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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 251 Denkens zumreinenGeist alsdas einer Aufstiegsbewegung und Selbsterhebung des Subjektiven: „Gedanke“ ist nicht so Einheit, mehr Produkt; doch auch der Gedanke schwingt sich auf zu Gott, – der Gedanke, d. i. das Subjekt.Der Unterschied des Denkens gegeneinen äußerlichen Gott fällthinweg;deswegen klagtman die Neuplatonikerder Schwärmerei an, und sie selbst bringen dabei wunderliche Dinge vor.²⁰¹ Indem Hegel hier außerhalb des Kontexts seiner Auseinandersetzung mit der Mystik Plotins erneut aufden Schwärmereivorwurf zu sprechen kommt und damit auf seine Aufhebung dieses Vorwurfs und seine systematische Rechtfertigung Plotins rekurriert, wird deutlich zum Ausdruck gebracht, unter welchen systematischenPrämissender Aufstieg des Denkens bei Plotin zu schildern sei. Das Ziel der Bewegung des „Subjekt[s]“ besteht in der von Hegel intellektualisierten plotinischen Ekstasis und damit in der abschließenden Einung des Denkens mit sich. Hegels Umdeutung der plotinischen Transzendenzmetaphysik zu einem das eigene Denken unvollendet vorwegnehmenden Intellektualismus bildet also das Muster,nach dem auch der Aufstieg der Seele gedeutet wird: Diese überwindet die Selbstunterscheidung des Subjektiven von seinem ontologischen Grund – den „Unterschied des Denkens gegen einen äußerlichen Gott“ –und findet in sich selbst ihre höhere geistigeBestimmung vor. Dies Sich-Aufschwingen zu Gottist ein treffendes Bild für die Art und Weise der seelischen Aufstiegsbewegung: Auf der Grundlage seines eigenen Vermögens und der geistigen Potenz seiner Denktätigkeit und durch die bewusste Ausrichtung auf den Denkgrund erhebt sich das Subjektive zum reinen Geist.Die Aufhebung der geistigen Bestimmungen als bloß äußerlicher bedeutet dabei eine Verinnerlichung der denkenden Aktivität des Subjektiven. Diese Ausrichtung der Seele aufihr innerstes Sein ist zunächstnoch ganz plotinisch; eine hegelsche Wendungerhält diese Bewegungjedoch dadurch, dass sie als die Bewegung des Geistesschlechthin beschrieben wird und in der von Hegel als vermeintlichen Höhepunkt der plotinischen Philosophie gedeuteten νόησις νοήσεως gipfelt. Die Ent-Transzendentisierung der plotinischen Noologie und die Ausrichtung der Aufstiegsbewegung aufdie triadische Geist-Einheit wirft das Denken gegenüber Plotin quasi auf sich selbst zurück und verabsolutiert zugleich diese Selbstbeziehung des Geistes. Dadurch dass Hegel in der zitierten Passage die νόησις als den „Gedanken“ mit dem „Subjekt“ identifiziert,gibtereinen deutlichen Hinweis darauf, dass die Vollzugsform des Denkens hier eine genuin hegelsche Akzentsetzung erfährt: Der Satz „[D]er Gedanke schwingt sich auf zuGott“ setzt eine ursprüngliche Unter- TWA , S..

252 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre scheidungvoraus, die erst im als reinenGedankenvorgestellten Gott überwunden wird. Es geht also um die Selbstbeziehung der νόησις, oder nach Hegels Gleichsetzung von νόησις und Subjekt, um den Aufstieg des Subjektivenindie absolute Subjektivität, die jede Unterscheidung des Denkens von seinem Inhalt aufhebt. Hegels Schilderung der plotinischen νόησις νοήσεως erhält somit eine subjektivitätstheoretische Wendung, die als solche schon auf die Philosophie des subjektiven Geistes verweist und damit auf die Selbsthematisierung und sich intensivierende Selbstbeziehung des individuellen Denkens. Die hier skizzierte Ausrichtung des Subjektiven auf den reinen geistigen Selbstvollzug des νοῦς lässt sich in Hegels systematische Deutung der plotinischen νοῦς-Hypostase einordnen. Hegel bestimmt deren Denkbewegung als Rückkehrbewegung: „Der νοῦς ist das Sich-selbst-Finden seiner selbst“,²⁰² oder mit Bezug auf Enn. V1,5: „[Der Verstand] entsteht dadurch, daß das erste Wesen durch Rückkehr auf sich selbst sich selbst sieht, ein sehendes Sehen ist.“²⁰³ Wichtig für die Beziehung der Seele zum reinen Denken ist hier,inwelcher Weise die Geistbeziehung der Seele durch Hegel indie vollendete Selbstbeziehung des Geistes eingebunden wird. Hegel selbst rückt die seelische Aufstiegsbewegungbei Plotin explizit in den Zusammenhang dieser Rückkehrbewegung des Geistes zur intellektuellen Anschauung: „Das ist immer die Stimmung der denkenden Seele, zu der er aufruft und alles hinführt. Indiesem reinen Denken (Anschauen) ist der νοῦς wirklich; das ist die göttliche Tätigkeit selbst.“²⁰⁴ Hegel bezieht sich dabei auf eine direkt zuvor von ihm zitierte Plotinstelle (Enn. V1,6), wo der denkende Nachvollzugdes Hervorgangsdes Geistesthematisiert wird.²⁰⁵ Hier schildert Plotin das Denken der in ihre Innerlichkeit versunkenen Seele, die sich als „Vereinfachung“ des Denkens den höchstenphilosophischen Wahrheiten annähert.Esgeht also tatsächlich um die spekulative Selbstüberwindung des seelischen Denkens im Ausgriff auf den TWA , S.. TWA , S.; vgl. hierzu Enn. V ,,f.: ἔστι γὰρ ἡ νόησις ὅρασις ὁρῶσα ἄμφω τε ἕν; sowie a.a.O. ,: ἡ δὲ ὅρασις αὕτη νοῦς. – Vgl. zum prinzipientheoretischen Hintergrund dieser Passageninaller Ausführlichkeit Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.– . TWA , S.. TWA ,S.,inHegels Übersetzung: „Wienun dies Hervorbringenbeschaffensei,wie aus der Einheit die Zwei und das Viele überhaupt hervorgegangen – eine bekannte und gemachte Frage von alten Zeiten –,dies zu sagen zu wissen, dazu müssen wir Gott anrufen, aber nicht mit hörbarer Stimme, sondern indem wir uns selbst im Gebete zu ihm ausdehnen; dieses können wir nur,indem wir einsam in uns zu dem Einsamen hinzugehen. Der Betrachter muß im Innerenwie in einem Tempel bei sich selbst sein, ruhigund über alles erhaben in sich bleiben und so betrachten, daß es keine Veränderung ist.“

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