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Die Existenz des Spekulativen

1.1 Überblick 31 heit

1.1 Überblick 31 heit allerdings nur im denkenden Nachvollzugdes Geistes und schließlich in der ihre Aufstiegsbewegung abschließenden Ideenschau aktualisiert: „Der Geist ist nichts Fremdes, und er ist am wenigsten fremd, wenn die Seele auf ihn schaut; wenn sie es aber nichttut,dann ist er,selbstwenn er [sc. in uns, M.L.] anwesend ist, ein Fremder.“⁹⁴ Grundlegend für die Teilhabe der Seele am Geist und dafür,ihr überhaupt eine geistigeSeinsweise zuschreiben zu können,ist laut Plotin dasjenigeanihr,was im Geist verharrt,⁹⁵ alsonichtindie Vielheit der vereinzelten Bestimmungen der Welt absteigt: die ewig geistige Anschauung vollziehende Seelenspitze. Wird dieses Theorem auch im späteren Platonismus abgelehnt – Proklos kennzeichnet es mit einer zeittypischen Ablehnung einer sich von den Klassikern abhebenden philosophischen Originalität als νεώτερος λόγος und damit als Abweichung vom platonischen Lehrbestand⁹⁶ – so ist es doch besonders im Hinblick auf die Philosophie der Neuzeit und vor allem auf Hegel als eine durchaus innovative systematische Grundlegung des menschlichen Denkens aufzufassen.⁹⁷ Tatsächlich handelt es sich bei der Lehre von der nicht-abgestiegenen Seelenspitze um die einzigesystematische Neuerung gegenüber der platonischen Tradition, die Plotin selbst zugibt,⁹⁸ was ihre besondere Bedeutung für die plotinische Geistlehre erweist. Die Seelenspitze verharrt also ineinem höheren und reineren Bereich von νοῦς-haftigkeit, sodass sie Plotin als „unser νοῦς“ bezeichnen kann,⁹⁹ im Unter- Enn. I ,,ff.: [… ], ὅτι ὁ νοῦςοὐκἀλλότριος καὶ μάλιστα δὲ οὐκ ἀλλότριος, ὅταν πρὸςαὐτὸν βλέπῃ· εἰδὲμή,καὶ παρὼν ἀλλότριος. Dieses „Bleiben“, „Verharren“ der Seele im Geist (wie etwa in Enn. IV ,,–, wodie geistige Anschauungvollziehende Seele als ἡ μένουσα erscheint) nimmt terminologisch wohl das μένειν ἐν ἑνί des platonischen Timaios wieder auf, das vonPlotin in Enn. III ,, und , und geschildert wird. Als Prinzipiierung des Geistes durch das Eine nimmt dies die Geisteinheit der Seele vorweg.Vgl. hierzu auch Gabriel: Skeptizimus und Idealismus in der Antike, S.. Vgl. Proklos: In Tim. III ,–d. Plotin selbst betontdie Neuartigkeit seiner Theorie der nicht-abgestiegenen Seelenspitze und setzt sich damit vonden anderen Platonikern ab (vgl. Enn. IV ,, f.). Dies ändert aber natürlich nichts an seinem Selbstverständnis als orthodoxer Interpret der Philosophie Platons. Vgl. zur platonischen Selbstdeutung Plotins auch Volkmann-Schluck: Plotin als Interpret der Ontologie Platos, S.–; Szlezák: Platon und Aristoteles in der Nuslehre Plotins, S.ff.; sowie Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen, S.ff. Hierauf verweist Szlezák nachdrücklich, vgl. Platon und Aristoteles in der Nuslehre Plotins, S. f. – Dennochgeht vorallem die plotinische Terminologie im Umgangmit der Seelenspitze auf eine ausführliche Platon-Exegese zurück; Szlezák (a.a.O., S.–) stellt die bemerkenswerte inhaltliche und terminologische Nähe zentraler Plotinstellen hinsichtlich der Seelenspitze (vor allem Enn. IV ,) zuPoliteia a-a heraus.Vgl. zu Plotins Politeia-Auslegung insgesamt Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen, S.–. V ,,: ἡν μέτερον νοῦν φήσομεν.

