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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 241 dass die Aspekte der Henologie und der negativen Theologie entweder zu wenig beachtet oder gar im Sinne dieser auf den Entwicklungsgang der Seele fixierten Geistlehre umgedeutet werden. Diese Betonung der Erhebung der menschlichen Seele in den Geist und in Gott findet ihre Entsprechung in Hegels enwicklungsgeschichtlichem Systemdenken, wie es in den entscheidenden Paragraphen der Enzyklopädie zum Ausdruck gebracht wird. Vor dem Hintergrund der hier deutlich gewordenen Umdeutung der plotinischen Mystik erscheint esklar, dass in Hegels Darstellung durch die Rückzugsbewegung des Denkens in sein innerstes Selbst nicht etwa in einer Art Selbstreinigung die Grundlagefür den abschließenden Überstiegüberdas Denken und die Erfahrung der Einheit mit dem jenseitigen und transzendenten Einen geschaffen wird.Vielmehr stelltdiese RückführunginHegels Interpretation die als entwicklungsgeschichtlichen Prozess verstandene Konstitution einer absoluten Geisteinheit dar. Dies ist ein genuin hegelsches Philosophem. Die Aufstiegsbewegungder Seele bei Plotin wird hier alsovon Hegel bewusst so akzentuiert,dass die Selbstannäherung und Selbstthematisierung des Geistes in den Fokusgerückt wird. Dadurch bringt Hegel zum Ausdruck, dass es auch Plotin darum gehe, das Denken zum Denken selbst zurückzuführen und damit auf sich selbst als einfachen und einheitlichen Denkgegenstand zu beziehen. Man könntealsosagen, dass die Seele in der Schau des Geistes ihre eigene Seinsweise überhaupt erst verwirkliche; laut Hegel wird sie jedenfalls bei Plotin in der Weise vereinfacht, dass sie sich am Ende ihres Aufstiegs in die indifferente Einheit mit ihrem Seins- und Denkgrund begibt. Dieser Denkgrund ist im Sinne Hegels das reine selbstbezügliche Denken, der absolute Geist als Grundlage jeder Seelenaktivität. Diese Übertragung der hegelschen Selbsterhebung des Denkens auf Plotin motiviert wohl die zahlreichen Rückkehr- und Innerlichkeitsmetaphern, die Hegels Neuplatonismusdeutung¹⁶⁸ ebenso wie die eigene Philosophie des subjektiven Geistes¹⁶⁹ kennzeichnen. Die sublimeBestimmung der plotinischen Geistseele, und der Nachdruck, mit dem Hegel auf die Göttlichkeit der Seele bei Plotin hinweist, legen dabei nahe, dass er seine Plotin-Deutung vor dem Hintergrund der Konzeption der Entwicklungsgeschichte des subjektiven Geistes entfaltet. In Hegels Verständnis entspricht das Geistdenken der Seele bei Plotin dem Aufstieg des endlichen Geistes in Vgl. TWA ,S.,woals Grundmoment des neuplatonischen Denkens bestimmt wird, „in den Geist sich zurückzuziehen“ und „sich in sich selbst zurückzuziehen“. Diese Bewegung bedeutet zugleich die „Rückkehr zu Gott“. Die Innerlichkeitsmetaphorik wird weitergeführt,wenn nur einige Absätze später die Erkenntnis des absoluten Wesens als „innere Anschauung“ beschrieben wird (S. ). Vgl. etwa Enz.³ § : „Rückkehr aus der Welt der Bestimmtheiten“.

242 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre das Absoluteals Hauptbewegung des Subjektiven. Diese Interpretation kann etwa an der bereits zitiertenStelle festgemacht werden, an der Hegel bestimmt,dassdie Annäherung der Seele an die Gottheit bei Plotin „die Erhebung zu spekulativen Wahrheiten, welche den Kategorien des endlichen Verstandeswidersprechen“ sei und damit die „Erhebung des Geistes indas Denken“, von dem Plotin „mit Begeisterung“ spreche. Denn darin bestehe „die eigentliche und platonische Begeisterung, sich zu erheben in die Sphäre der Bewegung des Gedankens.“¹⁷⁰ Da das reine triadische Sich-selbst-Denken die höchste Bestimmung des Geistes bei Hegel ausmacht, ist klar,dass hier eine sich intensivierende Selbstbeziehung des menschlichen Denkens als Bestimmung der aufden Geist ausgerichteten Aktivität der Seele gemeint ist. Folglich geht es laut Hegel auch in der plotinischen Seelenlehre um nichts anderes als um die Entwicklung des subjektiven Geistes zum reinen Denken. In Hegels Terminologie kann auch dies als Rückkehr des Geistes in sich selbst beschrieben werden. Es ist daher offenkundig, dass die angesprochene plotinische „Begeisterung“ hier auch von Hegel geteilt wird, der innerhalb der Philosophie des subjektiven Geistesebenfalls den spekulativen Selbstüberstieg der Seele und damit ihren Übergangindie intellektuelle Selbsterkenntnis zu dem zentralen Moment der Aufstiegsbewegung des subjektiven Geistes erklärt hat.¹⁷¹ Hegel wertet die Bewegung, „daß die Seele […]sich der Gottheit nähere“¹⁷² im Gegensatz zur neuzeitlichen Plotin-Kritik also nicht als schwärmerische Vergottung des Ich, sondern als klaren Ausdruck einer der eigenen Vorstellung von der sich im Geist verwirklichenden und zugleich überwindenden Seele verwandten philosophischen Position. Er kann Plotin mithin ruhigen Gewissens für den eigenen StandpunktimHinblick aufden Entwicklungsgang des subjektiven Geistes vereinnahmen. Dies geschieht am Ende seiner Verteidigung gegen den Schwärmereivorwurf mit einem Nachdruck, der in Hegels Neuplatonismusrezeption ansonsten nur der proklischen Triadik und Dialektik zukommt. Deshalb kann hier noch einmal betont werden, dass Hegels Beurteilung der plotinischen Seelenlehre oder vielmehr vonPlotins Schilderung des Aufstiegs des menschlichen Denkens in den reinen Geist im Bewusstsein einer systematischen Übereinstimmung mit entscheidenden Philosophemen aus der Philosophie des subjektiven Geistes erfolgt. Freilich gründet diese ähnliche Konzeption des Verhältnisses zwischen Geist und geisthafter Seele auf zwei einander ausschließenden metaphysischen Absolutheitsmodellen: nämlich einerseits auf der henologischen Transzendenzmetaphysik Plotins und andererseits auf dem gegenüber TWA , S.. Vgl. etwa Enz.³ § ; Enz.³ § , Zus.; Enz.³ § , Zus. TWA ,S..Hegel bezieht sich hier wohl auf Enn.VI ,,– und –. Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.f.

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