorläufig dieser selbst. Die Bezugnahme auf den absoluten Grund des Denkens,wie Hegelden seelischen Einheitsbezugbei Plotin versteht und den er mit Rückkehr- und Rückzugsmetaphern schildert, müsse von allen Vorstellungen einer mystisch-schwärmerischen und unmittelbaren Gotteserfahrung befreit werden, sodass die Selbstthematisierung des Geistes ganz als reiner Denkakt zu begreifen ist: „Daß aber nichts Schwärmerisches in dieser Vereinfachung des Selbstbewußtseins ist, zeigt sich sogleich darin, daß eben dieses unmittelbare Wissen von Gott ein Denken und Begreifen desselben ist, nicht ein leeres Fühlen oder,was ebenso leer ist, ein Anschauen.“¹⁵⁸ Hegel wendet sich hier gegen eine TWA , S.. Vgl. TWA , S.f.: „Diejenigen, die überzeugt sind, daß das absolute Wesen im Denken nicht das Denken selbst ist,sprechen immer davon, daß Gott ein Jenseits des Bewußtseins sei und das Denken seiner der Begriff von ihm, dessen Existenz oder Wirklichkeit aber noch ein ganz anderes Ding sei […]. Jenseits des Denkens ist er nur die Wirklichkeit,Natur;aber eben diese kehrt selbst ins Wesen zurück, oder die Einzelheit des Bewußtseins wird überwunden.“ TWA ,S.f. – Die Stelle richtet sich wohl implizit gegenJacobi und dessen Theorie des Erkennens. Jacobis „Fühlen“ des eigenen Daseins, Gottes usw. wird von Hegel verächtlich als philosophisch „leer“ betrachtet. Dem plotinischen Denken kommt – wie dem hegelschen – ein wahrhaftes „Denken und Begreifen“ zu, das sich von Jacobis abstrahierender Verstandesphilosophie absetzt.Vgl. etwa die vonHegel (TWA ,S.f.) zitierteStelle ausden Briefen über die Lehre des Spinoza (Beilage VII, S. –, und Anmerkung [Abt. , S.–]), wo Jacobi besonders deutlich „Begriff“ und „Gefühl“ gegeneinanderausspielt: „So begreifen wir z.B. einen

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