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Die Existenz des Spekulativen

„Der Gedanke schwingt

„Der Gedanke schwingt sich auf zu Gott“ 273 den Denkaktender Seele besteht. Hegelschildert die Aufgehobenheit des besonderen Denkens in der höheren Denk-und Seinsweisedes νοῦς in einerder Noologie undder Psychologie Plotins angemessenen und deren spekulativen Gehalt gebührend würdigenden Weise. Auch erkennt er bedeutendeUnterschiedebesonders im Hinblick auf die Konstitution und die Produktivität des Geistes zwischen dem eigenen Systemdenken und demjenigenPlotins. Hegelerweist sich darin auch als durchauskritischer Rezipient der plotinischen Geistlehre und zeigt selbst mit einiger Deutlichkeit auf, inwiefern die spekulative Metaphysik Plotins gegenüber dem eigenen enzyklopädischen System einen „noch nicht vollendeten Idealismus“ darstellt. Dabei gerät besonders die Rolle der Seele und der seelischen Aufstiegsbewegung für die Konstitution des Geistes nie aus dem Blick. Hegels Umdeutung und Anverwandlung der Seelenlehre Plotins besteht dann jedoch darin, dass er diese Aufstiegsbewegung in seinem Sinne als Rückkehr des Denkens in sich selbstbegreiftund damit alsMoment der absoluten Bewegung des Geistes. Hegel führt folglich seine durch das eigene Systemdenken motivierte Intellektualisierung Plotins auf der Ebene der Seelenlehre fort und widmet sich auch in dieser vorrangigdem Ausgriff des seelischen Denkens aufsich selbst,den er alsvoranschreitende Selbstbestimmungdes Geistesdeutet.Die Verabsolutierungdieses Selbstausgriffsdurch Hegellässt den denkendenAufstieg der Seele als Entwicklungdes Subjektiven zu sich selbst erscheinen. Somit erkennt Hegel bei Plotin eine Vorwegnahme des Sich-selbst-Denkens des Geistesauchauf der Ebene des Seelischen, wie sie im hegelschen System die absolute Bewegung des Denkens darstellt. Eine Gegenüberstellung der spekulativen Seelenlehren Plotins und Hegels muss sich von diesen von Hegel an Plotin herangetragenen Prämissen lösen und den Aufstieg der Seele bei Plotin aufder einenund Hegels Entwicklungsgeschichte des Geistes auf der anderen Seite unabhängig voneinander auf ihren systematischen Gehaltbefragen. Eine besondere Nähe zwischen beiden Modellen der Seele- Geist-Beziehung ließ sich anhand der Nicht-Abgestiegenheit der Seelenspitze und der fundamental-geistigen Verfasstheit der Seele nachweisen, die Hegels in der Philosophie des subjektiven Geistes entwickelter Lehre von der Erhebung der Seele in ihr geistiges Selbst weithin entsprechen. Nun soll noch Hegels Auseinandersetzung mit Proklos auf ihre Implikationen für die spekulative Seelenlehre hin befragt werden; so kann in einer bewussten Abgrenzung von Hegels emphatischer Proklos-Rezeption die systematische Verwandtschaft Hegels und Plotins noch umfassender gewürdigt werden.

274 4 „Rückkehr zu Gott“ –Hegels Deutung der neuplatonischen Seelenlehre 4.3 „Die Spitze des Neuplatonismus“ –Hegels Rezeption des proklischen Intellektualsystems imHinblick auf die Seelenlehre Vordem Hintergrund vonHegels (Um‐)Deutung der Prinzipien- und Einheitslehre des Plotin verwundert es nicht, dass bei der Betrachtung der plotinischen Metaphysik die Untersuchung der seelischen Aufstiegsbewegung einen umfassenden Raum einnimmt und auch systematisch äußerst reichhaltig ist.Dies liegt vorallem daran, dass der Aufstieg der Seele vonHegel als Moment der übergeordneten und absoluten Bewegung des Geistes verstanden wird. Wie gezeigt wurde, ist dies neben Hegels historischem Interesse vor allem der grundsätzlichen ÜbereinstimmungHegels und seines neuplatonischen Vorgängers bei der Beurteilung des Verhältnisses zwischen Seele und Geist geschuldet. Plotins Betonung der ursprünglichen Geistnatur der Seele und der immerwährenden Anwesenheit der Seelenspitze im νοῦς als Grundlage aller seelischen Denkakte deckt sich weithin mit Hegels spekulativernoologischer Bestimmung des seelischen Denkens in der Philosophie des subjektivenGeistes und provoziert darum geradezu seinePlotin- Deutung, inwelcher die Seele ebenfalls als Bestandteil der Rückkehrbewegung des Geistes in sich selbst und damit als konstitutives Moment der geistigen Selbstreflexion geschildert wird. Einen deutlichen Kontrast dazu stellt Hegels historisch-systematische Deutung der Metaphysik des Proklos dar.²⁴⁵ Dessen Seelenlehre, die intellektuell höchst anspruchsvoll ist und im proklischen Œuvre eine alles andere als unbedeutende Rolle spielt, kommt in Hegels gerade im Hinblick auf den spekulativen Geistbegriff und die Einheitslehre sonst so reichhaltigen Ausführungen zu Proklos nicht zur Sprache. Nurgelegentlich und dann auch nur recht beiläufig wird bei der Untersuchung der Hauptmomente des proklischen „Intellektualsystem[s]“²⁴⁶ auf die Seele verwiesen. Hegels gegenüber seiner Auseinandersetzung mit Plotin äußerst spärliche Deutung der proklischen Seelenlehre mag zum Teil der naturgemäß nicht unproblematischen Überlieferungssituation der hegelschen Vorlesungen anzulasten sein. Dies stellt die Deutung implizit darin mitüberlieferter Philosopheme Hegels an sich schon vor große Herausforderungen und legt dem Interpreten eine gewisse Vorsicht nahe. Dennoch überraschen Hegels vergleichsweise knappe Anmerkungen zur Psychologie des Proklos und damit sein ZurDeutungder proklischen Philosophie durch Hegelvgl. Beierwaltes: „Proklos und Hegel“, in: Ders.: Platonismus und Idealismus, S.–; Düsing: Hegel und die Geschichte der Philosophie,bes.S.–;Jamme: „Platon, Hegelund der Mythos“,in: Hegel-Studien ,S.– ; sowie Halfwassen: Hegel und der spätantike Neuplatonismus, S.–. TWA , S..

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