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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 239 Etwas irreführend etikettiertHegel diesenSelbstausgriff des Denkens aufsich als aufden Geist als das Ziel und den Höhepunkt der plotinischenMetaphysik. Die „Vereinfachung des Selbstbewußtseins“¹⁶³ in der spekulativen Seelenlehre Plotins, die zuvor bereits als die „Vereinfachung der Seele“¹⁶⁴ zur Sprache gekommen ist, bezeichnet bei Plotin nicht die Vollendung der Aufstiegsbewegung des Denkens, sondern die notwendige Bedingung für die Selbsttranszendenz des Denkenden in der Einheit mit dem absoluten Einen. Tatsächlich bringt Hegels Schilderung der mystischen Einheitserfahrung janicht die eigentliche ἕνωσις im Sinne Plotins zum Ausdruck.¹⁶⁵ Hegel greift hier zwar die plotinische Terminologie auf,wenn er die in der Ekstasis mündendeAufstiegsbewegungals „Zurückführung der Seele […]zur Anschauungdes Einen“ und „Hinführung […]zur intellektuellen Betrachtung des Ewigen und Einen“ bezeichnet. Durch seine an dieser Stelle offenkundige Intellektualisierung der Metaphysik Plotins,welche ihren Abschluss und Höhepunkt in der vollendeten Selbstbeziehung des Denkens finde, gelangt Hegel aber zu einer Gesamtbewertung Plotins, die nicht dessenNoologie vordem Horizont der Henologie würdigt, sondern Hegels eigenen Entwicklungsgedanken auf die Aufstiegsbewegung der plotinischen Seele überträgt. Hegels Umdeutung und Ent-Transzendentisierung des plotinischen Einen muss hier folglich inRechnung gestellt und die angesprochene „Vereinfachung“ auf das seiende Eine des reinen Geistes bezogen werden. Dann lässt sich Hegels Schilderungder Einheitvon Denken und Geist als Ausdruckeiner auch bei Plotin erkannten Vergeistigung des Selbstbewusstseins lesen und somit – wie es sich für Hegel darstellt – als Beschreibung der Selbsthematisierung des subjektiven Geistes und seiner Entwicklungzusich selbst.Hegel entdeckt wie gesagt bei Plotin ein „unmittelbare[s] Wissen von Gott“. Dieses ist jedoch nicht unmittelbar in der entwicklungsgeschichtlich ursprünglichen, natürlichen Weise. Vielmehr geht es hier um die noetische Unmittelbarkeit, also umdas Eins-Sein mit der konkreten Totalität des Geistes. Das Wissen von Gott ist „ein Denken und Begreifen desselben“,¹⁶⁶ wobei in dieser Formulierung wiederum Hegels Entwicklungsgedanke TWA , S.. TWA , S.. Diese besteht ja im Transzendieren des Denkenden selbst und nicht in seiner vollendeten Selbstbeziehung. Vgl. dazu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.f.: „Das Ziel der MetaphysikPlotins und des in ihr vollzogenen Transzendierens ist die ekstatische Schau des überseienden Einen selbst, inder der Schauende aus sich selbst und aus allem Sein heraustritt,sodaß sich das Transzendieren durch die Selbsttranszendierungdes Transzendierenden, die Plotin ἔκστασις nennt – in der alles Denken übersteigenden Einswerdung mit dem absolut transzendenten Absolutenvollendet,inder auch die Zweiheit vonSchauendem und Geschautem in der absoluten Einheit aufgehoben ist.“ TWA , S..

240 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre mitschwingen mag. Entscheidend ist jedoch, dass diese Ehrenrettung der „Idee der plotinischen Philosophie“, das heißt des von Hegel emphatisch rezipierten plotinischen „Intellektualismus“,¹⁶⁷ ganz richtig den Ausgriff des menschlichen Denkens, mithin der plotinischen Geistseele, auf Gott und somit auf ihren ontologischen Grund bezeichnet. Diese Bewegung wird von Hegel vollkommen zutreffend als philosophischer Akt der Selbsterhebung des Denkens zu seiner ursprünglichen Bestimmtheit beschrieben. Wie gezeigt wurde, liefert Hegel abseits aller Umdeutungen und Annäherungen an das eigene Systemdenken eine Bestimmung der plotinischen Geistlehre, die gerade im Hinblick aufdie Entwicklung des Denkens zum reinen Geistund Ideenwissen voneinemtiefen Verständnis für Plotin zeugt und entscheidende Aspekte der Entwicklung der Seele zur Geisteinheit klar hervorhebt. Ererkennt den noetischen Charakter der Seele, deren Denken darin gründet,dass sie selbstin ihrem innersten Wesen reiner Geist ist, und dass sie nach verschiedenen Entwicklungsschritten ein Wissen vonsich selbstals Geist erreicht und in eine höhere Seins- und Denkweise gelangt. Katharsis und Tugend sind Momente dieser prozesshaften Selbstangleichung und Selbstverwirklichung, die im reinen Selbstwissen gründet und in dieses am Ende auch zurückkehrt. Indem Hegel die plotinische Mystik auf die Ideenschau und Geisteinheit der Seele hin umdeutet, blendet er zwar den zweiten und entscheidenden Transzendenzschritt des Denkens über das Denken hinaus aus, schildert aber den Aufstieg der Seele in den Geist durchaus zutreffend. Die Mystik wird ersetzt durch eine Dialektik der zunehmenden Selbstvergewisserung und Selbsterkenntnis des menschlichen Geistes, der am Ende im absoluten Geist als seinem Prinzip aufgeht und in dessen triadisches Denken eintritt. Auch wenn für Hegelmit der Vernunfteinheit die Entwicklungdes Geistes bei Plotin abgeschlossen ist und er nicht weiter nach der systembeherrschenden Bedeutung des jenseitigen Einen fragt, sokann diese Einengung von Plotins spekulativer Metaphysik auf ein entwicklungsgeschichtliches Intellektualsystem nicht die grundlegende Einsicht Hegels in ein dem eigenen verwandtes Denken verdecken: VonPlotin und auch von Hegel wird die Beziehung des Besonderen zum Allgemeinen, das heißt des vereinzeltenDenkens der der Welt ausgelieferten und ihr unmittelbar gegenüberstehenden menschlichen Seele zum reinen Geist und zum noetischen Ideenwissen, in einer spekulativenPsychologie entfaltet,die ein integraler Bestandteil einer durch die intellektuelle Aufstiegsbewegung gekennzeichneten Noologie ist. Die Rückkehr der Seele in den Geist wird von Hegel als zentrales Moment der Geistlehre Plotins herausgearbeitet und so stark betont, TWA , S..

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