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Die Existenz des Spekulativen

1.1 Überblick 15

1.1 Überblick 15 Realität des Geistes,³² jedoch als bloße Projektion der noetischen Wirklichkeit, sodass der Außenwelt keine vom seelischen Denken unabhängige Existenz zugesprochen werden kann.³³ Im Hinblick aufdie produktive Weltsetzung der Seele gibt es dabei keinen Unterschied zwischen der Weltseele und den Einzelseelen.³⁴ Die Weltseele befindet sich allerdings in einem fortwährenden Kontakt mit der höheren Wirklichkeit des Geistes, sodass sie eine Art Bewusstseinsvorsprung vor den Einzelseelen auszeichnet,nicht aber ein Produktivitätsvorsprung:Alle Seelen erschaffen die eine und selbe Welt. Die Seele verdinglicht³⁵ im raum-zeitlichen Nacheinander die einzelnen Bestimmungen, die sie in ihrem dianoetischen Denken als Abbilder der Ideenbestimmungen besitzt. Dabei ist die den Dingen scheinbar zugrunde liegende sen- Neben der aktiven Weltsetzungkommt den Seelen natürlich auch die passive Welterfahrungzu. Doch nimmt die Seele äußereEindrückenur deshalb auf, weil sie nochnicht in ihrengeistigenGrund erhoben ist. Die gemeinsame und einheitliche Weltsetzung der Seelen korrespondiert mit einer ebenfalls allen Seelen gemeinen Erfahrung der Welt. Hier spielt der Begriff der συμπαθεία eine bedeutsame Rolle: Alle Seelen befinden sich in συμπαθεία mit der von ihnen selbst inihrem Denken hervorgebrachten Welt (vgl. Enn. IV ,,–). Vgl. hierzu Gabriel: Skeptizismus und Idealismus in der Antike, S. (mit Bezug auf Enn. III ,,–): „Die Weltseele manifestiert sich in der Natur, das heißt inihrem lebendigen Allzusammenhang (συμπάθεια), den Plotin durchaus animistisch deutet undals göttliche Erscheinung feiert. Doch es ist nichtnur die Weltseele,welche dieMaterie produziert, sondern letztlich jede einzelne Seele in ihrer Zwischenstellung zwischen Geist und Materie.“ –Eine besondere Aufmerksamkeit widmen Blumenthal (Plotinusʼ Psychology,S.)und Emilsson (Plotinus on Sense-Perception,vor allem S. –) der seelisch-weltlichen συμπαθεία, doch überbetonen sie m.E. das allen Seelen gemeinsame Moment der Welterfahrung gegenüber der Hervorbringung der erfahrenen Welt, die ihr Sein überhaupt erst im Denken der Seelen hat. – Die historischen Voraussetzungen für die συμπαθεία-Konzeption Plotins werden geschildert bei Gurtler: Plotinus. The Experience ofUnity, S.–; vor allem Plotins Auseinandersetzung mit dem stoischen Materialismus bedingt seine Bestimmung des passiven seelischen Weltverhältnisses. Gurtler (a.a.O.,S.–) verweist weiterhin zu Recht darauf, dass dieEinheit derSinnenwelt überhaupt erst aufder Grundlage der Sympatheia gedachtwerden kann; jede rationale Beziehungzwischen denSinnendingenlässt sich auf die Aktivität der Seele zurückführen. Vgl. hierzu Gabriel: Skeptizismus und Idealismus in der Antike, S.: „Die Seele als Inbegriff der Fremdreferenz und des dianoetischen, sich nur diskursiv inder Zeit vollziehenden Denkens projiziere [lautPlotin, M.L.] die eidetischen Bestimmungen, die sie vomGeist erhält, ad extra und erzeuge auf diese Weise den Schein einer materiellen Außenwelt.“ Der äußerst ähnliche ontologische Status von Welt- und Einzelseelen äußert sich auch in der von Plotin gebrauchten Metapher der Schwesternschaft zwischen ihnen. Vgl. hierzu Enn. IV ,,– und II ,, und den ausführlichen Kommentar von Helleman-Elgersma: Soul- Sisters, bes. S. –. Vgl. hierzu Gabriel: Skeptizismus und Idealismus in der Antike, S.: „Der Horizont einer Totalität scheint der Seele daher gegeben, als Außenwelt,die in Wahrheit nichts anderes als ihre verdinglichte Aktivität ist.“

