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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 249 auf sich“.¹⁹⁷Fast scheint es, als setze Hegel hier bedeutsame Momente des Entwicklungsgangs des subjektivenGeistes voraus,wenn er den Aufstieg der Seele zu Gott bei Plotin schildert – denn die Entwicklungdes Subjektivenkann ja auch bei Hegel als Aufstieg des menschlichen Geistes von seiner vorläufigen Existenz in natürlicher Bestimmtheit, also der „reale[n] Existenzdes Geistes, zur Existenz Gottes „als reines Wesen“ betrachtet werden. Vordem Hintergrund dieser Übertragung des Entwicklungsdenkens aus der Philosophie des subjektiven Geistes ist auch die Überwindung der Vereinzelung bei Plotin zu verstehen. Hegel schildert diese als Rückkehrbewegung des Geistes zu sich selbst, ausgehend von seiner natürlichen Bestimmtheit: „Als einzelnes Wirkliches ist [Gott] die Natur. Jenseits des Denkens ist er nur die Wirklichkeit; Natur; aber eben diese kehrt selbst ins Wesen zurück, oder die Einzelheit des Bewußtseins wird überwunden.“¹⁹⁸ Dass Gott laut Hegel bei Plotin in seiner Vereinzelung als natürliche Bestimmtheit vorgestellt wird, für die er selbst als reines Denken ein Jenseitiges ist, spiegelt ein Moment der enzyklopädischen Entwicklungsgeschichtedes Geistes wider: Die Entgegensetzung des vereinzelten und besonderenGeistes in seiner natürlichenBestimmtheit – das heißt der Seele – auf der einen und der allgemeinen und jede Vereinzelung hinter sich lassenden Struktur des Geistes aufder anderen Seite. Hegelprovoziert an dieserStelle seiner Plotin-Deutung also – freilich ohne dies genauer auszuführen – den Gedanken der Selbstüberwindung der individuell-seelischen Bestimmtheit in der höheren Seinsweise des sich selbst begreifenden Geistes. Aus seiner Besonderung in der leiblichen Existenz der natürlichen Seele muss der Geist bei Hegel zu sich selbst zurückkehren, er muss sich im Durchgangdurch seine vorläufige Bestimmungen im Bereich des Natürlichen und des Seelischen aktualisieren. Durch den Verweis auf die systematischen Voraussetzungen dieser Ausführungen zu Plotin kann deutlich gemacht werden, dass hier neben der historischen Interpretation auch eine systematischeDarstellungsart durchscheint,welcher der enzyklopädische subjektive Geist zugrundeliegt. Somit können Hegels Ausführungen hier als systematische Selbstdeutung verstanden werden. Natürlich bedingt an dieser wie an vielen anderen Stellen Hegels entwickelter philosophischer Standpunkt seine Terminologie bei der Beschreibung der plotinischen Lehre von der Geistseele. Dennoch bedeutet diese Übereinstimmung gerade an einer solch entscheidenden Systemstelle eine bewusste Aneignung und damit auch Affir- Vgl. Enz.³ § : „Die Seele, die ihr Sein sich entgegensetzt,esaufgehoben und als das ihrige bestimmt hat,hat die Bedeutungder Seele,der Unmittelbarkeit des Geistes verloren. Die wirkliche Seele ist […] unendliche Beziehung auf sich. Dies Fürsichsein der freien Allgemeinheit ist das höhere Erwachen der Seele zum Ich, der abstrakten Allgemeinheit […].“ TWA , S..

250 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre mation des philosophischen Standpunkts des neuplatonischen Vorgängers – unabhängig davon, dass eine natürliche Vereinzelung Gottes in der Welt der plotinischen Philosophie eigentlich äußerst fremd ist. Indem er die Seins- und Denktranszendenz der absoluten Einheitserfahrung ausspart, gelangt Hegel zu einer Plotin-Deutung im Sinne des eigenen Entwicklungsschemas des enzyklopädischen subjektiven Geistes. Erkann sogar einzelne Momenteseiner Philosophie des subjektiven Geistes – wieetwa die Überwindung des natürlichen Bewusstseins – bei Plotin aufzeigen. Nachdem nun die systematischen Voraussetzungen für diese Umdeutung aufgezeigt worden sind, die zugleich eine Aneignung Plotins darstellt, soll im Folgenden diese Übertragung entscheidender Philosopheme Hegels anhand seiner Ausführungen zur plotinischen νοῦς-Hypostase weitergeführt werden. Hegel stellt die νόησις νοήσεως, die er sehr richtig als zentrales Theorem bei Plotin erkennt,inder Form einerknappen ParaphrasewichtigerGesichtspunktevon Enn.V3,5 dar: „Er unterscheidet im νοῦς das Denken(νοῦς), dasGedachte(νοητόν) und den Gedanken (νόησις), so daß der νοῦς Eins und zugleich Alles ist; die νόησις ist aber die Einheit der Unterschiedenen.“¹⁹⁹ Mit dieser triadischen Struktur der reinen geistigen Selbstbeziehung muss laut Hegel derjenige Denkmodus identifiziert werden, der in der plotinischen ἔκστασις erreichtwird. Indemdas absolute Eineals das Jenseitige schlechthin ausgespartbleibt,wirdder Höhepunktder Metaphysik Plotins in diesemvollendeten Selbstdenken des Geistes bestimmt. Die Umdeutungder plotinischen Mystik legt dabeifür den Hegel-Interpretensystematisch nahe, dass Hegel auch die Aufstiegsbewegung der Seele ganz auf diese ekstatische Vereinigung des Denkens mit dem reinen Geist ausgerichtet betrachtet. Diese Vereinigung könnte dann – auf der Grundlage der reinen Selbstidentität des Geistes inseinen drei geeinten Momenten – als voranschreitende Selbstidentifizierungder Seelebeschrieben werden, die im vollendeten Ausgriff auf ihr eigentliches Selbst gipfelt. Hegels Ausführungen zur Erhebung der Seele bei Plotin bekräftigen diesen Schluss: Das seelische Denken, das sich selbst zum Gegenstand hat, indem es sein sinnliches Bewusstsein überwindet,²⁰⁰ wird inder Einheit von Denktätigkeit, Denkendem und Gedachtem vollendet. Dass diese Interpretation, die das Entwicklungsmotiv der Philosophie des subjektiven Geistes auf den Aufstieg des Denkens bei Plotin überträgt, tatsächlich Teil der hegelschen Plotin-Deutung ist, kann direkt im Anschluss belegt werden. In verknappter Form bestimmt Hegel die Beziehung des einzelnen TWA ,S..Vgl. hierzu Enn.V ,,–: ἓν ἅμα πάντα ἔσται, νοῦς, νόησις, τὸνοητόν. εἰ οὖν ἡ νόησις αὐτοῦ τὸ νοητόν, τὸ δὲ νοητὸν αὐτός,αὐτὸςἄρα ἑαυτὸν νοήσει· νοήσει γὰρ τῇ νοήσει, ὅ περἦν αὐτός,καὶ νοήσει τὸν οητόν, ὅπερ ἦν αὐτός.καθ’ ἑκάτερον ἄρα ἑαυτὸν νοήσει, καθότι καὶ ἡνόησις αὐτὸς ἦν, καὶ καθότι τὸ νοητὸν αὐτός,ὅπερ ἐνόει τῇ νοήσει, ὃἦναὐτός. Vgl. TWA , S.f.

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