32 1 Die Seelenlehre des Plotin schied zum νοῦς der Seele, der ja bereits als dianoetisches Denkvermögen der Seele qualifiziert worden ist. Die Terminologie mag verwirren¹⁰⁰ und zu Recht verweist Thomas Alexander Szlezák auf die Schwierigkeiten einer genauen Abgrenzung zwischen der Geistseele und der höheren Seele, der Seelenspitze.¹⁰¹ Doch ist die dahinter liegende Struktur letztlich klar verständlich und wird von Plotin auch als solche explizit gemacht:Die Seelenspitze ist als Moment der reinen Geistigkeit nicht mehr ein „Teil“ der Seele,¹⁰² wie das διανοητικόν,sondern in die nicht teilbare und konkret-ganzheitliche Denkstruktur des Geistes integriert. Die Geistseele ist nur auf der Grundlage der Seelenspitze selbst denkend, da sie die geistige Anschauung mitvollzieht. Das diskursiv-rationale Denken ist ein von der Seele geschaffenes Abbild der reinen Denktätigkeit des Geistes, an welcher sie qua Seelenspitze selbst teilhat. Wenn Plotin die Seele nicht sodeutlich mit dem Geist identifiziert, bzw. ihr durch die von der Seelenspitze vollzogene Schau gar einen geistigen Seinsstatus zuschreibt,spricht er vonBesitz-oder Teilhabe-Relationen zwischen der Seele und dem νοῦς. Hierin kommt wiederum nichts Anderes zum Ausdruck als die Grundlegung der Denkakte der Seele durch das reine geistige Denken, wie es die Seele am systematischen Ort der Seelenspitze vollzieht. Erst indem die Seele den Geist besitzt,das heißt auf dessenvollkommenes Denkobjekt ausgreift und seine triadische Selbstbeziehung abbildet, kann sie selbst Denkakte bewerkstelligen: „Für uns nämlich ist das Denken eine schöne Sache, denn die Seele muss den Geist besitzen, und auch für den Geist, denn für ihn ‚ist das Sein dasselbe wie Denken‘, und das Denken (νόησις) schuf ihn […].“¹⁰³ An einer anderen Stelle untersucht Plotin noch genauer die Art und Weise, wie die Seele den Geist besitzt, wobei er klarstellt, dass hier nicht nur ein Abbild des Geistes und somitdas in der Plotin kannauch das διανοητικόν als „wahre“ (Enn. I ,)und „erste“ Seele (Enn. I ,,) bezeichnen. Vgl. Platon und Aristoteles in der Nuslehre Plotins, S.f. Vgl. Enn.V ,,. – Szlezák (Platon und Aristoteles in der NuslehrePlotins,S.f.) verweist darauf, dass die Frühschrift Enn. IV ,wodie Lehre vonder Seelenspitze erstmals entwickelt wird, auch noch eine Deutung zulässt, wonach die Seelenspitze den innersten und geistigsten Teil innerhalb der dreigeteilten platonischen Seelenkonzeption darstellt. In den späteren Schriften wirddiese Möglichkeit jedenfalls kategorisch abgelehnt: Die Seelenspitze ist eindeutigaußerhalb der geteilten Seele und damit auch der Denkseele, sie ist das geistige und damit nicht räumlich festlegbarePrinzip des seelischen Denkens,das sich über die Struktur der mit den nicht-geistigen Seelenteilen verbundenen Geistseele erhebt. Enn. VI ,,ff.: Ἡμῖν μὲνγὰρἡνόησις καλόν, ὅτι ψυχὴ δεῖται νοῦν ἔχειν, καὶ νῷ, ὅτι τὸ εἶναι αὐτῷ ταὐτόν, καὶἡνόησις πεποίηκεν αὐτόν […]. – Hier wirdnatürlich Parmenideszitiert: fr. B DK.

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