16 1Die Seelenlehre des Plotin sible Materie³⁶ ein bloßes φάντασμα, das die Seele mithin in einem Akt der Einbildungskraft³⁷ erschafft. Die belebte Außenwelt als solche ist insgesamt ein „Produkt der Seele“ (γέννημα ψυχῆς).³⁸ Die διάνοια ist die Denkweise der Seele,³⁹ also das diskursiv-rationale Denken, das nach Vollendung und Aufhebung in der Einsicht in das reine noetische Denken des Geistes strebt. Inseinem Verlangen, die Bestimmungstotalität des Geistes zu erreichen, konstituiert es das raum-zeitliche Nacheinander der abbildhaften Seinsbestimmungen, selbst aber ist es aufgrund der Trennung seiner Denkmomente nicht zur reinen Erkenntnis des Geistes in der Lage. In ihrem diskursiven Denken sucht sich die Seele zwar selbst, doch erst im Überstieg über ihre diskursive Denkweise und damit im Eintrittindas rein selbstreflexive Denken Zu unterscheiden ist im Sinne von Enn. II zwischen der intelligiblen Materie, die dem Ideenkosmos zugrundeliegt, und der sensiblen „zweiten“ Materie der Sinnenwelt.Vgl. dazu den Kommentar von Narbonne: Plotin. Les deux matières, zur Erschaffung der „zweiten Materie“ bes. S. –;OʼBrien: Plotinus on the Origin of Matter,S.–;sowie Horn: Plotin über Sein, Zahl und Einheit, S.–. – Vgl. zur Erzeugung der körperlichen, das heißt der Wahrnehmung zugänglichen, Welt durch die Seele: OʼBrien: Plotinus on the Origin of Matter; Ders.: „Plotinus on matter and evil“,in: Gerson (Hg.): TheCambridgeCompanion to Plotinus,S.–;Ders.: „La matièrechez Plotin. Son origine, sa nature“,in: Phronesis ,S.–;Corrigan: Plotinusʼ Theory of Matter-Evil and the Question of Substance; sowie Gabriel: Skeptizismus und Idealismus in der Antike, S.ff. und –.Weitere Stellen, an denen die Erschaffungder Materie durch die Seele thematisiert wird, sind Enn. I ,,–; Enn. II ,,–,wodie Materie als „Dunkelheit“ bezeichnet wird; Enn. IV , –;V,und V . Vgl. zum Begriff der φαντασία bei Plotin Volkmann-Schluck: Plotin als Interpret der Ontologie Platos, S.f.; Watson: Phantasia in Classical Thought, bes. S. –; Blumenthal: Plotinusʼ Psychology, S.–; Ders.: Soul and Intellect,VII, S. –; Dillon: „Plotinus and the Transcendental Imagination“,in: Mackey(Hg.): Religious Imagination,S.–;Emilsson: Plotinus on Sense-perception,S.–;sowie Gritti: „La φαντασία plotiniana tra illuminazione intellettiva eimpassibilità dellʼanima“, in: Chiaradonna (Hg.): Studi sullʼ anima in Plotino, S.–. – Gabriel (Skeptizismus und Idealismus in der Antike,S.ff.) legt dar,dass Plotin die „Produktion der sinnlich wahrnehmbaren Objekte im besonderen der Einbildungskraft (φανταστικόν, φαντασία, φάντασις) attestiert“ und verweist zu Recht darauf, dass dieser Sachverhalt inder bisherigen Forschung unterbelichtet geblieben ist. Enn. III ,,. Ähnlich auch Enn. V ,,– und I ,,f. Vgl. hierzu Gabriel: Skeptizimus und Idealismus in der Antike, S.ff. (mit Fußnoten). Grundlegend und immer noch maßgeblich für die Deutungder Unterscheidung des noetischen und des dianoetischen Denkens, die Plotin vonPlatonund Aristoteles übernimmt, ist Oehler: Die Lehrevom noetischen und dianoetischen Denken bei Platon und Aristoteles. ZurUnterscheidung des diskursiven vom noetischen Denken speziell bei Plotin vgl. Lacrosse: La Philosophie de Plotin. Intellect et discursivité und zur Rolle der Diskursivität im neuplatonischen Denken allgemein Rappe: Reading Neoplatonism.

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Arbeit schaffen, Existenzen sichern
Jahrgang 2 · Ausgabe 2002 - Existenz Gastronomie
Informationen für Betriebsgründer - Existenz Gastronomie
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GASTRONOMIE Informationen für Betriebsgründer - Existenz ...
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