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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 265 und damit des reinen Geistesimdenkenden Individuum aufden Punkt zu bringen, wie sie von Plotin geradezu vorformuliert und von Hegel gegen den gnostischen Welt-Geist-Dualismus in Stellung gebracht wird: Die Gnostiker geben vor, den Göttern des Gedachten die höchsteEhrezuerweisen; aber es ist keine Harmonie inden Gedanken und der wirklichen Welt,wenn man nur beim Gedanken stehenbleibt. „Die Seelen in der wirklichen Welt sind noch viel mehr verwandt mit dem Dortigenals die unsrigen. Denn wie sollte diese wirkliche Welt abgeschnitten sein vonjenem? Die das mit jenem (ἐκείνοις) Verwandte verachten, kennen jenes nicht als nur mit Worten (λόγῳ, verbis, [Üb.] Ficinus). Wie sollte esfromm sein, daß die Vorsehung (πρόνοια)“, das Göttliche, „nicht gelange zudem Hiesigen (εἰςτὰτῇδε, Diesseitigen)? Warum ist es nicht auch hier?Denn woher sollte er erkennen, daß sie hier sind?[…]Erwohnt also allem bei und ist in dieser Welt,auf welche Weise es auch sei, so daß die Welt an ihm teilhat.Wenn er von der Welt entfernt ist, soist er es auch von uns; und ihr könntet nichts über ihn und seine Erzeugnisse sagen. Auch diese Welt hat vonihm und ist nicht verlassen vonihm, noch wirdes je sein. Denn das Ganze ist noch viel mehr als der Teil der göttlichen Vorsehungteilhaftig,und noch viel mehr jene Weltseele. Dies beweisen das Sein und das Vernünftigsein der Welt.“²²⁹ In der vonHegel zitiertenPassagekommt zweierlei zum Ausdruck: Zumeinen der Ausgriff des seelischen Denkens aufdie Ideen durch die geistigeBestimmtheit der Seele (Verwandtschaftsmetapher) und zum anderen das Fortwirken oder Verharren des Geistes als Prinzip auch auf den niedrigeren Seinsstufen. Hegel hebt vollkommen zu Recht die Verbindung zwischen Welt und Geist, also zwischen Dies- und Jenseitigem, hervor,die in Enn. II 9von Plotin erörtert wird. Dabei bleibt für Hegel erneut das eigentlich Jenseitige, das Eine als der absolute Grund der plotinischen Metaphysik, außenvor. Wiederum wird die systembeherrschende Stellung des Einen unter Heranziehungsolcher Passagen vernachlässigt,indenen Plotin das Verharren der Seelenspitze im Geist und damit die noetische Verfasstheit der Seele schildert. Zwar motiviert Hegels Umdeutung des absoluten Einen eine solche Sicht auf die Bewegung der Seele als Teil der Selbstreflexivität des Geistes,doch äußert sich darin auch die zutreffende Erkenntnis, dass die Seele bei Plotin die „Welt“ und das „Wirkliche“ tatsächlichnur durch ihr höheres Sein, also durch die Anwesenheit des reinen Geistes inihr, besitzt. Hegels Einschub, dass mit der πρόνοια „das Göttliche“ selbst in die Welt tritt, wodurch die Plotinstelle noch deutlicher seinem eigenen ontotheologischen Standpunkt angeglichen wird, verweist auf das Fortwirken des Geistes in den Akten der Seele. Die Bestimmung der der Seele zugänglichen Wirklichkeit nach den Vorbildern der Ideen („das Sein und das Vernünftigsein der Welt“) ist in Hegels Deutung, noch viel mehr als es Plotins Anliegen entsprechen dürfte, ein TWA , S.f. – Vgl. dies mit Enn. II ,.

266 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre Kennzeichen der Aufgehobenheit des einzelnen Denkens in der selbstreflexiven Denkbewegung des Geistes. Inder ontologischen Abhängigkeit des seelischen Denkens vom Geist zeigt sich bei Plotin für Hegel die von ihm so bezeichnete „Harmonieinden Gedanken und der wirklichenWelt“,also die Vorwegnahme der geistigen Selbstbezüglichkeit auf den niedrigeren Entwicklungs- und Erkenntnisstufen und damit ein formales Hauptmoment seiner eigenen Philosophie des subjektiven Geistes.²³⁰ Außer vom Gnostizismus, der gegenüber dem offenbarten Christentum und dem philosophischen Standpunkt des Neuplatonismus eine intellektuelle Defizienzform darstelle, grenzt Hegel Plotin noch einmalauch vonjenen hellenistischkaiserzeitlichen Denkschulen ab, die ebenfalls einen noch unentwickelten Geistbegriff besessen hätten: „Der Skeptizismus und Dogmatismus, als Bewußtsein, Erkennen, setzt den Gegensatz vonSubjektivität und Objektivität. Plotin hat ihn weggeworfen, sich in die höchste Region geschwungen, in das aristotelische Denken des Denkens […].“²³¹ Auch hierin kommt Hegels Noologisierung Plotins bzw. die νοῦς-fixierte Interpretation der plotinischen Metaphysik zum Ausdruck. Für den Zusammenhang der spekulativen Seelenlehre ist es dabei jedoch noch entscheidender, dass Hegel die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Subjektivität und Objektivität ausdrücklich auf Plotin zurückprojiziert. Dieser Umstand wird sehr deutlich, wenn für die vorliegende Stelle Hegels einschlägige Bestimmungen der Idee und somit des reinen Sich-selbst-Denkens als „absolute[r] Einheit des Begriffs und der Objektivität“²³² und als „Subjekt-Objekt“²³³ mit berücksichtigt wird. Folglich wird in der zitierten Passage die Erhebung des Denkens in die wahrhafte Subjektivität des reinen Geistes, wie sie am Ende des enzyklopädischen Systems steht, ineiner äußerst knappen Skizze auch auf Plotin übertragen. Implizit verweist Hegel dadurch aufPlotins Aufstieg der Seele in den Geist, der mit der Selbsterhebung des subjektiven Geistes in die reine Selbstbeziehung korrespondiert. Inder Überwindung der διάνοια durch das seelische Denken gelingt der Eintritt in die vollkommene Selbstanschauung des νοῦς.²³⁴ Darin liegt Eine solche Stufenfolge der Erkenntnis-und Reflexionsstufen kann Hegelbesondersdeutlich den ersten Kapiteln von Enn. III entnehmen,wo der Geist sich aufdem Wege der immer weiterzu sich selbst vordringenden Anschauung aus seinen natürlichen und seelischen Manifestationsstufen erhebt und schließlich nach der totalen Selbstanschauungindas transzendenteEine selbst eingeht. TWA ,S.. – Vgl. dies mit TWA ,S. und ,woHegel ebenfalls die Einheit von Subjekt und Objekt im neuplatonischen Denken bzw. in der plotinischen Geistlehre hervorhebt und lobt. Enz.³ § . GW , S.. Vgl. hierzu Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.f.

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Jahrgang 2 · Ausgabe 2002 - Existenz Gastronomie
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