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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 253 Geist. Die kontemplative Annäherung an die höchsten Inhalte der plotinischen Prinzipienlehre besteht in einer vollkommenen Verinnerlichung des seelischen Denkens und damit im Eintritt in den Denkmodus des reinen νοῦς. Dies erkennt Hegel sehr richtig.Die Umdeutungdieser Rückzugs-oder Rückkehrbewegung des Denkens besteht dann wiederum in deren Verabsolutierung:Die Konstitution der Geisthypostase wird von ihrem Einheitsbezuggelöst. Die für die interne Struktur des plotinischen Geistes durchaus treffende Bestimmung des νοῦς als des „Sichselbst-Finden[s] seiner selbst“ spart aus, dass er im gleichen Maße das Nicht- Finden der für das Denken uneinholbaren absoluten Einheit ist.Gleiches gilt für die sich erhebende denkende Seele: Diese findet zwar in ihrem Inneren ihr wahres Selbst, indem sie in die Schau des Geistes eintritt, sie übersteigt aber in Hegels Deutung gerade nicht sich selbst in der absoluten Einheitserfahrung. Aufdiese Immanentisierung des Denkens,das heißt die Ausrichtung der Seele auf ihre Innerlichkeit, verweisen auch andere Stellen im Zusammenhang dieser von Hegel gelieferten Plotinparaphrase. Allerdings bezieht sich die zentrale Passage, die Hegel der Denkweise des „Verstandes“ widmet, gerade nichtauf den denkenden Aufstieg der Seele. Vielmehr thematisiert Hegel den reinen Geist und die seinem Selbstdenken immanente Produktivität. Es erscheint ihm bemerkenswert, dass „in diesen plotinischen Gedanken […] zuerst das Anderssein, das Fremde aufgehoben ist.“²⁰⁶ Es geht also hier um den Intellekt,der als reines Geist- Denken vonder der Welt zugewandten Existenzweiseder Seele klar unterschieden ist. Jenes „Fremde“ besteht in der „veränderliche[n] Welt“, deren begriffliche Existenz Hegelbei Plotin vonder reinen geistigen Einheitdes Verstandes ableitet: So ist an sich die Vielheit dieser Formen [sc. der veränderlichen Welt] im Verstand; aber sie sind nicht nur in ihm, sondern sind für ihn, – es ist sein in der Form seines Gegenstandes.[… E]r denkt seine Einheit als Gegenstand […]. Er denkt die Unterscheidung seiner von dem Wesen; es ist für ihn der Unterschied Gegenstand oder die Vielheit der Seienden. Er ist das Erschaffen der Welt; in ihm hat alles seinen Unterschied und Bestimmtheit (Form) gegeneinander, und dies macht die Substanz derselben aus. […]Die Substantialität,das Bleiben im Denkenden ist die Bestimmtheit; sein Erzeugenoder Ausfließen aller Dingeaus ihm ist daher so, daß er erfüllt von allem bleibt oder alles unmittelbar ebenso aufzehrt. Und er ist das Aufheben dieser Unterschiede oder das Übergehen von einem zum anderen; er denkt sich eben so oder ist sich so Gegenstand. [… D]ieses Denken seiner ist die ewige Erschaffung der Welt.[…Die existierenden Dinge] sind Momentedes Denkens und eben dadurch des Seins.²⁰⁷ TWA , S.. TWA ,S.f. Vgl. zum plotinischenHintergrund dieser Passage Enn.VI ,;V,;V,; V ,–;VI,.

254 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Hegelrezipiertindieser Passage die bei Plotin ganz richtigerkannteProduktivität des Denkens in einer Weise, die aufdas Sich-Selbst-Denken des Geistes verweist,auf das „Aufheben der Unterschiede“ in der geistigen Selbstbeziehung. Somit ist vorauszusetzen, dass die Unterschiedenheit einzelner Denkobjekte eigentlich schon inder höheren Einheitdes Geistes aufgehoben ist unddass darum die Aufstiegsbewegung der Seele oder des subjektiven Geistes an dieser Stelle nicht mitzudenken ist. Hegel bringt also in derhier skizzierten geistigenBewegungdie κίνησις zumAusdruck, als μέγιστον γένος des platonischen Sophistes²⁰⁸ und somit als Bestimmung der Seinsweise des reinen Geistes. „[D]ieses Denken seiner“ überwindet ja gerade die Selbstunterscheidung des Denkens, inder der „Unterschied Gegenstand“ ist, indem er zugleich „seine Einheit“ denkt. Hegel überträgt folglich – mit gutem Recht – sein eigenes Philosophem der konkreten Totalität des sich auf sich selbst beziehenden Geistes auf die Bestimmungdes reinen Denkens bei Plotin. Hegel thematisiert in diesem Zusammenhang mit dem „Verstand“ den intellectus, die sich selbst denkende νοῦς-Hypostase in Ficinos Übersetzung,²⁰⁹ und gerade nichtdie Seele.Somit bringt Hegel nicht die Erschaffung der Außenwelt auf dem Wege der Projektion der geistigen Bestimmungen durch die Seele zum Ausdruck, wenn er den Verstand als das „Erschaffen der Welt“ und deren „Substanz“ bezeichnet. Es geht nicht um den Substanzcharakter der Seele für die durch sie zur Bestimmung und zum Leben kommende Welt, sondern um die vollkommene Substanzdes νοῦς,das rein geistigeLeben: „Insofern der νοῦς sich selbst als sich verändernd, aber in dieser Veränderung auch einfach bei sich bleibend denkt, denkt er das Leben überhaupt.“²¹⁰ Hegel liefert also eine Definition des Verstandes als Substanz und Lebensprinzip. Das Sich-selbst-Denken und die ewige Produktivität sind höhere νοῦς-Bestimmungen bei Plotin. Folglich vermengt Hegel auch nicht, indem er an dieser Stelle die Produktion der „Welt“ dem „Verstand“ zuschreibt, zwei unterschiedliche Weisen von „Hervorbringen“, wie sie sich bei Plotin finden lassen: Nämlich (1.) das Erschaffen der Außenweltdurch die Seele, die in ihrem diskursiven Denken vereinzelter und abbildhafter Bestimmungen ein raum-zeitliches Nacheinander produziert, und (2.) die Produktivität des reinen Geistes, die durch dessen Bezug auf das transzendente Eine konstituiert wird.²¹¹ Soph. b. Zu Ficinos (Neu‐)Platonismusdeutung im Allgemeinen vgl. Beierwaltes: „Plotin und Ficino“, in: Helmrath und Müller (Hg.): Studien zum . Jahrhundert, Bd. , S.–; Ders.: Marsilio Ficinos Theorie des Schönen im Kontext des Platonismus; sowie Leinkauf: „Platon und der Platonismus bei Marsilio Ficino“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie , S.–. TWA , S.. Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus,S.: „Plotin begründet […] nicht nur die Selbstbezüglichkeit, sondern ebenso auch die Produktivität des Denkens in

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